Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 31

Chapter 313,576 wordsPublic domain

Oh, alter Mann auf deinem Bänkchen in der Gartenlaube! -- bist du je so gerufen worden? War dir die Kindheit der Vorhof der Zucht und der Entsagung, so daß du, ein Knabe noch, geschulten Geistes und männlicher Arbeit gewöhnt dort schon standest, wo für andere die Jugend gipfelt? Wurden dir da die Tore der Welt auseinandergerissen und taumeltest du hinein in die Fülle der Erde, in das Sprachengewirr der Völker, umwirbelt vom Schall ihrer tausendfältigen Musikinstrumente, vom Staub ihrer Herden, -- von ihren Gerüchen umdampft, ihrer Buntheit geblendet, von ihren Weibern verlockt, von ihren Göttern bedroht? Rollten Steppe und Strom sich auf als Teppich deiner Füße, waren die großen Städte deine Herbergen, beugte das Meer gebändigt seinen Nacken, dich sanftmütig zu tragen und dir seine Inseln zu schenken? Gingen dir Helden voran und zur Seite, dir zu zeigen, wie sie gemeistert wird, die erschreckliche, wonnevolle, bestürzende Fülle, -- und mehr noch: ward es dir gegeben, _die Helden zu erkennen und zu wissen, daß ihnen gefolgt werden muß_? -- Oh, alter Mann, -- dein Ziel war stets der nächste Meilenstein! Wie solltest du die wahnsinnige Raserei der Reue kennen und verstehen, die in der Brust eines Mannes tobt, wenn er sich an den Grenzmarken der Jugend sieht und endlich wahrnimmt, daß er aus allem Reichtum, der ihm zu Füßen lag, nichts errafft hat, als die Phantome der Erinnerung? -- Dies war der Zustand des Herzens, in dem George Forster sich seit einigen Monaten befand. Wie bin ich hierhergekommen, fragte er sich verzweifelt, wenn er sich Tag für Tag vor dem Chaos der Bibliothek sah, das er ordnen sollte, für dessen Unterbringung er Räume, Repositorien, ja, womöglich ein ganzes Gebäude schaffen sollte, für das er rennen und laufen, mit den Universitätsprofessoren konferieren, Sitzungen anberaumen, beim Kurfürsten antichambrieren mußte. In seiner Vorstellung war ein Berg, der aus Büchern bestand und unaufhörlich von innen heraus bücherquellend wuchs. Die Bücher rollten, rutschten, wollten ihn erdrücken, er mußte sich mit beiden Armen gegen sie stemmen, sie polterten um ihn herum nieder, wölkten den Staub von Jahrhunderten, drohten ihn mit ihrer Ausdünstung zu ersticken. Er griff hinein, blätterte Titelseiten auf, schaffte irgendwo einen kleinen freien Raum, stapelte die hier, jene dort auf, kam auf den Gedanken, daß es sich lohnen würde, doppelte Exemplare auszuscheiden, um die Menge zu verringern, suchte diese Absicht durchzuführen und geriet in einen peinlichen, nagenden Kampf mit seinen Hilfskräften, mit diesem Heer der Unverantwortlichen, der tückischen, trägen Zwerge, die ihn zwingen wollten, nichts anderes in ihnen zu sehen, als die Teile einer Maschine, die, hämisch, wie es seiner trostlosen Überreizung dünkte, die Hände ruhen ließen, wenn sein Antrieb einmal aussetzte, die schlampig arbeiteten, wieder zerstörten, wo er meinte, Grund gelegt zu haben, Verzeichnisse anfertigten, die nichts taugten, nach Hause gingen, wenn die Glocke schlug, und sich nicht weiter kümmerten ...

Während er bis in seine Träume hinein Bücher schmeckte, sah und fühlte, Handschriften und Erstdrucke und Widmungsstücke an tote Kurfürsten und Folianten und Elzevirs, -- und da wälzte sich ein neuer Haufe heran, lebendig kriechend wie ein Heerwurm, die Bücher aus der Karthause, die der Kurfürst angekauft hatte, und die nun auch noch untergebracht werden mußten. Und niemand war bereit, ihm Platz einzuräumen, das Kuratorium der Professoren schien sich gegen ihn verschworen zu haben, -- gegen den Ausländer und Protestanten, natürlich! Sein Vorschlag, die ehemalige Jesuitenkirche für diesen Zweck auszubauen, ward verworfen wie ein Angriff auf das Heiligtum, der Kurfürst bekannte seine Ohnmacht, Müller, wenn er sich denn einmal sprechen ließ, zuckte die Achseln, sagte: »Ja, mein teurer, lieber Freund ...« und redete vom Stein des Sisyphus. Und dieser Stein, er sank zurück auf seine Brust und war der Alp seiner Nächte. Ich kenne ihn aber, dachte er ächzend, ich kenne ihn doch seit ich lebe, diesen Alp der Bücher, oh, ich kenne ihn, seit ich so klein war und plötzlich lesen konnte und das Spielen aufhörte! Dennoch, -- war es denn möglich, daß dies das Ziel und Ende gewesen war, sollte er sich darein ergeben, von diesem Gebirge täglich eine Handvoll abzutragen, sollte er zufrieden sein mit der satten Selbsttröstung, sein Bestes getan zu haben? Wer hatte denn sein Bestes getan, der nicht die Pfänder einlöste, die in der Jugend von Gott empfangen waren! Diese Pfänder, die er besaß in den unmittelbaren Erlebnissen der bunten glühenden Welt und des frühen Ruhms, sie quälten ihn auf einmal, wie Verpflichtungen, für die noch aufzukommen war. Ein berühmter Jüngling, und nur ein berühmter _Jüngling_, das ist wie eine schöne Tänzerin, dachte er angeekelt. Aber das leere Altern des Jünglings ist unverzeihlicher. Taube Blüten, Erlebnisse, die nicht Frucht und Leistung gezeugt hatten, -- mit fünfunddreißig Jahren von den Zinsen einstmals mühelos oder zufällig erworbener Güter leben und sich nur noch mit kleinen Handfertigkeiten beschäftigen, mit Übersetzungen -- (-- o Therese! O jene Nacht in Wilna und das Wort, damals belächelt: »Nicht immer nur übersetzen, George ...!«) -- und mit dem Registrieren von Büchern, -- diese Erkenntnisse, plötzlich hereingebrochen, vielleicht, weil die Öde seines Herzens nun dunkel genug war, nachdem die Hoffnung auf jenes unerhörte Einssein mit Therese, die fast zehn Jahre alles andere überschienen hatte, niedergebrannt und, wie er meinte, der dämmerhaften Dauerglut der Gemeinsamkeit gewichen war, -- vielleicht auch nur, weil ihre Zeit gekommen war, weil eben entblätterte Bäume das Licht durchlassen, -- diese Erkenntnisse schufen ihm eine Qual der Unrast, die ihn auf sich selbst zurückwarf, nun, nachdem er Jahre und Jahre die Magnetnadel seines Herzens hatte abweichen und auf andere Menschen weisen sehen, so daß er den Kurs auf das Zentrum der eigenen Bestimmung hatte verlieren müssen, -- wenn er ihn denn je schon besessen hatte. Was Wunder denn aber, was Wunder! Oh, fürchterlichster Gang des Labyrinths, nun durchwandert, der nach zehn Jahren offenbarte, daß er nicht vorwärts, nicht etwa ins Freie, nein, daß er den unseligen Wanderer nur im Bogen zurückgeführt hatte, an jenen Ort zurück, wo die Wege der hundert Möglichkeiten abzweigten und wo der Nebel der Unschlüssigkeit hing! --

* * * * *

Der Kreis der Freunde an Theresens Teetisch fand den Hausherrn am Abend dieses Tages ungewöhnlich gesprächig. Huber, der den dritten Akt seines »Heimlichen Gerichts« vorgelesen hatte und nun, geduckt dasitzend, in seiner Tasse rührte, bekam alles andere zu hören, als die Kritik, die er erwartete. »Gott ist ein schlechter Schauspieldirektor!« rief George aus, sah Fiekchen Dieze erschrocken zusammenzucken, lächelte ihr begütigend zu, fügte ein: »Symbolisch gemeint! liebe Freundin«, und fuhr fort: »Wann gibt er denn je eine Rolle dem Richtigen? Mir zum Exempel gab er das Kostüm und die Rolle des Pioniers der Aufklärung und ich fühle nun einmal den Auftrag, sie unter allen Umständen zu Ende zu spielen. Ich spiele augenblicklich miserabel, ich weiß es, ich fühle mich der Aufgabe keineswegs gewachsen, -- indessen ich habe nun einmal vor den Augen der Welt die Gestalt des Mannes zu agieren, in der die Südsee für Deutschland ein Stück Wirklichkeit geworden ist.«

»Sollten Sie da nicht ein wenig die Importance jener antipodischen Hemisphäre für Deutschland überschätzen?« murmelte der Professor Dorsch, der im übrigen völlig durch die Betrachtung seines allerdings sehr kleinen und sehr eleganten Schnallenschuhs in Anspruch genommen zu sein schien.

»Lieber Freund, agieren Sie doch getrost den guten Forster und weiter nichts!« warf die kleine Forkel ein und suchte vergebens einen Blick spitzbübischen Einverständnisses mit Therese auszutauschen.

»Es handelt sich hier um den Ausdruck des geistigen Wertes der Weltbefahrenheit!« Dorsch wurde zornig angesehen und die Forkelin bekam einen mitleidigen Blick. »Ich habe also unbegrenzte Horizonte, Weltweite, Gelassenheit und was weiß ich zu verkörpern. Ich soll aus diesem Seeleninhalt heraus entsprechend handeln, wirken, schreiben. Nicht wahr?« fragte er fast flehentlich und sah Therese langsam und nachdenklich nicken. Hastig trank er ein paar Schlucke aus seinem Teeglas, in das er nach polnischer Art einen Löffel Eingemachtes anstatt des Zuckers getan hatte. Dann fuhr er nachdenklich fort: »So hat der Meister es sich gedacht. Aber nicht nur, daß er den guten Forster, wie eine Stimme aus dem Publikum soeben richtig anmerkte, auf den heroischen Kothurn gestellt hat, anstatt ihn etwa für das sentimentalische Fach auszustatten, -- Gott ist auch ein schlechter Theaterdichter!

Aber bitte, meine Teure, so zucken Sie doch nicht immerfort! Dies sind doch nicht Blasphemien, sondern die Resultate einer Auseinandersetzung mit dem Schicksal!«

»Und was ist Schicksal?« sagte Huber leise und eindringlich, »wieviel Quellen springen auf, um im Sande zu versickern! Dürfen wir überall Anläufe zu einem Ziel, Absichten einer höheren Macht vermuten? Hieße das nicht Anmaßung? Ach, und wenn wir einmal meinen, einer eigenen großen und furchtbaren Bestimmung gewürdigt zu sein, wie bald müssen wir erkennen, daß wir -- nur in die Räder eines fremden Schicksals geraten sind!« Er blickte düster vor sich nieder.

»Wir monologisieren da recht artig nebeneinander her«, bemerkte George trocken und fuhr fort:

»Dieser schlechte Dichter also, -- ich meine den oben erwähnten Meister, -- erwartet immer, daß wir selbst die Rolle zu Ende führen. Er schreibt den ersten Akt, vielleicht auch noch den zweiten, ganz selten führt er uns auf die Höhe des dritten, wie es doch unserm Freund hier mit seinen Geschöpfen nunmehr gelungen ist. Uns überlassen auf alle Fälle bleibt der Komödie Schluß, und wird das Stück dann ausgepfiffen, so macht er die Akteurs verantwortlich ...«

»Warum sagst du Komödie?« fragte Therese mit unbehaglichem Zögern.

»Du meinst, daß aus diesen Anfängen sich nur Tragödie entwickeln kann?« fragte er auflachend zurück.

»Ich meine,« sagte sie mit einer aufreizenden, unpersönlichen und undurchdringlichen Gelassenheit, die er nicht zu deuten wußte, »daß die tragische Muse höhere und würdigere Anforderungen stellt. Soll ich wählen zwischen Minna und Emilia, so will ich lieber mit Emilia in der Blüte meiner Jahre den Tod willkommen heißen als gleich Minna mich mit einem mittleren Glück begnügen.«

»Du vergißt, warum Emilia so sterben darf. Du mißverstehst dich selbst -- und die dir zugeteilte Rolle!«

George, gleich nach diesen Worten fühlend, daß er sich von der Bitterkeit der Erinnerung hatte hinreißen lassen, wandte tödlich betroffen von der Kälte, mit der sie ihn anblickte, die Augen ab und ließ sie zur Seite gleiten mit dem Ausdruck eines, der den Boden unter sich wanken fühlt. Da war Sömmerrings breite Hand, beruhigend warm wie nur je, die ihn auf die Schulter klopfte, und des Freundes Stimme, die die Gesellschaft aufforderte, zuzugeben, daß die Forkelin wahrhaftig Recht habe und daß der Forster nichts zu tun brauche, als sein Herz zu leben, um des allgemeinsten, des innigsten Beifalls gewiß zu sein, -- nun, er lächelte auch, er blickte unbefangen im Kreise herum, sah Therese ebenso unbefangen den Pflichten der Wirtin genügen, zog Huber in ein Gespräch über den Fortschritt des Dramas und die Aussichten einer Aufführung unter Iffland in Mannheim, gab Theatererinnerungen aus Berlin, Paris und Wien zum Besten, und spürte dabei unaufhörlich wie eine von neuem blutende verjährte Narbe dies entsetzte Erstaunen, weil da ein Schleier gelüftet worden war, ein Gorgonenhaupt ihn angestarrt, ein Dolch ihn bedroht hatte. -- --

* * * * *

Da einmal erkannt worden war, worauf es ankam, war Aufschub nicht mehr Zeitverlust. Denn, nicht wahr, -- das ganze Leben bis jetzt war Vorbereitung gewesen. Da George Forster denn fünfunddreißig Jahre gebraucht hatte, um einzusehen, daß er letzten Endes von niemand auf der Welt etwas zu erwarten habe, als von sich selber, daß kein Vater, kein Freund, keine Geliebte Dank wußten für Demut, Treue, rückhaltlose Hingabe, da er jetzt nach fünfunddreißig Jahren die Kraft in sich fühlte oder den Gleichmut, auf jene Bestätigung des eigenen Gemütes verzichten zu können, wie er sie bisher unablässig bebenden Herzens von der unbegrenzten Zuneigung des menschlichen Wesens gefordert hatte, das ihm jeweilig das nächste gewesen war, -- da konnte er in diesem Zustand der Erkenntnis wohl ein wenig verweilen und sich sammeln, indem er sich vorsagte, das furchtbar glühende Gestirn, dessen Strahlen die Wüste erst zur Wüste machten, habe den Zenith nun überschritten und würde, mählich abwärts sinkend, bald sich mildern.

Warum also nicht auf vierzehn Tage zu Jakobi nach Düsseldorf fahren und des Freundes wie des rheinischen Frühlings genießen? Warum nicht gegen Ende Juni für zwei Monate seinen Wohnsitz ins Rheingau verlegen, nach dem heitern Eltville, wo der von Bücherdünsten, Stubenluft und Krummsitzen erschöpfte Körper sich in gelinder durchsonnter Luft und bei regelmäßigen Bädern erholte, wirksam unterstützt durch Morikis privilegierte Blutreinigungspillen, auf deren Verabreichung Therese leidenschaftlich bestand? Warum nicht Zeit verschwenden an lange philosophische Briefe, an Gespräche, warum nicht die glücklichen Stunden wahrnehmen, die sich aus dem Aufenthalt durchreisender Freunde ergaben? Ja, wahrlich, nicht umsonst lag Mainz an der Straße nach Paris, nicht umsonst als Station der ^great tour^ an dem Wasserwege von England und den Niederlanden nach Süden, -- und der Besuch von Männern wie Baggesen und dem Grafen Moltke, von Wilhelm Humboldt und Campe, von Jäger aus Mitau, konnte der nicht dafür entschädigen, daß Hof und Adel von Mainz immer noch keine Anstalten machten, in ihm den zu ehren, der er für die gebildete Welt doch war? Warum nicht genießen, -- warum nicht lächeln? Mochte der Kurfürst ihm gegenüber denn immer den gnädigen Herrn herauskehren oder gelegentlich den Herrn ^de mauvaise grace^, wie neulich, als er ihn von Düsseldorf zurückbefahl wegen einer Sitzung über die leidige Bibliotheksunterbringung, die dann gar nicht stattfand. Er fühlte sich imstande, mit den Achseln zu zucken, -- was unterschied denn die Großen der Erde in seinen Augen noch von andern Lebensfaktoren? Es galt sie zu behandeln wie blinde Naturmächte, sie zu nutzen, sie einzudämmen, wenn es nottat. Oh, Frankreich hatte das als Volk jetzt eingesehen, was ihm als einzelnem auch viel zu spät ein ganzes Leben voll Enttäuschungen klargemacht hatte! »Freund, sie sind verändert, -- mir ist, -- vergeben Sie! -- als seien Sie gealtert!« hatte Müller bei einem zufälligen Zusammentreffen neulich gesagt, den förmlichen Ton seiner Rede jäh unterbrechend und ihn einen Augenblick mit dem schwermütigen Lächeln von einst prüfend betrachtend. Auch hier gab er nur stummes Achselzucken zur Antwort. Müller, bei dessen gefährlicher Erkrankung im Frühjahr er noch einmal die volle Macht der alten Zuneigung in der ratlosen Erschütterung der Angst um sein Leben gefühlt hatte, auch Müller war dorthin entrückt, wo sie alle nun für ihn standen, jene Gleichgültigen, von deren Affektion er seine Ruhe, sein Glück, seinen Frieden abhängig gemacht hatte. Nun, er guckte zwar nirgendwo heraus auf die Welt und lachte über sie. Aber, er rechnete mit ihr, so wie sie war. Und indem er sich stillschweigend schonungslos mit den Menschen auseinandersetzte, reinliche Scheidungen vornahm, die Nützlichkeit jeder einzelnen Beziehung abwog und das, was dann an reiner Freundschaft und geistigem Gewinn dazukam, hinnahm wie ein unerwartetes Geschenk, das keine Dauer versprach, umging er in seinem Innern doch die eine Frage, als sei sie nicht vorhanden, ja, er hütete sich so sehr den Bestand seines häuslichen Glückes anzuzweifeln, daß er sich über Tisch lieber die eingelaufenen Journale und Gazetten reichen ließ und während des Essens las, wenn er nur von ferne annehmen konnte, es lagerte irgend ein Schatten auf Theresens Stimmung. Den Zustand der Gewohnheit gegenseitiger Freundlichkeit, der Selbstverständlichkeit ihrer Fürsorge und dessen, was sie sich an Hingabe abgewinnen konnte, -- oh, diesen Zustand nur um jeden Preis erhalten!

_Damit_ er denn die Ruhe behielt, so zu arbeiten, wie es fürs erste noch nötig war, -- ehe der Augenblick erschien, geeignet, um endlich mit diesem neuen gehärteten Herzen hervorzutreten und den großen Wurf zu tun. _Damit_ er denn in täglichen kleinen Erregungen nicht die Kraft einbüßte, so gebeugten Rückens dazusitzen, wie es einstweilen sein mußte, und die Feder rascheln zu lassen, rascheln, rascheln, rascheln, auf daß nicht der spärliche Zufluß der kleinen Einnahmen versiegte, mit denen der unzureichende Strom des Gehalts ständig gespeist werden mußte, um nicht vor Quartalsschluß kläglich erschöpft zu sein! Auch war der alte Satz noch in Kraft, obschon seine Begründung geändert war, -- Therese, hieß er, Therese sollte leben wie die Blumen auf dem Felde ... Weil sie jung, süß und heiter war, hatte George früher inbrünstig hinzugedacht, -- weil es unbequem ist, ihr über die Anwendung jedes einzelnen Guldens Rechenschaft abzulegen, dachte er jetzt im geheimen und vor sich selbst kaum eingestanden. Therese bestellte das Hauswesen mit nahezu derselben Heiterkeit wie einst in Wilna, bestellte es mit Hilfe dreier Dienstboten und war ununterbrochen in Tätigkeit, kein Zweifel. Therese bat um Geld und eilte mit Luise auf den Fruchtmarkt, ein bauchiger Marktkorb begleitete sie und ward heimgebracht beladen wie ein Kauffahrteischiff von fernen Küsten. Therese, noch in Umhang und Hut, ein wenig ermattet aussehend durch die neue Schwangerschaft, kam zu ihm herein, seufzte: »O diese Hitze, mein Freund!« bat dann aber inständig um noch ein wenig Geld, denn da waren Rosen auf dem Markt gewesen, frühe Rosen, sie hatte nicht widerstehen können, und nun hätten sie kein Brot mehr mitbringen können und die Milch sei noch zu bezahlen und -- so ein paar kleine Schulden beim Kaufmann Winterstein in der Welschnonnengasse. »Ich brauche ja die fünf Gulden natürlich nicht dafür ausschließlich, Georgie,« sagte Therese, und ließ sich am Fenster nieder, »aber es kommen doch immer wieder Kleinigkeiten ...«

»Spezereiwaren,« ging es George durch den Sinn, nach dem Text der Anzeigen in der Privilegierten Mainzer Zeitung, »Puder, gedörrte Schinken, echtes Mannheimer Wasser in Krügen, veritable englische Schuhwichse in Schopfenbouteillen, vielleicht auch Genueser Sardellen oder Feigen, Krachmandeln und Traubenrosinen, alles zu haben beim Handelsmann Schreck oder bei Sebastian Martin in seinem Gewölbe am Dom ...« Oh, eine Stadt wie Mainz bot Gelegenheit Geld auszugeben! Jedenfalls sagte er höflich etwas, wie »Selbstverständlich, meine Teure«, gab das Gewünschte mit der Gebärde, als griffe er in Fortunats Säckel und schrieb sich selbst stillschweigend auch ein paar Gulden zugute für irgendein Buch, ja, in letzter Zeit häufig auch für dies oder jenes hübsche Möbel oder einen Gegenstand des Zimmerschmucks. Er hatte sich eine Liebhaberei für englisches Mahagoni und Höchster Porzellan anerzogen und gab sich selbst kaum zu, daß seine Aufmerksamkeit auf die Kunstwerke Meister Melchiors erst durch ein Gespräch mit Müller geweckt worden war, eins jener flüchtigen Gespräche anläßlich eines Zusammentreffens bei dem jungen Coudenhoven, die ihre Stoffe in Hast aus der Anschauung der nächsten Umgebung nahmen. Immerhin gab er für Bücher und Karten aus eigenen Mitteln weniger aus als je, da sein Amt ihm Gelegenheit gab, Werke von Wert und Neuerscheinungen aller Art aus dem dafür bestimmten Fonds für die Bibliothek anzuschaffen, -- und war es nicht verzeihlich, daß er von dieser Freiheit ausgiebigen Gebrauch machte, mit dem Verdienst, alte Bestände aufzuforsten, zuweilen die heimliche Befriedigung langgehegter Wünsche verbindend? »Im übrigen, lieber Freund,« hatte Therese neulich über den Teetisch hinübergesagt, -- sie hatten nun endgültig diese sonderbare ^façon de parler^ angenommen, sich lieber Freund und teure Freundin zu nennen, -- also: »lieber Freund, der Kurfürst von Mainz hat die Laune, sich einen Bibliothekar von mehr als europäischer Berühmtheit zu halten. Stattet er ihn nicht genügend aus, so wird er voraussetzen, daß der Bibliothekar nicht ausschließlich in seinen Geschäften aufgeht, sondern Zeit auf den eigenen Acker verwendet.« Dies als Antwort auf laut geäußerte Selbstvorwürfe seinerseits, daß er, anstatt seinen letzten Schweißtropfen für die Bücherei zu vergießen, halbe Tage lang eigenen Arbeiten nachhing. Und sie hatte Recht, wie meist. Nur daß sie nie mehr ein Wort fand, ihn wirklich zu _eigenen_ Arbeiten zu ermuntern, daß sie es unbewegt mit ansah, wie er übersetzte, und nur übersetzte, -- oder vielleicht bisweilen ein Artikelchen schrieb, Aufsätzchen für Kalender, für Almanache, verruchtes kleines Zeug, zu dem er das Saatgut ungeschriebener großer Werke vermahlte.

Jedoch konnte er sich mit Genugtuung sagen, daß er nunmehr endlich die einzig richtige Methode gefunden habe, die Aufgaben zu meistern, die ihm von Herausgebern und Verlegern unerschöpflich gestellt wurden. Er hatte sich einen ganzen Stab von Hilfsarbeitern gebildet, er leitete die Ausführung großer Übersetzungen wie der Meister in der Werkstatt, Huber, als sein erster Adjutant, hatte einen Teil der Briefe Dupatys über Italien unter der Feder, die kleine Forkel saß mit glühendem Eifer über den Abenteuern des Mr. Keates auf den Pelews-Inseln, drei oder vier emsige Burschen, Studenten der Universität, machten Auszüge für ihn, trugen ihm Material zu.

»Da du das Honorar mit ihnen teilen mußt, eine etwas sonderbare Ökonomie«, bemerkte Therese, als das neue System ihr durch das beständige Kommen und Gehen dieser Gehilfen klar geworden war.

»Es wird sich rentieren, meine Teure«, antwortete er kurz. Es war an einem Sonntagabend, und der seltene Fall lag vor, daß keine Gäste anwesend waren. George, der das Röschen auf den Knien hatte und dem Kinde mit kleinen Muscheln Kreise und Figuren auf dem Tisch legte, fühlte in erschrockener Ratlosigkeit eine Unlust, sich auszusprechen, gleichsam das Versagen der Ausdrucksfähigkeit im Zwiegespräch. Er raffte sich auf. Dies sei eine Sache, die Zukunft habe, sagte er. In kurzer Zeit, -- nun, möge es auch noch ein, zwei Jahre dauern! würde er alle jene fremdsprachigen Bücher, die er als ein redlich besorgter Volkserzieher in den Händen der Deutschen wünschen müßte, nicht mehr selbst übersetzen, sondern diese Arbeiten denen anweisen, die er der Beschädigung und der Unterstützung für würdig befunden hätte, -- würde als Mittelpunkt in diesem Netz der Tätigen sitzen, alle Fäden in der Hand behalten und leiten und nicht nur des Dankes dieser wenigen, sondern vor allem der ewigen Dankbarkeit der Nationen gewiß sein, zwischen denen er Schranken einreißen, Grenzen auflösen würde. »Was ich auf diesem Wege,« fügte er mit einem kurzen Auflachen hinzu und fuhr sich mit der Hand über die brennenden Augen, »nun ja, etwa seit fünfundzwanzig Jahren tue, seit meinem elften Lebensjahr. Indessen fehlte mir lange der Blick auf den großen Sinn der Sache, jawohl, ich ermangelte des Ausblicks.«

Er schwieg still. Nicht, als ob er eine Antwort erwartet hätte. Er war nur müde. Das Röschen schob die Muscheln hin und her, patschte darauf und warf sie zu Boden. Er hob sie geduldig auf. »Tu das nicht, Röschen, die sind von Larry«, sagte er und summte ein paar Takte vor sich hin. »Larry, Larry«, plauderte das Kind und wirtschaftete mit den runden Händchen weiter. Dann sagte es: »Der Onkel Ferdi kommt heut nicht, der Onkel Ferdi kommt heut nicht ...«

»Nein, -- er ist in der Favorite«, sagte Therese.