Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 15
Übrigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenöter, Toghiri gefunden hatte und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nämlich, obgleich er sich seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war merkwürdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Gründen, die George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern infolge einer außerordentlichen Schüchternheit dem andern Geschlecht gegenüber, die er hinter einem lärmenden Auftreten immer so lange zu verbergen wußte, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer gemeinsamen Unternehmung geräuschlos zurückzuziehen. Nun aber hatte er Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie am Strande Möweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Hütte eingedrungen, wo Toghiris Vater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was er an Angelhaken, Knöpfen und ähnlichen Wertgegenständen bei sich trug, worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem übelriechenden Öl salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis aufgenommen, fühlte Larry den Feuerstrom seines Gefühls in geordnete Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als Eheweib überlassen, er bezog mit ihr eine Hütte neben der ihrer würdigen Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Schoß seiner neuen Familie. Allen Hänseleien der Kameraden setzte er ungerührten Gleichmut entgegen. »^She is my wife, hold your tongue!^« sagte er und versorgte sich ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes Faß zur Verfügung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne aßen. Für Toghiri indessen, -- nun, es fand sich schon dieser oder jener Bissen, um so ein Vögelchen zu füttern! -- Aber sie an Bord zu bringen, wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, -- nein, das ging doch nicht! »Sir, sie ist ein wenig verlaust!« bekannte er, übrigens ohne zu erröten, nur mit einem verschämten Grinsen, daß keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß wenigstens er nicht Anstoß nahm ...
Alles Hinzögern, Aufschieben, Verweilen aber mußte einmal ein Ende nehmen. Bösesten Wetterzeichen zum Trotz ließ Cook am 24. November die Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen scheußlich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden hatte, und warf ihn dem Kapitän vor die Füße, Jacopo folgte ihm und rang die langen dünnen Finger, -- konnte es gewagt werden, unter einem so schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem Fußtritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der Sturm los, die Matrosen fluchten und brüllten und nur Cook bewahrte angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes Erinnerungsbild, -- verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, -- wollte ihm dann immer den Vater zeigen, wie er den schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um selbst in die Nähe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: »Ach was, jeder ist sich selbst der Nächste!«). Am anderen Morgen jedoch war nichts als ein melancholisches Sausen zurückgeblieben und auf langen glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnen entgegen und an ihnen vorüber. Dies war Erschöpfung, -- Ergebung. Schweigsam wurde an der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, -- schweigsam und verdrossen hingenommen, was da kommen mußte, der erste Schnee, die ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseeländischen Boghi-Boghi-Mantel hüllte. Er führte ein sonderbares Tagebuch aus Stäbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem Boden anordnete. »Whemuatua-tua«, das weiße Land! so stand das erste Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hieß »der weiße Regen«, und in einem Schneegestöber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen Händen nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten. George holte ihn hinunter in die große Kajüte, die von Pfeifenqualm und Dunst erfüllt war. Mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem Winkel der Kajüte sitzend, der Gesellschaft den Rücken drehend, Mahaine vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm aufsah, erhielt er seine tägliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er mitten im Eis der Polnähe, während draußen die bleiche ^Aurea australis^ gespenstisch über den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dünkte ihn besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von früh bis spät tagte. Er war sehr unglücklich, war es mit allen Kräften des jungen, eben erst zum vollen Bewußtsein seiner selbst gelangten Menschen. Alles, was er an körperlichem Unbehagen, an Gram über den Vater, an Unbefriedigung über seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwärmerischen und tränenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefühle überwältigt. O Gott, o Gott, es kümmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da war eine Hölle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Körper, gekleidet in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Träume verfolgten ihn diese schmierigen Neuseeländerinnen, die er doch haßte. Übrigens fühlte er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige übelriechende faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem Überfluß von Speichel und konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Füßen herumschleppen. Er sah zum Erbarmen aus, aber nicht, daß sich jemand besonders seiner erbarmt hätte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder ähnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trüb unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb verfault, ihr böses, spukhaftes Spiel in diesem fürchterlichen Teil des Weltalls trieb, -- nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strömungen und Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wänden die Gedanken hin und her jagten und sich die Köpfe stießen wie gefangene Vögel, angewiesen einer auf den zum Überdruß, ja, bis zum Widerwillen wohlbekannten anderen, der gewiß, o, es war wahrhaftig wahr, noch schmutziger, noch kränker aussah als man selber, waren sie alle von einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies war's, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr in dem Gedanken, daß in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung erkämpfte, die Wissenschaft, sie war keine Göttin in Monaten, wo die Überzeugung, daß England auf ewig für sie versunken sei, an ihrem Herzen fraß. Und dabei fortwährend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses Mannes zu spüren, der sich in der Kajüte nicht anders mehr zeigte als eine vorübergehende Erscheinung, bösen und kalten Blickes und lippenlos zusammengekniffenen Mundes, verächtlich durch die Nüstern schnaubend, wenn er über den mit Gläsern, verschüttetem Grog und Tabaksasche bedeckten Tisch hinsah, -- der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner eigenen Kajüte anrichten ließ, -- aus Gesundheitsrücksichten, wie er einmal verlauten ließ, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis ins Weiß der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, -- aber nicht dies war der Grund, George fühlte es wohl. Cook, von seinem Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, ließ George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder ließ ihn seine eigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajüte der Forsters. Dann saß der Jüngling über seine Aufzeichnungen gebückt, von dumpfer Dankbarkeit erfüllt, daß er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles Bezug auf den großen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm gegenüber, das sich doch oft düster und verzweifelt genug über die Karten und Berechnungen neigte. »Ein Narr!« schalt der Vater, wenn sie abends in den Kojen lagen, -- ein vernagelter Narr, der hier nach Land suchte in dieser starrenden Eiswüste! Von Wasser war der Pol umflossen, umkreist von Strömungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des Menschenkörpers. Ein sonderbares, jawohl, ein höchst sonderbares Tier, die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen äußersten Enden lagen, den beiden Polen im Norden und Süden! Denn daß hier das Leben gesammelt zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich begründet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajüte beeinflußt, an dem sich so prächtig über sie debattieren ließ, ähnlich wie über den Stein der Weisen, dessen Möglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch hätte es umgangen werden müssen, daß Mr. Forster sich eines Nachmittags, -- es war am 25. Dezember, am Weihnachtstage, und die »Resolution« lag fast fest, wehrte sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm unabsehbaren Treibeises, von dessen Stößen der Schiffskörper dröhnte und schütterte, -- man hätte es verhindern sollen, daß der ältere Forster an diesem Nachmittag urplötzlich seinen Stuhl zurückschob, mitten in einer angeregten Diskussion mit Wales, daß er mit erhobenen Fingern schnalzte und wie unter dem Zwange blitzähnlicher Eingebung ausrief: »Das muß ich doch gleich einmal ...« worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt, sehr eilig zur Kapitänskajüte hinüberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und George einigermaßen erschrocken entgegensah, während Mahaine, neben der Kohlenpfanne hockend, gleichmütig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen. Der ganze Auftritt bildete späterhin eine der furchtbarsten Seiten in Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit selbstgefälligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: »Mein lieber Kapitän, ich muß Ihnen doch einmal meine Ansicht über den Aspekt unserer Fortschritte ^in puncto^ der Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten darlegen.« Er hatte alsdann mit nichts zurückgehalten, was seine Zweifel an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils überhaupt ausmachten, hatte die Theorie von den Strömungen anmutig hindurchgeflochten und der ^Aurea australis^ gedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer Kräfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll verweilte, hatte des öfteren »mein lieber Kapitän« gesagt, und zwar in einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schließlich zusammenfassend seinen Rat für den weiteren Verlauf der Unternehmung gegeben, der auf eine schleunige Rückkehr in die lieblichen Gewässer der Südsee hinauslief, -- und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt, was George mit wachsendem Bangen sah, daß nämlich Cooks Augen eine gefährlich kaltblaue Färbung angenommen hatten und aus dem gelben Gesichte schienen wie nur irgendein Stück Polareis, daß es um sein hartes Kinn zuckte und daß seine Hand eine Kartenrolle knackend zusammenpreßte. Was dann kam, hatte unter vergifteter Höflichkeit begonnen, -- gedämpfte Satzanfänge wie: »Mein Herr, ich bin zwar von dem Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend überzeugt ...« hafteten George später ebenso im Gedächtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem »aber, -- aber, aber!« »Muß Sie _aber_ ganz ausdrücklich bitten ...« »Nun was denn etwa?« -- »Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, -- gefälligst in Ihren Grenzen zu bleiben ...« Dabei war Cook nicht sitzengeblieben, sondern er stand am Tisch und krampfte die Hände um die Kante, daß die Knöchel weiß anliefen. -- »Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht wieder!« bekannte Herr Forster späterhin unbefangen dem schaudernd lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas vornübergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zähne, eine Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und sie durch eine krallende Gebärde der vorgestreckten Hände verstärkte. In solchen Fällen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die äußerste Ruhe zu bewahren, -- laut äußerte er aber unglücklicherweise: »George, weißt _du_, was Mr. Cook meint?« wozu er etwas unbehaglich lachte und auf seinem Stuhl herumrückte, -- sich dann allerdings zurücklehnte und die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die Blöße gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da besagt, daß man gefährlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer Unsicherheit zeigen dürfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefühl ihrer Überlegenheit. Diese Überlegenheit von seiten des Kapitäns stürzte denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, -- bediente sich Redewendungen ... nun, Mr. Forster blies sich auf, dunkelrot, wie er allmählich wurde, ließ seine runden Augen vorquellen und -- suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stieß ein »Unerhört!« um das andere hervor, und: »George, verlasse das Zimmer!« -- worauf George, der in tödlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich bleich erhob, denn: -- »Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein braver, unglücklicher Jüngling, dessen Fleiß und dessen Gründlichkeit von Ihnen schamlos ausgebeutet werden ...« hatte Cook vorher geschrien, -- »Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Würde der Wissenschaft!« »Mein Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Würde der Wissenschaft!«
»Mein Herr, Sie, -- ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaßender Poltron!«
»Mein Herr, Sie sind ein geschwätziger Charlatan!« -- dies etwa waren die Sätze, die ihm noch in die Ohren gellten, während er aus der Kajüte glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens, wagte nicht zu denken, sich des fürchterlichen Erlebnisses klar bewußt zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag aufs Haupt betäubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch suchte Herr Forster sein Lager merkwürdig lautlos auf und nahm keinen Anlaß, sich durch eine Aussprache weiter über seine Niederlage zu erleichtern. Nachdem er seinen massigen Körper krachend hingeworfen und mit umständlichem Wälzen einigermaßen erträglich geordnet hatte, hörte George ihn wohl noch ein paarmal: »Unerhört!« murmeln, alsdann aber zu seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemäßigt und anmutig wie nur je schnarchen, -- kein Zweifel, der große Mann schlief, schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen unerschütterlichen Selbstgerechtigkeitsgefühl! Die geisterhaft helle Polarnacht stand draußen vor den runden vereisten Fenstern und füllte den Raum mit einem trüben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem dampfen und zog Kleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen. Ununterbrochen krachte und dröhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen Flanken, sie zwangen seinen Bug, über sie hinwegzusteigen oder ihre Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drängten ihn mit einem fürchterlich klirrenden Getöse der Übermacht gegen den Wind rückwärts ... Es schien George ausgemacht, daß dies seine letzten Stunden seien, daß das Schiff nicht standhalten könnte, es ächzte, es schrie, es mußte in jedem nächsten Augenblick dem Druck erliegen, sich in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trümmerhaften Holzgebeins mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rührte sich nicht, er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos geöffnet, mit heißen zersprungenen Lippen sinnlos flüsternd, Bruchstücke von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, -- dennoch ohne Furcht, nur mit steinerner Todesgewißheit, mit einem bittern, rasenden Schmerz über die Verächtlichkeit des Lebens im Herzen, -- dieses Lebens, das jetzt eben noch in den Schiffsgängen und -räumen polternd torkelte, viehisch brüllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum, soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem Hohn, die heulten ihre unflätigen Lieder und der Vater hatte sich mit dem Kapitän auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen, mit Messern? Nein, der Kapitän hatte den Vater mit der neunschwänzigen Katze gezüchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er, George allein, trug die Schande. Oh, ein Glück, -- ein Glück, daß sie untergingen! Der Kapitän hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott, kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren Gewürm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich, sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mühsal und Plackerei und Demütigung. »Ja, ja, und du bist schuld!« flüsterte er, in aller Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch unter dem Eindruck der Worte Cooks, »den Sie schamlos ausbeuten ...« -- er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu gebieten schien, und doch, sie flüsterten von allen Seiten in seine Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fühlte er sich auf dem schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine Seifenblase, abhängig von dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge. Dazu orgelte der Matrose Friesleben draußen »Vom Himmel hoch, da komm ich her ...«, ward von trunkenem Gelächter und dem Geheul englischer Stimmen überschrien, die Mutter schien in der Kajüte auf- und niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein bluttropfendes Herz in der andern Hand ... Betäubender Urweltslärm brach wie eine Sturzsee über ihm zusammen. -- -- --
Auch eine solche Nacht, -- auch Fiebertage gingen vorüber. --
Cook berannte den Pol wie ein Stier. -- Aber Land wurde nicht gefunden. --
Dies auszuhalten, diesen verbissenen Kampf des Willens gegen eine gleichgültig und machtvoll widerstehende Natur, und nicht nur gegen die Natur, mehr noch, stumm und zäh, gegen die hohnvoll sich überlegen dünkende, unausgesprochene Überzeugung des Gelehrtentisches, gegen den dumpfen, erbitterten Widerstand der Mannschaft, die nicht gewillt war, oh, keineswegs gewillt, sich hier unten im Dienst einer Idee an den Skorbut oder den Tod im Eise zu verkaufen, -- diesen Kampf mit anzusehen, wäre für einen, der dem Kapitän so bedingungslos ergeben war, wie George, und der sich doch nicht befähigt fühlte, ihn zu unterstützen, unerträglich gewesen. Der Himmel half ihm mit einer Lähmung seiner Empfindung, mit der Hülle ergebener Schwermut wie einst, als die »Mütterchen Elisabeth« ihn und den Vater von Petersburg nach London trug, -- als es nicht nachhause zur Mutter gegangen war, wie er unzweifelhaft angenommen hatte, sondern nach London, -- nun ja, das waren Erinnerungen. Er beherrschte überhaupt ein ungeheueres Aufgebot von Erinnerungen, so stellte er in dieser Zeit fest, er hatte Muße genug sie heraufzubeschwören, und fand eine Art von bitterem Behagen darin, sie auf ihre Einheitlichkeit hin zu prüfen, immer unter dem Leitwort: »... den Sie schamlos ausbeuten ...« -- ausbeuten, jawohl! Er kam zu dem Ergebnis, daß des Kapitäns Beobachtung richtig sei, er stellte es sich als mathematische Aufgabe, den Satz zu beweisen, und, mit sonderbar abgetötetem Gefühl, übersah er seine Lage scharf und klar und -- fand sich damit ab.
Dies, George Forster, waren entscheidende, nur allzu entscheidende Wochen in deinem Leben. Dir war Erkenntnis aufgegangen, Erkenntnis, George, die erste Bedingung, um handeln zu können! Indessen, -- du begnügtest dich. Du handeltest nicht. Wozu auch? Mit welchen Waffen vorgehen gegen diesen Chronos? Nun, nun, wußtest du nichts von leidendem Widerstand, nichts von stillem Eigensinn, von unterirdisch wühlenden Plänen zur Entthronung des Tyrannen? Nichts? Wandtest dich nur ab von ihm, gefaßt und blaß, die Unterlippe ein wenig eingezogen, ja, wandtest dich auch seelisch von ihm ab, daß er von nun an nie wieder dein volles, aufrichtiges Sohnesantlitz zu sehen bekam? So tatest du und -- gingest weiter im Joch, -- George, George, du bist in der Tat sanftmütig und freundlich, bist liebenswürdig, -- oh, jawohl, in der Tat, nur allzu liebenswürdig, kleiner George! -- -- --
Ende Januar setzte Cook eine Sitzung an, zu der Offiziere und Gelehrte am frühen Morgen zu erscheinen hatten, noch ungefrühstückt, was Herr Forster ungeheuer übel nahm, so daß er am Abend zuvor, nachdem Bligh den Befehl mitgeteilt hatte, polternd verkündete: Fiele ihm gar nicht ein ...! Dächte auch gar nicht daran ...!! Er lag auch noch in der Koje, als George bereits schattenhaft lautlos aufgestanden und entschwunden war, dann erschien er aber doch in der Kajüte, genau eine halbe Minute, nachdem Cook seinen Platz an der Spitze der Tafel eingenommen hatte, sagte: »Na, guten Morgen!« stellte gekränkt fest, daß auf seinem Stuhl Wales säße, und verankerte sich sodann umständlich auf dem einzig freigebliebenen Sitz, Cook gerade gegenüber, von wo aus er sich aufmunternden Blickes umsah und fragend äußerte: »Nun, und ...« Cook, der ihn völlig übersah und überhörte, -- freilich sah er niemand an, -- gab in gedämpftem Ton einen kurzen Bericht über die bisherigen Ergebnisse der zweiten Polarfahrt, ließ diesen Bericht von Bligh, -- nicht etwa, wie das vorige Mal von einem der gelehrten Herren, nun, war das nicht kennzeichnend?! -- um einige Zahlenangaben ergänzen, räusperte sich sodann trocken und sagte, ohne seinem versteinerten gelben Gesicht irgendeinen Ausdruck zu geben: »Da unser Bemühen, in diesen Breiten Land zu entdecken, bis dato keinen Erfolg gezeitigt hat, geben wir dies Bemühen nunmehr auf, uns unsrer Verantwortung gegen Leben und Gesundheit von Untertanen Seiner Majestät voll bewußt.« Und, nachdem er noch eine knappe wissenschaftliche Begründung seiner Handlungsweise gegeben hatte, -- nichts von Erdblutströmungen, nichts von magnetischen Strahlungen kam darin vor, -- fügte er beiläufig hinzu, daß die »Resolution« den Kurs seit einer Stunde nordöstlich genommen habe. Hierauf hieß es: »Ich habe die Ehre, meine Herren!« und wahrhaftig und ohne auch nur von ferne abzuwarten, ob nicht einer seiner ihm von der Regierung beigegebenen Berater etwas zu äußern habe, verließ er steif, doch eilfertig hinkend den Raum, -- er litt seit Wochen böse an einem rheumatischen Anfall, -- gefolgt von seinen Offizieren, von denen Blandey, der zweite Leutnant, alsbald zurückkehrte, und, in der Tafelrunde frühstückend, in achtungsvoller Haltung taub gegen den erregten Meinungsaustausch seiner Umgebung blieb.