Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 22

Chapter 223,595 wordsPublic domain

George, erregt in dem weiten Gewölbe auf und nieder schreitend, und blitzenden Auges über Sömmerring hinwegsehend, wiederholte sich krampfhaft die Verheißungen des Annulus Platonis. Reichtum, -- Weisheit, -- ein Leben über Jahrhunderte hinaus ... war's nicht so? Prizier hantierte mit Tiegeln und Retorten, auf dem Herd in der Ecke blakte ein Feuer auf. Sömmerring hatte einen schwarzen Kittel über seine Kleider gezogen und arbeitete auf einmal schweigsam und angespannt. Der Blasbalg fauchte zwischen seinen Händen. »Ich sollte mehr von der Chemie verstehen,« dachte George träumerisch, seiner Ermüdung nachgebend, an einem der schießschartenähnlichen Fenster lehnend und den ganzen Aufwand des Adepten betrachtend, Hunderte von Büchsen und Fläschchen, von ihrem Inhalt rubinen, smaragden, schwefelgelb glühend. »Ich sollte die einfachsten Grundlagen meiner Wissenschaft besser beherrschen,« redete jene unbeaufsichtigte Stimme noch einen Augenblick lautlos weiter, -- »was bin ich mehr, als der vom König Minos dressierte Pudelhund?« »Den Seinen gibt's der Herr schlafend!« fiel sich George hier selbst heftig ins Wort und dachte zugleich: »ist's meine furchtbare Müdigkeit, die mich immer wieder nach diesem Wort greifen läßt, -- gerade nach diesem?« Er näherte sich Prizier, der mit fanatischem Gesicht und feierlichen Gebärden an einem Tisch hantierte, Essenzen auf die grauweiße Sternschnuppensubstanz tropfte und ihre Wirkung mit fiebernden Augen beobachtete. Seiner Verpflichtung endlich eingedenk, fuhr George nun auch in ein Arbeitskleid und tat Handreichung, murmelte gewisse Sprüche und suchte mit Gewalt das zu übertönen, was seit Sömmerrings Worten auf der Landstraße unaufhaltsam in ihm reden wollte. Mein Gott, dieser Sömmerring, der jetzt so hingegeben auf Priziers Finger sah, als hinge seine Seligkeit von dem Erfolg seiner Bemühungen ab! Was hatte er ihn angerührt, ihn, den so gern und glücklich Schlafwandelnden? George, vergessend den Geist zur Sache zu zwingen, ließ die Augen wiederum wandern. Und da plötzlich, -- war's ein Wort, das gefallen war, ein Geräusch, der flüchtige Duft irgendeines Arkanums, eine kaum gespürte Blutwallung in seinem Gehirn? -- plötzlich überkam ihn das rätselhafte Behagen, das er einst in frühen Morgenstunden in des Vaters Kabinett hatte empfinden können, ehe die Tagesarbeit begonnen hatte und wenn alle Gegenstände, Bücher, Papiere, Schreibgerät, so sachgemäß und rüstig dagestanden hatten, als würden sie sich sogleich selbständig in Tätigkeit setzen, -- das ihn einst wie ein Rausch überkommen hatte bei dem Aufenthalt in Dalrymples Arbeitsraum und aus dem er auf der Reise Kraft gesogen beim Anblick von Cooks rechteckig aufgestelltem und blinkendem Gerät. Nun, -- Prizier war kein Cook, er war kein Dalrymple. Er war dem Vater in keiner Weise vergleichbar. Jedoch, er stand hier als der Meister und Sömmerring und er selbst als gläubige Schüler. Handreichung tun und gehorchen, sich von der Stimmung dieses Raums, diesem magisch-wissenschaftlichen Aufbau, dem ausgestopftem Krokodil an der Decke, dem grinsenden Totenkopf dort auf der schweinsledernen Bibel unter dem Kruzifix in das selig verantwortungslose Gefühl des Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen, -- dies war das verlockende Spiel einer Phantasie, die sich selber ernst zu nehmen liebte. George war für Minuten völlig glücklich. Verzückte Sammlung aller Strahlen des Gefühls auf den einen Brennpunkt gelang ihm: so wie göttliche Schöpfungs- und Verwandlungskräfte sich niedergeschlagen hatten in dieser köstlichen Masse, diesem wahren ^sperma astrale^, dem Weltensamen, so meinte er einen übermenschlichen Grad aller Spannkräfte des Gemüts erreicht zu haben, -- als eine schroffe Bewegung Priziers, der das Prüfgläschen gegens Licht erhoben hatte, ein unwilliger Laut, ihn herausriß. »Nichts!« stieß Prizier hervor und warf das Glas klirrend auf den Tisch. Und »Nichts!« wiederholte eine andere Stimme und eine Gestalt trat mit lautlosem Schritt neben George, ihm die Schulter berührend, daß er mit einem unwillkürlichen Schrei zurückfuhr. Woher war sie gekommen, aus welchem Schatten des Gewölbes? »Du hier, Bruder Manegogus?« murmelte George erschüttert und blickte auf Sömmerring, dessen Hände schlotterten.

»Ich hier, -- jawohl, Bruder Amadeus! -- wann wäre ich nicht um euch?«

Eine entsetzliche Kälte, ein Unlustgefühl sondergleichen überkroch George, als er den Ankömmling anblickte, der nun an Priziers Stelle an der Breitseite des Tisches lehnte, sich aufstützend und seine lange flache, bis zum Halse schwarz eingeknöpfte Gestalt vornüberschwanken ließ. Das im Gegensatz zu der niederen Stirn und der geringen Nase schwere eckige Kinn schob sich höhnisch vor, die rechte Hand hob sich, um geballt auf die Tischplatte zu fallen, daß die Gläser erklirrten.

»Und ich sage euch, es fehlet am Glauben!« sagte die verschleimte Stimme, »am Glauben fehlt es, -- ich weiß nur noch nicht, bei welchem von euch!« Die breiten Kiefern mahlten, die Äuglein gingen lauernd zwischen Sömmerring und George hin und her. »Wo das Gebet lau ist, schläft der Glaube ein. Wachet und betet. Die Oberen sind unzufrieden mit euch. Strafe droht. Hat einer von euch -- Geheimnisse verraten?«

Und während Sömmerring den Kopf hängen ließ, wie ein gescholtener Knabe, war in George auf einmal der Ekel stark genug, daß er den Mann dort hinterm Tisch nicht anders sah, als er war, die Enttäuschung über das mißglückte Experiment hatte ihn ernüchtert wie ein Sturz kalten Wassers.

»Was will mir der Schleicher, der verfluchte Pfaffe?« dachte er in kalter Empörung, indem er zurücktrat und sich des Arbeitskittels entledigte, als sei er allein ...

»Ich bin nunmehr doch der Überzeugung, Herr Hofrat,« sagte er zu Prizier, der mit untergeschlagenen Armen und stieren Augen an der Wand lehnte, den Mann, dem eine letzte Hoffnung fehlgeschlagen ist, mit der mimischen Begabung seiner französischen Herkunft darstellend, -- sagte es in leichtem Ton, als berühre er längst Vermutetes, »daß es sich hier nicht um eine Verdichtung des ^spiritus mundi^ oder der ^terra virginea^ handelt, sondern -- um den Laich von ^bufo vulgaris^, der gemeinen Erdkröte. Darf ich mich für heute empfehlen? Du kommst noch nicht, Sömmerring? Nun, auf ein ander Mal! Gehorsamster Diener allerseits!« -- --

Der Bogen war überspannt worden.

* * * * *

»Was europäischer Ruhm und Fürstenfreundschaft, Glanz der Wendekreise um mein armes Haupt und südliches Inselmeer zu meinen Füßen!« dachte George Forster, und er dachte mit Pathos, der großen Stunde angemessen, -- »wäre ich ihr genaht, ein bescheidener junger Gelehrter, -- etwa ein Sömmerring,« -- schaltete er ein, >beiseite< denkend, wie die Helden im Schauspiel beiseite sprechen, -- »unbekannten Namens, ohne einen andern Ruhm als den meiner Redlichkeit und eines fühlenden Herzens, -- wäre ihr genaht an der Hand ihres wackeren Vaters etwa, die eigene Hand auf der Brust und die Augen zu Boden geschlagen ...« George verlor sich dermaßen in diese Vorstellung, daß er sich selbst in der sparsam amöblierten Wohnstube des Hauses Heyne stehen sah vor Therese, die in einer zuchtvollen Haltung nähend am Fenster saß, und den Alten wohlwollengetränkte Worte über sich reden hörte, -- er blickte träumerisch über den Brief hinweg, in dem er gelesen hatte, und bewegte ekstatisch den Kopf ... »dann, -- ja dann könnte ich es glauben, dies Glück! Oh, Götter, aber warum zweifle ich?!«

Er sprang auf und ging mit langen Schritten in dem Kabinett auf und nieder, in dem alles zum Aufbruch gerüstet stand, die Kisten dort, mit seinen Büchern, Instrumenten, Sammlungen, -- die ledernen Reisekoffer, der Mantelsack, noch nicht zugeschnallt, des letzten Eigentums harrend, -- ach, dieser gute, treue Mantelsack, in London für die Pariser Reise gekauft und nun, mitgenommen und abgerieben wie er war, von all den einsamen Fahrten der letzten Jahre erzählend, letztlich von den nächtlichen Ritten nach Göttingen! George berührte ihn gedankenverloren und zärtlich mit der Hand, -- o ja, es ging nun einmal Reiz und Zauber ohnegleichen von den Dingen aus, die der Reise dienten!

»Merkur muß über mir stehen so gut wie Saturn,« dachte er inbrünstig und der Rausch des Reisefiebers ließ ihn wieder lächeln, so haltlos, wie sich ein Mensch nur in der Dunkelheit oder völligen Einsamkeit dieser seltsamen Grimasse überläßt. Und, wohl empfindend, aus welcher Quelle dieses unendliche Lächeln sich speiste, trat er ans Fenster, um im letzten Schein des Aprilabends Theresens Brief von neuem durchzulesen.

Durch Jahre hindurch kannte er nun diese flüchtigen, launisch bewegten Schriftzüge, kannte sie aus kurzen Billets, rasch hingeworfenen Grüßen, spielerischen Fragen nach seinem Wohlergehen, Einladungen, -- kannte sie aus langen, schwärmerischen Episteln, Antworten auf Ergüsse seines eigenen gepreßten Herzens, aus einem Briefwechsel, bei dem es dem Anschein nach um eine Vertiefung in Gott und Welt und um die wahre Glückseligkeit des Herzens gegangen war, der ein behutsames Abtasten seelischer Grenzgebiete, ein zartes Ausforschen von Wegen in die rätselvollen Landschaften des fremden Ichs hatte bedeuten sollen und der, -- George nahm vielleicht an, er allein sei sich dessen bewußt gewesen, Mann, der er war, mit einer Vorstellung von der schmetterlingshaften Ziellosigkeit weiblichen Gemütslebens, geeignet, ihn beliebig in Rührung zu versetzen, -- der von Anfang an das gewesen war, was Spiel und Tanz den Geschlechtern sein muß, Werbung von der einen, Hinhalten auf der anderen Seite. Und nun, überrascht, ja, überwältigt trotz aller Gewißheit seiner Hoffnung, in diesem Augenblick, da er sich Gott übergeben hatte, um nach Litauen zu gehen, an die Universität Wilna, wohin sein Gönner, der Hofrat Czempinski in Warschau, ihn an die Universität empfohlen hatte, -- nun sah er sich am ersten Ziele der Wünsche, auf die dieser Briefwechsel aufgebaut gewesen war: er las, mit ungläubigen Augen und zitterndem Herzen zum drittenmal den Satz, daß Therese Heyne »demütigen Herzens geneigt sei, die zukünftigen Schicksale ihres liebsten Freundes zu teilen, wie immer sie auch fallen möchten.« Er las diese fast allzu deutliche Antwort auf eine verhüllte Anfrage seines letzten Briefes, und endlich, endlich spürte er den Schauer des Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der doch eintreten mußte, vergaß zu zweifeln, fühlte sein Blut heiß und gewalttätig steigen, wußte, dies, -- ja, dies war eine Angelegenheit des Blutes, und all die Jahre hindurch bei dem ganzen Aufwand von Geist, Papier und Tinte hatte es sich zunächst um diesen einen Augenblick gehandelt, -- drückte in einem kurzen Taumel oder aus Folgerichtigkeit, oder, weil er sich diesen Augenblick der Erfüllung nun einmal von jeher so vorgestellt, den Brief erst an die Lippen und dann ans Herz, blickte verzückt in die Wolken und bekämpfte bei alledem in sich die bittere Enttäuschung über den Schluß des Briefes, der als Wunsch des alten Heyne den Satz enthielt, daß auf ein Wiedersehn, etwa jetzt auf der Durchreise, zu verzichten sei. »Der Vater meinte, daß wir fernerhin korrespondieren möchten und uns einstweilen im schriftlichen Austausch unserer Seelen genügen lassen. Ich bin gewöhnt, mich seinem Willen zu fügen, auch dort, wo es mir schwer fällt, und ich bin überzeugt, der beste Sohn der Welt, als den ich meinen Forster kennenlernen durfte, muß mir hier recht geben ...« so schrieb Therese und: »Oh, ja,« dachte George bitter, »der unaufhörlich zärtlich gehorsame Sohn, wie sollte er nicht?« Gewiß, Therese war jung, -- aber wußte Heyne denn nicht, wie er, George, verzehrt von Glut und Einsamkeit war?

In einem Jahr, stand da noch, in einem Jahr, wenn er sich in Polen eingelebt habe und zu Besuch nach Deutschland kommen würde ...

Nun, wußte dieser alte Mann mit seinem Schatz sicher erworbener gleichwertiger Jahre auch, was ein Jahr mehr für den hieß, dem die Jahre bisher Unrast, Qual und Heimatlosigkeit bedeutet hatten? Noch ein Jahr der Verlassenheit, des Leids, des Verlangens, der Askese? Gut, gut, er würde sich fügen; aber dies war hart!

Auf dem Flur schepperte die Glocke, die Wirtin schlurfte draußen vorüber, um zu öffnen. Morgen bin ich fort, dachte George unbewußt. Ach, er würde wenigstens die Alltäglichkeit dieses Ortes abstreifen! Nun kam Sömmerring, der Teure, um den letzten Abend mit ihm zu verbringen. Und indem er den Freund in der letzten Dämmerung umarmte, -- »Bruder!« flüsterten beide im Einklang ihrer Bewegung, -- fühlte er die Frische des Frühlingsabends auf seinen Wangen und ließ die Hände niedergleiten mit der wehen Empfindung, als müsse er etwas Unwiederbringliches fahren lassen. Was widersinnig war, -- indessen, -- wer war ihm in seinem Leben bis jetzt das gewesen, was Samuel Sömmerring war? »Lassen wir das Licht!« sagte Sömmerring mit belegter Stimme, »Teufel auch, liegt denn auf jedem Stuhl etwas? So. Und dies ist nun unser letzter Abend.«

»Ich habe dir etwas zu sagen, Bester!« sagte George.

»Ich dir auch.« Sömmerrings Stimme klang erregt. »Ich habe sie nicht!« -- »Was? Wen hast du nicht?«

»Guter Himmel! Da fragst du! Worauf warten wir denn? Die Exemptuspatente!«

»Die Exemptuspatente! Gut, gut,« murmelte George zerstreut, »du bist noch eine Weile hier, du wirst sie mir nachsenden.«

Es handelte sich um die Bestätigung ihres Austrittes aus jener geheimen Gesellschaft, deren Mitglieder sie bis vor kurzem gewesen, deren Ziele ihnen weltbewegend erschienen waren, so wie die Entdeckung, daß ihr Aufbau Scheinarchitektur und hohle Kulisse sei, sie erschüttert hatte, gleich dem Zusammenbruch eines Tempels. Indessen, -- dies alles sank ja von George wie ein altes Kleid.

»Verzeih mir,« sagte er etwas lebhafter, »ich gebe dem allem keine große Importance mehr. Die Exemptuspatente. Nun ja. Und wenn wir sie schließlich auch nicht bekämen ...«

»So würden wir aller Orten als wortbrüchige Brüder und Verräter unseren Steckbrief haben und der Verfolgung und Rachsucht der Oberen ausgesetzt sein! Du fürchtest sie nicht mehr? Nun, du würdest sie wieder fürchten lernen!« Sömmerring rang die großen Hände. »Unglückliche, Blinde, die wir in dies Verhängnis rannten! Manegogus haßt uns. Er wird uns Stein um Stein in den Weg rollen.«

»Er ist ein Narr,« sagte George ruhig, »bleibe ja kalt und gelassen in allem, was ihn betrifft! Höre mich an!«

Er trat ans Fenster und legte einen Augenblick die Stirne an die kühle Scheibe. Messerscharf stand die Firstlinie des Daches gegenüber gegen den grünlich-klaren Himmel. Alte Dächer, dachte er, ich seh euch nicht wieder im Sonnenlicht! Ach, die Orte, die er schon hinter sich hatte versinken sehen!

»Du kennst meinen Charakter,« begann er, sich ins dunkle Zimmer zurückwendend, »es waren nicht Vorspiegelungen, Bestechungen mit angenehmen Aussichten auf Wohlleben und dergleichen, die mich verführten ...«

»Nein, bei Gott,« beruhigte er sich selber, »denn die Hoffnung auf Gold, sie war mir aus den edelsten Gründen teuer, -- war es nicht so?«

»... sondern Wahrheitsliebe, brennender Durst nach Überzeugung von gewissen Wahrheiten und der schwärmerische Hang, sie für wahr zu halten, -- das war's doch einzig, was mich die vier Jahre hier laborieren ließ! Darum habe ich an meiner vermeintlichen Geistesreinigung gearbeitet, mich kasteit, allen unschuldigen Freuden des Lebens entsagt, habe voll redlichem Enthusiasmus in unseren Versammlungen geredet, bin bei den Bundesbrüdern die Runde gegangen, habe sie ermahnt und angefeuert, habe Geld und Ruhm in die Schanze geschlagen, kurz, alle Kräfte aufgeboten, um das Ziel zu erringen, welches man uns als erreichbar gezeigt hatte. Und nun, da ich endlich eingesehen habe, daß mich diese Verirrung nicht nur jene 500 Taler bar gekostet hat, sondern gewiß mehr als 1500 an verschwendeter Zeit und unschätzbare Summen an Kenntnis, die ich mir in den vier Jahren hätte erwerben können, und so viel an Freuden des Lebens, die meinen Kopf hätten aufhellen, meinem Herzen hätten Schwung geben können, -- seitdem ich mich und auch dich als so betrogen erkannt habe, seitdem« -- und er stieß den Stuhl, dessen Lehne seine Hände umfaßt hielten, heftig auf den Boden, -- »seitdem erlaube ich es mir, eine schlechte Sache schlecht zu nennen und ihre Vertreter zu verachten. Ja, Sömmerring, für mein Leben fluche ich der Schwärmerei! Freimaurerei und Rosenkreuzerei sind abgetan für mich. Meine Natur ist dem Mystischen entgegen. Es war nicht Frömmelei, die mich zum Betbruder machte. Es war -- etwas anderes ...«

»Du meinst?« fragte Sömmerring zaghaft aus dem Dunkel.

»Ach, genug! Ich habe viel entbehrt, Bruder. Bitterer, als andere. Ich weiß es jetzt.«

»Therese!« dachte er, in einem plötzlichen Aufruhr des Herzens, -- »Therese!«

Gleich darauf lächelte etwas in seiner Stimme, als er abschließend sagte: »Die Arbeit, Freund! Die Wissenschaft! Und -- die Brüder vom reinen Willen über alle Welt verstreut! Oh, er hatte recht, jener Müller!«

»Ein Treuloser!« murrte Sömmerring, »wo mag er sein?«

»Gleichviel!« sprach George. »Mein teuerer, einziger Sömmerring, was ich dir zu sagen hatte, es war dies: ich bin mit Therese einig.«

Nach diesen Worten blieb es sonderbar still. George, jetzt mit dem Rücken am Fenster lehnend, erblickte drüben im Spiegelglas seinen Schatten von einem trüben Abendrot umflossen und den Querbalken des Fensterkreuzes zu seinen Häupten.

»Du bist mit Therese einig,« wiederholte Sömmerring sodann. Es gab ein Geräusch, als bewegte er ruhelos die Hände, riebe sie aneinander, ein trockenes aufreizendes Geräusch.

George, im tiefsten Herzen erkältet und von einer rätselhaften ohnmächtigen Angst überfallen, raffte sich zusammen und rief in erkünstelt zornigem Ton: »Das ist alles, was du mir zu sagen hast? Nun, beim Himmel ...«

»Versteh mich richtig, versteh mich richtig!« sagte die Stimme aus der Dunkelheit hastig in hilflosem Ton. »Ja, dein Glück liegt mir am Herzen, wie mein eigenes, Bruder, -- heißer noch, angelegentlicher. Und deshalb, gerade deshalb ...«

»Sömmerring!« sagte George beschwörend. »Oh, Forster!« seufzte der andere, »Forster, -- ist sie denn deiner auch wert?«

»Therese?« fragte George zurück, und der Ton seiner Stimme sagte, daß er lächelte, »Therese?«

»Ja, -- Therese!« Sömmerring kam herüber und legte mit einer unbeholfenen Gebärde seine Hände auf Georges Schultern, -- es war ja dunkel. »George, wir kennen sie beide, und es gab eine Zeit, da durfte man noch in deiner Gegenwart ohne Rückhalt über sie sprechen. Aus jener Zeit mußt du dich entsinnen, -- nun, -- sie galt für eins von den Mädchen, deren größte Freude es ist, wenn sie Sklaven an ihrem Triumphwagen schleppen können. Und unter diesen Sklaven einen Fürsten zu haben, einen Forster --«

»Oh, schweige!« George wandte sich ab.

»Ich schweige nicht,« sagte Sömmerring mit verzweifelter Rücksichtslosigkeit, ein wenig stotternd und mit dem Zeigefinger eifrig unterstreichend. »Diese Liaisons mit dem jungen Rougemont, mit Meyer, haben die Sperlinge auf den Dächern beredet und du allein warst taub und blind.«

»Was will das sagen?« gab George hastig zurück, »habe nicht auch ich --? Denke an Philippine, an Karoline Michaelis -- nun, willst du mir nicht auch sagen, ich sei Theresens nicht würdig? Nun?«

»Oh, George!« sagte Sömmerring, vor so viel Harmlosigkeit verlegen. »Aber das waren Spielereien, schöngeistige Korrespondenzen ...«

»Nun, und ...? Willst du etwa andeuten, daß Theresens Beziehungen zu jenen Männern weiter gingen? Und selbst wenn sie sich ihnen näher attachiert gehabt hätte, --« er redete lauter als nötig, wie einer, der sich selbst übertönen will, -- »was willst du ihr vorwerfen?«

»Nichts, als daß sie gleichzeitig mit dir und jenen Hohlköpfen ihr Wesen hatte!«

»Ach, du kennst sie nicht. Sie ist so jung. Sie ist beweglichen Geistes. Du solltest ihre Briefe lesen, Freund, -- du würdest zufrieden sein. Was ich dir sagen könnte, es würde mich beschämen, -- aber sei beruhigt, -- es ist kein Mann mehr für sie vorhanden außer mir. Meyer ist mir Freund und Bruder und sie, o Sömmerring, sie wird mir einst Freundin und Gehilfin sein, wie sie mir jetzt die einzig Begehrte und Geliebte ist.« Er sank dem Freunde an die Brust.

»Vergib mir, vergib mir!« stammelte der ergriffen. »Ich weiß, ihre Qualitäten sind außergewöhnliche. Du bist der Mann, sie zu lenken. Sei glückselig! Ich bin es mit dir.« -- --

Es klopfte. Mühlhausen, der Bediente, kam herein, der Schein des Leuchters in seiner Hand fiel auf ein verschnupftes, verweintes Gesicht.

»Ja, ja, Mühlhausen! Sein guter Herr!« Sömmerring klopfte ihn auf die Schulter, »aber warum folgt Er ihm nicht?«

»O Herr! So in die finstere Polackei! Ja, wenn der arme Mühlhausen nicht Weib und Kind hätte!«

»Lassen wir die Sentiments! Seien wir Männer!« Forster trat aus dem Nebenzimmer, eine triefende Flasche in der Hand; Mühlhausen, der den einfachen Abendimbiß auf den Tisch gesetzt hatte, entfernte sich.

»Ich habe hier eine Bouteille Johannisberger, Freund, -- nun, 's ist immerhin ein guter Tropfen zum Abschied, und einstweilen bist du den Hochheimer ja noch nicht gewöhnt, -- du Rheinländer!«

Sömmerring war wie George im Begriff, Cassel zu verlassen. Er folgte einem Ruf Sr. Eminenz des Kurfürsten an die Universität Mainz. George füllte die Gläser. Sömmerring sah ihm schmunzelnd zu.

»Ich gedenke ein guter Preuße und Lutheraner zu bleiben unter den Verführungen Roms«, sagte er. »Der Hochheimer soll ein Reservat der Herren Domdechants sein.«

George setzte sich. »Oh, du wirst Freunde unter ihnen gewinnen. Tritt nicht zu schroff auf. Ein Mann von Welt betont seine Überzeugungen nicht. Er hat sie, -- das genügt.«

»Daß wir beide unter die Pfaffen fallen müssen! Und warum nicht am selben Ort! Oh, George, -- Wilna könnte mich nicht locken, du weißt es, -- aber ich werde alles daran setzen, dich an den Rhein zu bekommen!«

Sie hoben die Gläser. »Tu es!« sagte George angeregt. »Auch ich werde für dich arbeiten. In Prag, -- in Wien, -- wo du willst. Bruder, Connexionen und Connaissancen sind alles!«

»Du hast sie durch deinen Namen,« Sömmerring sah auf seinen Teller. »Woher sollte ein bescheidener Jünger Äskulaps sie haben, wenn nicht durch seinen Freund und Bruder?«

»Oh, schweige!« rief George, »du bist eine Hoffnung deiner Wissenschaft, du weißt es. Weißt du auch, wieviel Protektion wir dem Bunde verdanken?«

»Du magst recht haben,« -- Sömmerring sah sich unruhig um, -- »indessen wünschte ich dennoch ...«

»Du nimmst es zu tragisch. Ich werde es unterwegs zunächst nie ableugnen, einer Loge anzugehören. Kenntnis von Geheimnissen gibt ein Air. Und in Leipzig will ich dem Schrepferschen Zirkel näher treten. Wissenschaftshalber, verstehst du.«

»In Leipzig, --« Sömmerring lenkte ab, -- »du wirst auch nach Halle kommen?«

»Jawohl,« erwiderte George verdüstert, -- »ich muß wohl. Die Götter mögen über meinem Reisegeld wachen. Aber auch ohne das, ich werde fest bleiben. Ich habe jetzt andere Rücksichten zu nehmen.«

»Du wirst den Deinen Mitteilung von deiner Liaison machen?«

»Um Gottes willen! Das geschieht erst in einem Jahr, -- wenn ich mir Therese hole. Der Alte möchte mir Berge in den Weg legen. Freilich, für ihn ist der Packesel dann endgültig verloren!« Er lachte kurz auf. Sie tranken sich zu. Sömmerring legte sich über den Tisch und griff nach Georges Hand.

»Mein George,« sagte er mühsam mit schwimmenden Augen, »du bist die beste, uneigennützigste Seele der Welt. Du bist der wahre Amadeus.«

»Sömmerring, Sömmerring!« George bedeckte die Augen mit der Hand. »Laß uns nicht weich werden!«

»Doch, doch!« Samuel Sömmerring schluchzte beinah. »Du bist's! Und nun bist du den Alten glücklich los -- und da kommt diese Frau ...«

George richtete sich auf. »Sömmerring!« rief er, »deine Freundschaft verführt dich! Laß mich annehmen, es ist der Wein! Laß mich annehmen, es ist der Wein!«

Sömmerring verbarg das Gesicht in den Händen. In der Tat, er vertrug nicht mehr als ein Glas.