Das hohe Ziel der Erkenntnis: Aranada Upanishad

Part 7

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Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelöscht alle dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen, Eigenschaften--ausgelöscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser Welt. Alle Unterscheidung durch Urteil--Recht und Schuld, gut und böse, Lob und Tadel, schön und häßlich--Gebot, Verbot--bloße Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze--müßige Fragen dem Wissenden. Ausgelöscht--vernichtet, worauf die Welt gebaut schien--Spiel deiner Seele, ein bloßes Bild, ein Traum--nicht ist Urteil, nicht sind diese Begriffe in Wahrheit. Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses hinaus--zu tieferer Einsicht zu gelangen vermöchtest.

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In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die Schöpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge, Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht und Schuld, gut und böse, schön und häßlich, durch dich ist diese Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht, Schöpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen-- Atma-- Ausgelöscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien--und nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft-- die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller Qual, aller Hoffnung und Enttäuschung, aller Hoheit und aller Nichtigkeit--die Welt des Guten und Bösen. Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und böse. Untrennbar ist Böses von Gutem, untrennbar Gutes und Böses von Ich und Welt. Ursprung des Bösen ist Ursprung des Ich. Das Böse zu treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich selbst bin Himmel und Hölle". Dies ist Lösung der Frage, um die du mich angingst--Ursprung des Bösen--Quell alles Guten--restlose Lösung!

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Es gibt nur Ein Böses in der Welt: die Ich-bin-heit-- Selbstsucht, und alles was du Sünde, Knechtschaft, Leiden nennst, fließt aus ihr--Samsara. Es gibt nur Ein Gut in der Welt: Selbstlosigkeit--und Erlösung fließt aus ihr--Nirvana. Erlösung vom Bösen ist Erlösung vom Ich. Selbstsucht zu Ende gedacht ist Selbstlosigkeit. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Gib alles auf um alles zu gewinnen; du bereicherst dich gebend, nehmend beraubst du dich. Es ist kein anderer Weg zum Gehen--der heilige Weg aus Schein zu Wahrheit, aus Nacht zu Licht, aus Tod zu Unsterblichkeit.

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Noch einmal durchdenke ich mit dir das Geschehen dieser Welt, die zwiefache in gegen-Teile zerfallende Beziehung des Ich zum eigenen gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken--: ab-Stand der gegen-Teile von einander und ver-Stand der gegen-Teile zu einander; den Weg aus Standhaftigkeit zu ver-Ständnis, den Weg aus Blindheit zu Erkenntnis, den Weg aus dem Ich zum nicht-Ich. Zwischen Ich im eigen-Stand und Ich im gegen-Stand liegt die trennende Vorstellung--: nicht-Ich. Ich, vom Trugbild der Sinne geblendet, ver-kennt sich im gegenüberstehenden Ich--wie der Hund sich selbst im Spiegel anknurrt. Zwischen Ich und Ich klafft Spaltung, Zwietracht, Zwist, Kampf.

Ich hier: "ja, ich will dich!"

Ich dort: "nein, ich will dich!"

Verlangen lebt, wächst, übersteigt sich--fällt. Henker und Opfer kommen sich entgegen. Ich hier, wie Ich dort, wechselt in seinem Zustand, läßt von seiner Stand-haftigkeit, gibt wider-Stand auf, nimmt ab-Stand vom eigen-Stand, nähert sich seinem gegen-Stand, ver-stellt sich auf den Stand des Gegners, ver-ständigt sich mit ihm, ver-steht ihn--Ich hat Selb-ständ-igkeit aufgegeben, Ich hat ver-Stand gewonnen. Ich hier wie ich dort ändert mit geändertem Stand Ansicht und Willen; Ich ändert sich, Ich wird ein anderes. Ich wandelt in Zeit und Raum; Ich-Standort-Wandel wandelt das Ich. Fremder gegen-Stand wird durch ver-Stand zu eigenem zu-Stand. Ich hier wie Ich dort ist aus Raum in Zeit getreten, Eins mit seinem Gegner: kein Gegner mehr, keine Gegnerschaft, kein Widerwille, kein Widerstand, keine Tat. Ich hat sich durch ver-Ständnis im wider-Ich wieder erkannt--Ich hat Erkenntnis gewonnen, Ich hat im du sich selbst wieder gefunden. Raum entzweit, Zeit eint. Was im Raum geschieden ist, fällt in der Zeit zusammen. Was sinnliche Anschauung trennt, eint seelische Erkenntnis. Ich und Ich, von blinder Anschauung aus-ein-ander gehalten, fallen, sehend geworden in-ein-ander.

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Und noch einmal: Sittlichkeit ist Durchschauen der Erscheinung. Ich ur-Teil, in sich gespalten, von sinnlicher Vorstellung "nicht-Ich" geblendet, in zwei Ich gegen-ein-ander entzweit:

Ich hier: "Ich will Tat-Angriff gegen dich."

Ich dort: "Ich will Tat-Abwehr gegen dich".

Ich, durch seelisches ver-Ständnis sehend geworden, erkennt im nicht-Ich sich selbst,--das trennende 'hier und dort' ist fortgefallen--ver-ein-igt, ein-mütig, Ein Ich, ein-ig, eines Willens: "Keine Tat gegen mich selbst." Sich selbst im Anderen erkennend vermagst du nicht böse zu wollen.

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Wie ein Ich auf zwei Standorten im Raum in zwei Ich gegen einander entzweit ist, so sind zwei Ich in der Zeit auf Einem Standort zu einander vereint: Eines. Aller Zwiespalt durch Ich-da-Sein, durch Ich-bin-heit, asmita,-- durch Selbstsucht; alle Eintracht durch ver-Ständnis, durch Erkenntnis --durch Selbstlosigkeit--das Geheimnis alles Geschehens, alles Werdens und Vergehens alles Lebens, alles Streites, alles Friedens, aller Sittlichkeit auf Erden--der Weg aus dem Ich zum nicht-Ich, der Weg zu Erlösung, der heilige Weg.

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Durch Ur-sprung in Ich und Ich: ist Ent-zwei-ung, Verlangen hier und Widerstand dort, Ein-tracht durch Erkenntnis. Geschlossen hat sich der Zwiespalt, ausgefüllt die Kluft, verraucht das Verlangen; der Streit ist begraben, aufgegeben Tat, Frieden gewonnen; erreicht aller Sittlichkeit höchst gepriesenes Gut, erstanden das Wunder: Selbstlosigkeit--Nirvana in Samsara.

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Durch ur-Sprung ur-Teil, sich abscheidend, unter-scheidet: Ich und Welt; unterscheidet da seiend: Zeit und Raum; unterscheidet verlangend: Wille und Kraft; unterscheidet wirkend: Tat und Duldung, Freiheit und Notwendigkeit, Lust und Leid; unterscheidet urteilend: gut und böse, Recht und Schuld, schön und häßlich; also in allen Dingen dieser Welt ur-Teil-gegen-Teil atmend wirkt s-Ich die Wirklichkeit, wirkt s-Ich das Verständnis dieser Welt. Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung; durch ur-Teil-ent-Scheidung alle ver-Schied-enheit; alles er-Schein-ende durch ur-Teils Urteil. Auf bloßen Worten beruhend die Vielheit, nur Namen--Eines ist es in Wahrheit. Sehend geworden erkennst du: Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen. -- atma --

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Geringes Verständnis lebt in uns Menschen. Vom Trugbild dieser Welt geblendet, irren wir, einer dürstenden Herde gleich, dahin und dorthin, blind gegen den Quell alles Lebens. Wo ist Erlösung?--Da, wo Erkenntnis ist. Sagt dir jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute und verabscheue nicht das Böse, so antworte ihm: Diese Lehre lehrt über sinnliche Erscheinung hinaus--Seelen- Einheit--über menschliches Urteil hinaus--der Menschheit höchstes Ziel: Selbstlosigkeit. Selbstlosigkeit löst aus den Fesseln des Ich, aus den Fesseln nimmer gestillten Verlangens, aus nimmer gestillter Hoffnung, aus dem Kerker dieser Welt zur urewigen Heimat. Und gewiß! Fest gefügt ist der Grundbau dieser Lehre, unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsre Welt trägt. Ist das Eine, so ist das Andere--untrennbar; untrennbar Erlösung von dieser Lehre vollem Erleben. Nicht an vergänglichem Werke wirke ich, in der Gottheit Tiefen ruht die Lehre, Menschen im Körper schier unergründlich-- unergründlich. Ehernes Tor der Erkenntnis--erlösende Wahrheit.

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So lautet in âranâda-upanishad der fünfte adhyâya: manas, Verstand und Urteil; nunmehr: buddhi, Erwachen.

VI. ERWACHEN AUS DER ERSCHEINUNG -- buddhi --

Zu dem, was ich dir noch vom Kreislauf der Erscheinung zu sagen gedenke, o Teurer, erfasse wohl: Auf Einem Gedanken ruht wovon ich dir rede--Samsara; auf Umzulangen im Ur-sprüng--auf Verlangen ruht diese Welt. Eines ist, was wir, in dieser Welt erwachend, rastlos suchen; Eines, was wir, in irdischer Anschauung befangen, vielheitlich schauen; Eines nur, was wir mit zahllosen Worten benennen; alles Geschehen und alle Gestaltung, aller Geschöpfe und aller Welten all-einiger Gedanke: -- Verlangen -- Verlangen, dem Ursprung entquellend, Verlangen nach Überbrückung der Kluft, Verlangen nach Wiedervereinigung--unserer Leben Sinn und aller Welten Ziel: Verlangen nach Erlösung.

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Was ich dir von tiefer Erkenntnis verkündige, besitzt die Menschheit nicht, und nicht überliefert wurde mir die Lehre aus der Gemeinschaft hoher Meister--: den Sinnen entrückt, der Gedankenqual entronnen, in wunschloser Allhingebung versunken--fand ich mich erleuchtet. Erkenntnis trat zu Tage, wuchs und erstarkte. In solche Erkenntnis weihe ich dich ein; von solcher Erkenntnis getragen erachte dich auf rechtem Wege--du nahst den Wissenden.

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All-ur-sprung: ur-Teil und gegen-Teil; aus solcher Ent-zwei-ung--: ver-Langen nach Ergänzung; aus solchem Verlangen--: Tat; aus Tat-widerstand--: Erkenntnis -- BUDDHI -- aller Welten Hoheziel!--Erfasse den großen Gedanken, ehe deine Lippe ihn ausspricht-- --Erwachen der Menschheit--

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Wer sein Heil im 'Ich' sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit. Wer sein Heil in dieser Welt sucht, der bleibt dieser Welt verfallen; dem ist kein Entrinnen aus ungestilltem Verlangen; dem ist kein Entrinnen aus nichtigem Spiel; dem ist kein Entrinnen aus den engen Fesseln des 'Ich'. Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der lebt und vergeht mit seiner Welt. Wem die Gnade des Ishvara das Auge geöffnet hat, der durchschaut diese Welt. Wer diese Welt durchschaut, der ist für diese Welt verloren. Darum ist Erkenntnis Enttäuschung, darum ist Erkenntnis Erwachen. Erwachen ist Erlösung--Erlösung ist Vollendung in Gottheit. Davon ist gesagt: "Erkenntnis--und einen andern Weg hat der Mensch nicht."

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Hüte das Urerbe--dir zum Heil und allen denen, die auf Erden mit dem Tode ringen.

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Also ist die Unterweisung: Aus Sinnes-wahr-nehmung wird, was du Wirklichkeit dieser Welt nennst. Was deinen Sinnen wirklich wahr scheint, ist deinem Nachsinnen hinfällig; was deinen Sinnen standhält, flieht vor deinem Besinnen, mündet, sich selbstwidersprechend, in Widersinn, und nur in sinnlicher Auffassung scheint Sinn in der Welt. Und gewiß: wäre letzter Sinn in der Erscheinung, so wäre Erscheinung Wesen. Sinneswahrnehmung in dir ist rings um dich sinnlich begrenzt. Grenze deines Schauens ist der Gegenstände sinnlicher Widerstand-- Seele der Dinge bleibt deinen Sinnen ewig unnahbar. Wie ein Strom Ufer von Ufer trennt, so trennt sinnliche Anschauung Seele von Seele; und wie du von Ufer zu Ufer auf unsicher schwankender Fähre gelangst, so gelangt Seele zu Seele durch blind suchende Sinne; und wie ein mächtiger Strom jenseitiges Land völlig deckt, so decken zügellos stürmende Sinne alle Seele außer dir. Irdische Wahrnehmung ist der Blindheit vergleichbar--was wir hier in Gestalten und Farben gläubig schauen, ist nicht die Welt, Samsara zeugt blinde Kinder.

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Maya! Es scheint, es stellt sich dar, es mutet dich an, dich gelüstet danach und du erliegst der Lust.--Von gleißender Erscheinung geblendet, suchst du unsicher tastend dein Ziel, taumelst Wahnbildern folgend, von Trug zu Trug--wahrlich einem Trunkenen vergleichbar. Und wie ein Trunkener unter den Hufen einer Büffelherde sich im Paradiese träumt, so träumst du trunken von Sinneslust ein erlogenes Glück--die ewige Lüge! Verlangen in dir ist der Seele Verlangen nach ewigem Ziele; Sinneswahrnehmung in dir hält dich in vergänglicher Erscheinung zurück. Die Erscheinung ergreifend, bist du ergriffen--Seele in den Fesseln der Sinne. Darum sagt Maitrâyana Upanishad: "Seele von den Gegenständen überwältigt." Darum sagt man: sich ernüchtern, wieder zu sich kommen, sich auf sich selbst besinnen. Darum lehrt der Erlauchte: "Unterscheidung des Wandelbaren vom Unwandelbaren, des Ewigen vom Vergänglichen, Unterscheidung des Wesens von der Erscheinung."

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Unabsehbare Kluft, unlöslicher Widerspruch uns irdisch Schauenden zwischen Erkenntnis und Anschauung; Torheit, ewiges Ziel in vergänglicher Erscheinung zu suchen. Daraus sinnloses Hasten und Irren, endloser Wechsel, unablässige Erneuung; daher die Unbeständigkeit, die Friedlosigkeit, die Vergänglichkeit alles Irdischen, daher die Unsinnigkeit steter Wiederholung alles Geschehens, aller Gebilde, aller Gedanken--ein rastloser Kreislauf von Hoffnung zu Enttäuschung. Darum die Unzulänglichkeit, das Stückwerk, die Unvollkommenheit aller Dinge; die Unwiederbringbarkeit der Zeit, die Unüberwindbarkeit des Raumes; darum des Hohenzieles Unerreichbarkeit, des Zweifels Unstillbarkeit, die Trostlosigkeit, die Widersinnigkeit, Verruchtheit dieser Welt. Diese Welt ist für Kinder und Wölfe, und so sehr sind wir Kinder und Wölfe, daß wir uns in solcher Welt gefallen! Der Welt Lust ist Fraß, der Welt Lohn ist Trug, der Welt Ziel ist Vernichtung--und du solcher Welt williger Sklave. Ist Lust Frieden? Und ist nicht verlorene Lust Schmerz? Und wäre nicht dauernde Lust Qual? Und schließt nicht Lust Seeligkeit aus?-- Wagst du es zu widersprechen?--Was auf Erden vermöchte Verlangen nach dem Höchsten zu stillen?--Verlangen nach Gottheit.

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Das Gepräge dieser Welt ist Vergänglichkeit.

Was von Gedanken und Dingen dieser Welt lebt, atmet in Einhauch und Aushauch, aus Entstehen zu Vergehen. Alles Werden durch Absonderung, durch Abstammung, durch Verzweigung, durch Spaltung, durch Unterscheidung von einander. Alle Empfindung und Wahrnehmung durch Abstand; alles Wollen und Tun durch Gegenstand und Widerstand. Ich-nicht-Ich-bewußtsein durch Anstoß und Hemmung; Leben und Dasein durch Wandel--nichts was unverändert, nichts was beständig, nichts in Frieden im Himmel und auf Erden. Samsara ist Wechsel; wer Frieden im wechselnden Samsara sucht, der ist betrogen; Frieden kann nur zu Unfrieden wechseln. Dieser Welt Bestand durch Gegen-stand, dieser Welt Sinn durch Gegen-sinn; darum dieser Welt Wider-spruch und Wider-sinn; darum dieser Welt ruheloser Kampf; darum dieser Welt Vergänglichkeit. Entzweiung will Paarung, Ansammlung will Auflösung; weil Entstehen ist, darum ist Vergehen; weil Verschiedenheit ist, darum ist ein Verscheiden; weil Leben ist, darum ist Tod. Alle Erscheinung ist durch Ur-sprung, durch Entzweiung in Gegensatz, und aller Gegensatz will Ausgleich. Was durch Entzweiung aus Einheit entspringt, endet in Einheit. Wie alles Urteil in seinem Gegenurteil sich auf hebt, wie aller Gedanke, zu Ende gedacht, durch seinen Gegensinn in sich selbst zurückkehrt, so kehrt alle Erscheinung in sich selbst zurück, sich selber aufhebend. Alle Wirklichkeit hält stand, so lange du Befriedigung im Wirken suchst, solange du, selbst Erscheinung, sinnliche Erscheinung wahr-nimmst, solange du an die Wirklichkeit dieser Welt glaubst. Erscheinung, durchschaut, hält nicht stand, verblaßt, zerrinnt, geht zugrunde, geht auf den Urgrund zurück. Wirklichkeit, als Schein erkannt, wirkt nicht mehr, ist nicht mehr wirklich--vergangen wie ein Traum, der beim Erwachen zu nichte ward.

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Was dir als gegenständliche Welt erscheint, ist nicht an sich; was du Wirklichkeit nennst, ist zu sinnlich anschaulichen Bildern gewordener Gedanke in dir--ist dein träumendes Verlangen, die unermeßliche Kluft zu überbrücken, der weite Irrweg zur ewigen Heimat. Die Gestaltung dieser Welt ist dein; Wirklichkeit folgt deinem Gebot--Wahr-nehmung in dir ist Be-dingung; das heißt: was du von Erscheinung für Wahrheit nimmst, gewinnt Gestalt, wird zu wirklichen Dingen. Du er-innerst dich aus zeitloser Vergangenheit--du er-innerst dich aus raumloser Nähe und Ferne--du ver-gegenwärt-igst dir aus seelisch ewiger Gegenwart sinnlich gegenwärtige Erscheinung. Deine Einbildung wird Vorstellung: das Verlangen in dir hat sinnliches Da-sein gewonnen, was du wirklich wahr nennst, hat sich geschaffen. Die gewaltige Welt ist aus deiner Empfindung geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.

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Dies wunderbar Einfache wird von Unmündigen widerstrebend erfaßt --volles Erleben hiervon ist nur dem Erwachenden beschieden.

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Was aus Ursprung dieser Welt lebt, lebt zwiefach: lebt als Empfindung in dir, lebt als Bewegung außer dir; Bewegung im unendlichen Raum--und Empfindung solcher Bewegung in ewiger Seele--: die also erscheinende Welt. Bewegung aus dem Raume trifft dich--du wirst der Bewegung inne. Inne-werden der Außen-bewegung ist Empfindung in dir; Auslegung dieser deiner Empfindung ist dir Bewegung im Raum. Empfindung: ver-inner-lichte Bewegung; Bewegung: ge-äußer-te Empfindung. Was aus-wendig Bewegung ist, ist in-wendig Empfindung. Äußerer Gegenstand schafft inneren Zustand; innerer Zustand schafft äußeren Gegenstand. Bewegt empfindest du--empfindend bewegst du. Seelische Empfindung von dir aus-gelegt, wandelt sich außer dem Bereich deiner Seele zu sinnlich anschaulicher Bewegung. Empfindung aus dir hinausverlegend, stellst du vor; vorstellend wirkst du; gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand; Gegenstand widersteht; Widerstand ist Wirkung auf dich. Dein eigenes Werk, aus dir gewirkt, ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück.

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Die Seele wird von äußerer Bewegung innen bewegt; die innen bewegte Seele bewegt nach außen. Du empfindest in dir, das heißt: du bewegst außer dir. Was du zeitliche und räumliche Ferne nennst, ist sinnlich befangene Auffassung; Seele wirkt außersinnlich, Seele wirkt seelisch, über Zeit und Raum hinaus.--Eines ist Auslegung deiner Empfindung und Rückwirkung des aus dir Hinausverlegten-- Zusammenfließen der Seelen--Seele der Dinge--eigene Seele-- Überbrückung des Ur-sprungs. Je nach Vorwiegen seelischer oder sinnlicher Auffassung im Ich scheint Empfindung oder scheint Bewegung, scheint eigener Zustand oder fremder Gegenstand, ist gedankliche Ein-bildung oder anschauliche Wahrnehmung, das ist: allen deinen Sinnen faßbarer Körper--der Gedanke ist leib-haftig geworden; Eines ist Gedanke und Sichtbarkeit des Gedankens. Angeschaute Gedanken sind Körper. Davon sagt Patandschali: "Körpererscheinung wird durch Wandlung der Auffassung im Ich." Davon sagt der Buddha: "Wie ich aus einem Schilfrohre den Halm ziehe--hier das Schilf--dort der Halm, so bilde ich aus diesem meinem Leibe nach dem Willen meines Herzens einen anderen Leib, mit allen Gliedern versehen und mit Gefühl begabt." Der verlangende Gedanke zu Fleisch und Blut geworden.

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Es scheint, als sei in dir seelische Empfindung, es scheint, als sei außer dir seelenlose Bewegung; deiner Seele Empfindung, deinen Sinnen Bewegung--Gegensatz und Einheit. Was sinnlich als Gegensatz erscheint, wird seelisch als Einheit erkannt. Was blindem Schauen durch unüberbrückbare Kluft getrennt scheint, unvereinbar und unlösbares Rätsel, ist Eines; Eines, was deinen Sinnen Bewegung, deiner Seele Empfindung ist--je nach sinnlicher oder seelischer Auffassung unterscheidende Benennung, ununterschieden in sich, zwei Worte für das Selbe--: Verlangen in dir. Und wie du in deinem eigenen, einheitlichen, ungespaltenen Verlangen Widerwillen von Willen unterscheidest, beides in dir, beides Eines--du selbst, so unterscheidest du Bewegung von Empfindung, bei des in dir, beides Eines--du selbst. Alle Empfindung ist Bewegung, alle Bewegung--Empfindung; Beid-einheit, seelisch-sinnlich geschaut. Empfindung in dir und die Welt ist bewegt; du durchschaust die Bewegung und still stehen alle Sonnen und Erden, und es empfinden alle Sonnen und Erden, ruhelos Ausgleich suchend.

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Ich ist Ur-sprung. Nichts dieser Welt, was sich nicht im Ich willig-un-willig schafft, zwiefach in Zeit und Raum. Aller Inhalt des Ich durch Gegen-sinn in sich, durch Gegen-stand zu sich. Die ganze Welt im verlangenden, im unter-scheidenden, im ur-teilenden, im ent-zweienden, im ent-zweiten Ich. Ich außer sich verlangend, spaltet in sich selbst, spaltet im Urteil, Wollen und Tun: bejahend verneint Ich, wollend en-will Ich, liebend haßt Ich. Kein Tun ist einwertig. Du vermagst dich keinem Dinge zuzuneigen, ohne dich einem anderen Dinge abzuneigen. Zuneigend neigst du dich ab, abneigend neigst du dich zu. Alle Zuneigung ist Abneigung, alle Abneigung ist Zuneigung. Du bejahst den Satz und verneinst damit den Gegensatz. Du glaubst Eines zu tun und tust zweierlei--: ewiger Zwiespalt, ewiger Ur-sprung in dir selbst. Kein Geschehen, kein Ding, kein Wort, kein Gedanke ist eindeutig. Mit deinem Leibe neigt sich deine Seele. Neigung ist körperliche Bewegung, Neigung ist seelische Empfindung. Neigung deines Leibes ist Neigung deiner Seele; seelische Neigung erscheint deinen Sinnen als Körperbewegung; Körperbewegung ist in dir als seelische Neigung wach. Neigung ist seelisch und sinnlich zugleich. In einem Worte ist Einheit von Zuneigung und Abneigung, Einheit von Empfindung und Bewegung, Einheit von Leib und Seele. Im einheitlichen Worte liegt sich selbst aufhebender Gegensinn: Ich und du, innen und außen, hier und dort, Zustand und Gegenstand, Zeit und Raum, Gedanke und Tat, Seele und Sinnlichkeit, Unfaßbares und greifbare Wirklichkeit; in einem Worte Anziehung und Abstoßung, Aufflammen und Verlöschen, Lust und Leid, Himmel und Hölle, Leben und Tod. In jedem Worte spiegelt sich zerfallene Einheit. Gegensinn im einheitlichen Wort--Einheit gegensinnlicher Worte ist Lösung nie gelöster Rätsel, Lösung nie gelösten Widerspruchs; törichter Streit durch Jahrtausende--: Allgottheit, Göttervielheit; Gutes und Böses in Gott; Wesenseinheit oder Doppelwesen der Welt; Weltgeist oder Weltenstoff; Allseele oder Seelenvielheit; Ursächlichkeit oder Selb-einheit; Zweck oder Zufall; eherne Naturgesetze oder freie Schöpfung--wie auch Irrende die seelisch sinnliche Kluft benannt haben mögen--müßige Fragen dem Wissenden, Lösung aller Gegensätze, Lösung des Widerspruchs dieser durch Widerspruch werdenden Welt.

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Und ferner, o Teurer, Lösung nie gelöster Rätsel--: das Wunder der Verkörperung. Es offenbare sich dir, aus welchen Tiefen solche Lösung fließt und der Weg zu Erlösung. Du fühlst dich Körper, du weißt dich Seele. Du empfindest dich selbst unmittelbar, du schaust aus dir mittelbar durch Sinne. Deine Sinne nehmen sinnlich wahr; Seele in dir nimmt sinnlich Geschautes für wahr. Auf fünffach verschlungenen Sinnenwegen suchend, seelenblind für alle Seele außer dir, verkennst du alles, was du nicht selbst bist und dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich selbst sinnlich wahr. Also seelenblind schauend glaubst du dich von Allseele abgeschieden, vermagst abgeschieden Erachtetes nicht mehr seelisch zu dir zu einen. Was du nicht mehr als eigen erkennst, deuten deine Sinne als außer dir; du vermagst, was dir außen dünkt, nicht anders als fremd, als räumlich dir gegen-über-stehend, als gegen-ständlich zu dir aufzufassen; du kannst, was du nicht selbst bist, nur als Gegenstand schauen. Alles nicht-Ich muß dir Ding und Körper sein.

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