Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 29

Chapter 293,615 wordsPublic domain

Ich werde ihm schreiben, dachte er, während er Stunden um Stunden in der Ecke des Postwagens hockte, die Füße auf dem treuen Mantelsack, in Decken und Pelze gehüllt, ein einsamer unseliger Reisender durch den ringsum starrenden Winter. Ich werde ihm aufzählen, was ich erduldet habe, dachte er, heimgesucht und übermocht von all den Stunden furchtbarer Ahnungen und Einsichten aus den letzten zwei Jahren, deren Leiden er schweigend in sich abgetan und die er so gern verleugnet hätte. Ach, immer noch. Denn da war diese irrsinnige Sehnsucht, jetzt, gerade jetzt, Therese in seinen Armen zu halten und im Gefühl ihrer Nähe zu erblinden im Überschwang der Zärtlichkeit, da war eine Bereitschaft, zu verzeihen und zu vergessen, ja, die Schuld auf sich zu nehmen, gegen die sein wunder Stolz vergeblich stritt, -- wenn nur ihre kleinen Hände sich um seinen Nacken klammern wollten, und er sie hilflos werden wußte vor ihm. Da war die weinende Erkenntnis, vorwärts zu müssen, immer noch, die Gänge wurden enger und gewundener, ihre Wände dünner und die Stimme des Minotauros wirbelte schwirrend und dröhnend, betäubend und unwiderstehlich, griff sausend nach seinem Herzen, lockte, sog, ungeheure Leere war in seinem Gehirn. »Ich bin ein nackter Mensch, -- o nur ein nackter Mensch,« dachte er, dachte es ohne Grauen, voll der Wollust des Versinkens. »Und Ariadne?« lächelte er stier, -- »sie kam, aber ihre Hand glitt aus meiner. Ich finde hinein, -- sie findet hinaus, -- sie findet hinaus ...«

Die Räder der Diligence nahmen das Lied auf.

* * * * *

Zwei Monate später fand er sich auf derselben Wegstrecke, Göttingen wieder zugewandt. Gewaltsam hatte er seine Gedanken in diesen letzten Stunden vor der Ankunft mit den Ergebnissen des Berliner Aufenthaltes beschäftigt, hatte Unterhaltungen von Wert und Inhalt, wie sie sein Gedächtnis aufbewahrt hatte, memoriert und Betrachtungen daran geknüpft, hatte sich mit Biester und Nikolai in dem Handel gegen Starcke einig gewußt und in der Erinnerung an seine Besprechungen mit Spener alle guten Kräfte in sich lebendig werden gefühlt. Fuhr er nicht selbst nach den Philippinen, o, so würde er sich ungleich müheloser in diese Breiten versetzen, indem er für Spener die Geschichte vom Schiffbruch einiger Engländer auf den Pelews-Inseln, erzählt von Mr. Keates, ins Deutsche übertrug. Aber nicht etwa, daß er ausschließlich zu übersetzen gedachte! Da waren botanische Kuriosa, die auf seine Feder warteten, um liebevoll und sauber beschrieben zu werden; da war, in undeutlichen Umrissen zwar noch, aber doch schon monumental am Horizont sich aufbauend, das Werk über die Geographie der Südsee, über alles Denkwürdige, was zwischen China und Peru zu finden war, das er der Welt schuldete. Dies alles hatte er vor und noch viel mehr. Ein freier Mann nunmehr, da die Kaiserin in großmütiger Weise trotz ihres Verzichtes auf seine Dienste ihn aus seinen polnischen Verpflichtungen gelöst und ihn für seine Wartezeit entschädigt hatte, -- eine Anstellung in St. Petersburg, die ihm angeboten worden war, hatte er abgelehnt --, ein Mann, dem keine Kette mehr am Fuß klirrte, hatte er seine Zukunft in der Hand und nie wieder würde er sich an die Galeere schmieden lassen. Die Stelle des Universitätsbibliothekars in Mainz war durch Müllers Aufstieg in das Ministerium des Kurfürsten soeben frei geworden, Sömmerring hatte ihn sogleich davon benachrichtigt, Müller begünstigte ihn. Er gedachte sich zu bewerben, gedachte im nächsten Monat nach Mainz zu reisen, um sich dem Kurfürsten vorzustellen, gedachte ...

Ich will es ihr leicht machen, durchbrachen seine Gefühle hier endlich die mühsam aufgeworfenen Dämme der nüchternen Überlegung, will sie in meine Arme nehmen, will zu ihr sagen: Es ist alles gut, mein Liebling, weine nicht, nichts soll uns wieder trennen.

Allein im Wagen, wie er auch diesmal wieder war, drückte er den Kopf in die Fensterecke und überließ sich seinen Gefühlen.

Dies also war das Ergebnis eines mit tödlich bittrem Pathos geführten Briefwechsels zwischen ihm und dem Schwiegervater und schließlich auch zwischen ihm und Therese. Nicht nur, daß er zurückkehrte zur Versöhnung bereit, bereit, selbst Meyern zu vergeben, wenn dieser nur zunächst seinen Weg nicht kreuzen wollte, -- hier saß er wiederum wie auf der Hinreise, gebrochen, nach Versöhnung seufzend, lechzend nach der Wonne, vergeben zu dürfen. Hier saß er, tränenüberströmt, sein Herz taute wie draußen die Erde, hier saß er, dem Augenblick entgegenbebend, da er sie wieder sehen, hören und fühlen würde ...

In den Göttinger Gärten blühten die Veilchen. Er ahnte es, er atmete den Duft, er ging an der Mauer entlang, über die das Gartenhäuschen sein spitzes, mit dem Pinienapfel gekröntes Dach hob, ging und dachte, dachte: Ach, noch ein paar Schritte ...

Sie sollten sich im Hause der Eltern wiedersehen. Nun kam die Gartenpforte, der Pfad zwischen den Buchseinfassungen der Beete, die Glasveranda, -- ach, der Klingelzug ...

»Meine geliebten Kinder!« sagte der alte Heyne und erhob segnende Hände, »meine geliebten Kinder!« O, würde er denn nicht hinausgehen? Er ging hinaus, im langen grünen Hausrock, ein wenig schwankend vor innerer Bewegung, und nun, -- wo war Therese? Er hatte sie wohl beim Eintritt gesehen, ihre schlanke kleine Silhouette mit dem ein wenig zu großen Kopf gegen das helle Fenster gelehnt, jetzt erst kam sie auf ihn zu, und er erkannte, sie trug das Kleid aus tabakfarbenem Kaschmir, mit den weißen Säumchen, das er nicht sehr liebte, eine gestickte Schürze und ein Falbelhäubchen auf den ^à la hérisson^ frisierten Haaren.

Dies alles nahm er seltsam deutlich wahr und bemerkte selbst, daß die Ärmel dieses, -- von ihm also nicht sehr geliebten, -- Kleides nach der neusten Mode enger gemacht und verlängert worden waren, sah, daß ihre Gesichtsfarbe auffallend frisch, ihre Lippen sehr glänzend rot waren, daß da, indem sie mit einem unbegreiflichen schwebenden Tänzeln auf ihn zukam, ein Zug von süßlichem Leiden, von irgend einem unaufrichtigen Märtyrertum in ihrem Gesicht war, so stark, daß der Blick ihrer Augen ein wenig verschoß, wie das dem Blick ihres Vaters angeboren war, -- sah dies alles mit einem Zurückbeben des Herzens, ahnte über sich schwebend den kommenden Schlag, machte eine Bewegung, ihrer Umarmung auszuweichen, ihr zuvorzukommen, erkannte, es sei zu spät, ergab sich und empfing die Worte: »Ich habe dir verziehen, George!« schweigend, auf ihre Hände gebeugt, einer Versuchung, auf seine Knie zu fallen, mühsam widerstehend. -- -- --

* * * * *

Er hatte sich, so meinte er, bei der Einrichtung dieser seiner beiden Arbeitsräume in der neuen Wohnung zu _Mainz_ -- einem weitläufigen Hause in der Klarengasse, nahe der Großen Bleiche und dem provisorischen Bibliotheksgebäude, der alten Bursche, -- recht eigentlich von dem Grundsatz bestimmen lassen, daß der äußere Mensch ein Symbolum, ein Ausdruck und ein Abbild des inneren sein sollte oder doch wenigstens von dem Idealzustand dieses Unsichtbaren. Kleidete er sich in diesem Sinne mit peinlicher Gewissenhaftigkeit tadellos bis ins kleinste und unterschied zwischen Haus- und Arbeitsrock, zwischen Besuchs- und Straßenanzug, als sei er durch irgendwelche ihm allein bekannte Dienstordnung an ein strenges Reglement in diesen Dingen gebunden, so wollte er auch hier unter den zur Arbeit nötigen Gegenständen die Ausstrahlungen eines Geistes wirksam sehen, der so klar und exakt tätig war wie ein segensreiches Gestirn. Er lächelte. Er ging mit gleitenden Schritten zwischen den beiden Stuben hin und her und sah sich um. Die tahitianischen Rindenmatten an den Wänden in allen Abstufungen von Weißgelb bis zu Braunschwarz mit ihrer seltsam geometrisch-phantastischen Ornamentik taten ihm wohl. Die Kästen mit den Mineralien, den Konchylien, den Insekten standen rechtwinklig aufeinander getürmt mit Inhaltsvermerken versehen da. Übersichtlich geordnet lagen in ihren neuen Gestellen, die der Meister Hefele so überaus sauber angefertigt hatte, die Mappen mit den Herbarien, den Kartenwerken. Und während George vor seinem besten Schatz, dem großen Kartenwerk von Dalrymple, ein wenig verweilte, erkannte er plötzlich und wandte sich wiederum lächelnd aus der Tiefe des Raumes den Fenstern zu: O, nun wußte er, warum hier alles stand, wie es stand, warum dort der lange Tisch vor die drei Fenster gerückt diese Einteilung trug, die eines Schreibplatzes in der Mitte, eines Ortes für die Zeichengeräte, für Winkel und Zirkel, für Stifte und Farbnäpfchen zur Rechten, für das Mikroskop zur Linken ... O, er wußte ganz gut, wen er selbst sich hier vorspielte, er lächelte darüber, er, der einzige Mitwisser dieses nicht ungeschickten Darstellers der Rolle eines großen Menschen und ausgezeichneten Gelehrten ...

Gleich darauf wandte er sich ärgerlich von seinen eigenen Gedanken ab und ging zu dem hölzernen Barometer an der Wand, befragte die Quecksilbersäule durch Beklopfen und stellte an ihrem ruckweisen Sinken eine Übereinstimmung mit der Bedeutung der ziehenden Schmerzen in seinem Fuß fest.

Es wurde Herbst. Es wurde Herbst und noch war es nicht erprobt, wie seine Gesundheit dem Klima des Rheinlandes standhalten würde. Das Geräusch der Haustür, die Schritte eines Ankömmlings auf den Steinfliesen des Flurs, enthoben ihn diesen sorgenvollen Betrachtungen seines müden Kopfes. Auf einmal stand er nebenan am Pult, über einen angefangenen Brief an Jakobi gebeugt. Müller, falls denn er es sein sollte, der ihn aufsuchte, nun endlich aufsuchte, durfte ihn nicht müßig antreffen. Indes, auch als Eindruck für den jungen Huber, den die Magd nun zu seiner leisen Enttäuschung anmeldete, war es günstiger, als werktätiger Forster hier zu stehen, denn als träumender.

»Ich bin enchantiert, mein lieber Freund,« sagte George, dem Gast entgegengehend und die tintennasse Feder von der Rechten in die Linke wechseln lassend, um Hände schütteln zu können, »Sie stören mich ganz und gar nicht, -- Sie erlauben nur, daß ich eine Schlußzeile ...«

»Diese Bücher werden noch anders geordnet,« redete er, eilig schreibend, Sand streuend, salzend, siegelnd, »ich habe bestimmte Prinzipien der Anordnung, die ich nun auch amtlich wirksam zur Geltung bringen kann.«

Er trat neben den Besucher, zog ein Buch aus der Reihe und reichte es ihm. Der junge Huber, schlank, von wenig guter Haltung, schwarz gekleidet wie ein Abbé, blätterte die Titelseite auf und richtete dann sein blasses Gesicht mit dem Ausdruck liebenswürdiger Ratlosigkeit auf Forster.

»Übrigens sind mir einstweilen die Hände völlig gebunden,« fuhr dieser fort. »So lange die Entscheidung über ein neues Bibliotheksgebäude höchsten Ortes nicht getroffen ist, lohnt es sich nicht, anzufangen. Mein Gott, es verkommt alles in Staub, es ist nichts zu übersehen, es existiert kein Katalog. Müller muß sich wahrhaftig kaum ... Aber lassen wir das. Er hatte Besseres zu tun. In der Tat, wer hätte das nicht? Was ich Ihnen da in die Hand gab, mein Teurer,« sagte er und nahm Huber das Buch nachsichtig wieder ab, »ist eine interessante Reisebeschreibung des Engländers George Keate, die ich zu übersetzen gedenke. Ich weiß, ich weiß, Ihre Neigungen gehören der schönen Literatur und mehr den Franzosen als den Briten.«

»Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen ...« murmelte Huber und strich sich mit der Hand verlegen über die Stirne.

»Sie meinen? Oh, Sie zitieren einmal wieder und vermutlich Ihren Abgott, diesen Herrn Schiller, von dem ich noch so wenig weiß. Nun, dem werden Sie abhelfen. Aber, was ich sagen wollte, -- die schöne Literatur samt einer Tasse Tee finden wir drüben bei meiner Frau. Und außerdem vermutlich Demoiselle Dieze und den jungen Herrn von Humboldt aus Berlin, hier durchreisend nach Paris.«

»Ich bin so dankbar,« sagte Huber mit seiner bedeckten Stimme, »so namenlos dankbar für dies Geschenk der Götter, das Ihr Wohlwollen mir bedeutet! Mainz war öde für mich, ich fand keinen Anschluß, weder bei Hofe noch in den gelehrten Kreisen. Ich bin ein Schwärmer ...« Er lächelte inbrünstig vor sich hin und hob dann die schweren Lider zu einem schnellen scheuen Blick in Forsters Gesicht. »Gewürdigt des Umgangs mit einem Körner, einem Schiller, kann ich den seichten Frivolitäten eines Heinse keinen Geschmack abgewinnen.«

»Und doch liebte ihn Fritz Jakobi!«

»Es wäre unbegreiflich, fänden sich nicht im »Woldemar« Fingerzeige für gewisse Stationen des Geistes, die Jakobi durchlaufen hat. Er war nicht immer, der er ist.«

»Nicht immer der tiefgrabende philosophische Kopf, als den ich ihn jetzt kenne, -- oh, da haben Sie recht. Aber wollen wir nicht hinübergehen?«

»Ach, ein Gespräch zu zweien ist so unendlich viel fruchtbarer!«

»Sie sind wirklich ein Schwärmer! Und garnicht neugierig auf die Dame des Hauses?«

»Ich werde mich glücklich preisen!« sagte Huber und legte die Rechte aufs Herz, indem er seine große Gestalt sonderbar in den Schultern fallen ließ und Forster folgte, wie ein Verurteilter.

* * * * *

Nachdem der neue Gast der Hausfrau und der Demoiselle Dieze vorgestellt worden war, verneigten sich der Legationssekretär der sächsischen Botschaft, Herr Huber, und der Doktor beider Rechte und der Kameralwissenschaften, Herr von Humboldt aus Berlin, auf das artigste vor einander und gerieten alsbald in ein höfliches Gespräch über den Wert des Reisens, sonderlich einer Reise nach Frankreich, dem Fiekchen Dieze mit schief geneigtem Kopf und leicht geöffnetem Munde andächtig lauschte, während Therese sich an dem sausenden Samowar zu schaffen machte, um frischen Tee zu bereiten, und George unruhig im Zimmer auf und nieder wandelte. Da lehnten die Bildnisse der Großeltern Theresens und sein eigenes, von Tischbein gemaltes, immer noch in einer Ecke an der Wand. Die Gardinen waren glücklich aufgesteckt, Hammer, Nägel und Schnüre jedoch lagen noch auf Stühlen und am Fußboden herum. Die Bücherkiste mit der schönen Literatur stand noch unausgepackt am Fenster, aber es war darin gekramt worden und die letzten Göttinger Almanache waren aufgeschlagen auf dem Tisch zwischen den Tassen. Das war nun einmal Therese, -- er dachte es ergeben und wußte es nicht, daß seine Blicke zwischen ihr und den jungen Männern, denen sie jetzt mit ihren hastigen Bewegungen den Tee reichte, hin- und hergingen. Das war nun einmal Therese und so würde es auch noch morgen, auch noch in acht Tagen hier aussehen. Denn, nicht wahr, Umzug war Umzug und gab ein Recht auf Unordnung. Allerdings würden wie von Anfang an in allen Ecken Gläser und Vasen mit buntem Laub, Herbstastern und Veilchen stehen, »^The Resolution^«, aufgeklappt und mit beschriebenen Bogen bedeckt, würde von Tätigkeit und Mitteilungsbedürfnis zeugen, wie die umhergestreuten Bücher und Journale von Lesehunger, die angefangene Näharbeit dort von häuslichem Fleiß. Und ganz allmählich und schonend würde die Umzugsunordnung eben von der gewohnten, alltäglichen überwuchert und abgelöst werden, in der Therese sich nun einmal ^à son aise^ fühlte, -- nun, er hatte ja seine eigenen Räume. Der junge Humboldt sah übrigens vorzüglich aus, auffallend viel besser als Huber, auf dessen weichem Enthusiastengesicht irgend ein Zug von Unfertigkeit oder Kindlichkeit lag. Dennoch, er fühlte sich zu Huber hingezogen, mehr als zu dem breit und fest gebauten Jüngling mit dem unerschütterlichen Blick der blauen Augen und diesem starken runden Kinn. O, er hatte dieser Art von Physiognomien mißtrauen gelernt, Erinnerung dunstete durch seine Gedanken wie Krankheit. Er rückte seinen Stuhl nahe an Hubers heran und legte ihm die Hand auf den Arm. »Ein wahrer ^petit maître^, ein ganzer Mann von Welt, dieser Herr aus Preußen, nicht wahr?« flüsterte er ihm kopfnickend, mit leicht verzerrtem Munde zu und besann sich sogleich unter dem gutwilligen, aber leicht befremdeten Lächeln, dem er begegnete. Wohin geriet er immer? Er war wahrhaftig krank in seiner Seele, und nicht mehr imstande, einen Menschen rein zu genießen. Therese unterhielt sich, Therese unterhielt sich gut, und sollte er nicht froh sein, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen lachen zu hören? Was saß er denn hier und grübelte darüber nach, daß ihr Lachen nicht mehr so war wie früher, -- daß da ein neuer Klang, ein pathetischer Ton in ihre Art zu sprechen gekommen war?

»Finden Sie Theresen verändert?« fragte er Fiekchen halblaut. Hatte sie, die als Kind, ehe ihr Vater nach Mainz berufen worden war, Theresens Gespielin, die später als junges Mädchen häufig mit ihr zusammen gewesen war, dies auch bemerkt, dies, daß da eben nicht Therese saß, nicht Therese, die heitere, junge, lachende, glückliche, sondern ihr Haupt, ihr Haar, ihr Antlitz, ihr Körper, ihre Kleider, hinter denen ein fremder Wille, eine fremde Stimme, ein fremdes Gelächter gespenstisch agierten? Oh mein Gott, was sollte denn dieser betrübte, ratlos zustimmende Blick des guten Sophiechens, dies: »Ich kann mir nicht helfen, -- ja, -- ich finde es auch!« Und George sagte laut, irgendeinem Schicksal, wie ihn dünkte, frech unter die Augen lachend: »Schöner geworden, nicht wahr, -- schöner geworden, Mamsell Fiekchen!? Ja, ja, die Ehe tut Wunder! Die Ehe tut Wunder, guter Freund, und Sie sollten sich auch bald entschließen zu heiraten,« wandte er sich an Huber, »ich höre, daß Sie mit der Demoiselle Stock verlobt sind. Ich lernte sie in Dresden kennen, -- welch ein Mädchen, welche Qualitäten an Kopf und Herz! Sie sind sehr zu beglückwünschen, wissen Sie das auch?«

Huber, dunkel errötet, ließ einen hilflosen Blick zu Fiekchen und dann zu Therese gleiten. Diese, obschon in einem Wortgefecht mit Humboldt, schien gehört zu haben, um was es sich handelte, und rief mit einem sonderbar verächtlichen Ausdruck über den Tisch hinüber: »Du mußt einen artigen Sklaven nicht an seine Ketten gemahnen, George!«

»Oh, oh,« stammelte Huber, verzückt lächelnd, »es ist nicht das, nicht das!«

»Rosenketten also?«

»Ja ja! >Da band ich sie, da band sie mich mit Rosenketten< ...«

»Daß der Alte je so amoureuse war!«

»Klopstock, -- Klopstock, nicht wahr?« Fiekchen sah mit großen Augen zwingend in Hubers hinein, dieser aber, seine Augen mit einer Art stiller Standhaftigkeit auf Therese richtend, sagte langsam, von einem Lächeln durchleuchtet:

»Weisheit mit dem Sonnenblick, Große Göttin, tritt zurück, Weiche vor der Liebe! Nie Erobrern, Fürsten nie, Beugtest du ein Sklavenknie, Beug es jetzt der Liebe!«

»Ach, das ist Ihr Schiller!«

Therese griff ungeduldig nach einem der Almanache auf dem Tisch und blätterte darin. »Ich kann den Enthusiasmus für ihn nicht teilen ...«

»Und doch ist er dem Geheimnis der Glückseligkeit so nahe,« sagte George vor sich hin. »Er läßt seine Liebe aufgehen in dem großen Brand seines Herzens für die Menschheit. Er vermag es.«

»Mein Freund?«

»Oh -- du meintest?«

»Ich meinte, ob du zu Ende wärest mit dieser Meditation und ob ich um Gehör für meinen wackren Bürger bitten darf?«

Sie las. Sie las die Elegie. »Als Molly ihn verlassen hatte«, erntete ergriffenes Schweigen, einen lyrischen Seufzer Hubers, fühlte sich offensichtlich gelöst, blätterte, begehrte ein Licht, las weiter. George sah auf sie hin, fühlte seine Brust unter ihrer Stimme erzittern wie den Resonanzboden einer Geige, die Schärfe in ihm zerging, er atmete leicht und glücklich, er staunte, daß sie schön wirkte, einzig durch den jetzt seelisch entzündeten Glanz ihrer Augen. Er sah es wohl, daß sie sich wieder und allen seinen Bitten entgegen geschminkt hatte, daß ihr Anzug, dies grüne, weißgestreifte Hauskleid, im Widerspruch zu jenem Aufwand der Eitelkeit stand, -- er war nicht blind dafür. Dennoch, -- hier war Therese, -- und hatte sie sich verändert, jetzt zeigte sie es nur im Ausdruck einer Tiefe der Empfindung, deren sie erst fähig hatte werden müssen. Und George in einem törichten Frohlocken dachte in diesen Minuten nichts, als: Sie ist mein, ich modelte ihr Herz, -- und die Blicke der beiden jungen Männer, die, betroffen oder hingerissen, verrieten, daß nicht nur er allein dem rätselhaften Zauber dieser nicht schönen Frau erlag, gaben ihm ein Triumphgefühl des Besitzes. Einer jener verhängnisvollen Täuschungen nachgebend, die ihn in diesem Abschnitt des Lebens zuweilen überstürzten wie Lichtströme das Land an einem wolkentreibenden Apriltag, meinte er sich eins mit ihr zu fühlen, eins in einer reinen geistigen Luftschicht, in die sie durch den Dunst niederer Ebenen hindurch gemeinsam sich empor gekämpft hätten. Hier, nun wohl, standen sie Hand in Hand auf der Schwelle eines neuen Lebens; dieser Abend, der erste in Mainz, der ihnen Gäste zugeführt hatte, war von der Musik unsichtbarer Genien umspielt, Musen und Grazien hatten ihr Haus in ihre Hut genommen. In den Stand der Gebenden, Austeilenden, Überströmenden eintreten dürfen, ja, er war gewürdigt worden, es war nun an der Zeit! Mochten Menschen wie Müller hochmütig oder abgewendet fernbleiben! Hatte er auf ihren Umgang gehofft, er war der Enttäuschung wohl gewachsen. Wenn nur jene kamen, die noch nicht des eignen Geistes satt waren, wenn sie nur kamen, bereit, ihm seine Fülle abzunehmen, er wollte sie wohl nähren und Theresens anmutiger und schöner Geist sollte sie laben, wie der Flor eines Gartens. Huber sollte den Freund an ihm finden, den er suchte, gerührt blickte er auf ihn, der dort mit einem gläubigen Ausdruck knabenhafter Begeisterung an der Vorlesenden hing. Ihm war, als sähe er sich selbst, zehn Jahre zurück, und fast wollte es ihn mit wehmütigem Neid überkommen: hatte denn je über ihm so das Göttergeschenk der Freundschaft eines Älteren, Gereiften geschwebt, hatte er sich nicht von je einsam seinen Weg suchen müssen, führerlos und Gott allein verantwortlich? --

Da Therese nun zu lesen aufhörte, stand er auf und eilte in sein Zimmer, von dem Bedürfnis überkommen, auch etwas zu geben, und sich erinnernd, daß Humboldt ihn nach seinen eigenen Arbeiten gefragt hatte. Er hatte vorher in dem botanischen Kollegium geblättert, das er den Wilnaer Damen gelesen hatte. Es waren doch recht artige Perioden darin, besonders in den Vorlesungen, die von der Generationstheorie handelten, er traktierte das Ding so aus dem Handgelenk, leicht, fast amüsant, ohne doch im geringsten aufzuhören, der Forster zu sein. Er kehrte zurück, das Manuskript in der Hand, fand das Röschen, das inzwischen hereingebracht worden war, auf Humboldts Knien sitzend und diesen bemüht, den ernsthaften kleinen Mund des Kindes zum Aussprechen seines Namens zu bewegen: »Wilhelm!« sagte er ihm lächelnd vor, »Wilhelm!«

»Wilhelm ...« wiederholte Therese sich vorneigend, und, im Schatten der Zimmertiefe verweilend, erkannte George im Innersten betroffen den spähenden ruhelosen Blick ihrer Augen, den bebenden Ton ihrer Stimme, und wußte plötzlich, was da vorhin ihrem Lesen Klang und Zauber gegeben hatte, es war ihr verborgenes Herz gewesen, das unablässig jenen Namen anrief, unablässig, -- ihn, den er selbst so gewaltsam hinter sich in die Vergessenheit getreten hatte. -- --

Er hatte nicht mehr vorgelesen. Er ging in seinem Zimmer auf und nieder, im Schein der Kerzenflamme glitt sein Schatten an der Wand entlang, der Schatten eines alten Mannes, von dem sein Auge müde abschweifte. Sein Kopf schmerzte, seine Glieder waren schwer. Die anderen waren noch hinaus in die klare Herbstnacht gegangen, um die Sterne sich im Rhein spiegeln zu sehen. Er scheute die feuchte Luft, er war zurückgeblieben, er ging hier zwischen seinen Büchern auf und ab in der Gesellschaft eines müden, gebückten Schattens. »O, -- du hast wieder Schmerzen, lieber Freund?« hatte Therese gleichmütig gesagt. Ja, -- glaubte sie ihm nicht einmal die Schmerzen mehr?

* * * * *