Das hohe Ziel der Erkenntnis: Aranada Upanishad
Part 9
Uns schauend Blinden--Nichts. Da geschieht im All Einen das Unergründbare: Absonderung 'Ich'. Absonderung hält sich zurück--der Strom überflutet; Absonderung drängt vor--der Strom hemmt; Empfindung und Empfundenes--Wirkung aus dir und Wirkung auf dich.-- Das Eine, Einheitliche, Ungeteilte, Unteilbare--: als sei zwiefach Sein. Es scheint als seist du--es scheint als sei außer dir, es scheint, erscheint, und ist wirklich: Ich und Sinnenwelt, ja und nein, Lust und Leid, und alle Worte. Aus dem seelisch Einen das sinnlich Zerklüftete: die im Ich-bewußtsein erwachte Welt. Aus dem Ewigen das ewig Vergängliche-- Vergängliche Welten zeugen wider sich selbst: Absonderung "Ich" aus Gottheit ist Sündenfall. Ur-sprung--atmende Kluft, die trennend verbindet--Anziehung und Abstoßung, Entzweiug und Zu-eins-paarung, Werden-Verwerden zugleich --Spiel in sich selbst--unsere Welt-- --eine Welt durch ewig erneuten Ursprung in sich; eine Welt in ewiger Selbstentzweiung, in ewigem Kampfe gegen sich selbst, in ewiger Blindheit sich selbst gebärend, sich selbst vernichtend--die im Wahn gewordene, im Wahnsinn verharrende Welt. Unabsehbar grauenerfüllte Wahlstatt nie gestillten Verlangens, nimmer endender Tat--Ringen um verlorenes Paradies, Ringen um Erkenntnis, Ringen um Erlösung--Seele wider Sinne, Gedanke wider Tat, Himmel wider Hölle; endloses Ringen von Lust wider Seeligkeit, Samsara wider Nirvana, Abgott 'Ich' wider Gottheit --allüberall blind stürmende Erscheinung, von Sinneswahn zu Widersinn sinnlos wechselnd; hinfällige Gebilde, Scheingestalten, flüchtige Schatten, im Entstehen dem Untergang, in der Geburt dem Tode geweiht--Trugbilder, bloße Namen, bloße Worte im nichtigen Urteil Ich-- --endloser Widersinn ewig erneuter Entzweiung, ewig neuer Wiedervereinigung--werdend verwerdende, seiend nicht seiende Welten.
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Durch blindes Vergaffen ist Sinnenwelt. Sinnenwelt schafft sich wie Liebesrausch, wie aus deinem inne-Befinden der Traum sich schafft--sinnvoll--sinnlos. Wie ein Weib, verlangend angeschaut, zu sinnberückendem Reiz wird, so wird Seele, verlangend angeschaut, zu berückender Sinneswelt--: unsere Welt! wirklich zwar, doch nicht wahrhaft. Und wie es aus Traum und Rausch ein Erwachen gibt, so gibt es ein Erwachen aus verlangenden Sinnen. Was du in dir Traum und was du außer dir Wirklichkeit nennst, ist wesenseines--: zu sinnlichen Bildern geworden er Gedanke.
Wie die Schlange, die dich im Traume schreckt, nicht wahrhaft lebt; wie das Schwert, das dich im Traume trifft, nicht von Eisen ist; die Geliebte, die dich beglückt, nicht Fleisch und Blut-- --wie Lust und Qual, wie Schlange und Weib im Traum-- --so alle Dinge dieser Welt--wirken und sind nicht. Und wie unter deiner Schädeldecke Schwert und Weib Raum hat und alle Gebilde dieser Welt, dazu alles Geschehen und Werden-- --so ist die ganze Welt in dir und ist nicht; wirklich zwar, doch nicht wahrhaft-- und wie die im Traume wahrgenommenen Gesichte alsbald zu nichts verflattern, so schwindet im Leben alles dahin, was du für wahrhaft geworden hieltest; von allen Welten bleibt Erinnerung, und Erinnerung verweht-- und wie es im Traume ein leises Besinnen gibt, so dämmert dir wohl in lichten Augenblicken die Erkenntnis: ich träume diese Welt-- und wie du, aus dem Traume voll erwachend, Lust und Grauen abgeschüttelt hast, so erwachst du aus den Freudenqualen unseeliger Erscheinung und schaust wahrhaft--überwunden ist alles Verlangen, geschlossen der Ursprung--nicht mehr ist diese Welt.
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Befangen hält uns alle ein tiefer Traum--ein allfesselnder, ein allumstrickender Wahn, ein unermeßliches Blendwerk--Maya--unsere Welt.
Wie, wenn ein Pilgerzug, in wasserloser Strecke vom Wege abgeirrt, dem Tode ins Antlitz schaut und es ersteht den Dürstenden das Wüstentrugbild: Zelte und Paläste unter wehenden Palmen spiegeln sich in weiten Wasserflächen--was verzweifelnd zu Boden lag, rafft sich freudig auf und strebt entschlossen dem verheißenden Ziele zu und lobpreist bewegten Herzens--vergessen ist alle Qual!--die rettenden Götter. Du aber, mit dem Auge des Wissenden schauend, stehst unbewegt-- und die an dir vorübereilen, nach vermeintlichem Glücke jagend, weisen höhnend auf dich zurück: da steht er, der uns lehren wollte, wohl in weisen Gedanken versunken! Ihm vor Augen ist Leben und Lust--und der Narr grübelt, statt zuzugreifen. Durchschaut ist die blendende Erscheinung, als Wahn-sinn erkannt --diese wahr-genommene Welt ist vergänglicher Schein.
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Die Welt ist Erscheinung im Ich--Ich ist Erscheinung in der Welt --wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser Welt;-- Gottheit in der Erscheinung zum Ich gesunken, im Ich zeitlich an Ort gebannt, im Ich leidende Gottheit--unseelig--selbstvergessen.
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Samsara ist durch Widersinn, keine Wahrheit in Samsara. Aus traumlosem Schlafe erwachst du träumend--träumend glaubst du an die erträumte Welt und an dich selbst. Du jagst nach Träumen und was du erreichst, ist Traum. Erfaß es wohl: nichts mehr. Vom Traum zu Traum enttäuscht, schaffst du in dir den rettenden Gedanken: diese Welt ist nicht Wahrheit, diese Welt ist eigengeschaffenes Trugbild. Was du draußen suchst ist in dir selbst: nach außen langend erlangst du räumlich, was du zeitlich aus dir hinausverlegst; die ganze Welt erlangend, erlangst du dich selbst. Im Feuer der Erkenntnis entzündet sich in dir die Kraft von solchem Trug zu lassen. Du gehst in dich, du entsagst dem Schein, du kehrst dich dieser Welt ab, du bekehrst dich zu Gottheit--Gottheit in dir entringt sich der Erscheinung. Und wie du aus ureigener Kraft die vergängliche Welt schufst, so schaffst du in dir ewige Gottheit--aller Gottesverehrung, aller Völker, aller Zeiten, aller Welten ewiges Ziel--der gewaltige Unterstrom, das Ungestillte in höchster Lust, das Tröstende in tiefstem Leid--: Religion.
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Nur Eines ist: Gottheit--alles Andere ist Lüge. Erwache! Blinder Glaube in dir hält dich in den Fesseln törichter Hoffnung, in ewig erneuter Enttäuschung; deine Sinne halten dich in Leiden und Tod. Erwache aus dem Banne nimmer gestillten Verlangens, erwache aus friedloser Tat, erwache aus Geburt und Tod. Tod ist für Tote. Im Kerker und an den Karren geschmiedet schwinge ich mich aus Ketten und Mauern hinaus--aus Qualen und Herrlichkeiten dieser Welt --in zeitlosem Augenblicke durcheile ich, des Leibes ledig, alle Räume und alle Zeiten, schaue alle Welten und alles Geschen... was von mir, im Kerker oder im Purpur, verachtet oder angebetet, im Reiche des Todes zurückbleibt--bin ich nicht. Davon ist gesagt: "und dieser Leib mag endigen in Asche." Überwunden ist der unseelige Irrtum, gestillt das Verlangen, gefunden der heilige Weg aus Erdenlust und Erdenqual, aus Grauen zu Seeligkeit, aus Tod zu Unsterblichkeit. Nur Eines ist: Gottheit--alles andere ist nichtig. Erkenne dich selbst, besinne dich auf deine Seele. Erfasse das große Wort, das größte, das je eines Menschen Seele erfaßte--erbebe in der Erkenntnis: --ich bin Gottheit-- Davon ist gesagt: "brahma bist du und in brahma gehst du auf." Was in dieser Welt zeiträumlich auf einander wirkend, als endloses Werden erscheint, ist deiner träumenden Lust freudiger Widerschein,-- von Zeugung zu Überzeugung--deiner Seele blind tastendes Verlangen --und was in dir lebt, lebt in allen Welten. Und wie dein Verlangen ist, solche Welt wird dir, in solcher Welt entstehst du, solche Welt entsteht in dir.
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Welten erglühen--Welten erkalten. Wie Pradschapati von eigener Schöpfung erschöpft ist, so erschöpft sich alle Erscheinung--nicht zu Vernichtung,--zu Erneuung. Alle Welten fallen in sich zusammen, voll-enden in Nichts--ein Nichts, das Alles ist.
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Alle Erscheinung sucht Frieden. Ebbe folgt auf Flut, Flut folgt auf Ebbe; Flut hier ist Ebbe dort, Flut dort ist Ebbe hier; Flut und Ebbe zu gleicher Zeit, Flut und Ebbe am selben Ort. Die Welten atmen von Nirvana zu Samsara--durch unermeßliche Freudenqualen von Samsara zu Nirvana--von Wesen zu Dasein in allen Ewigkeiten und Unendlichkeiten.-- Tagen die Sinne, so nachtet die Seele; wacht die Seele, so ruhen die Sinne. An Stätten ohne Zahl--in endlosen Räumen--zahllose Stufen ewiger Entfaltung von Seele zu Sinnen, von Sinnen zu Seele. Hier deiner Gegenwart leuchtender Sinnentag, brennende Mittagsglut --dort, deinen Sinnen entrückt, in dunkel geahnten Gedankenfernen: Frieden, Seelenreich, Gottheit-- Einst, in ungezählten Tagen, leises Entschlummern der Erscheinung, Aufdämmern der Seele auch hier; Seeligkeit, Erwachen der Gottheit auch in dir--und in Weltenfernen versunken alle Sinnesherrlichkeit.-- Bin ich, so ist Welt; gebe ich die Welt auf, so ist Gottheit; ist Gottheit, so bin ich nicht und keine Welt. Darum keine Gottheit da ich bin, keine Gottheit da Welt ist--und kein Ich, keine Welt in der Gottheit--Gottheit Welt. Weltenzeugung--in sich gebundene Gottheit--Sinnenherrschaft-- Samsara--Entsagung--Bekehrung--Überwindung--Erlösung-- Verklärung der Welt in Gottheit--der Seele Seeligkeit--Nirvana. Also entstehend vergehend sind diese ringenden Welten--sind nicht--das schweigend sprechende All-Eine: -- brahma --
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So, o Teurer, mühen wir uns, wir in der Geburt Erblindeten, vergängliche Erscheinung zu durchschauen und der Welt, der ewigen, zu nahen. Möge uns ein Lehrer beschieden sein, möge uns ein Führer erstehen--ein Seher--ein Gott. Frieden sei mit dir, o Teurer! Ich habe zu dir vom Endziel des Wissens gesprochen--gesagt, so viel zu sagen deinem Verständnis angemessen war--zu irdischem Heil und zu der Welt Erlösung--stammelnde Worte suchender Seele. Die ersten Hügel im Tiefland sind erstiegen, es lichten sich die Nebel--: vor dir in schier unabsehbaren Fernen leuchten die Höhen von Himavat. Öffne dein Auge göttlichem Lichte--du schaust wahrhaft --und zuschanden geworden ist alle irdische Weisheit--zerstoben die allblendende Erscheinung--erloschen der Weltenschein--ein Traum-- was in dir erwacht ist, ist größer als alle Welten--erreicht das Hoheziel der Erkenntnis, erreicht Vollendung--Vollendung in Gottheit.
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So lautet in âranâda-upanishad der adhyaya: Erwachen; wortlos das Letzte: Nirvana.
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So lautet die Upanishad vom Erwachen der Menschheit aus der Erscheinung--Hüte das Erbe