Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 27

Chapter 273,407 wordsPublic domain

Spielend, zärtlich, flocht sie ihre Finger in seine. »Drei bis vier Jahre? Ach, George! Aber es gilt deinen Ruhm und die Wissenschaft! Du sollst sehen, wir werden tapfere Frauen sein, das Röschen und ich!«

George hatte sich erhoben. Er sah auf sie nieder mit seinem unsichern Blick gütevollen Staunens, er wandte sich ab, er schritt im Zimmer auf und nieder.

»Tapfer? Tapfer?« dachte er ratlos, -- »sie -- freut sich ja! Sie freut sich -- daß ich gehe ...«

Sie freute sich nicht, daß er ging, befahl George nach einer Viertelstunde der Verzweiflung in seinem Kabinett seinem Herzen zu glauben, nachdem er sich an der alten Vorspiegelung gestärkt hatte: Therese ist ein Kind! Therese war ein Kind, und das Neue dieser Aussichten, die unfaßbare Veränderung des Daseins, die bevorstand, hatten sie verwirrt. Wie hatte er sich so täuschen können? »Der Mut meiner unvergleichlichen Therese unterstützt mich in allem,« schrieb er gleich darauf am Schluß eines in fliegender Eile an seinen Schwiegervater hingeworfenen Briefes mit den Neuigkeiten dieses Tages und fügte ein Erkleckliches an Beruhigungssätzen über die Sicherung von Gegenwart und Zukunft hinzu. Oh, wie sehr recht hatte ein Vater, sich um das Glück seiner Tochter zu sorgen! Mein Röschen! dachte er in Bewegung. Nur ein Vater konnte ein Vaterherz verstehen! Indes, nun die Rührungen beiseite geschoben, es galt, sogleich an Sömmerring zu schreiben, den er dem Kapitän als begleitenden Arzt vorgeschlagen hatte, galt, Jubel auszuströmen in die Brust des Getreuen, der wie kein anderer begreifen würde, was dies hieß, was dies zu bedeuten hatte, als wissenschaftlicher Leiter mit unbeschränkten Vollmachten einer Expedition vorzustehen, die mit fünf Schiffen ausgerüstet als eine Kriegsflotte der Aufklärung gegen die Rätsel des Erdballs ziehen würde. Rausch und Taumel überkamen ihn bei der Versenkung in die Macht, die da auf einmal in seine Hände gelegt war. Einen Astronomen, Unterärzte, Zeichner, Jäger, Ausstopfer, Gärtnerburschen, ja vielleicht auch Bergleute galt es anzuwerben, -- ha, jetzt sollte manch einer es erleben, daß er gut daran getan, dem Forster Dienste zu erweisen, daß der Forster sich zu erinnern verstand! Er beschloß und notierte es sich, daß er eine gehörige Summe fordern wollte, um seinen Mitarbeiterstab durch Verleihung kleiner Geschenke und Pensionen geschmeidig zu erhalten. Schlug er etwa den guten alten Wales in London -- er würde doch noch leben? -- als Astronomen, -- den jungen, ihm so treu ergebenen Dr. Mayr in Prag als Botaniker vor? Und welche Aussicht, dem Bruder Karl eine Stelle als ^surgeon's mate^ zu verschaffen, konnte er als Sömmerrings Gehilfe nicht Unschätzbares profitieren!? Der Vater, dachte George, schier atemlos von dem Wirbel seiner Gedanken, der Vater wird's nicht zugeben! Und wie ein Wolkenschatten zog die finstere Gestalt des eifersüchtigen König Minos über die Gefilde seines Glückes. Gleich darauf riß er Schiebladen auf und begann, planlos Papiere herauszunehmen, durchzusehen, zu vernichten. Aber dies hat Zeit! dachte er plötzlich beschämt und tat alles wieder an seinen Ort. Besser war's, eine Liste der zur Fahrt nötigen Bücher und Instrumente aufzustellen, oder mit allem Fleiß seine der russischen Regierung vorzulegenden Bedingungen noch einmal durchzuarbeiten, oder ein Verzeichnis der Gegenstände zu machen, die vor der Abreise hier zu verkaufen waren, -- denn natürlich dachte er nicht daran, unnötigen Ballast in die befreite Zukunft hineinzuschleppen, und was war nicht alles Ballast in diesem Augenblick, -- die Hälfte seiner Bücher und Sammlungen gewiß, und der größte Teil des Ameublements! Das alles würde in den nächsten Monaten für gutes Geld loszuschlagen sein, unter der Hand und ganz ohne Aufsehen, denn er mußte seine Vorbereitungen heimlich betreiben, bis die russische Regierung mit der Erziehungskommission abgerechnet und ihn losgekauft hatte, -- Himmel, Therese würde doch nicht etwa schon mit der Langmayer geschwatzt haben! Er rannte hinüber, auch in dem unbewußten Verlangen nach Röschens kleinem Apfelgesicht, -- wenn ich wiederkomme, dachte er mit jähem Erschrecken, ist mein Röschen fast sechs Jahre alt! Nein, Therese hatte mit keiner Seele geschwatzt, sie saß im Gärtchen, das Kind an der Brust, den Blick ganz still auf ein Beet voll blühenden Lavendels gerichtet. »Ich _will_ doch nicht an den Vater denken und an seine ridikülen Passionen!« dachte George, den es von jeher ein wenig verstimmt hatte, daß Therese die Vorliebe für dieses Kraut mit dem Alten teilte und daß denn dieser Duft der Duft aller guten und bösen Tage zu sein schien.

Therese hob den Blick zu ihm und da sah er, daß ihre Augen voll Tränen standen: »Wir kommen nach Deutschland, wir kommen heim!« flüsterte sie gebrochen, und da war es auch um seine Fassung geschehen. Er kniete neben ihr, er küßte ihre Hände, das Röschen jauchzte und griff in seine Haare, sie lachten und weinten miteinander. »Alles wird gut, alles wird wieder gut!« zog es befreiend durch sein Herz. Unendliches wollte besprochen sein, im Umsehen war der Abend da, und mit ihm noch einmal der Kapitän, zunächst zugeknöpft wie ein Engländer. Aber der Tee schmolz sein russisches Herz, er begann zu fabulieren; Katharina war seine Himmelskönigin und er wollte ihr den Erdkreis erobern. Er sei ein natürlicher Sohn des Fürsten Czernitscheff, des Vizepräsidenten des Admiralitätskollegiums, -- oh, der Herr Geheime Rat sollte nur fordern, fordern, fordern, es würde alles unterschrieben werden. Drei Küsse besiegelten den Bund, als die zukünftigen Weggesellen sich trennten. »Dieser Mann«, sprach George noch vor dem Einschlafen in die Dunkelheit hinein, von seinem aufgewühlten Herzen getrieben, »wird mir Freund und Bruder werden. Ihn und unseren Sömmerring an meiner Seite wissend kannst du getrost mich ziehen lassen, Therese. Therese, -- aber schläfst du denn schon?«

* * * * *

Nun, da er dem Abgott seiner Jugend geopfert hatte, in dem Augenblick, da die Übersetzung der Cookschen Reisebeschreibung als ein stattliches Konvolut bereit lag, an Spener abgesandt zu werden einschließlich seines Aufsatzes über jenen Tapferen, der mehr war als eine bloße Würdigung, der eine Huldigung war und ein Dank des armen kleinen George aus den fernen Tagen, -- einschließlich auch der allergnädigst akzeptierten Widmung an des Kaisers Majestät zu Wien, die Therese durchgesetzt hatte, -- ja, als ob mit diesem Zeitpunkt das Schicksal freie Hand bekommen hätte, so hatte es ihn ergriffen und dorthin gestellt, wo sein Held gestanden hatte, mitten in ein Leben der Tatbereitschaft und des Wirkens. Er hatte so lange im Schweigen Gottes gelebt, daß er mit ungläubigem Staunen wahrnahm, wie alles sich so glatt abwickelte, wie die Kommission ihn, obschon mit unendlichen Ausdrücken des Bedauerns, der Höflichkeit und Versicherungen seiner Unersetzlichkeit losließ und das russische Geld einsteckte; daß er es kaum fassen konnte, als er die Kisten mit seinem persönlichen Eigentum, -- -- oh, welche Wäscheausstattung hatte Therese in den wenigen Wochen zustande gebracht! -- nach Kopenhagen abfertigte, wo sie Mulowsky, mit seiner Flottille von Petersburg kommend, gleich an Bord nehmen sollte; daß ihm die Gedanken stockten bei der Vorstellung, daß, wenn er Therese nach Göttingen gebracht hatte, wo sie bei den Eltern bleiben sollte, er dann im Oktober zusammen mit Sömmerring nach London gehen und dort die letzten, wichtigsten Vorbereitungen treffen würde. Er, nun so großer Dinge gewürdigt, ward in diesen Wochen von einem blinden Triumphgefühl getragen, als habe er dies alles hart erkämpft und nicht nur -- herangeduldet. Er vergaß alle seine körperlichen Leiden oder sie gingen unter in dem Aufstrom von Kraft, der durch seine Adern brauste. Er sang und pfiff bei der Arbeit, -- ach, ^The Rakes of Mallow^ und Larry droben im Takelwerk! -- seine Phantasie spielte, er spürte bis ins Mark den stählenden Atem der Wogen, roch Salzwind und Teer und Kaffeesäcke und fremde Hölzer, Gewürze und Tiere, sah vor Augen die wilden, schönen Menschen der Inseln, spürte ihre erregende Ausdünstung, dachte an die Starostin, an die Tatarin, lief zu Therese, um sie an sich zu pressen und ihr etwas ganz und gar Überflüssiges von dem häßlichen Kreischen der Papageien in den Urwäldern Surinams zu erzählen, von Schlingpflanzen, Affennestern, Giftschlangen und Vöglein Kolibris, die aus Becherblüten Honig tranken, sagte träumerisch und unverständlich: »Also so, -- so war es dem Vater zumut, damals, als ich nichts begriff ...« und ward nur in den Nächten manchmal von Zaghaftigkeit überfallen, in den Nächten, wenn bei der süßen, leisen Musik der Atemzüge von Weib und Kind ihn die Vorstellung überkam, daß die großen Winde draußen über den Meeren tanzten und kein Erbarmen hatten und nicht wußten, daß einer zurückkommen mußte zu Therese und zu dem kleinen, kleinen Kinde.

Dann wieder überkam ihn das Glück ausschließlich in Gestalt der Vorstellung, daß diese Hölle von Wilna nun zu seinen Füßen lag, -- »denn,« sagte er in Langmayers runde Augen hinein, »es _war_ eine Hölle für mich, Freund, und alle meine Anpassung an meine unwürdigen Verhältnisse nur eine Form der Verzweiflung.«

Langmayer, demütig zustimmend, wagte zu bemerken, daß jede Hölle ihm durch seine Miezi zum Paradiese werde, ein Argument, das George überhörte. Daß er nahe daran gewesen war, hier auch sein Paradies zu finden, wennschon nur in seiner Phantasie, nun, wen ging das etwas an? Er, der zurückgefunden hatte auf den harten männlichen Weg der Dalrymple und Cook, er hatte sein Paradies im Reich der Ideen und nicht zwischen Tisch und Bett. Er opferte sein Behagen der Wissenschaft, -- wußte Herr Langmayer, was es damit auf sich hatte? Zugleich empfand er es Tag und Nacht mit einem Taumel des Entzückens, daß Therese einen neuen Menschen in ihm entdeckt zu haben schien, daß sie seine rastlose, beschwingte Tätigkeit mit einer heimlichen Bewunderung begleitete, die sich in kleinen Zärtlichkeiten Luft machte. Daß sie seine Pläne ausbauen half und sich nach seinem Sinne einrichtete, -- so verzichtete sie ohne weiteres auf ihren Wunsch, die Jahre der Trennung in Gotha bei den Freunden Reichardt zuzubringen, da es ihm lieber war, sie in Göttingen zu wissen, -- und er ging unter in der seligen Täuschung einer endlich erreichten, vollkommenen Vereinigung. Die Abschiedsvisiten lagen hinter ihnen, auch die letzte, feierlichste beim Fürsten Primas im Lustschloß Werki, eine Stunde vor Wilna, -- sie verbrachten die letzte Nacht in den Gastbetten der guten Langmayers, sie konnten nicht einschlafen und zählten sich die Wonnen des Wiedersehens, die auf dem Wege bis nach Göttingen lagen, auf. Und hingerissen und verführt von der schelmischen Anmut, die die unbändige Freude ihr gab, in der hellen nordischen Sommernacht auf sie niederblickend, die in seinem Arm lag, sagte George in irgendeiner unbedachten Eingebung, so wie man ein Spielzeug vor einem Kinde tanzen läßt: »Nun, und Assad, -- Assad! Therese?« und erschrak gleich darauf vor dem Ernst, der auf ihre Züge fiel wie Reif.

»Assad?« fragte sie langsam, »nun, -- liebst denn du ihn nicht, George?«

»Assad ist mein Freund und Bruder, Kind!« sagte George und küßte ihre Schulter, »ich weiß es ja, wem du gehörst ...«

»Ich weiß es ja,« wiederholte er tröstend und fragte sich zugleich, wen eigentlich er trösten müsse? -- »wir beide lieben Assad, ja, wir beide!«

* * * * *

»Schwerlich, schwerlich!« sagte George, denn ihm dünkte, dies müsse eine passende Antwort sein, auf das, was Lichtenberg soeben zu ihm gesagt hatte, etwas, das zweifellos den Inhalt gehabt hatte, daß die Familie Forster keinen Zeitpunkt hätte finden können, geeigneter zu einer festlichen Heimkehr nach Göttingen, als diese Tage des Universitätsjubiläums im September 1787 und des Taumels sämtlicher Fakultäten. Denn dies war's doch, womit alle Menschen bisher ihre Gespräche mit ihm eingeleitet hatten, und was sollte Lichtenberg denn anders gesagt haben zu ihm, der hier an der Wand des Saales lehnte und allem Anschein nach entzückt in das Getriebe des Tanzes sah? Möglicherweise aber hatte Lichtenberg auch gefragt, warum er, George, nicht teilnähme am Tanz, und mit erhobener Stimme, um sich durch das Gefiedel der Musikanten hindurch verständlich zu machen, setzte er hinzu, während ein Lächeln an seinem Gesicht zerrte und er mit der Hand zur Schläfe fuhr, hinter der dieser boshafte Schmerz wieder einmal wütete: »Ich bin durch meinen Aufenthalt unter den Wilden denn doch um die Erwerbung einiger Vorzüge gekommen, Verehrtester, in deren Besitz der deutsche Europäer sich glücklich fühlt. So bin ich niemals konfirmiert worden und verstehe mich nicht auf die Kunst des Tanzens.«

»Ich stellte mir soeben vor,« fuhr er einigermaßen geschwätzig fort und ließ seine brennenden Augen unruhig durch die Reihen der Tanzenden schweifen, »was für einen Effekt wohl der neuseeländische Hundetanz machen möchte, ausgeführt von den Greisen der vier Fakultäten, haha!« Er nahm Lichtenberg am Arm und zog ihn mit sich fort. »Vergebung, Freund, ich habe heute abend ein wenig den ^spleen^ und meine Imagination ist schon wieder so ganz in der Südsee. Ich denke daran, daß ich bald die halbe Wölbung des Erdballs zwischen mein Weib und mich gelegt haben werde, und bedaure es ein wenig, nicht mit ihr tanzen zu können. Nehmen wir zusammen ein Glas Wein!«

»Nehmen wir ein Glas Wein! Nehmen wir es auf Georgia Augusta und auf Ihren neuesten Ehrendoktor! Den Sie sich wahrlich verdient haben, Freund, -- oh, nicht allein durch das Faszikel dieser süperben Präparate magellanischer Pflanzen, um das Sie Ihre Sammlungen beraubt und die unseren bereichert haben! -- auch nicht allein durch Ihren Vortrag, der freilich ^magnifique^ wirkte nach dem langweiligen Blumenbach! Immerhin danke ich den Göttern, daß wir den offiziellen Teil hinter uns haben!« --

»Ich fragte Sie, lieber Freund, soeben nach dem jungen Eluyar, mit dem Sie, wie Therese mir erzählte, in Dresden zusammengetroffen sind, und Sie haben mir darauf >schwerlich, schwerlich< geantwortet«, hub Lichtenberg schmunzelnd von neuem an, als sie in einer Ecke des Nebenraumes saßen. »Sie haben mir sodann ausführlich Ihr Bedauern darüber geäußert, nicht tanzen zu können, und ich erwidere Ihnen nunmehr, sachlicher als Sie, daß ich dies Bedauern nicht teilen kann, und es nur mit Beifall begrüße, Sie gleich andern vernünftigen Männern ihre Lust beim Weine anstatt bei jenem würdelosen Gehüpfe suchen zu sehen. Der Tanz steht unter den Belustigungen den triebhaften Liebesspielen der Tiere am nächsten. Ihre Wilden bringen das zweifellos noch unbefangener zum Ausdruck als wir.«

»Sie wackeln mit dem Steiß und gehaben sich auch sonst sehr deutlich,« sagte George und spähte düster nach der offenen Tür, an der die Paare bunt vorüberwirbelten, »aber unser Tanz ist im geheimen tausendmal schamloser, glauben Sie mir!«

»Und wie war's mit dem jungen Eluyar?« Lichtenberg blickte an ihm vorüber.

»Der junge Eluyar ist ein edler Mensch und mein Freund! Oh, Sie erinnern mich an göttliche Stunden«, George wandte sich dem andern nun voll zu. »Er war bei unserer Rückkehr aus dem Exil der erste Gruß eines geistigen Europa an mein verschmachtetes Herz! Gebildet im schönsten Sinne, feurig und dennoch gelassen. Ich hatte nicht erwartet, bei einem Spaniolen diese Gründlichkeit der Kenntnisse anzutreffen, diese Beschlagenheit auf allen Gebieten. Er war zudem in einer ähnlichen Lebenslage, wie ich -- es kürzlich war,« sagte George nun zögernder und starrte wieder nach der Tür, »soeben verheiratet und in den ersten Erfahrungen der Seligkeit mit einer geliebten Frau. Wir tauschten unsere Herzen aus ...«

»Ihre Fähigkeit zum Enthusiasmus hat in Polen nicht gelitten.«

»Oh, er ist dort geschont worden und hatte keine Gelegenheit, sich abzunutzen, dieser Enthusiasmus. Freund, wie glauben Sie, daß mir zumute ist, wieder redliche Seelen um mich zu wissen und nicht mehr Jesuiten?«

»Ich würde an Ihrer Stelle mich dieser Gewißheit nicht allzu optimistisch überlassen,« Lichtenberg kniff, seinen Wein kostend, vergnügt die Augen halb zu, »der Jesuitismus ist trotz Herrn Nicolai und der streitbaren Kurländerin weniger eine ausrottbare Ordensangelegenheit, als eine allgemeine Eigenschaft der menschlichen Natur. Der Jesuitismus ist«, sagte dieser Filou und bewegte schalkhaft den Zeigefinger, »sonderlich ein Grundbestandteil der weiblichen Natur und ein verheirateter Mann ist dem nun einmal ausgeliefert. Der Weise rechnet damit.«

»O, ich verkaufe meinen Glauben an das Herz nicht um Ihre Menschenkenntnis!« rief George voll Bitterkeit und fuhr im selben Augenblick leicht zusammen. Wie von einer Woge der Musik hereingespült war aus dem Saal ein Paar in dies Kabinett geeilt und beim Anblick der beiden einsamen Zecher in plötzlichem Zaudern stehengeblieben, als hätte es den Ort verlassen geglaubt.

»Oh, Therese!« sagte George sonderbar langsam und erhob sich schwerfällig, »du suchtest mich? Mein lieber Meyer, -- nehmt doch Platz. Ihr -- seid erhitzt, -- Ihr wünscht etwas zu trinken?«

Und stehend neben seinem Stuhl verharrend, blickte er in unschlüssiger Hilflosigkeit auf Therese nieder, die da schon gegenüber von Lichtenberg saß, mit unruhigen Händen ihre Frisur ordnete und den leichten silbergestickten Schal um die zarten Schultern zog.

»Wir stören das erste Sichwiederfinden zweier schöner Geister, ich wette!« rief sie aus und ließ ihre Augen zwischen Lichtenberg und George wandern.

»Warum stehst du so gebrochen da, mein Freund?« Und bemüht, dieses sonderbare Gespräch stummer Blicke zwischen George und Wilhelm Meyer zu beenden, Meyern, der ebenfalls noch stand und sehr aufrecht mit einem rätselhaften Erzengellächeln seiner blauen Augen auf den in sich gebückten George sah, drängte sie: »So setzt euch doch! Wie ist dein Kopfweh, George? Ach, Assad, wenn du das Fenster schließen wolltest, dieser kühle Luftzug tut unserm Freunde unmöglich gut! Oh, unser deutscher Walzer, George, -- was sind alle Mazurken dagegen! Du erlaubst doch, Lieber?«

Sie führte sein Glas an die Lippen, sie lächelte ihn an, ihre Hand suchte seine. Eine Woge von Entzücken sprengte den Reifen, der um seine Brust gelegen hatte; er lachte, er stürzte den Rest des Weines hinunter und setzte das Glas mit solchem Schwung und Nachdruck nieder, daß es zersprang. Er saß neben ihr, er hielt ihre Hand fest, er redete, eifrig, demütig: »Ich bin glücklich, dich hier zu wissen, Assad. Wenn der Ozean um mich brandet, wird der Gedanke mich stärken: Therese ruht im sicheren Hafen, treue Freunde schützen mein Weib und mein Kind.«

»Komm doch häufig zu uns, Teurer,« sagte er in das seltsam ratlose Schweigen der anderen hinein, »sieh, wie wir leben, nimm dir ein Beispiel an unserm Glück! Ich werde dir dankbar sein, wenn du Therese auf ihren Spaziergängen begleitest, ich bin von meinen Reisevorbereitungen übermäßig in Anspruch genommen, -- lies ihr vor, ich werde dabei sein, wenn ich kann. Höre, Assad, -- aber du willst gehen, -- warum geht er denn, Therese?«

Mit einer kurzen Entschuldigung war Meyer aufgesprungen und hinausgeeilt, in dem Augenblick, als die Musik aufhörte und die Menge der Tanzenden plaudernd und lachend hereinströmte. »Er scheint da doch irgendwo interessiert zu sein,« sagte George, ihm nachblickend, »was meinst du, Therese, ist es eine von den Gatterers oder am Ende gar die gelehrte Dorothea?« Aber da nun der alte Heyne, am Arm die Professorin Wrisbach, an den Tisch trat, den Schwiegersohn auf die Schulter schlug mit dem Aufruf: »Hier verbirgt sich das Turteltaubenpaar, ei, ei, da kann man freilich lange suchen!« und: »So lob' ich mir's, Töchterchen, hast dem ^petit maître^ den Laufpaß gegeben und deinen Forster gesucht!« so ward Therese der Antwort völlig überhoben.

* * * * *

Er wollte nicht zu Professor Büttner gehen, wie er daheim zu Therese gesagt hatte, er fühlte sich heute weder den Anforderungen einer gelehrten Konversation, noch der Hundeatmosphäre im Studio des Alten gewachsen. Er ging auch nicht zu Heyne. Ihm war nicht nach tabaksqualmumwölkten philologischen Erörterungen zumute und er hatte keine Lust, sich von jedem Besucher, -- und immer waren dort Besucher! -- auf die Schulter klopfen und beglückwünschen zu lassen, zu seiner Heimkehr aus Sarmatien, zu seinen Aussichten, zu -- seinem Weibe. Warum überhaupt, meditierte er irgendwie erregt und weit ausschreitend, warum fühlte sich jetzt jedermann nicht nur gedrungen, sondern auch berechtigt, ihn auf die Schulter zu klopfen, sei's im Ton der Rede oder mit der Gebärde? War er etwa jünger geworden, hatte er eingebüßt an Verdienst, an Haltung, an Würde? Warum hatte Karoline Michaelis, die nun des wackeren Böhmer Gattin und aus ihrem Klausthal am Harz nur vorübergehend nach Göttingen gekommen war, ihn gestern beim Wiedersehen im Hause Gatterer so besorgt betrachtet, so aufmunternd zu ihm gesprochen, als sei er mütterlicher Betreuung bedürftig? Und: »Guter Forster!« hieß es allenthalben, »der gute Forster« an allen Ecken und Enden, und: »Forster, mein Guter!« rief ihn Therese über den Tisch hinüber an, oh, hatte er sich denn je im Leben dieser Bezeichnung weniger wert gefühlt, als gerade eben? »Karoline freilich«, schaltete er mit einem Aufatmen in seine Gedanken ein, »wird wohl jeden streicheln und betreuen wollen, dem sie ein wenig gut ist, -- und ich glaube, sie war mir ein wenig gut, einst, ehe ich ...«

Seine Gedanken wurden zu Vorstellungen. Er sah einen Frühlingsgarten, sah Therese, sah Karoline vor sich stehen. Zog er Vergleiche? Lächerlich! Sie war die Doktorin Böhmer, er war Theresens Gatte. -- »Was bin ich noch?« dachte er angestrengt, während seine Füße im Herbstlaub rauschten und sein Blick unruhig den Himmel suchte zwischen den entblätterten Wipfeln der Kastanien, und wußte im Hintergrunde seines Bewußtseins ganz wohl, welche Antwort er von seinen Gedanken erwartete, welches Spiegelbild er zu sehen wünschte. »Den jungen Forster« etwa, wie einst, als diese Formel eine Vorstellung von Tapferkeit, Geist und Gunst der Götter ausdrückte, »den Pionier der Kultur«, gewiß! und den »Bannerträger der Aufklärung in die Nacht der Barbarei«. Indessen kam nur eine Antwort mit der Aufdringlichkeit eines repetierenden Uhrwerkes und seine eigene Einsicht ließ nicht ab, ihm zu versichern, er sei Theresens Gatte und Herrn Meyers Freund und Bruder.