Part 5
»Ja!« versetzte sie kurz. »Für meine Empfindungen kann ich nichts; wohl aber für meine Handlungen. Jetzt, da's heraus ist, kommt es mir vor, als hätt' ich mir eine Last von der Seele gewälzt! Sie wissen's nun, -- und deshalb müssen Sie fort!«
»Adele! Wie ist es möglich ...«
»Was?«
»Solch ein Geständnis zu machen und gleichzeitig das Verbannungsurteil zu sprechen?«
»Das ist möglich, weil ich fest an die Ehrenhaftigkeit Ihrer Gesinnung glaube! Ich halte die Liebe für etwas Heiliges. Wer liebt -- und Sie behaupten doch, daß Sie mich lieben -- der kann den Gegenstand seiner Liebe unmöglich erniedrigen wollen. Dies würde aber geschehen, wenn ... Sie mich ferner mit so abscheulichen Blicken verfolgten, wie vorhin, als ich zum Flügel schritt. Diese Blicke verletzen mich; sie machen mich unglücklich! Wenn Sie denn kein Verständnis haben für die Pflichten der Gattin, so erwägen Sie, daß ich ein süßes, holdes, schuldloses Kind besitze!«
Somsdorff erschauerte. So herrlich und lockend war ihm die edle Gestalt und das bezaubernde Antlitz mit dem blühenden Mund, der im fließenden Mondlicht wie verträumt auf ihn einsprach, noch niemals erschienen. Er hatte das bange Gefühl, als müsse er im nächsten Moment vor unsagbarer Liebessehnsucht verrückt werden.
Aber just der Ueberschwang seiner Leidenschaft lieh ihm die Fähigkeit, sich äußerlich zu bezwingen. Wenn er die Hoffnung nicht aufgeben wollte, mußte er dieser Frau gegenüber eine Komödie spielen, deren Entwurf ihm blitzartig durchs Gehirn schoß.
»Das Kind,« murmelte er wie geistesabwesend. »Ja, das Kind!«
Dann fuhr er, etwas lebhafter werdend, mit seltsam raunender Stimme fort: »Adele! Mich überkommt's wie die frohe Gewißheit, daß in Josefa uns beiden das Heil erblüht! Glauben Sie an himmlische Offenbarungen? Ich glaube daran -- seit einer Minute! Das Kind ... Fürchten Sie nichts! Dulden Sie mich noch vierzehn Tage lang hier! Sie können's getrost -- und so war es ja ausgemacht! Eine frühere Abreise müßte Verdacht erwecken; auch wäre sie zwecklos. Adele, Sie sollen nicht wieder durch meine Thorheit zu leiden haben! Wie Schuppen fällt es mir von den Augen: die Erinnerung an das eine entscheidende Wort, das Sie jetzt eben gesprochen, wird mir die Kraft geben ... Lassen Sie uns hier feierlich einen Bund schließen, der über allem Vergänglichen hoch und erhaben steht! Lassen Sie uns die Sehnsucht, der wir nicht folgen dürfen, mutig in einer Empfindung begraben, die heilig und selbstlos ist: in der gemeinsamen Liebe zu Ihrer Josefa! Wollen Sie? Dann reichen Sie mir die Hand ...«
Im Salon verstummte jetzt die Musik. Adele, von plötzlicher Angst ergriffen, man möchte heraustreten, und ihr mondscheinumflutetes ~tête-à-tête~ mit Herrn von Somsdorff mißdeuten, schlug hastig ein und verließ ihn, ohne auf seine pathetischen Phrasen etwas erwidert zu haben.
Er starrte ihr nach, sah, wie ihr wallendes Kleid langsam über die Schwelle glitt, und lehnte sich dann, schwer atmend, gegen die Säule.
Dunkel und schweigsam lagen die Wölbungen der gewaltigen Baumgänge. Rechts vor der tiefen Allee glänzte im Mondlicht die Stelle, wo neulich die kleine Josefa, ihre Miß Harriet verlassend, der Mutter entgegengeeilt und so überaus leidenschaftlich geherzt und geküßt worden war.
Dies Bild verfolgte ihn jetzt wie ein Gespenst.
War's denn zu glauben? Das herrlichste, wonnigste Weib liebte ihn -- und versagte sich ihm bei all ihrer Glut, weil da ein kleines fünfjähriges Wesen herumlief, das doch, bei Gott, nicht verkürzt wurde, wenn er die Mutter, ach, nur ein einzigesmal selig umfing! Das Kind und immer wieder das Kind! Dies thörichte kleine Geschöpf versperrte ihm also unabwendbar die Straße zum Glück! Es drängte sich stets wie ein Dämon zwischen ihn und den Labequell, sobald er sich niederbeugte, um seinen Durst zu löschen!
Er suchte sich nun die Züge Josefas recht deutlich vorzustellen, mit dem uneingestandenen Zweck, das hübsche Gesichtchen, das ihm zu Anfang so hold erschienen, um jeden Preis antipathisch zu finden.
»Sie ist das Ebenbild ihrer Mutter,« dachte er stirnrunzelnd. »Gut! Um die Brauen jedoch und im Blick hat sie etwas vom Vater -- etwas Kaltes, Unangenehmes, Ordinär-Pfiffiges. Wahrhaftig, sie lächelt manchmal, sie lächelt ... Wie sie mir heute den Strauß brachte! Infam! Die kleine Canaille weiß, daß sie stört! Sie ahnt es mit dem alles witternden frühreifen Instinkt einer spinösen Weiblichkeit.«
Und das Antlitz Josefas dünkte dem Aufgeregten immer entsetzlicher und verabscheuungswerter. Zuletzt kam es ihm vor, als ringelten sich statt der Locken gelbe, giftsprühende Schlänglein um die Stirne des Kindes ... ein kleines Gorgonenhaupt, das mit Adele nur die Augen gemein hatte!
Ach, und da drinnen im kerzenhellen Salon, auf den er jetzt mühsam zuschritt, blühte, den Arm auf die Kante des Flügels geschmiegt, der Gegenstand seines Verlangens, die Göttin, deren Altar er längst schon mit leuchtenden Blumen geschmückt hätte, wäre der garstige, natternumzüngelte Kopf nicht gewesen, das öde, alberne Püppchen, das da im Herzen der Mutter eine so breite Stelle einnahm, das mit dem Klang seiner süßlichen Schmeichelworte das Weib in Adele grausam ertötet hatte!
Bis gegen elf Uhr musizierte man noch. Friedrich von Steinitz trug ein Studentenlied vor. Sein Papa, der den Sekt ein wenig spürte, fiel beim Refrain donnernd mit ein und schwang dabei die zierliche Mokkatasse wie ein rebenumkränztes Hochglas. Hiernach erbat sich der Graf das unverwüstliche ›Gaudeamus‹. Friedrich von Steinitz konnte das nicht begleiten, wohl aber Gertrud Mettenius, die alles vom Blatt spielte. Ihre Accorde brausten wie Orgelklänge. Von der zweiten Strophe ab sangen die drei Kavaliere gemeinschaftlich, grundfalsch zum Teil, aber mit sprühender Verve. Bei der dritten ging dem Major der Text aus, was ihn nicht hinderte, auf die Silben ›~la-la~‹ volltönig weiter zu schmettern. Bei der vierten folgte Gertrud Mettenius dem Beispiel der Herren und ließ eine flotte, nicht unangenehme Diskantstimme los. Bei der fünften zeigte sich Karl, der Bediente, schüchtern im Nebenzimmer und reckte staunend das sonst so diskrete Haupt: die Herrschaften waren ja ganz außerordentlich gut bei Laune!
Auch Leo von Somsdorff that zuletzt, als ob er sich dem ausgelassenen Konzert anschließe, während Adele wieder für Augenblicke ins Freie trat. Aber sein Herz wußte nichts von dem Uebermut dieser Stunde. Das Kind, das Kind verfolgte ihn unablässig -- und als man gegen halb zwölf nach einem kurzen Geplauder, woran auch Gräfin Adele teilgenommen, sich trennte, da war er von diesem Gedanken wie festgepackt.
In trostloser Stimmung betrat er sein Schlafgemach. Rasch zog er sich aus, zum erstenmal ohne die Hilfe des Dieners, obgleich die Hüfte ihn wieder schmerzte. Sein Ingrimm steigerte sich mit jeder Minute. Er löschte das Licht und schloß gewaltsam die Augen, da ein Reflex des Mondes über dem Thürgesims ihn peinlich erregte. Die Fäuste geballt, sah er den flirrenden Schein trotzdem durch die zusammengepreßten Lider hindurch -- und das bleiche Oval spann sich ihm aus zu einer bethörenden Sinnestäuschung. Es wuchs und wuchs, und schließlich war es Gräfin Adele, die im duftigen, milchweißen Gewand, die Arme bis an die Schultern entblößt, über die Schwelle glitt. Vor seinem Lager kniete sie langsam nieder, legte ihm schmeichlerisch die Hand auf die Stirn, küßte ihn heiß auf die Lippen und zog ihn mit ihren weichen, wonnigen Armen fest an die Brust.
»Adele!« rief er, von Glück und Seligkeit überwältigt.
Da schrillte schon wieder aus nächster Nähe die unleidliche Stimme: »Mama, Mama!«
Und das Kind kam herein durch die doppelt verriegelte Thür wie ein Geist, der die Mauern zerteilt, und zerrte hohnlachend das süße, himmlische Weib am Gewand und schlug dem liebeglühenden Mann die kleinen, spitzigen Krallen ins Antlitz, daß ihm das Blut über die Wangen troff.
Er fuhr stöhnend empor. Mit zuckender Hand strich er sich über die Augen.
Ja, da rieselt es warm wie entquellendes Blut. Es sind Thränen, -- Thränen des Zorns, der Sehnsucht, der ohnmächtig wilden Verzweiflung. Er hat geträumt, -- und noch liegt der Nachklang des jäh unterbrochenen Traumes auf seiner Brust wie ein Alp. Händeringend stößt er einen beklommenen Schrei aus und drückt die Stirne keuchend in seine Kissen.
Sechstes Kapitel.
»Ein Schreiben von Beaulieu-Sarcenet,« sagte der Graf beim Frühstück, als er mit höflichst eingeholter Erlaubnis der Gäste seinen Kurier durchmusterte. »Seltsam! Was kann er wollen? Nach jener unerquicklichen Auseinandersetzung?«
Das blinkende Falzbein mit der kugelumspannenden Adlerkralle durchschnitt das Couvert.
»Sie gestatten ...« fragte Graf Gerold nochmals. »Ich bin mehr als gespannt ...«
Beaulieu-Sarcenet schien die fatale Erörterung, die ihn auf dem Kongreß zu Bonn mit dem Grafen entzweit hatte, völlig vergessen zu haben -- oder so schwer zu bedauern, daß er für seinen Kummer nicht Worte fand ... Wenigstens ließ er die Sache ganz unerwähnt.
Hauptinhalt des Briefs war die Mitteilung, ein populär-wissenschaftliches Wochenblatt, die »Minerva« in Stuttgart, habe sich mit Vergnügen bereit erklärt, den Vortrag des Grafen über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen ehestens zum Abdruck zu bringen, falls dieser Vortrag den Raum von drei Spalten ~à~ dreitausendfünfhundert Buchstaben nicht überschreite oder doch von dem Verfasser auf diesen Umfang gekürzt werde.
Beaulieu-Sarcenet hatte den Chefredakteur der »Minerva« letzthin aus rein persönlichen Gründen besucht und ihm beiläufig und gesprächsweise das Thema genannt. Hieraus ergab sich das Weitere. Beaulieu-Sarcenet riet dem Herrn Grafen aufs dringendste, die Gelegenheit zu benützen, um so die Abhandlung wenigstens einem ~quasi~-gelehrten Publikum vor Augen zu führen. Auch erbot er sich höflichst zur Lesung der Revisionsabzüge. Er schloß mit der angenehmen Eröffnung, daß er im Frühherbst, wenn der Herr Graf dies gestatte, auf Schloß Authenried-Poyritz vorsprechen und die neuesten Errungenschaften des gräflichen Münzkabinetts einer genauen Besichtigung unterwerfen wolle.
Diese Zuschrift des weltberühmten Archäologen führte im Leben und Treiben der Schloßbewohner einen erheblichen Umschwung herbei. Die Numismatik, seit Wochen entthront, gelangte nun wieder urplötzlich zur Herrschaft.
Noch an dem selbigen Vormittag nahm Graf Gerold seinen rechtswidrig unterdrückten Vortrag zur Hand, stellte zuvörderst die beklemmende Thatsache fest, daß der Umfang der Rede -- selbst mit Weglassung sämtlicher Vokative an die Adresse der »hochansehnlichen«, »schätzbaren«, oder »gelehrten« Versammlung -- immer noch dreimal so lang war, als das von dem Chefredakteur der »Minerva« bezeichnete Maximum, und las dann die Arbeit vier- oder fünfmal durch, stets zu dem unabweisbaren Resultat gelangend, daß er im Grunde nichts, aber auch gar nichts weglassen könne, ohne dem köstlichen Aufsatz die unheilbarsten Wunden zu schlagen.
So kam der Mittag heran. Sichtlich zerstreut schenkte der Graf weder dem duftigen Pomard, der so tief purpurrot in den schweren, altertümlichen Gläsern blinkte, noch den Schwänken des Herrn Majors die gebührende Aufmerksamkeit, ließ den Champagner verperlen, wie ein Kranker sein künstliches Selterswasser, und hatte nicht einmal Sinn mehr für die bewegliche Heiterkeit Gertruds, die sich mit aller Kraft ihres sprühenden Konversationstalents abmühte, das allgemach zögernde Tischgespräch leidlich im Gang zu erhalten.
Beim Dessert legte der Graf plötzlich das Messer weg und sagte, den Blick wie entgeistert auf die halb schon geschälte Birne richtend:
»Aber die Illustrationen! Illustrationen sind unumgänglich! Was meinen Sie, Somsdorff?«
»Illustrationen?«
»Nun ja doch! Erläuternde Illustrationen zu meiner Studie!«
»Ah so! Allerdings ...«
»Nicht wahr? Ich muß mir sofort Gewißheit darüber verschaffen, ob die ›Minerva‹ auch Illustrationen bringt! Ich habe das Blatt nie in den Händen gehabt. Sie entschuldigen, meine Herrschaften ... Karl! Hören Sie nicht? Schnell Tinte und Feder!«
Er schrieb ein dringendes Telegramm -- Antwort bezahlt -- an Beaulieu-Sarcenet:
»Bringt die ›Minerva‹ auch Illustrationen? Welchen Zeichner empfehlen Sie?«
Hiernach ließ er den Reitknecht rufen und behändigte ihm den Zettel mit dem Befehl, unverzüglich ins Dorf zu laufen und die Depesche dort gegen Empfangsbestätigung aufzugeben.
»Nur gegen Quittung!« rief er ihm nochmals nach. Er lauschte mit einer gewissen Aengstlichkeit, bis die schwer wuchtenden Schritte des Burschen im Korridore verhallt waren. -- Dann erst schälte er seine Forellenbirne schweigend zu Ende.
Drei Tage lang hielten es die Herren von Steinitz noch aus. Dann gab ein Familienfest, das sie in Zeschau mitmachen sollten, dem Herrn Major den erwünschten Vorwand, mit guter Manier aus den unheimlich gewordenen Räumen des Schlosses zu flüchten und sich die Wiederkehr für eine bessere Zeit vorzubehalten. Es lag jetzt in der That über den Hallen von Authenried-Poyritz wie ein geistiger Druck; der Major meinte sogar: wie das Vorgefühl eines Unglücks. Nicht nur der Graf mit seinen erneuten numismatischen Anwandlungen war vollständig ungenießbar, auch Gräfin Adele und Somsdorff strömten einen nicht recht definierbaren Hauch von Schwermut und Monotonie aus.
Unmittelbar nachdem die Herren von Steinitz abgereist waren, erhielt auch Gertrud Mettenius ein Briefchen ihrer Mama, das sie nach Hause berief. Somsdorff war fest überzeugt, daß Gertrud sich dieses Briefchen bestellt hatte, um nicht zwecklos noch ein paar Tage lang von ihrem Liebsten getrennt zu sein; denn Friedrich von Steinitz und Gertrud -- wenn man aus hundert Symptomen einen berechtigten Schluß zog -- mußten jetzt vollständig einig sein, und selbst den Papa hatte man kurz vor der Abfahrt nach Hoyersbrück wohl ins Vertrauen gezogen.
Nachdem so das Schloß wieder in den normalen Zustand seiner vornehmen Abgeschiedenheit und Ruhe zurückgetaucht war, nahmen auch die während der letzten Tage etwas beeinträchtigten Garten- und Feldwanderungen der Gräfin mit Leo von Somsdorff einen gesteigerten Aufschwung.
Der Graf wollte das so, und zwar aus zweierlei Gründen. Einmal konnte er, wenn sich Adele viel mit Somsdorff befaßte, ungestört an der Neugestaltung seines münzwissenschaftlichen Vortrags arbeiten, ohne doch gar zu rücksichtslos zu erscheinen. Außerdem bedünkte es ihm eine Ehrenpflicht, dem jungen Mann, der sich bei der Errettung Josefas so fürchterlich zugerichtet, alles zu bieten, was da geeignet war, seine Erholung zu fördern, seine Stimmung zu heben, kurz, den ~status quo ante~ möglichst rasch wieder herzustellen.
Und einer seelischen Anregung und Erfrischung, wie sie sich aus dem Naturgenuß in Gesellschaft einer ihm offenbar höchst sympathischen jungen Frau ergab, schien der blasse, immer noch etwas hohläugige Somsdorff stark zu bedürfen.
Er war mitunter seltsam verstimmt; merkwürdig abgeneigt, eines der gräflichen Pferde zu reiten, obgleich Doktor Michalsky dies letzthin erlaubt hatte; unlustig, ein Buch oder selbst nur ein Zeitungsblatt in die Hand zu nehmen; apathisch gegen die Briefe und Telegramme Beaulieu-Sarcenets; von höflicher Schweigsamkeit während der Mahlzeiten; auf der Chaiselongue zwischen den beiden Verandasäulen beinahe mürrisch.
Nur wenn die Gräfin sich anschickte, das große verwöhnte Kind »auszuführen«, wie der Graf diese regelmäßigen diätetischen Gänge bezeichnete, flog ein Leuchten über sein Antlitz. Man sah ihm dann deutlich an, wie sehr er sich auf das planlose Wandern durch die Alleen, auf das köstliche Hin- und Herschlendern zwischen den Rotdornsträuchern und Haselnußbüschen, auf die langsamen Streifzüge ins Gehölz freute ...
Und doch blieb dies Leuchten nur von sehr kurzer Dauer. Oft machte es schon, bevor man die Freitreppe hinabschritt, einem Ausdruck der Müdigkeit, ja der Verbitterung Platz, der sich erst nach und nach, unter dem Einfluß der sommerlich schönen Natur und der mildfreundlichen Worte Adelens wieder verlor.
Eines Morgens in aller Frühe -- der Graf schlief noch, denn er hatte bis zwei Uhr nachts über der Arbeit gesessen -- traten die zwei in besonders ungesprächiger Stimmung einen Gang durch den Park an -- auch diesmal von der kleinen Josefa begleitet, die Gräfin Adele seit jenem Abend auf der mondscheinbeglänzten Veranda kaum von der Hand ließ. Höchstens durfte das Kind draußen im Feld ein paar Schritte vorlaufen, um aus dem Aehrengewoge sich Raden und Kornblumen zu brechen. Sobald man jedoch wieder den Park mit seinen phantastisch verschlungenen Irrgängen erreichte, blieb Josefa, wie durch das Auge der Mutter gebannt, stets in unmittelbarster Nähe; ja, sie setzte sich, wenn man irgendwo Rast hielt, meist unaufgefordert zwischen Somsdorff und ihre Mama, ein Warnungszeichen für den Bethörten und gleichsam die lebendige Mauer, in deren Schutz die verzauberte Königin trotzig auf ihre Unnahbarkeit pochte.
An jenem Morgen schritt man die Balustraden des Teiches entlang, bog dann links ab, durchstreifte die Rosenbeete, die in verblüffender Pracht standen, wechselte zwei, drei Worte über die Lieblingsarten der Gräfin, die Marschall-Niel- und La-France-Rosen, die von dem Gärtner mit überraschender Ausgiebigkeit gepflegt wurden, und erreichte auf Umwegen den Proserpinahügel, wo Leo sich damals so nahe am Ziel geglaubt.
Seitdem hatte er diesen Platz nicht wieder betreten.
Qualvolle Dumpfheit legte sich ihm aufs Herz, als er den marmorgemeißelten Gott erblickte, der sich die Braut mit so trotzigem Ungestüm -- und bei alledem so bequem und natürlich -- vom Boden rafft, um sie hinab zu schleppen in die Verborgenheit seines Palastes. Ein wehmütig beklommener Nachklang jener »heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten«, zog in Goetheschen Melodieen durch sein vergrämtes Gemüt.
Gräfin Adele hingegen schien klarer, frischer und ruhiger als je. Mit vollkommenster Unbefangenheit blieb sie einen Moment vor der leidenschaftlich bewegten Gruppe stehen, fand die zackige Krone des Gottes, die hie und da zu zerbröckeln begann, komisch und maskeradenhaft, meinte, das Ganze erinnere zu stark an den Raub der Sabinerin, der zu Florenz die Loggia de' Lanzi schmückt, und wandte sich dann, wie mechanisch, zur Bank hinüber, wo noch immer der blütenbesäte Jasmin seinen berauschenden Duft streute.
Man setzte sich.
Auch diesmal ergab es der Zufall oder Adelens Geschicklichkeit, daß die kleine Josefa den Platz in der Mitte bekam. Das Kind schmiegte sich schalkhaft an seine Mama und neckte sie, hell auflachend, mit einem schwankenden Zweig.
Der Fichtenbestand, der neulich im Goldglanz der sinkenden Sonne gestrahlt hatte, war jetzt beschattet. Die ganze Beleuchtung hatte für Somsdorff etwas Traurigverändertes. Es war ihm zu Mut, als ob er ein teures Antlitz, das er bei voller Gesundheit verlassen, im Kampfe mit einer schleichenden, todbringenden Krankheit wiedererblicke.
Und nun das ewige Lachen und Plappern des Kindes, das die Schweigsamkeit der Erwachsenen mit geradezu ungebührlicher Konsequenz ausnützte!
Es war natürlich nur Einbildung, wenn Somsdorff sich vorsprach, der allgegenwärtige kleine Teufel sehe ihn manchmal so spöttisch, so gemein triumphierend an ... Dennoch, trotz aller Vernunftgründe, ward der erregte Mann diesen Eindruck nicht los.
»Josefa durchschaut dich,« klang es in seinem Herzen. »Sie kennt deine Qual! Sie ergötzt sich an deiner verzweifelten Ohnmacht! Ihr Lachen ist niederträchtiger Hohn!«
Gräfin Adele nickte ihm zu.
»Warum so ernst, lieber Freund?« frug sie mit schlichter Herzlichkeit.
Er zuckte ein wenig die Achseln.
»Man hat seine Stimmungen,« sagte er lächelnd. »Ich bin jetzt neuerdings auf dem Standpunkt angelangt, daß ich im Lenz schon den Herbst wittere, und wo sich das Leben entfaltet, Zerstörung und Tod. Dieser azurblaue Sommertag schnürt mir die Brust zusammen. Dort in der Tiefe zwischen den Fichtenstämmen erblick' ich Gespenster ...«
»Das sind einfach die Nachwehen Ihrer Leidenszeit,« sagte die Gräfin, ohne den Doppelsinn ihrer Worte zu merken. »Sie dürfen sich nicht so nachgeben.«
Fragend heftete er den Blick auf ihr Angesicht, das so gütig erschien und so mild, wie das einer Mutter, die ihren Sohn tröstet.
Adele sah in dem einfachen, rosagestreiften Morgenkleid und dem beinahe schmucklosen Strohhütchen auf dem herrlichen Haar unbeschreiblich hold und verlockend aus. Ihre Absicht, durch Vermeidung jeglicher Toilettenkunst den Eindruck, den sie auf Leo hervorgebracht, thunlichst abzuschwächen, hatte sich nie so verfehlt erwiesen, als heute. Sie ahnte nicht, wie gerade die blumenartige Schlichtheit ihrer Erscheinung einen Charakter von der Eigenart Leos umstricken mußte. Diese ungekünstelte Anmut bedeutete ja für Somsdorff äußerlich fast dasselbe, was ihre weibliche Würde, ihre hoheitsvolle und doch nicht geschraubte Strenge innerlich für ihn bedeutete: ein Fremdes, Neues und dennoch Vertrautes, ein himmlisches Etwas, das auf sein ganzes Gemüt wirkte wie die Seebrise auf die pochende Stirne des Fieberkranken.
Und nun sich sagen zu müssen: dies neue, unbeschreibliche Glück würde dir in den Schoß fallen, wenn dies Kind nicht wäre, dessen bloße Anwesenheit ihr unausgesetzt Moralpredigten hält und ihr Gehirn mit Phantasmen erfüllt, die du mit aller Kraft deiner sieggewohnten Verführungskunst nicht hinwegblasen kannst!
Daß Josefa wirklich das einzige Hindernis auf dem Weg zur Eroberung sei, darüber hegte der junge Mann, der ja noch immer die Fesseln einer leichtsinnigen Vergangenheit nachschleppte, kaum einen Zweifel.
»Denn --« sagte er sich -- »wäre die Tugend Adelens an und für sich über jeden Ansturm erhaben, so brauchte sie nicht diese Schildwache hinzupflanzen, die schleunigst Alarm schlägt, sobald sich mir nur das leiseste Wort auf die Lippen wagt.«
Er seufzte schwer.
»Frau Gräfin,« frug er dann plötzlich in französischer Sprache, »wie lange gedenken Sie diese Komödie fortzusetzen?«
»Welche Komödie?«
»Die mit der kleinen Ehrendame, die sich hier zwischen uns drängt.«
Sie errötete heftig.
»Wie so Ehrendame?«
»Teuerste Gräfin, Sie betrügen sich selbst -- und verraten sich! Weil Sie sich schwach fühlen, weil Sie mich lieben -- heiß, über jede Beschreibung -- deshalb gebrauchen Sie diesen Engel da mit dem flammenden Schwert, der mich so feindlich von hinnen scheucht! Aber ich schwöre es Ihnen: das frommt nicht! Sie werden an dieser Thorheit zu Grunde gehen! Nein, lassen Sie mich jetzt ausreden! Wird Ihr Kind darum besser und glücklicher, weil seine Mutter um eines Vorurteils willen sich heimlich zerquält und einen ehrlichen Menschen, der sie vergöttert, einfach ins Tollhaus bringt? Adele, Adele! Es kommt eine Zeit, da niemand auf dieser Erde mehr weiß, wo unsre Gebeine ruhen! Die Pflugschar geht einst über die Stätte, wo jetzt Ihr Schloß ragt ... Glauben Sie wirklich, daß Ihre Seele dann irgendwo im unendlichen Weltraum Freude darüber fühlt, sich und mich damals zertrümmert zu haben?«
»Das weiß ich nicht,« versetzte die Gräfin ruhig. »Auch wäre das eine traurige Pflichterfüllung, die sich von der Erwägung abhängig machte, ob eine That sich lohnt. So viel im allgemeinen. Jetzt aber muß ich Ihnen doch scharf betonen, daß Sie mich vollständig mißversteh'n! Ich bin fertig und klar mit allem und durch Gottes Hilfe so stark, daß ich von keinem Kampf mehr zu reden habe. Ach, Herr von Somsdorff, Sie glauben also im Ernste, ich hätte um meinetwillen das Kind hier mitgenommen?«
»Ich dachte ...«