Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen: Zwei Erzählungen

Part 5

Chapter 5781 wordsPublic domain

Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht, sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge, weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte, matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte, und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen Vater -- als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien, und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast, sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen. In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest, eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit, wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde und purpurn und schwarz -- aber das war alles nur ein Bild, das wie ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief: Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein Vorhang über mir herabgelassen hatte.

Druck von der Offizin Fr. Richter in Leipzig

[ Im folgenden wird die einzige geänderte Textzeile angeführt, wobei zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.

Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln ]