Das höllische Automobil: Novellen

Part 2

Chapter 23,726 wordsPublic domain

Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant, das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat, so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden, der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu= penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, -- eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen alten Frau gerufen worden war.

»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und geben Sie ihm was ein.«

»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.

»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn Taler.«

»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld, und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen ohne mich sterben!«

»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas Ordentliches zu essen geben.«

»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der in der Tat sehr fett war.

Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem Doktor unheimlich zumute.

»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er; »bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?«

»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«

»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen eingeben?«

»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von Medizin,« sagte Frechdachs.

»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«

»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs, schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu Hilfe kommen können.

Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen schmeckte.

»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten= Sonntag?«

»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs.

»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«

»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer, ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«

Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für schöne und gute Dinge es geben werde.

Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch, das ist =meine= Einladung. Leb wohl!«

'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen. Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.'

Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es.

»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren, Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt? Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.«

Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer beten wolle.

»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.«

'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang und tanzte nur so über Stock und Stein.

»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.«

»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs.

»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer.

»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat Hunger.«

»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem Bocke.«

»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs, kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten Pfarrer tot.

Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, und er wollte sich gleich über ihn hermachen.

»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!«

»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel ist stärker als ich.«

»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix Herr.«

»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?«

»Das laßt nur meine Sorge sein!«

Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand.

Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte.

»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!«

»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.«

»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter! Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.«

Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.

Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte, feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball zu drücken, daß es nur so tutete.

»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!«

Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie eigentlich?«

»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister schon einigen.«

»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen. Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?«

»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche.

Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in seinem Leben die Zähne putzen.

Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen werde, den Teufel zu verspeisen.

»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern, Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!«

»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.«

»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.«

»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.«

»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für fünf Menschen rechnen.«

»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs.

»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind sie imstande den Teufel zu betrügen.«

»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!«

»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!«

»Warum zehn?« fragte Frechdachs.

»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.«

»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu =niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.«

»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel anrechnen soll.«

»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen, denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.«

»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo.

»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht. Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.«

Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja, meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --«

Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere Delikatesse.

Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren, das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell, daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen, was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte. Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören. Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten, als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der Teufel das Egalité-Kissen nannte.

Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem Augenblick, wo man ihrer benötigt.

»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. -- Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!«

Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das klerikale Ragout auf.

»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel.

»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,« antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.

Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein, wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist. Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra! hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.)

Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!)

Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die nächste Platte!«

Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ... ich ...«

»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.« Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde.

'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an! Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?«

»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,« sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische Manier er mich holen wird.«

Diese Frechheit imponierte dem Teufel.

»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht, daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend. Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen, das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den Motor andrehe?«

»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich, »aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?«