Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 17
Ein Weg von vier Jahren und kein Weg durch die Rosenfelder der Jugend, wie endlich anzunehmen wohl Berechtigung vorhanden gewesen wäre, -- ein Weg, wenn nicht mehr unterm Joche des väterlichen Willens, so doch unter dem Zwange des eigenen unentrinnbaren Gewissens vor den Karren des Familienunglücks geschirrt, -- genug, ein Kalvarienweg mit unzähligen Leidensstationen, das war der Weg _vom Themsekai nach Cassel_ gewesen. George Forster, in einiger Hast durch den dünnen Neuschnee auf dem holprigen Pflaster der engen Gassen dem Hause des Ministers General von Schlieffen am Königsplatz zustrebend, noch ganz erfüllt von all der aufgewühlten Bitterkeit der letzten vierzehn Tage, von dem Wiedersehen mit den Seinen in Halle, wo der Vater nun endlich als Professor der Naturgeschichte installiert war, wie er selbst schon seit einem Jahre hier am Carolinum zu Cassel, -- George, so ganz gegen seine Gewohnheit dahinstürmend, die eine Hand an dem niedrigen englischen Hut, die andere zwischen die Knöpfe des Redingotes geschoben, er dachte voll Schicksalstrotzes, jetzt, jetzt erst nach diesem ersten Jahre der Niederlassung in Deutschland sei er endgültig angelangt in Cassel, als in einem Ruheport und Friedenshafen. Jetzt erst, so dachte er voll erzwungenen Freiheitsgefühls, das weiche Gesicht gegen den peitschenden Schnee erhebend und angestrengt nach dem Turm der Martinskirche spähend, von dem herab es eben fünf Uhr über die Dächer sang, jetzt erst hatte es sich vollendet, was damals in der eiskrachenden Christnacht am Pol in seinem Herzen aufgesprungen war, um gegen den Stachel zu löcken. Oh, in der Tat, jetzt war er los und ledig und es galt, dies Sömmerring zu erzählen, es galt sich auszusprechen, das übervolle Herz in den Busen des Freundes hinein zu entlasten, zu manifestieren die Einsetzung des eigenen freien Willens als Daseinsfaktor. Indessen, es würde kaum Zeit sein, Sömmerring noch vor der Sitzung allein zu sprechen, dachte George; er hatte sich wieder einmal verspätet, hatte sich in Jakobis »Woldemar« verlesen, sich dann über der Toilette versäumt. Mit langen Schritten nahm er die letzte Gasse. Jene Leidensstationen, jawohl, sie lagen nun abgegrenzt in einem Bezirk der Erinnerung, das nicht in die Gegenwart hineinreichte; dies schrieb er streng sich vor. Dahinten lagen die demütigenden Verhandlungen mit dem Londoner Admiralitätskollegium über die Veröffentlichung der Reisebeschreibung Forsters, des Älteren. Oh, diese Verhandlungen, über denen die ausgelaugte Maske Lord Sandwich'es hing wie der kalte Mond einer Scheingerechtigkeit, in deren verwirrendem Licht alle Begriffe zu schwanken begannen! Hier wurde blank ausgefochten, was auf dem Schiff dumpf in Haß gebrütet hatte, -- und, nun ja, -- wer fragte jetzt nach Lady George? Die Klingen kreuzten sich über das weiche Herz hinweg, und die stählerne siegte über die gläserne! Forster, der Ältere, oder der Ruhm von England, Kapitän Cook? War das eine Frage? George wünschte sich nicht zu erinnern. Vorüber, dachte er mit fieberndem Hirn, vorüber, vorüber. Vorüber das Hungerleben in London, das Schachern mit Naturalien und Kuriositäten, an denen das Herz doch irgendwie hing, -- George entsann sich im Fluge der geschnitzten Frauenhand von der Osterinsel, -- hatte er sie nicht geliebt? Sie hatte drei Guineen eingebracht, gewiß! Vorüber der Ansturm von Gläubigern mit Bulldoggengesichtern, von Gerichtsverhandlungen vor ungeheuern Perücken, vorüber das Gespenst des Schuldturms zu Kingsbench, dessen Quadern das Herz der Mutter zermalmten, oh, unerträgliche Qual! Hier saß Reinhold Forster zwei Jahre lang und, Gott verzeihe mir, dachte George, aber ich will das alles noch einmal erleiden, wenn ihm nicht wohl war im Gefühl des übergroßen Unrechtes, das ihm geschah. Ja, wahrhaftig, Gott verzeihe mir, dachte George verzweifelnd, wie immer, wenn die Säure unterdrückter Aufsässigkeit durch seine Gedanken fraß. Und er brauchte nicht mehr betteln zu gehen, -- vorüber die Bittstellergänge an die Logen in Paris, in Holland, -- an die deutschen Fürstenhöfe, wo er antichambriert hatte, den Hut in der Hand, seine Reisebeschreibung gegens Herz gedrückt, ein berühmter Weltumschiffer, blutjung und bettelarm!
Vorüber, triumphierte er in gewolltem, inneren Jubel und flog über den breiten, geschweiften Absatz der schön sich windenden hölzernen Treppe des Schlieffenschen Palais hinauf, drei, vier der niederen Stufen auf einmal nehmend. Aus der Reihe von Überkleidern, die im Vorzimmer hingen, entnahm er mit einigem Schrecken den Grad seiner Verspätung, erfuhr von dem diensttuenden Lakaien, daß Ihre Gnaden, die Frau Marquise von Mombert noch nicht anwesend seien, atmete ein wenig auf und tupfte vor dem Spiegel das schneefeuchte Gesicht mit dem Tuche ab. Er sah wohl aus, stellte er in Eile befriedigt fest, die Wangen gerötet, die Augen klar, nichts von seiner gewöhnlichen Stubenblässe.
»Der Professor Müller gekommen?« hörte er sich fragen, wie ihn dünkte, ganz ohne seinen Willen, und ehe er die Antwort hörte, trat er schon an dem Respektvollen vorüber in die warme Kerzenhelle des Salons und schritt in eiliger Verlegenheit auf den General zu, der dort vor dem Marmorkamin in gedämpfter, phlegmatischer Unterhaltung mit einem großen Herrn in Hofuniform stand, einem Herrn, der sein gepudertes Haupt und den Oberkörper zurückwarf, als er Georges Namen hörte, und ihm beide Hände entgegenstreckte. Der Freiherr von Knigge? Nun ja, dies war ein Herr mit blauen Emailleaugen. George, die Hand am Degengriff, machte die Runde durch den Halbkreis der Gäste, flüsterte ein-, zweimal seinen Namen vor unbekannten Erscheinungen, erfuhr, daß es sich um die Herren Richers und Greve handele, beide von den Hannoveranern in Hanau, Leutnant Greve und Hauptmann Richers, zu dienen, -- schüttelte Hände, sah liebenswürdig entzückt in andre liebenswürdig entzückte Augen und erholte sich endlich, neben Sömmerring verharrend, mit einem kleinen Hüsteln von dieser Übung gesellschaftlicher Befähigung, die ihn stets ein wenig Kraft kostete. Jetzt erst stellte er mit einem scheinbar ziellos umherwandernden Blick fest: ja, Müller war anwesend. Er hatte ihn begrüßt, ohne ihn zu erkennen. Jene kleine Unruhe am Herzen, die eben nachließ und ausschwang, war die vielleicht entstanden, als er Müllers Hand berührt hatte? Er lächelte ein wenig bestürzt und wandte sich Sömmerring zu, -- was ging denn jener kühle, glatte Mensch mit den rätselhaft unzufriedenen Augen ihn an? Ach, sein Sömmerring, der bebte vor Wonne, ihn wiederzusehen nach der halbmonatlichen Trennung, klares Wasser stand in seinen Augen, die sich voll Bewegung auf George richteten. Nein, schön war Sömmerring nicht, aber er wurde schön in seinem Gefühl, und war nicht dies die Seele, die ihm den kalten, fremden Ort zur Heimat gemacht hatte?
»Unendliches habe ich zu erzählen, Freund!« flüsterte George, die Hand auf des anderen Arm, wandte sich aber im selben Augenblick der Flügeltür zu, wie alle Anwesenden. Die acht Männer verneigten sich, als bräche eine sonderbare Gewalt ihre Nacken. Und die Frau, die in dem apfelgrünen Seidenkleide dort vor dem weißgoldenen Hintergrund der Türe stand, starrend in der Hoftracht einer schon halbverschollenen Mode von Paris, mit den unbeweglich über dem Schoß zusammengelegten Händen die goldene Dose, das Geschenk des Landgrafen haltend, dem sie, wie es hieß, eine rührende Zusammenkunft mit dem Geist seiner verklärten Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, verschafft hatte, -- diese Frau rührte kaum die halbgesenkten Lider, als sie nun dem schwerfällig auf sie zueilenden General die Fingerspitzen reichte und mit schmerzlicher Hast halblaut sagte: »Beginnen wir, schnell! Sie haben alles vorbereitet?«
George verspürte ein Rieseln zwischen den Schulterblättern -- wie gut kannte er das, diese Schauer des Labyrinthes! -- als er jetzt das überpuderte Antlitz mit den zarten, emporgezogenen Brauen, den leicht verzerrten Lippen und bebenden Nasenflügeln der sonderbar berühmten Marquise von Mombert an sich vorübergleiten sah. Der General geleitete die Dame mit befangenem Tänzelschritt, als ginge es zum Menuett, durch den Saal zur Türe des Kabinetts. Ein buckliges Geschöpf in goldgesticktem Schoßrock mit einer übergroßen Lockenperücke trippelte hinter den beiden drein und brachte durch devoteste Bücklinge und schadenfrohe Blicke jetzt erst seine Anwesenheit zum allgemeinen Bewußtsein. Aha, dachte George, dies war der Reisemarschall der Marquise, war der Monsieur Touchet, der die empfindsamen Dramen schrieb und überdies die Gabe besaß, durch Handauflegen zu heilen, wie er von sich zu verbreiten verstanden hatte. Sollte etwas Wahres daran sein? Was würde man heute erleben? Und nun wurde es ihm plötzlich wieder ganz bewußt: heute galt es mehr als einen geselligen Zeitvertreib, heute galt es eine Probe anstellen auf Tod und Leben, einen Beweis erlangen, -- endlich vielleicht. Die Spannung, die den Tag über in seinen Gliedern gelegen hatte wie unterdrückte Krankheit, schoß auf einmal zusammen und straffte Geist und Körper zu unerhörter Aufmerksamkeit. Auf der Schwelle ewiger Geheimnisse stehen, welcher Augenblick! fuhr es ihm durch den Sinn. Freilich, ein Skeptiker, ein Müller ... dachte er sogleich geärgert weiter, wahrnehmend, wie dieser, einer Bitte des Generals folgend, mit undurchdringlichem Lächeln die Kerzen in den Armleuchtern löschte.
»Die Marquise wünscht es so«, hörte er den General im Ton gedämpfter Erregung halblaut sagen. »Indessen ist sie für heute nicht disponiert, uns, wie wir wünschten, einen Blick in die Geisterwelt tun zu lassen. Sie wird uns jedoch«, übertönte er die flüsternde Enttäuschung der Gäste, »Zukunft und Vergangenheit auslegen, durch Betrachtung der Linien unserer Hände und durch Anwendung ihres übernatürlichen Ahnungsvermögens. Ich, meine Herren,« fügte er hinzu und bewegte abwehrend die Hand, indem er sich mit halb verhaltenem Ächzen in einen breiten, tiefen Armsessel niederließ, »ich lege keinen Wert darauf, die Grenzen meiner etwaigen Zukunft zu erfahren oder gar die Stunde meines Todes. Dies Amüsement scheint mir völlig eine Affaire junger Leute.« Und mit dem seltsam mißtrauischen, rührenden Forschen alter Menschen nach den Mienen seiner Gäste spähend, -- aus der offenstehenden Tür des Kabinetts fiel eine breite Straße Lichtes in den Saal und verbreitete eine schwache Helle, -- fragte er: »Nun, wer ist encouragiert genug, den Anfang zu machen?« Und gleich darauf in gerafftem Ton: »Meine Herren, lassen wir die Dame doch nicht warten!«
»Stellen wir es doch auf die Probe, dies ausgezeichnete Ahnungsvermögen!« ließ sich aus einer beschatteten Ecke Müllers Stimme vernehmen und George ballte heimlich die Hand. »Weiß die Dame, wer hier anwesend ist? Nicht? Kennt sie einen von uns schon von Angesicht? Nein? Unmöglich, da sie erst seit drei Tagen hier ist? Nun, -- so wollen wir an ihr vorbeidefilieren und sie soll zunächst einmal den -- nun, vielleicht den am weitesten Gereisten -- und den zugleich Berühmtesten unter uns feststellen!« Hatte ein heimliches Lachen in dieser ruhigen Stimme gelegen? George war weit entfernt davon, in das Urteil »Eine süperbe Idee!« einzustimmen, das Schlieffen ausstieß; dieser Mensch legte es darauf an, ihn zu demütigen, -- nun gleichviel. Welche Komödie! Da ging man im Gänsemarsch hinüber, Müller an der Spitze. »Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch sitzet da, wo die Spötter sitzen ...« ging es George bitter durch den Sinn. Aber, was lag daran? Spielte dieser Mensch etwa auf Eitelkeiten an, die er bei ihm, George, vermutete? Konnte er so mißkannt werden? Oder kannte er sich selbst so schlecht? Wie, ward er etwa unruhig bei dem Gedanken, die Marquise könnte, -- könnte vielleicht den Schotten Richers bezeichnen, der in Amerika gegen die Franzosen gekämpft hatte, -- er entsann sich plötzlich, von diesem Fremden gehört zu haben. Aber würde er nicht trotzdem Forster bleiben, Forster, der Jüngere, mit einem Wort, der junge Forster? Ah, welche Gedanken auf einem Weg von einer halben Minute! Keine Gedanken, würdig der Ewigkeit, die sich hier offenbaren sollte! Galt es nicht, die Verbindung mit dem Herrn zu suchen in dieser Stunde? Jetzt schritt Knigge, jetzt wandelte Prizier an der Seherin vorüber, sie rührte sich nicht, ihre Hände lagen regungslos auf dem Buchsbaumtischchen, hinter dem sie saß; sie schien mit zurückgelehntem Haupte und halbgeschlossenen Augen den Duft der Räucherkerzchen einzuatmen, die Touchet dort über der züngelnden Flamme des Leuchters verbrannte. Jetzt Greve, -- jetzt -- Richers, -- zuckte etwas in den Zügen der Frau? Vorüber! Und George, ein paar Schritte hinter dem Hauptmann, fühlte sich törichterweise erleichtert, zauderte, ging, von Sömmerring leise geschoben, vorwärts und ... Es war die Stimme Touchets, die da plötzlich sagte: »^Restez ici, Monsieur, Madame a fait son choix!^«
Madame hatte gewählt, in der Tat. Es war geschehen durch eine kaum merkliche Bewegung des Hauptes, der linken Hand. George fühlte sich auf einmal allein, hörte ein Gemurmel hinter sich ersterben, atmete den süßlichen Kirchengeruch der Luft und sah verwirrt in diese blicklosen Augen, Augen, die wie beschlagene Spiegel wirkten: die Iris war nach oben gedreht, die Pupille nur halb sichtbar und das Überwiegen des trüb geäderten Augapfels gab dem farblosen Antlitz mit den scharfumrissenen, hellroten Lippen einen blinden, einen übermäßig leidenden Ausdruck.
»Man weiß im Geisterreich von seinen Verdiensten«, sagte jemand im Nebenraum, Gelächter und Gemurmel quoll noch einmal auf, ein Stuhl ward behutsam gerückt. Dann stand im Raum die atmende Stille der Erwartung.
»Was wünscht Monsieur zu wissen?« hörte George jetzt die Stimme Touchets mit einer scharfen Süßlichkeit in Ton und Ausdruck. »Die Vergangenheit oder die Zukunft? Ah, -- die Zukunft, -- nicht wahr!?«
»Die Vergangenheit!«
George stieß es heftig hervor. Es galt eine Probe. Es war nicht ruchlose Neugier, daß er hier stand! Dies im Auge behalten, sich den Zweck nicht trüben lassen!
Die Vergangenheit! Erfahren, ob es möglich war, daß Gott den Menschen würdigte ... Und mit einer ungeduldig heischenden Bewegung stieß er der Somnambule seine geöffnete Linke hin und fühlte sie von schlaffen, kühlen Fingern umfaßt, -- Fingern, von denen doch eine beängstigend saugende Kraft ausging. George dehnte den Brustkasten in einem seltsamen Gefühl der Schwäche. Wie, -- stürzte all sein Blut in seine Hände?
Und während er in diesem fremdartigen Taumel die Augen schloß, fühlend, daß der stumpfe Blick der Frau an ihm emportastete, -- war nicht damals am Kap die große Fledermaus so an seiner Brust hinaufgeklettert, die sich in seinem Jabot verkrallt hatte ... da hörte er etwas wie einen tönenden Seufzer, -- zwei, drei Worte ...
Nun, dies war wirklich zum Lachen!
Und er raffte sich zusammen und sah mit halbem Lächeln auf die Sitzende nieder.
»Nun, Madame, beliebt es? Die Vergangenheit, wenn ich bitten darf!«
Eine Schleuse schien geöffnet. Die Worte kamen unaufhaltsam.
»Da ist eine Reise, wenige Tage zurück, -- oh, keine große Reise für Monsieur, -- hundert Meilen über Land zu fahren, was will das heißen für Monsieur, der die ganze Erde kennt? Eine Reise zu Verwandten, Monsieur? Die Verwandten sind lange in einem Land fern der Heimat gewesen. Ich sehe -- Armut. Das ist vorbei. Monsieur hat gearbeitet für seine alten Eltern. Sind es die Eltern, Monsieur? Gut! Aber die Eltern sind nie zufrieden mit Monsieurs Erfolgen. Ist es ^Madame Mère^? Nein. Aber der alte Mann ... Ich sehe einen Berg. Ich sehe eine bittere Galle. Ich fühle -- Neid. -- Ah, ^assez!^ Monsieur wünscht das nicht zu hören. Es hat wenig Freude gegeben beim Wiedersehn. Streit, -- Kummer. ^Assez!^ Monsieur ist jetzt sehr allein. Da ist eine Frau, -- braune Augen. ^Prenez garde, monsieur!^ Monsieur hat Freunde, ah, sehr gute Freunde, -- da sind _hohe_ Herren. Die letzten Jahre? Viel Arbeit, viel Reisen, -- immer für den alten Mann. Aber -- ist es nicht so? -- Monsieur haßt den alten Mann ...«
George, der seine Hand an sich reißen wollte, fühlte eine Lähmung, fühlte Schwindel, fühlte sich wie unlöslich an diese saugenden Finger geschlossen.
»Oh, wie der alte Mann wächst, je weiter es zurückgeht! Er macht den Himmel dunkel. Viel Wasser, -- viel. Oh, welche Länder ...«
Hier legte Touchet seine Hand um das Gelenk der Frau und willenlos öffnete sich ihr Griff um Georges Linke.
»Genügt Ihnen dies, -- Monsieur?« flüsterte der Franzose von unten herauf mit einem Entblößen seiner Zähne, einem Hochziehen der Oberlippe, das seinem zugespitzten Gesicht einen Ausdruck von Bosheit verlieh.
George nickte stumm. Er wandte sich, schwankte in den Saal zurück und suchte seinen Stuhl. Und nun er endlich saß und seine Stirn mit dem Taschentuch betupfte, seine linke Hand heimlich abrieb, um die Erinnerung an jene schlangenhafte Berührung los zu werden, kam er allmählich wieder zu sich, empfand die beruhigende Wärme, die von seinem Nachbar Sömmerring ausging, der fast Schulter an Schulter mit ihm saß, seufzte auf und wußte wieder: hier, dies war der Salon im Hause des Ministers, dort auf dem Kamin blinkte in einem Lichtstrahl die glasierte chinesische Vase, leise und geschwätzig pendelte von der Kommode her der Gang der Boule-Uhr durch die Stille. Dies neben ihm, atmend und Leben verratend, war Sömmerring, ach, der _Freund_, und an seiner Rechten, Müller, o, trotz allem, auch eine heimatliche Seele. Indessen, mein Gott, gab es hier nicht einen kleinen Anhalt dafür, daß er -- er selbst war, -- oh, wollte niemand ihn anreden und diesem Kreiseln seines Gehirns Einhalt tun? Da stand von Knigge nun vor dem Tisch im Kabinett, das starke, rosige Gesicht unter dem gepuderten Toupet vom Kerzenlicht angestrahlt und mit selbstgefälligem Lächeln dem lauschend, was Madame ihm zu sagen hatte. In der fahlen Maske ihres Gesichts bewegte sich der krankhaft rote Mund unaufhaltsam und quoll über von jenem rauhen, tiefen Geflüster mit der röchelnden Betonung gewisser Worte, diesem Geflüster, das hier nicht zu verstehen war. Da war, durch einige Stühle von ihm getrennt, der General, man hörte deutlich sein kurzes, mühsames Atmen und das Klingeln seiner Berloques, mit denen er wie gewöhnlich spielte. Da war Prizier, er wippte mit dem Stuhl und trug Langeweile zur Schau; freilich, dies hatte mit Alchemie wenig zu tun. Und da waren, ein wenig nach Stall und Leder riechend, die beiden Herren Greve und Richers, jawohl, von den Hannoveranern in Hanau, er hatte von ihnen gehört, sie waren zu Pferde herübergekommen, um die Seherin zu hören, -- Angehörige übrigens der Loge »Friedrich von der Freundschaft«, also nicht strikter Observanz, noch nicht, -- diese waren ganz Andacht, saßen vorgebeugt da, hielten die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet zwischen den Knien, beobachteten starr den Eindruck, den die Worte der Seherin auf den Zügen von Knigges hervorriefen, warfen sich zurück, schüttelten ratlos die Köpfe, griffen sich grübelnd ans Kinn ... Gute, junge Leute das, der Hauptmann und der Leutnant, dachte George, einer unbehaglichen Rührung voll, der eigenen sechsundzwanzig Jahre nicht eingedenk, -- und doch, -- was erinnerte ihn plötzlich daran? Jene ersten Worte der Seherin, jener gehauchte Ausruf bei seinem Anblick, -- nein, -- lächerlich! Dennoch, was hatte sie gemeint! -- Gegenwärtiges? Zukünftiges? Stand ihm etwas bevor, das jenen Seufzer rechtfertigte? War es also noch nicht genug gewesen, -- das alles, was hinter ihm lag? Aber er wollte sie nicht um die Zukunft befragen, nein, er hatte genug von der Erfahrung, daß zwischen ihm und jener Fremden dort am Tisch kein Schleier waltete, daß kein noch so dünnes Häutchen seine Erinnerung von ihrer Seele schied, -- daß hier, -- ja, daß hier also in der Tat ein seltsames Ineinanderwogen der unsichtbaren Wesenheiten verschiedener Personen statthatte. Ein Ineinanderwogen, ein Verschmelzen nicht nur der Seelen, -- auch die Zeitbegriffe waren aufgehoben, -- Vergangenheit, Zukunft, das stand aufgerissen da in einer weiten, raumhaften Gegenwart, in der alles nebeneinander ragte, was bestimmt war, ein Leben fließend zu füllen. Welch ungeheurer Frieden, dachte George bestürzt, müßte dort wohnen hinter der niederen Stirn von Madame! Ja, dieses Wesen in dem mitgenommenen Kleid aus verschlissener, grüner Seide, in der Robe einer halbverschollenen Mode von Paris, es war im Besitz der All-Einheit, es mußte strahlen von gesammeltem Lichte, -- es war -- -- seltsam, seltsam! -- nichts als ein greifbarer Ausdruck göttlicher Allwissenheit. Ach, aber es wohnte da kein Frieden; da war Qual. Qual sprach aus den gereckten Zügen dieser Frau, aus ihrem blinden Tasten nach den Händen der Fremden, aus ihrem Zusammenzucken, wenn die Stimme Touchets in ihr Hirn drang. Das war keine Herrscherin im Unsichtbaren, -- nur ein armes Werkzeug, ein geknechteter Schalltrichter für übermenschliche Stimmen. Aber ich, dachte George weiter, gepeinigt, das Erlebnis bis ins Letzte auszuschöpfen, wenn es _mir_ gelänge, das Trennende auszulöschen, durchzustoßen das Häutchen, zu zerreißen den Schleier, -- wenn ich mich nur hingebe, mich strömen lasse, -- es gelingt, -- es gelingt! Und wieder empfand er das Kreiseln des Gehirns, das Aufgehobensein des Selbstbewußtseins, jene Ahnung des Schwebens, wie er sie erfahren hatte in den Gebetsrasereien der vergangenen Monate. Gleich, -- gleich, -- dachte er krampfhaft, -- oh, schon hatte er aufgehört, George Forster zu sein, was war dieser Name, wen hatte er einmal bezeichnet? Einen gefeierten, jungen Gelehrten? Einen Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel? Einen Schützling von Fürsten? Einen Freund guter Freunde? Ein Schwall von Erinnerungen stürzte zwischen ihn und sein Bemühen, auszulöschen. Irgendeine Stimme, empfunden wie ein bohrender Punkt glühenden Lichts, der die Dunkelheit nicht aufkommen ließ, wiederholte eigensinnig: »Cassel! Carolinum! Collegium! Gold, Gold und wiederum Gold! Landgraf und Konsorten! George, George, Forster, Freund! Bruder Amadeus!« und widerwillig gab er nach, ließ ihn wachsen, den Punkt, anschwellen das Licht, erkannte sich, jawohl, George Forster, Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel, der Gelehrtenschule des Landgrafen von Hessen, George Forster, Mitglied des geheimen Rosenkreuzerzirkels, mit dem Bundesnamen Amadeus, der hier saß, als hätte er Zeit übrig für -- müßige Charlatanerien, -- nicht wahr, so würde der Vater das nennen, -- als müßte er nicht über seiner Arbeit brüten, um Geld zu verdienen, Geld! _Viel_ Geld, denn was tat man ohne Geld, ohne Bücher, Instrumente, gute Kleider, wie sie seine Lebensstellung nun einmal nötig machte, also Geld für sich und dann, -- aber, o mein Gott, immer noch und endlos, für den Alten, der jetzt dort in Halle saß, und sich mit Lust der Erkenntnis hingab, daß die Postverbindung zwischen ihm und dem Sohne nun außerordentlich viel besser war, als zwischen London und Hessen-Cassel!
George rückte sich ein wenig zurecht und kam durchaus zu sich. Er schauderte zusammen, es war kühl im Saal, das Feuer im Kamin war niedergesunken. Eben kehrte Sömmerring von der Seherin zurück, das Lächeln verlegener Ratlosigkeit um den Mund, das er für unerklärliche Fälle vorrätig hatte. »Rätselhaft!« raunte er George zu, indem er sich niederließ, »sie hat mir mein ganzes Leben gesagt. Dinge, die niemand wissen konnte. Ich bat um die Vergangenheit, -- wie du!« Dieses »wie du« stand als Motto über Samuel Sömmerrings Tagen, seit er George kannte. Indessen ging eine Bewegung durch den Kreis und es ward festgestellt, daß niemand mehr da war, der Madame befragen wollte.
»Nun, meine Herren, in der Tat? Sie sind befriedigt?«