Das hohe Ziel der Erkenntnis: Aranada Upanishad

Part 6

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Verlangen in dir äußert sich, Wille aus dir gewinnt außer dir Gestalt, Tat aus-geführt, im gegen-Stand, selbständig geworden, stellt sich als eigene Kraft wider dich. Bewußter Wille wandelt sich--aus deinem Bewußtsein entlassen--zu auf dich wirkender Kraft. Aus dir geboren, dein eignes Kind legt Hand an dich. Du wirst von dem ergriffen, was du ergreifst; du bist dem zu eigen, was du dein eigen nennst, und was du schlägst, schlägt dich. Dein Werk, aus dir gewirkt, ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück. Vorstellend wirkst du und wirkend stellst du vor. Vorstellung ist Wirkung aus dir; gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand; Gegenstand widersteht; Widerstand ist Wirkung auf dich. Wirkend wirkst du auf dich selbst. Freier Wille, als Unwillen aus dir entlassen, nötigt dich, sich gegen dich wendend, als Not-wend-igkeit--karma. --Alle Tat, alles Wirken, alle Wirklichkeit ist wider dich selbst. Darum ist gesagt: "gebunden ist Seele durch sich selbst." Du tust und leidest deine Tat; alle Tat aus dir trifft dich selbst. Was du dem Andern zu tun vermeinst--Gutes wie Böses--tust du dir selbst. Deine Tat ist dein Urteil, deine Tat ist dein Schicksal. Alles Geschehen dieser Welt--der Gottheit ewig ausgleichende Gerechtigkeit--karma. Darum ist gesagt: "Vergeltung der Tat am Täter." Darum ist gesagt: "das Trinken der Vergeltung." Darum wird gesagt: seine Lust büßen.

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Im verlangenden Ich wirkt sich das Werden dieser Welt. Alle Wirklichkeit ist atmendes Verlangen in dir; in dir ist alles Geschehen und alles Geschehens Wertung. Die ganze Welt ist Inhalt deiner Seele, Ausdruck deines Verlangens, Abbild deiner selbst, sinnliche Ent-Gegnung seelischer Bewegung in dir. Deine Vorstellung, dein Verhalten, deine Auffassung, Gesinnung, Neigung--deine über-Zeugung--schafft unterscheidende Namen und unterschiedene Dinge. Eins an sich ist, was du Ursache oder Wirkung, Freiheit oder Notwendigkeit, Tat oder Duldung, Leben oder Tod nennst. Du selbst bist Ur-sache; aus deinem Verlangen schaffen sich die Welten. Dein Verlangen schafft Alles, dein Verlangen wandelt Alles. Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden. Aus deinem Verlangen wird die Welt--erscheint und ist.

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Alles Wirken und Geschehen--in dir, o Teurer, alle Bewegung und aller Stillstand, alle Unterscheidung und aller Wandel--in dir, o Teurer--Werden ver-Werden--in dir. Im Weichbild deiner Welt spaltet Alles, spielt Alles gegen einander, hält Alles sich die Wage; alle Tat findet Vergeltung, alles Geschehen gleicht sich aus, aller Gegensatz hebt sich auf, alles Außereinander kehrt in sich zurück, wie Wellen sich ebnen. Dieser Welt Gleichgewicht im ewigen Kreislauf durch ur-Teil und gegen-Teil; Vergeltung durch Ausgleich, Frieden durch Gleichmut--in dir, o Teurer, als ewige Gerechtigkeit, als Tugend und Glück, als Erkenntnis und Weisheit wach. Aller Gegensatz und aller Ausgleich ist in dir, o Teurer. Wie auch Verlangen und Tat, wie auch Liebe und Haß, Lust und Grauen, Leben und Tod dieser Welt gegen einander stürme--der Welt Wesen ist unbewegt. Wie auch Tag und Dunkel dieser Welt wechsle--dem Wissenden leuchtet ewiges Licht.--

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Du erkennst: Was du in karma mit widersprechenden Namen belegst, ist willkürliche, in Gegenteile auseinander spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir-- Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist nur Kennzeichnung deines wechselnden Verlangens, deines wechselnden zu Standes zum selbstgeschaffenen gegen-Stand. Eines ist, was du--urteilend--willkürlich scheidest; Eines, was du durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst: Willensgestaltung; dein Willen und was wider deinen Willen, wieder dein Wille ist. Urteil und Eigenschaft der Dinge und des Geschehens ist deine Empfindung und Widerspiegelung deines innen-Befindens; ist deine Einbildung und nach außen Verlegung--Auslegung deiner Einbildung, das ist Vorstellung; unbewußt bewußte Einbildung, bewußt unbewußte Vorstellung. Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der Dinge Eigenschaften; eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt. Ich aus s-Ich wirkend, wirkt die Wirklichkeit dieser Welt--Ich ist karma. Du selbst bist Ur-sache: bist Anziehung und Abstoßung, Liebe und Haß; Lust und Leid ist Abbild deiner selbst, dein Werden ver-Werden. Einheit an sich--in dir unterscheidende Namen. In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, Unterscheidung deine eigene Schöpfung. Nur in deiner Empfindung ist Wandel, nur in dir ist Leben und Atem, nur wo du bist, ist Welt: Spiel deiner Seele, lebendige Schöpfung aus eigner freier selbstherrlicher Kraft. Du erkennst dich Atma in allen Namen, du erkennst dich Atma in allen Wesen dieser Welt: das Alles bist du, endlos an Gestaltung und Zahl. Darum ist gesagt: "Himmel und Erde in deinem Herzen."

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Durch ur-Sprung--ur-Teil, sich ab-scheidend unter-scheidet: Ich --Welt; weiß sich Bestand--Akâsha; fühlt Verlangen--Kama; erfährt Wirklichkeit--Karma; unterscheidet in Akasha atmend: Zeit und Raum; unterscheidet in Kama atmend: Wille und Kraft; unterscheidet in Karma atmend: Tat und Duldung--: all-so ur-Teil--gegen-Teil atmend wirkt s-Ich in dir die Wirklichkeit dieser Welt. Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung;--alle ver-Schiedenheit, alle Umwandlung, alle Vielheit bloße Worte, nur Namen--Eines ist es in Wahrheit. Sehend geworden erkennst du: Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen: -- âtmâ --

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So, o Teurer, mögen wir Menschen, die Erscheinung durchschauend, uns Karma vorstellen. Vorstellung, nicht letzte Erkenntnis. Weg zur großen Lehre, draußen Stehenden ein zu bewahrendes Geheimnis-- verhüllte Wahrheit--upanishad.

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So lautet in âranâda-upanishad der vierte adhâyâ: Karma, Wirklichkeit; nunmehr: Manas, Verstand und Urteil.

V. DER URTEILENDE VERSTAND -- manas --

Zu dem was ich dir nunmehr zu sagen gedenke, o Teurer, behalte vor Augen: Geringes Verständnis spricht durch uns Menschen: Von Trugbildern unserer Sinne geblendet, taumeln wir, einer geängstigten Herde gleich, dahin und dorthin, von Torheit zu Torheit, wie Blinde von Blinden, wie Irre von Irren geführt.-- Sagt dir Jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute und verabscheue nicht das Böse--so antworte ihm: diese Lehre lehrt, über Recht und Unrecht hinaus, der Menschheit höchstes Ziel-- Selbstlosigkeit. Und gewiß: festgefügt ist der Grundbau dieser Lehre, unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsere Welt trägt. Ist das Eine so ist das Andere--untrennbar; untrennbar ist Erlösung von dieser Lehre vollem Erleben.

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Durch ur-Sprung: ur-Teil-Ich-er-Scheinung; aus ur-Teil-Ich: ver-Langen: --Tat; aus Tat-widerstand: --Verständnis. -- MANAS --

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Manas--Denktätigkeit dieser Welt, Namen des Bewußtseins: Unterscheidung, Überlegung, Erwägung, Einsicht, Verstand und Urteil. Also ist die Unterweisung: Ich komme auf Gesagtes zurück, o Teurer: widersprechend ist der Wille in den Beiden, die von getrenntem Standort aus--verständnislos --einander bekämpfen; widersprechend auch das Urteil. Ich, siegend, will die Tat, und sein Urteil ist seinem Willen gemäß: "du bist meine Nahrung, ich töte dich, es ist mein Recht". Ich, unterliegend, enwill die Tat, und sein Urteil ist seinem Willen gemäß: "du darfst mich nicht töten, es ist Unrecht und böse."

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Du erwägst zunächst das Urteil im Raum erscheinend: Der Gedanke in beiden ist Einer: Ich-Bestand, Ich-Verlangen, Ich-Tat; Bestand, Verlangen, Tat steht in Ich und Ich sich selbst gegenüber. Im Einen wie im Andern derselbe Wille, dieselbe Tat-- widersprechendes Urteil. Jeder der Beiden will die Tat tun, Keiner der Beiden will die Tat dulden. Wer angreift und siegt, lobt Wollen und Tun; wer abwehrt und erliegt, schilt Wollen und Tun. Hier Lob, dort Tadel; Recht dem Einen ist Schuld dem Andern. Urteil widerspricht sich im Raum.--

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Ferner: Urteil in der Zeit erscheinend: Je nachdem Ich Angriff-Abwehr aufnimmt auf gibt, gestaltet sich das Urteil im Ich. Ich, das angreifend die Tat tun will, Ich, das angegriffen die Tat nicht dulden will--wechselt seinen Stand zur Tat: will, was es dem Andern antun wollte, nicht mehr tun; will selbst erdulden, was der Andere von ihm erdulden sollte--will dulden, nicht tun. Mit gewechseltem Standort wechselt der Wille, mit gewechseltem Wollen wechselt das Urteil. Ich schilt, was es lobte, Ich lobt, was es schalt. Urteil wechselt in der Zeit.--

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Und ferner: Urteil in sich: Je nach dem vierfachen Standort des Ich im Verlangen, je nach zwiefachem Stand des Ich in sich, je nach zwiefachem Stand des Ich außer sich, ist die Beziehung des Ich zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken, ist Willen und Urteil des Ich. Ein und das selbe Ding, das selbe Tun, der selbe Vorgang, Ein Geschehen, Ein Gedanke erscheint im Ich als verschieden, als in gegen-Teile zerfallen, als Zweierlei, je nach dem Willensstandort des Ich zum Gedanken--je nachdem der Gedanke dem Ich als Gegensatz zu sich, oder als Gegensatz in sich, als fremder Gegenstand oder als eigener Zustand erscheint. Der einheitliche Gedanke: 'Fraß' wird zweierlei: 'Fraß an dir--Fraß an mir, fressen und gefressen werden'.

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Das selbe Eine unveränderte Ich urteilt über den selben Einen unveränderten Gedanken vom selben Standort zur selben Zeit-- zwiefach; zwiefach auf jedem Standort, zwiefach zu jeder Zeit; gut und zugleich böse, schön und zugleich häßlich, recht und zugleich schuld, je nachdem Ich den Gedanken aufnehmen oder abweisen will, je nachdem das Urteil dem eigenen oder dem gegenständlichen Ich gelten soll, je nachdem das Urteil mein Ich--m-Ich, oder dein Ich--d-Ich betrifft. Angreifend hält Ich Angriff für Recht, doch selbst angegriffen für Schuld. Fressend hält Ich das Tun für löblich und gut, doch selbst gefressen für unrecht und böse--, dich fressen ist recht, mich fressen ist schuld'. Lob und Tadel, gut und böse, schön und häßlich, Fraß und nicht Fraß in Einem Atem, Verlangen, urteilend, steht sich selbst gegenüber. Alles Urteil trägt sein Gegenurteil in sich. Wie kein Teil ohne Gegenteil, so kein Urteil ohne Gegenurteil. Urteil ist nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich im Raum, nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich in der Zeit, Urteil ist zwiespältig in sich.

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Alles Urteil ruht in der Selbstherrlichkeit Ich; alles Urteil im Ich ist will-kür-lich wechselnd. Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit. Alle Entscheidung im Urteil ruht auf Entscheidung im Willen. Willen liegt unmittelbar in jedem Urteil. Urteil und Willen deckt sich. Urteil ist Ausdruck des Willens. Immer ist Willen Lust; immer ist Unwille Leid. Willen hat immer Recht: 'ich habe Lust--ich will; ich leide es nicht--will nicht. Was ich will ist gut; ich will es, darum ist es gut; böse ist was ich nicht will, was nicht ich will, was mich will.' 'ich habe recht' heißt: 'ich will'; 'du hast Unrecht' heißt: 'ich will nicht'; 'du sollst' ist dasselbe wie 'ich will'; 'du darfst nicht' ist dasselbe wie 'ich will nicht'.--Alles Gebot, alles Verbot --müßige Fragen dem Wissenden. Was ich an mich ziehe, nenne ich anziehend; was wider mich ist, ist widerlich; was mir schadet, ist schädlich; was meinen Zwecken dient, ist zweckmäßig; was nicht mir nutzt--nichtsnutzig; was zu schonen ist, ist schön; was ich liebe, ist lieblich; was ich hasse-- häßlich. Lust hier ist Leid dort; Lust jetzt ist Leid dann; in Lust ist Leid, in Leid ist Lust; Lust ist Leid, Leid ist Lust. Keine guten und keine bösen Dinge auf der Welt; keine guten, keine bösen Geschöpfe; keine guten, keine bösen Menschen. Böse ist, was zu mir böse ist; gut ist, was zu mir gut ist. Du willst Wirkung aus dir; ungewollte Wirkung auf dich nennst du böse. Gutes wie Böses ist nur in deinem Urteil--sonst nirgends. Du lobst und tadelst dich selbst, je nachdem du am gegen-Stand an-Teil nimmst, je nachdem du dich selbst im gegen-Stand bewußt oder unbewußt empfindest. Du erkennst: es gibt kein Urteil ansich. Urteil ist nur Rechtfertigung, nur Entschuldigung, nur Beschönigung deines Verlangens. Was als Urteil im Ich erscheint ist Willensausdruck. Wille ist Ich. Ich will, Ich urteilt. Es gibt kein Urteil --Ich ist Urteil.-- Dies wunderbar Einfache erfaßt die Menschheit nicht.

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Wie dein Stand im Raum bestimmt, was mit rechts oder mit links, was mit oben oder mit unten zu bezeichnen sei; wie dein Stand in der Zeit bestimmt, was du als Vergangenheit und was du als Zukunft unterscheidest, so bestimmt deine Beziehung zum Gedanken, dein zu-Stand zum gegen-Stand--das Wollen in dir--du selbst--was du gut oder böse, schön oder häßlich, Recht oder Schuld nennst, und wie jenen Bedeutungen, so kommt auch diesen keine Wahrheit zu.--Wie deine gegen-Wart in Raum und Zeit ein willkürlicher Scheidepunkt ist, der dir das Recht zu geben scheint, Verschiedenheit zu schaffen, ein rechts und ein links, ein oben und ein unten, ein vorher und nachher zu unterscheiden, so schafft deine gegen-Wart zum gegen-Stand, deine Beziehung zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken, dein Stand im Verlangen, der Wille in dir--du selbst--Unterscheidung im Ungeschiedenen, macht dich als Gegensatz unterscheiden, was Eines ist: dein Verlangen--du selbst. In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in dir ist Unterscheidung und aller Wandel der Unterscheidung. Wie aus rechts links wird, wie aus oben unten wird, wie aus hier dort wird, wie aus Zeit Raum wird, aus Willen Kraft, aus Freiheit Notwendigkeit, aus Tat Duldung, aus Lust Leid, aus Liebe Haß--so wird aus gut böse, aus böse gut, sobald du--atmend--dich in Gedanken wendest. Du neigst dich dem einen zu und neigst dich dem anderen ab. Dein Standort bedingt deinen zu-Stand; dein Zustand bedingt Willen und Urteil; Wille und Urteil bist du selbst. Du urteilst gerecht nach bestem Wissen und Gewissen. Wie du auch urteilst, du urteilst von dir aus; von deinem Standort aus beurteilst du deinen gegen-Stand; je nach deinem Ver-ständnis, je nach deinem Ab-stand oder deinem An-stand bildet sich dein Urteil. Wie du auch urteilst, es bleibt dein Urteil. Du erwartest, hoffst, nimmst Anteil; deine Zuneigung entscheidet oder deine Abneigung, Nähe oder Ferne deines Standortes. Wechselt dein Standort, so wechselt deine 'An-sicht'; wechselt deine Ansicht, so wechselt dein Urteil. Du schaust und urteilst vom Standort des Täters oder schaust und urteilst vom Standort des Dulders; du versetzt dich in die Lage des Henkers oder in die Lage des Opfers; du nimmst, je nachdem du dich selbst fressend oder gefressen fühlst, bewußt oder unbewußt Partei.

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Dein Urteil ist deine Anteil-nahme, deine Be-teil-igung am Gegen-stand. Was dem Beurteilten von dir zuteil wird, bist du selbst. Dein Urteil ist dein Eingehen in den Gegen-stand, dein 'inter-esse', dein Einssein mit dem Gegenstand. Du bist Richter in eigener Sache und urteilend triffst du dich selbst. Wie du auch urteilst, dein Urteil bleibt einseitig; doppelseitiges Urteil wäre Widerspruch in sich; vollständiges Ur-teil wäre vollständiges Teil. Gerechtes Urteil urteilt nicht. Bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil widerspricht, denn er urteilt von eigenem Standort; bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil zustimmt; bedeutungslos wenn die Besten deines Volkes und aller Völker deines Urteils sind. Alle die, welche deinem Urteil beistimmen, stehen bei dir, sind dir Beistand, vertreten deinen Standpunkt, sind mit dir ein-ver-standen, deine Standesgenossen, deine Partner--nichts mehr. Alles Urteil ist Partei. Alle Urteils-Wertung liegt in dir; was du am gegen-Stand beurteilst, bist du selbst--am Wesen des Beurteilten haftet kein Hauch deines Urteils, in keiner Form, in keinem Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch sonstwo, weder heute noch je--Urteil ist Ausdruck deines Verlangens.

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Alle Wahrnehmung schafft sich in dir: gleichviel ob du solche als unbestreitbare Beschaffenheit des Gegenstandes erachtest, oder als eigengeschaffenes Willens Urteil durchschaust. Eigenschaft außer dir und Urteil in dir ist Eines; je nach sinnlicher oder seelischer Auffassung erscheint dir das Geschaute fremd oder eigen, sachlich in sich oder willkürlich aus dir. Was dir Eigenschaft der Dinge scheint, ist Auslegung deiner Empfindung, ist dein eigener Zustand in den Gegen-stand verlegt; ist schaffendes Verlangen aus dir in deinen Gegenstand übertragen. Seelisches Verlangen in dir gewinnt sinnliches Leben außer dir; Verlangen ausgelegt, im Raum selb-ständig geworden, wird leibhaftig, tritt dir als Ding verkörpert gegenüber. Deiner eigenen Seele Schöpfung, in räumliche Wirklichkeit hinausverlegt, ist außer dem Bereich deiner Seele dir entfremdet, darum von dir nicht mehr als Eigenschaffung erkannt, darum als Ding und Eigenschaft des Dinges sinnlich geschaut. Je unmittelbarer die schaffende Vorstellung aus dir quillt, je unbewußter du selbst deine Vorstellung bist, desto fremder und ferner, desto unbedingter erscheint dir das zur Vorstellung Gewordene, erscheint sachlich an sich. Erscheint dir aber Ding und Eigenschaft sachlich und unbedingt an sich, so erscheint auch alle Wahrnehmung am Dinge: Vielheit, Maß und Lage, Bewegung, Verhalten und Verhältnis der Dinge untereinander unbedingt, so erscheint die ganze dingliche Außenwelt, alle Wirklichkeit unabhängig von dir, unabhängig von deiner Wahrnehmung und Empfindung. Was unbedingt scheint, bedingst du selbst; die Be-ding-ung ist in dir, daher die scheinbare Unbedingtheit. Dein Anteil an den Dingen schafft Ding und Eigenschaft der Dinge; der Dinge Anteil an dir ist dein Urteil und bist du selbst. Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der Dinge Eigenschaften--eigen Gewirktes Wirklichkeit dieser Welt.

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Urteilendes Urteil ist nur wo eine Beur-teilung von Ding und Eigenschaft, wo eine Teilung im Urteil möglich ist. Ist eine Wahlentscheidung zwischen Möglichkeiten--eine Will-kür im Urteil nicht denkbar, das heißt: sind Zwei-fel, das heißt zwei Fälle im Urteil ausgeschlossen, so ist kein 'Urteil', so ist bloße Benennung oder erweiterte Einsicht--Ent-deckung--nicht Urteil--wie: Die drei Seiten eines Dreiecks, einer drei-geteilten Geraden entnommen, ergeben zusammengetan wieder die Gerade; die drei Winkel eines Dreiecks, dem drei geteilten Winkel einer Geraden entnommen, ergeben zusammengetan wieder den Winkel einer Geraden--nicht Urteil, sondern bloßes Ergebnis einer Drei Teilung und Wiederzusammenfügung der Drei Teilung; selbstverständlich--daher unwiderleglich, nichtssagend--daher widerspruchslos, gleichgültig--daher allgemeingültig, daher unbedingt, sachlich an sich erscheinend;-- bloße Wiederholung des Selben, wie: 'zwei mal zwei gleich vier', das heißt: 'vier ist das Gleiche wie zwei mal zwei', bloße Umstellung oder Umbenennung, dieselbe Aussage mit andern Worten--fälschlich 'Urteil' genannt. Willenloses Urteil, 'Urteil in sich' ist undenkbar, schüfe ewig Unlösliches, schüfe sich selbst Aufhebendes--wäre sinnliche Gottheit --undenkbar.

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Dein Urteil wertet den Gegenstand. Was von Geschehen oder Dingen dir gleichgültig oder wertvoll erscheint, was zweckmäßig oder ziellos, unwiderleglich oder fraglich, vergänglich oder ewig, Zufall oder sogenanntes Gesetz--alle Wahrnehmung und Eigenschaft, unmittelbare Gewißheit oder bloße Benennung--alles außer dir Erscheinende ist aus dir hinausverlegte Vorstellung--sinnlich gewordene Ent-gegnung seelischer Bewegung in dir, Ausdruck deiner Anteilnahme, deiner Wertung, Abschätzung, Maß deines Verlangens--Widerschein deiner selbst. Die ganze Welt außer dir ruht auf Verlangen in dir-- einheitliches Verlangen vom ur-teilenden Ich als eigener Zustand oder als fremder Gegen-stand auf gefaßt. Verlangendes Urteil--urteilendes Verlangen in dir ist weltzeugende Kraft--aus dir gezeugte Überzeugung--du selbst. In dir ist Ur-sprung--du selbst bist die in Raum und Zeit erscheinende, die wirkliche Welt; wie gäbe es in der eigenen Erscheinungswelt eine Erscheinung unabhängig von dir? Wie wolltest du die selbstgeschaffene Welt anders als in dir selbst erfassen? Du bist Herr und Maß, Gesetz und Schöpfer aller Dinge und deiner selbst. Was unergründbar bleibt ist unergründbarer Ursprung--Unauflöslichkeit ewiger Wahrheit bist du selbst.

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Ein Heer von Zweifeln stürmt auf dich ein--hoffe auf Erleuchtung --sei der Erleuchtung gewiß.

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Noch einmal: Alles Urteil ist nur in dir. Alles Urteil trägt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablöslich in sich. Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf. Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist gleichgültig, gleich ungültig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig in dir, nichtig in sich. Du erkennst: Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist willkürliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir. Was von solcher Unterscheidung--in dir als Urteil--außer dir als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum gegen-Stand,--dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand. Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-außen- Verlegung--Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung; unbewußt-be-wußte Einbildung, bewußt-unbewußte Vorstellung--je nach deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens: Lust oder Unlust, Liebe oder Haß; je nach deiner Stimmung ist deine Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafürhalten; je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner Einstellung--deine Vorstellung.--Deine Auffassung, Beziehung, Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und Dinge. Eines ist, was du urteilend willkürlich scheidest; Eines, was du durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst-- Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend--Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt--deine eigene Schöpfung--du selbst. Solches hast du klar erkannt.

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Es gibt kein Urteil an sich.--Aufgegangen in dir ist diese Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und wohlwollende Männer vor solcher Erkenntnis zurückschrecken, wenn solche, die sich für Wissende halten, bisher nicht gleich dir erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der zahllosen Geschöpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wäre--von Menschen keinem, von Göttern keinem--wenn du allein stündest mit solcher Erkenntnis--bedeutunglos; unerschüttert bleibt: es gibt kein Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil. Wie im ersten Samenerguß die ganze Menschheit ruht, so ruht alles Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil. Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig vollendete Buddha, daß alles Auffassen in der Ichheit ein Nicht-auffassen sei.

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