Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 12
Alles in allem, die Sache war die: George war auf einmal jung, weil hier niemand ihm etwas anderes zutraute als was seine Jahre, -- sechzehn, siebzehn Jahre, in der Tat! -- voraussetzten: holde Eselei, Traumverlorenheit, ein Kaulquappenschwänzchen, das heiter stimmen mochte, wenn es unversehens zum Vorschein kam, Verantwortungslosigkeit also, Jugend, Jugend, die alle diese hart arbeitenden oder gealterten Männer wie einen Luxusgegenstand empfanden, den sie selbst sich nicht leisten konnten, auf den sie aber um alles in der Welt nicht verzichten wollten, und den sie darum hier, wo er so einsam unter ihnen glänzte, mit einer gewissen Rührseligkeit betrachteten und ihn seiner Kostbarkeit gemäß behandelten. George war ein wenig in Verlegenheit gesetzt, fühlte sich dieser allgemeinen Nachsicht nicht recht gewachsen: wußten sie denn alle nicht, daß er, dem sie begegneten, als habe er bisher nur in Rosengärten gespielt, ein armes, gedrücktes Arbeitstier war, ein Sklave, ohne Anrecht auf Heiterkeit? Er ließ gelegentlich etwas von seinen Kenntnissen durchblicken, -- nun, konnte man das alles wissen, ohne von Kindheit an im Joche der Gelehrsamkeit gegangen zu sein? Und wußten sie, was das zu bedeuten hatte? O, er wollte nicht täuschen und enttäuschen, den ganzen dunklen, ungeheuren Ernst, der sich in den letzten Jahren von seinem Herzen aus über sein ganzes Wesen ausgebreitet hatte, bot er auf, um sie von seiner wahren Natur zu überzeugen, aber er erreichte nichts, als daß sie ihn scherzend bewunderten und sein Wissen und Können nur als eine Folie zu betrachten schienen, von der seine übrige anmutige Unbeholfenheit sich um so reizvoller abhob, -- kurz, er konnte es sich nicht vorenthalten, daß irgendeine Wirkung von ihm ausging, für die bisher niemand empfänglich gewesen war, deren Ursache ihm selbst unbekannt und die vielleicht bisher überhaupt gebunden gewesen war. So gab er denn nach und ließ sich gehen, und siehe da, es war leicht, es war angenehm, sich gehen zu lassen; es atmete sich freier, dünkte ihn, und so vielem Wohlwollen gegenüber kam die Tyrannis des Vaters nicht mehr zu ihrem alten Recht. Herr Forster war verstimmt und wußte selbst nicht warum; es war nichts auszusetzen an dem Knaben, er war, wenn möglich, aufmerksamer auf seine Wünsche als je. Indessen, indessen, -- nun, wer wollte sich das ganz klar machen, -- da war vielleicht auf einmal etwas wie freier Wille in dieser dienstbereiten Hingabe zu spüren, und damit eine Art von Überlegenheit, kaum wahrzunehmen allerdings, und nur für die gereizten Nervenstränge Herrn Forsters bemerkbar. Herr Forster, auf dem ungeheueren Ozean in einer Gesellschaft von Männern, die offensichtlich sich nicht im entferntesten des Glückes bewußt waren, ihn in ihrer Mitte zu haben, Herr Forster wurde etwas mürrisch und gelegentlich sogar sentimental, ohne damit den gewünschten Eindruck auf George zu erzielen. Er begab sich in Gefahr, jawohl, -- an einem windstillen, aber deshalb nicht weniger kalten Tage, als der Nebel, der das Schiff seit Wochen einschloß, in der Mittagsstunde zum erstenmal zurückgetreten war und die falsch und eisgrau glitzernde See in einem Umkreis von einer Meile etwa freigab, erzwang er es sich mit finsterer Erhabenheit, daß ein Boot für ihn herabgelassen wurde, um Jagd auf einige Pinguine zu machen, die auf einer unfern dahingleitenden Eisscholle ihr Wesen trieben. Cook zuckte die Achseln und George war tief bekümmert, Herr Forster aber, ohne einen Menschen anzusehen, den Blick schwermütig ins Leere gerichtet, deutete mit sparsam sich öffnenden Lippen an, Pflicht sei Pflicht, und: die Wissenschaft sei Opfer wert! stieg mit verkniffenem Gesicht die Strickleiter herab und wurde von zwei verdrießlich dreinschauenden Matrosen mit kräftigen Ruderschlägen auf die unbefangen erwartungsvollen Pinguine zugerudert, worauf eine unhörbare Stimme »Vorhang fällt!« zu diktieren schien und der Nebel sich eilig und lautlos wieder zusammenschloß, die Pinguine und das Boot mit dem tollkühnen Herrn Forster auslöschend. Man hörte es gleich darauf sehr schreien, konnte aber, obgleich man noch regungslos mit den Gesichtern in der Richtung des verschwundenen Bootes dastand, nicht feststellen, von welcher Seite der angstvolle Laut kam, ebensowenig wie das Flintengeböller, das sodann anhob. Kapitän Cook murmelte etwas, aus dem man mit Leichtigkeit: »^Damned old fool!^« hätte verstehen können, nach einem Blick in Georges erblaßtes Gesicht jedoch beeilte er sich, Maßnahmen zu treffen, die die Fahrt des Schiffes auf die geringste Geschwindigkeit herabsetzten, und ließ auch seinerseits alle zwei Minuten Schüsse abfeuern, während er durch das Sprachrohr die ungeheuerlichsten Beleidigungen in den Nebel hinausschrie, -- natürlich an die beiden Matrosen gerichtet. Nach einer halben Stunde, die den machtlos Wartenden qualvoll lang geworden war, -- George lehnte mit dem Rücken am Hauptmast, keines Gedankens fähig als des einen: »Lieber Gott, errette ihn!« zugleich aber von einem bohrenden Zwang zur Selbstprüfung gepeinigt, -- wie, ja, _wie_ wäre ihm eigentlich, wenn er nicht wiederkäme, der Vater?! --, nach dieser halben Stunde, endlich, endlich, schrammte das Boot an der Schiffswand entlang und Herr Forster entstieg dem Nebel wie ein preislicher Vollmond. O, hatte man sich exaltiert? Er seinerseits hatte keinen Augenblick an der Einsicht des Himmels gezweifelt und -- nun, man sah es ja, hier war er, frisch und gesund. Es hatte niemand die Stirn, des Geschreis im Nebel zu gedenken, und man feierte den wiedergewonnen Herrn Forster mit einem Extragrog, auf den er ja wohl freilich Anspruch hatte, seiner gefährdeten Gesundheit wegen. Kapitän Cook war viel zu froh, ohne Menschenverlust davongekommen zu sein, als daß er seinem Unmut weiter Luft gemacht hätte. Er begegnete Herrn Forster mit einem gewissen starren, grimmigen Lächeln, das dieser für eitel Wohlwollen nahm, und unter dem Einfluß des ^Spiritus liquor^ erschloß er sein Herz, legte dem Kapitän die Hand auf den Ärmel und war außerordentlich liebenswürdig zutraulich, so daß es schwer war, ihm zu widerstehen, und für diesen Abend wenigstens der Anschein eines herzlichen Einvernehmens hervorgerufen wurde. Die fürchterlich-großartige Eintönigkeit der Polarreise war indessen nicht geeignet, einen Zustand inneren Einklanges aufrechtzuerhalten, -- zu gewaltig waren die Anforderungen, die diese erbarmungslos starrende Kälte an den Körper stellte, allzu fremdartig und übermenschlich die beständige Zumutung dieser Natur an den Geist. Es schien nicht zuträglich für das menschliche Gemüt, tagaus, tagein nur Eis zu sehen, Eisberge, Eisinseln, Eisfelder bis zum dunstigen Horizont, wo der Himmel weiß war vom Widerschein der kristallenen Massen, -- Massen in den Formen unwirklicher Traumgelände, Inseln voller Türme, zackiger Säulen und blauschimmernder Grotten, an denen die schäumenden Wellen sich brachen, belebt von dem sonderbaren, verzauberten Volke der Albatrosse und Mallemucken, und von blasenden Walfischen umschifft. Es schien nicht zuträglich, in dieser ungeheueren Welt zu hausen, ohne für sie geboren zu sein, sich mit einem empfindlichen, aber begrenzten Naturgefühl den Eindrücken dieser fabelhaften Sonnenuntergänge ausgesetzt zu sehen, die Saphir und Beryll ringsum mit einemmal golden und purpurn durchglühten und ein stummes Fest eisiger Glut begingen. Mit der Zeit schien sich nur einer als der Sache gewachsen zu erweisen, und das war der Kapitän, der einzig Wache unter einem Volke widerwillig Schlaftrunkener, der sich ihrer bediente, wie sich der Geist des Körpers bedient, und diese ganze mürrische, scheeläugige Menge mit seinem Willen im Genick hielt und bis in die äußersten Glieder mit schütternden Kraftströmen durchbebte. Sie hatten es alle satt und fragten sich, welcher Teufel sie geritten hatte, auf diesem verdammten Schiff bis ans Ende der Erde mitzugehen? Es gab keine wissenschaftliche Ausbeute, es gab keine malerischen Punkte, es gab tagaus, tagein die gleichen langweiligen Messungen und Aufzeichnungen mit erstarrten Fingern, und es gab für die Mannschaft verflucht harte Arbeit, ohne daß je eine Küste aus dem ewigen Milchnebel des Horizontes auftauchen wollte. Alle Hirne waren gelähmt von der Kälte und die Gedanken kreisten einzig um die einfachsten Bedürfnisse: Essen, -- Schlaf, -- Wärme! Auch George erlag, unwillig und verzweifelt, aber er erlag seinem Körper, er nahm wahr, daß der Papa eine bemerkenswerte Gabe, sich vor der Unbill der Witterung zu schützen, an den Tag legte, und er ahmte ihm nach, er ging eingewickelt bis zur Nasenspitze umher, er machte Gebrauch von den Wolljacken, Pelzwesten und Decken, die der Alte sich listig aus den Mannschaftsräumen zu verschaffen wußte, und baute sich, ebenfalls nach väterlichem Vorbild, in seiner Koje eine gepolsterte Höhle aus Federkissen und Decken, in die er sich verkroch, wenn keine Mahlzeit mit den daran anschließenden Spaziergängen auf Deck sein Erscheinen an der Öffentlichkeit erforderte. Sinnreiche Vorrichtungen zwangen Bücher und Schreibgeräte, auch bei bewegtem Seegang neben diesen Höhlen auszuhalten, und ebenso war eine Flasche bei der Hand, -- zur inneren Erwärmung, der auch das heiße Pfeifenrohr diente, das beständig aus dem Bettengebirge des Vaters herausqualmte und das zugleich mit den Grunz- und Räusperlauten der von Rum und Tabak mitgenommenen Kehle, mit gesättigtem Gestöhn zur Verdauungszeit oder ärgerlichem Gemurr bei schlecht arbeitendem Stoffwechsel und anderen Tönen tierischer Natur, -- entspringend dem ^Corpus materiale^, dem elementarischen Leibe des Paracelsus! -- Zeugnis ablegte von dem auch unter unbehaglichen Umständen ungebrochenen Fortbestehen seines kostbaren Aufbaus. Kein Zweifel, daß der Vater es verstand, sich auch unter diesen Verhältnissen sehr wohl zu fühlen, ja, daß die zigeunerhafte Ungebundenheit des Reisezustandes einem Zug seines Wesens entsprach, jenem Zug eben, für den George so empfindlich geworden war, seit er den Unterschied im Klang einer straff gespannten Saite, wie sie Mr. Dalrymple und Kapitän Cook für ihn darstellten, mit dem einer schlaffen vergleichen konnte und die inbrünstige Begierde kannte, selbst seine Pfeile von schwirrender Sehne mit reinem, starkem Ton zu versenden. Jedoch, -- wie hart, wie bitter schwer war dies, wie unmöglich schien es durchzuführen ohne die Gunst eines gemäßigten Himmels über sich, ohne eine Schreibtischecke mit gut geordnetem Arbeitsgerät und dem unmerklichen wohltätigen Einfluß, den ein regelmäßig geleiteter Haushalt, weiterhin eine rastlos arbeitende Stadt und ein gelassen tätiges Staatswesen mit seinen großen, ruhigen Pulsschlägen auf den geistig Strebenden ausüben? Wie tief mußte einem das alles ins Geblüt gedrungen sein, ehe es als Halt zu entbehren war, ehe der Rhythmus des metallenen Pendelschlages der Pflicht im Leben des einzelnen selbsttätig und alleinherrschend geworden war, wie etwa in Kapitän Cook! Dieser Mann war stark genug, um hier, abertausend Meilen von Europa entfernt, inmitten einer ungeheueren Welt übermenschlicher, meerwälzender Gesetze, zwischen denen die hirnentstammte Moral hohnvoll zermalmt und vernichtet zu werden schien, neben denen es, -- nun ja, -- lächerlich, unnütz erschien, sich aufstraffen, als mehr bestehen zu wollen, denn als Wassertropfen im Wüstenstaube, -- dieser Mann, Kapitän Cook, der Erforscher von Neufundland und der Besieger der Franzosen am Amazonenstrom, er _war_ es imstande, _hier_ England darzustellen und aufzutrumpfen, nicht mit der Faust auf dem Tisch, nein, gelassen, stahlnervig, mit einem verächtlichen Zug zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln, der Kälte mit etwas begegnend, das mehr als Kälte war, mit schneidender Sachlichkeit, mit einem Körper, der es längst gewohnt war, in seinen natürlichen Äußerungen nicht bemerkt zu werden, der sich ganz und gar auf seine Pflicht zu beschränken hatte, dem Geist ein geschmeidiges Werkzeug zu sein, einem Geist übrigens, der sich seiner selbst kaum bewußt und mit diesem seinem soldatisch straffen und spannkräftigen Körper zu einer kostbaren Einheit verschmolzen war, eins wertlos ohne das andere, wie Roß und Reiter. Wer unmittelbar unter seiner Befehlsgewalt stand, war nur ein Glied von ihm, konnte sich seinem Willen nicht entziehen, arbeitete, vielleicht mit meuterndem Unterbewußtsein, aber _arbeitete_, rastlos, pünktlich, mit verbissener Genauigkeit, ob auch die Haut der Handflächen am Tauwerk hängen blieb oder das Gesicht nur noch eine starre, gefühllose Maske schien. Wer nicht von ihm abhing, wie Patton, der Wundarzt, Wales, der Astronom, oder Sparrmann, der Schwede, nun, der fühlte wenigstens etwas wie einen unwiderstehlichen Zwang zur Selbstzucht von ihm ausgehen und wahrte den Anschein männlichen Gleichmuts, blieb gesellig, heiter, in irgendeiner Weise tätig, sei es auch nur beim schweigsamen Pikettspiel oder in endlosen Diskussionen über die Artung des Sonnenballs etwa, ein Thema, das Sparrmann durch die abenteuerlichsten Hypothesen schmackhaft für die Streitsucht des Pedanten Wales zu erhalten wußte. Selbst Hodges, der Maler, der den ganzen Tag zitterte wie ein geschorenes Lamm, er hielt sich aufrecht und zeichnete mit klammen Fingern Skizzen, wobei er Antarktis zu einem zweiten Arkadien umschuf, in dem freundlich hüpfende Pinguine eine Schäferrolle spielten. Einzig Herr Forster, -- George erlebte es täglich neu mit einem nagenden Gefühl der Beschämung, -- einzig der Vater entzog sich diesem Einfluß, ja, er schien ihn nicht einmal zu empfinden, so daß von einem bewußten Entziehen nicht die Rede sein konnte. Unbefangen sprach er die Erwartung aus, man werde ihm die Mahlzeiten in seiner Kajüte anrichten, falls »die Witterung einmal das Aufstehn unmöglich mache«, und da Cook hierfür nur ein eisiges »^No, Sir!^« gehabt hatte und durchaus keine Aufmerksamkeit für Forsters schmollende Unterlippe oder die über den Tisch erfolgende vernehmliche Befragung Mr. Pattons nach den Anzeichen des Skorbuts, -- denn er, Forster, war drauf und dran, den Skorbut zu bekommen bei dieser Lebensweise, hatte ihn schon im Blut vermutlich, war doch selbst Mediziner genug, um zu sehen ... Bedurfte also der Schonung, der besonderen Ernährung, he, nicht wahr? »Sehen Sie nur, Doktor!« und vorgebeugt entblößte er, bedenklich abwärts gerollten Auges, sein tadelloses bläulich-rotes Zahnfleisch, mit dem Zeigefinger vorsichtig einen stattlichen Eckzahn berührend, der augenscheinlich ein wenig wackelte, -- worauf Kapitän Cook unbeweglichen Gesichtes die Tafel aufhob, -- da also in keiner Weise Rücksicht auf seine Wünsche genommen wurde, so erschien Forster von da an, solange das Schiff zwischen Eisschollen abenteuerte, zwar regelmäßig, aber wie die Verkörperung verletzter Würde bei Tisch, von höflicher Milde zwar, aber -- ein Dulder, ein Dulder! George kam und verschwand in seinem Gefolge wie ein trauriger Schatten, einer Hörigkeit jetzt wieder ganz und gar schmerzlich bewußt, die es ihm verbot, blank, straff, dem Kapitän ebenbürtig zu sein, und dabei nicht minder von der noch tiefer beschämenden, nur halb eingestandenen Erkenntnis durchdrungen, daß sein Körper, -- ach, es war doch immer noch ein armseliger, widerstandsunfähiger Körper, die Frische der ersten Reisemonate war erstaunlich schnell aufgebraucht worden, -- daß sein Körper dankbar war, sich _nicht_ stramm halten zu müssen, und daß er es nicht unbehaglich empfand, die Tage wie ein Höhlentier, hindämmernd, lesend oder schlafend zu verbringen, solange der Himmel so erbarmungslos war. Zudem nagte an ihm wirklich der Skorbut, wie an einem Teil der Mannschaft, -- seine Beine waren angeschwollen, er war beständig von einer niederziehenden Schläfrigkeit befangen und sah aus trüben, dunkel umrandeten Augen um sich. »Lady George?« Nein, es wurde nicht mehr gesagt, -- es wurde nicht mehr mit ihm gescherzt, er war jetzt einer unter ihnen wie sie alle, kaum, daß der Kapitän je einen besonderen Gruß für ihn hatte. Nichts war natürlicher bei der allgemeinen geistigen Erschöpfung. Ihm jedoch schien es, als sei er wohlverdienter Nichtbeachtung anheimgefallen, -- jawohl, sie hatten nun eingesehen, daß er nicht der heitere Sonnenknabe war, für den sie ihn gehalten, daß er, -- nun eben, langweilig und staubig und ein wenig nichtswürdig sei. Nichtswürdig, gewiß, -- aber auch traurig, sehr traurig! --
Als sie sich alle mehr oder weniger mit diesem trostlosen Zustand abgefunden hatten, als sie gerade im Begriff waren, sich einem Dasein schneeblinder Gedankenlosigkeit anzupassen, als ihnen, wie Patton behauptete, eine undurchlässige Fettschicht gewachsen war und sie Tran abzusondern begannen, -- als sie gleichgültig gegen die Kälte wurden und den Schmutz nicht mehr empfanden, -- gut, -- als sie anfingen sich wohl zu fühlen, nichts mehr dagegen hatten, mochten sie denn am Skorbut verrecken, warum auch nicht, -- und in der Tat, unten im Mannschaftslogis lagen bereits zwei arme Kerle und verfaulten bei lebendigem Leibe, -- da plötzlich, -- in diesem Augenblick dumpfer Ergebung erlebten sie es, daß Gott gnädig war, -- ja, Gott war gnädig, oder war es eigentlich Kapitän Cook? Er rief sie zusammen, und nach einer stundenlangen angespannten Beratung, in der jedes Für und Wider der Möglichkeit, Land zu entdecken, peinlich erörtert wurde, -- Erörterungen, bei denen Cook sich allerdings von einer ganz überheblichen Versessenheit auf die Richtigkeit seiner Privatmutmaßungen erwies, -- beschloß man mit freudiger Einhelligkeit, für dieses Mal von der Sache abzulassen und den Kurs nordöstlich zu nehmen! Und das Meer öffnete sich, die Eisinseln blieben dahinten und die Pinguine verschwanden böse kroaxend im Nebel ... wozu aber von den einzelnen Graden der Entzückung reden? Genüge es doch: man _war_ entzückt, man lebte auf, man schmolz dahin. Am 17. März hörte George einen jungen, irischen Matrosen bei der Arbeit singen, -- er verstand kein Wort, aber er fühlte etwas seine Kehle beengen und ließ zwei Tränen über Bord fallen, von denen er meinte, sie müßten heiß genug gewesen sein, um die letzten schmutzigen Schollen zum Vergehen zu bringen. Ward auch die Hoffnung auf eine Landung in Vandiemensland durch widrige Winde zunichte gemacht, -- an einem Morgen brach der Horizont doch auseinander und »Land! Land!« hieß es, -- ja, »Land! Land!« wie in alten Seefahrergeschichten, und es fiel nicht auf, daß Herr Forster Mr. Hodges in die Arme schloß, denn sie waren alle sehr glücklich.
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Die Männer, die da am 26. März 1773 vor Neuseeland Anker warfen, sie kamen aus Europa, -- dem gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts, -- verstehen wir es ganz, -- aus einem gemäßigten Klima, nicht nur im geographischen Sinn. Sie waren über das erste dumpfe, jubelnde Erstaunen des entdeckenden Menschen hinaus, hatten gelernt, Eindrücke zu beherrschen, einzuordnen, waren kaltblütig, gelassen, Diener einer jungfräulichen Wissenschaft, die imstande schien, mit lichtem Speer alle Nebel blöder Ignoranz und schnöden Aberglaubens zu zerteilen, einer Göttin überdies, in deren Umgang man vor Rückfällen ins Barbarentum gefeit war. Trockene, durchsichtige Helle, Kühle und Klarheit des vollendeten Frühlings, ein frostiger, nordischer Maitag von kristallener Bläue und unsagbarer, schneeiger Keuschheit des Blühens, -- dies war die Atmosphäre ihrer Geister, der ein gewisses, ungewolltes ^Nil admirari^ entsprach. Nein, sie waren nicht gewärtig erstaunlicher Dinge, was immer sich ihren Augen auch bieten sollte. Sie würden diese neue Welt und ihr ganzes strotzendes, verwirrendes Leben mit ungetrübten Blicken aufnehmen und einordnen, in Systeme einfügen oder für Unvorhergesehenes neue Systeme schaffen. Gerüstet, alles mit dem Verstande, diesem blanken, geschmeidigen Instrument, zu bewältigen, gab es im Grunde nichts Unvorhergesehenes für sie. Dennoch wurden sie überwältigt, -- dennoch, -- ja, wer hätte es vermutet?