Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen: Zwei Erzählungen
Part 3
Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister besuchen wollte, ihn aber nicht zu Hause fand und in guter Zuversicht die Jungfrau Tochter bitten ließ, die auch in wenigen Minuten zu erscheinen versprach. Während er in einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein Singen, in dem er deutlich die Melodie und schließlich auch die Textworte unterscheiden konnte; es lautete nämlich:
Herr Quarre wär ein Held Und hätt auch Gott geprellt Ums Regiment der Welt, Wenn nicht das Beste fehlt': Die Grütze und das Geld.
Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, und als nun lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, ergoß er sich in wütenden Reden und forderte tobend, daß ihm der Name des unverschämten Rebellen genannt würde, der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine nachdrückliche Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang auf der Straße vernommen haben, wo man leider oft von liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge hören müsse. Herr Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer gewesen, und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende Blicke auf das Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber ihre unschuldige Miene nicht und sagte ruhig, im Nebenzimmer sei niemand anders gewesen als Flämmchen, der Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, was sie nicht leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen könne, so daß es, wenn auch unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben habe. Herr Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das Nebenzimmer geführt, wo auf einer goldenen Stange Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße daran festgebunden. Sie forderte den Vogel unter Streicheln und Liebkosen auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; aber man vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das er von sich gab, indem er sein grüngoldiges Köpfchen langsam an der weißen Mädchenwange rieb.
Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte von dannen unter der Androhung, daß er den Bürgermeister und sein ganzes Haus wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte sich noch, als Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich verschworen hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, als der Vogt sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. Er brachte eine Klage bei dem Rat ein, und es wurde schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der Bürgermeister, als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte.
Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig die Gerechtsame der Republik schmälern wollte, so feind, wie es ihm zukam, andrerseits aber war es ihm angenehm, dartun zu können, daß, wenn auch seine Stellung bescheidener als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen zu lassen. Er ersuchte zunächst Herrn Quarre, das Lied vorzutragen, das die Ursache des Prozesses war, was derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche Ratsherren konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit sei, wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen Hause in aller Fröhlichkeit laut würden. Der Bürgermeister und seine Tochter beteuerten, daß keiner außer dem Papagei das Lied hätte singen können, und das Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er wahrscheinlich, am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. Herr Quarre zog dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen und überhaupt sehr unwahrscheinlich sei, daß das dumme und eitle Tier sprechen könne, welcher Beweis denn nun freilich auf der Stelle geleistet wurde. Indessen war Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als: Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß mich, Wunneke! welche Reden er süßlich quäkend und unter geschwindem Augenrollen mehr als nötig wiederholte. Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den Papageien für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen wurde, begangen zu haben, und Herr Quarre, der den Vogel nunmehr zwischen Furcht und Staunen für einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß er der Täter sei.
Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht zu einem Urteil schreiten zu dürfen, und die Herren gingen dem Vogel mit Singen und Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie hofften ihn zur Wiederholung des Liedes zu bewegen, indem sie die Melodie und ersten Worte desselben anhüben. Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß er nur den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren Laut zu äußern, was Herr Quarre als Berechnung und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren zögerten in großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte, es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt werden, Flämmchen während einer gewissen Zeit scharf zu beobachten; denn es sei anzunehmen, falls er das Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß er es wiederholen würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und majestätische Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen alle mit Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige und anstellige Ratsherren mittels geheimer Abstimmung ausgewählt, die drei Tage und Nächte hintereinander das Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine Äußerungen achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten war, vertrieben sie sich die Zeit mit schweigendem Würfeln und Kartenspielen, das nur zuweilen dadurch unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es war aber nach Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was auf Flämmchens Kenntnis des bezüglichen Liedes schließen ließ, und man hätte ihn freigesprochen, wenn sich nicht Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte. Ein sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die ganze Republik zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn der ihm zugefügte Schimpf nicht an dem Missetäter gerächt würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine Zeitlang in den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen müßten, um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen.
Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn trotzdem es allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie unser verfemtes Reich betreten und einer Handlung so schauriger Art beiwohnen wollte, hatte sie sich nicht davon zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem Martergange zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein wandelnder Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas voller Veilchen, mit dem ein duftendes Frühlingsgewölk in die kalte Finsternis hineinschwebt. Ach mehr -- wie vor dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den unvermeidlichen Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden Wassermeer eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen bewaldet, denen die Tropfen noch von den glatten Blättern rieseln, so stand sie plötzlich vor mir und schaute mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich lächelte sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche Feierlichkeit, und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; von Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. Woher wußte sie, daß meine Augen alles so sahen wie ihre? Obgleich wir nie ein Wort miteinander gesprochen hatten, sahen wir, während die Handlung sich entfaltete, einander an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle gestellt haben und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten hineintappen. Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer Stimme, wie sie zu meinem Vater sagte: »Herr Marx Grave, wollt bedenken, daß der Beklagte ein zartes und verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen leicht völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.«
Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: »Die Vernunft und die Gesetze gebieten, edles Fräulein, die Pein nicht über das Vermögen des Delinquenten hinausgehen zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den ersten und angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.«
In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte, triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: »Und wenn der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des Urteils übergeben wäre.«
Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: »Hört den Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!« In welchen giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach, indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte. Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden, ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe, eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei und andern üppigen Sultansländern Sitte sei.
»Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,« sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, »sollst du an meiner Stelle amtieren;« denn, meinte er, er selbst sei für solche Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.
Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte, indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke in den Schoß werfen würde.
Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte, damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe, weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl, schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.
So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung, weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte mich an, meinen Delinquenten zu richten.
In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden, spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht, Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen ... Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern; aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als ob Jahrmarkt wäre.
Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut, aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt, das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne weiteres in seine Arme genommen -- denn war sie nicht fast ein Strandgut an unsre fürchterliche Küste geworfen --, mir aber kam das nicht in den Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei, um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der Dunkelheit gekommen.
»Habt Ihr nicht gewußt,« sagte mein Vater, »daß Ihr des Scharfrichters Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß, wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?«
Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte, obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen Pause fuhr mein Vater fort: »Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen: unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.« Ich war so gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat vor und sagte: »Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.«
Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir spornstreichs mitten in die Heide hinein.
Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer. Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere, sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel, die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können. Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim, versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl auszuführen getraute.
Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah. Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen, die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt, und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen bedeckt hätte.