Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 23
»Schick mir einen Elenskopf aus Polen, Bruder,« bat er kläglich, »das Gehirn in Weingeist! Auch einen Bärenkopf besäß ich gern. Mein Gott, mein Gott, du gehst ja in die Wildnis!«
George kam um den Tisch herum. George streichelte den gefällten Riesen. George tröstete. Aber da war nichts zu machen.
»Du -- du bist nun einmal zu gut dafür, um nichts zu sein als das weiße Tuch für das Schattenspiel der andern!« schluchzte Sömmerring.
George sah mit sonderbar auflauschendem Ausdruck über diese Worte hin ins Leere.
* * * * *
George durchwachte diese Nacht; er hatte es nicht anders erwartet. Hingegeben an das Rauschen seines Blutes lag er da, und _daß_ es rauschte, daß es endlich wieder einmal mit Hochdruck durch seine Adern stürzte, ach, er wußte es wohl, das war nicht Theresens Brief allein, der das machte. Dieser Brief mit seinem hinhaltenden Schluß hatte eher etwas in ihm zurückgestaut; ja, wenn er sich denn nun nicht sogleich von dem vollen Aufstrom seiner Seligkeit an ihre Brust tragen lassen durfte, so sollte dieser Strom wenigstens Mühlen treiben, gut, gut, -- Forster war nicht der Mann sich haltlos einer Enttäuschung zu überlassen. Und da er denn nun in der fürchterlichen Dunkelheit nicht weinte vor bitterer maßloser Enttäuschung darüber, daß er sein Mädchen morgen abend in Göttingen nicht sehen sollte, wie er mit zweifelloser Sicherheit angenommen hatte, -- daß er nicht, ehe er noch einmal in eine so gramvolle Einsamkeit und Fremde ging, ein Wort, eine kleine Gebärde der Zärtlichkeit mitnehmen würde, nicht ihr Haar, nicht diese flaumige bräunliche Haut ihres Halses einmal berühren durfte, -- oh, seltsames Verlangen, wunderliche Wünsche mußten nun zurück in das stumme innerste Herz! -- da kam dieser verzweifelte Trotz, dieses hohnvolle Lebensgefühl über ihn: _dennoch_ wollte er glücklich sein! Und nun stand ja diese Reise bevor, dieser angenehme Umweg nach dem Ort der neuen Pflichten, der über den Harz, über Dresden, Prag und Wien führen würde und zwischendurch die freundliche Einschaltung eines Badeaufenthaltes in Teplitz voraussah. Nein, sein Herz klopfte nicht allein unter dem Druck jener bittersüßen Erfüllung, es war der wohlbekannte Frühlingssturm der Projekte und des Reisefiebers, der das Schiff an der Ankerkette tanzen ließ, diese verworrene gläubige Erwartung größter Dinge und Ereignisse hinter der nächsten Wegbiegung, zum erstenmal empfunden, als der Vater damals mit der Wolgareise schwanger ging. Er wurde nun hellwach, fühlte die letzte Neigung einzuschlafen, entweichen, wälzte sich herum, stemmte den Kopf in die Hand und starrte mit leise brennenden Augen in die Dunkelheit. Wohl, Cassel war erledigt. Oh, Gott im Himmel sei Dank, diese Leidensstation lag hinter ihm, nie wieder betreten würde er diesen Gang des Labyrinthes. Und mit einer Art phantastischer Fröhlichkeit der alten Vorstellung erliegend, warf er sich zurück und lachte lautlos auf. Ja, drinnen heulte der Minotauros und hier, -- hier ging er, George Forster, der gemeint war, nicht mehr ein kleiner demütiger Knabe, nicht mehr ein dürftiger überarbeiteter Jüngling, -- auch nicht der dumpfe Schwärmer der letzten vier Jahre, -- nein, hier ging ein freier zielbewußter, und nebenbei ein berühmter und ^à la mode^ gekleideter, kurz, ging ein Mann, ein ganzer Mann seinen Weg hinein in neue lockende Windungen der dunklen singenden Riesenmuschel. Sich selbst hellsichtig aus dem Nichts erschaffend, gewahrte er sich, wie er in Klausthal mit dem Berghauptmann von Trebra in die Bergwerke einfahren würde, fühlte seine Kenntnisse der praktischen Gesteinskunde mühelos durch Anschauung um das vermehrt, was man von Polen aus für die Anwendung auf dortige noch zu hebende Bodenschätze von ihm verlangt hatte, -- sah sich diese genußreiche Art des Studiums in Freiberg bei dem berühmten Inspektor Werner fortsetzen, zwischendurch in Leipzig und Dresden seinen Kreis bedeutender Bekanntschaften und ergebener Freunde durch die einfache Tatsache seines Auftretens erweitern, in Teplitz allerliebste Beziehungen anknüpfen und sodann durch verschiedentliche Triumphbögen in Österreich eingehen. Besonders von Wien versprach er sich viel und, -- da er ja noch nicht gebunden war, -- so würde er sich mit der Freiheit des Weltmannes bewegen. So nahm er sich vor, fühlte aber sogleich aus irgendeinem Winkel der Erinnerung Beschämung sich ankriechen, -- was war das doch nur, -- war's jener Vorsatz auf die Schönen von Tahiti, den er damals im Eise des Pols gefaßt -- und nie ausgeführt hatte? Mit Ernst gebot er derartigen störenden Erinnerungen Einhalt, legte sich auf die andere Seite und überzählte im Geiste die Empfehlungsbriefe und Adressen, die er mit sich führen würde. Ein Wolkenbruch von Namen ergab sich, das gesamte geistige Deutschland, soweit es an jenen Straßen ansässig war, hatte er sozusagen in der Tasche und das, was jetzt nicht an seinem Wege lag, -- er schloß erschrocken die Augen, -- oh, nur nicht diesen Hexensabbat von Erscheinungen heraufbeschwören, die seit der Rückkehr aus der Südsee an ihm vorübergezogen waren, -- gab es denn _eine_ einigermaßen hervorragende Existenz, von deren Bedingungen er nicht einen Begriff hatte, wenn er sie nicht schon persönlich kannte oder im Briefwechsel mit ihr gestanden hatte? Jetzt bin ich wie der Vater war, damals in Nassenhuben, als er so viel korrespondierte, dachte er mit kindlichem Vergnügen und jener Unumwundenheit innerster unbeobachteter Gedankengänge, -- nur, daß ich jünger bin, als er damals, und dennoch -- mehr!
^Pater meus major est me!^ fügte er freilich sofort hinzu, sich gleichsam bekreuzigend aus alter Gewohnheit. Und, das schwere Federbett von der Brust wegschiebend, dachte er aufseufzend und mit einem dumpfen Gefühl in der Brust: Er hat die Gesundheit, er steht wie ein Baum, Gott weiß, wohin er es noch bringt, wenn er noch einmal anfängt. Ich aber ...
Aber das sollte ja in Teplitz besser werden. Sein armer Leib, immer wieder von rheumatischen Schmerzen geplagt, von rätselhaften Schwären verunziert, mit ständigem Kopfweh und chronischen Koliken geschlagen, er sollte sich erneuern durch und durch. Und eingestandenermaßen, sein Geist schien abhängig von den Gezeiten jenes Giftes, das _seit den Skorbuttagen im Südmeer in seinem Blute auf- und niederstieg_: er arbeitete besser, wenn es ihm nicht allzu gut ging, -- oh, er wußte es mit heimlich asketischer Inbrunst, -- zuviel Gesundheit vertrug sich nicht mit seiner Einsamkeit! Später vielleicht, -- in einem Jahr, wenn er Therese besaß.
Der Schwung der Erregung hatte nachgelassen, er fühlte es. Er fror plötzlich, er zog die Decke über sich. Er war doch müde.
Er wollte ja Therese nicht nur, um dies wahnsinnige Verlangen seiner Sinne zu stillen, nicht nur zur Gefährtin seiner Arbeit. Er brauchte einen Menschen neben sich, endlich, endlich, wollte diese Verstoßenheit, diese körperliche Verlassenheit vergessen können, wie er es einst, -- ach, vor undenklichen Zeiten gekonnt hatte, wenn er des Nachts die Atemzüge der Schwester neben sich hörte. Er wollte jemand haben, der still und zärtlich um ihn waltete, nichts von ihm verlangte als das, was er in Einfalt geben konnte, ohne Aufwand von Geist und Willen. Es sollte ihm geschenkt werden, da war dieser Brief, -- er tastete in der Dunkelheit nach ihm und drückte ihn an sein Herz, -- nur noch ein klein wenig Geduld, nein, er wollte nicht murren! Diese Menschen, diese schrecklich emsigen, erwartungsvollen, klugen, geistreichen Leute, die auf ihn blickten und vor denen man sich dauernd Haltung geben mußte, -- ahnten sie, daß Forster -- der jüngere Forster, wohlgemerkt, der Ruhm Deutschlands! -- hier in der Dunkelheit des Alkovens weinte wie ein Kind? Oh, nichts weiter sein dürfen, als das duldende, menschenliebende Geschöpf, als das Gott einen gewollt hatte, geliebt um seines Wesens, nicht um seines Wissens, seines Namens willen, so sehr geliebt, daß die Leute den Forster nur allzu gern immer um sich gehabt hätten, -- wie selig mußte es sein! Aber wenn es nur einen, einen solchen Menschen gab, der ganz ihn kannte! Oh, er war freilich zu weich, sein eigener Herr zu sein! War er vielleicht nicht glücklich gewesen als Sklave seines Vaters? Und dies, was Sömmerring da gesagt hatte, dies mit dem weißen Tuch und dem Schattenspiel, -- traf es nicht zu?
Er fuhr empor und griff sich mit den Händen an den Kopf. Wie, sollte er nicht lieber gleich die Pistole nehmen? Dies war Selbstmord. Es war die Müdigkeit, nicht wahr, ach, nicht wahr, -- die Angst vor den Fährnissen der Reise, für die er trotz aller inneren Unrast nicht geschaffen war, Angst vor dem tagelangen Fahren auf schlechten Straßen, den Nachtherbergen voll Schmutz und Ungeziefer, vor Nässe und Kälte. Es war, -- ach, es war die Angst des im Labyrinthe Verirrten, des Ausgelieferten, Verlorenen. Aber nun kam ja Ariadne, -- nun kam -- Ariadne ...
Entwirrung, -- Klärung, -- Vereinfachung! Er würde arbeiten, sich ausströmen an die Welt. Zunächst kamen nun Briefe, Tagebücher, -- oh, liebevoll, sorgsam, geduldig wollte er sein ...
Als Mühlhausen eine Stunde später mit dem Leuchter in der Hand und dem Reiserock über dem Arm zum Wecken eintrat, fand er seinen Herrn fest schlafend, die Linke über die Augen gelegt, einen lächelnden Zug um den armen häßlichen Mund. -- -- --
Zweiter Teil. Ariadne
Las dieser letzte Satz seines Briefes sich etwa so, als wollte er, George, sich beklagen? Da sei Gott vor, -- nicht einmal vor sich selbst tat er das, -- geschweige denn dem guten Sömmerring gegenüber! Ganz im Gegenteil! Er überlas noch einmal die letzten Zeilen, -- malte er da nicht ein Bild häuslichen Glücks, daß es dem armen Teufel, der immer noch allein hauste, beim Lesen ganz verlassen zumute werden mußte? Und diese Worte, die er eben geschrieben hatte: »Therese ist trotz ihres Zustandes von unbegreiflicher Beweglichkeit des Körpers und des Geistes ...« die fielen doch gar nicht aus dem Rahmen heraus, klangen doch nicht anders als die Feststellungen über seinen eigenen Gemütszustand, seinen Tageslauf, seine Arbeiten! Es störte ihn doch auch gar nicht, störte ihn nicht im geringsten, dachte er und horchte hinaus, daß das Haus von früh bis spät widerhallte von Theresens Geschäftigkeit! Was tat sie jetzt wieder? War es eigentlich möglich, daß eine Frau mit zwei Mägden bei der Tätigkeit des Wäschenähens -- ja, es entstanden Hemden für ihn, zwölf neue Taghemden, fühlte er mit gebührender Erschütterung, und die zwölf alten waren ausgebessert worden! -- daß sie bei dieser sitzenden Tätigkeit einen derartigen Aufwand von Geräuschen machte, die für den Außenstehenden nicht unmittelbar zur Sache gehörten? Daß zunächst Lieder gesungen worden waren, heimatliche deutsche Lieder, die Liese, die Getreue, aus Göttingen in fühlender Erinnerung an den fernen Geliebten anstimmte, nun, das mochte angehen. Indessen schien es ihm doch, als sei Therese ein wenig unmusikalisch; wenn sie mit ihrer tiefen Stimme einfiel, wurde die Melodie immer so seltsam unkenntlich. Dann gab es einen zornigen Aufschrei und heftige Scheltworte, -- aha, Marischa, das polnische Mensch, hatte wieder einmal etwas versehen! Wenn es, dachte er ein wenig gepeinigt, nur nicht wieder zu Maulschellen kommt, die hinterher gleich mit Küssen null und nichtig gemacht werden! Therese handelte oft so -- unmittelbar. Nun fiel etwas Schweres dumpf hin, ein Ballen Leinwand etwa, -- war das ein Grund, derartig zu kreischen? Und warum wälzten sich jetzt mehrere erwachsene Menschen auf dem Fußboden herum? Therese lachte und schimpfte, plattdeutsch und polnisch durcheinander, -- nun kam auch noch Joseph, der Hausknecht, mit frischem Holz für den Kamin die Treppe hinaufgepoltert, das würde einen neuen Anlaß zur Heiterkeit geben. Joseph, der seine Pflichten für acht Taler Lohn, einen Schafpelz und ein Paar Stiefel jährlich unvollkommen erfüllte, war von polnischem Adel und darum trotz seiner Schmutzkruste in den Augen Liesens von Glorie umgeben. In den nächsten Minuten steigerte der Lärm sich ins Ungeheure, der Joseph schien mit Jubel aufgenommen worden zu sein, wie Merkur unter den Grazien, das Holz krachte, der Joseph schien unglaublich scherzhaft und Therese leutselig, jemand begann auf einem Kamm zu blasen und -- war es möglich? -- wurde jetzt der neulich begonnene Unterricht Liesens im Mazurkatanzen fortgesetzt? Nun fehlte nur noch Michael, der Bediente und Gemahl der Marischa, um den Zirkus zu vervollständigen. George wurde ein wenig unruhig. Nun Therese -- Therese amüsierte sich, Therese war zwanzig Jahre alt, es fehlte Therese hier an einem passenden Umgang. Er wußte, jetzt saß sie da und hielt sich die Seiten vor Lachen. Warum auch nicht, warum auch nicht, -- sie verlangte ja nicht, daß er, George, dabei war. Und es störte ihn nicht, o, es störte ihn nicht im geringsten, er arbeitete doch eben nicht, er erledigte Korrespondenzen, -- nur, es war ihm im Augenblick nicht möglich, seine Gedanken zu sammeln. Also: Therese ist trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit ... Freilich, wohl war sie das. Wenn sie nur um Himmels willen nicht wieder selbst tanzen wollte, wie neulich, als sie den bösen Fall tat! Ob er doch einmal hinüberging? Nun kam der Michael wahrhaftig ... Er brachte jemanden mit, er geleitete einen Besuch ... Aber das ging doch nicht! George sprang erregt auf, drüben verstummte jäh der Lärm, und gleich darauf ließ sich eine lachende Stimme in Wiener Mundart vernehmen. Ach, die Langmayer! Da ging Therese plaudernd mit ihr über den Flur ins Wohnzimmer, die Männer liefen die Treppe hinunter, Liese fing wieder an, zu singen, schmachtend, langgedehnt: »Wenn ich ein Vöglein wär ...« Ja, nun war Ruhe, und nun konnte er weiter schreiben. George starrte nach dem Fenster, vor dem in der grauenden Dämmerung die Flocken tanzten. Gedämpft durch die Schneeluft klang das Angelusläuten von der Universitätskirche herüber. Sie schneiten ein. Meilen über Meilen, grenzenlose Flächen weit breitete es sich um Wilna wie Leichentücher, und Deutschland lag auf einem anderen Stern. George machte Licht. Es war gefährlich, in der polnischen Winterdämmerung nach Deutschland hinzudenken. Im Reich des Geistes gab es keine Trennung. Er wollte korrespondieren, wollte weiter Sömmerrings brüderliche Seele beschwören, sich an ihr erwärmen!
»Therese ist von unbegreiflicher Beweglichkeit ...«
* * * * *
Ob sie nun Hemden zuschnitt oder winzige Wäschestücke für das erwartete Kind, -- den Jungen, natürlich, den Jungen! -- nähte ... Ob sie in der Küche Fleischklümpe drehte und zugleich der Marischa aufklärende Vorträge über den Wert der Sauberkeit beim Zubereiten der Speisen hielt, -- oho, Georgie, hätte die Miß Therese nichts gelernt, so äße die Panji Forstrova und ihr ganzes Haus jetzt mit den Schweinen! Pfui Teufel, selbst die Steckrüben fraßen diese Barbaren ungeschält! -- Ob sie mit ihren knospenden Hyazinthen am Fenster plauderte und ^Le Coeur aimable^ ermunterte, baldigst aufs ^aimableste^ zu duften und ^La Beauté blanche^ ein wenig anbetete, -- es waren auch Küchenkräuter, Kerbel, Kresse und Petersilie mit in die Töpfe gesät, die Schönheit allein macht nicht satt, Georgie! -- Ob sie mit des Bischofs Gärtner, Feureißen, einem wackern Landsmann und gutem Hannoveraner, Pläne machte für die Bestellung der Beete im Frühjahr und Betrachtungen über die moralische Minderwertigkeit des Katholizismus einfließen ließ, -- Feureißen würde doch sein Kind, das Kind, das seine Frau, eine katholische Ermländerin, erwartete, nicht etwa den Pfaffen in die Hände fallen lassen (»o, Feureißen!«) -- und sich alsbald von der Weitherzigkeit Feureißens überwältigt zeigte, der ihr treuherzig versicherte (»o, liebe Madam!«), es käme ihm zunächst darauf an, sein Kind zu einem Ehrenmann zu erziehen (auch er erwartete einen Jungen, natürlich!), alsdann würde es jeder Sekte Ehre machen ... Ob sie, mit riesigen Überschuhen bewehrt, durch den kniehohen Schnee watete, um irgendwo irgendein vorteilhaftes Geschäft abzuschließen, das dem Haushalt zugute kam, in Holz, in Ölfarbe für die Wände, in Fleisch, -- es mochte ein Edelmann seinen Wald abgeholzt, mochte eine Jagd veranstaltet haben, woher aber wußte Therese dergleichen immer früher als andere Leute? George staunte. Ob sie ihre Möbel, ihre allerliebsten, nagelneuen Möbel abrieb und blitzblank putzte, ob sie eine Liste der Leute aufsetzte, die nun demnächst endlich einmal eingeladen werden mußten (schon wieder? dachte George), denn freilich, die Menschen hier waren horribel, ohne Erziehung, ohne Geschmack, indessen, was blieb einem übrig ... Ob sie Journale las oder einen neuen Roman, in die Ecke des grünen Kanapees gekuschelt, die Füße unter den Rock gezogen, die Hände ins Haar gewühlt, lachend und weinend, Gott und Georgie anrufend, oder ob sie, an dem kleinen Mahagonibureau sitzend, Korrespondenzen erledigte, ihre unübersehbaren Korrespondenzen ... Therese war trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit des Körpers und des Geistes!
Denn George begriff nicht. Er begriff nicht ganz. Er war so glücklich, wenn es still um ihn her war, um ihn und um Therese. Er war im Geheimen und unerachtet häufiger nachdrücklicher Seufzer über die geistige Einöde, in die er verbannt sei, einverstanden mit Wilna, einverstanden mit der Entfernung von den deutschen Freunden, sonderlich freilich von den Göttinger Freunden Theresens, er nahm im innersten Herzen den lächerlichen Zustand dieser Pseudo-Universität leicht und leicht den unvermeidlichen Umgang mit den Paters, den Exjesuiten, seinen Herren Kollegen. Er war gerührt und begeistert von seiner Wohnung, er liebte den großen winkligen Gebäudekasten des ehemaligen Klosters, in dem sie sich befand wie der Kern in der Nuß, er wollte von der Welt nichts weiter, als eben dieses Asyl seiner Zärtlichkeit. Er hatte seinen Briefwechsel einschlafen lassen, er hatte seit der Hochzeit im August bis in den Winter hinein nur das Notwendigste an Arbeit erledigt, ruhend, wie Langmayer fröhlich behauptete, auf Amors Wolken und den Lorbeeren des Erfolges, den sein Memoire an die Regierung zugunsten der naturwissenschaftlichen Institute der Universität gehabt hatte.
Diese Denkschrift hatte ihn im vorigen Winter beschäftigt. Er hatte seine ganze Enttäuschung über die vorgefundene Lotterwirtschaft und den verrotteten Pfaffenbetrieb, über den Mangel an Anschauungsmaterial und den Zustand der geringen Sammlungen darin niedergelegt, hatte sich stringenter Beweise bedient, war scharf, war deutlich gewesen wie einer, der den Fuß schon über die Schwelle gesetzt hat, um wieder davonzugehen. Was hätte auch daran gelegen, wenn sie auf ihn verzichtet hätten, anstatt seine Ansprüche zu erfüllen, hatte er nicht noch jenes Kaiserwort im Ohr, mit dem damals in Wien Joseph die Audienz abgeschlossen hatte: »Sie werden in Polen nicht bleiben ...« O, Wien! Oder auch Prag, -- selbst Budapest! Nun, das waren wieder Projekte gewesen. Hingegeben an die negative Arbeit der Verurteilung der gesamten Wilnaer Einrichtungen, eine Arbeit, die zugleich zur Begründung eines etwaigen Rücktritts hätte dienen können, hatte er dem alten Laster des Plänemachens gefrönt wie nur je und sich hinweggeholfen über die tote Zeit der Sehnsucht und Erwartung. Den überraschenden Erfolg seiner Vorstellungen, die Bewilligung aller seiner Forderungen durch die Regierung, hatte er auf der Hochzeitsreise in Warschau einheimsen können. Und, nun wohl, -- jetzt gab es keine Pläne mehr. Jetzt war nur noch Therese und Therese bedeutete in den ersten Monaten des Besitzes eine seltsame Auflösung aller Lebenskräfte, bedeutete, so hatte er schwindelnd gedacht, die Mündung des Stromes in den Ozean und den Untergang der Flamme in der Glut. Über sein Pult gebeugt, fühlte er Theresens Atmen in dem toten Holz unter seinem Arme, fühlte die eigenen Glieder wie den Körper seines Weibes. Manchmal sann er, irgendwo hingelehnt, ein Buch in der Hand, die schwimmenden Augen ins Leere gerichtet, seinem ganzen Leben nach. Dies war der Sinn, fühlte er erschüttert, der Sinn der Sinnlosigkeit. Alles hatte sein müssen, damit dies eine sein konnte. Dies war das Ziel, die Erlösung aus allem Irrsal, diese lebende, zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes Leben und das Hinnehmen dieses Lebens so natürlich wohlig, wie das Kind die Muttermilch sog. Ach, Therese! daß er sie hatte finden dürfen, sie, die einzig seinen Sinnen Antwort zu geben vermochte, sie, deren Blut ihm die Essenz aller Süßigkeit der Erde bedeutete. War er so weit, dann merkte er, daß er sein Kabinett verließ, und lächelte. Wo war Therese? Er ging durch das ganze Haus, er suchte sie in der Küche, im Garten, bei der Langmayer und wo er sie auch fand, sie verstand sein wortloses Drängen, verstand es hinter seinen belanglosen Vorwänden. Sie lächelte. Sie folgte ihm. Und da war dies grüne Kanapee, und da war Therese an seiner Seite, seinem Herzen nahe, sein Gesicht lag an ihrer Brust, er atmete ihren Duft, -- da waren ihre Hände, ihre Arme ... Sie wehrte ihm nicht. Er hörte sie manchmal »Georgie!« flüstern, er fühlte ihre kleine unruhige Hand über sein Haar gleiten. Er suchte ihre Augen und fand sie voller Tränen, abgewandt, aus Fernen heimkehrend zu ihm. »Du weinst?« stammelte er befremdet. »Mein Freund!« sagte sie sanft, und während er nun aufschluchzte und meinte, es sei aus Seligkeit, weil er jenes Gefühl grenzenloser unerklärlicher Angst und Fremdheit nicht wahr haben wollte, das ihn überschauert hatte, trocknete sie ihre Tränen, und ihn aufmerksam betrachtend, fragte sie spielerisch-ernsthaft, mit der Hand ihm die Brauen glättend: »Ist's auch mein Tod, an den du denken mußt, mein Freund, der Tod deiner Therese, du Armer?«