Das höllische Automobil: Novellen
Part 6
»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann lachen über die Mummerei!« --
»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's, und das ist gut.«
In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein Vater früher angehört hatte. --
Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat.
Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen akademischen Bürger herabzublicken?
Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem Hochmut?
Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften blieben.
Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar.
Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum Freunde geeilt.
Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich, als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit, von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam waren, vor allem von ihren Mädchen.
Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde.
Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben würden.
Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die Väter nicht ausschlossen.
Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen, ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.«
* * * * *
Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft! begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt, die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht werden durfte, folgendes.
In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die, an deren Tische sie vorbei mußten.
Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter.
Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte, halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend: »Kann der Prolet nicht Pardon sagen?«
Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf seiner Wange.
Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück.
Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte erhielt.
»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen Klemmergläser hielt.
»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer.
Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund, ein Pistolet!'
* * * * *
Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei.
Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!'
Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man, allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere Universität besuchen wollte.
Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte.
Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut, das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.
Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!
Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig!
Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien....
Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.
Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten. Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat....
Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn, Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.
Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das kann ich nicht vor ihm geheimhalten!'
Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud. med._ ...
»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und tastete nochmals nach der Karte.
Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere.
Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!
Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde an der Brust.
Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich. Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen.
Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein paar Pistolen?«
Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns wirklich....?«
»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?«
»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze zu machen.«
»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!«
»Franz, ich bitte dich!«
»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten -- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen. Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber bitte ich dich um eine Liebe.«
»Was denn?«
»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!«
»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.«
»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten genannt habe?«
»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!«
»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also, los!«
»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!«
»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden, dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft gemaulschellt hat.«
»Aber natürlich, bitte, bediene dich!«
Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte.
* * * * *
Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem Gehölze nahe der Stadt.
Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu vergrößern.
(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache nicht gerade um Tod und Leben ging.)
Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an.
(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer recht dekorativ.«)
Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war.
Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.«
* * * * *
Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten gleichzeitig zwei Schüsse.
Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?...
Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und: »Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin, verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und sich plötzlich verschleiern.
»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor, Doktor!«
Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken.
»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen.
Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das entseelte Auge des Freundes.
Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist alles vorbei.«
Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin.
* * * * *
Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe.
Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen.
* * * * *
Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze gehen.
Und die armen Frauen....
Die Geschichte ist zu Ende.
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Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen:
$Romane.$
$Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl. $Stilpe.$ 5. Aufl. $Die Schlangendame.$ 4. Aufl. $Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl.
$Novellen.$
$Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl. $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl. $Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl. $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl. $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend.
$Gedichte.$
$Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend. $Das seidene Buch.$ 2. Aufl.
$Dramatisches.$
$Lobetanz.$ $Gugeline.$ $Pan im Busch.$ $Stella und Antonie.$ $Zwei Münchner Faschingsspiele.$ $Die vernarrte Prinzeß.$
$Sonstiges.$
$Eine empfindsame Reise im Automobil.$ $Franz Stuck.$ $Hans Thoma.$
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Hans von Kahlenberg
Nixchen
Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend.
M. 1.50, geb. M. 2.50.
Dieses Buch ist in Deutschland verboten.
»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren. Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«.
Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt. Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt). Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_ des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel; gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja. Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten, auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen Oberstleutnants.
=Alfred Kerr=.
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Arthur Schnitzler
Reigen
Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--.
»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war. »Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige, zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.«
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Raoul Auernheimer
Rosen, die wir nicht erreichen
Ein Geschichtenband.
2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--.