Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 25

Chapter 253,138 wordsPublic domain

Ein Abendessen im kleinen Kreise guter Freunde, ein Zusammensein in Heiterkeit und Herzlichkeit bei vorzüglichem Essen und gutem Gespräch, -- bis Mitternacht bei dampfendem Punsch um den summenden Samowar gesessen, gelacht, gesungen, ein Spielchen getan, -- dies, sinnierte George, als er an einem Januarabend Anfang 1787 bei Kerzenlicht noch einmal an seinem Pult stand und Ordnung unter den Papieren machte, wozu er vorhin in der Eile nicht mehr gekommen war --, dies ist's, was nach einem angestrengten Tage wahrhaft Erholung und Harmonie des Gemütes verschafft! Er pfiff mit vergnügtem Gesicht ein wenig vor sich hin, er hatte den Spleen gehabt und seine Satire gegen Polen spielen lassen, trotz der Gegenwart von Régnier und Strzecky, Langmayer hatte ihn grob und ehrlich unterstützt und wahrhaftig, Régnier hatte den früheren Kammerdiener nicht verleugnet und war geschmeidig auf den Ton des Gastgebers eingegangen, bis ihn ein Wort von Langmayer auf die Nase traf, wie die Eichel den Bauern, der unter der Eiche schlief: Oh ja, Land, miserabeles, wo es genügt, hohe Herren gut rasiert zu haben, um Professor der Chirurgie zu werden! Régnier, der ehemalige ^valet de chambre^ des Fürstbischofs und nun sein, eines Forster, Kollege an der ^Alma mater^, haha, er hatte zum ersten Mal seiner gascognischen Schlagfertigkeit entraten und es hatte der ganzen Gewandtheit Theresens, der ganzen erschrockenen Milde des Präsidenten bedurft, um die Konversation wieder in harmlose Bahnen zu leiten, etwa, -- Himmel, wie weit holte der gute alte Mann aus! -- zu den Sternen der südlichen Hemisphäre und der ^Aurea australis^. Da war George nun freilich ins Schwärmen geraten und dann hatte er wieder einmal des eigenen Wesens Schatz verspürt, aus dem heraus er unerschöpflich geben konnte, hatte wieder die Augen des ganzen Kreises gläubig und hingerissen auf sich gerichtet gesehen, besonders die der Langmayer und der Régnier, die, aufgeplustert nebeneinander auf dem grünen Kanapee sitzend, bisher unermüdlich miteinander geklatscht und gekakelt hatten und den Zwischenfall überhaupt nicht bemerkt ... Lieber Gott, das waren doch gute Kinder, die Langmayer in ihrer allerliebsten Rundlichkeit, die immer so viel Heimweh nach Kipfeln und Backhähndeln hatte und ihn mit ihrer Mundart und Molligkeit immer an die kleine Mimi Born denken ließ --, die Langmayer eben, mit der alle Unterhaltungen unfehlbar auf den einen elegischen Schluß hinausliefen: »Es gibt halt nur ein Wien, -- geltens, Herr Professor?« Und die Régnier, deren erstes Kind so alt war wie das Röschen, schien schon wieder in der Erwartung, das rührte ihn heute so. Régnier war ^au fond^ doch ein braver Kerl, wenn schon mehr ein Feldscher als ein Mann der Wissenschaft, und er gönnte ihm sein häusliches Glück. Häusliches Glück überhaupt, das war's, was einzig die Erde zur Heimat machen konnte, möge diese Zufluchtsstätte liegen, wo immer sie wolle, meinetwegen auf Feuerland --, oh, nein, unterbrach er sich selbst erschrocken, aber jedenfalls, auch in Polen ließ es sich leben und sterben, wenn einer in des andern Liebe den Schlüssel zum Paradiese besaß. Seit Therese das Kind hatte, seit sie in der körperlichen Prüfung des Wochenbettes durchaus nicht gestorben, sondern mit verdreifachten Lebenskräften daraus hervorgegangen war, war sie da nicht durchströmt von Zufriedenheit, schien sie nicht völlig aufzugehen in dieser Verzückung für das kleine Wesen, schwiegen nicht seit langer Zeit alle Wünsche nach Deutschland zwischen ihnen? Das Kind, dachte er, in Zärtlichkeit verloren, o ja, das Röschen! Freilich, es sollte nach Deutschland, wohin es gehörte, sobald seine Seele erwacht war, sollte nicht hier verkümmern zwischen Sarmaten und Römlingen! Einstweilen war ihm wohl, wo nur die Sonne schien, und -- auch in Polen schien die Sonne und der Garten der Kindheit blieb hold und heimatlich im Schoße der Erinnerung. War nicht ihm selbst sein dürftiges Nassenhuben eine Insel des Friedens und der Reinheit, trotz allem?

Der späten Stunde vergessend, begann er, mit den Händen auf dem Rücken auf und nieder zu schreiten. Wärme überkam ihn, Gefühl des Besitzes, der Wurzelhaftigkeit. Er musterte die Bücherreihen, streichelte die Geräte, die Möbel, die so schweigsam und bescheiden ihm dienten, mit den Augen. Er liebte sie, er pflegte sie durch Ordnung, auch das kleinste Ding hatte seinen festen Platz. Er hatte es erreicht, daß sein Tag sich mit federndem Rhythmus abspielte. Weit hinter ihm lag das Nebelmeer der Schwärmerei mit seinen Untiefen, er war ein Mann geworden, er stand fest, er breitete sich aus. In dieser sonderbaren Stunde fühlte er sich jeder Arbeitslast gewachsen. Er wollte nun Ernst machen mit der Ausübung der medizinischen Praxis, womit er in innerer Unsicherheit immer noch gezaudert hatte, obgleich er sich schon vor zwei Jahren auf der Hochzeitsreise in Halle den dazu nötigen Doktortitel geholt hatte. Langmayer hatte ihm heute wieder zugeredet, es zu tun, vielleicht nur, um Régnier zu sekkieren, der der Vorstellung eines neuen Konkurrenten mit säuerlichem Schweigen begegnet war. Nun, ich werde ja nicht begehren, zu operieren, mein Herr Professor und Bartscher, dachte George vergnügt, wohl wissend, welche Art der Praxis ihm in der Gesellschaft von Stadt und Umgegend blühen würde, -- Damenpraxis, leichte, aber einträgliche Fälle! Zweihundert bis dreihundert Dukaten für eine glückliche Kur waren durchaus nichts Ungewöhnliches, er wußte es von Langmayer; zwanzig bis fünfzig Dukaten waren gemeine Einnahmen. Oh, Gott möge ihm verzeihen, wenn er's nicht rein aus Liebe tat, -- aber Polen einst schuldenfrei verlassen zu können, war das nicht auch ein gottgefälliges Ziel?

Ich muß es Therese erzählen, daß ich mich entschlossen habe, vielleicht, daß es sie freut, dachte er, die Kerzen löschend und in der Dunkelheit den vertrauten Weg ins Schlafzimmer suchend. Ob sie noch wachte? Wie charmant sie heute Abend wieder die Wirtin gemacht hatte, war nicht Strzecky, dieser alte Abbé, völlig verliebt in sie gewesen und hatten nicht die Régnier und die Langmayer neben ihr gesessen wie schwerfällige Lummen neben einem blitzenden wippenden Strandläufer? Am Ende hatte sie am Klavizymbel gesessen und übermütig trommelnd ihn und die ganze Gesellschaft zu unauslöschlichem Gelächter hingerissen, während die Régnier den Präsidenten in seinem langen Priesterrock nach dem Marsch aus den Deux Avares durch's Zimmer führte, verschämt-feurig mit den großen Kirschenaugen rollend, während der Alte so zierlich trat wie eine Dohle im Schnee und zu seiner eigenen Entschuldigung etwas vom Wandel der Sphären dozierte und den König David namhaft machte. »Habens eine Ahnung von ein Jesuitel!« hatte die Langmayer atemlos gekreischt, -- ja, Therese, sie war ein Genie der Geselligkeit, es machte ihr Plaisir, die Leute durcheinander zu bringen, und daß sie glücklich war, lag auf der Hand. >Ich bin's, der sie glücklich macht,< dachte er noch gerade voll Zufriedenheit, die Klinke schon niederdrückend, nachdem ein feiner goldener Streifen am oberen Türrand ihn belehrt hatte, daß drinnen noch Licht brannte. Und, so dachte es in irgendeiner Unterströmung seines Wünschens, -- die Régnier ist schon wieder in anderen Umständen ...

»Therese!« rief er halblaut und erschrocken aus und war mit zwei Schritten neben ihr, »was ist dir, Kind?«

Sie saß auf dem Bettrand, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände vergraben. Jetzt, da er, ratlos, den Arm zart um ihre zuckende Schulter legte, wandte sie sich hastig ab, warf sich in die Kissen und schluchzte weiter, schluchzte wie von Eruptionen einer körperlichen Verzweiflung geschüttelt, schluchzte wie ein Mensch, der sich nun einmal auf Gnade und Ungnade einer dunkelen Gewalt überlassen hat, die er sonst zu bändigen pflegt, ja, hingegeben schluchzte Therese, hingegeben an diesen Ausbruch einer wilden Traurigkeit, darin rasend, taumelnd, schreiend in einer Art bacchantischer Gelöstheit, mit den Händen schlagend, den Kopf drehend und zurückwerfend, Laute ausstoßend, hohl, drohend, anklagend, als stände sie nackt vor Gott und wiese ihm ungeheures Elend, -- so schluchzte Therese, -- Therese, die ein Kind war, lachend sonst, schwärmend, spielend, Therese, die glücklich war, die er glücklich machte, Therese ...

George, in namenlosem Entsetzen, zurückgebogen nach dem Fußende des Bettes, die Arme steif von sich gereckt, die Hände ineinander gerungen, erstarrt in der eisigen Strömung dieser fürchterlichen Offenbarung, George stammelte hilflos, mit kleiner Stimme, jammernd: »Therese! Aber Therese ...«

»Oh!« rief Therese. »Oh! Oh!«

Irrsal. Verlassenheit. Beschwörung. --

Und dann weinte sie stiller.

George gewann Zeit, sich zu sammeln, aber er ließ seine Augen wandern und fühlte, daß er nicht wußte, was er hiervon halten sollte, daß er müde war, ja, und daß ihn fror. Da stand sein Bett, schneeweiß, einladend aufgedeckt, -- wie, wenn er sich geschwind auszöge und die Erklärung von Theresens Kummer unter der Federdecke liegend empfinge? Unsicher indes, wie Therese dies aufnehmen würde, drängte er solchen Wunsch zurück und begann ganz leise den Rücken der Halbliegenden zu streicheln, indem er in die Kerzenflamme starrte und mit dem Gähnen kämpfte. Und fast erschrak er, als das Weinen plötzlich aussetzte und Therese sich so schnell aufrichtete, daß seine Hand von ihr abglitt, wie abgeschüttelt.

»George!« sagte Therese und ihre kleinen festen Fäuste mißhandelten leidenschaftlich ein feuchtes winziges Taschentuch. »George!« wiederholte sie tief atemholend und noch einmal aufschluchzend, er suchte mit einem scheuen Blick ihr gerötetes entstelltes Gesicht und sah schnell wieder weg. »George!« rief sie zum dritten Mal und der Batist zerriß: »Ich -- halte dies -- nicht mehr aus!«

»Aber was denn, Therese, -- komm doch nur!« bat er verzweifelt und suchte sie an sich zu ziehen. Aber sie stand auf, machte sich an der Wiege des Kindes zu schaffen, stand dann am Nachtschränkchen, putzte mit bebenden Fingern das Licht und wiederholte: »Ich halte es nicht mehr aus! Und was doch nur? Was doch nur? Dieses Land, -- diese Stadt, -- diese Menschen! Und dies, daß du dich hier behagst! Du! George Forster!«

»Ich?« fragte George und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, -- »Ich -- oh -- ich ...«

»Oh, Georgie!« rief Therese leidenschaftlich und auf einmal war sie zu seinen Füßen und umschlang seine Knie. »Es geht nicht länger! Oh Georgie! Laß uns ...«

Das Röschen rührte sich in seiner Wiege und stieß einen kleinen Laut aus. »Still! das Kind!« machte George.

»Das Kind!« sagte Therese böse, stand mit einer sonderbar verächtlichen Bewegung auf und trug geschäftsmäßig das Licht in eine andere Ecke des Zimmers. Dann trat sie an das Fußende des Bettes, auf dem er saß, sodaß er sich zu ihr umwenden mußte, und die Arme aufstützend und ihn fest und beobachtend anblickend sagte sie nun in leichtem und nüchternem Ton: »Es geht nicht länger, George. Wir müssen von hier fort. Du bist es dir selber schuldig.«

»Therese,« sagte George müde, »du vergißt, daß ich für sieben Jahre verpflichtet bin. Therese, und -- wir sind doch jetzt ganz froh.«

»Froh!« stieß sie hervor, »froh! Wenn ich mein besseres Selbst vergesse, bin ich froh.« Und da er schwieg und mit einer haltlosen Geste die Hände öffnete und schloß, den Blick von ihr abgewandt, fuhr sie fort: »Wenn ich vergesse, daß ich einmal in einem Zirkel von Menschen gelebt habe, in dem das Gespräch nicht einzig auf Dienstboten und Essen roulierte. In dem die großen Geister unserer und anderer Nationen wie Hermen in einem Tempel standen und täglich frisch bekränzt wurden. Wo Seele die Seele erkannte und verstand im Augenblick des Sichfindens ...«

»Jawohl, -- Assad!« flüsterte ein böser Geist George ins Ohr. Und als ahnte sie seine Gedanken, schloß Therese ein wenig allzu emphatisch: »Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlözer und seine herrliche Tochter! Wen soll ich noch nennen? Oh, George, du hast mit uns in Göttingen gelebt, du kennst die Wonnen eines Umgangs mit Lichtenberg, mit -- mit Assad ...«

»Und,« fuhr sie nach einer kleinen atemlosen Pause hastig fort, als wollte sie ihn hindern, zu antworten, »du behagst dich hier mit einem Langmayer, einem Régnier beim L'hombre und bist es zufrieden, diese polnischen Gänse in der Botanik zu unterrichten.«

Dies letzte bezog sich auf einen Zyklus populär-wissenschaftlicher Vorträge, den George in diesem Winter vor einem Kreise von Damen aus der Gesellschaft hielt. Er errötete und sagte unwillig: »Du vergißt, daß es nicht mein eigener Wunsch war. Und ich habe Gründe, derartiges nicht von der Hand zu weisen.« Er stockte. Therese, ging es ihm durch den Sinn, sollte leben wie die Blumen auf dem Felde ... Er hob den Kopf und sah sie mit einem bittenden Lächeln an.

»Therese,« sagte er, »hab' ein wenig Geduld! Die Jahre gehen schnell herum, glaube mir!«

»Und deine Freunde vergessen dich!« rief sie heftig. »Die Welt stand dir offen, vor zwei Jahren noch! Wer schreibt heute noch an dich? Sömmerring, -- Sömmerring, -- wer sonst? Spener höchstens und die Herausgeber der Journale, für die du Fronarbeit tust ...«

»Sömmerring freilich ist eine treue Seele«, murmelte George bitter. Oh, hatte Therese nicht recht?

»Georgie, Georgie,« flüsterte Therese und war wieder zu seinen Füßen, die Arme auf seinen Knien, das Gesicht zu ihm erhoben, »laß uns fortgehen von Wilna, Georgie!«

»Deine Locken ...« er spielte mit ihrem Haar, er lächelte, süß gelöst von ihrer warmen Nähe. »Oh, Therese! Weine nie wieder so!«

»Laß uns fortgehen von Wilna!« wiederholte sie eindringlich, die Augen mit tödlich-ernstem Flehen in seine vertiefend, die ihnen auswichen. »Ich komme um in Wilna. Ich -- komme um in mir selbst.«

»Oh, Therese, -- und du warst doch immer so fröhlich, seit das Röschen ...«

Therese sah ihn eine Weile an, prüfend, stumm. Dann sagte sie: »Fröhlich, Georgie? Du sagst es, kein Zweifel, daß du es auch glaubst.«

Und gesenkten Hauptes, nach kurzem Schweigen, leise: »Die Mutter sagte manchmal zu mir:

>Wenn dein Herz von Wunden blutet, Lügt oft deine Stirne Ruh' --<«

»Therese!« rief George kummervoll.

»Georgie?« Sie hob den Kopf. Ihre Augen blickten bewegungslos, klar, rätselhaft, Spiegel tiefer Brunnen. Ein nie bemerkter Zug von Qual spannte die Brauen.

»Therese,« dachte George erschüttert, »war doch gestern noch ein Kind. Bin ich denn blind gewesen?«

Er zog sie empor, nahm sie in die Arme, bettete ihr Haupt an seine Schulter. »Geliebte,« flüsterte er angstvoll, »Einzige, sage doch, -- ist es dies allein, was dich unglücklich macht, -- dies allein?«

Therese hielt die Augen geschlossen.

»Ja, Georgie. Dies -- allein ...«

»Wir wollen fort von Wilna, Therese,« redete er leidenschaftlich, und sein Atem bewegte ihr Haar, »du hast recht, ich verkomme hier, du hast recht, es ist ein übles Zeichen, wenn man anfängt, sich hier zu goutieren. Du hast recht, du hast hundertmal recht, -- und ich dachte nur, -- ich kalkulierte, -- aber gleichviel ...«

Er starrte über sie hinweg, seine Augen brannten, sein Herz hämmerte. Ein Frösteln schüttelte seinen Körper.

»Du bist müde, Guter,« murmelte Therese auf einmal schläfrig und lächelte. Er küßte zerstreut die kleinen Finger, die ihm das Jabot lösten. Er war nachdenklich, entledigte sich der Kleider ohne es zu wissen.

»Therese,« begann er wieder, als er neben ihr lag, und im Dunkeln zog er sie an sich, -- »es ist gut, daß dies kam, oh, du hast mich geweckt. Es war etwas eingeschlafen in mir, Therese, hörst du, und vielleicht war es das, -- das, was mich deiner Liebe erst würdig machte, -- machen konnte, Geliebte, -- dies, daß ich wagen und opfern konnte für dich. Ist es so, -- Therese ...« bettelte er in der Dunkelheit und fühlte es wieder, dies müde, beschwichtigende Streicheln kleiner Hände, das alles andre tat, als ihn beruhigen. Er stemmte sich auf den Ellenbogen und neigte sein Gesicht auf ihres.

»Vor zwei Jahren, kleines Mädchen,« prahlte er mit leisem Lachen und spielte zärtlich mit ihrem Stirnhaar, »als ich so verzweifelt war, weil ich nicht wußte, woher das Geld nehmen, um dich aus Göttingen zu holen, nicht wußte, ob mir die Erziehungskommission den Vorschuß bewilligen würde, -- da war ich noch ein Kerl, da hatt' ich noch Projekte! Ja, was meinst du, wenn der Forster nicht gekommen wäre, dich zu holen, wenn er verschwunden wäre wie die Maus im Heuhaufen ...«

»Ich wollte alles verkaufen,« fuhr er träumerisch fort und warf sich zurück, »Bücher, Mineralien, Herbarien, und dann, unter dem Vorwand, nach Deutschland zu gehen, wäre ich geradenwegs nach Konstantinopel gefahren und hätte dort mein Glück versucht, als ein Kerl, der meist alle europäischen Sprachen spricht und just nicht auf den Kopf gefallen ist.«

Er verstummte einen Augenblick und -- »ein Leuchtöl, destilliert aus Hammelfett« ging es ihm unerklärlicherweise durch den Sinn, und »man muß es dem Großtürken anbieten ...« jawohl, dies war der Studiosus Bezzel in Petersburg gewesen!

»Von Konstantinopel aus,« sprach er langsamer, gleichsam behutsam, um nicht auf Erinnerungen zu treten, »wär' ich weitergegangen, nach Persien, -- nach Indien, -- wär' unter einem warmen Himmel wieder aufgetaut, lebendiger, geistiger, -- jünger geworden, und wäre, entweder ein Wiedergeborener mit frischem Ruhm bekränzt oder gar nicht zurückgekehrt -- zu dir ...«

»Georgie!« -- Therese hatte sich nun ihrerseits halb aufgerichtet und tastete nach seinem Gesicht. »Georgie!« sagte sie schmeichelnd, »ach, kenn ich dich wieder, mein Georgie?« Und, ihre Arme um seinen Hals werfend, leidenschaftlich: »Du solltest nicht immer -- nur übersetzen, Freund!«

»Nicht immer -- nur übersetzen, Therese?« fragte George sanft, »oh -- kleine Therese!«

»Nicht tagelöhnern -- schaffen solltest du, George, die Welt erobern, große Projekte ausführen ...«

»Große Projekte, Therese?« Er hielt sie gegen seine Brust gepreßt, er fühlte ihr schnelles hüpfendes Herz wie einen gefangenen Vogel gegen seines stoßen. Er lächelte schmerzlich, sie sah es ja nicht.

»Ich werde,« sagte er hastig atmend, »mich bemühen, gib acht, -- ich -- habe Pläne, habe Aussichten. Du sollst sehen, man hat den Forster nicht so schnell vergessen, als du denkst. Therese, -- bist du mir auch gut?«

Sie hatte sich zurückgleiten lassen, ach, und wieder waren da ihre sanften kleinen Hände.

»Ja doch, Georgie, ja!« sagte sie, als tröste sie ein Kind, »ja, ach Georgie, -- und so müde ...«

Sie gähnte leise. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf. »Gute Nacht!« murmelte sie, oh, es war gar kein Zweifel, daß sie halb schon schlief.

* * * * *

Der harte Kern hatte endlich keimen, Wurzel schlagen wollen, -- er war aus dem Erdreich gerissen, betastet und wie spielend fortgeworfen worden. Kristalle wollten zusammenschießen in dampfender Mutterlauge; eine achtlose Hand hatte die Lösung gerüttelt und aufgerührt. Und so würde es immer gehen, dachte George, und dachte es ohne Bitterkeit. Denn war dies nicht eigentlich erst Leben, dies, daß man nicht ausharrte in einem dunklen Gang des Labyrinthes, sondern vorwärts stürmte, einem halb nur geahnten Lichtschein zu, der, -- Gott mochte es wissen, -- den Ausweg in die Freiheit verhieß? Nun, welchen Schwung verlieh nicht der Entschluß, Wilna zu verlassen! Welche Pedanterie war es gewesen, sich an einen Vertrag halten zu wollen, der ihn in seinen besten Jahren an eine Galeere schmiedete! Therese war eine gute Tänzerin, sie wirbelte ihn hinweg über alle Bedenken, und oh, welche Stunden von Moquerie und Ausgelassenheit hatten sie nun zusammen, wie verschworen und eines Sinnes waren sie jetzt inmitten des ^vulgi stulti^, der sie fressend und saufend in träger Geselligkeit umgab, wie eine Herde Kühe, die wiederkäuend mit runden Augen auf das Schauspiel zweier von Geist und Jugend beflügelter Menschen glotzte? Hatte er in dem letzten Jahr viel gearbeitet, so arbeitete er jetzt mehr als je, aber es ging ihm von der Hand als stünde er an einer gut geölten Maschine, und der Cook rückte täglich einen Bogen vor. Dies war nun noch einmal eine Übersetzung, dachte er, wenn er nachts mit fiebernder Stirn und kalten Händen am Pult stand, -- aber auch die letzte. Oh, Therese sollte sehen, wie es war, wenn er die Schatzkammern seines eigenen Geistes erst einmal auftat, -- erntete in den Gärten, die nun endlich reife Früchte bieten mußten. Nicht zum Dozenten, zum freien Schriftsteller fühlte er sich berufen. »Scheermesser sind nicht gemacht, um damit Klötze zu schnitzen,« schrieb er an Sömmerring, frohen Selbstgefühls voll.