Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 18
Der General spähte nach den Mienen seiner Gäste und verweilte prüfend auf den ihm zunächst Sitzenden, Richers und Greve, die immer noch in den Anblick der Pythia versunken waren. Zuweilen murmelte Greve etwas wie: »Unübertrefflich!« worauf Richers, der ein Schotte war, regelmäßig aus tiefster Seele »^Rather!^« antwortete. Dann, mit leisem Ächzen seine schwerfälligen Massen in Bewegung setzend und sich auf der Lichtstraße nach dem Kabinett zu schiebend, nachdem er durch eine Glocke den Diener hereingerufen hatte, gab er das Zeichen, sich zu erheben. George stand ernüchtert im Schein der wieder aufflammenden Kerzen. Er meinte, dort im Kabinett einen Papierumschlag auf den Tisch flattern gesehen zu haben, die Marquise, hochmütig und erschöpft ins Leere blickend, beachtete ihn nicht, aber Touchet griff gierig danach. Hier ward ein Handel abgeschlossen, jene Frau dort lebte vom Verkauf ihrer Ewigkeitsnähe; freilich, weder sie noch ihr Begleiter wirkten wie fleischgewordene Gottesgrüße und es war ohne Zweifel eine ganz alltägliche Person, die dort ein wenig mürrisch den Komplimenten des Generals lauschte. Würde sie der Gesellschaft noch einmal die Gunst ihrer Offenbarungen erweisen, ihnen das Geisterreich auftun? -- oh, sie konnte ja sehen, daß die Herren erschüttert waren wie Moses auf dem Sinai, hier befanden sich weder Zweifler noch Spötter! Die letzten Worte, die Schlieffen halb in den Salon hinein gewandt sprach, lösten unterdrücktes dankbares Gemurmel, durch das die Marquise mit abwesendem Ausdruck hindurchschritt, während Touchet eilig und widerlich freundlich Verbeugungen erwiderte, die ihm nicht gegolten hatten. Nun, gehörte jene Frau etwa diesem krummen Zwerg? War sie in seine Gewalt geraten und trieb er Raubbau mit ihren Fähigkeiten? George erlag dieser Vorstellung einen Augenblick, indem er nach der Tür starrte, hinter der die Fremde verschwunden war. Dann begegnete er Müllers Blicken, in jenem unbegreiflichen Lächeln auf sich gerichtet, das dieser Mann immer für ihn hatte. Er raffte sich zusammen. »Ein wunderliches Schicksal,« sprach der andere ihn an, »dies ist eine Frau von Welt, ihr sogenannter Reisemarschall aber wirkt wie ein Jude. Wie dem auch sei, -- eine interessante Demonstration!«
»_Eine_ Empfindung ist zehntausend Demonstrationen wert!« gab George kalt zurück. Wo war Sömmerring? Man brach auf. Und ein Blick in den Saal zurück zeigte ihm Schlieffen, den Arm auf das Kaminsims gestützt, tief nachdenklich vor sich niedersehend. Ein alter, schwerer und müder Mann. Die Seelen werden ihrer Masken müde, wenn das Leben sich neigt, ging es George schwermütig durch den Sinn.
Schweigsam schritt er hinter den anderen die Treppe hinunter, hob aufatmend den Blick, als er ins Freie trat. »Orion!« dachte er wie ein Gebet. Und nun, -- es schlug erst sieben vom Turm, es war noch Zeit zu einem Spaziergang, ehe man sich zum Kammerherrn von Canitz begab, wohin die Gesellschaft auf den Abend gebeten war, gewisser Besprechungen halber. Er ergriff Sömmerring beim Arm.
»Ich versichere Ihnen, meine Herren, daß sie dies alles nicht wissen konnte, sie hatte nicht den geringsten Anhalt«, hörte er hinter sich die Stimme von Knigges, der zwischen Richers und Greve einherschritt. »Es ist ein Phänomen, ein unerhörtes Naturspiel ...«
»Was sagst du, George?« murmelte Sömmerring. »Ich komme nicht darüber hinweg, daß die Huren Allwissenheit haben sollen und die Augen reiner Jungfrauen gebunden sind ...«
»Oh, mein Wertester!« sagte Müller und wandte sein rätselvolles Gesicht über die Schulter zurück, George mit seinem traurigen Lächeln streifend, »sind Sie noch in dem Traum von der Vestalinnen Reinheit befangen?«
Prizier lachte zischend. »Schäker!« meckerte er, »ein Schäker, das, der Professor!«
»Ich weiß es nicht«, sagte George, aus seinen Gedanken auftauchend und sich Sömmerring zuwendend. »Vielleicht haben wir erleben sollen, daß das Gefäß gar nicht dürftig und demütig genug sein kann, um das heilige Leuchtöl aufzunehmen. Diese Frau ist am Leben zerbrochen. Das Gefäß ist nichts, der Inhalt alles. Selig, die am Geist Armen, ists nicht so? Sind wir nicht einfach genug, Freunde?
»Wir treiben viele Künste Und kommen weiter ab vom Ziel ...««
Er sprach es träumerisch und wie für sich allein. Müller hatte sich Prizier zugewandt. Ihre Schritte klangen dumpf auf der schneebedeckten Straße. Der Fluß dampfte zu ihrer Rechten, lichte Fenster säumten das jenseitige Ufer wie Reihen riesiger Glühwürmer, im Nebel hob sich gespenstisch geballt der Turm der Martinskirche.
»Ja, ich habe meinen Beweis!« raunte George und preßte den Arm des Freundes an sich, »was mir noch fehlte zum vollen Glauben, es ist gewonnen. Oh, freilich wohl: selig der Glauben, ohne gesehen zu haben. Aber, -- selig auch, der gewürdigt wird, zu sehen!«
Sie hatten ihre Schritte verlangsamt und blieben hinter den andern zurück.
»Es geht mir ähnlich, wie dir«, murmelte Sömmerring erschüttert.
»Es ist unmöglich, daß sie meine letzten Jahre kannte,« fuhr George leidenschaftlich fort, »die Plackerei und Mühsal für den Vater seit der Heimkehr aus der Südsee, -- all die Reisen für ihn, -- und nun sein malcontentes Benehmen, seit er glücklich in Halle installiert ist. Nun, aber du weißt, ich frage nicht nach Dank!«
Dies letzte gehörte nicht zur Sache. Er stieß es hitzig heraus und schüttelte Sömmerrings Arm.
»Ich weiß, Teuerster, ich weiß ...«
»Oh, nichts weißt du! Sprachen wir uns denn seit meiner Rückkehr aus Halle? Den Abgrund hat dies Wiedersehn zwischen mir und ihm aufgerissen! Aber wer ahnte das schon? Welche Seele hätte ich auch nur ganz von ferne einen Blick in meine tun lassen? Nun, diese Frau sagte es mir: Ihr haßt den alten Mann ... Sömmerring, Sömmerring, wie wurde mir da!«
Er stieß einen Ton aus, lachend, keuchend. »Guter Gott!« Sömmerring suchte vergeblich Worte. George beruhigte sich.
»Du siehst mich exaltiert«, sagte er, die Augen zum Firmament erhebend. »Oh, Freund, ich bin so über die Maßen glücklich, wieder hier zu sein! Ich war in der Wüste. Ich fand nicht die mindeste Rezeptivität für die Begriffe, die unsere Glückseligkeit ausmachen. Vielleicht noch für die physikalische Seite der Sache. Gold machen können, -- o ja! Nicht übel! Aber -- aber -- Nun, du verstehst mich. Ich hatte dort keinen Augenblick der Sammlung, die Zeit, die ich unserm Herrn zu weihen pflegte, mußte ich mich in einfältiger Gesellschaft ennuyieren und über ihre Späße und Zoten lachen. Tagsüber sortierte ich die Herbarien, wie als Junge. Der Geist verhalf mir zu Demut, Geduld und Liebe. Meine Schwestern ...«
»Halt!« flüsterte Sömmerring in diesem Augenblick und umkrampfte seine Hand. »Halt! Schweige!«
Sie waren stehengeblieben. Georges Herzschlag setzte einmal aus. Eine vermummte Gestalt, übermäßig groß, wie es schien, aber geduckt und den Kopf zwischen hochgezogenen Schultern bergend, tat schleichende Schritte an ihnen vorüber, die vom steigenden Monde fahl beleuchtete Häuserwand entlang, ihren grotesk verkürzten Schatten mit sich führend wie einen widerwillig gebändigten üblen Geist. Sie überholte die Freunde, um lautlos in die Schwärze eines Seitengäßchens zu tauchen.
»Manegogus!« flüsterte George mit versagender Stimme. Sie schritten weiter, die Arme voneinander gelöst, die Köpfe gesenkt, wie ertappte Sünder. Einmal blickte Sömmerring scheu zurück. »Wie lange mag er hinter uns gegangen sein?« murmelte er, »man hört kaum einen Schritt in dem frischen Schnee.«
»Du vergißt, daß es schwer zu verstehen ist, was vor einem Hergehende sprechen!« redete George hastig. »Außerdem sprachen wir nicht laut. Wir sprachen auch nicht von Ordensdingen. Oder, ich bitte dich! _sprachen_ wir von Angelegenheiten des Zirkels?«
»Nein, nein!« stieß Sömmerring beteuernd hervor und wandte wieder den Kopf zurück.
»Du siehst es, du siehst es!« George faßte mit der Hand an den Kopf. »Überall. Auf Schritt und Tritt! Wußte er von dieser Séance? Natürlich, er wußte es! Mein Gott, aber dies ist mehr als natürlich.«
Er blickte hinüber nach dem Museum Fridericianum, dessen Fassade drüben neben der schwer gegliederten Masse des Schlosses in ihren edlen Verhältnissen unwirklich dastand wie ein vom Monde geborener Traum. Irgendein Sehnen nach jenen Kammern und Sälen voller Realitäten, nach reinlich geordneten Sammlungen, nach fest umrissenen Arbeitsstunden rührte ihn in der Tiefe des Unbewußten an, -- ein junger Baum, der Zucht des Gärtners gewohnt, was _weiß_ er viel, wenn der Stab ihm plötzlich fehlt und er in jedem Winde schwankt? George Forster seufzte auf.
Sie stampften den Schnee von ihren Stiefeln und betraten das Haus des Kammerherrn, dessen ächzende Torflügel ein Bursche vor ihnen aufgerissen hielt. --
»Ah, auf ein paar Worte, meine Herren, -- mein teurer Freund ...« der Kammerherr war eilig und ein wenig erhitzt in das Vorzimmer herausgekommen, wo George und Sömmerring ablegten. Der Diener schien beauftragt gewesen zu sein, ihr Eintreffen zu melden, jetzt zog er sich zurück.
»Ich bin untröstlich!« fuhr Canitz aufgeregt und gleichwohl zerstreut fort, indem er seine Erscheinung im Spiegel musterte und unzufrieden an seinem Jabot nestelte, »ich muß auch Sie bitten, heute abend alle Angelegenheiten des Bundes, speziell unsres Zirkels, falls denn die Rede daraufkommen _sollte_, nur in ganz allgemeiner Weise zu berühren. Wir müssen davon absehen, die Herren Richers und Greve gerade heute zu gewinnen. Mit einem Wort, -- wir sind nicht unter uns!«
Er rannte mit kurzen Schrittchen zu einer Flügeltür, öffnete halb und rief in das zarte Klappern und Klirren von Porzellan und Silber hinein: »^Mon dieu^, Emil. Er hat doch das Couvert für den Herrn Grafen so aufgelegt, daß S. Gnaden zu meiner Rechten und zur Linken des Herrn Professors Forster zu sitzen kommen? Ah, sehr gut so!« Schloß die Tür wieder und erklärte mit unbeteiligtem Schmunzeln:
»Jawohl, lieben Freunde, -- ein junger Graf Puschkin aus St. Petersburg, an mich rekommandiert durch die Fürstin Gallizin, ja, durch die Charitin Amalia! ...« Er lächelte gerührt und fügte hinzu: »Ein _junger_ Herr! Mit seinem Gouverneur auf Reisen. Er brennt darauf, von der Südsee zu hören, Allergelehrtester!«
Indem er nun, als vergäße er sie vollkommen, die Freunde wieder verließ und hinter der Türe verschwand, aus der er gekommen war, tauschten George und Sömmerring einen Blick, wobei einer von ihnen »^Damned!^« murmelte. »George,« sagte Sömmerring in diesem Augenblick einer plötzlichen Erinnerung nachgebend, -- »die Marquise -- was sagte sie als erstes Wort zu dir? Du fuhrst zusammen, ich sah es.«
George lachte kurz auf. »^Nonsense!^« rief er aus, tat mit seinen Handschuhen einen Schlag durch die Luft und ging dem andern voran in das Empfangszimmer. --
»Er hat Weihrauch auf den Lippen und Säure im Gemüt«, dachte er kurz darauf etwas ergrimmt, als er über die Schulter des jungen Russen blickend und mitten in einem wohlgebauten Satz über den Hofstaat des Königs O-Tu den Augen Müllers begegnete, der dort hinter dem Rücken des Gastes lautlose Schritte auf und nieder machte, Wandleuchter, Bilder und Spiegel gelangweilt musternd, die Hand in den Westenausschnitt geschoben und mitunter einen der Anwesenden mit seinen schweifenden Augen gleichgültig freundlich anblickend. George empfand Kritik in jedem Auftreten dieses Mannes, jener nahm nichts ernst und hing an die heiligsten Sentenzen sein skeptisches Fragezeichen. War es die Beschäftigung mit der Historie, die die Unbefangenheit zersetzte? Woher nahm er das Recht, alles anzuzweifeln? Hielt er es für ein Recht des Philosophen? Indessen war er etwa allein Philosoph? Hier stand er, George Forster, der die halbe Erde gesehen hatte, -- _gesehen_, meine Herren, der nicht nur ein blasses Bücherwissen hatte wie Sie alle! -- hier stand er im blauen englischen Frack und unterrichtete einen halbasiatischen Würdenträger über die Eigenschaften der Südseeinsulaner, entledigte sich dieser Aufgabe in dem weltmännischen Plauderton, den ihm die Gewohnheit des Umgangs mit hohen Herren verliehen hatte. War dies ein Anlaß, ein Auge zuzukneifen und die Mundwinkel hängen zu lassen, oh, nur für eine Sekunde, und dann sah man wieder aus wie ein harmloser Zuschauer des Lebens; aber George hatte es wohl bemerkt. Er fühlte entrüstet, daß ihm der Faden der Rede entgleiten wollte, einfach über dem Gedanken, daß er diesen pflaumenfarbenen Rock noch nie an Müller bemerkt habe und daß dies im Grunde eine sehr hübsche Farbe sei, nahm erschrocken wahr, daß die lichten Brauen des Knaben vor ihm sich leise hoben, seine blassen Augen sich etwas weiteten, daß Herr von Hippel, der Gouverneur, wunderlich lächelte, -- wußte, daß er sich wiederholt habe, stockte verwirrt, blickte vor sich nieder und vernahm in diesem Augenblick dankbar die Aufforderung zu Tisch zu gehen.
»Priziers Vortrag fällt also ins Wasser?« fragte ihn Müller, zu seiner Rechten sitzend, halblaut in das erste Aufrauschen der Unterhaltung hinein, nachdem man sich um die runde Tafel herum niedergelassen hatte und der Graf Puschkin für Minuten völlig von Canitz in Anspruch genommen wurde, der selig irgendwelche Erinnerungen an allerhöchste Verwandte Höchstdesselben auspackte.
»^Mon dieu^, was für ein verlorener Abend!«
»Ich halte es nicht für Raub an meiner Arbeit, Stunden im Umgang mit Menschen zuzubringen«, gab George steif zurück, sich nicht bewußt, daß seine Augen es verrieten, wie er selbst sich getroffen fühlte. Er sah auch nicht, daß der andere lächelte, denn er vermied es, ihn anzublicken. »Mag sein, daß ich meine Arbeit nicht so hoch einschätze«, fügte er kampfbereit hinzu.
»Wann werden Sie einmal einen Abend bei mir zubringen, Forster?« fragte Müller herzlich, den Ton der Antwort völlig überhörend. »Ich denke doch, wir würden manches auszutauschen haben. Ich würde sagen, bringen Sie Sömmerring mit, indessen es plaudert sich nun einmal zu zweien ungleich leichter als zu dreien.«
»Haben Sie Neuigkeiten von Jakobi?« fragte er nach einer Weile, als George nichts erwiderte und ihn nur mit einem unsichern Blick gestreift hatte.
»Ich danke Ihnen, ja,« sagte der Gefragte nun hastig. »Er ist mit den Seinen wohlauf. Ach, Pempelfort, -- ein Paradies der Freundschaft!«
Er bediente sich mit Fisch, griff nach seinem Glase und lächelte Müller nun freimütig an. »Der Freundschaft Angedenken!« sagte er und hob den grünlichen Römer mit einer schwärmerischen Gebärde, zugleich Sömmerrings Blick suchend, auf den er alsbald traf, denn Sömmerring, dort drüben zwischen Richers und Greve, schien mit diesem Blick längst in Bereitschaft gelegen zu haben. Müller, der bedächtig getrunken hatte und sich nun seinem Fisch in ausgesucht zierlicher und besonnener Weise widmete, sagte langsam: »Ich schätze den Menschen Jakobi ungemein. In bezug auf seine Schriften aber bin ich ein wenig Goethes Meinung.«
George fuhr auf.
»Goethe«, sagte er schnell, »ist ein großes Genie und ein kaltes Herz, ohne Hingabe und ohne Treue, unfähig, eine Seele wie Fritz Jakobi zu umfassen. Goethes Geist gleicht der Pracht antarktischer Breiten, mein Herr, und der »Woldemar« entsprang einem wärmeren Himmelsstrich.«
Er sah Müller hochmütig an, seine Lippen bebten. Müller war ein wenig erschrocken. Er machte »Oh!« und wandte sich Herrn von Hippel zu, gerade als der Graf, von dem der Kammerherr endlich erschöpft abließ, um mit dem Ausdruck eines rosigen apoplektischen Mopses vor sich hinzustarren, seine Hand behutsam auf Georges Ärmelaufschlag legte.
»Bitte, Herr Professor,« sagte er leise und zutraulich, wie ein schmeichelndes Kind, »unterrichten Sie mich ein wenig über das Wesen der Maçonnerie und ...« er ließ einen geschwinden Blick zu seinem Gouverneur wandern und senkte die Stimme noch mehr, -- »und -- verwandte Dinge. Sie sind Maurer, -- welcher Mann von Welt wäre es nicht?«
»Sie befehlen, Graf« -- George gedachte der Warnung des Kammerherrn und war einen Augenblick verwirrt. Dann faßte er sich. In der Tat, -- Maurer, -- wer war es heutzutage nicht?
»Allerdings gehöre ich einer Loge an,« antwortete er zurückhaltend soweit es die Artigkeit zuließ, »diese Dinge aber sind so allgemein, daß ich Sie nicht damit ennuyieren darf. Denn ohne Zweifel gehören Sie selber der Verbindung aller Guten zum Guten an?«
Der junge Mann, knabenhaft noch, blaß über seinem dunkelgrünen goldbordierten Leibrock und unter dem Puder der Haartracht, senkte die gewölbten Lider und schob die volle Unterlippe unzufrieden vor. Irgendeine Erinnerung sang in George auf, -- ach, -- wo doch nur? Richtig, -- jener vornehme Knabe in der Petersburger Eremitage, -- ihm sah der Graf ähnlich. Mein Gott, -- dies lag bald zwanzig Jahre zurück. Er machte eine fast zärtliche Bewegung gegen seinen jungen Nachbarn: »Belieben Sie nur zu fragen, Graf,« sagte er, »meine Erfahrung steht völlig zu Ihren Diensten!«
Der Graf, ohne aufzusehen, die Hände ungeduldig bewegend, sprach nun schnell und leise: »Ich bin Mitglied der Loge zu den drei Weltkugeln in Berlin. Ich bin aber nur ein einziges Mal mit Hippel dort gewesen, eben, als man mich aufnahm. Immerhin, ich bin im Bilde, was die Maurerei angeht. Jedoch, mein Herr Professor,« -- jetzt blickte er George fest an und sprach lauter, als er wahrscheinlich beabsichtigte, -- »was ist es mit der strikten Observanz? Was ist es mit der Rosenkreuzerei? Wozu dient die Alchemie? -- Dies alles wünsche ich zu erfahren,« endete er in scharfem Flüsterton und behielt dabei Hippel im Auge, der jetzt von Knigge verfallen war und seinem Zögling keinerlei Aufsicht schenken konnte. Müller, von seinen beiden Nachbaren im Stich gelassen, saß mit seinem gewöhnlichen Lächeln unbeteiligt da, George versuchte, mit seiner Person die Worte des Grafen aufzufangen, war aber überzeugt, daß Müller zuhörte und alles verstand. »Sie setzen mich in Verlegenheit,« brachte er hervor, »ich wüßte nicht, von welchem Belang diese Dinge für Sie sein könnten.« Er überlegte, durchaus im unklaren darüber, welche Art von Aufklärung hier erlaubt und zulässig sein möchte.
»Da unser Freund in Verlegenheit zu sein scheint,« hörte er da zu seinem Schrecken Müllers Stimme reden, machte eine Gebärde, als wollte er Schweigen gebieten, ließ mit einem hilflos empörten Blick zu Canitz hinüber aber die erhobene Hand wieder sinken, -- »so gestatten Sie mir, Graf, Sie ein wenig zu unterrichten.«
Müller lächelte fast schalkhaft, er saß zurückgelehnt, nur den Kopf ein wenig vorgebeugt und seitlich gewandt, seine schönen Hände, die mit den Flächen nach oben auf dem Tischtuch lagen, bewegten sich zuweilen leicht.
»Die Alchemie, Graf, nach der Sie fragten, wenn mein Ohr mich nicht täuschte, ist eine Wissenschaft, deren Beherrschung jeder von uns sich angelegen sein lassen müßte, denn sie geht darauf aus, uns armen Sterblichen alles zu verschaffen, wonach unsere innersten Wünsche stehen, Gold nämlich im Überfluß und langes Leben durch die Erfindung des ^Aurum potabile^, das einstweilen nachweislich nur Moses, Elias und Esra besessen haben. Ist's nicht so, meine Herren?«
Er sah sich unbefangen-behaglich im Kreise um und schien sich dessen gar nicht bewußt zu werden, daß ein verdrießliches Schweigen seinen Worten folgte, während nun die Diener Teller wechselten und den neuen Gang herumboten. Erst als sich die Türen hinter den Aufwartenden geschlossen hatten, denn es gehörte zu den Gesetzen des engeren Zirkels im Hause des Kammerherrn, daß die Speisenden während der Tafel sich selbst bedienten, brach Canitz in die Worte aus:
»Ich bin auf das peinlichste überrascht, Sie, mein Wertester, dem ich mit Fug eine gerechte Mäßigung in allen Fragen der Wissenschaft meinte zutrauen zu dürfen, von einer so wichtigen Materie leichthin und nahezu mit Frivolität handeln zu hören!«
»Mit Spötterei!« fiel der ehrliche Sömmerring über den Tisch hinüber ein.
»Tja, tja ...« keuchte der Kammerherr unter ruckweisem Vorstoßen des Kopfes und blickte Müller mit vorwurfsvoller Erwartung an.
»Oh!« machte Müller liebenswürdig erstaunt, richtete sich gerade auf und wandte sich dem alten Herrn mit vollendeter Verbindlichkeit zu. »Verehrtester, ich bitte aufrichtig um Vergebung. Indessen, da weder Moses, noch Elias, noch auch jener Esra, dessen Verdienste mir eben nicht gegenwärtig sind, noch nachweislich unter uns weilen, glaubte ich mich berechtigt, ihren Besitz der Tinktur anzuzweifeln und mithin überhaupt das Vorhandensein jenes Lebenselixiers.«
»Niemand«, fügte er unschuldig lächelnd hinzu, »möchte das Geschenk einer solchen Wunderessenz lebhafter begrüßen als ich. Denn, -- meine Freunde, -- ich liebe das Leben!« Er hob sein Glas und trank dem Freiherrn von Knigge zu, der ihm mit einem kaum merklichen Lächeln Bescheid tat, einem Lächeln, das er nun mit der breiten weißen Hand gleichsam von seinen Zügen wegwischte, als er das Glas absetzte und mit seiner etwas fetten Stimme bedächtig sprach:
»Moses, Elias und Esra mögen zuversichtlich in der richtigen geistigen Verfassung gewesen sein, die den wahren Adepten ausmacht, indessen waren sie allem Anschein nach nicht darauf bedacht, den flüchtigen Geist zu materialisieren, und auch nicht im Besitz der Chimie, als eines Mittels, ^Lapis philosophorum^ zu kristallisieren und somit seine Bedingungen auf den Körper anwendbar zu machen. Denn, meine Herren,« und er wälzte bedeutungsvolle Blicke von dem Hauptmann Richers zu dem Leutnant Greve, zwischen denen er seinen Platz hatte und die mit dem sprungbereiten Ausdruck begieriger Lehrlinge dasaßen, »'s ist der Geist, -- der flüchtige Geist, der in der wahren Chimie eingefangen wird. Der Geist ist's, der lebendig macht ...« er aß nachdenklich und hingebungsvoll einen Bissen, -- »ja, ja, und das Fleisch ist schwach.«
»^Rather!^« bemerkte Richers zustimmend. Der kleine Graf richtete seine schräg geschnittenen, etwas schwimmenden Augen wieder auf George, zu dem er das meiste Vertrauen zu haben schien. »Die Herren,« sagte er in seinem harten rollenden Französisch, »scheinen der Ansicht zu sein, daß die Alchemie eine schwierige Wissenschaft sei, bitte, ^Monsieur le Professeur^. Ist es Ihnen bereits gelungen, Gold herzustellen?«
George hantierte hastig mit seinem Besteck. »Graf,« sagte er mit unverhältnismäßiger Inbrunst, »die Goldmacherei ist eine Nebenfrage für den wahrhaft Strebenden.«
»Oh! und ich denke es mir so hübsch. Haben Sie von dem Grafen Cagliostro gehört? Er soll in St. Petersburg gewesen sein ...«
»Der sogenannte Graf Cagliostro ist ein Nekromant und huldigt der schwarzen Magie, -- ohne Zweifel ...« rief Sömmerring mit etwas atemloser Stimme über den Tisch hinüber, sah errötend um sich und blieb mit einem hilfesuchenden Blick an George hängen. »Ich meine nämlich ...«
George aber, in Erregung, dem Grafen zugewandt, aber Müller ins Auge fassend, sprach hastig wie von einer sonderbaren Eingebung überfließend: »Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, -- so wird euch solches alles zufallen. Den _Seinen_ gibt es der Herr schlafend. Alles ist euer, -- ihr aber seid Christi!«
Auf diese Worte, die eine ungeduldige junge Prophetenstimme in den Kreis geschleudert zu haben schien und die für eine Minute körperlos strahlend von der Gewalt ihres Geistes im Raum hingen, war es still geworden, bis Herr von Hippel von seinem Teller aufsah und mit einem gutmütigen Lächeln sagte: »Der Herr Professor ist bibelfester als man das heutzutage bei den Herren von der reinen Wissenschaft anzutreffen pflegt.« Und, über den Tisch gelegt, begann er, Sömmerring, der ihm, seiner westpreußischen Mundart wegen, als ein halber Landsmann erscheinen mochte, eine breite Geschichte von einem kurländischen Pastoren und einem littauischen Bauern zu erzählen, die auf einen derben Scherz hinauslief.
»Rosenkreuzerei,« sagte er sodann zu von Knigge, indes die Bedienten wieder um den Tisch gingen, -- »wart', wart', Freund, -- was hab' ich doch davon gehört? Nichts Gutes, wie mir scheint!«
»Sie sind ohne Zweifel unterrichtet«, gab Knigge gleichmütig liebenswürdig zurück.