Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen: Zwei Erzählungen
Part 4
Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger. Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen, worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege, um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine, wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald, nachdem der Totengräber mich verraten hatte.
Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt, das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit er nicht übervorteilt und ausgelacht würde.
Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen, das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich, außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter Erde begraben hatten.
Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte, einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben, antwortete -- denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts Besseres einfallen -- das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor, und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge, so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese, denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts, und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend, unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit sollte zu entscheiden haben.
Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte.
Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker, Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?
Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben.
Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende ein.
Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht hätte hausen mögen noch können.
»Flausen!« rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und mit starrendem Schnurrbart, »Tiere sind Tiere und gehören auf den Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen und verdaut werden.«
Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen auf dem Ratstische lag: »Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. -- Gott in seiner Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen, wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen Sündern seine Ruhe lassen wollen!«
Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ, gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin offenbarer Wahrheit: »Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?«
Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte, als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: »Es ist dies meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit zurückgegeben werden sollte.«
Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber, daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals, einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich, daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet; dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat.
Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war, nämlich meinen Vater.
Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt. Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor, aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte, bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat.
Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat, nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich, nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn, meinen Vater, liebte.
Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen, wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut, weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt. Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir gekommen?
Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg, von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten.
Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können, lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären -- aber nun war es vermauert, und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das Todesurteil an mir vollstreckt war.
Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde, und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden, seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich in der Dunkelheit verrinnt.
Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war; nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte. Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte, aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich, daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch, daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte, ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das erstemal das Bild auswischten.
Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge, die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend, den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich, wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde. Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen, und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das Brüllen der Brandung.
Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen.