Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 9

Chapter 93,516 wordsPublic domain

„Wenn ich meine Ansicht alleruntertänigst vorbringen darf, so zeigt das Schriftstück allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine Verachtung einer jeglichen höfischen Form! – Auch Seine Königliche Hoheit, der Prinz Louis Ferdinand, würde wohl nicht ermangeln, seine Geringschätzung für das Althergebrachte darzutun – jedoch mit mehr Eleganz und nicht ganz so unverhohlen und schroff.“

„Daß der Freiherr vom Stein das Schriftstück abgefaßt hat, daran zweifeln Wir nicht und halten es auch für sehr wahrscheinlich, daß er es geradezu veranlaßt hat“, sagte der König langsam. „Das ist aber nichts denn Meuterei!“ rief er dann plötzlich mit erhobener Stimme und schlug so heftig auf den Tisch, daß der kleine Kabinettsrat zitternd zurückwich.

In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor dem Schreibtisch stand und wieder trübe ins Leere blickte.

„Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!“ sagte der König schließlich und zeigte auf die Tür.

Der Kabinettsrat eilte zur Tür und winkte hinaus.

Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der Minister Freiherr vom Stein wäre zur befohlenen Audienz erschienen.

„Vorlassen!“ beschied ihn der König und wandte sich zum Kabinettsrat, der inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurückgelegt hatte.

„In der Nähe bleiben!“ befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief. „Brief des Generalleutnants von Blücher! Lesen! Antwort entwerfen!“

Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem Portefeuille in ein Nebenzimmer zurück. Der König ging langsam durchs Zimmer, stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin, blieb dort in soldatischer Haltung stehen, die Hände gerade an den Seiten hängend, den Blick auf die Tür des Audienzzimmers gerichtet.

Die Tür öffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien auf der Schwelle.

Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der König den ehrerbietigen Gruß des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das auf dem Schreibtisch liegende Dokument.

„Haben gelesen!“ sagte er mürrisch. „Er hat sich Freiheiten genommen. Er ist Unser Minister für Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser Präzeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere Brüder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und Generäle noch weniger! Es sei denn, daß Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!“

„Majestät wollen gnädigst gestatten –“, fing der Freiherr an.

„Aufrührerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! – Er hat die Prinzen und Generäle veranlaßt, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!“

„Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber für jedes Wort darin auf, als hätte ich es getan!“ sagte Stein bestimmt. „Es enthält nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die Befürchtungen wieder, die jeden vaterländisch gesinnten Mann heute bewegen: daß die Politik der Kabinettsräte und vor allem des Grafen Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst Abstand davon genommen wird.“

„Die Kabinettsräte führen nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat große Verdienste um die Krone und hat überdies viele Geschicklichkeit bewiesen. Daß er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er offen seine Meinung!“

„In der Tat“, sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze Gestalt erlaubte. „Ich würde schlecht mein Amt als Berater der Krone versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz verdient in keinem Falle das große in ihn gesetzte allerhöchste Vertrauen. Er treibt hinter dem Rücken Eurer Majestät seine eigene Politik, für die die Krone nachher die Verantwortung tragen muß. Eurer Majestät bestimmten Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhöchstdero Kriegserklärung zu überbringen, führte er nicht aus, zögerte erst drei Wochen, ehe er ins französische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann statt des Krieges den Bündnisvertrag mit Napoleon zurück!“

„Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer Verbündeten bei Austerlitz!“

„Österreich und Rußland hatten sich wohl eben nichts Ersprießliches vom Bündnis mit uns erwarten können. Sonst hätten sie lieber auf uns gewartet, als zu früh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens feige, unentschlossene Neutralitätspolitik hat die Krone Preußens so allmählich um alles Ansehen bei den anderen Mächten gebracht und hat das Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch Feind. Und so müssen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestät schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen.“

„Meine Armee wird ihm die gebührende Antwort darauf geben!“

„Ich befürchte nein. Denn wie sind wir für den Kampf gerüstet? Ohne Geld, mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil vom Bedarf leisten. Wir haben es versäumt, uns beizeiten aus England und Österreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzügen besteht zum größten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen geführt, die bei aller Rüstigkeit doch nicht über die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen muß, muß also schnell geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestät um eine Entscheidung zu bitten, die Allerhöchstdieselbe doch früher oder später treffen müssen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir verlangen die Entfernung der Kabinettsräte Lombard und Beyme, die sich zwischen die Krone und ihre Berater gedrängt haben und die nur verhindern, daß Eure Majestät von der wahren Sachlage der Geschäfte gebührend unterrichtet werden!“

„Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsräte dartun wollte, Er hätte es nicht besser tun können als durch das, was Er soeben vorbrachte. Fürwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu gewinnen, wenn Uns in solch ungebührlicher Weise, wie jetzt von Ihm, Wünsche, Bitten und Vorschläge vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise zu nahen. So müssen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren Untertanen in den Kram paßt oder nicht. Er hat sich zu fügen und Uns zu vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um Unsere Entschließungen zu kümmern. Und wagen sie’s, offen dagegen zu revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betrübnis vorgekommen ist, auf offener Straße dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen, Unsere Autorität zu wahren!“

„Wollen Eure Majestät in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere sich erlaubt haben, das mag ungewöhnlich sein, eine Revolte ist es aber nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Königs Majestät irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung. Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen Bedürfnis, die Ehre des Landes zu wahren!“

„Die Ehre des Landes wahrt der König!“

„Der König _und das Volk_. So muß es sein. So wird es kommen. Und daß _die_ Erkenntnis zuerst hier in Eurer Majestät Hauptstadt zum erhebenden Ausdruck kam, dazu ist Eure Majestät zu beglückwünschen. Ich flehe zum Himmel, daß sich dieses Erwachen des Volkes nicht nur auf Berlin beschränken möchte. An jene Kundgebung müssen Eure Majestät anknüpfen, von da aus alles umgestalten, dann sind wir unwiderstehlich, dann kann uns nichts mehr etwas anhaben. Wie war es aber bis jetzt. Ich habe mich geschämt, als die Franzosen Hannover überfielen und das hannoversche Volk den Aufruf zur Rettung des Vaterlandes sich um die Fahnen zu scharen damit beantwortete, daß es alle waffenfähige Jugend außer Landes schickte. Und überdies der eigenen Armee den Unterhalt verweigerte, wenn sie nicht schleunigst Kanonen und Ausrüstung dem Feind überlieferte, damit der Krieg nur aufhöre. Waren das Deutsche, die so handelten? Ich habe mir immer wieder die Frage vorgelegt – und immer wieder antworten müssen – _ja, es waren Deutsche_ – aber _deutsche Knechte_, denen jedes Gefühl der Teilnahme für das Geschick des Vaterlandes abhanden gekommen ist, und die ihre Knechtschaft verdienen, wenn sie nicht lernen, sich selbst zu befreien! Deshalb habe ich gestern, im Theater, laut mitgejubelt und mitgesungen, als das große, heilige Gefühl, für die Ehre des Landes das Letzte herzugeben, so hell und klar aufloderte. Denn ich war dabei, und werde immer dabei sein, wo es gilt! Keinesfalls aber gebe ich mich dazu her, eine Politik der Knechtung des Volkes und der Kriecherei vor den Franzosen, wie sie Haugwitz und Lombard wollen, mitzumachen. Noch weniger lasse ich mir den Mund verbieten, wenn ich Mängel und Schäden im Staate sehe und die Pflicht und das Amt habe, nach bestem Gewissen zur Besserung beizutragen. Wird das ungnädig aufgenommen und gar als Ungebühr gerügt, so bleibt mir nichts, als entweder volles Vertrauen zu verlangen oder um meinen Abschied zu bitten!“

Der König hatte schweigend, ohne sich vom Kamin zu bewegen und ohne eine Miene zu verziehen, der Rede Steins zugehört. Er mochte nicht zeigen, wie sehr die eindringliche Art des Freiherrn auf ihn gewirkt hatte, mochte auch nicht das, was er als Ungebühr bezeichnen mußte, dadurch sanktionieren, daß er irgendwie auf dessen Ausführungen einging.

Er ging langsam und steif einmal durchs Zimmer, kehrte dann zum Kamin zurück und sagte, ohne Stein anzusehen und ohne die Stimme irgendwie zu erhöhen oder im geringsten von seiner gemessenen Art zu sprechen abzuweichen:

„Werden Ihm Unsere Entscheidung bezüglich seines Abschiedsgesuchs zukommen lassen!“

Eine kurze Handbewegung, und die Audienz war beendet.

Der Freiherr verbeugte sich steif und nicht mehr als nötig, machte kehrt und ging.

„Beyme!“ rief der König, und der kleine Kabinettsrat kugelte aus dem Nebenzimmer herein, den Brief Blüchers und das Antwortschreiben in der Hand.

„Hergeben!“ sagte der König und setzte sich an den Schreibtisch.

Er ließ sich den Antwortsentwurf von Beyme vortragen, nahm dann, ohne ein Wort des Beifalls oder Mißfallens zu äußern, Blüchers Brief vom Schreibtisch und las ihn, noch einmal prüfend, durch.

Der General schrieb unter anderem:

„aufgefordert durch die täglich immer bedenklichere Lage und gefährlicher werdenden Schritte, welche Frankreich sich in militärischer Rücksicht hier gegen Eurer Königl. Majestät Grenzen erlaubt, muß ich endlich mein Herz zu Füßen des Königs, meines Herrn, ausschütten; muß ich als treuer und grau gewordener Diener von Höchstdero erhabenem Hause meine Ansichten unserer Lage Frankreich gegenüber zum ersten und zum letzten Male Euer Majestät zu Füßen legen. – – – – – Frankreich meint es mit keiner Puissance redlich und gut, am allerwenigsten mit Euer Königl. Majestät, als der einzigen Macht, die seinem Eroberungs- und Unterjochungssystem in Deutschland noch allein im Wege steht. Es verbirgt sogar seine Ansicht nicht; denn wenngleich es mitunter süße Vorspiegelungen macht, so widersprechen alle seine Handlungen gegen Eure Majestät diesen geradezu. Die Invasion von Hannover, der letzte gewaltsame Durchmarsch durchs Ansbachsche, und die räuberische Besetzung von Essen und Werden, sowie der ganze arrogante Ton, den der französische Monarch sich erlaubt, beweisen Euer Königl. Majestät mehr als genug, was ich zuvor gesagt habe. Alle treuen Untertanen Eurer Königl. Majestät, alle echten Preußen, und die Armee besonders, haben das Herabwürdigende dieser französischen Demarchen tief empfunden, und fühlen es noch, und alles wünscht die gekränkte Nationalehre bald – recht bald – blutig zu rächen.

Wer das Betragen Euer Königlichen Majestät aus einem anderen Gesichtspunkt darstellt – –“

Der König sah bei diesem Passus vom Briefe auf und blickte Beyme lange an. Dann las er weiter:

„– – wer Eurer Königlichen Majestät zu fortwährendem Nachgeben, zum Frieden mit dieser Nation rät, der ist entweder sehr, sehr gutmütig, sehr kurzsichtig, oder er ist mit französischem Golde gekauft –“

Hier unterbrach der König das Lesen und warf den Brief auf den Tisch. Er nahm dann das Antwortschreiben Beymes aus dessen Händen entgegen, zerriß es, ohne es zu lesen, langsam und bedächtig, zum Entsetzen des Kabinettsrats und ließ die Fetzen in den Papierkorb fallen.

„Wollen dem verdienten General nicht seine soldatische Offenheit strafen! Wollen aber auch ihm keine unerbetene Einmischung verstatten – ziehen es vor, ihn ohne Antwort zu lassen.“

Beyme verbeugte sich schweigend.

„Hörte Er vorhin, was der Freiherr vom Stein Uns zu erzählen wußte?“

„Der Baron war sehr laut – –“

„Er hat Uns seinen Abschied nahegelegt!“

Der König blickte Beyme fragend an. Und dieser glaubte aus der veränderten Absicht des Königs dem General Blücher gegenüber schließen zu dürfen, daß er doch nicht mehr so unempfindlich gegen die Vorstellungen Steins war, wie vorhin. Er fand es also klüger, einzulenken und demnach zu raten.

„Der Freiherr verdient zweifelsohne eine Maßregelung ob seines dreisten Tones“, sagte er zögernd. „Er hat aber im Amte viel Eifer und Tüchtigkeit bewiesen. Will er jetzt zurücktreten, so tut er es nur, um sich der Verantwortung zu entziehen – wenn das Unglück, das er prophezeit, wirklich eintreten sollte! Und da verdient er eben seinen Abschied _nicht_ zu bekommen!“

Der König merkte wohl, worauf sein lieber Beyme hinauswollte, sagte aber nichts, sondern blieb sitzen wie vorhin und blickte geradeaus.

Ein Minister, der mit seinem Rücktritt drohte – das war ihm neu!

Sonst pflegten diese Herren an ihren Ämtern zu kleben. Neun Zehntel ihres Strebens ging darauf aus, sich die Gunst zu erhalten. Sie waren fleißig, enthielten sich eines jeden Widerspruchs, machten ihre Dummheiten mit größter Diskretion, glatt, delikat unter Wahrung der Form, blieben trotz etwaiger Fußtritte auf ihrem Platz, maßten sich keine Verantwortung zu, die ihnen nicht zukam, und belästigten niemals mit Ansichten und unerbetenen Ratschlägen!

Und nun dieser Stein!

Ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, ein fleißiger Arbeiter, aber schroff, steifnackig, eigenwillig, geradeheraus und herrisch! Er stellte gar Bedingungen! Entweder du tust meinen Willen oder ich gehe!

Das ginge nicht! Das dürfte nicht sein! Er sollte bleiben! Er müsse sich aber ducken, müsse sich an die Trense gewöhnen. Nachher ließe sich schon gut mit ihm fahren!

Der König blickte Beyme an, der noch in gespannter Aufmerksamkeit wartete.

„Wollen Uns die Sache noch überlegen!“ sagte er kurz. „Seinen Verweis hat der Freiherr! Die anderen werden ihrem Teil auch nicht entgehen! Er aber sorge dafür, daß uns der Straßenpöbel mit aufrührerischen Kundgebungen nicht noch einmal inkommodiere! Dulden Wir das, so steht das ganze Volk auf und will mitregieren!“

„Gestatten, Majestät – auf der Straße gibt es immer Leute, die mitschreien, wo es zu schreien gibt. Sie sind nicht das Volk. Das Volk ist froh und zufrieden, eine weise Regierung zu haben, die ihm den Frieden sichert, damit es in Ruhe seinem Erwerb nachgehen kann. Die Neutralitätspolitik von Euer Majestät Regierung hat das bewirkt und einen noch nicht dagewesenen Wohlstand erzeugt. Man ist überglücklich und zittert nur vor dem einen: in den allgemeinen Kriegsstrudel hineingezogen zu werden. Man will den Krieg nicht –“

„Aber man schreit auf den Straßen und sucht ihn zu provozieren. Ob Krieg oder Friede, haben Wir nach Unserem Ermessen zu entscheiden. Wir wollen den Krieg nicht. Das merke Er sich, Beyme. Er kann gehen!“

Der Kabinettsrat verbeugte sich, so tief es seine kugelrunde Statur erlaubte, und ging.

Der König rief seinen Generaladjutanten und Kabinettsrat für militärische Angelegenheiten, den Oberst von Kleist, und verfügte kurz:

„Den königlichen Prinzen ist zu befehlen, sich sofort zur Armee, zu ihren respektiven Truppenteilen zu verfügen. Haben zuviel Freiheit gehabt, müssen sich wieder an Disziplin gewöhnen!“

*

Der korsische wilde Jäger ließ seine Meute los. In der Urheimat der alten Germanen, im Thüringer Wald, fing die Hetze an. Anfangs lauerte die Meute weit auseinander zerstreut in Süddeutschland, von Passau und Memmingen, südlich der Donau, über Ansbach und Würzburg bis Frankfurt am Main. Dann nahmen sie die Fährte auf und stöberten vorwärts aus allen den verschiedenen Richtungen gegen den einen Punkt, wo Erzgebirge und Fichtelgebirge einerseits mit dem Thüringer Wald, andererseits in stumpfem Winkel zusammenstoßen, sich wie eine schützende Barriere vor Norddeutschland legen und nur durch einige Pässe im Quellengebiet der Saale bequemen Durchlaß gewähren.

Dort wollte der wilde Jäger seine Meute vorbrechen lassen, sie auf dem rechten Saaleufer vorwärts treiben und so die preußische Armee, die sich nördlich vom Thüringer Wald aufgestellt hatte, überflügeln und von ihren rückwärtigen Verbindungen abschneiden. – Inzwischen tastete die preußische Armee zaghaft bald rechts, bald links um den Thüringer Wald herum, unsicher, ob sie den Feind abschneiden, ihm frontal entgegentreten oder, in der Defensive verharrend, ihn mit verwandter Front, in der Flankenstellung hinter der schützenden Saale erwarten sollte.

Ihr Hauptquartier hatte sie in Erfurt.

Erfurt, bis vor zwei Jahren eine stille Stadt in den Landen des Kurfürsten von Mainz und Großkanzlers des jetzt zertrümmerten Heiligen Römisch-Deutschen Reiches, bekam somit nachdrücklich zu wissen, daß es zum Range einer Hauptfestung des großmächtigen Königreichs Preußen erhoben worden war.

Die Stadt schien in ein wahres Feldlager verwandelt zu sein.

Tag und Nacht herrschte in den Straßen ein reges Treiben. Kanonen, Munitionswagen und Fahrzeuge aller Art rollten dröhnend über das Pflaster, daß die Hauswände zitterten und die Scheiben klirrten. Taktfeste Tritte von marschierenden Truppen, Pferdegetrampel, Trompetengeschmetter, Trommelschlag, Pfeifenklang, Schreien, Lachen, Schelten, Kommandoworte, Geräusche aller Art schwirrten durch die Luft.

In den Straßen und auf den Plätzen drängten sich Neugierige jeden Standes und Alters, rannten sich die Rippen ein und zertraten sich fluchend die Hühneraugen. Stafetten und Kuriere aller Waffengattungen durcheilten mit Windesschnelle die Stadt in allen Richtungen. Uniformen der berühmtesten preußischen Regimenter zeigten sich überall, auf dem Anger, im Karthäusergarten und in den Läden auf der „Krämerbrücke“. Zopf und Schnauzbart dominierten und wurden allseitig angestaunt. In den engen Straßen der Altstadt war ein Gedränge und Getriebe wie seit Menschengedenken nicht. Und wackere Kriegerburschen pirschten die Gäßchen ums Augustinerkloster nach holder Weiblichkeit ab und blickten wohl auch nebenbei staunend zu den Klostermauern hinauf, hinter denen vor dreihundert Jahren der hochgelahrte Herr Dr. Martinus Lutherus selbst das Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, als er dorten als Mönch eintrat.

Sächsisch, Schlesisch, Rheinisch, Platt und unverfälschtes „Balinsch“ kämpften in babylonischer Verbiesterung um den Vorrang im Konzert. Bis endlich die Kanonen der Zitadelle Petersburg mit dem königlichen Salut einsetzten und die Glocken all der vielen Kirchen, vor allem die altberühmte „Maria gloriosa“ des Domes mit ehernen Stimmen die Majestät des Königs von Preußen begrüßten und so Preußen über alles zur Losung machten und als Sturmzentrum alles Geschehens proklamierten, von dem aus es deutsch nach allen deutschen Gauen, Widerhall heischend, schallen konnte.

Am fünften Oktober sollte beim König Kriegsrat abgehalten werden.

Kriegsrat, das heißt für gewöhnlich Bestätigung und Vermehrung der Ratlosigkeit bei der Führung. So war es auch hier in Erfurt. Da sollten ein Dutzend oder mehr Köpfe das Unmögliche vollbringen, sich um einen Entschluß zu einigen, den der Oberbefehlshaber trotz seiner Machtvollkommenheit nicht allein zu fassen wagte, sei’s aus Alters- oder Charakterschwäche, aus höfischen Rücksichten oder um sich einer ihm lästigen Verantwortlichkeit zu entziehen.

Tüchtigkeit und besondere Befähigung allein sind leider nicht immer bei Besetzung eines Amtes an dieser Stelle maßgebend. Es gibt höfische Rücksichten, die da mitreden, Rücksichten auf Familie, Verwandtschaft, Dienstalter, Rang und Namen, die oft den weniger Geeigneten, zum Schaden der Sache, an führende Stelle verhelfen und verhindern, daß die rechte Person auf den rechten Platz kommt.

So kam es, daß der Herzog von Braunschweig, als ältester Feldmarschall und berühmtester Heerführer Preußens, mit dem Oberbefehl betraut wurde. Seine siebzig Jahre waren kein Hindernis.

Aber – auch der General Fürst Hohenlohe-Ingelfingen hatte Ansprüche auf ein selbständiges Kommando, und man hatte geglaubt, ihm mindestens die Führung einer Armee geben zu müssen. Man schuf also, statt einer einheitlichen, zwei Hauptarmeen, nominell mit dem Herzog von Braunschweig als gemeinsamen Oberbefehlshaber, aber doch voneinander ziemlich unabhängig. Denn der Herzog, voll weltmännischer Courtoisie, nahm jede Rücksicht und ließ dem Fürsten Hohenlohe seinen Kopf für sich.

Dieser Kopf Hohenlohes hieß von Massenbach, Oberst und Generalquartiermeister-Leutnant bei seinem Armeekommando.

Der Fürst selbst war mehr zum Gehorchen als zum Befehlen veranlagt. Er gehorchte also dem, der ihm in geeignetster Weise befehlen konnte. Und da das nicht der Herzog war – gehorchte er also, wenn auch unbewußt, seinem Generalstabschef Massenbach.

Dieser war ein Genie. Aber eins von jener Sorte, die besser als alle anderen wissen wollen, wie man reiten soll, aber selbst nicht reiten können.

Er hatte Ideen – strahlende Ideen – tiefe Ideen – unfaßbar geniale Ideen, die alles bisher Dagewesene in Schatten stellten. Er war von seiner Vollkommenheit ebenso fest überzeugt, wie von der gänzlichen Bedeutungslosigkeit aller anderen Generalstäbler. Er war aus Schwaben, war apoplektisch, kahlköpfig, hatte rosige, blühende Wangen und redete wie ein Wasserfall.

Wenn er seine kleinen, runden, braunen Augen aufsperrte, sein Auditorium fest anblickte und dabei ein Brillantfeuerwerk von gut gespitzten Argumenten und Widerlegungen in endlosen Wortschlangen über die nimmermüden Lippen herausließ, dann betäubte er sein Auditorium – aber auch sich selbst, so daß er jeden auch noch so begründeten Einwand überhörte. Denn er überzeugte weder, noch ließ er sich überzeugen. Er konnte nur sich selbst reden hören und behielt, seiner Meinung nach, deshalb stets das letzte Wort. Er hatte also recht, war maßlos erstaunt und ungehalten, wenn man doch gegen seine Meinung zu handeln wagte, und tat alles, um es zu hintertreiben.

Also ein unbequemer Untergebener, der an keine Stelle hinpaßt wo es große Entschließungen zu fassen galt, dem aber trotzdem ein viel zu weitgehender Einfluß eingeräumt worden war. Beim Kriegsrat wurde das merkbar.

Man zankte sich dort um die verschiedenen Offensivpläne der verschiedenen Armeeleitungen – obwohl der Herzog von Braunschweig, als Oberbefehlshaber, aus eigener Machtvollkommenheit den Angriffsplan entwerfen und, ohne Befragung anderer, ins Werk setzen konnte und mußte.