Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 30
»Ich habe vielleicht allzuoft in meinem Leben unter derartiger Gesellschaft sein dürfen, um dies als ein besonderes Glück zu schätzen,« erwiderte George lächelnd auf die Frage Theresens, wie er es denn ertragen könne, hier oben auf der Galerie unter den Geduldeten zu sitzen. Er hatte den Arm auf die Brüstung gestützt und blickte von der Seite in ihr Gesicht, das angeregt und unzufrieden zugleich auf die glänzende Versammlung unten im Akademiesaal des Schlosses hinabspähte. Das Scherzo einer Haydnschen Symphonie hub soeben mit den rasch sich folgenden Einsätzen der Streichinstrumente und Flöten an, als begänne ein lustiger Wettlauf leichter Kinderfüße über eine Frühlingswiese. Therese hielt eine Antwort auf der Zunge zurück, seufzte ungeduldig auf und schloß die Augen, gelangweilt oder genießend. George, musikmüde, wie stets gegen Ende eines Konzerts, sah zu Sömmerring und Wedekind hinüber, die an ihrer anderen Seite saßen, beobachtete ein wenig die amtlich gesammelten Mienen, mit denen die beiden Mediziner den Genuß dieser kurfürstlichen Samstagsveranstaltung entgegennahmen, ließ seine Augen über die andächtigen oder zerstreuten Mienen der hier oben sitzenden bürgerlichen Gesellschaft schweifen, nickte dem kleinen eleganten Professor Dorsch zu, der auf seinem Stuhl wippend mit seiner Dose spielte, tauschte mit Fiekchen Dieze einen Blick lächelnden Einverständnisses über die neben ihr sänftlich eingeschlummerte Frau Mama, geriet selbst ein wenig ins Gähnen und starrte zum Plafond des Saales empor, der, von den olympischen Ausgeburten Januarius Zickschen Geistes bedeckt, ihn einlud zum Verweilen zwischen Wolkenhügeln und den rosigen Nacktheiten unbefangener Göttinnen. Er fühlte sich irgendwie bedrängt von dem atmenden Schweigen dieser orphisch gebannten Menschheit, als sei er der einzige Wache unter lauter Bezauberten. Dennoch wußte er, da saßen sie nun und enthielten sich der Worte, der Bewegungen, schillerten in den Farben ihrer Kleider, ihrer Edelsteine, im Glanz ihrer leuchtenden Haut, wie Frau von Coudenhoven dort unten an der Seite des Kurfürsten und der Kreis ihrer Damen, -- hatten scheinbar sich selbst und die Welt vergessen und verhielten sich in dem strahlenden Licht der Kronleuchter reglos, als sei die Mainzer Hofgesellschaft nichts als ein pflanzenhaftes Produkt der Natur von pfauenhafter Buntheit, -- zuckten aber mit unzähligen Herzen, dachten mit unzähligen Häuptern, konnten den Augenblick der Entzauberung nicht erwarten, da das Orchester verstummen würde, brüteten über den Sätzen, mit denen sie sich selbst wieder vernehmen lassen und hören würden: ganz gut, Herr Haydn, ganz gut, aber Sie hatten allzulange das Wort!
Sieh, der Kurfürst beugte sich bereits zu seiner Freundin hinüber und flüsterte ihr etwas zu. Die Symphonie, ohne Pause in das Rondo hineinstürzend, verwirbelte in Kreiseltänzen wie ein lerchenhaft enteilender Himmelsbote, von dem in Raserei verfallenden Kapellmeister gejagt. Überall bewegten sich die Köpfe, die Schultern, kam Leben in starre Gesichter, wurde Beifall bereit gestellt. Der Coadjutor Dalberg tauschte Kennerblicke mit Heinse, und Müller, der bis jetzt in sich versunken, den ^chapeau bas^ unter dem Arm, an einem Fensterpfeiler gelehnt hatte, hob plötzlich den Kopf und sah ohne umherzusuchen zu George auf, der ihm mit einem grüßenden Lächeln begegnete. Nun, -- dies war wieder etwas, wie die ab und zu gewechselten französischen Billets sachlichen Inhaltes, etwa über ein Buch aus der Bibliothek, die manchmal so überraschend emphatisch schlossen, »^tout à vous, de coeur et d'âme^,« oder geheimnisvoll verhalten mit dem lateinischen »^Tuus^«, »^Totus tuus!^«, das wie eine Schwurformel der Verbundenheit klang. George, noch immer an der einsamen Gestalt dort unten hangend, die sich längst von ihm abgewandt hatte, gab sich mit einem unbewußten Seufzer nach. Er verstand diesen Mann so wenig wie nur je. Er sah ihn ab und zu im Fluge bei Frau von Coudenhoven, wenn er ins Schloß kam, um dem jungen Coudenhoven das wöchentliche Privatissimum zu lesen. Hier fand er Müller zuweilen, plaudernd und anscheinend ganz ^à son aise^ in dieser Atmosphäre höfischer Geselligkeit, in der George nur beklommen atmete. Im übrigen lebte er einsiedlerhaft, amtlichen Geschäften und wissenschaftlichen Arbeiten hingegeben, ließ jeden Besucher abweisen und -- nun ja, er lächelte George zu und schrieb ihm Billets, aber er entzog sich seinem Umgang und schien es nicht wissen zu wollen, daß ungehobene Schätze in dem Gebirge lagen, das zwischen ihnen beiden sich türmte. --
»Wir werden«, flüsterte George Therese zu, »mit Huber nach Hause gehen müssen, er machte mir vorher ein Zeichen, er sieht auch jetzt hinauf. Aber du sahest wohl schon?« Und mit uneingestandenem Befremden bemerkte er ein Lächeln in ihrem Gesicht, das dem Legationssekretär galt, der, im schwarzen Hofkleid, die Hand am Degen, hinaufgrüßte.
Therese wandte sich an Wedekind. »Wo ist Ihre Schwester, Hofrat?« fragte sie Sömmerring ungeduldig, wenn schon mit lächelndem Kopfnicken den Umhang abnehmend, den dieser mit umständlicher Höflichkeit bemüht war, ihr um die Schultern zu legen. »Wo ist Meta? Ich wünschte sie mir für den Heimweg, -- oh, wer kann immer unter Männern atmen?«
Sie lachte kurz auf, George, Sömmerring und Wedekind nacheinander mit den Blicken streifend und nun Huber entgegensehend, der heraufgekommen war und sich der abflutenden Menge entgegendrängend den Weg zu ihnen suchte. In der Umrahmung des russischen Baschliks wirkte ihr Gesicht zart, in den Augen lag noch das innerliche Lodern, das Musik hier stets entfachte. Wedekind sagte in langsamem Hannoveranisch: »Meta fühlt sich nicht disponiert unter Menschen zu gehen. Sie hatte Briefe, die sie aufgeregt haben, sie bekam Kongestionen. Ihre Affäre zieht sich hin.«
»Herr Forkel ist ein Oger«, sagte Therese leichthin, »welcher redlich Denkende besteht auf einem Besitz, der nur noch auf dem Papier Existenz hat? Oh, ist er denn ein Sklavenhalter? Was meinen Sie, Huber?«
»Daß unsere Freundin frivoler redet als sie denkt.«
»Ah, ^mon Dieu, -- comme il est cérémonieux!^«
»Ich werde Meta heute abend noch zur Ader lassen«, sagte Wedekind steif, indem sie die Treppe hinunterschritten, »es wird ihr den Kopf klären. Forkel ist in seinem Recht.«
»Ich bin nicht dafür, den Weibern so viel Blut zu entziehen«, gab Sömmerring den Auftakt zu einem medizinischen Gespräch, das auf der Straße fortgesetzt wurde. Forster schritt stumm nebenher, von unerklärlicher Traurigkeit befallen. Er dachte: »mitunter steigen Worte aus Abgründen auf und verraten alle Schrecken der verborgenen Tiefe. Sage auch ich zuweilen solche Worte?« Er wünschte, stehen zu bleiben und sich Therese und Huber zuzugesellen, die hinter den drei Herren gingen, aber er tat es nicht. Er schritt gesenkten Hauptes, kraftlos. Sömmerring war bei seinem Lieblingsthema, der Schädlichkeit der Schnürbrüste für den weiblichen Körper, angelangt. Huber dahinten sagte soeben in seiner zögernden Sprechweise zu Therese:
»Jeder Mann, er sei denn von Natur ein Mönch, wird der geliebten Frau eher einen Fehler des Herzens oder ein Versagen des Kopfes nachsehen, als einen körperlichen Defekt, der sich dem Bewußtsein zu jeder Minute aufdrängt.«
»Und wer ist jetzt eben frivol zu nennen?« hörte George zu seiner Befriedigung Therese fragen. In der Tat, durfte der Verlobte eines köstlichen Mädchens, wie es die ein wenig bucklige Dora Stock war, so sprechen?
»Ich bin nicht frivol. Ich bin ein Unglücklicher.«
»Und warum erzählen Sie mir das? Oh, ich verstehe. Ich scheine Ihnen stark genug, um andere zu tragen. Aber ich warne Sie, mein Freund. Ich bin weder stark noch mitleidig. Vielleicht, daß ich es einmal war. Oh, -- vielleicht ...«
»Warum sich immer eines kalten Herzens rühmen?«
»Werden einer Frau die Fehler des Herzens nicht leichter verziehen?« George blieb jäh stehen.
»Du solltest in der kalten Nachtluft nicht sprechen, meine Liebe«, sagte er und zog ihren Arm durch den seinen, »der Hornung ist ein tückischer Monat für eine zarte Brust.«
Er redete hastig, sich selber unbewußt. »Huber, Sie kommen mit uns. Sie teilen unsern Abendtisch. Ich weiß, Sie haben einen neuen Akt in der Tasche, Sie brennen darauf, ihn uns mitzuteilen, wie wir es kaum erwarten können, ihn zu hören. Ist's nicht so, Therese? Ich habe einen herrlichen Brief von Jakobi, ich muß ihn Ihnen mitteilen, er rouliert ganz auf den Begriffen des Wahren, Guten und Schönen ...«
* * * * *
Denn dieser Huber war ein Mensch, dem man es nachsehen mußte, daß er den Inhalt seines Busens zu Tage brachte, wie das Meer Muscheln, Schätze und Leichen an den Strand schwemmt, sei dieser Strand nun inselhaft lieblich umgrünt wie das Herz einer Frau oder eingedämmt und stark wie die Brust des männlichen Freundes. Therese, meinte George zu fühlen, war ganz mit ihm einig, daß diesem Menschen geholfen werden müsse, der seine Fülle so schlecht bändigen konnte und der weder in seiner Lebensführung noch in seinen poetischen Versuchen irgendwelche Form besaß. Freilich, Therese machte absonderliche Erziehungsversuche an ihm, suchte durch Herbe und Spott zu wirken, wie ihn dünkte, belohnte zuweilen mit Lächeln und der Süße eines Augenaufschlages, wie er beobachtet zu haben meinte, aber hatte doch, dessen war er sich gewiß, nicht den richtigen Weg eingeschlagen, Wirkungen zu erreichen. Güte, Vertrauen und Hingabe waren es, die hier zu gewinnen hatten. Leise, unmerklich, mit dem magischen Flötenspiel eines freundlichen Hirten, war dieser Verirrte herauszulocken aus der Wildnis. Begann er nicht schon, den Geschmack an der wüsten Gesellschaft zu verlieren, an die er verfallen gewesen war, vermied er nicht neuerdings sein Wirtshausleben mit Schauspielern und Dichterlingen und saß Abend für Abend an Theresens Teetisch, ein schweigsamer Gast, solange anderer Besuch anwesend war, beredt, sobald man, selbdritt, das Gespräch auf ihn, auf sein Leben, seine Pläne, seine Arbeiten kommen ließ? Oh, ihn nicht verspotten, nicht an ihm zerren, ihn nicht mit ihrem raschen Witz vergrämen sollte Therese, dachte George brüderlich. Dieser da kam, um Wärme, und Rat, um Halt zu finden, und so kam er zu ihm, zu George, so war er, endlich, endlich, die in unsäglicher Einsamkeit wortlos vom Schicksal erflehte Seele, die seiner bedurfte, seiner ganz und gar. Er gab es sich selbst nicht zu, daß die eigentliche Befriedigung darin lag, vor Therese entfalten zu können, wessen er fähig war, wenn denn ein Mensch kam, der seiner bedurfte. Gab es sich nicht zu, daß er diese Rolle des Hilfreichen, Geduldigen, Unermüdlichen so eifrig spielte, damit sie erkennen sollte, er war nicht der, als den sie ihn mehr und mehr zu sehen beliebte, der unablässig Fordernde, der, dessen Liebe nichts wußte, als daß der andere ihm gehörte und ihm zu dienen hatte. Ahnte sie es, daß sein Bemühen um Fremde ein Werben um sie selber war, -- ahnte sie es und ließ ihren Spott deswegen spielen, wo es sich um Huber, ihre Gleichgültigkeit, wo es sich um andere Hilfebedürftige handelte, denen er Beschäftigung vermittelte, denen seine Person, sein sanfter, tätiger Geist mählich zur wohltätigen Lebenssonne wurde, um die zu kreisen neugewonnene Ordnung bedeutete? Verneinte sie diese Menschen, die ihn nicht anders wollten, wie er war, die ihn gut hießen, weil _sie_ ihn anders wünschte und weil sie im geheimen jede seiner Äußerungen und Taten entwertet sah in dem Lichte des Verdachtes, daß alles geschah, nicht nur, um vor ihr zu bestehen, nein, um auch als der Bessere, der Größere, der von ihr Geopferte zu erscheinen? Hatte sie es erkannt, daß in diesem Zusammenhalten aller Tugenden, in der unablässigen Ausübung von Treue, Redlichkeit und Menschenliebe der letzte verzweifelte Widerstand seiner Seele sich kundgab, gegen sie, von der er sich doch abhängig wußte wie vom täglichen Brot, in der sonderbaren, scheuen und wählerischen Not seiner Sinne vor ihr so bedürftig, wie der Verschmachtende in der Wüste vor der einzigen Oase? Wußte sie es, wie verzweifelt er sich an die Bestätigung seiner selbst klammerte, die ihm von anderen ward, weil er sonst begonnen hätte, sich mit ihren, mit Theresens Augen zu sehen, als einen Würdelosen, der bettelte oder sein Recht erzwang, wo es ihm nicht frei und liebend gewährt wurde? Und wie übte er ihn aus, diesen Zwang, fragte er sich mit einiger Bitterkeit und starrte böse grübelnd zu ihr hinüber, die dort in der Schattenecke des Zimmers saß und mit diesen nie ruhenden kleinen Händen an ihrer langen Halskette zerrte und spielte, während Huber die großtönende Phraseologie seines Dramas mit gaumiger Stimme vorüberwälzte. Hieß das Zwang ausüben, zärtlichen Wünschen nicht Halt zu gebieten, wenn sie nicht auf Willkommen, nur auf -- Duldung stießen?
Oh, über die beständigen Monologe, in denen er sich rechtfertigte, die stummen Auseinandersetzungen, die kein Echo hatten, -- oh, über die nicht endende Apologie, dem Forum des eigenen Gewissens gegenübergestellt, das ihn anklagte, weil er Glück nur nahm und immer nur nahm! Und warum, warum blickte Huber, nun, da er geendet hatte und nach der Anstrengung des Lesens im Stuhl zusammensank, mit einem ängstlich heischenden Blick zu Therese hinüber, deren Antlitz, jetzt vorgebeugt ins Kerzenlicht, still war, als lauschte sie den letzten Versen nach? George erhob sich, mit einem überstürzten: »Vortrefflich, lieber, teurer Freund, -- indessen ...« die Aufmerksamkeit an sich reißend, und, im Zimmer auf und nieder gehend, begann er eine Kritik des Gehörten zu entwickeln. Diese Auftritte, meinte er, seien vorzüglich aufgebaut, jedoch so sehr vom Gefühl überwuchert, daß der Gang der Handlung unter Blumen, -- oh, und er möge nur verzeihen! -- auch unter Unkraut, blühendem Unkraut verschwände, -- daß -- »ist's nicht so, Therese? Nicht wahr, da sehen Sie, sie gibt mir recht!« -- nun, daß den Hörenden eine leise Ermüdung überkäme, daß seine Gedanken abschweiften, daß -- redete er, verzweifelt wahrnehmend, wie Huber Therese unablässig anblickte, und wie sie ihre Augen in seinen spielen ließ -- daß er, wenigstens _er_, nicht hätte folgen können.
»Doch ist's nicht schön,« sagte Therese, in diesem Augenblick ihn ansehend mit einem Ausdruck bittender Demut, der ihn rätselhaft erschütterte, -- »ist's denn nicht schön, mein Freund, des Herzens Überfluß zu sehen?« Und, sich mit den Schultern windend, als spüre sie Schmerz oder Druck, eine Bewegung, die ihr in den letzten Monaten zur Gewohnheit geworden war, fuhr sie fort, abgerissen, verlegen sprechend: »Das Herz, -- ach, nur das Herz einmal reden zu hören, George, -- ein Herz zu sehen, golden, feurig -- ist das nicht besser, als Kunst?«
»Aber ich rede wie ein Kind,« sagte sie, plötzlich sehr gefaßt, stand auf und füllte die Tassen neu, -- »hören Sie nicht auf mich, Huber, hören Sie auf George, -- er -- weiß viel besser, was not tut.«
Sie stand neben ihm, die Hand auf seiner Schulter, er fühlte ihre Finger heiß und bebend an seinem Halse hingleiten. Den Arm um sie gelegt, von irgendeinem Triumphgefühl durchschüttert, das unvergleichlich viel stärker war als die Einsicht, es handele sich hier um die wirksame Darstellung eines lebenden Bildes oder die Vorführung einer Parabel, lächelte George in die mit dem Ausdruck seelischer Mühsal auf ihn gerichteten Augen Hubers hinein und dozierte weiter. --
»Du solltest,« hörte er Therese nach einer halben Stunde leise und leidenschaftlich sagen, als er das Wohnzimmer noch einmal betrat, nachdem er den Gast hinausgeleitet und die Haustür hinter ihm abgeschlossen hatte, -- »du solltest diesen jungen Menschen nicht so oft kommen lassen, mein Freund! Wenn nicht um deinetwillen, so seinetwegen.«
Sie stand in der Fensterecke, als sei sie dorthin geflüchtet, den Arm auf »^The Resolution^« gestützt und sah ihm blaß und feindlich entgegen. Er erkannte nur, daß ein aufgeregtes Herz ihre Augen seltsam dunkel leuchten ließ, daß sie noch in diesem weichen Kleid aus maisgelbem Seidenmusseline war, das sie zum Konzert getragen hatte. Er tat ein paar Schritte auf sie zu, blieb stehen, lächelte und sagte: »Ich verstehe dich nicht.«
»Du wirst nie zu sehen lernen!« rief sie und schlug die Hände vors Gesicht. Dann, mit jenem unerklärlich schnellen Übergang aus der Erregung in die Ruhe, in den sie ihm gegenüber jetzt so oft verfiel, sagte sie wieder ganz leise und sehr gehalten: »Du solltest ihn nicht so oft ins Haus bringen. Siehst du denn nicht den Zustand seines Herzens? Ich habe eine unselige Anziehung, ich ...«
Sie stockte, blickte George, der sich ein wenig näherte und immer noch lächelte, unsicher an und vollendete hastig: »Ich habe nichts dazu getan, George, bei Gott. Aber schaffe ihn fort, -- ja? Oh,« schloß sie ein wenig pathetisch und drängte die Hände gegen seine Schultern, denn nun war er bei ihr, »George, George, liegt denn ein Fluch auf meinem Leben?«
»Du siehst Gespenster, Therese. Er ist jung, seine Schwärmerei kennt keine Grenzen. Wie dein Herz klopft!«
Und überwältigt wie von einer endlichen Erfüllung, blind, trunken, nicht fähig, diesen Blick voll Schicksalsangst, der seinem auswich, zu deuten, murmelte er, sie an sich ziehend: »Was willst du doch? Er ist gebunden und du -- du bist doch mein.«
Therese, abgewendeten Antlitzes in seinen Armen hängend, die Brauen verzerrt, flüsterte: »Ja. Ich bin dein. Und ich müßte wohl noch Kinder haben ...«
In dem Schweigen, das folgte, war nichts, als das unstete Flackern der beiden niedergebrannten Kerzen, das den Raum mit dem Tanz schwankender Schatten füllte.
* * * * *
»Sey doch jeder vergnügt, wenn er sein kleines Plätzchen gefunden hat, aus dem er in die Welt hinausgucken und über sie lachen kann«, so las George in der zierlich behäbigen Handschrift des alten Heyne, las diesen Satz zum zweitenmal, nachdem er den kurzen Brief des Schwiegervaters, datiert von einem Frühlingstag des Jahres 1789, beendigt hatte, las in der Einsamkeit seines Kabinetts, versuchte zu lächeln und fühlte sich zugleich dermaßen geschüttelt von Abwehr, Überdruß und Herzeleid, daß er das unschuldige Papier krampfhaft mit der Hand zerknitterte, es hinwarf, das Gesicht in den Händen begrub, -- und dann aufsprang, um, die Hände auf dem Rücken verschränkt, im Zimmer auf und ab zu laufen. Oh, gewiß, -- oh, aber ohne jeden Zweifel: er hatte sein kleines Plätzchen gefunden! Er besaß ein Weib, ein gehorsames Weib, -- in zärtlichem Gehorsam ihm ergeben, war's nicht so? -- das nun, da die Stürme erster Jugend besänftigt waren, sich anschickte, in allen Stücken dem Ideal Salomonis ähnlich zu werden und das ein zweites Pfand seiner Liebe unter dem Herzen trug. Er besaß das Röschen, das ihm an den Rockschößen hing, wenn er sich nur zeigte, und das soeben -- horch! -- sein Stimmchen draußen mit dem Gurren der Tauben auf dem Dachfirst mischte, draußen, wo im Vorgärtchen Narzissen und Tazetten unter der Maiensonne blühten, -- er besaß ein Haus und nicht nur Narzissen, Tazetten, Goldlack und dergleichen törichte Schönheit, sondern auch einen Garten vor dem Tor, wohl fünfzig Schritt im Quadrat, wo er Salat zog und Erdbeeren, von Kohl und Wurzeln ganz zu schweigen. Er besaß Malchus, den Knecht, und Mareiken, die Magd, mochten sie gleich andere Namen tragen, -- besaß Tauben, auch Hühner, der Ankauf einer Ziege war geplant, -- ei, hatte er nicht wahrhaftig sein kleines Plätzchen, und was hinderte ihn denn, nun, in die Welt hinauszugucken und über sie zu lachen? Klausthal, dachte er, von irgendeiner Erinnerung gestreift, -- das hieße wohl, mein Klausthal gefunden haben, -- indessen ...
Er blieb am Fenster stehen und starrte schwermütig hinaus auf den überschwenglich blühenden Kastanienbaum und den festlich schönen Bau des Bassenheimer Hofes gegenüber. Der Geist, der solche Formen schaffen konnte, der die Quadern dem Gesetz der Schwere selig entfremdete und es ihnen verlieh, daß sie Rhythmik, heitere Ordnung, schwingende Gelassenheit ausströmten, dieser Geist, -- oh, dieser Geist! Er dachte nicht ganz zu Ende. Er dachte nur mit einem verzweifelten Aufwand von Pathos: Verflucht das kleine Plätzchen und die Zumutung über eine Welt zu lachen, die ich aus den Fugen reißen möchte, um sie neu aufzubauen, reinlicher, gerechter, weiser und -- beseelt von dem Glauben an mich, an meines Herzens Kraft und Würdigkeit! --
Nun, da der Andrang des Blutes zum Kopfe nachließ, sammelte er sich, wandte sich ins Zimmer zurück und versuchte, sich selbst die Gründe der Erregung klar zu machen, die ihn dermaßen überwältigt hatte. Heyne war ein alter Mann, sagte er sich begütigend, der sein Leben lang in den geschützten Niederungen der Philologie gehaust und keine anderen Stürme kennen gelernt hatte, als leidige Universitätsintrigen und kleinstädtische Familienkabalen. Er war, nun auf der Höhe seiner sechzig Jahre, geläutert genug, sich über diese Anfechtungen erhaben zu fühlen, erfreute sich seines abgeklärten Zustandes, für den er Gleichnisse fand, angemessen dem Verhältnis des Gegensatzes, den er für ihn bedeutete, -- ein kleines Plätzchen also, aus dem man herausguckte und lachte, -- und wünschte, denen, die er liebte, die Annehmlichkeiten einer solchen Gemütsverfassung nahe zu bringen. Aller Welt gut werden, schrieb er auch wohl einmal, das sei die Basis des inneren Friedens, und dann tat er mit ein paar lächelnden Greisenworten »die Chimäre« ab, es müßte jeder ins Große wirken. Oh, vor ein paar Jahren noch, in Wilna, da wäre sein Wort Musik für mich gewesen, dachte George, damals, als wenigstens ein Mensch, als Therese noch, das Große von mir erwartete und mich ermüdete mit ihrer Ungeduld und ihrem ungestümen Fordern. Damals, als er, sonderbar übersättigt von frühem Ruhm, bereit war auf Lorbeeren auszuruhen, die nicht erstritten, sondern, wie es ihn jetzt dünkte, tändelnd am Wege gepflückt waren. Heute aber, -- man hat sich mit mir abgefunden, das ist entsetzlich! Das ist entsetzlich! hallte es in ihm wider, während er von dem selbsttätig in ihm arbeitenden Pflichtbewußtsein getrieben die zur Übersetzungsarbeit nötigen Bücher und Bogen auf dem Tisch anordnete und auf den letzten Satz im Manuskript starrte. War es ihm nicht immer als das einzig mögliche Ziel erschienen, ins Große zu wirken, -- so oder so? Er hatte nie darüber nachgedacht, freilich; sein eigener Wille, so glaubte er zu erkennen, war immer abgelöst worden, in der Jugend durch den leidenschaftlichen Tätigkeitstrieb des Vaters, in dem sein eigener aufging, wie die Kohle in der Flamme, und dann durch dies zweischneidige Geschenk der Götter, durch den Ruhm in frühen Mannesjahren. Es war süß, unter den freundlichen Augen der Menschen zu leben, süß nach so bitteren Jahren, -- diese wehmütige Bestätigung der Erinnerung flüsterte er sich zu, dieser Satz hob und senkte seine Flügel über der Arbeit der nächsten halben Stunde, in der er geschäftsmäßig englischen Text in deutsche Sätze umbaute, bis er die Feder hinwarf und, verzweifelt den Kopf hebend, der Frage ins Auge blickte, deren Gegenwart er in den letzten Wochen unablässig gefühlt hatte, wie die einer unsichtbaren erbarmungslosen Gottheit. Nicht länger ließ sie sich in Nebel bannen. »Was tat ich?« schrie er auf, -- vernahm die eigene Stimme unselig fremd, sah um sich und flüsterte erschrocken, -- »ja, was tat ich denn, diesen Ruhm zu rechtfertigen, -- ja, was baute ich denn auf diesem kolossalischen Fundament des Glücks? Mein Gott, mein Gott, -- ich _sollte_ doch ins Große wirken, -- war das denn nicht dein Ruf?«