Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise

Part 21

Chapter 213,928 wordsPublic domain

Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit der Nachricht erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die Tante und sagte: »Dann bist du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder alle Tage meine Brüder!«

»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet, weil sie weiß, daß es dich freut.«

»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du's eingerichtet? Gelt dann bist du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh!« rief sie in einem Ton, der glückselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr gehört hatte.

Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für diesen Sommer gab sie ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie möglich im Freien sein. Sie nahm Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den nahen Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. Es war ein Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt.

Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos und Gebüsch und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde kam in aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und Klärchen, die zuerst staunte über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen auch die Zukunft, die Gegenwart war schön.

Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald saß und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen, zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, blieben sie ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die manche der Kinder kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen hielt sich zur Patin.

»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr?« sagte eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern.

»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, aber Klärchen kommt fort.«

Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht recht bei der Sache und nach einer Weile kam sie zögernd zur Bank her, auf der die Patin lesend saß, legte ihr die Hände auf den Schoß und sagte leise: »Patin?«

Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?«

»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?«

»Du darfst, du _mußt_ nicht.«

»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?«

»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester, unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen, ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin. Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich.

Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte, nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein, möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in der Stadt.

Regine Lenz.

Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte, hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren düsteren Mienen zu schließen.

Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.«

Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du's nicht? Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim bleibst!«

Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit gesenktem Kopf davon.

Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?

Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz. Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf.

»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte Hände; was tust du denn da?« -- »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,« sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine fragte das Kind.

»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was heißt das 'gestohlen'? Wohin führt sie jetzt der Mann?«

Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen.

Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.« Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!«

»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter treibt es auch schon wie die Mutter.«

Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie mochte nichts weiter hören.

Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte. Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor. War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.

Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin: »Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen!

Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie übersehen hätten.

Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich allmählich.

Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie sitzen.«

»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.«

»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das nicht sein.«

Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden, um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete schon den Mund, um zu sprechen. -- Da stockte sie plötzlich und kehrte sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß.

»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und schwieg.

Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht; aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen: Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.«

Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.«

»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,« sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch und dabei nicht so herzlos wie du!«

Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben Stunde.

Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während des Unterrichts.

Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen. Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde über das Vorgefallene.

»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.«

Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus, wir andern wollen noch singen.«

Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging, wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es vorher vielleicht nicht war, -- in dieser Stunde hatte das Vertrauen des Pfarrers sie dazu gemacht.

Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete. Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein aufgeweckter Bursche.

»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen so gerne vor ihm verborgen!

Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du's auch schon wie die Mutter? Was versteckst du in der Tasche?« -- Da blickte sie auf zu ihm und sagte leise: »Ich will dir's erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören; komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme: »Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse ins Pfarrhaus bringen.«

Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach keine Umstände!«

Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?« fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.

»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese, erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.«

Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz; wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer zusammen, gelt, Thomas?«

Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft, wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste wachrief.

Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer selbst.«

Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau.

»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch, -- durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?«

In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob sie gewachsen wäre, die Kleine.

Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.«

Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann sorgst du für Regine?«

»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete der Bruder ärgerlich.

»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann schon; aber ich kann nicht alles hergeben für die Kleine. Sie könnte auch selbst manchmal etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!«

»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas.

»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr zugehört; aber das hätte er doch gerne gewußt, wer in seiner Familie ehrlich sei.

»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und sie hat seine Börse voll Gold und Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus tragen müssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie hätte mir einen abgebissen; ist's nicht wahr, du?« Die beiden Verbündeten sahen sich vergnügt an, worüber Marie große Augen machte, denn sie konnte die Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine. »Ehrlich ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile: »Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran darf's nicht fehlen.«