Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 19
»Bitte, mein Herr«, sagte der kleine Graf, durch das Klappern der Teller gedeckt, jetzt leise zu Müller, ihn aufmerksam mit glänzenden Augen ansehend: »Ich habe gehört, daß es in den Kreisen der Rosenkreuzer Zauberei und Teufelsanbetung gebe ...«
»Ach, mein Graf, --« Müller schlug einen Ton herzlicher Ergebenheit an, -- »was hört man nicht alles in dieser bösen Welt! Zauberei und Teufelsanbetung! Ich wollte, ich hätte einen Rosenkreuzer bei der Hand, um Ihnen ganz seine Ungefährlichkeit darzutun! Schauen Sie sich unsern Forster an, werfen Sie einen Blick auf unsern liebenswürdigen Wirt! So und nicht anders würde ein Rosenkreuzer auch aussehen, -- oder etwa wie der wackere Doktor Sömmerring dort drüben, wenn schon im ^Opus mago-cabbalisticum^ zu lesen steht, daß der »^doctor-Titul^ gleichfalls ein Mahl-Zeichen des Tieres oder des Weibes Jesabel sei«.«
»Ich verstehe nicht ganz«, warf der Graf mit verklärtem Lächeln ein.
»Ist auch nicht nötig, ist ganz und gar nicht nötig, Verehrter, denn das ^Mago-cabbalisticum^ kann kein Sterblicher verstehen, so wenig wie die ^Aurea catena Homeri^. Dies interessiert Sie aber gar nicht, Graf, Sie wünschen über die Rosenkreuzer ^in praxis^ zu hören, und da sage ich Ihnen, wenn sich schon die heutigen Rosenkreuzer für die Brüder der alten Pythagoräer und Gnostiker zu halten belieben, so tun sie das ohne Recht, denn es fehlt ihnen der Mut, Mysterien zu feiern, und wenn die Templer Schafskleider umnahmen, wenn sie in die Welt gingen, so sind die Rosenkreuzer von heute höchstens Schafe in Wolfskleidern, -- sie beißen nicht, Graf! Und da Ihnen dies alles wahrscheinlich orphische Worte sind, so will ich mich zum Schluß ganz kurz und klar fassen: es ist zu viel Wasser in diesen Wein geschüttet, die Rosenkreuzerei von heute ist ein öffentliches Geheimnis und eine Angelegenheit braver Bürger.«
»Ich weiß nicht, warum Sie einen Gegensatz zwischen der Rosenkreuzerei und den Qualitäten des Bürgertums zu wünschen scheinen, mein Werter«, sagte Prizier verschnupft, als fühlte er sich persönlich getroffen.
Herr von Hippel trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch und bemerkte von oben herab: »Sie haben da recht beruhigende Observationen gemacht, mein Herr. Mir sind böse Dinge zu Ohren gekommen, die in den Rosenkreuzerlogen ihr Wesen haben sollen.« Er hob die Hand vor den Mund und raunte dem Freiherrn von Knigge über den Tisch hinüber ein Wort zu, das mit Achselzucken aufgenommen ward. Müller wandte sich kalt ab.
»Magie im höhern Sinne, Chimie und ein verborgener Staat, der die Begebenheiten der Welt sehr dirigieret, sind mit der Hauptzweck dieser segensreichen Verbindung, Graf. Lassen Sie sich nicht irre machen!« Der Kammerherr sprach böse und kurzatmig und sah mit geröteten Augen scheel nach Müller hin, um dann unruhige Blicke über seine Gäste wandern zu lassen.
»Ich weiß nicht, warum wir uns alle so exaltieren,« sagte jetzt Müller, irgendwie gelöst durch die Wellen ausgesprochenen und verschwiegenen Widerspruchs, die ihn trafen. Er gab seine lässige Haltung auf und faßte Sömmerring lächelnd ins Auge, der ihn finster betrachtete, soweit seine Gesichtsbildung diesen Ausdruck zuließ. »Wir sind auf dem Wege, über einer harmlosen Frage unseres wißbegierigen Gastes einen Wortkrieg zu entfesseln, als seien wir verschiedener Meinung über das Wesen einer Gesellschaft, während wir es tatsächlich doch nur über ihre Erscheinungsformen sind.«
»Belieben Sie sich ein wenig deutlicher auszudrücken, Herr Professor,« sagte Herr von Hippel einigermaßen mürrisch. »Die Institution der Maçonnerie ist eine ehrwürdige, sanktioniert durch den Beitritt allerhöchster Herren und Souveräne. Was darüber ist, das -- soll vom Übel sein ...«
»Die Institution der Maçonnerie,« sagte Müller und blickte angestrengt auf die Kerzen des Armleuchters vor sich, kleine goldene Funken standen in seinen braunen Augen, »die Institution der katholischen Kirche, die Institution des Luthertums, -- und -- wie mich deucht, -- auch die der Rosenkreuzerei sind Ordensbildungen, sind Kristallisationen innerhalb des wogenden Ozeans von Geist, der sich nach Christi Tod aus seinen Schranken befreit in die Welt ergossen hat. Der erste Orden, meine Freunde, --« er sah sich mit einem seltsamen, nahezu schüchternen Lächeln im Kreise um und sprach sehr sanft, -- »der erste Orden war der Orden der Brüder vom reinen Willen. Er war -- und er _ist_. Er hat keine Gebräuche und Statuten, es gibt keine Grade in ihm, weder blaue noch rote. Dies ist die unsichtbare Bruderschaft. Wir werden in sie hineingeboren, oder wir finden sie nie. Wer ihr angehört, erkennt den Bruder am Klang der Stimme oder am Lächeln des Herzens, -- ich weiß nicht, -- aber verbunden über alle Grenzen und Weiten sind die Brüder vom reinen Willen ...«
»Schwärmerei eines Freigeistes!« murrte Prizier.
»Sie unterschätzen geflissentlich den Wert der festen Konventikel, mein poetischer Freund!« warf von Knigge mit einem rätselhaft hohnvollen Ausdruck über den Tisch, »moralische Übungen sind für die Seele erfunden wie der preußische Drill für den Körper. Gesetzt den Fall, -- nun, aber ich will ganz allgemein bleiben. Sagen Sie uns: ist jener -- reine Wille ein Präservativ gegen die Versuchungen des Fleisches?«
»Wollen Sie mit jenen wie Nicolai und Lessing keine Christen mehr haben, sondern nur Menschen, -- Menschen ohne Vorurteile, weder in Moral, Religion noch Politik? Meinen Sie nicht, daß Sie sich damit auf der Suche nach der Wahrheit die Mittel abschneiden, sie zu finden?« Sömmerring fragte es leidenschaftlich, seine Neigung zum Stottern vergessend und überwindend. Und indem nicht Müller, sondern der Kammerherr die Frage auffing und nachdrücklich über den Wert der Demut, der Notwendigkeit der Verachtung alles dessen, was die schnöde Welt hochachtet, zu dozieren begann, wandte sich Müller an George, der ihn stumm anblickte, und sagte mit unterdrückter Stimme:
»Die unsichtbare Bruderschaft, Zu der ich auch gehöre, Hebt Nacht für Nacht zu neuer Kraft Mein Herz durch ihre Chöre ...
Ist dieser Vers Ihnen irgendwo auf Ihren Fahrten begegnet, mein weit gereister Freund. Weiß Gott, woher er stammt ...«
»Beachten Sie dies, Graf, -- und --« zu Richers und Greve gewendet, -- »auch Sie, meine Herren, wenn anders Sie ein Interesse an diesen Fragen haben, -- bei der Rosenkreuzerei kommt es meines Wissens -- nun, meines Wissens! ich habe --« Canitz ließ seine Augen wandern, »nehmen Sie an, ich hätte einmal jemand gekannt, der mich ein wenig eingeweiht hätte, -- also, es kommt darauf an, Gott nahe zu kommen und in ihm konzentriert alles zu übersehen, was in anscheinend unbegreiflicher Unordnung da vor uns liegt.«
Redend erhob er sich, die Linke auf den Tisch gestützt und sich gegen seine Gäste verneigend. Man folgte seinem Beispiel.
»Innige Vereinigung im Geiste mit diesem höheren Wesen,« sprach der Kammerherr weiter, die eine Hand auf der Schulter des jungen Russen, mit der andern das eigene Kinn umspannend und angestrengt vor sich hinblickend, »das ist's, was der Jünger anzustreben hätte. Und der Weg dazu? Eine grenzenlose, eine seraphische Liebe zu Ihm, wie auch zu den Brüdern, beständige asketische Gemeinschaft im Geist und in der Wahrheit und -- hm, hm, --« er starrte nachdenklich ins Leere, -- »endlich kontemplative sowohl als auch praktisch experimentierende Erforschung der Natur!« schloß er triumphierend und sah sich nach Forster um, -- »Nun, ist's nicht so, mein Freund?«
In der Tat, George erkannte mit einigem Staunen eigene Wortreihen wieder, einem Vortrag entstammend, den er vor nicht allzulanger Zeit im vertrauten Kreise gehalten hatte.
»Die Herren scheinen mir sonderbar unterrichtet,« sagte Herr von Hippel, der ein wenig hastig neben seinen Zögling getreten war. Der Kammerherr meckerte vergnügt.
»Eine kleine Tabagie, meine Herren,« rief er aus, »wie wär's mit einer kleinen Tabagie und einem Spielchen? Und begeben wir uns der großen Fragen!«
Bierkrüge und Tonpfeifen, ein Kartentisch warteten im Nebenzimmer, einem kahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite, zog Richers und Greve heran und brachte das Gespräch auf Pferde. Canitz saß mit Knigge und Prizier beim L'Hombre und fluchte gelegentlich unwirsch. George und Sömmerring bildeten stumme Zuschauer. Müller lehnte an der Wand unter einem Bilde des preußischen Königs und sah melancholisch und angewidert aus. Wieder mußte George an den Petersburger Knaben denken, -- warum nur? War's die Vorstellung des Königs, von dem jener Knabe damals zu ihm gesprochen hatte, -- ja, und dies, daß er damals so sehr gewünscht hatte, der Knabe möchte zu ihm sprechen? Währenddessen war von Hippel, wohl in der Überzeugung, seinen Zögling endgültig und wirksam in die zulässigen Bahnen zurückgeleitet zu haben, an den Kartentisch herangetreten, hatte sich einen Stuhl neben den des Kammerherrn gezogen, rittlings darauf Platz genommen und begleitete das Spiel mit seinen Bemerkungen. Wohl, dachte George, es mag nicht immer selig sein, einen Erben zu hüten. Und, indem er sich selbst, von Sömmerring gefolgt, der Ecke näherte, in der die jungen Leute saßen, war er bemüht, sich in der Überzeugung zu bestärken, daß er seinen Platz aus Interesse für den Russen wechselte, -- und nicht etwa, weil Müller jetzt dort an dem holländischen Kachelofen lehnte, einer Erzählung Greves zuhörend. Und, -- oh, es war durchaus nicht immer noch die Beschreibung der Reitschule in Hannover, der der Knabe mit glühenden Ohren lauschte! Nein, hier in dieser Ecke unter dem tröpfelnden Wandleuchter, wo es nach Tabak, Leder und ein ganz klein wenig nach Stall roch, -- denn wie schon erwähnt, der Hauptmann und der Leutnant, sie waren zu Pferde von Hanau herübergekommen und saßen nun einmal da, wie sie gekommen waren, in Reithosen und hohen Stiefeln, -- hier war im gedämpften Ton der Begeisterung die Rede von der Marquise, hier klang der Name Cagliostros auf, hier ward die wunderbare Geschichte von dem Polen Sendivogius erzählt, der, ein Rosenkreuzer ohne Furcht und Tadel, im Besitz des Steins der Weisen gewesen war.
Graf Puschkin, wieder mit Augen von dem Glanz derer eines Kindes, das nie für wahrscheinlich gehaltene Märchen von Blutzeugen erhärtet hört, wandte sich an Müller: »Und Sie, ^monsieur^,« sagte er dringlich, -- »ein Mann der Wissenschaft, -- Sie halten es auch für möglich, Gold zu machen?«
»Mein Gebiet, Graf, ist das der Weltgeschichte. Ich habe zu hören und -- aufzuzeichnen. Indessen, -- hier stehen zwei Männer vom Fach, -- zwei Naturforscher. Nehmen wir ihr Urteil an!«
Ja, Müller lächelte. Und gequält wiederholte George oft gesprochene Worte, deren Inhalt auf einmal einen seltsam schmalen Geschmack hatte --: »Die Wissenschaft in der Hand jenes Glaubens, der Berge versetzen kann, -- was vermöchte sie nicht, meine Herren?«
* * * * *
Eine halbe Stunde später unter den kalt funkelnden Januarsternen zwischen Sömmerring und Müller eilig durch die Gassen schreitend, sagte George mit einem etwas gewaltsamem Atemholen: »Die Brüder vom reinen Willen, -- ich habe nicht ganz verstanden, -- ist es eine Institution?«
»^Mon dieu^, -- nein, Freund, -- Sie haben nicht verstanden.« Müller lachte kurz auf.
»Also, --« George tastete, -- »eine Idee, -- ein Einfall -- ein Wunsch?«
»Es gibt Ideen mit dem Charakter von Tatsachen,« sagte Müller, wieder mit jenem ungeduldigen Auflachen, indem er den Kragen seines Mantels hochschlug. »Aber wenn Sie es denn gesagt haben wollen: die Brüder vom reinen Willen sind die Menschen, denen das Gesetz ihres Lebens in Harmonie mit dem Gesetz des Universums eingeboren ist, -- und wenn es Grade unter ihnen gibt, so mögen die unter ihnen die größten sein, die dieses Gesetz in sich am reinsten vernehmen. Aber ich weiß nicht, ob wir uns verstehen ...«
George und Sömmerring schwiegen. Müller mochte Mißtrauen fühlen und seufzte ungeduldig auf. Diese drei Männer, alle noch diesseits der Grenze der Dreißiger, schritten miteinander durch die Nacht, von den durch sie kreisenden Strömen verwandter Ideen und Leidenschaften mit aller Heftigkeit der Jugend angezogen und abgestoßen.
»Sie wissen nichts vom Bunde und ahnen nicht, wie sehr Sie im Herzen der Unsre sind!« Georges Stimme schwankte ein wenig und klang werbender, als er selbst es vielleicht wünschte.
Müller zögerte.
»Ich empfinde die Schönheit des Bundes,« sagte er vorsichtig, »und glaube, daß ihm anzugehören die moralische Glückseligkeit stärkt. Lassen wir die Chimie beiseite, -- auf sie kommt es nicht an ...«
»Oh, ein wahres Wort!« rief Sömmerring begeistert.
»Freund!« George legte eine bebende Hand auf Müllers Arm. »Sie werden der Unsre! Ich ahnte es! Jetzt! In dieser Stunde! Kommen Sie mit uns!«
Er nahm Schweigen für Zustimmung. Er ging weiter im seltsamen Taumel, die andern durch seinen Schritt zur Eile mitreißend. Sie erreichten das Haus, in dem er wohnte. Er schloß auf und ohne weitere Verabredung folgten ihm die beiden andern die dunkle steile Treppe hinauf, an der Wand entlang tastend. In Georges Zimmer angelangt, wo die aufflammende Kerze ihm die blasse gespannte Miene Sömmerrings, die verschlossene Müllers zeigte, entledigten sie sich ihrer Mäntel. George räumte mit fliegenden Händen einen Tisch ab, holte zwei Bronzeleuchter und entzündete feierlich die Wachskerzen, legte eine Bibel zwischen sie und entnahm dem Schrank endlich einen eingewickelten Gegenstand, ein Kruzifix aus Elfenbein, das er enthüllte und aufstellte. Mit fremder Stimme sprach er: »Meine Freunde! Christus sagt: wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen ...« Und zwischen den beiden andern niederkniend, die gefalteten Hände auf die Kante des Tisches gestützt, begann er zu beten.
Vom Flüstern anschwellend zum gedämpften Schrei riß seine Stimme sein Herz auf. Entsetzen quoll hervor, Angst, Not, Einsamkeit. Er beichtete. Er enthielt sich keines Geständnisses. Und sei es aus Scham, sei es aus Hingerissenheit, -- flüsternd fiel Sömmerring, stammelnd fiel Müller ein, die drei Stimmen, verborgenste Gedanken in Worte sammelnd und ausstoßend, stiegen nebeneinander auf und vereinigten sich in eine steile Rauchsäule des Opfers. Diese Drei, die Häupter zurückgeworfen, die Augen verzückt aufgeschlagen, die Lippen verkrampft, wie sie dort knieten, sich haltlos in den Hüften wiegend im Sturm der Anbetung -- sie wurden eins im Rausch. Ihre gefalteten Hände lösten sich, tasteten nacheinander. Sie umschlangen einer des andern Schultern, aneinandergelehnt, Schläfe an Schläfe fühlten sie eine unfaßbare Vermischung ihrer Wesenheit. Und wie der Sturz der Worte nachließ, wie er mählich in Seufzern verebbte, verharrten sie dennoch kniend, blieben sie umschlungen, bis ihre Arme in Ermattung niedersanken und Forster sich als erster wieder erhob, bebend und in den Knien wankend, die Augen getrübt.
Und da, in diesem Augenblick, als er die beiden andern unsicher ansah, war es ihm klar, daß dies nicht der Weg gewesen war, Müller zu gewinnen, Müller, der dort abgewandt stand und die Schnallen seiner Beinkleider anzog, die sich beim Knien gelockert hatten. Verzweifelte Ernüchterung überkam ihn. Er verbarg sie hinter einem gleichmütig gesellschaftlichen Auftreten, das seltsam von dem eben erlebten Taumel abstach.
Sie sprachen nicht mehr viel. Fröstelnd, die Kerze in der Hand, begleitete George die beiden die Treppe hinunter. Die Wände glitzerten von Eiskristallen, der Atem rauchte.
»Noch eines war's, was ich fragen wollte, Freund,« sagte Müller auf den letzten Stufen stehen bleibend und zu George aufblickend. »Die Seherin, -- sie hatte ganz im Anfang ein Wort für Sie, das Sie zusammenfahren ließ, -- was war es, -- darf ich es wissen?«
»Ach, Teuerster!« George schritt an ihm vorbei und vollends hinunter, vor sich hinlächelnd, während er an dem Schlosse der Haustür hantierte. »Was sie da sagte, war nicht gerade vom Geist eingegeben und im Grunde ridikül.«
»Und was war es, -- wenn ich doch fragen darf?«
George hielt die Tür auf und erschauerte in dem eisigen Luftzug, sein schmales Gesicht leuchtete geisterhaft blaß.
»Sie sagte, -- nun, damit Sie etwas zum Lachen haben, -- sah mich an und sagte -- zu mir: ^Mon pauvre ami, -- Au revoir à Paris!^«
* * * * *
Wann war er nur je erwacht, _ohne_ diesen Druck zu spüren, diesen dumpfen, fürchterlichen Druck auf seinem Herzen? Mochte es in seiner frühesten Kindheit gewesen sein, vielleicht auch auf der Wolga, -- vielleicht in den ersten Wochen der Südseereise, -- jene Morgen jedenfalls, die er sorgenlos begrüßt, jung, froh und erwartungsvoll, ihr Licht ward aufgetrunken von der grauen Winterschwermut, die nun einmal das Übliche zu sein schien.
Was für Gestirne, dachte George an diesem Märzmorgen verzweifelnd, während er sich überstürzt ankleidete, was für Gestirne mag ich über mir haben? Lag denn sein Leben ganz im bleiernen Schatten des Saturn? Was aber das Schlimmste war, er empfand es heute wieder mit fürchterlicher Klarheit, das war dieses: sein Unglück kam nicht mehr von außen her! Früher war es, -- nun ja, er stöhnte auf und riß an seinen Schnallenschuhen, -- früher war es eben der Vater gewesen, der diesen Druck ausübte, der Vater und seine Unrast, der Vater und seine Arbeitswut, die wie mit der Hetzpeitsche hinter ihm gestanden hatte. Schließlich, in diesen letzten Jahren, der Vater -- und seine Schulden; vielleicht auch -- der Vater und seine unverhüllte Eifersucht auf die Erfolge des Sohnes, obgleich es ein seltsamer geheimer Triumph war, diesem nackten Neid immer wieder zu begegnen, -- eben noch, bei seiner Anwesenheit in Halle, wie hatte der Alte es ihn immer wieder merken lassen, daß er, George, mit seiner Bearbeitung und Veröffentlichung der Südseereise im Grunde schmarotzt habe -- schmarotzt! »Ich habe die Südseereise beschrieben,« murmelte George vor sich hin, knöpfte an seiner Weste und lief erregt in dem engen Alkoven auf und nieder, -- wohl, er wußte ganz gut, daß er sich scheute, sein Arbeitskabinett zu betreten, weil eine Unordnung darin starrte, deren er kaum noch Herr zu werden vermochte, »ich habe sie beschrieben auf seinen eigenen, hundertmal als Befehl ausgesprochenen Wunsch, weil die verfluchten Engländer, -- Cook nehme ich aus, -- Herrgott, verzeihe mir den Fluch ...!« (Er zog ein Notiztäfelchen und bemerkte sich unter vielen Aufzeichnungen ähnlicher Art: den 28. März frühe, geflucht.) »Weil also die Engländer ihm seine eigene Arbeit zu veröffentlichen verboten. Ich habe sie geschrieben, um ihn aus dem Schuldturm zu retten und uns alle vor dem Verhungern. Ich habe ihm durch meinen Fleiß und meine Konnexionen Unabhängigkeit und die gesicherte Position in Halle verschafft. Macht alles nichts: ich habe schmarotzt, schmarotzt, schmarotzt! So! Und wer hat denn auf der Reise das Material sammeln dürfen, wer hat Tagebuch geführt?« Er lächelte böse und sah sich in dem Spiegel.
»Sie werden weiterhin für Ihren Herrn Papa arbeiten dürfen, Mr. Forster,« sagte er schneidend zu der graugekleideten, schlanken und ebenmäßigen Figur da im Glase, die ihn so tödlich ernst aus kummervollen grauen Augen anstarrte. Gestern war ein Brief aus Halle gekommen: der Vater bat, o nein, der Vater _ersuchte_ um 150 Gulden. Es war nicht der erste Brief dieser Art. Woher das Geld nehmen, schrie es in George, woher?
Und nach einem Augenblick des Händeballens, nach einem krampfhaften Schütteln, das seinen ganzen Körper durchlief, zog er wiederum das Notiztäfelchen und machte unter demselben Datum eine weitere Eintragung: Gehaßt!
Indessen, -- was ging der Vater ihn noch an? Hatte er kein Geld, so würde er eben keins hinschicken. Empfand er solche Briefe denn im Grunde tiefer als Mückenstiche? Nein, nein, -- das Schlimmere war es eben, daß sein Leid nicht mehr durch äußere Verhältnisse kam, daß er stumpf geworden war gegen das beständige Rütteln des Schicksals, -- das Schlimmere war, -- daß er sich selbst zum Leid geworden war und -- das. Er überschritt entschlossen die Schwelle zum Nebenzimmer und sah mit trostlosem Blick auf das Durcheinander von Büchern, Schriften und wissenschaftlichen Geräten, das Tische, Stühle, ja, den Fußboden bedeckten. Keine innere Sammlung, kein Entschluß, keine zusammengeraffte Arbeit war noch möglich in dieser Umgebung, und diese Umgebung war ein Abbild seines Kopfes. So dünkte es ihn. Er blieb an der Tür stehen, lehnte die Stirn an den Rahmen und überließ sich der Ratlosigkeit.