Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise

Part 6

Chapter 63,894 wordsPublic domain

Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit, die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte, sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein Hering hat er heut' mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut's weh; gelt, ja, das sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein Schatz, ich kauf' dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen und hol' noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm's gut bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus. Still, mein Waislein, still!«

Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er, »Kranke bleiben am besten daheim.«

Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb' ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich, die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End', nur zwölf Mark hast heut' heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt' man's schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich's überlegt.«

So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er dies alles zum erstenmal. Schön war's doch im Thüringer Wald und leicht wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht mehr das Lied: 'In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der alles kann und weiß'; wie geht's da weiter?« Sie brachten den Vers zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.

Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres Gesicht hatte er, vielleicht kam's daher, daß er selbst so oft mit finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein Käßchen öffneten. »Vater, reicht's?« fragte sie ganz leise und blickte besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.

Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu, »er bekommt später den Rest, andere haben's auch nicht beisammen.«

»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex' Kinderwagen. »Da haben Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.

»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit. Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er wittert das Geld,« sagte sie, »er hat's nicht wissen können, daß wir noch etwas haben, aber er hat's gespürt, daß Geld im Haus ist.«

»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus dem Land.«

»So mein' ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig, wir gehen auch fort.«

»Ja, und das gern.«

»Bist entschlossen? Im Ernst?«

»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«

»Kinder, Kinder, denkt's euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die Mutter.

Jetzt gab's Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das arme Waislein nur nehmen.

Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete: »Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.

Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf, die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden, die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert, daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle.

Dienstag abend war's. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann, als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze kommt zu dir.«

Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt, daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.

»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.

»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort.

Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand, nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20, so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte, ist's nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird's auch einmal nicht besser gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«

Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_ einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir's vorkommt, wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir's vor, als wolltet Ihr hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr hat.«

Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem Graben ist's ohnehin nicht viel bei ihm.«

»Magdalene, was red'st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so sinnbildlich gesagt!«

»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt's den Amerikanern, wie sie's machen sollen, so ist's eine Gefahr für unsere Einnahmequelle. Für _Euch_ könnt's ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann's zum Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre Puppen, das wollt' ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich heraufgekommen.«

Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob's dem Herrn Amerikaner gelingt da drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so einführt, wie's bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon ist.«

»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt's ihm nicht, so werdet auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein. Gelingt's aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist's der helle Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem Schulz konnte er's aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu reden.

»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin, und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann's noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.«

Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte sie zustimmend.

»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir kommt's nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_ Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den Amerikanern bringen. Warum? -- weil unsere Enkelkinder auch noch essen wollen!«

Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder auch noch essen wollten, das war berechtigt.

»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom Dorf möchte ich nicht schuld sein.«

»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.

»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut kenn' ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der Amerikaner auch nichts erreichen.«

Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?« fragte Ruppert.

»Ja, mein Schwesterkind ist's.«

»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«

»So ein Kostkind ist's nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben's bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen verloren.«

»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer Schwester war doch reich?«

»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind geschickt. Gewollt haben wir's nicht; das große Mädchen hätten wir gern genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.«

»Der Vormund hat sich's leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der Amerikaner kommen sollte, so sagt's ihm nur, er könne sich die Mühe sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die halten alle fest zusammen gegen Amerika.«

»Ja, ja, das tun wir auch.«

Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends, und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er sich geträumt hatte.

Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd sein wie ich.«

Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war's doch traurig, ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher. Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt's noch Menschenfresser.«

»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«

»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich zufrieden.

Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der's mit Oberhain gut meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.

Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle. Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken, als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge.

Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie: »Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«

Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete an ihrer Stelle: »Sie hat's schon getan, daran hat sie's nicht fehlen lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist's bei uns, wie Sie sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.«

»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an, Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.«

»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen nicht hinüber.«

Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch wohl schon reiflich überlegt war.

»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht, ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«

Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er dächten auch die andern Familien im Ort.

Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft -- die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren in solch ärmlicher Umgebung.

Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt haben.«

»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der hat's und tut's gern.«

»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«

Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. --

In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam, lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort. Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.

»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute in Amerika anweisen.«

Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«

»Ja wohl weiß ich's, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«

»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«

Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig, halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.

Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte Elend!