Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe
Chapter 5
Der Graf vom Strahl. Ward, seit die Welt steht, so etwas--?
Käthchen (indem sie eintritt). Ich bins.
Gottschalk. Schaut her, bei Gott! Schaut her, sie ist es selbst!
Sechster Auftritt
Das Käthchen mit einem Brief. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl. Schmeiß sie hinaus. Ich will nichts von ihr wissen.
Gottschalk. Was! Hört ich recht--?
Käthchen. Wo ist der Graf vom Strahl?
Der Graf vom Strahl. Schmeiß sie hinaus! Ich will nichts von ihr wissen!
Gottschalk (nimmt sie bei der Hand). Wie, gnädiger Herr, vergönnt--!
Käthchen (reicht ihm den Brief). Hier! nehmt, Herr Graf!
Der Graf vom Strahl (sich plötzlich zu ihr wendend). Was willst du hier? Was hast du hier zu suchen?
Käthchen (erschrocken). Nichts!--Gott behüte! Diesen Brief hier bitt ich-Der Graf vom Strahl. Ich will ihn nicht!--Was ist dies für ein Brief? Wo kommt er her? Und was enthält er mir?
Käthchen. Der Brief hier ist-Der Graf vom Strahl. Ich will davon nichts wissen! Fort! Gib ihn unten in dem Vorsaal ab.
Käthchen. Mein hoher Herr! Laßt bitt ich, Euch bedeuten-Der Graf vom Strahl (wild). Die Dirne, die landstreichend unverschämte! Ich will nichts von ihr wissen! Hinweg, sag ich! Zurück nach Heilbronn, wo du hingehörst!
Käthchen. Herr meines Lebens! Gleich verlaß ich Euch! Den Brief nur hier, der Euch sehr wichtig ist, Erniedrigt Euch, von meiner Hand zu nehmen.
Der Graf vom Strahl. Ich aber will ihn nicht! Ich mag ihn nicht! Fort! Augenblicks! Hinweg!
Käthchen. Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (wendet sich). Die Peitsche her! An welchem Nagel hängt sie? Ich will doch sehn, ob ich, vor losen Mädchen, In meinem Haus nicht Ruh mir kann verschaffen.
(Er nimmt die Peitsche von der Wand.)
Gottschalk. O gnädger Herr! Was macht Ihr? Was beginnt Ihr? Warum auch wollt Ihr, den nicht sie verfaßt, Den Brief, nicht freundlich aus der Hand ihr nehmen?
Der Graf vom Strahl. Schweig, alter Esel, du, sag ich.
Käthchen (zu Gottschalk). Laß, laß!
Der Graf vom Strahl. In Thurneck bin ich hier, weiß, was ich tue; Ich will den Brief aus ihrer Hand nicht nehmen! - Willst du jetzt gehn?
Käthchen (rasch). Ja, mein verehrter Herr!
Der Graf vom Strahl. Wohlan!
Gottschalk (halblaut zu Käthchen da sie zittert).
Sei ruhig. Fürchte nichts.
Der Graf vom Strahl. So fern dich!--Am Eingang steht ein Knecht, dem gib den Brief, Und kehr des Weges heim, von wo du kamst.
Käthchen. Gut, gut. Du wirst mich dir gehorsam finden. Peitsch mich nur nicht, bis ich mit Gottschalk sprach.--(Sie kehrt sich zu Gottschalk um.) Nimm du den Brief.
Gottschalk. Gib her, mein liebes Kind. Was ist dies für ein Brief? Und was enthält er?
Käthchen. Der Brief hier ist vom Graf vom Stein, verstehst du? Ein Anschlag, der noch heut vollführt soll werden, Auf Thurneck, diese Burg, darin enthalten, Und auf das schöne Fräulein Kunigunde, Des Grafen, meines hohen Herren, Braut.
Gottschalk. Ein Anschlag auf die Burg? Es ist nicht möglich! Und vom Graf Stein?--Wie kamst du zu dem Brief?
Käthchen. Der Brief ward Prior Hatto übergeben, Als ich mit Vater just, durch Gottes Fügung, In dessen stiller Klause mich befand. Der Prior, der verstand den Inhalt nicht, Und wollt ihn schon dem Boten wiedergeben; Ich aber riß den Brief ihm aus der Hand, Und eilte gleich nach Thurneck her, euch alles Zu melden, in die Harnische zu jagen; Denn heut, Schlag zwölf um Mitternacht, soll schon Der mörderische Frevel sich vollstrecken.
Gottschalk. Wie kam der Prior Hatto zu dem Brief?
Käthchen. Lieber, das weiß ich nicht; es ist gleichviel. Er ist, du siehst, an irgend wen geschrieben, Der hier im Schloß zu Thurneck wohnhaft ist; Was er dem Prior soll, begreift man nicht. Doch daß es mit dem Anschlag richtig ist, Das hab ich selbst gesehn; denn kurz und gut, Der Graf zieht auf die Thurneck schon heran: Ich bin ihm, auf dem Pfad hieher, begegnet.
Gottschalk. Du siehst Gespenster, Töchterchen!
Käthchen. Gespenster!--Ich sage, nein! So wahr ich Käthchen bin! Der Graf liegt draußen vor der Burg, und wer Ein Pferd besteigen will, und um sich schauen, Der kann den ganzen weiten Wald ringsum Erfüllt von seinen Reisigen erblicken!
Gottschalk. - Nehmt doch den Brief, Herr Graf, und seht selbst zu. Ich weiß nicht, was ich davon denken soll.
Der Graf vom Strahl (legt die Peitsche weg, nimmt den Brief und entfaltet ihn). "Um zwölf Uhr, wenn das Glöckchen schlägt, bin ich Vor Thurneck. Laß die Tore offen sein. Sobald die Flamme zuckt, zieh ich hinein. Auf niemand münz ich es, als Kunigunden, Und ihren Bräutigam, den Graf vom Strahl: Tu mir zu wissen, Alter, wo sie wohnen."
Gottschalk. Ein Höllenfrevel!--Und die Unterschrift?
Der Graf vom Strahl. Das sind drei Kreuze.
(Pause.) Wie stark fandst du den Kriegstroß, Katharina?
Käthchen. Auf sechzig Mann, mein hoher Herr, bis siebzig.
Der Graf vom Strahl. Sahst du ihn selbst den Graf vom Stein?
Käthchen. Ihn nicht.
Der Graf vom Strahl. Wer führte seine Mannschaft an?
Käthchen. Zwei Ritter, Mein hochverehrter Herr, die ich nicht kannte.
Der Graf vom Strahl. Und jetzt, sagst du, sie lägen vor der Burg?
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Wie weit von hier?
Käthchen. Auf ein dreitausend Schritt, verstreut im Walde.
Der Graf vom Strahl. Rechts, auf der Straße?
Käthchen. Links, im Föhrengrunde, Wo überm Sturzbach sich die Brücke baut.
(Pause.)
Gottschalk. Ein Anschlag, greuelhaft, und unerhört!
Der Graf vom Strahl (steckt den Brief ein). Ruf mir sogleich die Herrn von Thurneck her! - Wie hoch ists an der Zeit?
Gottschalk. Glock halb auf zwölf.
Der Graf vom Strahl. So ist kein Augenblick mehr zu verlieren.
(Er setzt sich den Helm auf.)
Gottschalk. Gleich, gleich; ich gehe schon!--Komm, liebes Käthchen, Daß ich dir das erschöpfte Herz erquicke!--Wie großen Dank, bei Gott, sind wir dir schuldig? So in der Nacht, durch Wald und Feld und Tal-Der Graf vom Strahl. Hast du mir sonst noch, Jungfrau, was zu sagen?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl.--Was suchst du da?
Käthchen (sich in den Busen fassend). Den Einschlag, der vielleicht dir wichtig ist. Ich glaub, ich hab--? Ich glaub, er ist--?
(Sie sieht sich um.)
Der Graf vom Strahl. Der Einschlag?
Käthchen. Nein, hier.
(Sie nimmt das Kuvert und gibt es dem Grafen.)
Der Graf vom Strahl. Gib her! (Er betrachtet das Papier.)
Dein Antlitz speit ja Flammen!--Du nimmst dir gleich ein Tuch um, Katharina, Und trinkst nicht ehr, bis du dich abgekühlt. - Du aber hast keins?
Käthchen. Nein-Der Graf vom Strahl (macht sich die Schärpe los--wendet sich plötzlich, und wirft sie auf den Tisch.)
So nimm die Schürze.
(Nimmt die Handschuh und zieht sie sich an.) Wenn du zum Vater wieder heim willst kehren, Werd ich, wie sichs von selbst versteht--(Er hält inne.)
Käthchen. Was wirst du?
Der Graf vom Strahl (erblickt die Peitsche). Was macht die Peitsche hier?
Gottschalk. Ihr selbst ja nahmt sie!
Der Graf vom Strahl (ergrimmt). Hab ich hier Hunde, die zu schmeißen sind?
(Er wirft die Peitsche, daß die Scherben niederklirren, durchs Fenster;
hierauf zu Käthchen:) Pferd dir, mein liebes Kind, und Wagen geben, Die sicher nach Heilbronn dich heimgeleiten.--Wann denkst du heim?
Käthchen (zitternd). Gleich, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl (streichelt ihre Wangen). Gleich nicht! Du kannst im Wirtshaus übernachten.
(Er weint.) - Was glotzt er da? Geh, nimm die Scherben auf!
(Gottschalk hebt die Scherben auf. Er nimmt die Schärpe vom Tisch, und gibt sie Käthchen.)
Da! Wenn du dich gekühlt, gib mir sie wieder.
Käthchen (sie will seine Hand küssen). Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (wendet sich von ihr ab). Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl!
(Getümmel und Glockenklang draußen.)
Gottschalk. Gott, der Allmächtige!
Käthchen. Was ist? Was gibts?
Gottschalk. Ist das nicht Sturm?
Käthchen. Sturm?
Der Graf vom Strahl. Auf! Ihr Herrn von Thurneck! Der Rheingraf, beim Lebendgen, ist schon da!
(Alle ab.)
Szene: Platz vor dem Schloß. Es ist Nacht. Das Schloß brennt. Sturmgeläute.
Siebenter Auftritt
Ein Nachtwächter (tritt auf und stößt ins Horn). Feuer! Feuer! Feuer! Erwacht ihr Männer von Thurneck, ihr Weiber und Kinder des Fleckens erwacht! Werft den Schlaf nieder, der, wie ein Riese, über euch liegt; besinnt euch, ersteht und erwacht! Feuer! Der Frevel zog auf Socken durchs Tor! Der Mord steht, mit Pfeil und Bogen, mitten unter euch, und die Verheerung, um ihm zu leuchten, schlägt ihre Fackel an alle Ecken der Burg! Feuer! Feuer! O daß ich eine Lunge von Erz und ein Wort hätte, das sich mehr schreien ließe, als dies: Feuer! Feuer! Feuer!
Achter Auftritt
Der Graf vom Strahl. Die drei Herren von Thurneck. Gefolge. Der Nachtwächter.
Der Graf vom Strahl. Himmel und Erde! Wer steckte das Schloß in Brand?--Gottschalk!
Gottschalk (außerhalb der Szene). He!
Der Graf vom Strahl. Mein Schild, meine Lanze!
Ritter von Thurneck. Was ist geschehn?
Der Graf vom Strahl. Fragt nicht, nehmt was hier steht, fliegt auf die Wälle, kämpft und schlagt um euch, wie angeschossene Eber!
Ritter von Thurneck. Der Rheingraf ist vor den Toren?
Der Graf vom Strahl. Vor den Toren, ihr Herrn, und ehe ihr den Riegel vorschiebt, drin: Verräterei, im Innern des Schlosses, hat sie ihm geöffnet!
Ritter von Thurneck. Der Mordanschlag, der unerhörte!--Auf! (Ab mit Gefolge.)
Der Graf vom Strahl. Gottschalk!
Gottschalk (außerhalb). He!
Der Graf vom Strahl. Mein Schwert! Mein Schild! meine Lanze.
Neunter Auftritt
Das Käthchen tritt auf. Die Vorigen.
Käthchen (mit Schwert, Schild und Lanze). Hier!
Der Graf vom Strahl (indem er das Schwert nimmt und es sich umgürtet). Was willst du?
Käthchen. Ich bringe dir die Waffen.
Der Graf vom Strahl. Dich rief ich nicht!
Käthchen. Gottschalk rettet.
Der Graf vom Strahl. Warum schickt er den Buben nicht?--Du dringst dich schon wieder auf?
(Der Nachtwächter stößt wieder ins Horn.)
Zehnter Auftritt
Ritter Flammberg mit Reisigen. Die Vorigen.
Flammberg. Ei, so blase du, daß dir die Wangen bersten! Fische und Maulwürfe wissen, daß Feuer ist, was braucht es deines gotteslästerlichen Gesangs, um es uns zu verkündigen?
Der Graf vom Strahl. Wer da?
Flammberg. Strahlburgische!
Der Graf vom Strahl. Flammberg?
Flammberg. Er selbst!
Der Graf vom Strahl. Tritt heran!--Verweil hier, bis wir erfahren, wo der Kampf tobt!
Eilfter Auftritt
Die Tanten von Thurneck treten auf. Die Vorigen.
Erste Tante. Gott helf uns!
Der Graf vom Strahl. Ruhig, ruhig.
Zweite Tante. Wir sind verloren! Wir sind gespießt.
Der Graf vom Strahl. Wo ist Fräulein Kunigunde, eure Nichte?
Erste Tante. Das Fräulein, unsre Nichte?
Kunigunde (im Schloß). Helft! Ihr Menschen! Helft!
Der Graf vom Strahl. Gott im Himmel! War das nicht ihre Stimme? (Er gibt Schild und Lanze an Käthchen.)
Erste Tante. Sie rief!--Eilt, eilt!
Zweite Tante. Dort erscheint sie im Portal!
Erste Tante. Geschwind! Um aller Heiligen! Sie wankt, sie fällt!
Zweite Tante. Eilt sie zu unterstützen!
Zwölfter Auftritt
Kunigunde von Thurneck. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl (empfängt sie in seinen Armen). Meine Kunigunde!
Kunigunde (schwach). Das Bild, das Ihr mir jüngst geschenkt, Graf Friedrich! Das Bild mit dem Futtral!
Der Graf vom Strahl. Was solls? Wo ists?
Kunigunde. Im Feu'r! Weh mir! Helft! Rettet! Es verbrennt.
Der Graf vom Strahl. Laßt, laßt! Habt Ihr mich selbst nicht, Teuerste?
Kunigunde. Das Bild mit dem Futtral, Herr Graf vom Strahl! Das Bild mit dem Futtral!
Käthchen (tritt vor). Wo liegts, wo stehts?
(Sie gibt Schild und Lanze an Flammberg.)
Kunigunde. Im Schreibtisch! Hier, mein Goldkind, ist der Schlüssel!
(Käthchen geht.)
Der Graf vom Strahl. Hör, Käthchen!
Kunigunde. Eile!
Der Graf vom Strahl. Hör, mein Kind!
Kunigunde. Hinweg! Warum auch stellt Ihr wehrend Euch--?
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, Ich will zehn andre Bilder Euch statt dessen-Kunigunde (unterbricht ihn). Dies brauch ich, dies; sonst keins!--Was es mir gilt, Ist hier der Ort jetzt nicht, Euch zu erklären.--Geh, Mädchen geh, schaff Bild mir und Futtral: Mit einem Diamanten lohn ichs dir!
Der Graf vom Strahl. Wohlan, so schaffs! Es ist der Törin recht! Was hatte sie an diesem Ort zu suchen?
Käthchen. Das Zimmer--rechts?
Kunigunde. Links, Liebchen; eine Treppe, Dort, wo der Altan, schau, den Eingang ziert!
Käthchen. Im Mittelzimmer?
Kunigunde. In dem Mittelzimmer! Du fehlst nicht, lauf; denn die Gefahr ist dringend!
Käthchen. Auf! Auf! Mit Gott! Mit Gott! Ich bring es Euch! (Ab.)
Dreizehnter Auftritt
Die Vorigen, ohne Käthchen.
Der Graf vom Strahl. Ihr Leut, hier ist ein Beutel Gold für den, Der in das Haus ihr folgt!
Kunigunde. Warum? Weshalb?
Der Graf vom Strahl. Veit Schmidt! Hans, du! Karl Böttiger! Fritz Töpfer! Ist niemand unter euch?
Kunigunde. Was fällt Euch ein?
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, in der Tat, ich muß gestehn-Kunigunde. Welch ein besondrer Eifer glüht Euch an?--Was ist dies für ein Kind?
Der Graf vom Strahl.--Es ist die Jungfrau, Die heut mit so viel Eifer uns gedient.
Kunigunde. Bei Gott, und wenns des Kaisers Tochter wäre! - Was fürchtet Ihr? Das Haus, wenn es gleich brennt, Steht, wie ein Fels, auf dem Gebälke noch; Sie wird, auf diesem Gang, nicht gleich verderben. Die Treppe war noch unberührt vom Strahl; Rauch ist das einzge Übel, das sie findet.
Käthchen (erscheint in einem brennenden Fenster) Mein Fräulein! He! Hilf Gott! Der Rauch erstickt mich! - Es ist der rechte Schlüssel nicht.
Der Graf vom Strahl (zu Kunigunden). Tod und Teufel! Warum regiert Ihr Eure Hand nicht besser?
Kunigunde. Der rechte Schlüssel nicht?
Käthchen (mit schwacher Stimme). Hilf Gott! Hilf Gott!
Der Graf vom Strahl. Komm herab, mein Kind!
Kunigunde. Laßt, laßt!
Der Graf vom Strahl. Komm herab, sag ich! Was sollst du ohne Schlüssel dort? Komm herab!
Kunigunde. Laßt einen Augenblick--!
Der Graf vom Strahl. Wie? Was, zum Teufel!
Kunigunde. Der Schlüssel, liebes Herzens-Töchterchen, Hängt, jetzt erinnr' ich michs, am Stift des Spiegels, Der überm Putztisch glänzend eingefugt!
Käthchen. Am Spiegelstift?
Der Graf vom Strahl. Beim Gott der Welt! Ich wollte, Er hätte nie gelebt, der mich gezeichnet, Und er, der mich gemacht hat, obenein! - So such!
Kunigunde. Mein Augenlicht! Am Putztisch, hörst du?
Käthchen (indem sie das Fenster verläßt). Wo ist der Putztisch? Voller Rauch ist alles.
Der Graf vom Strahl. Such!
Kunigunde. An der Wand rechts.
Käthchen (unsichtbar). Rechts?
Der Graf vom Strahl. Such, sag ich!
Käthchen (schwach). Hilf Gott! Hilf Gott! Hilf Gott!
Der Graf vom Strahl. Ich sage, such!--Verflucht die hündische Dienstfertigkeit!
Flammberg. Wenn sie nicht eilt: das Haus stürzt gleich zusammen!
Der Graf vom Strahl. Schafft eine Leiter her!
Kunigunde. Wie, mein Geliebter?
Der Graf vom Strahl. Schafft eine Leiter her! Ich will hinauf.
Kunigunde. Mein teurer Freund! Ihr selber wollt--?
Der Graf vom Strahl. Ich bitte! Räumt mir den Platz! Ich will das Bild Euch schaffen
Kunigunde. Harrt einen Augenblick noch, ich beschwör Euch. Sie bringt es gleich herab.
Der Graf vom Strahl. Ich sage, laßt mich!--Putztisch und Spiegel ist, und Nagelstift, Ihr unbekannt, mir nicht; ich finds heraus, Das Bild von Kreid und Öl auf Leinewand, Und brings Euch her, nach Eures Herzens Wunsch.
(Vier Knechte bringen eine Feuerleiter.)
- Hier! Legt die Leiter an!
Erster Knecht (vorn, indem er sich umsieht). Holla! Da hinten!
Ein anderer (zum Grafen). Wo?
Der Graf vom Strahl. Wo das Fenster offen ist.
Die Knechte (heben die Leiter auf). Oha!
Der erste (vorn). Blitz! Bleibt zurück, ihr hinten da! Was macht ihr? Die Leiter ist zu lang!
Die anderen (hinten). Das Fenster ein! Das Kreuz des Fensters eingestoßen! So!
Flammberg (der mit geholfen). Jetzt steht die Leiter fest und rührt sich nicht!
Der Graf vom Strahl (wirft sein Schwert weg). - Wohlan denn!
Kunigunde. Mein Geliebter! Hört mich an!
Der Graf vom Strahl. Ich bin gleich wieder da!
(Er setzt einen Fuß auf die Leiter.)
Flammberg (aufschreiend). Halt! Gott im Himmel!
Kunigunde (eilt erschreckt von der Leiter weg). Was gibts?
Die Knechte. Das Haus sinkt! Fort zurücke!
Alle. Heiland der Welt! Da liegts in Schutt und Trümmern!
(Das Haus sinkt zusammen, der Graf wendet sich, und drückt beide Hände vor die Stirne; alles, was auf der Bühne ist, weicht zurück und wendet sich gleichfalls ab.--Pause.)
Vierzehnter Auftritt
Käthchen tritt rasch, mit einer Papierrolle, durch ein großes Portal, das stehen geblieben ist, auf; hinter ihr ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.
Käthchen (so wie sie aus dem Portal ist, kehrt sie sich, und stürzt vor ihm nieder). Schirmt mich, ihr Himmlischen! Was widerfährt mir?
Der Cherub (berührt ihr Haupt mit der Spitze des Palmenzweigs, und verschwindet).
(Pause.)
Fünfzehnter Auftritt
Die Vorigen ohne den Cherub.
Kunigunde (sieht sich zuerst um). Nun, beim lebendgen Gott, ich glaub, ich träume!--Mein Freund! Schaut her!
Der Graf vom Strahl (vernichtet). Flammberg!
(Er stützt sich auf seine Schulter.)
Kunigunde. Ihr Vettern! Tanten! Herr Graf! so hört doch an!
Der Graf vom Strahl (schiebt sie von sich). Geht, geht!--Ich bitt Euch!
Kunigunde. Ihr Toren! Seid ihr Säulen Salz geworden? Gelöst ist alles glücklich.
Der Graf vom Strahl (mit abgewandtem Gesicht). Trostlos mir! Die Erd hat nichts mehr Schönes. Laßt mich sein.
Flammberg (zu den Knechten). Rasch, Brüder, rasch!
Ein Knecht. Herbei, mit Harken, Spaten!
Ein anderer. Laßt uns den Schutt durchsuchen, ob sie lebt!
Kunigunde (scharf). Die alten, bärtgen Gecken, die! das Mädchen, Das sie verbrannt zur Feuersasche glauben, Frisch und gesund am Boden liegt sie da, Die Schürze kichernd vor dem Mund, und lacht!
Der Graf vom Strahl (wendet sich). Wo?
Kunigunde. Hier!
Flammberg. Nein, sprecht! Es ist nicht möglich.
Die Tanten. Das Mädchen wär--?
Alle. O Himmel! Schaut! Da liegt sie.
Der Graf vom Strahl (tritt zu ihr und betrachtet sie). Nun über dich schwebt Gott mit seinen Scharen!
(Er erhebt sie vom Boden.) Wo kommst du her?
Käthchen. Weiß nit, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Hier stand ein Haus, dünkt mich, und du warst drin. - Nicht? Wars nicht so?
Flammberg.--Wo warst du als es sank?
Käthchen. Weiß nit, ihr Herren, was mir widerfahren.
(Pause.)
Der Graf vom Strahl. Und hat noch obenein das Bild.
(Er nimmt ihr die Rolle aus der Hand.)
Kunigunde (reißt sie an sich). Wo?
Der Graf vom Strahl. Hier.
Kunigunde (erblaßt).
Der Graf vom Strahl. Nicht? Ists das Bild nicht?--Freilich!
Die Tanten. Wunderbar!
Flammberg. Wer gab dir es? Sag an!
Kunigunde (indem sie ihr mit der Rolle einen Streich auf die Backen gibt).
Die dumme Trine! Hatt ich ihr nicht gesagt, das Futteral?
Der Graf vom Strahl Nun, beim gerechten Gott, das muß ich sagen - Ihr wolltet das Futtral?
Kunigunde. Ja und nichts anders! Ihr hattet Euren Namen drauf geschrieben; Er war mir wert, ich hatts ihr eingeprägt.
Der Graf vom Strahl. Wahrhaftig, wenn es sonst nichts war-Kunigunde. So? meint Ihr? Das kommt zu prüfen mir zu und nicht Euch.
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, Eure Güte macht mich stumm.
Kunigunde (zu Käthchen). Warum nahmst dus heraus, aus dem Futteral?
Der Graf vom Strahl. Warum nahmst dus heraus, mein Kind?
Käthchen. Das Bild?
Der Graf vom Strahl. Ja!
Käthchen. Ich nahm es nicht heraus, mein hoher Herr. Das Bild, halb aufgerollt, im Schreibtischwinkel, Den ich erschloß, lag neben dem Futtral.
Kunigunde. Fort!--das Gesicht der Äffin!
Der Graf vom Strahl. Kunigunde!-Käthchen. Hätt ichs hinein erst wieder ordentlich In das Futtral--?
Der Graf vom Strahl. Nein, nein, mein liebes Käthchen! Ich lobe dich, du hast es recht gemacht. Wie konntest du den Wert der Pappe kennen?
Kunigunde. Ein Satan leitet' ihr die Hand!
Der Graf vom Strahl. Sei ruhig!--Das Fräulein meint es nicht so bös. --Tritt ab.
Käthchen. Wenn du mich nur nicht schlägst, mein hoher Herr!
(Sie geht zu Flammberg und mischt sich im Hintergrund unter die Knechte.)
Sechzehnter Auftritt
Die Herren von Thurneck. Die Vorigen.
Ritter von Thurneck. Triumph, ihr Herrn! Der Sturm ist abgeschlagen! Der Rheingraf zieht mit blutgem Schädel heim!
Flammberg. Was! Ist er fort?
Volk. Heil, Heil!
Der Graf vom Strahl. Zu Pferd, zu Pferd! Laßt uns den Sturzbach ungesäumt erreichen, So schneiden wir die ganze Rotte ab!
(Alle ab.)
Vierter Akt
Szene: Gegend im Gebirg, mit Wasserfällen und einer Brücke.
Erster Auftritt
Der Rheingraf vom Stein, zu Pferd, zieht mit einem Troß Fußvolk über die Brücke. Ihnen folgt der Graf vom Strahl zu Pferd; bald darauf Ritter Flammberg mit Knechten und Reisigen zu Fuß. Zuletzt Gottschalk gleichfalls zu Pferd, neben ihm das Käthchen.
Rheingraf (zu dem Troß). Über die Brücke, Kinder, über die Brücke! Dieser Wetter vom Strahl kracht, wie vom Sturmwind getragen, hinter uns drein; wir müssen die Brücke abwerfen, oder wir sind alle verloren! (Er reitet über die Brücke.)
Knechte des Rheingrafen (folgen ihm). Reißt die Brücke nieder! (Sie werfen die Brücke ab.)
Der Graf vom Strahl (erscheint in der Szene, sein Pferd tummelnd). Hinweg!--Wollt ihr den Steg unberührt lassen?
Knechte des Rheingrafen (schießen mit Pfeilen auf ihn). Hei! Diese Pfeile zur Antwort dir!
Der Graf vom Strahl (wendet das Pferd). Meuchelmörder!--He! Flammberg!
Käthchen (hält eine Rolle in die Höhe). Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (zu Flammberg). Die Schützen her!
Rheingraf (über den Fluß rufend). Auf Wiedersehn, Herr Graf! Wenn Ihr schwimmen könnt, so schwimmt; auf der Steinburg, diesseits der Brücke, sind wir zu finden. (Ab mit dem Troß.)
Der Graf vom Strahl. Habt Dank ihr Herrn! Wenn der Fluß trägt, so sprech ich bei euch ein! (Er reitet hindurch.)
Ein Knecht (aus seinem Troß). Halt! zum Henker! nehmt Euch in acht!
Käthchen (am Ufer zurückbleibend). Herr Graf vom Strahl!
Ein anderer Knecht. Schafft Balken und Bretter her!
Flammberg. Was! bist du ein Jud?
Alle. Setzt hindurch! Setzt hindurch! (Sie folgen ihm.)
Der Graf vom Strahl. Folgt! Folgt! Es ist ein Forellenbach, weder breit noch tief! So recht! So recht! Laßt uns das Gesindel völlig in die Pfanne hauen! (Ab mit dem Troß.)
Käthchen. Herr Graf vom Strahl! Herr Graf vom Strahl!
Gottschalk (wendet mit dem Pferde um). Ja, was lärmst und schreist du?--Was hast du hier im Getümmel zu suchen? Warum läufst du hinter uns drein?
Käthchen (hält sich an einem Stamm). Himmel!
Gottschalk (indem er absteigt). Komm! Schürz und schwinge dich! Ich will das Pferd an die Hand nehmen, und dich hindurch führen.
Der Graf vom Strahl (hinter der Szene). Gottschalk!
Gottschalk. Gleich, gnädiger Herr, gleich! Was befehlt Ihr?
Der Graf vom Strahl. Meine Lanze will ich haben!
Gottschalk (hilft das Käthchen in den Steigbügel). Ich bringe sie schon!
Käthchen. Das Pferd ist scheu.
Gottschalk (reißt das Pferd in den Zügel). Steh, Mordmähre!--So zieh dir Schuh und Strümpfe aus!
Käthchen (setzt sich auf einen Stein). Geschwind!
Der Graf vom Strahl (außerhalb). Gottschalk!
Gottschalk. Gleich, gleich! Ich bringe die Lanze schon.--Was hast du denn da in der Hand?
Käthchen (indem sie sich auszieht). Das Futteral, Lieber, das gestern--nun!
Gottschalk. Was! Das im Feuer zurück blieb?
Käthchen. Freilich! Um das ich gescholten ward. Früh morgens, im Schutt, heut sucht ich nach und durch Gottes Fügung--nun, so! (Sie zerrt sich am Strumpf.)
Gottschalk. Je, was der Teufel! (Er nimmt es ihr aus der Hand.) Und unversehrt, bei meiner Treu, als wärs Stein!--Was steckt denn drin?
Käthchen. Ich weiß nicht.