Das himmlische Licht: Gedichte
Part 2
Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs eh die vieltönigen Wasserblasen aufkochen,
Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft müden Schleppern über geduckte Knochen.
Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken. O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle zu Aas verrecken! Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werkstättenzeit, Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, der naß bespeit. Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus bankrottierten Druckermaschinen, Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen. Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der geplünderte Bauer sät;
In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo Polizei die Türen bespäht.
* * * * *
O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!
O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt.
O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme gurgelt im Glücksgesang.
O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, daß der Saal mitschwang.
O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt.
O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug geht, und Effekte wählt.
O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Propaganda treibt.
O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe und Werbelisten schreibt.
O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten die Hand drücken mocht.
O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz sich prasselnd verkocht.
Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch.
O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie öffnen sich auch!
* * * * *
Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über den Strand und zurück.
Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig wirksam immer dasselbe Stück.
Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige schmuggelten verbotene Zeitungen über die Grenzen, Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn der Lehrer mit neuem Wissen glänzen. Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten Flaschenposten.
In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende Abendlicht zu kosten.
DIE FRÜHEN
Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde in Menschengebein.
Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen aus grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten runde Augen und schauten sich um.
O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes Blut das Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer rußigen Geburt.
Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, über die Cafés, über die stumpfen genährten Armeen, über die zischelnden Börsenhallen,
Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften ab wie Perlengekicher von den Fenstern der steinernen Parlamente.
O hinauf! Schweben über der satt glucksenden Erde! O aufleuchten feurige Planetenflüge zwischen den gefletschten Zähnen:
O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten Körper rollt,
O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch über den Himmel, Kamerad, Bruder, Genosse, fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm!
Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der ganz Armen. Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein feister schwarzer Ball. O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische Licht.
O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht! Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte Dunkelheit über die Augen schattet! Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die starre gefräßige Mord-Erde, O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten in Brand, Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen Hand in alle Höhlungen des schimmernden Himmels, O Gottes brennender Finger sein, der das Träge winzig zerstäubt,
O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit mit dem göttlichen Menschen des Himmels, Bruderschaft, zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum!
Erde, was erhebst Du Deine mächtige Kugel vor dem Bruder des Menschen!
Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des Menschen zerstört Deine Finsternisse, und Du zerplatzest in leuchtende stille Trümmerflocken zum langen gewölbten Himmel?
Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts Männer verhüllt durch enge Keller bei Juwelieren ein, unentdeckt.
Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag in die Banken, die Kassierer flohen erschreckt.
In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden Autos niedergeschossen. Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen das ärmliche Haus der Genossen. (O gekrümmte Whithechapel-Juden, Ihr seid jung, Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in hundert Pogromen,
Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein finsterer Synagogenhimmel, der entschwebt; das Licht floß zu Euch.)
Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, oder krepierten in den Flammen.
O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer stiegen entrückt wie assyrische Priester auf den Turm unters Licht, und schossen mit rostigen Flinten das Menschengeschlecht unten zusammen.
Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie kämpften bei Dachbrand, in den Kleidern Läuse und Kot.
Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht schrein. O Lichtmensch im Dunkel. O Krieg, der kam. O Tod!
Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten keinen Hall. Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den neuen Ball. Die Menschenkugel zersprang. O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann dauert der Krieg nicht mehr lang!
DIE ANKUNFT
Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären,
Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren. Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen, Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen, Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht, Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,
Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:
Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt. Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien. Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin. Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,
Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen. Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden,
Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden; Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind, Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,
Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,
Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.
Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.
Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.
Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem Diamant.
Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus Eurer Hand.
Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer riesiger Menschenmund, Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund.
* * * * *
Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!
Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf den himmlischen Erden.
O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Leute bis zum Morgen. Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder, Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder! Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!
O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit! O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!
Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht! Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub! Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört! O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte! O sagt, daß es unser aller Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!
Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt!
Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt!
* * * * *
Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie, wie Frauen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel.
Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl,
Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen.
Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen!
Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und Feuerbrand.
Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue irdische Land.
Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.
O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.
INHALT:
Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein 5 Geburt 7 Das Licht 13 Dieser Nachmittag 17 Die feindliche Erde 21 Sieg der Trägheit 23 Der Mensch 27 Die Stimme 31 Die Frühen 37 Die Ankunft 41