Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe
Chapter 2
Käthchen (stellt sich neben den Grafen vom Strahl, und sieht die Richter an).
Graf Otto. Nun?
Wenzel. Wirds?
Hans. Wirst du gefällig dich bemühn?
Graf Otto. Wirst dem Gebot dich deiner Richter fügen?
Käthchen (für sich). Sie rufen mich
Wenzel. Nun, ja!
Hans. Was sagte sie?
Graf Otto (befremdet). Ihr Herrn, was fehlt dem sonderbaren Wesen?
(Sie sehen sich an.)
Käthchen (für sich). Vermummt von Kopf zu Füßen sitzen sie, Wie das Gericht, am jüngsten Tage, da!
Der Graf vom Strahl (sie aufweckend). Du wunderliche Maid! Was träumst, was treibst du? Du stehst hier vor dem heimlichen Gericht! Auf jene böse Kunst bin ich verklagt, Mit der ich mir, du weißt, dein Herz gewann, Geh hin, und melde jetzo, was geschehn!
Käthchen (sieht ihn an und legt ihre Hände auf die Brust). - Du quälst mich grausam, daß ich weinen möchte! Belehre deine Magd, mein edler Herr, Wie soll ich mich in diesem Falle fassen?
Graf Otto (ungeduldig). Belehren--was!
Hans. Bei Gott! Ist es erhört?
Der Graf vom Strahl (mit noch milder Strenge). Du sollst sogleich vor jene Schranke treten, Und Rede stehn, auf was man fragen wird!
Käthchen. Nein! sprich! Du bist verklagt?
Der Graf vom Strahl. Du hörst.
Käthchen. Und jene Männer dort sind deine Richter?
Der Graf vom Strahl. So ists.
Käthchen (zur Schranke tretend). Ihr würdgen Herrn, wer ihr auch sein mögt dort, Steht gleich vom Richtstuhl auf und räumt ihn diesem! Denn, beim lebendgen Gott, ich sag es euch, Rein, wie sein Harnisch ist sein Herz, und eures Verglichen ihm, und meins, wie eure Mäntel. Wenn hier gesündigt ward, ist er der Richter, Und ihr sollt zitternd vor der Schranke stehn!
Graf Otto. Du, Närrin, jüngst der Nabelschnur entlaufen, Woher kommt die prophetsche Kunde dir? Welch ein Apostel hat dir das vertraut?
Theobald. Seht die Unselige!
Käthchen (da sie den Vater erblickt, auf ihn zugehend).
Mein teurer Vater!
(Sie will seine Hand ergreifen.)
Theobald (streng). Dort ist der Ort jetzt wo du hingehörst!
Käthchen. Weis mich nicht von dir.
(Sie laßt seine Hand und küßt sie.)
Theobald.--Kennst du das Haar noch wieder, Das deine Flucht mir jüngsthin grau gefärbt?
Käthchen. Kein Tag verging, daß ich nicht einmal dachte, Wie seine Locken fallen. Sei geduldig, Und gib dich nicht unmäßgem Grame preis: Wenn Freude Locken wieder dunkeln kann So sollst du wieder wie ein Jüngling blühn.
Graf Otto. Ihr Häscher dort! ergreift sie! bringt sie her!
Theobald. Geh hin, wo man dich ruft.
Käthchen (zu den Richtern, da sich ihr die Häscher nähern).
Was wollt ihr mir?
Wenzel. Saht ihr ein Kind, so störrig je, als dies?
Graf Otto (da sie vor der Schranke steht). Du sollst hier Antwort geben, kurz und bündig, Auf unsre Fragen! Denn wir, von unserem Gewissen eingesetzt, sind deine Richter Und an der Strafe, wenn du freveltest Wirds deine übermütge Seele fühlen.
Käthchen. Sprecht ihr verehrten Herrn; was wollt ihr wissen?
Graf Otto. Warum, als Friedrich Graf vom Strahl erschien, In deines Vaters Haus, bist du zu Füßen Wie man vor Gott tut, nieder ihm gestürzt? Warum warfst du, als er von dannen ritt' Dich aus dem Fenster sinnlos auf die Straße, Und folgtest ihm, da kaum dein Bein vernarbt, Von Ort zu Ort, durch Nacht und Graus und Nebel, Wohin sein Roß den Fußtritt wendete?
Käthchen (hochrot zum Grafen). Das soll ich hier vor diesen Männern sagen?
Der Graf vom Strahl. Die Närrin, die verwünschte, sinnverwirrte, Was fragt sie mich? Ists nicht an jener Männer Gebot, die Sache darzutun, genug?
Käthchen (in Staub niederfallend). Nimm mir, o Herr, das Leben, wenn ich fehlte! Was in des Busens stillem Reich geschehn, Und Gott nicht straft, das braucht kein Mensch zu wissen; Den nenn ich grausam, der mich darum fragt! Wenn du es wissen willst, wohlan, so rede, Denn dir liegt meine Seele offen da!
Hans. Ward, seit die Welt steht, so etwas erlebt?
Wenzel. Im Staub liegt sie vor ihm-Hans. Gestürzt auf Knieen-Wenzel. Wie wir vor dem Erlöser hingestreckt!
Der Graf vom Strahl (zu den Richtern). Ihr würdgen Herrn, ihr rechnet, hoff ich, mir Nicht dieses Mädchens Torheit an! Daß sie Ein Wahn betört, ist klar, wenn euer Sinn Auch gleich, wie meiner, noch nicht einsieht, welcher? Erlaubt ihr mir, so frag ich sie darum: Ihr mögt, aus meinen Wendungen entnehmen, Ob meine Seele schuldig ist, ob nicht?
Graf Otto (ihn forschend ansehend). Es sei! Versuchts einmal, Herr Graf, und fragt sie.
Der Graf vom Strahl (wendet sich zu Käthchen, die noch immer auf Knieen liegt). Willt den geheimsten der Gedanken mir, Kathrina, der dir irgend, faß mich wohl, Im Winkel wo des Herzens schlummert, geben?
Käthchen. Das ganze Herz, o Herr, dir, willt du es, So bist du sicher des, was darin wohnt.
Der Graf vom Strahl. Was ists, mit einem Wort, mir rund gesagt, Das dich aus deines Vaters Hause trieb? Was fesselt dich an meine Schritte an?
Käthchen. Mein hoher Herr! Da fragst du mich zuviel. Und läg ich so, wie ich vor dir jetzt liege, Vor meinem eigenen Bewußtsein da: Auf einem goldnen Richtstuhl laß es thronen, Und alle Schrecken des Gewissens ihm, In Flammenrüstungen, zur Seite stehn; So spräche jeglicher Gedanke noch, Auf das, was du gefragt: ich weiß es nicht.
Der Graf vom Strahl. Du lügst mir, Jungfrau? Willst mein Wissen täuschen? Mir, der doch das Gefühl dir ganz umstrickt; Mir, dessen Blick du da liegst, wie die Rose, Die ihren jungen Kelch dem Licht erschloß?--Was hab ich dir einmal, du weißt, getan? Was ist an Leib und Seel dir widerfahren?
Käthchen. Wo?
Der Graf vom Strahl. Da oder dort.
Käthchen. Wann?
Der Graf vom Strahl. Jüngst oder früherhin.
Käthchen. Hilf mir, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Ja, ich dir helfen, Du wunderliches Ding.--(Er hält inne.)
Besinnst du dich auf nichts?
Käthchen (sieht vor sich nieder).
Der Graf vom Strahl. Was für ein Ort, wo du mich je gesehen, Ist dir im Geist, vor andern, gegenwärtig.
Käthchen. Der Rhein ist mir vor allen gegenwärtig.
Der Graf vom Strahl. Ganz recht. Da eben wars. Das wollt ich wissen. Der Felsen am Gestad des Rheins, wo wir Zusammen ruhten, in der Mittagshitze. - Und du gedenkst nicht, was dir da geschehn?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Nicht? Nicht? - Was reicht ich deiner Lippe zur Erfrischung?
Käthchen. Du sandtest, weil ich deines Weins verschmähte, Den Gottschalk, deinen treuen Knecht, und ließest Ihn einen Trunk mir, aus der Grotte schöpfen.
Der Graf vom Strahl. Ich aber nahm dich bei der Hand, und reichte Sonst deiner Lippe--nicht? Was stockst du da?
Käthchen. Wann?
Der Graf vom Strahl. Eben damals.
Käthchen. Nein, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Jedoch nachher.
Käthchen. In Straßburg?
Der Graf vom Strahl. Oder früher.
Käthchen. Du hast mich niemals bei der Hand genommen.
Der Graf vom Strahl. Kathrina!
Käthchen (errötend). Ach vergib mir; in Heilbronn!
Der Graf vom Strahl. Wann?
Käthchen. Als der Vater dir am Harnisch wirkte.
Der Graf vom Strahl. Und sonst nicht?
Käthchen. Nein, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Kathrina!
Käthchen. Mich bei der Hand?
Der Graf vom Strahl. Ja, oder sonst, was weiß ich.
Käthchen (besinnt sich). In Straßburg einst, erinnr' ich mich, beim Kinn.
Der Graf vom Strahl. Wann?
Käthchen. Als ich auf der Schwelle saß und weinte, Und dir auf was du sprachst, nicht Rede stand.
Der Graf vom Strahl. Warum nicht standst du Red?
Käthchen. Ich schämte mich.
Der Graf vom Strahl. Du schämtest dich? Ganz recht. Auf meinen Antrag. Du wardst glutrot bis an den Hals hinab. Welch einen Antrag macht ich dir?
Käthchen. Der Vater, Der würd, sprachst du, daheim im Schwabenland, Um mich sich härmen, und befragtest mich, Ob ich mit Pferden, die du senden wolltest, Nicht nach Heilbronn zu ihm zurück begehrte?
Der Graf vom Strahl (kalt). Davon ist nicht die Rede!--Nun, wo auch, Wo hab ich sonst im Leben dich getroffen? - Ich hab im Stall zuweilen dich besucht.
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Nicht? Katharina!
Käthchen. Du hast mich niemals in dem Stall besucht, Und noch viel wen'ger rührtest du mich an.
Der Graf vom Strahl. Was? Niemals?
Käthchen. Nein, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Kathrina!
Käthchen (mit Affekt). Niemals, mein hochverehrter Herr, niemals.
Der Graf vom Strahl. Nun seht, bei meiner Treu, die Lügnerin!
Käthchen. Ich will nicht selig sein, ich will verderben, Wenn du mich je--!
Der Graf vom Strahl (mit dem Schein der Heftigkeit.)
Da schwört sie und verflucht Sich, die leichtfertge Dirne, noch und meint, Gott werd es ihrem jungen Blut vergeben! - Was ist geschehn, fünf Tag von hier, am Abend, In meinem Stall, als es schon dunkelte, Und ich den Gottschalk hieß, sich zu entfernen?
Käthchen. O! Jesus! Ich bedacht es nicht!--Im Stall zu Strahl, da hast du mich besucht.
Der Graf vom Strahl. Nun denn! Da ists heraus? Da hat sie nun Der Seelen Seligkeit sich weggeschworen! Im Stall zu Strahl, da hab ich sie besucht!
(Käthchen weint.) (Pause.)
Graf Otto. Ihr quält das Kind zu sehr.
Theobald (nähert sich ihr gerührt). Komm, meine Tochter.
(Er will sie an seine Brust heben.)
Käthchen. Laß, laß!
Wenzel. Das nenn ich menschlich nicht verfahren.
Graf Otto. Zuletzt ist nichts im Stall zu Strahl geschehen.
Der Graf vom Strahl (sieht sie an). Bei Gott, ihr Herrn, wenn ihr des Glaubens seid: Ich bins! Befehlt, so gehn wir aus einander.
Graf Otto. Ihr sollt das Kind befragen, ist die Meinung, Nicht mit barbarischem Triumph verhöhnen. Seis, daß Natur Euch solche Macht verliehen: Geübt wie Ihrs tut, ist sie hassenswürdger, Als selbst die Höllenkunst, der man Euch zeiht.
Der Graf vom Strahl (erhebt das Käthchen vom Boden). Ihr Herrn, was ich getan, das tat ich nur, Sie mit Triumph hier vor euch zu erheben! Statt meiner--(Auf den Boden hinzeigend.)
steht mein Handschuh vor Gericht! Glaubt ihr von Schuld sie rein, wie sie es ist, Wohl, so erlaubt denn, daß sie sich entferne.
Wenzel. Es scheint Ihr habt viel Gründe, das zu wünschen?
Der Graf vom Strahl. Ich? Gründ? Entscheidende! Ihr wollt sie, hoff ich, Nicht mit barbarschem Übermut verhöhnen?
Wenzel (mit Bedeutung). Wir wünschen doch, erlaubt Ihrs, noch zu hören, Was in dem Stall damals zu Strahl geschehn.
Der Graf vom Strahl. Das wollt ihr Herrn noch--?
Wenzel. Allerdings!
Der Graf vom Strahl (glutrot, indem er sich zum Käthchen wendet).
Knie nieder!
(Käthchen läßt sich auf Knieen vor ihm nieder.)
Graf Otto. Ihr seid sehr dreist, Herr Friedrich Graf vom Strahl!
Der Graf vom Strahl (zum Käthchen). So! Recht! Mir gibst du Antwort und sonst keinem.
Hans. Erlaubt! Wir werden sie-Der Graf vom Strahl (ebenso). Du rührst dich nicht! Hier soll dich keiner richten, als nur der, Dem deine Seele frei sich unterwirft.
Wenzel. Herr Graf, man wird hier Mittel-Der Graf vom Strahl (mit unterdrückter Heftigkeit)
Ich sage, nein! Der Teufel soll mich holen, zwingt ihr sie!--Was wollt ihr wissen, ihr verehrten Herrn?
Hans (auffahrend). Beim Himmel!
Wenzel. Solch ein Trotz soll--!
Hans. He! Die Häscher!
Graf Otto (halblaut). Laßt, Freunde, laßt! Vergeßt nicht, wer er ist.
Erster Richter. Er hat nicht eben, drückt Verschuldung ihn, Mit List sie überhört.
Zweiter Richter. Das sag ich auch! Man kann ihm das Geschäft wohl überlassen.
Graf Otto (zum Grafen vom Strahl). Befragt sie, was geschehn, fünf Tag von hier, Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte, Und ihr den Gottschalk hießt, sich zu entfernen?
Der Graf vom Strahl (zum Käthchen). Was ist geschehn, fünf Tag von hier, am Abend, Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte, Und ich den Gottschalk hieß, sich zu entfernen?
Käthchen. Mein hoher Herr! Vergib mir, wenn ich fehlte; Jetzt leg ich alles, Punkt für Punkt, dir dar.
Der Graf vom Strahl. Gut.--Da berührt ich dich und zwar--nicht? Freilich! Das schon gestandst du?
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Nun?
Käthchen. Mein verehrter Herr?
Der Graf vom Strahl. Was will ich wissen?
Käthchen. Was du willst wissen?
Der Graf vom Strahl. Heraus damit! Was stockst du? Ich nahm, und herzte dich, und küßte dich, Und schlug den Arm dir--?
Käthchen. Nein, mein hoher Herr.
Der Graf vom Strahl. Was sonst?
Käthchen. Du stießest mich mit Füßen von dir.
Der Graf vom Strahl. Mit Füßen? Nein! Das tu ich keinem Hund. Warum? Weshalb? Was hattst du mir getan?
Käthchen. Weil ich dem Vater, der voll Huld und Güte, Gekommen war, mit Pferden, mich zu holen, Den Rücken, voller Schrecken, wendete, Und mit der Bitte, mich vor ihm zu schützen, Im Staub vor dir bewußtlos nieder sank.
Der Graf vom Strahl. Da hätt ich dich mit Füßen weggestoßen?
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Ei, Possen, was! Das war nur Schelmerei, des Vaters wegen. Du bliebst doch nach wie vor im Schloß zu Strahl.
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Nicht? Wo auch sonst?
Käthchen. Als du die Peitsche, flammenden Gesichts, Herab vom Riegel nahmst, ging ich hinaus, Vor das bemooste Tor, und lagerte Mich draußen, am zerfallnen Mauernring Wo in süßduftenden Holunderbüschen Ein Zeisig zwitschernd sich das Nest gebaut.
Der Graf vom Strahl. Hier aber jagt ich dich mit Hunden weg?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Und als du wichst, Verfolgt vom Hundgeklaff, von meiner Grenze, Rief ich den Nachbar auf, dich zu verfolgen?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr! Was sprichst du da?
Der Graf vom Strahl. Nicht? Nicht?--Das werden diese Herren tadeln.
Käthchen. Du kümmerst dich um diese Herren nicht. Du sandtest Gottschalk mir am dritten Tage, Daß er mir sag: dein liebes Käthchen wär ich; Vernünftig aber möcht ich sein, und gehn.
Der Graf vom Strahl. Und was entgegnetest du dem?
Käthchen. Ich sagte, Den Zeisig littest du, den zwitschernden, In den süßduftenden Holunderbüschen: Möchtst denn das Käthchen von Heilbronn auch leiden.
Der Graf vom Strahl (erhebt das Käthchen). Nun dann, so nehmt sie hin, ihr Herrn der Vehme, Und macht mit ihr und mir jetzt, was ihr wollt.
(Pause.)
Graf Otto (unwillig). Der aberwitzge Träumer, unbekannt Mit dem gemeinen Zauber der Natur!--Wenn euer Urteil reif, wie meins, ihr Herrn, Geh ich zum Schluß, und laß die Stimmen sammeln.
Wenzel. Zum Schluß!
Hans. Die Stimmen!
Alle. Sammelt sie!
Ein Richter. Der Narr, der! Der Fall ist klar. Es ist hier nichts zu richten.
Graf Otto. Vehmherold, nimm den Helm und sammle sie.
(Vehmherold sammelt die Kugeln und bringt den Helm, worin sie liegen, dem Grafen.)
Graf Otto (steht auf). Herr Friedrich Wetter Graf vom Strahl, du bist Einstimmig von der Vehme losgesprochen, Und dir dort, Theobald, dir geb ich auf, Nicht fürder mit der Klage zu erscheinen, Bis du kannst bessere Beweise bringen.
(Zu den Richtern.) Steht auf, ihr Herrn! die Sitzung ist geschlossen.
(Die Richter erheben sich.)
Theobald. Ihr hochverehrten Herrn, ihr sprecht ihn schuldlos? Gott sagt ihr, hat die Welt aus nichts gemacht; Und er, der sie durch nichts und wieder nichts Vernichtet, in das erste Chaos stürzt, Der sollte nicht der leidge Satan sein?
Graf Otto. Schweig, alter, grauer Tor! Wir sind nicht da, Dir die verrückten Sinnen einzurenken. Vehmhäscher, an dein Amt! Blend ihm die Augen, Und führ ihn wieder auf das Feld hinaus.
Theobald. Was! Auf das Feld? Mich hilflos greisen Alten? Und dies mein einzig liebes Kind,--?
Graf Otto. Herr Graf, Das überläßt die Vehme Euch! Ihr zeigtet Von der Gewalt, die Ihr hier übt, so manche Besondre Probe uns; laßt uns noch eine, Die größeste, bevor wir scheiden, sehn, Und gebt sie ihrem alten Vater wieder.
Der Graf vom Strahl. Ihr Herren, was ich tun kann, soll geschehn. --Jungfrau!
Käthchen. Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl. Du liebst mich?
Käthchen. Herzlich!
Der Graf vom Strahl. So tu mir was zu Lieb.
Käthchen. Was willst du? Sprich.
Der Graf vom Strahl. Verfolg mich nicht. Geh nach Heilbronn zurück. --Willst du das tun?
Käthchen. Ich hab es dir versprochen.
(Sie fällt in Ohnmacht.)
Theobald (empfängt sie). Mein Kind! Mein Einziges! Hilf, Gott im Himmel!
Der Graf vom Strahl (wendet sich). Dein Tuch her, Häscher! (Er verbindet sich die Augen.)
Theobald. O verflucht sei, Mordschaunder Basiliskengeist! Mußt ich Auch diese Probe deiner Kunst noch sehn?
Graf Otto (vom Richtstuhl herabsteigend). Was ist geschehn, ihr Herrn?
Wenzel. Sie sank zu Boden.
(Sie betrachten sie.)
Der Graf vom Strahl (zu den Häschern). Führt mich hinweg!
Theobald. Der Hölle zu, du Satan! Laß ihre schlangenhaargen Pförtner dich An ihrem Eingang, Zauberer, ergreifen, Und dich zehntausend Klafter tiefer noch, Als ihre wildsten Flammen lodern, schleudern!
Graf Otto. Schweig Alter, schweig!
Theobald (weint). Mein Kind! Mein Käthchen!
Käthchen. Ach!
Wenzel (freudig). Sie schlägt die Augen auf!
Hans. Sie wird sich fassen.
Graf Otto. Bringt in des Pförtners Wohnung sie! Hinweg!
(Alle ab.)
Zweiter Akt
Szene: Wald vor der Höhle des heimlichen Gerichts.
Erster Auftritt
Der Graf vom Strahl (tritt auf, mit verbundenen Augen, geführt von zwei Häschern, die ihm die Augen aufbinden, und alsdann in die Höhle zurückkehren--Er wirft sich auf den Boden nieder und weint). Nun will ich hier, wie ein Schäfer liegen und klagen. Die Sonne scheint noch rötlich durch die Stämme, auf welchen die Wipfel des Waldes ruhn; und wenn ich, nach einer kurzen Viertelstunde, sobald sie hinter den Hügel gesunken ist, aufsitze, und mich im Blachfelde, wo der Weg eben ist, ein wenig daran halte, so komme ich noch nach Schloß Wetterstrahl, ehe die Lichter darin erloschen sind. Ich will mir einbilden, meine Pferde dort unten, wo die Quelle rieselt, wären Schafe und Ziegen, die an dem Felsen kletterten, und an Gräsern und bittern Gesträuchen rissen; ein leichtes weißes linnenes Zeug bedeckte mich, mit roten Bändern zusammengebunden, und um mich her flatterte eine Schar muntrer Winde, um die Seufzer, die meiner, von Gram sehr gepreßten, Brust entquillen, gradaus zu der guten Götter Ohr empor zu tragen. Wirklich und wahrhaftig! Ich will meine Muttersprache durchblättern, und das ganze, reiche Kapitel, das diese Überschrift führt: Empfindung, dergestalt plündern, daß kein Reimschmied mehr, auf eine neue Art, soll sagen können: ich bin betrübt. Alles, was die Wehmut Rührendes hat, will ich aufbieten, Lust und in den Tod gehende Betrübnis sollen sich abwechseln, und meine Stimme, wie einen schönen Tänzer, durch alle Beugungen hindurch führen, die die Seele bezaubern; und wenn die Bäume nicht in der Tat bewegt werden, und ihren milden Tau, als ob es geregnet hätte, herabträufeln lassen, so sind sie von Holz, und alles, was uns die Dichter von ihnen sagen, ein bloßes liebliches Märchen. O du--wie nenn ich dich? Käthchen! Warum kann ich dich nicht mein nennen? Käthchen, Mädchen, Käthchen! Warum kann ich dich nicht mein nennen? Warum kann ich dich nicht aufheben, und in das duftende Himmelbett tragen, das mir die Mutter, daheim im Prunkgemach, aufgerichtet hat? Käthchen, Käthchen, Käthchen! Du, deren junge Seele, als sie heut nackt vor mir stand, von wollüstiger Schönheit gänzlich triefte, wie die mit Ölen gesalbte Braut eines Perserkönigs, wenn sie, auf alle Teppiche niederregnend, in sein Gemach geführt wird! Käthchen, Mädchen, Käthchen! Warum kann ich es nicht? Du Schönere, als ich singen kann, ich will eine eigene Kunst erfinden, und dich weinen. Alle Phiolen der Empfindung, himmlische und irdische, will ich eröffnen, und eine solche Mischung von Tränen, einen Erguß so eigentümlicher Art, so heilig zugleich und üppig, zusammenschütten, daß jeder Mensch gleich, an dessen Hals ich sie weine, sagen soll: sie fließen dem Käthchen von Heilbronn!--Ihr grauen, bärtigen Alten, was wollt ihr? Warum verlaßt ihr eure goldnen Rahmen, ihr Bilder meiner geharnischten Väter, die meinen Rüstsaal bevölkern, und tretet, in unruhiger Versammlung, hier um mich herum, eure ehrwürdigen Locken schüttelnd? Nein, nein, nein! Zum Weibe, wenn ich sie gleich liebe, begehr ich sie nicht; eurem stolzen Reigen will ich mich anschließen: das war beschloßne Sache, noch ehe ihr kamt. Dich aber, Winfried, der ihn führt, du Erster meines Namens, Göttlicher mit der Scheitel des Zeus, dich frag ich, ob die Mutter meines Geschlechts war, wie diese: von jeder frommen Tugend strahlender, makelloser an Leib und Seele, mit jedem Liebreiz geschmückter, als sie? O Winfried! Grauer Alter! Ich küsse dir die Hand, und danke dir, daß ich bin; doch hättest du sie an die stählerne Brust gedrückt, du hättest ein Geschlecht von Königen erzeugt, und Wetter vom Strahl hieße jedes Gebot auf Erden! Ich weiß, daß ich mich fassen und diese Wunde vernarben werde: denn welche Wunde vernarbte nicht der Mensch? Doch wenn ich jemals ein Weib finde, Käthchen, dir gleich: so will ich die Länder durchreisen, und die Sprachen der Welt lernen, und Gott preisen in jeder Zunge, die geredet wird.--Gottschalk!
Zweiter Auftritt
Gottschalk. Der Graf vom Strahl.
Gottschalk (draußen). Heda! Herr Graf vom Strahl!
Der Graf vom Strahl. Was gibts?
Gottschalk. Was zum Henker! Ein Bote ist angekommen von Eurer Mutter.
Der Graf vom Strahl. Ein Bote?
Gottschalk. Gestreckten Laufs, keuchend, mit verhängtem Zügel; mein Seel, wenn Euer Schloß ein eiserner Bogen und er ein Pfeil gewesen wäre, er hätte nicht rascher herangeschossen werden können.
Der Graf vom Strahl. Was hat er mir zu sagen?
Gottschalk. He! Ritter Franz!
Dritter Auftritt
Ritter Flammberg tritt auf. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl. Flammberg!--Was führt dich so eilig zu mir her?
Flammberg. Gnädigster Herr! Eurer Mutter, der Gräfin, Gebot; sie befahl mir den besten Renner zu nehmen, und Euch entgegen zu reiten!
Der Graf vom Strahl. Nun? Und was bringst du mir?
Flammberg. Krieg, bei meinem Eid, Krieg! Ein Aufgebot zu neuer Fehde, warm, wie sie es eben von des Herolds Lippen empfangen hat.
Der Graf vom Strahl (betreten). Wessen?--Doch nicht des Burggrafen, mit dem ich eben den Frieden abschloß? (Er setzt sich den Helm auf.)
Flammberg. Des Rheingrafen, des Junkers vom Stein, der unten am weinumblühten Neckar seinen Sitz hat.
Der Graf vom Strahl. Des Rheingrafen!--Was hab ich mit dem Rheingrafen zu schaffen, Flammberg?
Flammberg. Mein Seel! Was hattet Ihr mit dem Burggrafen zu schaffen? Und was wollte so mancher andere von Euch, ehe Ihr mit dem Burggrafen zu schaffen kriegtet? Wenn Ihr den kleinen griechischen Feuerfunken nicht austretet, der diese Kriege veranlaßt, so sollt Ihr noch das ganze Schwabengebirge wider Euch auflodern sehen, und die Alpen und den Hundsrück obenein.
Der Graf vom Strahl. Es ist nicht möglich! Fräulein Kunigunde-Flammberg. Der Rheingraf fordert, im Namen Fräulein Kunigundens von Thurneck, den Wiederkauf Eurer Herrschaft Stauffen; jener drei Städtlein und siebzehn Dörfer und Vorwerker, Eurem Vorfahren Otto, von Peter, dem ihrigen, unter der besagten Klausel, käuflich abgetreten; grade so, wie dies der Burggraf von Freiburg, und, in früheren Zeiten schon ihre Vettern, in ihrem Namen getan haben.
Der Graf vom Strahl (steht auf). Die rasende Megäre! Ist das nicht der dritte Reichsritter, den sie mir, einem Hund gleich, auf den Hals hetzt, um mir diese Landschaft abzujagen! Ich glaube, das ganze Reich frißt ihr aus der Hand. Kleopatra fand einen, und als der sich den Kopf zerschellt hatte, schauten die anderen; doch ihr dient alles, was eine Ribbe weniger hat, als sie, und für jeden einzelnen, den ich ihr zerzaust zurücksende, stehen zehn andere wider mich auf.--Was führt' er für Gründe an?
Flammberg. Wer? Der Herold?
Der Graf vom Strahl. Was führt' er für Gründe an?
Flammberg. Ei, gestrenger Herr, da hätt er ja rot werden müssen.
Der Graf vom Strahl. Er sprach von Peter von Thurneck--nicht? Und von der Landschaft ungültigem Verkauf?