Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 21

Chapter 213,057 wordsPublic domain

Die beiden Mädchen waren ihm Arm in Arm durch die Rabatten entgegengekommen. Er wandelte neben ihnen zurück, dem kleinen Lusthause an der Gartenmauer zu. Er begrüßte die Professorin, Theresens heitere junge Stiefmutter, er begrüßte den Professor, lächelte, tat Ausrufe, gab das Rätsel auf: mit wem er wohl heute nacht gefahren sei? -- denn Meyer hatte ihm Grüße an das Haus Heyne aufgetragen, -- empfand dunkel eine unerklärliche Beunruhigung, als er die Wirkung des Namens seines Reisegefährten auf den Gesichtern der Mädchen sah, eine aufflammende Überraschung, die sogleich wieder von einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit niedergehalten wurde, -- vergaß das augenblicklich, indem er eine Tasse Kaffee aus Theresens Händen entgegennahm, und fand ungesucht die zierliche Wendung, auf die er sich vorher mühsam besonnen hatte, bittend, sie möge als Gegengabe für diese Schale morgenländischen Rauschtranks dies Gewand der Insel aus dem Meere des Mittags allergnädigst aus seinen Händen anzunehmen geruhen. Das Stück schimmernden Aotobastes, das er bei diesen Worten aus dem mitgebrachten Päckchen befreite und über den Schoß des Mädchens breitete, ward mit einem kleinen Jauchzen begrüßt, und George hörte nichts als Freude aus Theresens wortreichem Dank, den er mit einem Handkuß abzuwehren trachtete, taub dafür, daß hier und in der erregten Heiterkeit, die sich ihrer in der Folge bemächtigte, ein Triumph mitschwang, denn, -- hatte er es ganz vergessen, daß er vor einem Jahr Karoline ein ähnliches Geschenk gemacht hatte? Karoline war nun nicht mehr die einzige Besitzerin eines Ballkleides aus der Südsee, -- oh, Therese war an diesem Nachmittag ausgesucht zärtlich zu der etwas schweigsamen Freundin, und die Professorin war ein wenig kühl zu George und sehr holdselig zu den beiden Mädchen, -- aber wer sollte das wohl beobachten? Heyne nicht, der nahm seinen jungen Freund alsbald mit stiller Gründlichkeit für die Frage in Anspruch, inwieweit die Homer-Übersetzung des wackeren Voß die bis dato vorliegenden Versuche von Bodmer und Stolberg überrage ... George selbst, -- oh, auf keinerlei Weise, -- so innig zerstreut er durch das Gespinst der Philologensätze hindurch auf das Geplauder der Damen lauschen mochte ... Gewiß, jawohl, der gute Voß war nicht gerade mit peinlichster Genauigkeit vorgegangen, hatte sich gar getraut, in den Homer hineinzudichten ... Therese, dachte George erschüttert, ist gar nicht schön, -- ihr Kopf scheint zu schwer für die Zierlichkeit ihrer Gestalt. Was ist das, dachte er, Therese hat eine bräunliche Hautfarbe, ihre Nase ist zu kurz, ihr Mund nicht klein. Wenn Therese nicht jung wäre und ohne das Feuer ihres beweglichen Geistes in den großen etwas vortretenden Augen, -- Therese wäre häßlich! Dennoch: Therese! Oder gerade darum: Therese! Soeben kam sie mit ihren kleinen festen Schritten den Gartenweg hinunter, sie hatte im Hause etwas zu besorgen gehabt, und wie sie nun stehen blieb, die Gesellschaft anblitzend und ihn vor allen andern, ausrufend, man werde jetzt zur Weender Mühle aufbrechen und dort zur Nacht speisen, -- war da einer im Zweifel, daß es so geschehen müsse, obgleich zuvor kein Mensch daran gedacht hatte, dies zu unternehmen? Seufzte nicht die Professorin ergeben, -- nun ja, sie würde bei den Kindern bleiben, -- eilte nicht Heyne, sich mit Hut und Stock zu versehen? Daß George die heilige Stätte noch nicht kannte, an der vor zehn Jahren der »Hain« sich begründet hatte, -- nein, das war unverzeihlich. Und so wurde hinausspaziert, das Glück wollte es, daß der Professor Lichtenberg auf seinem Abendgang begriffen sich ihnen anschloß und Heyne mit Beschlag belegte. Die beiden Männer gingen voran, George, am rechten und linken Arm die jungen Mädchen, hinterdrein. Die sanfte Landschaft, von dem stillen Gewässer durchzogen, tat sich ihnen auf, der Himmel war weit, von silberrandigen Wolken erfüllt, -- sie schwiegen, und dann seufzte eines von ihnen den Namen Klopstock. Die Herzen wurden ihnen groß, sie blickten sich in die Augen, gewiß, daß kein Fühlender diesen Boden betreten konnte, ohne der Jünglinge zu gedenken, die vor kaum einem Jahrzehnt im Angesicht dieser Eichen für Gott, Vaterland und Tugend erglüht waren, -- so sprach Therese es schwärmerisch aus und drückte des Freundes Arm gegen ihre Brust, während Karoline sich von ihnen löste und Blumen und grüne Zweige brach, um sich und die Gefährten zu bekränzen. Oh, er war George nicht fremd, dieser Ton, er fand einen Widerhall in seinem Herzen dort, wo im Elysium seines Innern der Tempel für Jakobi errichtet war; er kannte diese sanfte Wollust des Gedankens, die gern in Tränen schmolz, und gab sich ihr unbedenklich hin. Als der Höhepunkt des Gefühls erreicht war, als sie wirklich im Schatten der Bäume dort im Weender Talgrund standen, die dem Schwur der Bundesbrüder zugerauscht hatten, da wurden sie freilich ein wenig ernüchtert. Denn hier lagerte bereits eine kleine Gesellschaft und bei näherem Zusehen blieb kein Zweifel, daß es der unglückselige Monsieur Bürger war, der hier inmitten seiner beiden Frauen des schönen Abends genoß. »Dieser Anblick«, äußerte Therese im Weitergehen voller Wehmut, »bringt einem die Hinfälligkeit aller edlen Vorsätze und Schwüre recht ins Bewußtsein.« Denn Bürger, wenn schon kein Mitglied des ursprünglichen Bundes, galt er nicht in Göttingen als der letzte dort wohnende Vertreter jener Dichtergeneration? Und nun entweihte er mit seinem Treiben selbst jenen Boden göttlichster Erinnerung! Übrigens war Bürger so übel nicht, darüber waren Karoline und Therese sich ganz einig. Die Frauen waren es, die ihn herabzogen, diese schlechterzogenen Schwestern, selbstverständlich. Der Arme!

»Ei was! Der Arme!« der Professor Lichtenberg hatte die letzten von Therese in getragenem Ton ausgesprochenen Worte gehört, denn jetzt ließ man sich im Grasgarten der Mühle um einen der langen rohen Brettertische nieder. Lichtenberg zog sein seidenes Schnupftuch und begann eifrig wedelnd die Mücken von seinem geröteten Antlitz abzuwehren. »Ein Mann, der auf den Hund oder auf das Frauenzimmer kommt, hat das immer sich selbst zuzuschreiben, Demoiselle Thereschen, merk Sie sich das! Ist's nicht an dem, mein weitgereister Freund? Die Bestie unter der dem Fuß halten, -- wie? Den Hund, den Hund, meine Lieben, -- oh kein Echauffement! Exküsieren Sie, Karolinchen!« Er schlug derb auf Karolinens vollen Arm.

»Ein Mückchen sog sich satt An Linchens süßem Blut Es stirbt in Trunkenheit Wie sanft solch Tod wohl tut!«

»Freund! Freund!« Heyne schwenkte entsetzt die Hand an sein Ohr.

»Nun, das ist Bürgers Dunstkreis,« redete Lichtenberg unbekümmert, »da dichten auch die Steine. He, Mamsellchen, --« dies galt dem aufwartenden Mädchen. »Mir eine Milch -- und wenn Ihr ein wenig Beerenobst habt ...«

»Wir, die wir unsere Kräfte in Geist umsetzen, und Ihr, Wesen gleich Sylphen und Schmetterlingen,« fuhr er fort, als die andern ähnliche Wünsche geäußert hatten, »müssen unseren Körper aus leichten Speisen, flüchtigen Essenzen aufbauen. Im Ernst, teure Freunde,« -- er legte den Goldknauf seines Stockes an die Nase und blickte Heyne und George eindringlich beschwörend an, -- »es helfen uns einige weiche Eier, eine Tasse starken Kaffees, ein wenig Gallerte von Kalbfleisch meist eher zu einem Gefühl der Sättigung und der Rekonvaleszenz als eine derbe Mahlzeit. Oh, ich bin kein Kostverächter. Aber ich habe meine Erfahrungen gemacht ...«

In diesem Augenblick gab es einen kleinen Aufstand unter den jungen Leuten, Therese rief halblaut: »Karoline!« und es war ersichtlich, daß sie unter dem Tisch der Freundin einen Stoß mit dem Fuß gab. George aber hatte sich erhoben und blickte freudigst einem Herrn entgegen, der sich dem Tische näherte, den Hut in der Hand und augenscheinlich überrascht, aufs angenehmste überrascht, hier Bekannte anzutreffen.

»Wer von uns beiden, mein Wertester,« sagte er lächelnd zu George, nachdem er die beiden älteren Herren begrüßt und den Damen seine Reverenz bezeugt hatte, -- »wer von uns beiden hätte es vor zwölf Stunden geahnt, daß uns so bald ein freundlicher Gott die Gelegenheit geben würde, unsere zufällige Bekanntschaft fortzusetzen?« George, der einigermaßen bezaubert auf seinen eleganten Reisegefährten von heute Nacht blickte, konnte nicht umhin, dessen Worten zuzustimmen. Wurde Heyne schweigsam, seit Meyer neben ihm saß? Blickte Karoline mit kühlem Mißtrauen auf die Freundin, als die Bemerkung vom Gott dieser Gelegenheit fiel? Oh, George nahm dies durchaus nicht wahr. Angeregt gleichermaßen durch das Gegenüber Theresens wie durch die Gegenwart des neuen Bekannten, geriet er in einen leichten Rederausch, um, endlich zu sich kommend, zu bemerken, daß niemand außer Heyne und Karoline Anteilnahme für seine Pariser Erlebnisse aus dem Jahre 78 zu haben schien, -- und hatte er nicht eben ganz charmant von dem alten Franklin erzählt? War denn Therese je in einer Gesellschaft in Paris gewesen, zusammen mit dem großen Franklin, hatte sie schon gewußt, was für ein umgänglicher alter Scherzbold das war, der sich »Papa« nennen ließ und von oben bis unten grau in grau gekleidet ging? Nein, gewiß nicht! Dennoch, sie mußte während solcher interessanter Erzählungen, -- ja -- und wäre es nicht eben George gewesen, der erzählte! -- sie mußte sich in ein Geflüster mit Herrn Meyer vertiefen und Lichtenberg schien das letzte Tageslicht zu benützen, um auf seiner Schreibtafel etwas auszurechnen. George sah sich unsicher um und verstummte; Unbehagen überkam ihn, was half es, daß Heyne ihn auf den Rücken klopfte und »trefflich, trefflich!« ausrief? daß Therese ihm jetzt plötzlich einen tiefen Blick und ein Lächeln schenkte? daß Meyer ihm aufs Liebenswürdigste sein schönes festes rosig-blondes Gesicht mit den kühlen, spiegelnd blauen Augen zuwandte und etwas Scherzhaftes von seinem Neid auf Georges Erinnerungen verlauten ließ? Als aufgebrochen wurde, reichte er ausdrücklich Karoline den Arm und schritt mit ihr hinter den andern her, sah die Nebel über den Wiesen wogen und den Mond groß und rot aufsteigen. Das Mädchen an seiner Seite plauderte, -- der junge Erzbischof von Osnabrück war kürzlich in Göttingen gewesen, hatte man in Cassel von ihm gehört und wußte man, was für ein hinreißender Kavalier dieser junge Kirchenfürst war? Er hatte draußen in Weende einen veritabeln ^bal champêtre^ gegeben und sich dabei belustigt wie ein Knabe; ja, Karoline bereute es jetzt bitter, sich durch eine tugendhafte Erwägung um den Besitz einer solchen Erinnerung gebracht zu haben; denn sie war nicht zu diesem Fest gegangen, obgleich sie unter den geladenen Damen gewesen war. »Wie kommt es nur, mein Freund,« sagte sie mit allerliebstem, sinnendem Ernst, »daß es meist unsere Tugenden sind, die uns hinterher Reue kosten?«

George lächelte ein wenig bitter.

»Es nützt nichts, sich dergleichen vorzuhalten, teure Freundin,« sagte er, den Blick auf das vor ihnen herschreitende Paar, Meyer und Therese, geheftet. »Nehmen wir uns vor, bei zukünftigen Gelegenheiten weniger gewissenhaft zu sein!«

Karoline seufzte. George bemerkte es nicht. Vom Fluß herüber kam das Quarren der Frösche und nun, -- zagend, wie stammelnde Sehnsucht, -- der Ton einer kunstlosen Flöte. Die Ebene klagte.

George schlug einen schnelleren Schritt an, um gleich wieder einzuhalten. »Seltsam!« sagte er schwer aufatmend und drückte die Hand auf seine Brust. »Seltsam, daß ich zu manchen Zeiten das Gefühl habe, als hinge mein vergangenes Leben mit der Schwere eines Jahrhunderts an mir. Als müßte ich eilen, irgend etwas einzuholen ... Oh, Karoline, -- sollte dieser Abend Symbol meiner Zukunft sein?«

»Welch trübe Ahnungen, bester Freund!«

Und nach einer Weile setzte das Mädchen wie gegen ihren Willen hinzu: »Meyer ist gewiß ein unendlich liebenswürdiger Mensch von Geist und Kenntnissen. Aber, glauben Sie mir, -- Therese weiß zu unterscheiden ...

Sie weiß es, so gut wie ich ...«

Dies kam so verloren hintennach. Ach, George überhörte es völlig. Therese wußte, zu unterscheiden! War diese Versicherung nicht Grund genug, Karolines Hand an die Lippen zu ziehen? --

* * * * *

»Nein, ich träumte nicht, denn ich schlief ja noch gar nicht!« dachte George, gewaltsam die Augen öffnend und im Mondlicht jede Einzelheit seines schlichten und dennoch komfortabeln Logierzimmers im »König von England« wahrnehmend. »Rechnet man denn im Traum?« dachte er weiter. Herrn Meyers Stimme hatte, -- dicht an seinem Ohr, -- soeben gesagt: »Nunmehr beginnt die Anziehung des Todes ...« und »Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt,« hatte George hierauf erwogen, »folglich siebenundzwanzig und siebenundzwanzig macht vierundfünfzig ...«

»Bergab brauchen Sie nur die halbe Zeit, Herr Professor!« hatte da jemand anders gesagt, und George hätte darauf schwören mögen, Therese vernommen zu haben.

Von der Johanniskirche schlug es eins.

»Natürlich habe ich geträumt,« seufzte George schlaftrunken, und -- »Therese weiß zu unterscheiden!«

Er lächelte in die Dunkelheit hinein und sank in Schlummer zurück, die Hand über die Augen gelegt zur Abwehr feindlicher Gewalten, wie einst, als er ein sehr kleiner Knabe war. --

* * * * *

Ein Mann, der eine Familie begründen will, bedarf der Mittel, um sie standesgemäß zu erhalten, -- das steht außer aller Frage. Ein Mann, auf dessen geistige Kundgebungen ganz Europa mit liebender Ehrfurcht lauscht, und, -- innerhalb des eigenen Bewußtseins ist ein solches Zugeständnis wohl erlaubt? -- er _war_ ein solcher Mann! -- hatte die Verpflichtung, das kostbare Triebwerk seiner Schaffenskraft ununterbrochen zu speisen und in Gang zu halten. Er bedurfte also der Bücher, der Kupfer, der Landkarten, der Instrumente, der Gesteinsproben, der Kuriosa aller Art, -- bedurfte kurzum der Arbeitsmittel im weitesten Ausmaß. Ein Mann, der sich in der Welt bewegt und der alle Tage gewärtig sein kann, vor irgend einen hohen Herrn treten zu müssen, er darf sich äußerlich nicht vernachlässigen, er hat auf eine soignierte Erscheinung zu achten, auf eine gewisse solide Eleganz, -- für die das Leben in England ohnehin den Grund gelegt hatte, -- er bedarf, da ihm selbst seine Geschäfte keine Zeit für dergleichen Peinlichkeiten lassen, einer geschulten Bedienung.

Dies alles zusammengefaßt und ruchlos nackt ausgedrückt: ein Mann von solchen Ansprüchen bedarf des Geldes. Wenn er kein Geld hat, wird er, verlockt durch den Kredit, auf den er überall und ohne Anklopfen trifft, Schulden machen. Schulden aber werden ihn, infolge übler Erfahrungen aus frühen Tagen, nächtlich drücken wie ein Alp. Hat er gleich von früh auf gelernt, daß man, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, eben Geld bedürfe, komme es aus welcher Quelle es wolle, falls sie nur ehrlich sei, so ist er doch durch Schaden so klug geworden, zu wissen, daß manche Quellen die Eigenschaft haben, sich selbsttätig zu vergiften. Er wird also andere untrügliche und ursprüngliche Quellen suchen, und dies tat George Forster, einer kindlichen, trotzigen Gläubigkeit voll. In diesem Gang des Labyrinthes hallte das Heulen des Minotauros sehr süß, ganz Gold und ganz Therese. Daß sie nur wieder vernehmlich war, diese Stimme der Gefahr, diese Lockung ins Ungewisse, der zu folgen süßer Schwindel war, ein Taumel Geistes und Blutes, der Rausch, der es erst wert war, Leben zu heißen! Daß man nur wieder unter Projekten einherging, Aussichten erwog, auf dem Schachbrett der Möglichkeiten Verdienst und Beziehung gegen bestimmte armselige Figuren ausspielte!

»Im Vertrauen, Freund,« sagte George zu Sömmerring, den Blick in seltsamem Strahlen auf die Türme der Stadt gerichtet, die vor ihnen in der Morgensonne blitzten, »ich konnte von je nicht glücklich sein, ohne die Veränderung vor Augen, den Aufstieg, die Wendung zum Guten. Eine Unruhe ist mir angeboren, -- oder anerzogen.«

»Dies verdankst du deinem Herrn Papa,« bemerkte Sömmerring trocken.

»Wie dem auch sei,« gab George unberührt zurück, »in diesem Augenblick der ungeheuern Spannung fühle ich meinen Fuß nicht, der mich auf dem Hinweg so unerträglich molestierte.«

Er blieb stehen, lüftete das Seidentuch, das ein irdenes Gefäß in seiner Rechten verhüllte, und blickte angelegentlichst hinein. »Ohne Zweifel,« murmelte er, »ohne allen Zweifel! ^Materia prima^, -- ^materia prima^ ...« Dies letzte flüsterte er kopfschüttelnd, verklärt, sah auf und beeilte sich Sömmerring einzuholen, der mit mürrischem Gesicht weitergegangen war und seinen Stock auf eine betont unentwegte Art und Weise durch die Luft schwenkte. »Du bist verstimmt,« sagte George unwillig, »nun, ich begreife dich nicht ... Jetzt auf der Schwelle der Gebetserhörung ...«

Sömmerring blickte zur Seite. --

Sie waren beide in derben Kleidern, hatten vollständig durchnäßtes Schuhwerk und sahen auch sonst mitgenommen aus wie Männer, die vor Tau und Tag zu irgendeiner harten Arbeit aufgebrochen waren. Sie hatten eine Morgenwanderung hinter sich, eine Forschungsfahrt, eine kleine wissenschaftliche Expedition, die von Erfolg begleitet gewesen war.

Im ^Opus mago-cabbalisticum^ steht geschrieben: »Wenn der nitrosulphurische Zunder, woraus Blitz und Donner entstehen, in unserem Luftkreis keine wässerigen Dämpfe oder Wolken antrifft, die ihn zusammentreiben und einschließen können, so bleibt dieser auf die sublimste Art gleichsam in einer geistlichen Gestalt in unserer Luftregion hin und wieder zerteilet, dessen grobe Teile aber werden durch ein schleimiges merkurialiches Wasser globulieret, und des Tages über durch die Sonnenstrahlen entzündet, daß dieselben des Nachts bei hell gestirntem Himmel den Fixsternen gleich scheinen, bis ihr Schwefel verzehrt ist, da sie dann wieder auf die Erde fallen; und ein solches Meteorum heißt der Pöbel Sternschnuppe.«

Dieser Sternschnuppensubstanz, diesem geheimnisvollen Stoff voll unabsehbarer Verwandlungskräfte waren sie auf der Spur gewesen, hatten sie gesucht wie es angegeben war, an einem Frühlingsmorgen nach einem nächtlichen warmen Gewitterregen, eh noch die Sonne ihre Strahlen darauf geworfen hatte. Wie die Kraniche waren sie im hohen Gras einer sumpfigen Wiese vor dem Dörfchen Weckerhagen umhergestelzt in stoischer Gleichgültigkeit gegen einen bäuerlichen Volksauflauf, der sich jenseits des Rains auf der Landstraße ansammelte. Und es war geglückt! Wasserblau, gallertartig und zähe, kugelig und wie von Fett strotzend hatte es in Vertiefungen des Erdbodens gelegen, sie hatten sich klopfenden Herzens darüber hergemacht und die Gefäße gefüllt. Sagte ein Bauernjunge, der, seine Neugierde nicht länger beherrschen könnend, herangekommen war, grinsend: »Das mache die Frösch' ...«? Das Volk war roh! Und das war recht gut. Nur dem Eingeweihten, dem Magier lächelte die Natur ohne Schleier ins wissende Auge.

»Konnte jener Flegel dich in deinem Glauben wankend machen?« fragte George heftig, »bist du der Gnade so wenig wert?«

Sömmerring wandte ihm die kleinen, ein wenig schräg gestellten Augen bekümmert zu. »Der Kerl sprach etwas aus, was ich längst vermutete,« sagte er in klagendem Westpreußisch, »diese Materie ist als die Ablagerung gewisser Kröten, Frösche oder Schnecken zu betrachten, mit ihrem Fortpflanzungsgeschäft zusammenhängend, wenn nicht alles täuscht. Es entspricht dies Beobachtungen, die ich als Knabe auf den Wiesen an der Weichsel gemacht habe. Man betrügt uns. Als ich uns dort im Grase hocken sah und deines Weltruhmes gedachte, überkam mich Scham, -- ich hätte weinen können!«

»Schweig!« herrschte George ihn an. »Du hast keine Demut! Uns ziemt zu glauben und zu gehorchen!«

Er schritt stürmisch vorwärts, die Lippen zusammengepreßt; Sömmerring folgte verkniffenen Gesichtes. Lerchen träufelten ihren Gesang über die jungen Saaten, am Wege lockten Ammern in den Apfelbäumen. Ländliche Fuhren überholten sie, von Bauern in blauen Kitteln geführt, Mädchen, die kurzen, gefältelten Röcke wippend, Lasten auf den Köpfen tragend, schritten schwatzend vorbei, in den Straßen der Stadt empfing sie das Gewimmel eines Markttages. Die Professoren Sömmerring und Forster rannten finster hindurch. Die ersten Worte, die einer von ihnen nach jenem Gespräch auf der Landstraße hören ließ, sagte George, sagte sie ein wenig atemlos zu dem Hofrat Prizier, der ihnen schwarzbekittelt in seinem Arbeitsgewölbe in den Kellern der Residenz entgegentrat. »Wir haben sie!« sagte er in herausforderndem Ton und reckte die Hand mit dem irdenen Töpfchen aus. Nun, war er etwa nicht von Glück überströmt? Was galt's nun noch, als aus jenem astralischen Subjekte die kostbare, die unschätzbare ^tinctura universalissima^, den Stein der Weisen auszuscheiden, sie von ihrem Fluch zu reinigen und zur Übervollkommenheit zu bringen?