Das Kind: Novelle

Part 9

Chapter 93,632 wordsPublic domain

Sie dachte an den Geburtstag des Grafen. Bei ihrem ewigen Hin- und Herreisen hatte sie nicht einmal Kunde von seinem Tode erhalten. Vielleicht wußte ihr Mann davon. Aber der hatte so massenhafte Bekannte, daß es auf einen mehr oder minder nicht ankam. Zudem sprachen die beiden Ehegatten seit ihrer Heimkehr nach Deutschland nur das Notwendigste. Die Trauerkleidung der Gräfin setzte Gertrud von Steinitz ausschließlich auf Rechnung des Kindes.

»Nein,« sagte die Gräfin ausweichend. »Aber nun laß uns von dir sprechen! Wie lebst du? Wie findet ihr euch zurecht?«

»Gar nicht!« versetzte Gertrud. »Die Antwort bezieht sich auf beide Fragen, auf das Leben wie aufs Zurechtfinden. Ich vegetiere nur noch! Die lustige Gertrud von ehedem ist so müde geworden, so halt- und kraftlos ... Im übrigen ...«

Die Thränen traten ihr in die Augen.

»Armes Kind!« seufzte Adele und nahm die Hand Gertruds. »Wie lange seid ihr verheiratet?«

»Noch kein Jahr. Aber du weißt ja selbst: diese Männer brauchen höchstens drei Monate, um sich als das zu entpuppen, was sie in Wirklichkeit sind: als elende, herzlose Egoisten.«

»Sprich leiser!« mahnte die Gräfin mit einem Blicke auf Karl, der augenscheinlich herunterhorchte.

»Meinetwegen darf es die ganze Welt hören,« flüsterte Gertrud. »Wirst du mir glauben, daß Friedrich schon auf der Hochzeitsreise mich schmählich betrogen hat?«

»Kind, du bist eifersüchtig! Die Eifersucht aber hat schlechte Augen!«

Gertrud wiegte den Kopf.

»Die Sache ekelt mich an; ich erspare mir also die Einzelheiten. Du würdest sonst rasch begreifen, daß hier die Möglichkeit eines Irrtums ausgeschlossen erscheint. Dabei ist der Mensch ein Tyrann, ein Tyrann -- ich verstehe mich manchmal selbst nicht! Mein einziger Trost beruht darin, daß ich mir sage: die andern sind gerade so! Da gibt's keine Ausnahme! Ich danke noch Gott, daß er nicht Urkunden fälscht und keinen Giftmord begeht!«

»Gertrud!«

»Liebste Adele, ich sehe die Welt so, wie sie ist! Du freilich in deinem rosenroten Idealismus, du glaubst noch an alles, an Tugend, an Liebe, an Freundschaft, obgleich dein Leben doch auch nicht arm an Erfahrungen ist!«

»Ja, Gertrud! Ich glaube, daß in der Seele der meisten Menschen der Keim des Guten und Edlen schläft, und daß es oft nur die Schuld der verständnislosen Umgebung ist, wenn dieser Keim nicht geweckt wird.«

»Das sind so Redensarten. Früher hab' ich mir's auch eingebildet ... Genug davon! Der Aerger macht mich noch krank! Wenn ich nur erst mal über dies Stadium hinaus wäre und anfinge, die ganze Geschichte mehr auf die leichte Achsel zu nehmen! Dann hätt' ich gewonnenes Spiel!«

»Wie so?«

»Nun, ich fände dann Mut und Stimmung, ihm heimzuzahlen! Weißt du, ich gehöre von Temperament nicht zu den frommen Dulderinnen, die lautlos dahinschmachten, während ihr Peiniger schandbare Orgien feiert! Ich bin nur eingeschüchtert, auch körperlich etwas heruntergekommen -- und leider Gottes noch immer etwas verliebt ... Er hat eine Art, die mich kettet, trotz alledem! Das muß ich erst mit Gewalt ausmerzen. Dann aber -- wenn mir dann einmal so ein Freund kommt, wie dir damals der Leo von Somsdorff, dann werd' ich den Teufel thun und ihm ausweichen!«

»Wie meinst du das?« fragte die Gräfin errötend.

»Ach, thu' nur nicht so!«

»Herr von Somsdorff war in der That mein Freund. Wenn du meinst ...«

»Ich vermute nur, was ich weiß. Uebrigens sprach ich mehrmals mit Friedrich darüber -- kurz nach unsrer Verheiratung. Damals tauschten wir unsre Gedanken noch aus. Nun, und Friedrich, wenn ich auch sonst kein gutes Haar an ihm lasse, in Liebesgeschichten kennt er sich aus, und sein Scharfblick im Wittern unerlaubter Verhältnisse ist geradezu großartig. Um Gottes willen, versteh' nicht falsch! Er hat nicht im Traume daran gedacht, dir etwas nachzusagen! Im Gegenteil, es war ja auf hundert Schritte zu merken, daß du den Somsdorff abfahren ließest! Ein glücklicher Liebhaber -- der gebärdet sich anders! Daß er aber in dich vernarrt war bis zur Tollwut, und daß du von diesem Zustand genau unterrichtet warst -- um das zu erkennen, brauchte man nur die Augen zu öffnen.«

»Wär's möglich ...?«

»Es ist so, liebste Adele! Du fingst es nicht gerade sonderlich schlau an, muß ich dir sagen! Man merkte sogar, wie Friedrich behauptet, daß du stark mit dir kämpftest! In höchst auffälliger Weise nahmst du die Zuflucht zu deinem Kinde ...«

Die Gräfin zuckte.

»Ach, vergib, daß ich hier eine Wunde berühre, die noch zu bluten scheint,« raunte Gertrud erregt. »Aber da's mir denn doch einmal beifällt, weshalb soll ich nicht frei von der Leber sprechen? Das Kind war dir damals eine Art Talisman, der dein Herz vor Verirrungen schützte. Vielleicht auch war es die pure Einbildung, wenn du meintest, solchen Talisman nötig zu haben. Offen gestanden, ich selbst hatte nicht sonderlich acht darauf. Friedrich aber, und noch mehr sein Papa ... ach, das sind geriebene Patrone! Erst später hab' ich mir's dann aus ihren Reden zusammengeklaubt. Der Somsdorff merkte, daß ihm das Kind bei der Verfolgung seiner Don-Juanprojekte im Weg war, und so erklärt sich's ... Pfui, pfui, was sind doch die Männer für nichtswürdige, erbärmliche Kerle!«

»Gertrud! Ich sagte dir, Herr von Somsdorff sei mir ein Freund gewesen, ein lieber, teurer Freund ...«

»Ja wohl! Ein Freund, der deine Josefa ruhig ertrinken ließ!« platzte Gertrud heraus. »Ein Freund, der die Hände kaltherzig in den Schoß legte, weil ihm dies Unglück just in den Kram paßte!«

»Bist du von Sinnen?« rief Adele so laut, daß der Bediente sich umdrehte.

»Ich rede die Wahrheit! Ich würde sie ihm kurzer Hand ins Gesicht schleudern und wäre denn doch begierig, ob er den Mut fände, mich Lügen zu strafen! Weshalb soll ich's verschweigen! Vielleicht hat er ja selber den Irrtum bei dir genährt, als sei ich schuld gewesen, ich, die ich bei Gott ... Nein, du sollst wissen, daß sich dein Schmerz und dein Groll damals in der Adresse vergriff! Herr von Somsdorff, der ein ausgezeichneter Schwimmer ist, weißt du, ein Virtuose, nicht nur, was man gewöhnlich so nennt -- Herr von Somsdorff saß in Lebensgröße gemütlich am Ufer und sah mit zu, wie die Kleine hinabstürzte; aber er rührte sich nicht! Damals hielt ich ihn nur für feige; jetzt aber weiß ich, daß es gemeinste Berechnung war ... Aber was hast du denn? Lieber Himmel, ich dachte, du seiest so weit gefaßt, um das hören zu können ...! Hätt' ich geahnt ...«

»Sprichst du die Wahrheit?« fragte die Gräfin tonlos. »Oder willst du bloß Rache nehmen für die erlittene Kränkung? Ich beschwöre dich, Gertrud: sprichst du die Wahrheit?«

»Was sonst? Aber ich sehe, du regst dich ganz fürchterlich auf! Sei doch verständig! Wir beide werden die Welt nicht ändern! Streng genommen war Somsdorff ja nicht verpflichtet, sein Leben zu wagen ... Und eine Gefahr lag ja immer noch vor ...«

»Ich kann's nicht glauben, ich kann nicht! Gertrud, verzeih, ich fühle mich elend zum Sterben! Ich muß nach Hause! Nein, ohne dich! Thu mir die Liebe an, nimm eine Droschke und fahr' allein ins Hotel! Du ahnst ja nicht ...«

»Ich kann dich unmöglich in diesem Zustand allein lassen!« murmelte Gertrud.

Trotzdem stieg sie, dem flehenden Blicke Adelens gehorchend, bei der Viktoriaallee aus. Sie zuckte die Achseln, wie's ihre Gepflogenheit war, wenn sie Gemütsbewegungen gegenüberstand, die sie nicht teilte, drückte der Freundin die Hand und schritt ein wenig verstimmt zu der nächsten Haltestation.

Adele fuhr inzwischen auf dem kürzesten Wege nach ihrer Wohnung.

Elftes Kapitel.

Leo von Somsdorff war schon im Ecksalon und blätterte in dem neuesten Heft einer Monatsschrift, als Gräfin Adele marmorblaß über die Schwelle trat. Fräulein von Rauch, die stets mit peinlichster Sorgsamkeit Toilette machte, überdies auch den jungen Mann im Spiel seiner rosenfarbnen Gedanken nicht stören wollte, war bis jetzt nicht zum Vorschein gekommen. Heimgekehrt, hatte Adele ihr sagen lassen, sie möge noch eine Zeit lang verziehen, da sie, die Gräfin, mit Herrn von Somsdorff zu reden habe.

Als Gräfin Adele den Strahl zärtlicher Freude gewahrte, der sich bei ihrem Erscheinen über das offene, liebenswürdige Antlitz ihres Verlobten ergoß, war sie geneigt, Gertrud von Steinitz rund heraus der Verleumdung zu zeihen. Jedenfalls, wenn sie nicht log, mußte ein seltsamer Irrtum vorwalten, der sich ja aufklären würde. Aber weshalb dann dieses zerhämmernde Herzklopfen, das ihr den Atem benahm und sie zwang, sofort niederzusitzen? Wozu das mühsame Lächeln, da sie doch klüger und einfacher ihre Erregung gar nicht verhehlt, sondern gleich beim Eintritt ehrlich zu Somsdorff gesprochen hätte: Höre, mein Freund, was Gertrud von Steinitz behauptet, und sage mir, was ich auf diese unglaubliche Narrheit erwidern soll! ...

Leo, der schon im Begriff gewesen, ihr das Resultat seiner Audienz beim Minister entgegenzurufen, unterbrach sich mitten im Satz. Er vergaß die Umarmung, die er ihr zugedacht, und den Willkommkuß. Teilnehmend, wie ein Vater, ergriff er jetzt ihre Hand.

»Du bist nicht wohl?« fragte er fürsorglich. »Der glühende Nachmittag! Bestimmt, Liebling, du hast dir zu viel gethan!«

Nochmals versuchte sie ein gekünsteltes Lächeln, das ihr so fahl und so traurig geriet, wie ein Abschiedsgruß.

»Ja,« hub sie mit einem Seufzer an und drückte den Kopf wider die Lehne des Sofas -- desselben, wo sie an jenem furchtbaren Weihnachtsabend auf Gerold gewartet -- »ja, ich bin sehr erschöpft ... es liegt mir so dumpf über der Stirn! Ich traf Gertrud von Steinitz ... doch hiervon später! ... Du aber, Leo! Erzähle, ich bitte dich!«

Da er nun gleich mit der Hauptsache kam und ihr, halb schon beruhigt, mitteilte, man habe ihn für Madrid bestimmt, fiel sie ihm rasch ins Wort. Sie konnte nichts hören; sie mußte erst vollständig klar sehen, eh' sie sich dieser lebhaft gewünschten Entscheidung zu freuen vermochte.

»Was hast du nur?« fragte er staunend.

»Nichts! Verzeih mir! Weißt du auch, was wir übermorgen für einen Tag haben?«

Er wußte es wohl. Sein Staunen wuchs. Sie hatte fast niemals von dem Kinde geredet, als fürchte sie durch ein Wort der Erinnerung das kaum entschlummerte Leid wieder aufzuwecken.

»Wie sollte ich nicht?« sagte er stammelnd.

In diesem Moment türmte sich alles, was Gertrud erzählt hatte, mit erneuter Bedrohlichkeit vor Adelen empor. Die seltsame Scheu, womit Somsdorff die letzten Worte gleichsam nur zögernd über die Lippen gebracht, überwältigte sie. War es denn möglich? Drückte den Mann da im Ernste ein Schuldgefühl? Sie begriff nicht, daß nur die zärtliche Sorge um sie ihn so unsicher machte, vielleicht auch ein wenig der Schmerz darüber, daß sie in diesem Moment, der so völlig der Zukunft gehörte, fast nur der Vergangenheit dachte.

Plötzlich entsann sich die Gräfin, vor Jahren einmal ein französisches Drama gelesen zu haben, worin der Untersuchungsrichter den Urheber eines Verbrechens dadurch entlarvt, daß er ihm, ganz ohne äußerliche Veranlassung und mitten im freundschaftlichsten Gespräche die Worte sagt: »Wozu noch die Umschweife? Ich verhafte Sie als den Mörder des Duchâtel!« Es lag absolut nichts Greifbares gegen den Mörder vor. Nur der Instinkt hatte den Richter geleitet, und die verblüffende Schroffheit des Angriffs führte alsbald zum Sieg. Der Verbrecher verriet sich. Aehnlich wollte es Gräfin Adele mit Leo von Somsdorff machen. Sprach Gertrud wahr, so konnte auch hier die Wirkung nicht ausbleiben.

»Leo,« begann sie dumpf, »ich hab' etwas Furchtbares auf dem Herzen ...«

Sie wollte hinzufügen: »Du hast Josefa mit Absicht ertrinken lassen, obgleich du sie retten konntest!«

Aber das klang ihr denn doch zu grausenhaft.

So drückte sie ihren Gedanken etwas gemildert aus: »Ich weiß jetzt, daß du den Tod meines Kindes gewünscht hast.«

Leo erbleichte.

»Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß es! Und hätt' ich es nicht gewußt, ich würd' es in dieser Minute dir ansehen!«

»Adele! Was redest du?«

»Willst du's abstreiten? Wohlan, so thu's! Hierauf den Knieen will ich dir's abbitten, wenn du mich überführst! Gib mir dein Ehrenwort, daß ich mich irre!«

»Aber wie kannst du nur glauben ...«

»Ich glaube dir, was du verlangst, sobald du dein Ehrenwort gibst!«

»Nimm doch Vernunft an! Ich begreife dich nicht! Jeder Mensch hat krankhafte Stimmungen ... aufgeregte Momente, wo er nicht Herr seines Willens ist ...«

»Allmächtiger Gott!« schrie Adele und drückte die Hand auf die Augen. »Es ist also wahr?«

»Unglückselige, weshalb fragst du mich? Ja, es ist wahr ...! Ich habe ... ich wußte doch damals nicht, wie es kommen würde! Ich sah das Kind als das ewige Hemmnis meiner Glückseligkeit an; ich war ja sinnlos vor Leidenschaft ... Und so geschah es ...«

»Daß du ihr Mörder wurdest!« unterbrach ihn Adele, rasend vor Schmerz. »Daß du in kaltem Triumphe mit zusahst, wie sie den Tod fand!«

»Wer sagt das?«

»Elende Frage! Reut dich schon dein Geständnis? Freilich, die Wirkung, die du erwartet hast, bleibt nun aus! Deine Offenheit war zu wohlfeil. Du meintest die Anklage Gertruds auf gute Manier abzuschwächen, da du nicht leugnen konntest!«

Erschöpft sank sie zurück. Die zuckenden Lippen waren geöffnet, die Wangen wie eingefallen. Müde Verzweiflung umspann ihre ganze Gestalt.

»Ich verstehe dich jetzt!« murmelte Somsdorff.

Nach einer langen Pause hob er dann wiederum an:

»Gertrud irrt! Siehst du, Adele, kein Wort der Aufklärung würde mir über die Lippen kommen, wenn sich mein Herz nicht doch einer Schuld bewußt wäre, die mir so manchmal die Röte der Scham ins Gesicht getrieben! So aber nehm' ich den Wahnwitz, den du da vorbringst, wie eine Strafe!«

Kurz und wahrheitsgetreu erzählte er nun, was in ihm vorgegangen, bis zu dem Augenblick, da er, fast nicht mehr zurechnungsfähig, die Worte geraunt: »Hätt' ich's geahnt, hätt' ich's geahnt!« Er schonte sich nicht. Rücksichtslos mit der Frankheit des Büßers räumte er ein, daß er die mutige That im Gehölz wirklich bereut hatte; ja, daß er, vom Taumel seines Verlangens betäubt, Ingrimm und Haß empfunden ...

Dann aber fuhr er mit sehr veränderter Stimme fort:

»So, nun hab' ich gebeichtet! Alles übrige muß ich zurückweisen, klar und energisch und ohne Verklausulierung. Ich wiederhole dir: Gertrud irrt, -- oder sie lügt!«

Nachdem er der immer noch schweigenden jungen Frau mitgeteilt, was ihn entlastete -- den Gang nach dem Uferplatz, die Schlaflosigkeit so vieler trauriger Nächte, das Rauschen der einsamen Flut, das ihn mit Allgewalt hypnotisierte, sein bängliches Träumen, sein jähes Erwachen und die erschütternde Wahrnehmung, daß es zu spät sei -- fügte er im Ton feierlichster Beteuerung hinzu:

»Glaub' mir, Adele, ich hätte dein Kind auch damals gerettet, trotz jener gehässigen Stimmung, die ich jetzt kaum noch begreife! Daß es nun starb, das empfand ich ja gleich in der ersten Sekunde wie einen Vorwurf, obgleich ich so schuldlos war, als du selbst! Schau mich doch an! Du _kannst_ ja nicht zweifeln, daß ich die Wahrheit rede!«

»So gibst du dein Ehrenwort?«

»Ja, mein Ehrenwort!«

Sie brach in ein wildes Schluchzen aus.

»Und du meinst,« stöhnte sie schmerzlich, »daß nun alles mit dieser Erklärung gut sei? Daß sie dem Mutterherzen genügt ...? Sieh, das wußte ich ja im voraus: irgend etwas in dem Exempel Gertruds war ungenau! Männer wie du sind eher noch einer schändlichen That fähig, als einer so nichtswürdigen Unterlassung. Aber was bleibt, ist gerade noch furchtbar genug. Leo, ich kann mit dem Mann, der meinen Liebling hinweggewünscht hat, nicht glücklich werden! Wie? Diese Hand, die vor Wut und Feindseligkeit gegen das Licht meines Lebens gekrampft hat -- diese Hand, mit der du mein süßes Kind hättest erwürgen mögen -- ich soll sie zum ewigen Bund in die meine schließen? Niemals! Lieber die Einsamkeit bis ans Ende! Nein, ich beschwöre dich, rühr' mich nicht an, Leo! Es gibt Dinge, gräßliche Dinge, die wider alle Natur sind! Laß mich -- in dieser Minute noch! Alles, was ich versprochen, nehm' ich zurück! Ich liebe dich nicht! Ich verzeihe dir nicht! Ich kann deinen Anblick nicht länger ertragen! Geh!«

Sie hatte sich langsam erhoben. In den tiefschwarzen Augen glomm ein verzehrendes Feuer. Sie stand ruhig und majestätisch vor ihm, völlig verändert in ihrem Wesen, grausam gegen sich selbst, aber unerbittlich in ihrem Entschluß.

»Adele! Du willst mich zurückstoßen, du, mein Glück und mein Alles!«

»Geh!« wiederholte sie gleichmütig.

Somsdorff zögerte noch.

»Ich kann's ja nicht glauben!« sagte er, blaß wie ein Toter. »Wenn ich so Schauderhaftes gedacht und gefühlt habe, -- du weißt's doch, Adele -- so war's nur im Irrsinn, im Wahn der Verzweiflung! Ich habe mich dieser Gedanken geschämt; ich habe sie bitter bereut. Wie oft mag Aehnliches schon gedacht worden sein, ohne daß es dann später zur Aussprache kam! Liebste Adele! Besinne dich, um deinet- und meinetwillen! Ich gehe, wenn mich ein gütiges Wort nicht zurückhält! Noch einmal: Vergiß meine Schuld! Das alles ist ausgelöscht! Lebte dein Kind, ich würde es hegen wie meinen Augapfel! Hörst du, Adele?«

»Du hast ihr den Tod gewünscht!« sagte die Gräfin. »Wer dieser Schändlichkeit fähig war, der kennt auch die Liebe nicht! Dem Himmel sei Dank, der mir im letzten Moment noch die Augen öffnet! Geh nur! Ich wünsche dir alles Gute!«

Sie drehte ihm langsam den Rücken und schritt auf das halbgeöffnete Fenster zu, wo ein flüchtiger Hauch die Gardinen bewegte.

»Es ist großartig!« murmelte Somsdorff bebend. »Die Mutter, für deren Kind ich beinah gestorben wäre, jagt mich hinaus wie einen lästigen Strolch! Nun, ich bin nicht gewohnt, mich aufzudrängen! Möchtest du deine Engherzigkeit niemals bereuen!«

»Was geht hier vor?« stotterte Fräulein von Rauch, die in demselben Moment auf die Schwelle trat, als Somsdorff die Klinke ergriff.

»Ich habe mich eben von der Frau Gräfin verabschiedet,« sagte er spöttisch. »Heute noch reise ich ab nach Madrid, wo ich einstweilen mich einleben will, bis ich von amtswegen dort zu thun habe. Nein, ich bedaure unendlich! Keine Minute mehr! Ihnen, mein gnädiges Fräulein, danke ich anläßlich dieser Wendung noch ganz besonders für die unendliche Güte, mit der Sie meine geringe Person überschüttet haben. Leben Sie wohl! Gräfin Authenried wird Ihnen alles Nötige schon auseinandersetzen!«

»Herr von Somsdorff, ich bitte Sie ...«

»Laß ihn, laß ihn!« stöhnte Adele, durch die frostige Ironie im Tone Leos plötzlich um ihre Fassung gebracht. »Ich will nicht, daß du auch nur eine Silbe noch mit ihm redest!«

»Er ist dessen nicht würdig,« fügte Somsdorff hinzu. »Nun, er wird sich zu trösten wissen!«

Zwölftes Kapitel.

Hals über Kopf trat Somsdorff die Reise an; wenn auch nicht an dem nämlichen Tage, so doch am folgenden. Leuthold, sein Diener, hatte ihm das Notwendigste packen müssen. Die alte Wirtschafterin, die seit vergangenem Herbst engagiert war, blieb zunächst in der Wohnung. Sie sollte vor ihrem Weggang, der Ende September erfolgen würde, die Möbel bei einem Transportgeschäft unterstellen. Den Leuthold, einen gewandten, tüchtigen Menschen, der ihn bereits nach Rußland begleitet hatte, nahm er auf dieser plötzlichen Flucht mit.

Somsdorff kannte die Gräfin hinlänglich, um zu wissen, daß es sich hier durchaus nicht um eine »Scene« handelte, die nach einigen Tagen des Schmollens mit einer Versöhnung schließt. Der Aufschrei ihres verletzten Gefühls war zu leidenschaftlich, zu elementar gewesen, als daß sich ein Umschwung in absehbarer Zeit hätte erwarten lassen. Uebrigens war Leo zu stolz, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. -- »Er wird sich zu trösten wissen!« Dies letzte Wort beim Ueberschreiten der Schwelle klang in ihm nach wie ein feierliches Gelöbnis.

Zu Anfang meinte er auch, das mit dem Trösten ginge so leidlich. Die Bitternis, die in ihm gärte, täuschte ihn über den Kern seines Empfindens.

»Ich habe die Frauen zu hoch taxiert,« sagte er zu sich selbst, und kokettierte dabei mit den Stimmungen einer längst überwundenen Frivolität. »Noch in Sankt Petersburg war ich ein Weltweiser, der sie nahm, wie sie sind! Mit dem Augenblick, da ich vom Pfade der Philosophie abwich, hat im Verborgenen die Nemesis auf mich gelauert! Ein ganz abnormer Charakter, diese Adele! Bezaubernd, hinreißend -- ja! Aber doch eben so wankelmütig, wie ihre Schwestern, wenn auch auf andrem Gebiet! Es fehlt ihr im Blute! Wo die gewöhnlichen Weiber die Liebe wechseln, da wechselt sie mit dem Haß! Erst ihr bedauernswerter Gemahl, -- dann ich! Wer weiß, wodurch er sich die Verstimmungen zugezogen, die ihr die Galle empörten! Vielleicht war die erste Ursache eine ganz harmlose Bemerkung über das Kind! Ein Wort des Verdrusses, der Ungeduld! Sie aber, mit ihrer nervösen Feinfühligkeit ... Lächerlich!«

Und es war nicht zu ändern! Sollte er sich sein jungfrisches Leben verkümmern um dieses flüchtigen Intermezzos willen? Er war ja nun auf der Fahrt nach Paris, wo er sich acht Tage aufhalten wollte, vielleicht auch vierzehn. Dort in dem Eldorado der Teufel hielt eine deutsche Liebe, wenn sie daheim noch so viel Zeit gehabt, Wurzeln zu schlagen, nicht lange vor. Auch Spanien galt für ein zweckentsprechendes Heilterrain! Zunächst San Sebastian mit seinem funkelnden Badeleben; denn in der Hauptstadt war es vor Mitte September zu heiß ... Fort also mit den trüben Gedanken! Im Herbste kam dann die Arbeit ... es würde schon gut werden!

Leider schwand diese Zuversicht rasch. In Paris fühlte sich Somsdorff, trotz der mannigfachen Beziehungen, die er mit Leichtigkeit anknüpfen konnte, öd und vereinsamt. Die Vergangenheit war nicht durch einen bloßen Entschluß abzustreifen, und ebensowenig ließ sich die Neigung und das Verständnis für die oberflächlichen Tändeleien der goldenen Jugend künstlich heraufbeschwören. Wer einmal am Born einer echten und wahrhaftigen Liebe getrunken, den mutet alles, was ihn sonst wohl gelockt hat, schal und erbärmlich an, just wie der Sage zufolge an dem geweihten Spiegel, den Ormas göttlicher Hauch streifte, kein Wasser haftet.

Am vierten Abend bereits, da Somsdorff aus einer der großen Konzerthallen der Champs Elysées, wo er mit einem jungen Rumänier den brausenden Fanfaronaden einer bildhübschen Volkssängerin gelauscht hatte, in sein Hotel zurückkam, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende. Alles, was er sich vorgeredet, zerfloß wie Rauch. Nach einer schlaflosen Nacht war sein Entschluß gefaßt. Er schrieb an Gräfin Adele einen ausführlichen Brief, worin er noch einmal ruhig und klar auseinandersetzte, was er ihr mündlich gesagt, und sie heilig beschwor, nicht um der einen tausendfältig beklagten Thorheit willen ihn und sich selbst für alle Zeit elend zu machen. Er könne das Leben fern von ihr nicht ertragen. Was er bis jetzt gelitten, sei auch im schlimmsten Fall Buße genug, zumal doch auch seine Eigenliebe unter der schroffen Behandlung, die er erfahren, immer noch blute. Zum Schluß bat er sie um sofortige Nachricht. Er werde nicht eher wieder frei aufatmen, bis er Gewißheit habe, daß sie ihm endlich verzeihe.

Somsdorff ließ den Brief, den er als Einschreibesendung bezeichnete, unverzüglich durch seinen Bedienten zur Post bringen. Er wollte die halbe Stunde, die er noch zur Erledigung seiner Toilette brauchte, nicht erst verstreichen lassen; sonst wäre er selbst gegangen.

Nun begann eine Zeit fiebernder Ungeduld.