Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 20

Chapter 202,980 wordsPublic domain

Die Sache war diese: George Forster, -- Forster der jüngere, der Forster, den älteren, an europäischer Berühmtheit zweifellos überragte, -- dieser Verfasser einer Reisebeschreibung, die ebensowohl in den Büchereien ernsthafter Gelehrter, als in den Händen von Fürsten, Weltleuten und Damen zu finden war, -- dieser liebenswürdige Mann, dessen Jugend den Reiz seiner interessanten Persönlichkeit noch erhöhte, den man allenthalben, -- ach, in Paris, in Antwerpen, in Berlin, an diesen und jenen kleinen Höfen, -- verwöhnt und umworben hatte, diese Freundesseele, die man mit Betrübnis scheiden sah, wo immer sie je ihr sanftes Licht gespendet hatte, -- George, kurzum, dem Joche entronnen und freier Herr seines Lebens, George sah sich nach drei, vier Jahren dieser Freiheit auf einmal einer sonderbaren, einer erschreckenden Erkenntnis gegenüber. Wo war der Mann, für den er sich gehalten hatte? Wo war der Dalrymple Ebenbürtige, der geistige Sohn Cooks, straff, klar, von jener biegsamen und stählernen Schaffenskraft, von jener durchsichtig arbeitenden Gehirntätigkeit, -- dieser, der in einer Atmosphäre strahlender Geistigkeit seine Bestimmung erfüllte, jede Viertelstunde ausnutzend für den großen Zweck der eigenen segenverbreitenden Vervollkommnung? Mein Gott, dieses dumpfe Geschöpf hier unter dem Türrahmen, das bleich aussah und trübe, umschattete Augen mit geröteten Lidern hatte, wie der Spiegel es ihm soeben höhnisch gezeigt, sich in diesem Augenblick kaum anderer Zustände bewußt, als einer bedrückten, von ziehenden Schmerzen gepeinigten Körperlichkeit und einer quälenden Schuldenlast, die ihm der Anblick der halb ausgepackten Bücherkiste dort am Boden eindringlich ins Gedächtnis rief, -- dies also, -- dies war der George Forster, von dem er sich einst unbedenklich das Höchste versprochen hatte! Er war pünktlich auf die Minute, er war reinlich, sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter dem Vater arbeitete, der das Gegenteil von alle diesem gewesen war. Und nun? Er begann herumzuhinken und mit verzweifeltem Herzen Ordnung zu machen; nun, hier sah es aus, wie bei einem Säufer, schlimmer als in der Petersburger Wohnung des Vaters, wo er auch nie Herr über die Gegenstände geworden war und den Vater dafür so verachtet hatte, -- aber trank er denn, -- spielte er, -- hatte er irgend ein Laster? Hier lagen unbezahlte Rechnungen, -- Rechnungen über Landkarten, kolorierte Stiche, Bücher, über den blauen englischen Frack, der so hübsch war, über einen Degen zum Galakleid, -- zwischen den Manuskriptseiten angefangener Arbeiten. Hier lag ein Spitzenjabot, -- er hatte es längst vermißt! -- in einen Folianten eingeklemmt und auf der Schreibkommode stand ein einzelner Schuh. Stöhnend sortierte er, schuf reinliche Anhäufungen gleichartiger Papiere, stellte Bücher auf und stäubte sie ab; vergrub zwischendurch den Kopf in den Händen und tat das, was er »sich Rechenschaft ablegen« nannte. Er hatte keine Laster, bei Gott! Er hatte zu keiner Zeit seines Lebens so bewußt gegen schlimme Anlagen gekämpft, so meinte er, sich der selbstzerfleischenden Beichten im Kreise der Logenbrüder erinnernd und der unbarmherzigen Kritik, die sie aneinander übten. Durfte er sich's nicht eingestehen, daß Menschen ihn liebten, war die Freundschaft, deren er genoß, ihm nicht Bürgschaft für seine moralischen Qualitäten? Was war's denn mit dieser Unordnung, die er in seine Lebensführung einreißen sah, mit dieser Dämmerung, die nun schon seit Monaten unbeweglich über seiner Seele lagerte? Und standhaft sich abwendend von der Einsicht in die eigentlichen Gründe seines Zustandes (gekleidet in ein von grausam unbefangenem Gelächter begleitetes Wort des Vaters aus den letzten Weihnachtstagen in Halle: »Die Rosenkreuzerei mitsamt der Alchemie ist eine Sünde wider den heiligen Geist, mein Sohn!«) jene Klarheit von vorhin erfolgreich verdunkelnd, machte er eine saubere Aufstellung. Schuld an seinem Unglück war einfach der Geldmangel, die schlecht dotierte Stelle, die er innehatte, er, der seinem Ruf und Rang doch ein einigermaßen elegantes Auftreten schuldete und der kostbare Arbeitsmittel nötig hatte. Ganz zu schweigen von den Ansprüchen, die der Vater immer noch an ihn stellte, und die er, er wußte es gut genug, trotz aller harten Vorsätze immer wieder berücksichtigen würde, denn -- konnte er die _Mutter_ leiden lassen? Er brauchte also Geld, mehr, als er je durch seine Arbeit verdienen konnte, nun -- und Gott hatte ihm ja den Weg gezeigt, dachte er eigensinnig und blätterte, ohne es zu wissen in der ^Aurea catena Homeri^, die vor ihm auf dem Tisch lag. Gott, der die Seinen erhörte über Bitten und Verstehen und vor dem die wissenschaftliche Erfahrung nichts galt, sondern das Wunder.

Hier rührte ihn irgendeine Erinnerung an, kaum spürbar, wie der Schatten eines vorüberhuschenden Vogels. Er wurde unruhig, faßte sich an die Stirne, blickte um sich. Was war es nur? Wo hatte er doch etwas erlebt, das sich zu seinem jetzigen Erleben verhielt wie der Keim zur Frucht, ach, etwas Ungreifbares, -- da -- wo war es doch? Und plötzlich fiel Licht auf einen Heckenweg der Vergangenheit wie aufflammender Blitz, und da sah er sich stehen, einen blühenden Kirschbaum umschlingend, geschüttelt von einem Ausbruch des Gebetes, _eines Gebetes um Gold_, -- und _da war ihm Gold aus dem Schmutz der Straße geworden_!

Die Wirkung dieser Erinnerung war überwältigend. Er griff mit beiden Händen an die Schläfen, öffnete den Mund zu lautlosem Gelächter, stammelte, schluchzte auf wie erlöst. Ein Zeichen, ein Gleichnis, eine Verheißung; ein Pfand für Gottes Güte hatte er besessen, ach, aus so frühen Tagen schon. Der Herr, der mich aus Ägypten geführt hat, dachte er erschöpft und beseligt. Ja, er war auf dem rechten Wege. Er senkte das Haupt, er faltete die Hände. Er dankte stumm.

Oh, aber daß dieser Teufel nicht von ihm weichen wollte, auch jetzt nicht, da er leichten Herzens an die Tagesarbeit gehen wollte. Daß es wiederum begann ihn anzugrinsen und ihn höhnte mit der fahrigen Hast der eigenen Bewegungen, mit der unbestimmbaren Angst, die ihm am Herzen hämmerte und ihn hetzte in der Erkenntnis, daß er ausgeliefert sei an eine dunkle Macht, ein Verirrter, ein Narr, ein -- woher kam ihm nur dies Wort? -- ein herrenloser Hund! -- -- --

* * * * *

»Der Professor zu Hause? Ist nicht zu Hause? Ist verreist? Schon wieder verreist? Ist in Göttingen? Potztausend, -- in Göttingen! -- So, so, -- in Göttingen!«

Diese Feststellungen, keinesweges in Wirklichkeit ausgesprochen und belauscht, sondern lediglich hervorgebracht von der etwas überreizten Gehirntätigkeit Georges, der, soeben der Postkutsche entstiegen, über das holprige Pflaster des Göttinger Marktplatzes eilte und in eine der winkligen Straßen einbog, die zur Universität führten, bewirkten, daß er sich in bescheidener Weise erheitert fühlte. Wer mochte jetzt in Cassel dem wackeren Mühlhausen, seinem Bedienten, solche Fragen vorlegen und sich in Betrachtung versunken wieder von seiner Türe entfernen? Vielleicht Runde, der Jurist? Die Herren von der Anatomie, Stein und Bollinger? Nun, die würden versuchen, Sömmerring auszufragen. »So, so, -- in Göttingen! Schon wieder in Göttingen.« Ja, doch, -- da war man wieder einmal in Göttingen, hatte hinter sich den kleinen gestohlenen Reiserausch einer Nachtfahrt und jetzt das Gefühl, weit weg von Cassel in einer erstaunlich anderen Luft zu sein ... Zudem hatte man die Nacht sehr seltsam verbracht, hatte einen Reisegefährten gehabt, dessen Bekanntschaft eine Acquisition von unschätzbarem Wert ergab, einen jungen Mann, den George zunächst für einen Herrn von Adel gehalten, der sich alsdann freilich unter dem Namen Meyer vorgestellt hatte, jedoch, was für ein artiger, interessanter Herr Meyer! George blickte sich einmal vorsichtig um, auch Herrn Meyers Reiseziel war Göttingen gewesen. Indes Herr Meyer war verschwunden. Ja, also, da war man wieder einmal in Göttingen und George fragte sich, ob diese kleinen Reisen, mit denen er alle paar Wochen einmal aus Cassel ausbrach, etwas wie Fluchtcharakter trügen? Atmete es sich nicht freier, sobald der Burgfriede jener Stadt hinter einem lag, klärte sich einem nicht der Kopf, vergaß man nicht dies und jenes, Zustände, Gedankengänge, die aus der Ferne auf einmal unwesentlich, ja lächerlich scheinen wollten, so bedrohlich sie einen bis gestern umdrängt hatten? Oh, es gab Gründe genug nach Göttingen zu fahren, übergenug! Hatte Cassel eine wissenschaftliche Bibliothek von einigem Belang aufzuweisen? Reichten seine Sammlungen, seine Institute auch nur entfernt an die der Universität heran? Hatte Cassel Männer wie einen Heyne, einen Lichtenberg? Oh, also Gründe genug, und kein Vorwand nötig, um diese häufigen Fahrten zu entschuldigen! Wenn nur nicht in einem selber tief innerlich das lächelnde Bewußtsein gelebt hätte, daß alle diese triftigen Gründe eben eigentlich doch nur Vorwände waren! Denn letzten Endes gab es allein zwei Erklärungen für die magnetische Kraft von Göttingen, und die eine davon war, daß diese Stadt außerhalb jedes magischen Zirkels zu liegen schien, daß die Luft hier dem unerbittlichen Gedanken, der demütigen Arbeit, der exakten Forschung dienlicher war. Daß, -- George verhehlte es sich keineswegs -- die Männer, die er hier verehrte, gewissen geheimnisvollen Bemühungen, denen man in Cassel mit leidenschaftlich verbohrtem Ernst oblag, gleichmütig gegenüberstanden, ohne Zustimmung, aber auch ohne Spott, ja, wie einer ganz und gar belanglosen Angelegenheit. George war aber in dieser Stunde der Ankunft, während er seinen Mantelsack im »König von England« abgab und bald darauf an einem Pult im Gewölbe der Bibliothek lehnend sich Notizen machte, in seinem Geiste weit weniger mit diesen Begründungen beschäftigt, als mit der Erinnerung an jene ungewöhnlichen Nachtgespräche. Vor allem ward er nicht müde einen Satz hin und herwendend auszuspinnen, den der elegante Fremde mit lässiger Schwermut in die Mondesdämmerung hineingesprochen hatte, die Hände zwischen den Knien verschlungen, vorgebeugt und das schöne Gesicht zu den Gestirnen erhoben: »Jedes Leben, mein Herr Professor, hat zwei Pole, die Geburt und den Tod. Es entfernt sich von dem einen, um sich dem andern zu nähern. Von einem bestimmten, immer individuellen Zeitpunkte an hört die anstoßende Wirkung der Geburt auf -- und beginnt die Anziehung des Todes ...« Und ich, -- dachte George aufgewühlt, -- und ich? In seiner Einbildungskraft, die ihn mit ihrer sonderbaren Symbolik so gewalttätig meisterte wie je zuvor, nahm die Vorstellung des abstoßenden Pols die Gestalt nicht der ihn Gebärenden, sondern die seines Erzeugers an: ha, es war der alte König Minos, pausbackig und puderperückig, der ihn da hinausschleuderte in die Bahn, ihm nachblickend, wie er dahinfuhr, mürrischen Angesichts, unzufrieden, ihn aus der Hand gelassen zu haben. George, zerstreut kritzelnd, und die Blätter der Bücher, die er für seine Arbeit nötig hatte, lässig wendend, lächelte vor sich hin bei seinen Gedanken, und blickte nun, seitlich geneigten Hauptes, hinaus in die grüne Dämmerung der Kastanienbäume. Ja, ich bin dir entronnen, dachte er, heute frei von Bitterkeit und sommersüßen Blutes froh, dein Anstoß war nicht schlecht, aber du hast keine Gewalt über mich. Ich fahre nun dahin ... Er schrieb weiter. Siebenundzwanzig Jahre, dachte es dabei in ihm fort, und er dehnte sich in den Schultern, -- ich bin noch jung. Und während er, zum Abschluß gekommen seine Papiere ordnete und die Bände auf ihre Plätze zurückstellte, ging es ihm durch den Sinn: wann wird mein Tod beginnen, mich zu locken -- und in welcher Gestalt ...?

Aber sein Herz, das heute so voll Lächelns war, ließ auch diese Frage im Licht untergehen. Er entzog sich diesen Gedanken, er hörte statt aller Antwort den Namen: Therese, in sich aufklingen, -- Therese, -- und immer wieder Therese ...

Es war Juni. In den Gärtchen an der Leine blühten die Zentifolien. George Forster ging, Therese Heyne aufzusuchen. -- -- --

Er, der die malaiischen Urwälder kannte bis in die verborgenste Blüte ihrer dampfenden Erdspalten, -- der sich den lauen Wassern der Südsee hingegeben hatte und vergeblich geworben um das starrende Geheimnis der Antarktis, -- George Forster kannte nicht die Frau. Er hatte unter Männern gelebt, so lange er denken konnte. Was hatte die Mutter, was hatten die Schwestern bedeuten können in dem Ozean von Männlichkeit, den Reinhold Forster darstellte? Verschlingt nicht das Meer das süße Wasser der Ströme? Ja, im salzigen Wind männlicher Art hatte George gelebt, Männer hatten ihn erzogen, geknechtet und neben ihm gearbeitet, Männer hatte er bewundert und zu Freunden begehrt, -- männlich, geistig, hart und herbe war sein Frühling gewesen. Es gab gewisse einsame Erlebnisse seines Körpers, die er vergaß, sobald der Aufruhr der Nerven sich gelegt hatte. Die fürchterliche sinnliche Erregung der zweiten Polarfahrt war eins dieser Erlebnisse gewesen, dies war der erste, und, wie ihm geschienen hatte, der letzte Ausbruch von in ihm wallenden Gluten gewesen. Der Herd war erschöpft, jahrelang hatte er es nicht anders annehmen können. Er war der Zärtlichkeit fähig und bedürftig, er trieb die Freundschaft bis zur Schwärmerei. Frauen? O ja, mehr als eine hatte sich ihm genähert, seit Europa ihn wieder hatte, mehr als eine, angezogen von dem exotischen Duft seines jungen Ruhmes, von der Milde seines Geistes, seiner brüderlichen Freundlichkeit, -- diese und jene vielleicht auch von dem Gerücht, daß er gelegentlich tahitianische Kuriositäten als Souvenir verschenkte. Dies, er wußte es selbst genau, waren angenehme Erfahrungen gewesen, aber ganz und gar ohne die tiefe Magie seelischer Berührung, wie sie seine Begegnungen mit Männern wie Jakobi oder Sömmerring, -- ohne den geheimen stachelnden Reiz einer aus rätselhaften Gründen bekämpften gegenseitigen Anziehung, wie ihn sein Verhältnis zu Müller hatte; frei endlich von dem Glück, -- ja, er gestand es sich ein in Stunden zermalmter Demut, -- von dem Glück sklavischer Abhängigkeit, daß er trotz allem unter dem Joch des Vaters empfunden. Diese Begegnungen waren, -- verwundert sann er manchmal darüber nach, -- ihm niemals mehr geworden wie die Erinnerung an Bäume, Blumen und Schmetterlinge. Und war es einmal mehr gewesen, so war es begleitet gewesen von körperlicher Angst, die Flucht befahl, -- Angst, die aus irgendwelchen Abgründen das Bild der Starostschenka heraufbeschwor und das der Tatarenfrau in Kasan, zugleich mit einem Duft nach Patschouli, nach asiatischem Lack, Holzkohlenrauch und irgendwelcher erstickenden menschlichen Ausdünstung. Hierher gehörten auch die Träume von neuseeländischen Weibern, die ihn von Zeit zu Zeit überfielen wie ein Alb. Kurz und gut, er haßte diese Offenbarungen der Natur. Völlig ohne Erfahrung, wie er war, ahnte er doch, daß sie Anforderungen an seinen zarten Körper stellten, denen er sich keineswegs gewachsen fühlte.

Dennoch hatte er eines Tages die Grenze überschritten und jenes Land betreten, unerforscht, und rätselvoller als alle Urwälder der Welt. Oh, nicht von heut auf morgen, aber er entsann sich nicht der Stadien dieser jahrelangen Reise, auf der er, sich selbst dessen kaum bewußt, ein junger Mann von einigen Ansprüchen in bezug auf Kleidung, Bedienung und Auftreten geworden war. Er wußte deutlich nur um die letzte Erfahrung auf diesem Wege: denn Karoline Michaelis, so meinte er, sei die Frau gewesen, bei der er zum erstenmal eine Ahnung des Aufschwungs des Leibes und der Seele gespürt habe, dessen er fähig war. Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit er sich irrte, wie wenig er imstande war, die Grade zu ermessen, die sein Gefühl durchlaufen hatte, um zu reifen. Diese Karoline jedenfalls, die ihn ein seltsam reizendes neues Gefühl geistreichen Schmachtens gelehrt hatte, ein Glück, das einen leichten Anhauch von Entsagung hatte: also _dies_ war es, -- nun ja, es _war_ ein Glück, immerhin ... Diese Karoline war drauf und dran gewesen, ihn an den Rosenketten ihrer achtzehn Jahre sanft triumphierend mit sich fort zu führen, als, -- ebenfalls achtzehnjährig, mit ein paar kurzen herrischen Schritten und böse funkelnden Augen, -- Therese dazwischen getreten war, ihre Herzensfreundin Therese, und jene Rosenketten ganz ohne alle Rücksichtnahme mit festen kleinen Händen zerrissen hatte.

Göttingen, -- das war die einzige Stadt unter dem Himmel Europas, die diesen bezaubernden Schimmer hatte, die diesen Rauschduft atmete, die Erregungen ausstrahlte, jenes Fluidum, das einen geliebten Körper umgibt. Eine kleine staubige Stadt an einem träge schleichenden Flüßchen voll satter professoraler Bürgerlichkeit, das mochte Gott wissen! Dennoch, -- die Stadt der Gärten voll Geißblattlauben und Rosen. Die Stadt geheimer Dichtertrunkenheit und öffentlicher Tollheit, die Stadt der Jünglinge, der Schwärmer, der Poeten. Genug! Göttingen, -- das war die Stadt der Frau. -- -- --

George, an diesem Juninachmittag den Platz vor der Bibliothek eilig überquerend, empfand einen sommerlichen Taumel, der ihm alle Gedanken raubte. Jenes Gartenhäuschen dort, das sein geschwungenes Dach mit der Bekrönung des spitzen Pinienapfels über die Mauer des Heyneschen Gartens reckte, von blühenden Rosen umrankt, jene Taxushecken, auf deren starrem dunkelgrünen Polster sich wuchernder Jasmin in der Überfülle seiner weißgoldenen Blumen wälzte, -- die Linden, weingelb überblüht, -- diese Luft, süß, schwer und warm, -- hatte er das alles irgendwo auf Erden erlebt? Er fühlte ein Stechen am Herzen, seufzte auf und ging langsamer. Wohl, dachte er, und blickte sich um wie ein Träumender, dies alles ist -- wie Karoline. Therese aber, -- wieder ging er schneller, der Schmerzen in der Brust uneingedenk, -- Therese war inmitten seiner voll aufgeblühten Empfindung wie eine zärtliche Knospe, die sich nicht erschließen wollte, war stachelnd wie die tahitianische Ananas, war -- wie dieser kurze warnende Schmerz in ihm, auf den er doch mit einer seltsamen Neugier wartete. Er seufzte wieder, schloß die Augen einen Atemzug lang und lächelte mit verzogenem Gesicht. Stellte er sich Therese nicht immer vor, wenn er Schmerzen hatte? Therese _war_ ein Schmerz. Doch dieser Schmerz tat wohl.

Er war der Mann, der Deutschland mit der andern Hälfte der Erdkugel verband, -- einer von den paar Männern, die sich an den Fingern herzählen ließen. Wer immer es erreichte, ihm die Hand zu drücken, tat es wohl zuweilen in dem Gefühl, einen Urwaldbaum anrühren zu dürfen; seine Augen, die so viele Wunder gesehen hatten, strahlten den Zauber einer andern Sonne, heftigerer Sterne aus. Abenteuer umflackerte ihn in der Vorstellung der Gesellschaft, der stete Glanz unerhörter Leistung umgab ihn wie eine Gloriole. Zudem: er plauderte allerliebst, er hatte eine beziehungsvolle Art in Frauenaugen zu blicken, er stand in anmutiger Haltung an Türpfeiler gelehnt und über Stuhllehnen geneigt, und diente jedem Salon zur begehrten Zierde. Er war, mit einem Wort: ach, -- der junge Forster! Ja, selbst in seinem eigenen Bewußtsein schaltete sich das Ich bisweilen völlig aus und seine Stelle nahm der junge Forster ein, eine interessante Persönlichkeit von hohem Reiz, ein Mann von großen Meriten, dessen Gesamteindruck es sicherlich vergessen ließ, daß er pockennarbigen Antlitzes war und seine Zahnreihen vom Skorbut böse mitgenommen. Der sonderbaren rauschartigen Glückseligkeit, mit der ihn diese innere Verwechselung mit dem eigenen Spiegelbilde erfüllte, zum Trotz, kannte er einen Zustand entsetzlicher Müdigkeit, in dem die Frage, ob denn kein Mensch um seine wahre Gestalt wisse, wie ein Schrei war. Ein Mensch, -- oh ja, es gab einen solchen Menschen! Aber mit Blindheit geschlagen, gleich allen, deren Gestirne ihnen Irregang vorschreiben, -- geschlagen mit dieser erstaunlichen Unempfänglichkeit für das eigene Glück, legte George seine Hand in die von Karoline Michaelis wie in die einer Schwester und ergriff die kleine bräunliche von Therese Heyne mit einem Zucken seines Herzens, das sich in einem kurzen Laut, halb Stöhnen, halb Gelächter, befreien mußte. Ah, nun war er da, -- nun, Gott sei Dank!