Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 10
Da war er nun erhört, auf eine recht greifbare Art erhört, dermaßen erhört, daß ihm der Segen den Schädel fast einschlug, und er sich zunächst gar nicht zu sammeln vermochte. Er dachte seltsamerweise zunächst an einen silbernen Fingerhut, den die Schwester Friederike sich wünschte, und daß er ihn nun kaufen und ihr mitbringen könne, dachte an ein kleines ausgezeichnetes Federmesser für sich selbst, dessen er entschieden bedurfte, und dazwischen natürlich immer wieder an die Bezahlung jener Schulden, aber gar nicht so, als habe der Himmel ihm dies Goldstück nur eigens zur Errettung aus dieser Not und in Beantwortung seines Hilfegeschreis in den Schoß geworfen. Er empfand dunkel ein Mißverhältnis zwischen dem Rausch gelösten Gefühls von vorhin und dieser glatten Erledigung aller Schwierigkeiten, ja, er war beinahe geneigt, diesen Fund für einen glücklichen Zufall und nichts anderes zu halten, denn er hatte seine Erhörung dahin, sie hatte einzig in der wundervollen Erleichterung seines Herzens nach dem Gebet gelegen. Wenn er nun betroffen innerlich Dank stammelte, so geschah es keineswegs mit dem Jubel des von Gott mit Gnade Überschütteten, sondern pflichtschuldigst. Ein leiser Widerschein der ersten Seligkeit kehrte zurück, als er Friederiken sein Geschenk überreichte und das Aufleuchten ihrer Augen sah; übrigens geschah dies heimlich vor den anderen und selbst vor der Mutter. Er vertraute der Schwester sein ganzes Erlebnis an, sah auf ihrem beglückten kleinen Gesicht alle Schattierungen des Mitleids und des Staunens wechseln, wurde von ihr gestreichelt und sogar ganz schüchtern geküßt und empfand männliche Rührung, teils über sich selbst, teils über den Eindruck, den er hervorrief. Mit diesem Tage war in seiner Brust etwas gelockert, er gab sich von nun an gern solchen Rührungen hin und suchte sie sogar auf, er betete, rein um des Betens willen, und war oft recht untröstlich unglücklich, ohne zu wissen warum. Viel Zeit zu solchen Ergriffenheiten hatte er nicht, so vertrieb er sich des Abends im Bett die Zeit mit ihnen, wie einst mit den grausigen Spielereien, die das Labyrinth betrafen, an die er jetzt gewissermaßen anknüpfte, indem er sich _Gott_ in den Mittelpunkt der Irrgänge gebannt vorstellte und _seine_ Stimme dort hörte, nicht schaurig rollend, wie die des Minotauros, sondern stark, schwingend und summend, in einer Harmonie, deren Süße ihm den Brustkasten vibrieren ließ. Sich zu ihm _hinzubeten_, das war's, was es jetzt galt, und er betete zielvoll, inbrünstig, bis zum körperlichen Taumel, bis zur Betäubung. Friederike ward mit in diese Ekstasen hineingerissen, nur, daß es ihr oft schwer fiel, zu warten, bis das gesunde laute Atmen von Sophie und dem Bruder Karl verriet, daß diese beiden, einer Teilnahme an dem Geheimnis nicht Gewürdigten, eingeschlafen waren: sie ward müde, die kleine Friederike, und gab keine Antwort mehr, wenn er endlich flüstern konnte: »Wachst du, Riekchen?« --
Beim Vater fand er keinerlei Nahrung für solche Übungen, Herr Forster hatte sich nun vollends gehäutet und wies nirgends mehr ein Kennzeichen des preußischen Predigers auf, wenn er sich schon stets nach dem Grundsatz richtete, daß ein Weltmann allezeit die Gefühle seiner Umgebung schonen müsse. Indessen ging ihm denn doch die Freiheit des Denkens über alles (und nebenbei war der Zwang der regelmäßigen Lehrstunden im College wahrhaftig recht lästig!), und so hatte er sich bald mit dem Rektor Sullenham und dem Reverend Holliday, seinen unmittelbaren Vorgesetzten, gründlich überworfen, -- Fragen des naturwissenschaftlichen Unterrichts gaben den Anlaß, welche die Herren in den wolligen Perücken auf biblischer Grundlage, Herr Forster indes im Sinne der Aufklärung behandelt haben wollte. Er zog sich aus dem College zurück, blieb jedoch trotzig in Warrington und begann eine freie Lehrtätigkeit, deren Aufblühen ihn hauptsächlich im Hinblick auf die Bekniffenheit des ehrwürdigen Holliday zu freuen schien, dessen Privatstunden nicht eben überlaufen waren. Daneben entfaltete er einen in der Tat unermüdlichen Eifer im Übersetzen von Reisebeschreibungen, und nacheinander schleppte er George mit sich nach Indien, an den Mississippi und nach Cumana in Südamerika, wobei der Knabe, hineingerissen in das rastlos arbeitende Räderwerk dieser brutalen geistigen Maschinerie, die keine Erschlaffung kannte und auch bei andern nicht anerkannte, Handlangerdienste zu leisten hatte und diesem unerschrockenen Reisenden auf den Spuren von Kalm, Osbeck, Bossi und Löffling atemlos im Urwald der Vokabeln Bahn hieb. Es war wahr, der Vater war wieder von der stürmischen Tatkraft vergangener Jahre beseelt, und die Zeit der Gebrochenheit schien George ein peinlicher Traum zu sein, so völlig stand er von neuem unter dem Eindruck der Berechtigung der ungleichmäßigen, aber immer heftigen Lebensäußerungen seines Erzeugers, und war eins in dem Eifer stummer Botmäßigkeit mit der Mutter und den Geschwistern. Hingen sie nicht von ihm ab, säugte er sie nicht an seinem Busen wie der Riese im Märchen? Saßen sie nicht auf der Straße ohne ihn? »Nun -- nicht wahr?« -- majestätisches Augenrollen um den Tisch herum. Hinzufügung: »Auf der Straße hier im wildfremden Lande!« Also! Und somit gerechtfertigte Besitzergreifung der beiden letzten Hammelrippchen auf der Schüssel -- »Du warst doch satt?« -- zur Mutter gewandt. Aber wie sollte sie anders! Übrigens gab es zwei Persönlichkeiten im Hause, die bei solchen Gelegenheiten mürrisch wurden und ihre Verstimmung unverhohlen zur Schau trugen, die Schwester Sophie nämlich und den Bruder Karl, -- ja, es war erstaunlich und unerhört, aber diese beiden widerstanden ihm mit Worten und Werken, und sonderbarerweise ernteten sie nicht nur weniger Kopfnüsse als die andern Kinder, sondern wurden gewissermaßen als ernst zu nehmende Gegner angesehen, über die er sich zuweilen heimlich bei Frau Justine beklagte. Fieken, ja, das war ein ganz gefährliches Kind, egoistisch und obstinat nannte er sie, und der kleine Karl war gefräßig und futterneidisch, war so etwas wohl erhört!? Hier habe die Edukation einzugreifen, sagte er vorwurfsvoll, und zog sich zurück, nachdem seine Frau demütig und erschrocken alles versprochen hatte. Nun hatte sie wieder ein paar Tage damit zu tun, daß sie die Kinder innerlich vor ihm verteidigte, mit der Frage: Woher hatten sie's denn, dies Wesen, -- etwa von ihr? Und welches andere von den Kindern war ihm so ähnlich wie Fieken, -- sah er das nicht selbst, und konnte er sich in dem kleinen Karl nicht spiegeln? Doch hielt sie solche Gedanken für schwere Anfechtungen und fast schon für Übertretungen des sechsten Gebotes. Zu ihm aufsehend vergaß sie Heimweh, Unzufriedenheit und Ermüdung; er war der Herr und sie sehr schwach und unwürdig. Bitterkeit war Sünde, -- mein Gott, daß sie auch immer wieder da hinein verfiel! Und sie beugte sich über ihre Arbeit, sie schaffte von früh bis tief in die Nacht, die Kleinsten wärmten ihr Herz, Fieken unterstützte sie auf rauhe aber tatkräftige Weise, mit George aber und Riekchen lächelte sie manchmal mitten unter Tags, als tauschten sie ein heimliches Zeichen. --
Sie fanden alle, daß es so hätte weiter gehen können, -- wer das nicht fand, war Herr Forster. »Aber, meine Teure,« sagte er, »hattest du wirklich angenommen? Du bist überrascht? Nun, in der Tat ...« Er blickte wieder in den Brief, den ihm die Post gebracht hatte, lächelte abwesend und streichelte sein Kinn. Endlich nun, nach zwei Jahren, hielt Dalrymple Wort, er machte ihm den Vorschlag, ihn nach Ostindien zu begleiten, -- »Ostindien, George!« -- auf eine Insel, ein Inselchen im heißen blauen Meer, Balangbangan hieß es, wo die Ostindische Companie, dies unvergleichliche Institut, unter seiner, Dalrymples Leitung eine Niederlassung gründen wollte. Ohne erst Zeit mit dem Einziehen von Erkundigungen zu verlieren, brach Herr Forster seine Zelte ab, das heißt, er selbst eilte seiner Familie voran nach London und überließ es seiner Frau, den Umzug zu leiten, eine unendlich mühselige Unternehmung. George war von neuem von dem seltsamen Fieber ergriffen, das ihn damals in des Vaters erster Projektenzeit beherrscht hatte, zerrissen zwischen der Teilnahme für die Mutter und einer prickelnden Neugier auf das Kommende, der Spannung, Dalrymple wiederzusehen, und dem erlösenden Gefühl, daß eine Veränderung der Arbeits- und Lebensweise bevorstehe, wie er sie, halb unbewußt, ersehnt hatte. Als es sich nun herausstellte, daß dieses hastige Abbrechen gesicherter Beziehungen und der Familienaufbruch nach London ergebnislos gewesen waren wie ein Schlag ins Wasser, als es klar zu Tage trat, daß Herr Forster wieder einmal Anfragen für Versprechungen genommen hatte, daß er gewissen Ansprüchen nicht zu genügen schien, -- hier war Intrigue am Werk gewesen, man hatte ihn verleumdet, ihm einen windigen Charlatan vorgezogen! -- als die Familie gerade in der Stunde mit der hochbepackten Mail-coach durch das New Gate einfuhr, als Mr. Dalrymple in See stach und Herr Forster sozusagen ohnmächtig auf dem Themsekai tobte, -- da machte sich die Wucht wiederholter Erfahrung doch im Gemüte des Knaben geltend. Dunkel empfand er Glücksjägertum und den Mangel an Würde, den es voraussetzte; eine dumpfe Beschämung belastete ihn im Hinblick auf Dalrymple, von dem er sich ganz persönlich verachtet und verworfen vorkam. Der Vater mietete nun eine kleine Mansardenwohnung in Warwick Lane und eine Zeit verzweifelter Bemühung um das tägliche Leben begann, um so bitterer empfunden, als da hinten in der lichten Frühsommerlandschaft Warrington mit seinem Häuschen und dem geliebten kleinen Stachelbeergarten lag, wie ein Paradies, dessen Pforten man mit frevelhaftem Leichtsinn hinter sich zugeschlagen hatte. Daß die Mutter und die älteren Schwestern für Geld Stickereien anfertigten, war quälend genug mitanzusehen, nun aber geriet der Vater auf den Gedanken, daß er, George, für seine Jahre mehr leisten könne, als er es am Schreibtisch zu tun vermöchte, daß, -- er sagte es sonderbar unumwunden, -- seine Kraft besser ausgemünzt werden müsse, er kam auf den furchtbaren Gedanken und führte ihn ohne Zögern aus, George bei einem Kaufmann in die Lehre zu geben, einem Mann, namens Hitch, der mit Tuchen handelte und sein äußerst respektables Geschäft in der innersten City nicht weit vom Temple hatte. Daß dies hieß, einem Zahnlosen Nüsse zu knacken zu geben, oder von einem Fisch zu verlangen, auf dem Trockenen zu leben, kam Herrn Forster nicht in den Sinn, als er eines Morgens den blassen Jungen mit der ihm eigenen Wichtigkeit seinem Chef vorstellte. Er hatte sich nicht darin verrechnet, daß George sein Bestes tun würde, -- oh, gewiß, er tat seine Pflicht, und, das grüne Tuch über dem Arm, lief er stundenlang kreuz und quer durch die tosende Stadt, eine arme kleine Ameise unter Millionen anderen, immer in der Gefahr, zerdrückt oder zertreten zu werden, sich in dem ungeheuren Gewirr der sich teuflisch gleichenden Gäßchen verirrend, sich abängstigend und der blutlosen Strenge seines graugekleideten Herrn gewärtig, wenn er zu spät kam, -- einen beständigen Jammer dabei in der Brust, eine Sehnsucht nach einem stillen Eckchen, nach seinem Tischchen in Warrington mit den Büchern und dem allerliebst geordneten Schreibgerät, -- Erinnerungen nachhängend, soweit sein erschöpftes Gehirn sie hervorbringen wollte, von der Wolga träumend und eingedenk des Janusch, -- später über Rechnungsabschlüssen, die er ausführen sollte, völlig versagend und mit puritanischer Ironie von Mr. Hitch Esqu. vernichtet, -- so brachte George die Tage dieses unglücklichen halben Jahres hin, während der Bruder Karl daheim an seiner Stelle Wörterbücher wälzte und den Vater unterstützte, wobei es allerdings weniger still und feierlich zuging, als früher, denn Karl quittierte recht hörbar mit Brummen und Schreien über Tadel und Züchtigung, und zudem war in der Bücherei und unter den Manuskripten bald eine Unordnung eingerissen, die George ins Herz schnitt, wenn er abends müde und stumpf nach Hause kam. Um Weihnachten herum, nachdem er sich in dem fürchterlichen gelben Nebel draußen, den man fast kauen konnte und der seinen Lungen widerstand, als sollten sie Wasser einatmen, nachdem er sich also einen Husten geholt hatte, in Wahrheit einen ^bad cough^, den Mr. Hitch schon allein des unmusikalischen Geräusches wegen mißbilligte, nahm ihn der Vater mit einem stoßweisen Entschluß aus dem Geschäft heraus, aus Gesundheitsrücksichten angeblich, im Grunde jedoch, weil er die Plage mit Karl satt hatte, der nun seinerseits in ein Kontor wanderte, wo er sich trotz seiner Jugend als bedeutend brauchbarer erwies als am Schreibtisch und als viel anstelliger als George. Dieser, an sein Tischchen zurückgekehrt, erschien dem König Minos zunächst als gänzlich verwahrlost, als völlig verblödet, so viel schien er verlernt zu haben; er wurde angeschrien und das Pfeifenrohr fuchtelte ihm um den Kopf, ohne daß es mehr bewirkte, als daß er sich duckte und auch dies für Gewinn hielt. Endlich ward unter Gemurr die Erlaubnis erteilt, daß Frau Justine ihn für einige Tage pflegte, sie bettete ihn in ein Bett allein, -- sonst teilte er das Lager mit Karl, -- und erreichte es, daß er nach einer Woche Essens und Schlafens wieder lächelte und sprach, denn dies beides schien ihm verlorengegangen zu sein, und eine Gewohnheit tief und stöhnend aufzuseufzen, blieb ihm aus dieser Zeit körperlicher Frone zurück. Endlich wieder imstande, der alten Beschäftigung nachzugehen, erfüllte er seine Aufgabe zwar artig, sanft, liebenswürdig und außerordentlich akkurat und korrekt bis ins kleinste, aber doch etwa so, wie ein blindes Göpelpferd im Kreise geht. Zuweilen dachte er an seine erste Kindheit und verglich: es war alles wie einst, nur daß sie enger und ärmlicher wohnten, daß draußen die gewaltige Stadt toste und daß er die Mutter nun fast überragte, wenn er neben ihr stand. Als der ^bad cough^ und die Heiserkeit im Frühjahr endlich überstanden waren, hatte er eine tiefe Stimme bekommen, er war nun in der Tat kein Kind mehr und hätte nicht mehr spielen mögen, selbst wenn er die Zeit dazu gehabt hätte; auch an jene Gebetsekstasen dachte er unbehaglich zurück, wie an etwas Unwürdiges. Er studierte, er las, -- er schrieb nach Diktat, er machte Auszüge, er übersetzte, sein Blick bekam etwas Gedecktes, als sehe er beständig gegen eine Wand, -- die Zeit ging hin, er war siebzehn Jahre alt, und: »Georgie,« sagte die Mutter eines Abends, als er sie am Arme durch Pall Mall führte und sie lächelnd von den Eigenschaften der Schlupfwespe unterhielt, ohne dem vorübergaukelnden bunten und eleganten Leben, ohne schönen Pferden oder strahlenden Frauen einen Blick zu schenken, -- »mein Georgie, -- _wann_ wirst du jung werden?«
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»Man lobt dich in der Stille, du mächtiger Herr Zebaoth«, brummte Herr Forster mit pfiffigem Gesicht vor sich hin, indem er die Treppe emporstieg, sich haltlos einer Erinnerung an seinen Predigerberuf überlassend und durchaus nichts weiter ausdrücken wollend, als dies, daß es gut sei, Projekte für sich zu behalten, bis sie reif wären, unterirdisch zu wühlen, wie der Maulwurf. Er übersah dabei, daß der Maulwurf, ohne es zu beabsichtigen, seine heimliche Tätigkeit doch nicht verbergen kann und daß eine Schwangerschaft, ob sie schon wesentlich im Dunklen sich vollzieht, sich dem Auge aufdrängt. Somit war es für George und seine Mutter längst nur noch die Frage, _was_ sich wohl vorbereite, wes Geschlechtes und Aussehens das Kind sein würde, dessen Geburt um so zweifelloser bevorstand, als Herr Forster immer schwangerer wurde, was sich in einer peinlichen Zerstreutheit und Unruhe, erhöhter Reizbarkeit und täglichen Ausgängen zeigte, von denen er äußerst nachdenklich zurückzukehren pflegte.
»Na, da staunt ihr?« sagte er herablassend, sah aber zugleich etwas verstimmt von einem zum anderen: denn die Familie zeigte sich viel weniger aus den Wolken gefallen als er es zur Belohnung für seine lange Enthaltsamkeit erwartet hatte. Frau Justine nickte ergeben, als habe sie derartiges befürchtet, -- aber, mein Gott, nun gleich die Südsee, -- wo lag sie doch nur? Und ihr Blick schweifte hilflos zu dem Globus hinüber, der auf dem Bücherbord stand. Herr Forster hielt seine Augen mit einem sonderbar strahlenden Ausdruck auf George gerichtet, der ihn freundlich und aufmerksam anblickte und sich nun auch erhob, um den Tisch herumkam, dem Vater die Hand küßte und herzlich sagte: »Welche Freude, teurer Papa!« aber mehr so, als freue er sich des Glückes eines anderen und nicht seines eigenen, -- dieses unglaublichen, dieses einzigartigen Glückes, daß er, in seinem siebzehnten Jahr und ohne weiteres Verdienst als jenes, das der Besitz eines außergewöhnlichen Vaters verlieh, mit eben diesem Vater den großen Kapitän Cook auf seiner zweiten Weltreise begleiten sollte. Dies, kein Projekt mehr, sondern handgreifliche Gewißheit, ein Ding, das sich von heut auf morgen aus der Puppe bloßer Pläne und Verträge in glanzvolle Wirklichkeit entfalten sollte, war's, was Herrn Forster berauschte und auf Flügeln trug, so daß er um zehn Jahre verjüngt einherschritt und sich den Geschäften der Vorbereitung aufs liebenswürdigste widmete, indem er anordnete, widerrief, Bücher, Instrumente, Arzneimittel und die überraschendsten Gegenstände, die er zur Reise für nötig hielt, aufhäufte, so daß es kaum noch menschenmöglich war, ein System der Ordnung hineinzubringen, -- George aber machte es möglich, -- und indem er vor allen Dingen in Begleitung von Karl in die Bazare ging und von dem Geld, das ihm bereits zur Verfügung gestellt war, in unbedenklicher Großartigkeit Einkäufe machte an Wäsche, warmen Kleidern, -- dabei hatte man noch das russische Pelzwerk, fast neu und von Frau Justine sorgfältig vor Motten geschützt; sie seufzte ein über das andere Mal --, an Glashäfen und Herbarien und an Tabak, besonders an Tabak! Daß man sich in der Umgebung des Südpols aufhalten würde, wo es, -- erstaunlich, aber nicht zu bezweifeln, -- ebenso kalt war wie am Nordpol, wenn nicht gar kälter, -- daß man in der Südsee, -- diese aber war heiß, fast kochend! -- von Insel zu Insel schlendern würde, der Menschenfresser gewärtig und ähnlicher Zufälle, -- dies bildete den Gesprächsstoff der nächsten Mahlzeiten, wozu Frau Justine ratlos und bange aussah, während George ihr aufmunternd zulächelte. Zudem ward immer wieder betont, daß es sich um jahrelange Abwesenheit handeln würde, -- jahrelang! -- und mit den Schicksalen aller möglichen Seefahrer der letzten Jahrzehnte ward die Wahrscheinlichkeit, daß man überhaupt nicht wiederkehren würde, ausführlich in Betracht gezogen, ja Herr Forster schwelgte förmlich in der Ausmalung aller Möglichkeiten eines martervollen Todes, etwa durch Verdursten in einem kleinen Boot inmitten einer unabsehbaren Wasserfläche, -- besonders qualvoll das, meine Liebe, man fühlt sich an Tantalus erinnert! Selbst ziemlich unberührt durch all diese Erwägungen, die er mit großen Augen und gerunzelter Stirn von sich gab, da sie ihm nicht mehr als eine gesunde Emotion der Phantasie bedeuteten, gelang es ihm doch, ohne es zu beabsichtigen, in George und seiner Mutter eine Stimmung von Abschied fürs Leben zu erzeugen, der sie sich am letzten Abend mit vielen Tränen überließen. Die Vorstellung, in diesem fremden Lande mit Karl als einziger männlicher Stütze zurückbleiben zu sollen, löste ähnliche Gefühle in Frau Justine aus wie die eines an morschem Seil über einem Abgrund Schwebenden, obgleich, -- papperlapapp! -- für sie und die Kinder gesorgt war, vollauf gesorgt durch einen Teil der Reiseentschädigung, die die Regierung ihr in Gestalt einer Pension auszuzahlen angewiesen war, -- also nochmals papperlapapp! Daß er nun einen Wechsel auf die Zukunft in der Tasche hatte, denn, -- gesetzt den Fall, man kehrte glücklich heim! -- er würde durch die Beschreibung der Reise, die ihm übertragen, die seine ganz besondere Aufgabe war, Ruhmes, Reichtums und der Anwartschaft auf die größten europäischen Lehrstühle gewiß sein, -- das natürlich wurde wieder einmal nicht ins Auge gefaßt. Freilich, -- denn was das Motiv von Justinens traurigen Gedankengängen bildete, was immer wiederkehrte, wenn sie stumm und ergeben zu ihm aufsah, der so prächtig, gesund und von Leben strotzend war und den sie doch liebte, -- wenn ihr Blick auf George ruhte, der so bleich und kränklich schien, -- dies Motiv, -- o, wer wollte es ihr verdenken und wer verstand es nicht, daß es hieß: ... und gesetzt den Fall, sie kehrten nicht zurück ...?
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Das Schiff war ein Erdteil für sich. War ein Weltkörper, im Raume schwebend und blindlings Gesetzen folgend, die seinen Lauf von dem der Gestirne abhängig machten. War, -- gleichzeitig, -- zusammengesetzt aus allen Stoffen der Erde bis zu ihrem feinsten, dem Menschenhirn, -- ein selbständiges Wesen, denkend und zielbewußt und von harter Entschlossenheit, seinem Namen gemäß: ^The Resolution^. War, -- ein Schiff! -- weiblich, mit ausladendem Schoß und zärtlichem Schwung der Linien, von männlichem Geiste gelenkt und ihm dienstbar, -- Heimat diesem Geiste, wie die Insel dem Zugvogel im grenzenlosen All des Ozeans, wo Himmel und Wasser ineinander übergehen und oben nicht mehr von unten zu scheiden ist. War Zuflucht, Obdach, Mutterschoß und nährender Boden den Männern, die auf ihm zusammengedrängt ins Unbekannte fortgerissen wurden, ausgeliefert an Wind und Wogen, freiwillig ausgeliefert, hingegeben allen Gefahren und sie nutzend und meisternd, bis ans Äußerste ihrer Spannkraft geladen mit der Lust des Siegers, dauernd auf der Hut und des Todes gewärtig. Diese Männer -- hundertundzwölf an der Zahl, -- und das Schiff waren in einem Verhältnis wie Mann und Weib von Anfang her. Es war ihnen Mutter und Geliebte, sie beteten es an und traten es mit Füßen, seine Schönheit war ihnen köstlich, sie schmeichelten ihm und sorgten für seinen Schmuck; aber sie machten kein Heiligtum aus ihm, nichts weniger als das, kein segelndes Kloster. Denn dafür haßten sie es ja, daß es ihnen diese Enthaltsamkeit auferlegte und sie an sich band wie mit Ketten, und dafür rächten sie sich in ihrer Art, daß bald kein Fleck auf ihm war, den der giftige Brodem ihrer unterdrückten Triebe nicht verpestete. Indes, das Schiff blieb, was es war, wundervoll sich wiegend und die Wellen im Spiele nehmend, lächelnd im Glanze der geschwellten, leuchtenden Takelage, sich unterwerfend scheinbar und dennoch herrschend, voll Unberechenbarkeit und dauernder Aufsicht bedürftig, -- aber auch gut, warm, schützend wie nichts auf der Welt. Es war so vorzüglich ausgerüstet wie nie zuvor ein Schiff gewesen war, es führte Proviant für Jahre, es hatte unendliche Fässer voll Sauerkohl, voll Maische und Orangenmarmelade, um seine Kinder vor Skorbut zu bewahren, es hatte Steinkohlen, um der Polarkälte, Sonnensegel, um dem stählernen Glanz des Tropenhimmels zu widerstehen, es hatte Ballen von wärmenden Kleidern, -- und es hatte, -- wer durfte es bezweifeln, -- die großartigste Mannschaft, die untadeligsten Offiziere, den scharfsinnigsten Astronomen, den bewundernswertesten Maler, den vorzüglichsten Wundarzt, -- es hatte, -- und dies war am wenigsten zu bezweifeln, -- den besten Kapitän seiner Zeit und schließlich: es hatte Reinhold Forster, hatte Forster und Sohn an Bord! War es ein Wunder, daß dieses Schiff den Ozean unter sich trat wie der heilige George jenen Lindwurm?