Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 2
Es gab so viele andere Geschichten von den Alten, die der Vater ihm erzählte und mit ihm las, und der kleine George wußte sie auch in wohlgesetzten Worten zu wiederholen und bewahrte in seinem erstaunlichen Schädelchen ein vortrefflich geordnetes Lager von Göttern und Helden, Städten und Tempeln, Königen und Völkern, Schlachten und Siegen. Indessen ruhte das alles in ihm wie in einem gutgehaltenen Herbarium ohne Saft und Farbe, Blut und Kraft, und das lag nicht an dem Lehrer, der, wenngleich ohne gestaltende Phantasie, so doch mit persönlichem Feuer vortrug, Partei ergriff und keinen Anstand nahm, die großen Griechen gelegentlich für eine Gesellschaft charakterloser Schöngeister zu erklären. Georges Vorstellungsvermögen versagte, sobald seine Empfindung, sein Gemüt nicht berührt wurden, und die erbebten wie Sinnpflanzen nur vor der Vorstellung des Zärtlichen, Idyllischen, -- oder aber, und dann nachdrücklichst betroffen und mit der Fähigkeit, den Eindruck immer von neuem erzitternd in sich wachzurufen: vor dem Grausamen, dem Gräßlichen! Da waren Skylla und Charybdis mit ihrer atembeklemmenden Angst, da war die Blendung Polyphems, der er, allem innern Schaudern zum Trotz, immer wieder und in allen Einzelheiten nachhing, ein krankhaftes Mitleid mit dem ungeschlachten Riesen empfindend und den zugespitzten, in der Glut gehärteten Pfahl im eigenen Auge fühlend, wie er aufzischend in Blut und Tränen wühlte. Oder mußte er sich das vorstellen, gerade um diesen schmerzlichen Schauder zu fühlen? Tat es ihm irgendwie wunderlich wohl, obgleich er sein kleines Gesicht oft verzweifelt ins Kissen drückte, wenn ihn vor dem Einschlafen die Ermordung der Freier heimsuchte? Entsetzlich, wie dem Antinous der Pfeil in die Kehle fuhr, -- George hörte hier immer das trompetende Angstgeschrei einer Schlachtgans, -- wie der arglose Agamemnon im Bade starb! Mit bebenden Händen tastete er das Irrsal der Ödipussage nach, und es war, als könnte er es nicht lassen, sich in diese Bilder zu vertiefen und sie mit peinlicher Gewissenhaftigkeit bis ins kleinste auszumalen, er, der im Leben ein kleiner Feigling war, und den der Anblick von Blut hinfällig machte. Warum aber war nichts furchtbarer als das Labyrinth jenes Königs Minos auf Kreta, von dessen letzten Schrecken nie etwas gesagt war, über das man nur Vermutungen und Ahnungen haben konnte? Wie, -- wie sah er aus, der Minotauros? Ein Mann mit einem Stierkopf, -- gut! -- aber wie mochte das aussehen, wie gräßlich dies: ein Mann mit einem Stierkopf! Diese Vermutungen waren es, die Vorstellung einer ungeheueren Angst vor dem Unbekannten, die den Knaben überkamen, wenn er, -- immer in jener gefürchteten und doch heimlich ersehnten Stunde vor dem Einschlafen, -- in seiner Einbildung mit trippelnden Schritten den finsteren Schlund des Einganges betrat. (Und drinnen brüllte der Minotauros!) Es folgten ihm gewöhnlich eine Anzahl von Kindern aus dem Dorf, bestimmt, sein Schicksal zu teilen, die kleinen Schwestern waren darunter, die sich an sein Jäckchen anklammerten, und Janusch, des Schweinehirten Sohn, der katholisch war und sich vor nichts fürchtete, nun aber klein und demütig sich aller polnischen Schimpfworte enthielt und George aufs Wort folgte, denn er war ja fremd hier. (Und drinnen brüllte der Minotauros!) Es gab nun die verschiedensten Abwandlungen dieses Traumspiels, und manche waren ausgesprochen gemütlich, man verfügte zum Beispiel über Mundvorrat, Brezeln, Pfefferkuchen und Gänseklein, man hatte Decken und Federkissen mit und vor allem hatte man sich der gewaltigen Stallaterne des Malchus bemächtigt und bei ihrem anheimelnden Schein schlug man in einer Ecke des Labyrinths ein Lager auf, wo man aß, trank und sich vortrefflich behagte, denn drinnen brüllte der Minotauros, aber nichts war sicherer, als daß er nicht herauskommen würde, nein, die Gefahr war einzig die, daß man zu ihm hineinlief. Diesmal hatte man den Faden der Ariadne, (vorgestellt in der Gestalt von Mareiken, der Magd, in Holzpantoffeln und ihres grauwollenen Strickknäuels), und draußen wartete geduldig das Schiff zur Heimfahrt, man würde nicht vergessen, das weiße Segel anstatt des schwarzen aufzuziehen, damit sich jener alte Vater nicht aufregte und übereilt ins Meer stürzte. George legte keinen Wert auf den Ruhm des Theseus, den Minotauros erlegt zu haben, er überließ das anstandslos dem Janusch, der mit einem Prügel und Erdklößen bewaffnet war, wie meist. George hatte keinen Zug zum Heroischen. Aber es kam vor, daß er jene Gänge allein und ausgestoßen betreten mußte, daß er ohne Nahrung und Licht war und außerdem barfuß und im bloßen Hemde (auf spitzen, kleinen Steinen und bei eisigem Zugwind), daß er so hineinirrte in die saugende Finsternis, sich an kalten, feuchten Mauern weiter tastete, immer in der Angst, auf Kröten zu treten, (und immer hörend, wie es brüllte, -- brüllte!) -- daß dann, plötzlich, im Dunklen und an nichts anderem erkennbar als an dem Duft von Küche und Kinderstube, einem sommerlichen Duft, mit dem sie über einem zusammenschlug wie ein reifes Kornfeld, die Mutter bei ihm war, -- oh, Wonne und Aufschluchzen, die Mutter! -- die ihn auf den Armen hinaustrug, und dann war draußen nicht das Land der Schellfischgräte, sondern der Garten mit seinem Lindenbaum und seinen friedlichen Kohlköpfen. Mitunter war es auch die Starostschenka Hermanowska aus dem Gutshause, die ihn so rettete, sie hatte das geblümte Seidenkleid mit dem mächtigen Reifrock an und glich auf ihren hohen Stöckelschuhen einer riesigen wandelnden Blüte, sie hob ihn mit Schwung über diesen Wall hinüber an ihren tiefausgeschnittenen, überpuderten Busen, an den sie seinen Kopf drückte, wie einstmals, als sie seine Mutter besucht hatte. Auch sie duftete, aber anders, durchdringender, köstlicher und widerlicher als alle Dinge der Welt bisher geduftet hatten. Und dies war ein Erlebnis, in dessen Bestürzung George sich ewig von neuem fallen lassen mußte, wie in ein bodenloses Blumenmeer, um ohne Befriedigung, nur seltsam beklommenen Herzens, daraus aufzutauchen.
Was bedeuteten jedoch solche Spielereien gegen die wahre Furchtbarkeit und den nackten Ernst dieser Vorstellung, wenn sie ihn nächtlich überfiel, während der Schlummer ihn lähmte und er ihr nichts entgegenzusetzen hatte? Sie nahm wuchernd Besitz von den ausgestorbenen Windungen seines Hirns, durch die der Schlaf kühl und feierlich wehte, sie breitete sich böse und lautlos aus, bis sie das Zentrum des Bewußtseins erreicht hatte und ihn -- ja, wen? Nun jedenfalls doch sein eigentliches, innerstes Selbst, -- aufstörte und zu jagen begann. Dann geriet er in einen Wirbel der Angst, in eine rasende Hoffnungslosigkeit, -- er wußte nichts mehr vom König Minos, von der Insel Kreta, von Theseus und dem Minotauros, es war nur noch die Idee des Labyrinths, die ihn beherrschte, eine Idee, gleichbedeutend mit kreiselnder, nutzloser Flucht, gehetzt in immer engeren Schlingen um einen heulenden Mittelpunkt, dem er sich näherte, anstatt ihm zu entgehen, -- es war Beben, Fiebern, Keuchen und -- das Schreien, das grauenhafte Schreien, das er dann hörte, indem er sich unter der furchtbaren Last dieses Traumes emporarbeitete, immer von neuem verschüttet wie von einem Erdrutsch, -- dies gräßliche Schreien, von dem es dann immer hieß, er selbst habe es ausgestoßen, er selbst ...
Übrigens stellte er sich den König Minos wie seinen Vater vor und es half nichts, daß er selbst diese Vorstellung als einen Verstoß gegen das vierte Gebot erkannte und unbehaglich dagegen ankämpfte. Leider war es ihm auch schon früher so gegangen, als er noch klein war, -- (so dachte der Siebenjährige) -- als er noch nicht lesen konnte, -- (und immer nur spielte), -- als ihm die Mutter die Geschichte vom kleinen Däumling erzählt hatte. Damals hatte der Menschenfresser so ausgesehen wie der Vater, es war nichts dagegen zu machen, auch nicht mit der verzweifelten Gegenfrage, ob denn der Vater aussähe wie ein Menschenfresser? Nein, denn er war immer sauber und stattlich anzusehen, von dem schimmernden Toupet abwärts bis zu den blitzenden Schnallenschuhen, und selbst wenn er im Hause mit dem langen Schlafrock angetan herumwandelte, der die Wirkung seiner ohnehin großen Gestalt ins Gespenstische steigerte, mit dem Troddelstrick um den Leib und der Zipfelmütze auf dem Haupte, -- ja, selbst wenn er von der Jagd heimkam, in den langen Stiefeln, die ihm fast bis zur Hüfte gingen und über und über naß und mit Schlamm bespritzt, -- wenn er dann eine blutige Beute auf den Fußboden warf und mit Gedröhn das ganze Haus zu seiner Bedienung in Bewegung setzte, -- auf einen Küchenstuhl geworfen saß er da, Mareiken hielt ihn von hinten an den Schultern fest, wobei sie die Backen aufblies und die Augen aufriß, Malchus kniete vor ihm und zerrte ihm die Stiefel ab, verfehlte auch nicht, mit jedem auf den Rücken zu kollern, (er war kurz und dick wie Sancho Pansa), George schleifte den Schlafrock, Rieken und Fieken die Pantoffeln herbei, die Mutter stand am Herde und rührte ein Eierbier, -- nein, selbst dann wirkte er nicht wie der Menschenfresser, und wenn er auch zum Schluß Rieken und Fieken packte und sie je in einen Stiefel steckte, so daß sie nur mit Schopf und Augen hervorsahen und kläglich mauzten wie junge Katzen, -- (ihn freute so was unbändig), -- so fraß er doch keine Menschen, sondern aß nur, was die Mutter kochte, und das meiste pflanzte er sich selbst im Garten, friedfertig und ernsthaft in der Erde wühlend, -- pflanzte Rüben, Bohnen, Erbsen, Gurken nebst fettem, glänzendem Kohl und füllte das ganze dreieckige Stück Land hinter dem Pfarrhause bis ans äußerste seiner Möglichkeit mit nahrhaftem Gemüse, auf daß er, Reinhold Forster, und dann natürlich auch sein Weib Justine, seine kleinen Kinder und sein Gesinde, -- aber doch besonders und um Gotteswillen er selbst, dieser große, starke Reinhold Forster, daß der viel, _sehr_ viel und gut zu essen habe! Und wenn er das lange Messer wetzte, so tat er's doch nur, um ein Huhn oder eine Gans zu zerlegen, aber nie, um einem kleinen Jungen die Beine abzuschneiden, (nebenbei gedacht: was war der Däumling unverschämt zu dem Menschenfresser, wann hätte George es je gewagt, dem Vater so zu begegnen?!) Aber nochmals: der Vater glich weder einem König Minos noch einem Menschenfresser, (nur diese beiden, sie glichen nun eben einmal dem Vater, vertrackt!) der Vater fraß keine Menschen und duftete außerdem nach Lavendel, seine Hemden und Bäffchen, seine Leintücher im Bett, selbst die Polster seines Ohrenstuhles und des alten knarrigen Kanapees, alles mußte jahraus, jahrein süß und eindringlich Rede stehen: blau, blau, blau ist die Sommerszeit! Dies war das einzige Blumenbeet im Garten, das der Vater selbst anlegte, und es lag unter der Sonne da wie ein azurfarbenes Kissen, vom Winde gewellt. Tazetten und Goldlack, Tulpen, Narzissen und Päonien, Fliegende Herzen, Stockrosen und Braut in Haaren, all die bunten, üppigen Blumen, die die Mutter so liebte und heimlich aussäete, sie fanden nur in ausgesparten Winkeln und an den Rändern der Rabatten Platz, wo sie dann freilich üppig wucherten und den Kindern die Schultern, den Erwachsenen die Knie streiften. Eine Ecke des Gartens durfte niemand betreten, als der Vater allein und George, wenn er mitgenommen wurde. Hier roch es streng und seltsam, wenn die Sonne auf den kleinen, sorgfältig gehaltenen Beeten lag, die zum Teil mit verstellbaren Glasplatten bedeckt waren. Fremdartige Kräuter mit krausem Blattwerk erstanden dort aus den kostbaren Samen, die der Vater wie Goldstaub hütete, wenn sie auf seine Bestellung endlich aus London oder Antwerpen eingetroffen waren. Kam es dann zur Aussaat, so war er meist in der besten Laune, wie stets beim Arbeiten in diesem Gartenwinkel, den er je nach Stimmung einen »botanischen Garten von Qualität« oder »ein Apothekergärtlein, ein miserables« nannte. Dann grunzte und pfiff er, während er am Boden hockte und die Pflänzchen mit seinen starken Fingern merkwürdig zart verpflanzte und umsetzte, er erbaute eine Miniaturgebirgslandschaft, er legte einen winzigen Sumpf an, kurz, er »schuf Bedingungen« und gelangte zu allerlei aufregenden Ergebnissen seiner Mühe, deren Wichtigkeit er George eindringlich mitteilte, ehe er in gründlichen Aufsätzen und Briefen der gelehrten Welt davon Kenntnis gab. George hielt ihm sein rosiges Apfelgesicht mit ernsthaften, runden Augen zugewandt und lauschte offensichtlich gespannt. Wußte ein Mensch, daß er eigentlich dachte: wenn nur Fieken meinen kleinen Spatzen nicht findet und ihm was tut, -- und etwa: heute gibt es Kaldaunen, ich wollt', ich war verreist!? Dies und Ähnliches ließ er sich angelegentlich durch den Kopf gehen, während sein Gehör und Gedächtnis dem Vater zugewandt waren wie willenlose Schreibtafeln, so daß er später imstande war, die schwierigsten Vorträge fast wörtlich zu wiederholen, -- und dann, bei dieser Wiederholung, beteiligte er sich auch an dem Inhalt dessen, was er sagte, und lernte wirklich dabei. Hinterher zeigte es sich freilich, daß Fieken den kleinen Spatzen, der sich so weich und zärtlich anfaßte und dessen zitterndes, kleines Herz man fühlen konnte, wenn man ihn in die hohle Hand nahm, daß Fieken diesen selben geliebten, kleinen Spatzen wohl gefunden und ihn unbedenklich der Hauskatze zum Spielen angeboten hatte. George weinte nicht, er nahm auch keinerlei Rache, aber eine ungeheure Bitterkeit erfüllte sein Herz gegen diese da, die immer spielen durfte, -- nun ja, und so weiter! Er sah sie groß und strafend an, empfand, daß sie sich gar nichts daraus machte, sondern ungerührt fortfuhr, den toten Balg ihrer holzköpfigen Puppe um und um zu drehen und anzuputzen, ihm Speise anzubieten, -- kleine Steine, die sie dann hinter sich auf den Boden warf, -- eine alberne Gaukelei! -- (der kleine Spatz hatte schon angefangen, eingeweichtes Brot von einer Federpose zu sich zu nehmen, sicherlich, er hätte ihn großgezogen!) -- und ging dann hinaus, die Hände auf dem Rücken, das Gesicht etwas verzogen und innerlich starr vor Schmerz. Eine lähmende Fremdheit stand zwischen ihm und den Kindern, er gehörte nicht zu ihnen, er wußte es, obgleich Fieken nur ein Jahr jünger war als er, und die übrigen, -- es waren sechs hinter ihm, als er elf Jahre alt war, -- bildeten mit ihr eine verbündete Macht. Wenn sie ganz klein waren, hatte er immer irgendwie die Hoffnung, sie könnten ihm gehören, dann stand er manchmal heimlich an der Wiege, streichelte sie behutsam mit seinen tintenbeklecksten Fingern und war unsäglich gerührt von ihrer verwunderten Hilflosigkeit. Aber sobald sie herumwackeln konnten, war es aus, dann hatten sie Ansprüche, denen er ratlos gegenüberstand, und Fieken zog wie selbstverständlich mit ihnen ab. Ganz schlimm wurde es, als der Vater ihn dazu anstellte, unter seiner Aufsicht die Schwestern zu unterrichten und ihnen die Künste beizubringen, die er selbst wie im Schlaf gelernt hatte. Gewiß, er machte seine Sache nicht übel und die beklemmende Feierlichkeit der Studierstube und besonders der ständige Anblick des über das Pult gebeugten väterlichen Rückens hielt seine Schülerinnen in Respekt, so daß sie höchstens in Augenblicken unerträglicher Langweile die Feder oder das Schnupftuch fallen ließen, um unter den Tisch kriechen zu können und ihn ins Bein zu kneifen, sicher, daß er nicht schreien würde. Aber nun sammelten sich Rachegelüste in ihnen an für die Sonderstellung, die er sich anmaßte, für jeden geschnauften Tadel, den der Vater ausstieß, für jede Kopfnuß, mit der dieser eine gesudelte Aufgabe verurteilte, und überhaupt dafür, daß sie nicht mehr so viel spielen konnten, immer nur spielen, leichtfertiges, auf Pläsier erpichtes Gesindel, das sie nun einmal waren. So nannten sie ihn von vorn und hinten den Herrn Magister und ahmten den etwas steifen Gang mit den auf den Rücken gelegten Händen nach, den er sich angewöhnt hatte. Wenn er mitspielen wollte und im Anfang alles gut ging, wenn er sich dann glücklich einmal vergaß, schrie und tollte wie die anderen und unbeholfene Sprünge machte, dann fühlte er ganz plötzlich, wie die Bosheit über sie kam, ohne einen sonderlichen Grund, als den, daß er sich anders benahm wie sonst und sich offensichtlich einbildete, zu ihnen zu gehören. Alsbald fiel es ihm wie Reif aufs Herz, er ward unsicher, forschte in ihren verschlossenen kleinen Fratzen, in denen die Lippen verkniffen waren oder breit und höhnisch verzogen, er fühlte sich umlauert, ward bebend empfindlich und gereizt, und dann war auf einmal Streit da und er immer der Schuldige. Wie furchtbar war das! Wußte es die Mutter denn, wie unglücklich er war? Sie rief ihn herein, wenn er an seinen Tränen würgend beiseite schlich, sie schalt ihn mit keinem Wort, wenn die anderen ihn verklagten, -- sie strich ihm kummervoll über den Kopf und gab ihm etwas zu tun, ließ ihn Gemüse putzen und hatte unendliche Geduld mit seinen ungeschickten Händen. Allmählich kamen sie dabei ins Plaudern und unterhielten sich gedämpft und eifrig, gerieten von Bohnen und Kürbissen zu Apfelbäumen und Weihnachten, erheiterten sich an Erinnerungen aus seiner frühesten Kindheit, als er noch sehr klein und dumm und alles so wunderschön gewesen war. »Denn damals,« sagte Frau Justine und blickte müde auf ihre arbeitenden Finger, »damals war auch der Vater noch zufriedener, Georgie, er hatte ... horch, kommt er da nicht? -- nein, es ist der Malchus! -- er hatte noch nicht so viel Ideen von Ruhm und Ehre und der weiten Welt. Aber er hat recht, -- er hat recht, -- er verkümmert hier, seine Gaben liegen brach, er ist noch jung ...« so wiederholte sie traurig eine Reihe oft gehörter Beweisgründe ihres Gatten und George nickte ernsthaft dazu. Das sagte der Vater, sagte es in den letzten Jahren mehrmals des Tages in den verschiedensten Tonarten, und allmählich war die Atmosphäre im Hause geladen mit Unzufriedenheit und harrte bebend des zündenden Funkens. Anders, anders sollte alles werden, -- aber wie? und: -- mein Gott, konnte man hier nicht glücklich sein?
George entsann sich in späteren Jahren immer wieder eines Abends, der mit seinem klaren, starken Bronzegold durch die schwarzen zitternden Kronen der Pappeln vor dem Hause geschienen hatte. Das Küchenfenster stand offen und der Oktoberduft von Rauch und modernden Blättern drang mit der herben Luft herein. Draußen in der frühen Dämmerung hantierte Malchus und ging mit seinen schweren Schuhen über den Hof; eine Kette klirrte, -- die Stalltür knarrte und dann brüllte die Kuh. Irgendwo, vielleicht hinten im Garten beim Nußbaum oder auf der Dorfstraße, wo der Ziehbrunnen quietschte, kreischten die Schwestern mit Mareiken. Hier drinnen war es dämmrig, still und warm. Auf dem Herde flackerte ein Holzfeuer unter dem summenden Kessel, warf zuckende Lichter hinauf in die Finsternis des Rauchfanges und ließ die kupfernen Geräte rötlich auffunkeln, die an der Wand gereiht hingen. Es roch nach reifen Äpfeln, -- nach Dill, der in großen Büscheln unter der Decke trocknete, und in dem großen Holzschaff plätscherte es zuweilen, darin schwammen die Karpfen, die der Starost vorher »mit einem ehrerbietigen Kompliment« an die Frau Predigerin geschickt hatte und die es morgen Mittag geben sollte. Der Vater war fern, es war heute nichts mehr zu lernen, zu denken, sein Geist war ganz entspannt und gleichsam selig nicht vorhanden. Nach dem Zank mit den Schwestern vorhin war sein Herz nun gelöst in Dankbarkeit und Rührung. Er hätte gern noch ein wenig geweint, eng an die Schulter der Mutter gedrückt, aber er ließ es bleiben und gab sich einem träumerischen Fluten der Gedanken hin. Und auf einmal war es, als ginge ihre Furcht davor, daß es jemals anders werden könnte, auf ihn über, auf einmal empfand er wie noch nie die Welt da draußen jenseits der heimatlichen Feldmark wie ein tosendes Meer, all die Städte, die hohen Schulen, die Namen großer und gelehrter Herren, die der Vater dauernd im Munde führte, kreisten mit bedrohlicher Wirklichkeit um sein Haupt, und ein Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen, überkam ihn so stark, daß er sich an den Arm der Mutter klammerte und flüsterte: »Wir bleiben doch, -- Mutter, -- wir bleiben doch hier ...«
»Ach, Georgie,« murmelte sie schwach und schob ihn sanft bei Seite, denn jetzt waren es wirklich Reinholds Schritte, die draußen erklangen, -- und, -- liebes Gottchen, -- seine Kartoffeln waren gewiß noch nicht gar! -- »ach, -- mein Georgie ...«