Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 11
Es war natürlich kein Zweifel, daß jeder dieser hundertundzwölf Männer, aufwärts vom kleinsten Schiffsjungen bis zum Haupte des Ganzen, Kapitän Cook, -- oder war es Herr Forster? -- das Schiff als _sein_ Schiff betrachtete, als die Planke, die ausgerechnet _ihn_ vom Tode trennte, als den Vorrat, der _ihn_ vor dem Verhungern bewahrte, und nicht zuletzt galt jedem einzelnen die ganze übrige Besatzung als zwar einzig um seinetwillen vorhanden, aber auch als der unberechenbarste, am gefährlichsten zu behandelnde Teil seiner Reiseausrüstung, dessen man sich mit äußerster Vorsicht zu bedienen hatte. Wohl, man war aufeinander angewiesen, der Kapitän war nichts ohne die Mannschaft und die Mannschaft eine Enthauptete ohne ihn, der einzelne Mann brauchte die Kameraden wie die Finger einer Hand einander brauchen, und wären die Herren Gelehrten nicht an Bord gewesen, welchen Zweck hätte alsdann der ganze Aufwand von harter Arbeit und den Bergen von Guineen gehabt, die Billy, der Koch, sich und den übrigen Burschen als das Ergebnis mühsamer Berechnungen auszumalen liebte? Jedoch war nicht zugleich einer des andern bitterster Feind, -- oh, nicht ausgesprochen, aber lag nicht solche Feindschaft in ihnen allen schon in der Knospe, bereit, geil auszuschlagen, sobald die Verhältnisse ihr günstig sein würden? Konnte man einander lieben, wenn man nicht Wochen, nicht Monate, nein, Jahre denselben engen Raum miteinander bewohnen sollte, ohne eine Möglichkeit, sich aus dem Wege zu gehen? So etwas in Betracht ziehen hätte geheißen den Teufel an die Wand zu malen, und Kapitän Cook hätte die Möglichkeit solcher Menschlichkeiten auf einem seiner Schiffe nie zugegeben, schon weil er selbst innerlich so durchsichtig und reinlich arbeitete und so sachlich war wie nur einer von Mr. Wales', des Astronomen, vortrefflichen Chronometern; weil er außerdem vollständig davon überzeugt war, -- und mit einigem Recht überzeugt, -- die wichtigste und unantastbarste Person der Unternehmung zu sein und seine Macht mit einer Selbstverständlichkeit handhabte, die die Atmosphäre gesund erhielt und wohltuend wirkte, -- es sei denn auf Individuen, die die Ausdehnung dieser Machtbefugnis anzweifelten. Das fiel nun keinem ernstlich ein, außer Herrn Forster, dem leider eine Verwechslung Kapitän Cooks mit jenen wackeren Männern und Seebären unterlief, mit denen er bisher seine Erfahrungen gemacht hatte, dem Schipper Mandeweit ergötzlichen Andenkens und dem eskimopelzigen Väterchen mit den blanken Tranaugen, das sie sicher an Kattegatt und Skagerrak vorbei geleitet hatte. Herr Forster hatte, -- bedauerlicherweise! -- von jeher Kapitän Cooks Erfolge, auf die ganz England stolz war, nicht ernst genommen und war mit der bewußten Absicht an Bord gegangen, »dem Burschen« für diesmal seine Anmaßung zu legen und es nicht zuzulassen, daß er ehrwürdige Gelehrte wieder um ihren verdienten Ruhm brächte. Er war also mit dem ihm nötig erscheinenden Nachdruck aufgetreten, und noch ehe man das Kap erreichte, hatte er es fertiggebracht, daß die Beobachtung des Verhältnisses zwischen ihm und dem Kapitän den anderen Herren ein Anlaß heiterer Spannung bildete, während George qualvoll darunter litt.
Bis zum Kap war die Reise einigermaßen abwechslungsreich gewesen, -- man hatte Madeira und die Kapverdischen Inseln angelaufen und erfreute sich überhaupt mit noch frischer Empfänglichkeit aller Eindrücke und des köstlichen Müßiggangs dieser beiden ersten träumerischen Monate, als man unter günstigem Wind an Afrika entlang segelte und nichts zu tun hatte, als die Seele der Verwunderung über die Grenzenlosigkeit der Erde zu überlassen, ähnlich wie damals, als man in der Kibitka durch das heilige Rußland schaukelte, das auch kein Ende nehmen wollte. Im Tagebuch wurde allerlei Ergötzliches vermerkt, Delphine und fliegende Fische, Wale, die auf der scharfen Linie des abendlichen Horizontes ihre Fontänen gegen den goldenen Himmel springen ließen, die großen Glocken der Quallen, durchsichtig wallend und in den zartesten Farben wechselnd, wie sie das Schiff tagsüber umgaben, und nachts die Wandlung des Meeres in eine geheimnisvoll bewegte bläuliche Glut, von langen weißen Blitzen durchwandert und funkensprühend, welches Phänomen Herr Forster aufgeregt prüfte und über seine Ursache mit Mr. Wales in einen Streit geriet. Als jedoch das Kap hinter ihnen lag und mit ihm für Jahre die letzte Berührung mit Europäertum, als von all den gefühlvollen Abschiedsfeiern und aufregenden Exkursionen ins Innere des Landes nichts geblieben war als eine greifbare Erinnerung in Gestalt des Doktor Sparrmann, eines dicken kleinen Schweden, der mit einer Hornbrille, einem Schmetterlingsnetz und einer Botanisiertrommel im letzten Augenblick an Bord gekommen war, -- »um einen kleinen Luftwechsel zu haben«, wie er sagte, -- als es südwärts ging und immer noch südwärts, und dennoch mit jedem Abend der Wind eisiger blies und die Wellen verlassener brüllten, -- da begann das Gefühl des Abenteuers, des Losgelöstseins von aller Verantwortlichkeit, -- da begann die _Gefahr_. Nicht die Gefahr allein, die hinter den Eisbergen lauerte, die ihnen nun Tag und Nacht begegneten, gespenstisch aus dem Dunst hervorwachsend und mit bösen kaltem Drohen vorübergleitend, nicht die Gefahr jener wölfischen Krankheit, gegen deren Überfall Kapitän Cook nicht genug Vorkehrungen treffen zu können meinte, zum Verdruß Herrn Forsters, denn diese Maßnahmen bestanden zum Teil in einem immer wiederholten Lüften der Schiffsräume und im täglichen Säubern des Fußbodens mit Strömen von Wasser, somit gab es fortwährend Zug und Glatteis, -- nein, nicht solche Gefahren allein. Es gab nun auf einmal kein England mehr, keine Heimat, keinen König, kein Gesetz. Hier regierten Winter und Meer, Gewalten, denen nicht zu gehorchen war, sondern denen man sich mit zusammengebissenen Zähnen entgegenwarf, sie waren unerträglich, äußerst widermenschlich. Hier herrschte also der Kampf, der Krieg, die beständige Schlacht: fortwährende Todesgewißheit und darum das Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen um jeden Preis. Daneben sank jedes Gefühl, das bisher in Fleisch und Blut übergegangen schien, in nichts zusammen, erwies sich als gedankenhaft blaß, ja als ein schlechter Scherz, wenn man es dem Hunger entgegenstellte. Oder war dies die große Prüfung, in der jeder zu beweisen hatte, inwieweit er gefeit war, war dies eine Zumutung des Schicksals, war dies etwa eine Gelegenheit, sich zum Geist zu bekennen? -- -- --
»Petersburg!« dachte George, wenn ihm des Morgens die Kälte ins Antlitz fletschte, und er lächelte innerlich verächtlich. Er kannte sie jetzt, diese Anläufe des Satans, und er war ihnen gewachsen. Ob sie ihm unangenehm war, die Kälte, ob sie ihn in Nase und Ohren biß, seinen Hauch gefrieren machte, noch ehe er die Brust verlassen hatte, ob sie ihm Finger und Zehen fast zerbrach? Allerdings war sie ihm unangenehm, allerdings, allerdings! Aber wer merkte es ihm an? War denn den Matrosen etwas anzumerken, fror ihnen nicht die Haut ihrer Hände an den eisigen Trossen und Tauen fest und lachten sie nicht trotzdem bei ihrer Arbeit? War den Offizieren etwas anzumerken, dem kleinen Leutnant Bligh etwa, der seinen Dienst bei Tag und Nacht versah und nichts danach fragte, ob Eisnadeln in der Luft waren oder ob das Schiff durch die Finsternis sauste wie in einen gähnenden heulenden Schlund gezogen? Und endlich, -- der Kapitän! Sich vor dem Kapitän schwach zu zeigen, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Cook widerstand dem Winter mit seinen eigenen Waffen, der ganze Mann schien eisig und kristallen, seine Art und Weise hatte etwas an sich, das durch Mark und Bein drang wie der Frost und darum sehr einprägsam, ganz unwiderstehlich war. Er war gleichmäßig, er war unerschütterlich, er hatte den Tag in der Gewalt, und es geschah nichts, was er nicht bis ins Kleinste vorausbestimmt hatte. Die Luftströmungen strichen durch ihn hindurch und seine Nerven bewegten sich noch ehe sie davon erreicht waren: er ahnte Temperaturstürze voraus, er ließ Pelzwerk austeilen und bestellte schon am Morgen den steifen Grog, den es am Abend zu geben hatte, so daß die Mannschaft mehr den Eindruck einer Extraration als einer Vorbeugungsmaßregel hatte. ^Well, Jimmy was a smart fellow^, jedoch blieb er unter allen Umständen ganz ausgesprochen und unantastbar der Herr, eisblaue Augen unter den blonden Brauen in dem rötlichen festen Gesicht und den Mund zu einer schönen schmalen Linie geschlossen. Er gab sehr knappe Befehle zum Besten der Besatzung und des Schiffes aus, indessen war das ganze Schiff so sauber und behaglich, war die Küche so abwechslungsreich und vorzüglich, als leite eine Mutter diese Angelegenheiten. Er selbst jedoch schlief in einer Hängematte wie der letzte Mann, und seine Kabine ward kaum je durchwärmt, er brüllte nicht nach Federbetten und Kohlenbecken wie gewisse andere Leute, o nein, aber er hatte auch keine große Achtung vor jenen andern Leuten, das war klar. Schon darum war es ausgeschlossen, zu jenen andern Leuten zu gehören, und daß er in einem so nahen verwandtschaftlichen und abhängigen Verhältnis zu ihnen stand, das war George oft außerordentlich schmerzlich und beschämend. Indessen konnte er es sich erleichtert eingestehen, daß niemand ihn für das paschahafte Auftreten seines Erzeugers verantwortlich machte, und wenn sie ihn »Lady George« nannten, so entbehrte das völlig eines höhnischen Beiklanges, und er wußte im Stillen ganz gut, wußte es mit einem heimlichen verschmitzten Lächeln, daß er sich gern so nennen hörte, um der Schonung und leisen Zärtlichkeit willen, die in dieser Bezeichnung lagen. Die ersten Reisemonate hatten ihm merkwürdig wohlgetan, die paradiesische Zeit der Wolgareise schien morgenrötlich verjüngt zurückgekehrt zu sein, und nach den staubigen Jahren der Sklaverei und des Krummsitzens dehnte und breitete sein Körper sich nun unter dem weiten Himmel und dem beständigen Durchströmen der reinen feuchten Luft wie eine verkümmerte Pflanze, die endlich in bekömmliches Erdreich gesetzt ist. Die gute Ernährung und das Aufhören jeglichen Zwanges zur Tätigkeit taten das ihre dazu und das Wunder begab sich: George ward jung. Ja, der Äquator lag schon hinter ihnen, es war etwa auf der Höhe von St. Helena, als ihnen auf einmal die Augen darüber aufgingen, daß sie einen Knaben an Bord hatten, einen schlanken, hübschen Jungen voller Diensteifer und einer gewissen feurigen Bescheidenheit, besonders dem Kapitän gegenüber, -- mit einem Ausdruck schalkhaften Glücks in den guten, grauen Augen, wie ihn Gesundheit und heiter spielende Laune verleihen, und diese Entdeckung war um so überraschender für sie, als die meisten von ihnen sich nur an ein grises und mageres Männchen erinnerten, das in Plymouth mit Sr. Majestät Herrn Forster an Bord gekommen war, einen stubenfarbigen Jüngling von gedrücktem Aussehen und greisenhaftem Benehmen, mit dem der junge Forster jetzt nur die Blatternarben gemeinsam hatte, die ihm freilich geblieben waren. Möglich, daß der Kapitän die Veränderung beobachtet hatte, denn er hatte George von Anfang an bei Tisch neben sich gehabt und in einer sehr wortkargen aber zwingenden Manier für die Auffütterung des jungen Menschen Sorge getragen. Nun, da die anderen hinter den Erfolg dieser Bemühungen gekommen waren, als George vergnügt, plauderhaft und ausgelassen wurde, kurz, eine vom Himmel gefallene Unterhaltung für die ganze Messe, da schmunzelte dieser Kapitän und bekannte sein Wohlwollen ganz unumwunden. »^Where is my lady?^« pflegte er zu fragen, wenn er die Kajüte betrat, wo man sich zum Essen versammelte, und dann bot er George den Arm und führte ihn an seinen Platz, welches scherzhafte Auftreten ihm ein wenig fremdartig zu Gesicht stand, -- ungewohnt, -- aber immerhin, es stand ihm zu Gesicht.