Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 28

Chapter 283,530 wordsPublic domain

»Zu viel der Ehren«, höhnte er sich selber und riß den Mantel am Halse auf, denn er fühlte seine Stirne feucht werden in der dampfenden Schwüle des warmen Oktobernachmittages. Er nahm den Hut vom Kopf und gesenkten Hauptes schritt er weiter. Es war die quälende Spannung, in der ihn die Erwartung einer Nachricht aus St. Petersburg hielt, einer Nachricht über die endlich erfolgte Ausreise des Kapitäns Mulowsky, die zugleich das Signal für seine und Sömmerrings Abreise nach London sein sollte, -- diese quälende Spannung war es, an der sich seine Gedanken stauten. Nun war Therese mit dem Kinde untergebracht in der hübschen kleinen Wohnung bei Pastor Wagemann am Wall, seine Angelegenheiten waren geordnet, seine Koffer standen gepackt, er konnte jeden Tag aufbrechen. Aber anstatt der ersehnten Post kam böse Zeitung über böse Zeitung, die Welt summte von Kriegsgerüchten, England hatte den Krieg an Frankreich deklariert und hier, in dem sturmgeschützten Göttingen, saß er nun, bebend vor Ungeduld, und fühlte ohnmächtig die Verwicklungen europäischer Interessen, die alle Fürstenpläne wissenschaftlicher Art im Keime erdrosseln mußten. Wie, wenn Frankreich Anschluß an Rußland suchte, -- wenn Katharina diesen Augenblick zur Überrumpelung der Pforte geeignet finden sollte? Nein, er selbst war wohl nicht mehr als ein gelegentlich nicht ohne Glück radotierender Kannegießer, aber hatte nicht ein Mann von politischem Weltblick wie Schlözer gestern bedenklich geäußert, es sei augenblicklich die unglaublichste Konjunktur ^in politicis^, die je gewesen, Frankreich sei ganz von beiden Kaiserhöfen gewonnen, England aber habe vernehmlich ausgerufen, es würde nie zugeben, daß die Türken aus Europa vertrieben würden? Was würde dies alles ihn kümmern, wenn er nicht gewußt hätte, daß Katharina in Pallas mehr die Kriegsgöttin als die Beschirmerin der Wissenschaft ehrte, daß -- nun kurz und übel, -- sie einen wissenschaftlichen Plan mit Achselzucken aufgeben würde, wenn die Mittel dafür einem militärischen zugute kommen konnten! Hier saß er also, mußte sich einen guten Forster heißen lassen und hätte am liebsten jedem den Rücken gekehrt, der ihn fragte: »Nun und wann brechen Sie auf, wann reisen Sie, mein Bester?« Der Betrachtungen anstellte über sein, des guten Forster, und über Theresens Los ... Da hatte er nun um die Vermittlung Zimmermanns in Hannover nachgesucht, des Leibmedikus und ständigen Korrespondenten Katharinas, aber dieser Don Pomposo, wie ihn Lichtenberg nannte, regte sich nicht und rührte keine Feder. Ob er einmal nach Hannover fuhr? Wenn ihn doch niemand mehr fragen wollte, -- wenn doch diese aufgeregten Briefe von Sömmerring ausbleiben möchten! Eine Arbeit, jawohl, das wäre Rettung! Kollegien belegen, Anatomie und Chemie treiben, jeder Minute abgewinnen, was sie nur bieten konnte! Doch hier lief er auf den Wällen von Göttingen spazieren, hier lief er, weil er es zu Hause nicht aushielt, weil da etwas Unsichtbares in der Luft lag, eine beständige Frage, eine Enttäuschung, ein Warten, -- das Warten, daß er doch gehen möge, wenn nicht in die Südsee, so doch wenigstens auf die Wälle! War es nicht so? Oh, Therese sprach es nicht aus, sie sprach es natürlich nicht aus, im Gegenteil ... Aber war die einsame Wandrerin, die ihm dort entgegenkam, nicht die Doktorin Böhmer? Und während er vor der im raschen Gange Stockenden stehenblieb und sich verneigte, nicht wissend, daß die bitteren Gedanken der letzten halben Stunde sein Gesicht noch verzogen, erinnerte er sich, gestern empfunden zu haben, Karoline habe die sanften warmen Hände einer Schwester oder einer Mutter, erinnerte sich eines irrenden Wunsches, diese Hände auf seiner Stirn zu fühlen. Karoline lächelte an ihm vorbei: »So einsam, Freund, -- und ohne ein Ziel? Oh, ich sah Sie von weitem kommen und Sie gingen nicht wie einer, der ein Ziel, kaum wie einer, der einen Ausgangspunkt hat.«

»Ich verstehe nicht ganz ...«

»Oh, grübeln Sie nicht, es ist Spielerei mit Worten. Sehen Sie, ich habe einen Ausgangspunkt und ich habe ein Ziel, und mein Weg beschreibt den Kreis der Schlange, die sich in den Schwanz beißt: ich komme aus Klausthal und ich gehe wieder nach Klausthal. Sie aber, -- Sie kommen aus der weiten Welt und gehen wieder -- hinaus ...«

»Habe ich nicht auch mein Klausthal?« fragte er, sonderbare Unruhe im Herzen. Er hatte gewendet und schritt an ihrer Seite, langsamer nun, den Weg zurück, den er gekommen war. Sie ließ den Blick seitwärts gleiten.

»Oh, nennen wir es Klausthal, gut! Klausthal,« sagte sie mit unerklärlichem Lächeln, »Klausthal ist ein Ort von großen Meriten, denn er betrachtet mich als sein Zentrum, sein schlagendes Herz. Klausthal, verstehen Sie, -- mein Klausthal, -- kann nicht leben ohne mich, und das ist's, was mich an -- Klausthal fesselt. Etwas, wie die Verantwortlichkeit eines Fürsten für ein ihm ergebenes Land. Nein, lieber Freund, -- ich glaube, -- ein Klausthal haben Sie nicht.«

George hörte und dachte: »Sanfte Stimme« und »Oh, wie die gelben Blätter auf dem schwarzen Wasser schwimmen!« Aber er antwortete nichts.

»Der Ort, der Ihnen Klausthal sein könnte oder den Sie dafür halten ... Verzeihen Sie mir, ich liebe es, ein wenig zu phantasieren und bin kein gelehrtes Frauenzimmer wie Dortchen Schlözer«, unterbrach sie sich heiter und sah mit lachenden Augen auf in seine kummervoll forschenden. »Nun, ich habe etwas von den Ideen des Herrn Kant über die Entstehung des Kosmos gehört und es hat mich amüsiert. Also Ihr Klausthal ist kein Granitfelsenort wie meins, sondern ein feuriger Stern, feurig und flüssig, noch nicht recht bewohnbar, ist's nicht so? Ein Ort voller Eruptionen und Lavaströmen, -- für einen Naturforscher recht interessant.«

»Oh, Karoline, dies war malitiös!«

»Lieber, Verehrter! Ich bin erschrocken. Es war nicht böse gemeint. Forster! Eines Tages taucht ein Eiland aus den dampfenden Wassern, -- sanfte Matten ...«

»Pisangwälder, ich weiß ...«

»Apfelbäume, Blumen, heimische Wälder, oh, nichts Exotisches, Freund!« plauderte sie eifrig, als erzählte sie einem Kinde von Weihnachten.

»Ein Haus?« fragte er bittend.

»Ein Haus zwischen Hecken, es gehört dem Forster allein!« tröstete sie strahlend.

»Ein Klausthal!« murmelte er.

»Klausthal!« bestätigte sie zögernd und ihre Augen gingen blicklos in die Ferne. Und plötzlich fragte er wie erwachend:

»Karoline, -- sind Sie glücklich in -- Klausthal?«

»Wie anders?« sagte sie ruhig und unter der Tür ihres elterlichen Hauses reichte sie ihm lächelnd die Hand, »Forster, gibt es nicht für uns eine Verpflichtung zum Glück?« -- -- --

Wohl, sie hatte ihm noch Abschiedsworte gesagt und dies, daß sie einander wiedersehen würden, in Jahren, alte und weise Leute geworden, wie es sich von selbst verstand. Was ihn aber bewegte, ihm, -- oh, endlich, endlich einmal wieder! -- den federnden Schwung der Gedanken gab, es war dies Wort von der Verpflichtung zum Glück. Er, ein Mensch ohne die Fähigkeit, eine Melodie annähernd richtig wiederzugeben, verdankte dennoch der Musik gelegentlich ähnliche Wirkungen, wie sie ihm jetzt durch dieses Wort geschehen waren: nach der Versenkung, ja nach dem schwelgenden Untertauchen in die Wehmut der Erinnerung an erlittene Unbill, das Aufströmen schmerzlichen Trostes, des Lebenwollens, _trotzalledem_. Oh, und welche Aufforderung zur ritterlichen Askese, welch herausfordernder Widerspruch zwischen Zustand und Gebärde lag in diesem Ausdruck, den die Freundin ihm spielend hingerollt hatte, wie einen Ball! Nun, -- und sie selbst? Wie kam sie, die ewig Heitere, zu solchen Erkenntnissen? Aber danach fragte er jetzt nicht viel in seinem soldatischen Rausch der Leidens- und Sterbensbereitschaft unter blanker Montur und bei erklingendem Marsch. Ach, George, der kleine Knabe von dazumal, der das Spiel nie gekannt hatte und einen so sonderbaren Aufwand mit den Werkzeugen seiner Fronarbeit am Schreibtisch trieb, aus dem verzweifelten Hunger seiner Phantasie nach buntem Symbol heraus, -- George, der Mann, er brauchte das tönende Wort. George stürmte vorwärts durch die engen dämmrigen Gassen, in denen Kinder lärmten und Frauen schwatzend vor den Haustüren standen, George fühlte dies, daß das Bewußtsein des eigenen Wertes allein zum Glück, zur Verachtung der äußeren Umstände, zur Haltung verpflichte, und in diesem Gefühl schon meinte er zu besitzen, was er wünschte.

Warum aber erlahmte sein Schritt, je näher er seiner Wohnung kam, warum stieg er die Treppe so zögernd, warum verharrte er auf dem letzten Absatz, den goldlackierten Knauf des Geländers mit der Hand umklammernd, und sagte sich: »das Röschen freut sich, wenn ich komme, -- das Röschen wird sich freuen ...« --

* * * * *

Sollte sie bis zu seiner Abreise warten, um sich in der Göttinger Gesellschaft einzuleben? Nun, war es nicht etwa freundlicher, er begleitete sie in die Häuser der Freunde und pflanzte sich Keime der Erinnerung an den verschiedenen Teetischen, damit sie erblühen und duften konnten, wenn er erst fort war? Sollten die Fakultäten und ihre Damen annehmen, er sei ein Tyrann und verlangte, sie sollte in der Heimat freiwillig das geistige Hungerleben von Wilna fortsetzen? Gewiß, das war seine Absicht doch nicht! Liebte er seine Therese? Hier wurde: Georgie! geflüstert mit einem gewissen Lächeln, das lockte und verhieß, und das ihn wehrlos machte, er wußte es wohl. Er glaubte diesem Lächeln. Er hatte Grund, ihm zu glauben, -- aber warum war er denn nicht selig unter diesem lauen Sturmwind des Gefühls, der so jäh und stoßweise aus Therese aufgebrochen war und sein Blut fächelte? War es der nahende Abschied, der ihr Herz endlich in Wallungen brachte? Oh, aber dieser Abschied zog sich hin, kein Mensch konnte auch jetzt, zu Ende November, sagen, ob bis Weihnachten, bis zum Frühling oder bis übers Jahr. Katharina hatte den Türken den Krieg erklärt, dies war im Grunde so gut, wie die Gewißheit, daß dem wackern Mulowsky samt seinen fünf Schiffen eine andere Verwendung blühen würde, als jene Entdeckungsfahrt. Indessen blieben bestimmende Nachrichten aus St. Petersburg immer noch aus, und obwohl George in seiner verzweifelten Ungeduld bereits begonnen hatte, mit dem jungen Eluyar Verhandlungen über ein neues Projekt anzuknüpfen und sein Geist genußreich mit der Ausarbeitung der Forderungen beschäftigt war, die er im Falle des Gelingens der spanischen Regierung zu unterbreiten gedachte, so hing sein Herz doch immer noch mit schmerzlicher Hoffnung an dem Auftrag der Kaiserin, dessen Erfüllung ihm seines Rufes würdiger schien, als die Annahme einer höheren Beamtenstelle unter spanischem Regiment. Denn darum handelte es sich. Er sollte mit Weib und Kind als sachverständiger Erforscher der Bodenschätze nach den Philippinen gehen. Da er aber nun zu wissen glaubte, was er wert war und welcher Summen eine Regierung fähig war, die ihren Kopf auf einen bestimmten Mann gesetzt hatte, -- oh, ihn konnte niemand mehr übervorteilen! -- so forderte er so raffiniert und phantastisch, daß der junge Eluyar erschrocken zurückwich und dieser schöne Plan sich sogleich als totgeboren erwies. Abschied und Trennung also lagen im Nebel vor ihm, in ungewisser Entfernung, ja, möglicherweise barg dieser Nebel nichts, als ein Zusammenleben unter veränderten Umständen. Warum aber dann dieser Aufwand des Gefühls bei Therese? dachte George, ungläubig und mißtrauisch, reizbar geworden in der kaum noch erträglichen Erwartung einer Entscheidung. Warum dieser Singsang vom Morgen bis zum Abend wie in der ersten Wilnaer Zeit, diese heitere Geschäftigkeit um ihn her, da er nicht mehr gewöhnt war, daß nach seinen besonderen Wünschen gefragt wurde, -- warum dieser angelegentliche Drang, sich mit ihm in Gesellschaft zu zeigen und, womöglich an seiner Seite sitzend, seine Hand festhaltend -- mit -- Meyer zu konversieren, der sich zu ihnen gesellte, ruhig, wie durch ein Naturgesetz bestimmt? Er fühlte das wohlbekannte erregte Beben dieser manchmal so hilflosen kleinen Hand, fühlte, wie die Pulse in ihr zuckten und tanzten, blickte ratlos auf, sah Meyers undurchdringliche Augen auf sich gerichtet, -- auf sich und nicht etwa auf Therese, -- und senkte den Kopf in ratloser Bestürzung, in quälender Beschämung für sie, die da zwischen ihnen plauderte und lachte und nun nach Meyers herabhängender Linken griff als würde ihre Hand magnetisch hingerissen. »Die Kette ist gebildet«, dachte George dumpf. Spürte sie denn nichts von den Strömen, die nun durch ihre Hände aufstiegen, hielt ihr Herz es aus, daß in ihm Haß gegen Haß zuckte? -- Oh, aber da war kein Haß, wußte George, wieder zu Meyer aufblickend und erkennend: da war Mitleid, und ein sehr kühles Mitleid, und nur in ihm selber war dieses böse drohende Gefühl, das ihn jetzt hastig aufstehen ließ und Therese veranlassen, ihm zu folgen.

So war es an dem Abend bei Professor Michaelis gewesen, in dem Hause, das ihm lieb war durch irgendeine unbewußte Erinnerung an die ferne Karoline. »Du bist böse, Georgie?« hatte Therese in der Dunkelheit des Heimwegs zaghaft gefragt, -- woher kam ihr dies auf einmal, diese Zaghaftigkeit, ihr, die nie gezögert hatte ihn zu verletzen, weil eben sie es bisher noch nie für möglich gehalten hatte, daß ein Wort von ihr ihn verletzen _könnte_, so sicher war sie immer ihres guten Willens gewesen? »Therese,« sagte George gequält, »es ist dies, daß du dich auffallend viel mit Meyer abgibst. Kennst du denn nicht die Göttinger Klatschmäuler? Es ist nicht meinetwegen, bei Gott, -- ich weiß ja, ich bin ja sicher ...« log er und dachte dabei: »Therese ist ein Kind, Therese wußte nicht, aber jetzt ahnt sie, wie es um sie steht, und wenn sie völlig zu sich kommt, was soll dann aus uns werden?«

Und wie um es zu verhindern, daß sie sich rechtfertigte, in tödlicher Angst vor Auseinandersetzungen, sagte er heftig:

»Ich bin um deinen Ruf besorgt, meine Teure, du verspielst mit ihm auch den meinen. Und es ist meine Pflicht, dich zu warnen.«

Die Stimme aus dem Dunkel neben ihm kam warm und süß, -- so wie Theresens Gesicht und ihr Körper in diesen letzten Monaten erblüht waren wie Rosenduft im Juni, warm und süß: »Du selbst hast ihm und mir das Du vorgeschlagen und den geschwisterlichen Kuß erlaubt, Georgie, damals, an unserem Hochzeitsabend, erinnere dich. Und, oh, Georgie, -- er ist mir wie ein Bruder und nennt mich seine Schwester, -- und du ludest ihn ein, zu kommen, so oft er wollte, zum Essen täglich, und mir vorzulesen. Wo ist denn da das Böse, Georgie, -- wo?«

Er schwieg, denn er erstickte den Schrei, der in ihm aufstieg. Therese, wußte er zerbrochen, hat noch nie geliebt bis jetzt. Und Therese ist dennoch mein Weib geworden, -- und ich liebe sie. -- --

* * * * *

Mulowsky schrieb so voll höflichen Bedauerns, Biedermann, der er war, und beteuerte am Schluß seines Briefes den Gewinn, den er trotz des Fehlschlagens dieser schönen Pläne durch die Bekanntschaft mit dem Begleiter und Freunde Cooks gehabt habe. George würde einen ähnlichen Brief in gefaßtem Tone zurückschreiben, er entwarf ihn in Gedanken, als er in der Dunkelheit des Dezemberabends den Weg nach Hause suchte, von Heyne kommend, dem er das endgültige Scheitern seiner großen Aussichten nun doch hatte mitteilen müssen, ehe dieser böse Tag ganz zu Ende ging. Er entwarf den Brief, fieberhaft bemüht, seinen Geist zu beschäftigen und nicht in der fürchterlichen Leere der Zukunft zerflattern zu lassen und einer Versuchung zur Empörung zu erliegen, auf die, er wußte es wohl, er kein Recht hatte, denn: wem wollte er denn diese Vorwürfe machen, die aus ihm quollen wie schwarze Galle, wem die wahnsinnige Verzweiflung seines Herzens vor die Füße werfen, daß dies nun wieder nichts sei, daß man ihn wieder genarrt habe, -- der Kaiserin Katharina etwa? Er war doch kein Kind, das den Stuhl schlug, an dem es sich gestoßen hatte, -- aber, oh, mein Gott, wer, wer hatte denn Schuld, daß er immer und immer auf Sandbänke fuhr, wenn er die Segel spannte? Denn dies war nicht mehr begreiflich ohne Schuld, dies war Verhängnis, Strafe, Gericht! Gott versagte sich ihm, Gott schwieg und setzte allen seinen Hoffnungen, -- unschuldigen Hoffnungen gewiß, aus dem Willen zur Arbeit, zum Wirken, zur großen Tat geboren, -- ein stummes hartes Nein entgegen, wie eine Mauer, an der er hin und her irrte, schreiend ein Tor in die Gnade begehrend. Ich habe, dachte er mit bitterer Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die Stimme überschrien, als sie leise zu mir zu sprechen begann, damals in Wilna, als ich in demütiger Handlangerarbeit anfing, mich glücklich zu fühlen. Denn dies ist's, was er mir zugewiesen hat, Knechtschaft, und nicht Freiheit, leiden und nicht herrschen. Und wer mich anders sieht, der ist mein Feind! rief er halblaut, die geballte Faust gegen die Stirne pressend. Es gab keinen Menschen, der ihn so geliebt hatte, wie er wirklich war, -- außer vielleicht der Mutter. Ach, die Mutter! Er ging nun ganz langsam, ganz gelöst, hingegeben an die Erinnerung der einzigen, still atmenden Liebe, die um ihn gewesen war, wie Frühlingssonne um den Baum. »Du wolltest nichts von mir,« murmelte er, »_du wolltest nichts, als geben dürfen_ ...« Und wäre dies nicht Glück? fragte er plötzlich, das Antlitz lauschend erhebend, als habe er von irgendwoher Anruf und Botschaft empfangen, -- wäre -- dies -- vielleicht -- _das_ Glück? -- --

Ob er das Röschen nicht mit hinauf nehmen wollte, hörte er die Stimme der Pastorin Wagemann in die sonderbare Stille seines Herzens hinein fragen, kam zu sich und erkannte, daß er schon im Treppenflur des Hauses stand, auf dem Absatz vor der geöffneten Türe der Wagemannschen Küche, aus der heraus es festlich und schmalzkuchenhaft duftete. Die ganze Familie, um den riesigen Backsteinherd versammelt, schien sich dem Opferdienst der Zubereitung eines Silvestergebäcks zu weihen, selbst der Pastor stand da in Schlafrock und Pantoffeln und auf jedem Arm ein Kind, von denen eins das Röschen war und schlief, den kleinen Kopf vertrauend auf die Schulter des freundlichen Würdenträgers gelegt. Oh, die Demoiselle Tochter sei von der Liese heruntergebracht worden, die noch einen Gang machen zu müssen vorgegeben hatte, und die Frau Geheimrätin habe ja Besuch, kam die Erklärung der Pastorin, in der George irgend etwas störte. Er machte sich klar, daß es dies unnötig eingeschobene »ja« sei, -- die Frau Geheimrätin habe ja Besuch ... Aber was lag denn nur in diesem unschuldigen Wörtchen, fragte er sich in der Erschöpfung seines Gehirns vergeblich, indem er, Dankesworte murmelnd, dem Pastor das Röschen abnahm und sich auf einem hölzernen Stuhl niederließ. »Oh, hier ist es warm,« sagte er und blickte um sich, »und so wie zuhause, wissen Sie, als ich ein Knabe war.«

»Ich denke an Nassenhuben, wo mein Vater Pfarrer war«, erklärte er, bemüht, unausgesprochene Fragen zu beantworten, -- wenn man ihn doch nur ein wenig verweilen lassen wollte, ein wenig Zeit gewinnen! Jener Besuch dort oben mußte doch gewiß jetzt gehen und dann brauchte man ihm nicht zu begegnen! -- »Dort war die Küche auch so groß und niedrig und um den Rauchfang herum hingen die kupfernen Pfannen. Auch so ein Dreifuß stand manchmal über den Kohlen und der Schmalztiegel drauf«, sagte er zu dem ältesten Knaben, der an ihn herangetreten war und ihm ernsthaft zuhörte. »Nun, du bist schon groß und verständig, du mußt dem Herrn Papa wohl schon gehörig assistieren? Exzerptieren, katalogisieren, Manuskriptlein kopieren, -- haha, jaja, ich kenne es, mein Sohn, wir kennen es!«

Seine Hand, die er hob, um den blonden Kopf zu streicheln, griff ins Leere. Der Knabe war einen Schritt zurückgewichen.

»Ich spiele lieber,« erklärte er, mit großen Augen auf den Fremden blickend. »Der Vater hat mir einen hölzernen Degen gemacht und lehrt mich exerzieren.«

»Der Vater gedenkt selbsten gern der entschwundenen Kindheit,« redete der Prediger verlegen und rieb die Hände ineinander, »wer ein Paradies besessen hat, wünscht es seinen Kindern auch zu schaffen, wie der Herr Geheimerat es unschwer verstehen werden.«

»Freilich, -- freilich wohl,« murmelte George und sah in Röschens schlummerndes Gesicht.

»Der Herr Geheimerat sollte in dein Kabinett eintreten, Friedrich, du solltest mit ihm hineingehen. Er sitzt hier so hart und die Kohlen rauchen und die Lampe riecht so schlecht. Und ich und mein Schmalztopf, -- lieber Himmel, der Herr Geheimerat ist bessere Gesellschaft gewöhnt. Es könnte eins von den Kindern hinaufgehen, es melden, wegen dem Röschen und daß es ins Bett muß. Die Frau Geheimerätin hat ja Besuch ...«

»Ich muß hinauf!« George erhob sich hastig. Was hatte er hier unter Fremden Zuflucht gesucht? Und warum Zuflucht? Und warum ging er jetzt die Treppe so zaudernd, und doch so leise, als beschleiche er ein Wild? Und warum wankten seine Knie? Hatte Therese ihn nicht geküßt, als er ging? Und was -- was hatte sie doch gesagt:

»Du bleibst zum Abendbrot bei den Eltern, George?«

Therese -- erwartete ihn noch nicht zurück. --

* * * * *

Meyer hatte, den Pelz überwerfend, den Hut in der Hand das Zimmer verlassen, in steif aufgerichteter Haltung, mit seinem starren Blick auf ihn zutretend und sich sonderbar tief vor ihm verneigend, der regungslos, das schlafende Kind in den Armen, unter der Tür stehen geblieben war.

Therese, in dem erbarmungslosen Lichtkreis der beiden Armleuchter auf dem Kanapee sitzend, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und duckte sich zusammen, als könnte sie so den Zustand ihrer aufgelösten Frisur, den ganzen Zustand dieser selbstvergessenen Stunde verbergen.

Er war mit dem Röschen ins Nebenzimmer gegangen und hatte es auf sein Bettchen gelegt, in seinem wahnsinnig triumphierenden Schmerzgefühl, daß er recht gehabt, ja, daß er dies erwartet und gewußt habe, doch noch eine peinigende Beschämung für sie empfindend und den Wunsch, ihr Zeit zu lassen. Er hatte gemeint, entsetzlich ruhig zu sein. Er war zu ihr zurückgekehrt, die nun mit angstvollen Augen zu ihm aufblickte, hatte gesagt: »Es ist nun genug. Ihr könnt euch haben. Ich fahre morgen mit dem Postwagen nach Berlin. Du wirst dann von mir hören.«

»Oh, Georgie, -- oh! Ich weiß nicht, was du willst! Verzeih mir doch!«

»Du hast die Ehe gebrochen vom ersten Tage an!«

»Ich weiß nicht, was du willst!«

»Ich, -- o mein Gott! Ich war ein Narr, ein blinder Narr, weil ich vertraute.«

»Es ist Freundschaft allein!« --

Er war um den Tisch herumgekommen, hatte sein Gesicht dem ihren genähert und, ein Lächeln zeigend, das er noch fühlte wie ein tierisches Entblößen der Zähne, hatte er in ihre entsetzten Augen hineingefragt:

»Und -- war's also auch -- Freundschaft allein, daß du mir das Röschen geboren hast?«

»George!« hatte sie aufgeschrien, »jetzt vergißt du dich!«

»Wer hat sich wohl vergessen, -- wer? Und geh du nur zu deinem Vater und klage mich an! Ich werde ihm schreiben!« --

* * * * *