Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 3
Er war wie kein anderer in die Gemütszustände seines Vaters eingeweiht, die dieser täglich in langen Selbstgesprächen vor ihm aufrollte. Ganz abgesehen davon, ob einer den Predigerberuf in sich fühle oder nicht, -- und es gäbe Männer, die bei aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit einzig dem täglichen Brot zuliebe nach diesem Amt hätten greifen müssen, also weder berufen noch auserwählt, George! -- ganz abgesehen davon: war es etwa eines Predigers würdig, fast einzig von seiner Hände Arbeit zu leben und sich von dem zu nähren, was er dem Boden abrang, -- diesem Sumpf- und Sandboden obendrein, der freiwillig nur Kiefern und Wacholder hervorbrachte, -- wer die fressen wollte, müßte wohl einen Jesuitenmagen haben, -- hoho! Nein, aber er habe es satt, wie ein Bauer zu leben und im Winter bis zum Dach einzuschneien und gegen die Wölfe in Fehde zu liegen! Er sei nun denn doch aus den Jahren heraus ... (Verstummen, Aus-dem-Fenster-Starren, den Ellbogen auf das Stehpult gestemmt und mit dem Rauch der Pfeife ungeheure Verachtung ausstoßend!) Ob er, Georgie, wohl glaube, daß es gerecht sei, einen Mann, der siebzehn Sprachen verstünde und über die gesamte Bildung seines Zeitalters verfügte, -- dessen brieflichen Umgang die feinsten Geister suchten und nach dessen Gutachten so mancher Große schon verlangt hätte, -- ob es gerecht sei, den in die finstere Polackei zu begraben und ihn dort vermodern zu lassen? Aber -- (auf und nieder in der engen Stube wie ein Tiger im Käfig und Dräuen in die Ferne mit der Faust) -- sie hatten nicht mit Reinhold Forster gerechnet, sie kannten den Mann eben nicht und würden ihn erst erkennen, wenn sie das Nachsehen hätten, denn außer Landes würde er gehen, außer Landes ... (Neuerliches Verstummen, gegen den Kachelofen gelehnt und offensichtlich durch die Wärme von hinten etwas besänftigt.) Sodann, gemäßigt, im Plauderton: Da hatte man nun seine Dienste dem König von Preußen angeboten, dem ersten deutschen Fürsten, einem Mann von zweifellos (Achselzucken!) den größten Meriten nicht nur um die Eroberung von Schlesien und die Einführung der Kartoffel. Und hatte man nicht den Bescheid erhalten, daß man als Prediger bei seinem Leisten zu bleiben und nicht in die Wissenschaften zu pfuschen habe?! (Verächtliches Schnauben durch die Nase.) Hier sollte man also bei den Jesuiten weiter Speichel lecken und Gott danken, wenn man nicht vom Volk gesteinigt, wenn einem die Kirche nicht demoliert und das Dach über dem Kopf angezündet wurde? Hätte Georgie Lust das zu erleben, -- he? Wenn nun der Roskowski einmal hierher käme mit seinen zweierlei Stiefeln, schwarz und rot, die Feuer und Tod bedeuteten, und der umherritt und die evangelischen Prediger brandschatzte? Wollte Georgie zusehen, wenn er dem Vater Hände und Füße abhackte und die Zunge ausrisse, hoho, -- na, also, nicht wahr?! (Träumerische Benutzung des lavendelduftenden Schnupftuches) Nein, nein -- (gewichtiges Kopfschütteln) _nein_, zum Märtyrer fühlte er sich nicht geboren und ganz unbeschadet seiner religiösen Überzeugung würde er eher in jesuitische Dienste treten, als hier noch weiter einen verlorenen Posten verteidigen, er würde so zu einem Märtyrer seiner Wissenschaft werden, man bemerke dies wohl! (Im Vertrauen gesagt, George, denn die Weiber haben keinen Verstand davon:) Unterhandlungen seien da im Wege, Unterhandlungen von weittragender Bedeutung, -- man konnte jetzt noch gar nichts sagen, aber ... Jedenfalls auch für Georges Zukunft von höchster Wichtigkeit, -- na, kurz und gut: abwarten! (Gedankenvolles Saugen am Rohr, Vertiefung ins Rauchgewölk: Ja, ja!) »Am liebsten ginge ich nach England.« Das wäre das Land der Zukunft, da fände sich wahrer Weltbürgersinn und lebte sich aus in gewaltigen erdumspannenden Plänen, ins Werk gesetzt von einer unerschöpflichen Tatkraft. England, England! (Triumphmarsch durch die Stube mit geschwungenem Pfeifenrohr und wehendem Schlafrock) »Georgie, England unser Vaterland, vergiß es nicht! Vor hundert Jahren noch saßen wir Forsters in der fetten Yorkshire-Landschaft an den Fleischtöpfen Ägyptens, auf eigenem Boden, ehe wir auswanderten und ausgerechnet nach diesem gottverlassenen Erdenzipfel!« -- »Sehr löblich, unsere Beweggründe, sehr löblich, allerdings ...« setzte er pädagogisch hinzu, denn sein Urgroßvater hatte England aus Treue gegen den enthaupteten Karl I. verlassen, -- »Indessen,« -- abschließendes Gebrumm, -- »gab's nicht auch andere Länder, um dahin zu flüchten? War Preußen näher als die Niederlande etwa?« --
Projekte! Das war es! Projekte hinter den nachdenklichen Runzeln des Vaters, Projekte hinter seinem zerstreuten Lächeln, Projekte hinter jedem jähzornigen Aufbrausen. Man stand auf, man schlief ein mit Projekten, man träumte Projekte, Projekte waren täglich Brot auch für den Knaben. Freilich, es kamen Stimmungen über ihn wie an jenem Oktoberabend, als er sich an die Mutter geklammert hatte, -- aber wenn sie ihn jetzt zum Helfen zu sich rief und halblaut und zärtlich mit ihm plauderte, als fürchtete sie immer, belauscht zu werden, -- »Unser liebes Haus, nicht wahr, Georgie, unser schöner Garten ...!« dann fühlte er sich unbehaglich und kam sich wie ein Verräter vor, wenn er nickte und wohl auch einmal seufzte, um nicht ganz stumm zu bleiben. Ein schöner Garten, ein liebes Haus, -- ja gewiß, -- aber wie mochte es denn sein, wenn nun einmal ein Projekt in Erfüllung ging und die enge Welt der Heimat aufsprang wie eine Eierschale, aus der er auskriechen würde wie der hoffnungsvollste Gickelhahn?! So machte er sein einfältigstes kleines Heuchelgesicht der Mutter zuliebe, deren Kummer er ganz deutlich spürte und der ihm das Herz wund rieb, -- dachte aber trotzdem unaufhörlich mit unruhiger Neugier an die letzten dunklen Reden des Vaters, der wieder einmal in Danzig war, -- wohlgemerkt, mit einem neuen mausfarbenen Rock aus feinstem Tuch und mit einem halben Dutzend seiner krausesten Jabots versehen, von der Staatsperücke ganz zu schweigen! Was tat er denn immer wieder in Danzig, wo sich zur Zeit auch Herr von Rehbinder aufhielt, der russische Gesandte in Polen, ein ergebenster Diener der großen Zarin, ein Werkzeug ihres Willens und ein charmanter Mann obendrein?! Was mochte es zu bedeuten haben, daß er neuerdings beständig vom »heiligen Rußland« fabulierte, von Europens Morgenland, von der Edelsteinmauer des Ural und der wandernden Breite der Wolga, an deren Ufern sich Deutsche niederlassen sollten wie in Paradieses Schoß, -- couragierte Männer, deren Familien, hm, hm -- ein majestätischer Blick zu Frau Justine hinüber -- es ihnen auf Knien danken würden, daß ihr Mut Frau und Kinder von den mageren Weiden der Heimat in dies zweite Kanaan versetzen würde, dem dringlichen Ruf Katharinas folgend, die in werbenden Manifesten den Heimatlosen von ganz Europa Freistätten, billiges Brot und unerhörte Vorteile in den noch unbewohnten Gefilden ihres riesigen Reiches bot? Warum mußte er, George, auf einmal anfangen, Russisch zu lernen, seine Zunge üben, das R zu schnurren wie ein spinnender Kater und das kurz vorher leidenschaftlich begonnene Holländisch liegen lassen? Warum lächelte der Vater oft so gedankenverloren vor sich hin, wenn er arbeitete, warum tat er so, als ginge ihn die Frühjahrsbestellung des Gartens nichts mehr an? So von Neugier und Ungeduld zerfressen, und um den wehklagenden Augen der Mutter zu entgehen, verging sich der Knabe gegen seine eigene Natur und wilderte ein paar Wochen mit Janusch und ähnlichen Kumpanen umher, stahl Äpfel, zündete Heuschober an und quälte Hunde und Katzen, alles Dinge, deren Versuchungen bis dahin an ihm abgeglitten waren. Er benahm sich ungeschickt genug dabei, wurde von den anderen regelmäßig vorgeschickt, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und hinterher ausgelacht, und war eben bereit, gedemütigt und angeekelt in das alte Leben der Stubenhockerei zurückzukehren, als die Pocken, die im Dorf umgingen, über ihn herfielen und seinen dürftigen Körper eine geraume Zeit zwischen Tod und Leben hin und her zerrten. Dann kamen hübsche Tage, in denen er das fürchterliche Labyrinth der Fiebernächte wieder ganz vergaß, Tage des Himbeersaftes und des Griesbreis und oh, der lieben Gellert'schen Fabeln, -- Tage des Nichtmehrkrankseins und doch noch Gehätscheltwerdens, Tage voll des Sonnenscheins mütterlicher Liebe und eigener Verantwortungslosigkeit, -- nichts lernen, nichts schreiben, immer nur deutsch sprechen, ach -- und immer nur spielen, -- Tage, so selige, und die letzten seiner Kindheit. Denn als er aufstand, narbenbedeckt, ein kleiner alter Mann, noch müde und elend und an nichts weniger denkend als an Projekte, -- da war es so weit, da barst die Eierschale und er mußte hinaus, ob er wollte oder nicht. Im Auftrag der russischen Regierung, wie er sagte, wie er zweifellos auch annahm und, -- jedenfalls durch Vermittlung des scharmanten Rehbinder, -- auf Kosten der Krone, ging Reinhold Forster an die Wolga, um dort die Bedingungen der ersten deutschen Ansiedelungen zu studieren, und er hatte es sich ausbedungen, seinen ältesten Sohn, -- »einen hoffnungsvollen, strebsamen, jungen Gelehrten« -- mitzunehmen. Ja, er nahm ihn mit sich, als Hündchen, als Famulus, vielleicht auch nur, weil ihm der Knabe zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden war und in einem ersten plötzlichen Zurückschauern vor den einsamen Wegen der Fremde. --
* * * * *
In der ersten Nacht auf See, nachdem der Leuchtturm von Zoppot im Nebel hinter ihnen versunken war, und die Ostseewellen sich das rundbauchige Schiff gegenseitig zuwarfen, machte George, in seinem schmalen Wandbett unsanft hin und her geschleudert, wehleidige Zugeständnisse und rief außer dem einen großen »Vater unser« noch alle Nebengötter vergangener Jahre an, die er längst endgültig abgetan zu haben meinte: Maria nämlich und Joseph, dazu Jakob, Abraham und Isaak, sowie Moses und Elias und andere weißbärtige, wunderkräftige Gestalten des Religionsunterrichtes, denen er als kleiner Knabe in endlosen geflüsterten Gebeten gemeint hatte huldigen zu müssen, mit krankhafter Gewissenhaftigkeit bedacht, nur ja keinen zu vergessen, der dann im Himmel traurig auf seinem besonderen Thrönchen hätte sitzen müssen, vielleicht mürrisch, am Ende gar zornig des gewohnten Weihrauchs harrend. Er versicherte nicht nur _sich_ ihres Beistandes, sondern vor allem _sie_ seiner Ergebenheit, -- »denn ich habe euch ja alle so lieb« wisperte er nach ausführlicher Namensnennung und fügte zur größeren Sicherheit abschließend hinzu: »und _alle_ Engel!«, denn schließlich, _Engel_ war (seines Erachtens) ein jeder von ihnen und so war es ganz gewiß, daß keiner vernachlässigt worden war. Er hatte sich auf diese Weise früher oft in den Schlaf gebetet und nur Fieken, die immer durchaus wissen wollte, _was_ er denn so für sich zu flüstern habe, hatte ihm die Gewohnheit verleidet. In dieser Nacht aber kehrte er reuig zu ihr zurück, demütigte sich ausgiebig und gelobte Dienstbarkeit für alle Zeiten, wenn man ihn nur lebendig aus diesem fürchterlichen Schiff entkommen und ihn jemals wieder einen vergnügten kleinen Magen haben lassen wollte. In einer Atempause des Sturmes, als das Ächzen, Knarren, Klatschen und Heulen für einen Augenblick aussetzte, vernahm er neben dem unbehaglichen Stöhnen und Würgen der beiden anderen Fahrtgenossen, -- des Herrnhuter Bruders David Krüzner und des Jenaer Studenten Gotthold Betzel, -- ein wohlbekanntes gründliches Knurschen und Schmatzen und stellte bei sich fest, -- wobei sich sein Gedärme schmerzlich zusammenzog und süßliche Flauheit sein Denken lähmte, -- daß der Vater da in der Finsternis Äpfel aß, er meinte nun plötzlich auch den frischen heimatlichen Duft wie einen schönen Fremdling durch die verdorbene Luft der niedrigen Kajüte schweben zu spüren und krümmte sich gleicherweise vor Heimweh wie vor Seekrankheit. Der Vater wurde nicht seekrank, mochte Gott wissen, wie er das anfing, der stand am Morgen mit den possierlichsten Bocksprüngen auf und verließ pfeifend den Raum, nicht ohne seinem Sohn und dessen Leidensgenossen mit gerunzelter Stirn und teilnahmsvoll rollenden Augen »eine kleine Collation« angeboten zu haben, da doch ein gefüllter Magen den ganzen Menschen aufrecht zu halten imstande sei, wie er an sich selbst erfahren zu haben meinte. George schüttelte angstvoll abwehrend den Kopf, der Herrnhuter, der so im Bett mit der weißen Zipfelmütze über den Ohren ein knittriges Altmütterchengesicht hatte, sah nur zum Himmel und bewegte beschwörend die Hände, Gotthold Betzel aber verlangte murrend nach einem ^Spiritus liquor^, den Herr Forster alsbald in Gestalt eines Nösels Rum feierlich herbeitrug und den leidenden Bruder tränkte, wie eine Mutter den Säugling. Er versäumte nicht, die Flasche auch George und dem ehrwürdigen Krüzner mit aufmunterndem Blick hinzuhalten, zuckte bedauernd die Achseln und nahm selbst einen kräftigen Schluck, der ihn sichtlich bis zu den Schnallen seiner Schuhe wohlig durchschüttelte. Sodann verschwand er und schickte den Janusch, um für die Sauberkeit des Fußbodens zu sorgen, und Janusch wankte herein, selbst grün und gelb aussehend, -- jawohl, der Janusch war mitgenommen worden, denn was war ein Reisender ohne Kammerdiener? Er war ein Baum ohne Schatten! -- und Janusch tat sein Bestes, aber dann rollte er sich am Fußende von Georges Bett zusammen und George nahm mit Ergriffenheit wahr, daß der ehemals so gefährliche Feind gebrochen war wie er selber. Hatte er schon seit dem Tage seines Dienstantrittes ein gewissermaßen abgeklärtes Wesen zur Schau getragen, daß sich George gegenüber einstweilen in völliger Nichtbeachtung, gegen den Vater jedoch in rasender Dienstfertigkeit ausprägte, so ward es jetzt offenbar, daß er mit dem zerfetzten Wams auch die feindliche Gesinnung bis aufs letzte abgestreift und mit den heilen Strümpfen, den ledernen Beinkleidern und dem sauberen moosgrünen Kamisol, das Forster ihm zu Danzig in aller Eile hatte anmessen lassen, eine begeisterte Unterwürfigkeit angezogen hatte, auch für George, den er »Panje« nannte und ihm den Ärmel küßte, jetzt, ehe er so zusammensank und den Kopf an die hölzerne Wandverschalung lehnte. Er sagte nichts weiter, aber aus dem blassen schmutzigen Gesicht sahen seine Augen grell wie die eines wilden Waldtiers, das aus seiner warmen sichern Höhle gerissen war, und George ehrte diesen Zustand, als den eines Leidensgenossen, und lag erschöpft still, keines Gedankens fähig, als des einen, wie paradiesisch es sein müßte, jetzt zuhause in einem stillstehenden Bett zu liegen, -- und meinetwegen die Pocken zu haben, nur zuhause und, -- ja, -- bei der Mutter!
Unterdessen erholte sich der Herrnhuter so weit, daß er, allerdings im Liegen und die Hände vorsichtig über den Magen gefaltet, imstande war einen Psalm anzustimmen. Er wählte den zweiundvierzigsten und stärkte sein Herz im Sprechgesang:
»Deine Fluten rauschen daher,« klagte er, »daß hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich ...«
Als er fertig war, blickte er die Knaben freundlich an und richtete sich behutsam ein wenig auf. »Ist es nicht köstlich, meine Kinder,« fragte er, »sich so völlig in der Hand des Herrn zu wissen und sich ihm ganz überlassen zu müssen? Ach, daß wir uns doch nur im Unglücke so richtig sein eigen fühlen, -- aber das Fleisch ist schwach.« Er hätte gewiß noch mehr gesagt, aber Gotthold Betzel schüchterte ihn mit ärgerlichem Grunzen hinlänglich ein und es verging noch manche Stunde, ehe eine ergiebige Unterhaltung in Gang kommen konnte, wenn schon Reinhold Forster mehrmals des Tags erschien wie das leibhaftige gute Wetter, um jene kleinen Kollationen zu sich zu nehmen, deren er, wie gesagt, zu seiner Aufrechterhaltung bedurfte. --
»Ihr werdet Hunger haben, immer,« hatte die Mutter kurz vor dem Abschied mit weinenden Augen lächelnd gemeint, und: »Pah, Hunger!« hatte der Vater geantwortet, der gerade ein Schinkenbein vorhatte und mit beiden Backen kaute, -- »und wenn schon, meine Liebe! Die Wissenschaft ist Opfer wert.« Nichtsdestoweniger widmete er sich jetzt hingebungsvoll dem umfangreichen Vorratskorb, den Frau Justine mit so viel Sorgfalt gepackt hatte, es schien die Zeit des Opferbringens noch nicht gekommen zu sein, und auf einem Schemel auf dem Fußboden der Kajüte hockend, besagten Korb zwischen den Knien, hielt er inmitten der Reisekumpane die vergnüglichsten Kolloquien ab. »Du staunst, mein Sohn,« sprach er etwa dabei und George lächelte zuvorkommend, wenn schon etwas matt, -- »ja, du staunst und wie sollte ich es dir verdenken! Siehst du doch deinen griesgrämigen Herrn Vater, der sich ganz darauf vorbereitete, hinter dem Ofen zu vertrocknen als ein dürres Reis, mit einem Male gleichwie versetzt an strömende Wasserbäche. Das Amt in Ehren, mein Herr Bruder in Christo,« wandte er sich an den milden Krüzner, »in Ehren das Amt! Aber wenn einem Manne für sein Dorf in der Polackei die Welt angeboten wird, ja, wenn ihm die Größte aller Kaiserinnen eigenhändig -- vergleichsweise, nun, meine Herren, vergleichsweise! -- wenn sie ihm also das Tor auftut zu ihrem gewaltigen Reich: Ich bitte um die Ehre, Monsieur Forster! Ein Narr, nicht wahr, wer da nicht zugriffe, ein Narr! Und außerdem, ich besitze gewisse Gaben, die über das Amt hinausgehen, Herr Bruder, den Rahmen des Amtes sprengen, -- jawohl, -- wenn ich so sagen darf ... Herr Bruder!« Er brummte noch verschiedene Male »Hm, hm!« hinterher, wobei er mit zwei Fingern vorsichtig an seiner Nase zupfte und verliebt vor sich hinblickte. »Jetzt kommen gleich die Verdienste um die Erforschung der Wasserfauna und der Insekten, die Bekanntschaft mit Herrn von Rehbinder, dem Geschäftsträger Ihrer Kaiserlichen Majestät, die Korrespondenz mit Herrn von Haller in Zürich und die Fertigkeit, sich in siebzehn Sprachen auszudrücken, -- endlich aber sein Vermögen, den großen Zeh in den Mund stecken und mit dem Kopf zwischen den Beinen hindurchgucken zu können, welch letzteres Kunststück er gewiß ^ad oculum^ demonstrieren wird,« -- dachte George ergeben, der neben der Bewunderung für seinen Vater zum erstenmal in seinem Leben eine leise Befangenheit empfand, wenn dieser sich allenthalben so wohlig entfaltete, wie eine Blume im Sonnenlicht. Doch hub jetzt David Krüzner an, während er bescheiden aus einem leinenen Reisesacke zehrte und sparsam nur mit den Vorderzähnen zu knabbern schien, -- er hatte eine lange geduldige Oberlippe und große feuchte Kaninchenaugen, -- »Es geht nichts über ein Wirken in der Stille, lieber Bruder, und der Herr weiß es ja, wie ich ihn hätte preisen wollen, wenn er mir Armen ein solches Amt verliehen hätte, wo ich meinen Mitbrüdern unangefochten hätte dienen können. Indes, da es sein heilsamer Wille ist, mich hinauszusenden unter Morduanen, Baschkiren und Kalmücken, -- ei, so geht David Krüzner, denn es ziemt ihm nicht, wider den Stachel löcken.«
»Recht habt Ihr, Herr Bruder,« sagte Forster mit einer gewissen Öligkeit in der Stimme, die George von der Kirche her an ihm kannte, -- dann wußte er, jetzt dachte der Vater an ganz andere Dinge, was aber die Leute durchaus nichts anging -- »das Schäflein bleibt in seines Hirten Händen, -- auch unter den Heiden! Indessen ^suum cuique^, Herr Bruder, ^suum cuique^, -- meint Er nicht auch, Herr Studiosus?« Und während David Krüzner murmelnd bekannte, ein demütiger Bruder zu sein und kein Latein zu verstehen, hub Gotthold Betzel an: »Der Teufel hole Morduanen und Baschkiren so gut wie jedes Amt in Deutschland, wo einen die Ratzen bei lebendigem Leibe auffressen, da die lieben Tierlein selbsten nichts zu nagen haben. Ich aber gehe nach St. Petersburg, dort kann man Kaiser sein, ehe man sich's versieht, was mir übrigens ein viel zu heißer Boden wäre. Ich werde aber der Kaiserin mein Projekt zur Beleuchtung nächtlicher Paläste und Hütten mittelst eines aus Hammeltalg destillierten Öles vorlegen, wobei der Mensch sich zugleich erwärmen kann, und alsdann werde ich mit großen gewonnenen Schätzen in die Türkei verreisen, -- allwo man weiter sehen wird.«
»^Ergo bibamus!^ Trink Er, Herr Bruder, ich hab mir auch einmal den Rücken im Kollegio krumm gesessen«, sagte Forster teilnahmsvoll und reichte ihm die Flasche, ohne weiter auf die Projekte des ^pp.^ Betzel einzugehen. Gegen Ende der Reise, die in neun Tagen glatt und sicher verlief, saß er übrigens mehr in der Kajüte des Kapitäns, dem er gewaltigen Eindruck durch seine Kenntnis der fernsten Küsten und Völker machte, und der ihn nichtsdestoweniger fabelhaft anlog, um ihn zu übertrumpfen, was ihm aber nicht gelang, denn Forster hatte immer noch etwas daraufzusetzen: auf das Meerweib die fliegenden Fische, auf den Magnetberg die feuerspeienden Berge und auf das Nagelmeer die kochenden Springquellen Islands, wobei sie sich gegenseitig vortrefflich unterhielten und der Schipper Mandeweit, der alljährlich einmal um das Kattegatt herum nach London segelte, im übrigen aber nie in seinem Leben über die große Punschbowle der Nordsee hinausgekommen war, den gelehrten Herrn für »'nen verdammten Slusuhr« erklärte, was einen hohen Grad von Anerkennung bei ihm bedeutete. Er nahm Forsters Mitteilungen restlos in seinen Lügenschatz auf und zwar als Glanzstücke, und wurde so zu einem unfreiwilligen Verbreiter der Wahrheit. Auch Gotthold Betzel erholte sich alsbald so weit, um von der Gesellschaft zu sein. Verschiedne Spiele Karten bildeten einen Teil seines Reisegepäcks, und er weihte Herrn Forster und den Schiffer in die Geheimnisse des Rabougierens ein, nicht ohne gründlichen Gebrauch von seiner Überlegenheit zu machen, die sich Mandeweit fluchend, Forster mit Gelassenheit gefallen ließ: er tat wohl mit, gewiß, er war kein Spielverderber, aber im Grunde war dies denn doch ein Amusement für seichte Köpfe und wenn man nicht unterwegs gewesen wäre ... Zudem langweilten ihn die Karten von jeher gräßlich und er verlor schon allein aus Gleichgültigkeit fortwährend und versetzte dadurch Gotthold Betzel in unbändig gute Laune; dieser erinnerte sich seiner musikalischen Gabe und sang nunmehr viel mit rauher Stimme, sang Lieder, deren Inhalt den Bruder Krüzner wehmütig, George und Janusch aber außerordentlich heiter stimmte. Diese beiden trollten auf Deck umher und erschienen so wenig als Herr und Diener wie nur je in den vergangenen Tagen zu Hause.