Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 8
„Das würde mich der Sache wegen freuen“, antwortete Stein ruhig. „Nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe und nach dem, was ich zu meinem Erstaunen soeben auch von Ihnen hören mußte, glaube ich aber nicht recht daran.“
Blücher lächelte.
„Sehen Sie sich nur die jungen Leute an, wenn Sie nach Berlin kommen! Da werden Sie gleich am Hofe einen finden, der nach Ihrem Sinne ist – ein junger Kerl, der beim Prinzen August Adjutant ist –, Clausewitz heißt er – kein Windhund, leider, aber sonst ganz mein Fall! Ein Gesicht hat er, das nach sehr gutem Rotspon aussieht – geht nicht aus sich heraus, außer wenn’s eine Sache gilt, dann aber auch gehörig! Den nehmen Sie sich vor! Sagen Sie ihm weiter nichts als das eine Wort: ‚Scharnhorst‘, da sollen Sie sehen, wie er wie eine Pulvermine auffliegt und gleich Feuer und Flamme ist. Auf den Scharnhorst schwören sie, all die jungen Leute, die er bei der Kriegsschule ausgebildet hat. Und recht haben sie. Denn er taugt was, er kann was, und er weiß, was er will. Aber ehe es so weit ist, daß man allerhöchsten Ortes auf ihn hört, da wird er wohl auch steinalt sein und nichts mehr wollen können! Es ist leider Gottes nicht allen gegeben, ihr Leben lang siebzehn Jahre alt zu bleiben.“
„Deshalb sollen die, denen es gegeben wird,“ sagte der Baron mit Betonung, „sich nicht dagegen sträuben, vorzugehen, wo es not tut!“
„Sträube ich mich etwa?“ rief Blücher lebhaft. „Wissen Sie, ob ich nicht schon eine Denkschrift in der Sache fertig habe?“
„Bei Ihrer Aversion gegen alles Geschreibsel?“ lächelte der Baron.
„Nun – wenn die Armee so heruntergekommen ist, wie Sie sagen, warum sollten die Generäle dann nicht auch zur Feder greifen und Tinte verspritzen statt Blut? Taugen wir weiter nichts – dazu taugen wir sicher! Da stehen wir auch unseren Mann, besser als die meisten von den Herren Diplomatikern!“
Und ohne die Entgegnung des Barons abzuwarten, zeigte er auf das Rathaus, an dem sie jetzt vorbeigingen, und fragte plötzlich:
„Waren Sie drin?“
„Wiederholt!“
„Haben Sie den Friedenssaal gesehen, wo der Westfälische Friede gemacht wurde?“
„Ich war drin!“
„Haben Sie sich die Bilder von all den Gesandten genau angesehen, die jenen sauberen Frieden gemacht haben, deren Namen längst vergessen sind? Die hängen da mit Recht zur ewigen Schande der Zunft. Weil sie unser armes, verwüstetes, entvölkertes und ausgeplündertes Deutschland beim Friedensschluß noch mehr zerstückelten und dem Fremden verschacherten, damit er es auf Jahrhunderte hinaus als Tummelplatz für seine Kriegsvölker gebrauchen konnte. Haben Sie sie gesehen?“
„Man zeigte sie mir!“
„Nun – haben Sie jemals so ’ne Sammlung Schafsköpfe beisammen gesehen? Diplomatiker, wie nur wir sie noch heute haben – Schlauberger ihrer eigenen Meinung nach, die so gut wissen, wie alles verkehrt gemacht werden muß, nachdem die Welt sich verblutet hat! Und nachher müssen wir wiederum bluten – weil die so überschlau waren, so saudumm zu sein! Sehen Sie sich die noch einmal an! Und nachher gehen Sie nach Berlin, und lassen Sie sich zum Minister machen! – Räumen Sie mit dem Gesindel auf, rotten Sie’s mit Stumpf und Stiel aus! Da rennen Sie mit Ihrem harten Verbrecherschädel das ein, was zuerst herunter soll! Da haben Sie morsches Gemäuer genug für Ihren Bedarf! Kreuzelement, was die Leute bloß alles anrichten! Was die an guten Gelegenheiten vorübergehen lassen – wie die uns allmählich von allen Freunden trennen und die ganze Welt gegen uns aufbringen! – Weil das Schlappschwänze sind, müssen wir auch dafür gelten! Ihretwegen wagt man sich an uns heran! Da müßte schleunigst einer an die Spitze – ein ganzer Kerl, der nichts versteht als nur das eine: die Wut loszulassen, die in uns allen kocht, daß wir endlich einmal wie das heilige Donnerwetter dreinsausen können und reinen Tisch machen! Wie würden wir dann in der Welt dastehen! Ich müßte da vierundzwanzig Stunden zu befehlen haben! Vierundzwanzig Stunden nur!“
„Ja, wenn Sie nur nicht zu jung wären“, sagte der Baron, über den Eifer Blüchers schmunzelnd.
„Zu jung?! Sechzig durch!“
„Werden Sie erst siebzig – toben Sie sich erst aus! Sonst werden Sie uns mit Ihrem jugendlichen Ungestüm alles kaputt machen, wenn Sie das Heft in die Hand bekommen!“
„Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Man ist allerhöchsten Ortes nicht so schlau, mich als Berater zu nehmen! Sonst würden wir nicht alle Tage Sachen erleben, bei denen einem Dutzende von Läusen über die Leber kriechen! Schwerenot, wenn ich bloß an das Letzte denke, wie wir nun glücklich nach vielem Hin und Her die Franzosen doch in Hannover stehen haben – alles, weil unsere klugen Herren da oben wieder so schlau waren und so gerne möchten und doch nicht zuzugreifen wagten! Himmeldonnerwetter, wie war’s mir, als ich davon Wind bekam! Ich bin kopfüber nach Berlin gereist, ich habe gefleht, ich habe geflucht – nichts hat geholfen! ‚Gehen Sie nach Münster, General‘, war alles, was man mir antwortete. ‚Dort haben Sie Ihr Kommando!‘ Und ich ging – und – an der hannoverschen Grenze in Diepholz, da empfingen mich schon französische Gendarmen und scharwenzelten und parlierten und machten die Honneurs, als wären sie dort zu Hause! Und Herr Mortier troff von Freundlichkeit und falschem gallischen Gemüt über! Hol’ ihn der Teufel! Wenn ich den nur wieder herausschmeißen darf! Jetzt sieht’s der König schon ein! Jetzt möchte er auch gern die Parlezvous wieder heraus haben! Aber statt mir den Befehl zu geben, sie zum Teufel zu jagen, betraut er seine Diplomatiker damit, und da wird’s noch gute Weile haben. Die Leute müßte man dem Physikus Gall in Behandlung geben. Der müßte ihnen die Schädel ordentlich befingern!“
„Ich möchte gern,“ sagte Stein und lachte in sich hinein, „ich möchte gern wissen, was Sie sagen würden, wenn Sie, als ganz Unbeteiligter, Ihren eigenen Kopf in die Finger bekämen, um ihn auf seine Fähigkeiten zu untersuchen! Ob Sie wohl wie ich denken würden?“
„Wie denn?“
„Lauter Gegensätze! Schlau und gerissen – und ein Dickkopf erster Güte! Feuer und Flamme für alles lebensfähige Neue – und doch zäh am Althergebrachten festhaltend! Allen voranstürmend, wenn es eine Sache gilt, aber mit einem Ungestüm, das Sie oft aus dem Sattel wirft! Pech im Kleinen, Glück im Großen – nicht wahr, so würde die Rechnung lauten?“
„Wie sie lauten würde, weiß ich nicht. Das weiß ich aber: ich gäbe gern meinen Kopf darum, daß da oben, auf der entscheidenden Stelle, der richtige Kopf zwischen den richtigen Schultern säße!“
Der Baron schwieg. Er blickte zum Residenzschloß auf, vor dem sie jetzt standen und in dessen einem Flügel er residierte, in dem anderen Blücher.
„Hier trennen sich unsere Wege, General“, sagte er. „Sie sind die militäre Macht – ich die zivile. Wir wollen voneinander nichts wissen – wir wohnen jeder in seinem eigenen Flügel des gemeinsamen Baues. In der Mitte sind die Räume der Krone!“
„Und da,“ sagte Blücher gallig, „da drin können Sie vor leeren Wänden reden! Denn da wohnt für gewöhnlich – niemand! Statt einem, der einigend über uns beiden steht und uns manchmal zu gemeinsamer Beratung zu sich einlädt – ein leerer Raum, der uns trennt!“
„Das stimmt“, sagte der Baron. „Dafür einigen wir uns aber – im Küchengarten! Den haben wir gemeinsam, trotz der getrennten Magen!“
„Die Jagd habe ich allein“, nickte Blücher.
„Und geben mir doch manchen Braten ab!“
„Nun, in der Magenfrage begegnen sich eben verständige Leute!“
Stein antwortete nicht. Er bückte sich nur, nahm ein paar Falläpfel auf und reichte Blücher einen.
„Da – beißen Sie in den sauren Apfel, General!“
„Det ist von Ihren Appelbäumen, Baron! Drüben stehen meine – dort gibt’s saure Äpfel genug.“
„Ich seh’s! Ich werde mich auch nicht von Ihnen nötigen lassen – wenn wir drüben bei Ihnen sind. Sie aber machen ein Gesicht, als wäre ich die Schlange im Paradiese!“
„Die stelle ich mir, aufrichtig gesagt, anders vor! Zum Sündenfall gehört übrigens auch eine Eva. Ohne sie hat die Schlange im Paradiese keine Bedeutung. Immerhin – geben Sie den Appel her! Ich bin keen Kostverächter!“
„Essen Sie ruhig – wenn er auch sauer sein sollte. Der Baum ist gut!“ sagte der Baron und biß selbst gierig in seinen Apfel hinein.
Den Mund voll, nickten sie einander zu und gingen so ein jeder in seinen Flügel des gemeinsamen Baues hinein – Blücher lang, schlank und rüstig ausschreitend –, Stein vierschrötig, breit und behäbig segelnd wie ein weitbauchiger, vollbeladener Koff, dem keine Sturzwelle das Gleichgewicht nehmen kann, der nicht stampft und schlingert oder zickzack kreuzt, sondern, ohne auch nur einen Zoll auszubiegen, gerade auf das Ziel zusteuert und wenn er darum auf Grund setzen müßte.
„Ein verfluchter Querkopf“, brummte Blücher, an dem freiherrlichen Apfel kauend. „Ein kreuzverdammter, eigensinniger Dickschädel! Hol’ ihn der Teufel! Aber ein ganzer Kerl! Der täte uns bitter not, da oben, in der Konfusionsbude! Aber von der Armee soll er mir die Finger gefälligst lassen! Ja, _wenn der Kerl nur nicht recht hätte_! Aber so! Und so’n Zivilist! Das geht nicht! Das geht im Leben nicht! Da müssen wir sehen, ihm beizeiten das Wasser abzugraben!“
Und schmunzelnd, als plante er wieder einen rechten Husarenstreich, riß er die Tür seines Dienstzimmers auf und stürmte hinein.
„Schumann!“ rief er sein Faktotum mit Donnerstimme. „Schumann, alte Schreiberseele, bring’ mir Tinte und Papier! Heute sollst du deine Freude an mir haben! Heute sollst du etwas erleben! Nee – keene Briefbogen – Kanzleipapier! Jawoll! Oogen machste?! Schneid’ mir den Gänsekiel zurecht und glotz’ nicht! Weh, wenn er kratzt oder gar spritzt! So! Her mit dem Mordinstrument! Kehrt! Marsch! Himmeldonnerwetter, Kerl! Feixt der auch noch?! Raus!“
Und der alte Wachtmeister Schumann, der sonst die ganze verpönte Schreibarbeit allein besorgen mußte, eilte still in sich hineinlachend hinaus, nachdem er dem General alles Verlangte zurechtgelegt hatte. Blücher nahm den Federkiel, kratzte sich bedächtig damit hinters Ohr, stieß ihn ins Tintenfaß, rückte einen Bogen Papier zurecht, setzte an und ritzte in seiner scharfen, eckigen Handschrift Zeile um Zeile nieder.
Zuerst, wie sich’s gebührt, den Titel:
„Gedanken über Formulierung einer deutschen Nationalarmee.“
„_Die_ Gedanken habe ich zu haben und die anderen Offiziers auch!“ brummte er im Schreiben. „Aber so’n Quasselkopp von einem Diplomatiker! So’n Satanskerl! Wie kann er nur auf den rebellischen Gedanken kommen, da mitplärren zu wollen? So’n Kerl, der nicht einmal in sein eigenes System hineinpaßt! – So’n Reichsfreiherr, der keinem untertan war und keinen Herrn hatte! Der und Rebellion! Und gar eine unblutige! Ich werde ihm schon zeigen, wie das gemacht wird!“
In kurzen, knappen Sätzen und in der merkwürdigsten Orthographie von der Welt legte er dann seine Anschauung nieder, wie er sich die allgemeine Wehrpflicht dachte, verlangte eine kürzere Dienstzeit, größere Löhnung, bessere Behandlung der Soldaten – –
„Mir wird ganz fade im Hals von all dem ekelhaften Geschleime!“ brummte er dabei, als er bei der „besseren Behandlung“ anlangte, rauchte dabei wie ein Schornstein, spuckte, fluchte, kratzte sich den Kopf und stampfte auf den Boden.
„Wie ’ne Fastnachtspredigt schaut’s aus! Verdamm’ mich, sobald einer mit Tinte schreibt, statt mit Blut, wie’s sein soll – da ist’s aus – da – hol’ mich der Teufel – ich glaube, da wächst mir schon der Heiligenschein zum Kopfe ’raus!“
Er flog auf und packte seinen Kopf mit beiden Händen.
„Ich reiße dich noch los und fange mit dir das Kegelschieben an! Ich werfe noch ‚alle neune‘ mit dir, schmeiße dich dem König mitten in die Visage, daß er umfällt und det ganze Bataillon mit – det ganze Bataillon! Aber Schreiben – dazu bringst du mich nicht nochmals, oller Döskopp!“
Er lachte laut auf – rief schleunigst seinen getreuen Wachtmeister Schumann wieder herbei, drückte ihn auf den Stuhl und steckte ihm den Gänsekiel in die Hand.
„So,“ sagte er, „mach’ du das Gekritzel fertig, mein Sohn! Aber aufgepaßt, daß du mir kein X für ein U machst! Det besorge ick alleene! Vorwärts!“
Und mit großen Schritten ging er auf und ab und diktierte, und Schumann bemühte sich nach Kräften, gleichen Schritt mit ihm zu halten beim Sturm auf den alten Schlendrian.
9 JENA
Es war bei der Aufführung von Wallensteins Lager im Königlichen Theater zu Berlin.
Auf der Bühne stimmte der Kürassier sein Lied an:
„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist der Mann noch was wert, da wird das Herz noch gewogen! Da tritt kein anderer für ihn ein! Auf sich selber steht er da ganz allein!“
So sang er, und die umstehenden Kameraden stimmten mit vorschriftsmäßiger Begeisterung ein! Gegen Sitte und Brauch ließen sich aber auch aus dem hintersten Parkett etliche rüstige Männerstimmen hören, die mit Nachdruck und Überzeugung den Kehrreim über die Köpfe der ahnungslosen Zuschauer herausbrüllten.
Es waren Leute vom Unterbefehl des Kürassierregiments Gensd’armes, dessen Offiziere heute außergewöhnlich zahlreich anwesend waren und Logen und Ränge füllten.
Sie wurden Feuer und Flamme bei den frischen Soldatenszenen des beliebten Schillerschen Stückes, beneideten die Musketiere, Jäger und Kürassiere auf der Bühne und lebten in Gedanken das lustige Lagerleben mit, das so grell vom heutigen Kasernengetriebe abstach. Sie sangen mit und machten ihrem Herzen Luft. Das Publikum horchte auf. Kein Ton des Mißfallens wurde laut, und das gab den noch Zaghaften unter den Marssöhnen Mut. Beim nächsten Vers stimmte schon das ganze hintere Parkett in den Kehrreim ein:
„Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, der Soldat allein ist der freie Mann!“
So sangen sie mit, daß es im Hause dröhnte. Und die eleganten Damen in den Logen und Rängen blickten zu den jungen Offizieren hinüber, ihre Augen glühten, ihr Atem ging schneller; hin und her wogte es warm von Sinn zu Sinn! Und als der dritte Vers stieg, da schlossen sie die Augen und sogen begierig durch halboffene Lippen den Odem ein, der heiß über sie hinbrauste, als überall im Theater die jungen Krieger einstimmten und das Lied laut in den Saal hinausschmetterten:
„Der Reiter und sein geschwindes Roß, sie sind gefürchtete Gäste. Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloß, ungeladen kommt er zum Feste. Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold, im Sturm erringt er den Minnesold!“
Als aber auf der Bühne die Soldaten sich die Hände gaben, einen großen Kreis bildeten und gemeinsam die Schlußstrophe anstimmten, in die das Lied wie in einem großen erhebenden Aufschrei ausklingt, da hielt nichts mehr das angefeuerte Publikum zurück.
Die Aufregung, in der man gelebt hatte, seit der letzte Übergriff der Franzosen bekannt geworden war – die Entrüstung über sein freches Unterfangen, preußische Gebiete zu besetzen und seine eigenen, vertraglich festgelegten Zugeständnisse an Preußen zu ignorieren –, der ganze beleidigte Nationalstolz, der auf einmal erwacht war, mußte Luft haben, mußte sich ausschreien und austoben, irgendwo und irgendwie! Und da war das Schillersche Soldatenstück mit seinem frisch pulsierenden Blut und seinem heißen, vorwärtsstürmenden Atem wie geschaffen dazu, die Kinder des kühlen Nordens in rauschende Begeisterung zu versetzen. Im Taumel der Gefühle erhob sich das ganze Haus von den Plätzen, die jungen Offiziere eilten an die Brüstung, zückten die Schwerter, ließen die Klingen im Takt mit dem Gesang aufeinanderschlagen und sangen mit, von dem übrigen Publikum durch Zurufe und Winke mit den Tüchern angefeuert.
„Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäunt, die Brust im Gefechte gelüftet! Die Jugend brauset, das Leben schäumt! Frisch auf! Eh der Geist noch verdüftet. Und setzt ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!“
„Und setzt ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!“
So sang das ganze Haus mit, und der Vorhang fiel und erhob sich immer wieder vor nie enden wollenden Beifallsstürmen. Das Tücherschwenken und Winken galt aber den Soldaten draußen im Theater noch mehr, als denen auf der Bühne. Und als ein junger Offizier an die Brüstung trat und den König hochleben ließ, da stimmte alles begeistert ein, und es dauerte geraume Zeit, ehe sich das Haus leerte.
Vor dem Theater aber staute sich die Masse der draußen Wartenden mit dem durch die vielen Ausgänge herausströmenden Publikum zu einem undurchdringlichen Knäuel, in dessen Mitte sich allmählich die Offiziere als fester Kern zusammenfanden.
Ein junger Brausekopf sprang auf die Freitreppe hinauf und hielt eine feurige Rede, in der er in derber Soldatenweise dartat, wie sehr es an der Zeit wäre, daß die Jugend jetzt das Heft in die Hand nähme und gutmachte, was das Alter aus Bequemlichkeit und Zaghaftigkeit gesündigt hätte! Endlich wollte man den Franzosen zeigen, daß Preußen noch da sei und in der Welt mitzureden habe! Mit dem feigen Zurückweichen vor welscher Anmaßung habe es jetzt sein Bewenden! Das Schwert müsse jetzt gutmachen, was die Feder unfähiger Staatsmänner gesündigt! Die Tage der Schmach hätten jetzt ein Ende, und ein Hundsfott wäre, wer sich da noch feige um die Pflicht herumdrücke, Leben und Blut für die beleidigte Nationalehre einzusetzen, oder wer gar noch daran dächte, den Franzosen die Hand zur Versöhnung zu bieten! –
„Nieder mit den Franzosen!“ schrien sie alle. „Nach der Botschaft! Nach der französischen Botschaft!“
Wie von einem Gedanken getrieben, stürzten sie vorwärts, lehnten sich mit unwiderstehlicher Gewalt eine Gasse durch die angesammelte Menschenmenge und eilten, die gezückten Waffen über den Köpfen schwingend, auf das Haus der französischen Botschaft zu. Und hinter ihnen her wälzte sich eine tausendköpfige Masse, schreiend, tobend, jauchzend, johlend und alles was lebte und ihr in den Weg kam, vor sich herfegend.
Das Haus der Botschaft lag in tiefem Dunkel. Als die schreiende Menge, die jungen Offiziere mit den blitzenden Waffen voran, auf das Haus zustürmte und den ganzen Platz davor füllte – da huschten rasch ein paar Schatten auf den Balkon hinaus und bogen sich über das Geländer, blickten herab und zogen sich dann schnell zurück.
Kein Schlag gegen das Haustor dröhnte, kein Zeichen von Gewalt war zu bemerken. Einzig ein schneidendes, kreischendes Geräusch, wie wenn Hunderte von Schleifsteinen gleichzeitig gegen harten Stahl gestrichen werden, war alles, was die oben atemlos Lauschenden von unten vernahmen, und dann die Stille, in die das wüste Lärmen allmählich überging.
Wieder huschten sie vor und blickten hinunter.
Da an der Treppe knieten die jungen Offiziere Mann an Mann und wetzten ihre Säbel an den steinernen Stufen vom Hause Frankreichs.
Als sie fertig waren, sprangen sie auf, schwangen wieder einmal drohend ihre Waffen gegen die französische Fahne da oben am Mast und riefen wie aus einem Munde:
„Hie Preußen allewege! Tod den Franzosen!“
Und jubelnd stimmte die tausendköpfige Menge in den Ruf ein:
„Tod den Franzosen!“
Niemand antwortete von den oben Harrenden! Aber die dreifarbige Fahne flatterte stolz und breitete und blähte sich im Winde.
*
König Friedrich Wilhelm III., lang, robust und soldatisch steif, ging mit ungelenken Bewegungen in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er schien ärgerlich über irgendeine Begebenheit, von der er überrascht worden war, und die ihn jäh vor die Notwendigkeit stellte, einen Entschluß zu fassen. Am liebsten überließ er das seinen Ministern, weniger aus Bequemlichkeit, als aus übergroßer Bescheidenheit und einer jugendlichen Befangenheit, die ihn, trotz seiner siebenunddreißig Jahre, noch beherrschte.
Jetzt aber galt es, durch einen persönlichen Akt die Würde seiner Stellung zu wahren und mit einer Kundgebung seines Willens dem Geist der Beunruhigung entgegenzutreten, den die jungen Offiziere durch ihre disziplinwidrige Kundgebung entfesselt hatten!
Die Revolte gegen die königliche Autorität – denn nur so faßte sie der König auf – mußte schnell im Keime erstickt werden, ehe sie von Berlin auf das übrige Land übergreifen konnte!
Den Kopf steifnackig in den hohen, goldgestickten Kragen zurückgedrückt – das reiche blonde Haar aus der Stirn nach der Seite gestrichen – die vollen Lippen vom kurzen Schnurrbart mäßig beschattet – die Wangen vom Backenbart eng umrahmt – die Augen trüb melancholisch blickend, so schritt er bedächtig einmal durchs Zimmer und dann noch einmal – blieb vor dem Arbeitstisch stehen und blickte zum Kabinettsrat Beyme hinüber, der mit devoter Haltung, in gemessener Entfernung vom allerhöchsten Schreibtisch, das Resultat der königlichen Erwägungen abwartete.
Ein Zucken durchfuhr die kleine dicke Gestalt, als er die Augen des Königs auf sich gerichtet fand. Beflissen streckte er den Kopf vor, nahm die Hacken zusammen, daß seine krummen Beine ein erstauntes O bildeten; seine kohlschwarzen Augen quollen achtunggebend aus ihren Höhlen hervor, bereit, dem gnädigen Herrn und Gebieter jeden Wunsch vom Gesichte abzulesen und ihn so der Mühe zu überheben, ihm Worte zu verleihen.
Der König sah es, ließ die Finger seiner Rechten einen zaghaften Appell auf der Tischdecke trommeln, blickte dann steif vor sich hin, ohne Beyme anzusehen, und sagte mit sichtbarer Mühe:
„Junge Offiziers maßregeln! Beispiel statuieren! Widersetzlichkeit ausrotten! Haben Befehle gegeben! Er, Beyme, hat für strikte Durchführung und für Beruhigung der Stadt zu sorgen!“
Der Kabinettsrat verbeugte sich schweigend.
Der König wartete, um irgendein Wort der Entgegnung von seinem Getreuen zu hören, nahm dann ein bereitliegendes Dokument vom Tisch und reichte es ihm, sichtlich dadurch belästigt, allein reden zu müssen.
„Lesen!“ befahl er.
Schnell wie ein Wiesel eilte der Kabinettsrat auf seinen krummen Beinen vor, nahm mit tiefer Verbeugung das Papier entgegen, hielt es dicht ans Gesicht und rollte mit seinen Blicken geschwind die Tintenspuren bis zu den Unterschriften ab.
Dort blieben sie hängen, unter emporgezogenen Brauen, während die Lippen sich mühten, den erstaunten Kreis der Beine nachzubilden.
„Nun?“ fragte der König ungeduldig, endlich eine andere Stimme zu hören.
Beyme ließ das Dokument bis zur Höhe seines Bauches sinken, zuckte fast unmerklich mit den Schultern, wiegte den Kopf einmal nach rechts, dann einmal nach links, tat die Lippen auf – schloß sie aber wieder, senkte die Blicke und blieb stumm stehen, mit der Miene der verkannten Unschuld.
„Man verlangt von Uns seine Entlassung, Beyme!“ sagte der König ungeduldig, da er immer noch keine Antwort bekam.
Beyme blickte auf mit einem rührenden Augenaufschlag, seufzte aus der Tiefe eines gekränkten Herzens und senkte die Blicke wieder, so alleruntertänigst andeutend, daß er sich in das Unabwendbare finden würde, wenn’s sein müßte. Aber er erwiderte keine Silbe.
„Den Kabinettsrat Lombard sollen Wir auch fortschicken – Unseren Minister Haugwitz auch! Sage Er doch seine Meinung!“
„Majestät!“ sagte der Angeredete mit einem gequälten Seufzer. „Dero alleruntertänigstem Knecht würde es wenig ziemen, irgendeine Meinung über ein Dokument zu verlautbaren, unter dem die erlauchten Namen fünfer Prinzen des königlichen Hauses stehen – der beiden Prinzen Brüder, des Prinzen Oranien Hoheit sowie der Prinzen Louis Ferdinand und August!“
„Da stehen auch andere Namen!“
„Namen von Männern, die sich des allerhöchsten Vertrauens erfreuen dürfen, als welche die Generäle Rüchel und Pfuhl wohl zu bezeichnen sind, und auch seine Exzellenz der Finanzminister Freiherr vom Stein –“
„Seine Unterschrift ist Uns allein hier maßgebend“, sagte der König langsam. „Die Prinzen und die Generäle sind nichts als Mitläufer. So meint Er doch auch?“
Beyme hob das Dokument wieder zur Höhe seiner Augen und rollte es noch einmal rasch mit den Blicken ab.