Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 7
Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung.
„Machen wir uns nicht lächerlich!“
„Ich sorge nur für mich“, sagte Blücher und steckte sich in aller Seelenruhe die Rose ins Knopfloch.
„Guten Abend, General!“ sagte der Prinz kurz, machte kehrt und verschwand mit raschen Schritten in dem immer mehr zunehmenden Dunkel des Abends.
Blücher wandte sich zu seiner Frau, die jetzt herauskam und ihre Hand auf seinen Arm legte.
„Hier hast du die prinzliche Rose, Malchen“, sagte er launig und steckte sie ihr an den Busen. „Behalt’ sie nur. Ich nehm’s dir nicht krumm, wenn dir ihr Duft ein wenig zu Kopfe steigt. So muß es ja sein: alles muß dir zu Füßen liegen, alles in dich verrückt sein. Fürsten und Könige müssen um deine Gunst buhlen und ihre Knochen riskieren um einen Blick deiner Augen. Nimm du’s ruhig an. Daß sie dir nicht zu nahe kommen – _dafür sorge ich schon_, wie du siehst! In _dem_ Kriegshandwerk nehme ich’s auch mit jedem auf. Ich war selbst kein Kostverächter, als ich jung war!“
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte zu ihm auf.
„Du hättest das von dem Kinde nicht vor ihm sagen müssen“, sagte sie leise vorwurfsvoll.
„Werd’ nur nicht sentimental, Malchen“, sagte er und gab ihr einen herzhaften Kuß. „Das steht dir nicht, und ich mag’s nicht leiden. Meine Tochter nehme ich jetzt ins Haus, da bist du nicht allein. Viel jünger wie du ist sie nicht, ihr werdet euch gut anfreunden, denke ich! Und so kriege ich sie von ihren Großeltern fort. Die verziehen sie mir nur. Und ich kann für meinen Tod nicht all diese welsche Erziehung der jungen Weiber leiden, wie sie nur Französisch parlieren und sich mythologisch vorschwärmen lassen können.
Die Rike mußt _du_ in Behandlung nehmen, Malchen, wenn sie kommt, und ihr das Welsche gehörig wieder austreiben! Versprich mir das! Und wenn sie auch französisch frisiert sein sollte, wofür sie der Deibel holen soll, so kämm’s ihr nur schleunigst aus! Kämm’s aus, Malchen, sonst lasse ich mich von dir scheiden!“
Damit nahm er sie unter den Arm und ging mit ihr ins Haus hinein.
8 „PRÜSKE DICKKÖPPE“
Franz Joseph Gall, Anatom und Phrenolog, war auf seiner Rundreise durch die größeren Städte Deutschlands auch nach Münster gekommen, wo Blücher, nach der Besetzung des Münsterlandes, als preußischer Gouverneur residierte.
Er las dort Gläubigen und Ungläubigen ein Kolleg über Dickschädel, Hohlschädel und andere kraniologische Kuriosa vor. An der Hand eines menschlichen Kraniums entwickelte er seine ebenso neue wie aufsehenerregende Lehre, in der er es unternahm, nach der Gestaltung der Schädeldecke auf das Geistesvermögen eines Menschen zu schließen.
Das war im „Staate der Heiligen“, wie Blücher sie nannte, nichts denn ein tollkühnes Beginnen und ein Greuel vor dem Herrn! Zum Entsetzen aller Strenggläubigen unternahm der Herr Physikus ja nichts mehr und nichts weniger als die Seele – die bis jetzt alleinige Domäne der heiligen Kirche – zum Objekt einer profanen Wissenschaft erniedrigen zu wollen!
Man hatte sich wohl, durch die vor kurzem begonnenen Säkularisationen, an vieles gewöhnen müssen! Man hatte gesehen, wie der Kirche Ländereien und Viehherden entzogen worden waren! Man staunte über nichts mehr!
Aber eine Lehre, die die Decke eines ehrsamen Bürgerschädels und bisherige bevorzugte Abladestelle kirchlichen Segens auf die Geheimnisse des darunter gehorsamst schlafenden Seelenlebens untersuchen wollte – die dessen Hügel und Talmulden zum Forschungsgebiet einer ganz gemeinen Neugier erniedrigte und den Geist sozusagen mit den Fingern betasten wollte, die ginge doch, und nicht nur figürlich, über die Hutschnur!
Für Blücher war die Phrenologie ein gefundenes Fressen und eine Belustigung besonderer Art.
Als alter Husar hatte er wohl stets seinen Kopf für sich gehabt und sich wenig darum gekümmert, ob oder inwiefern er ins System der anderen hineinpaßte.
Als Gouverneur mußte er ihn aber von Amts wegen täglich mit so vielen andersgearteten Querköpfen karambolieren lassen, daß er freudig jeden Versuch begrüßte, eine Art Topographie des menschlichen Schädelgeländes zu schaffen.
Es brachte immerhin ein bißchen Ordnung in die Sache hinein und würde am Ende doch noch dazu beitragen, den amtlichen Geschäftsgang zu vereinfachen! Wenn der Herr Gouverneur sich auch nicht verhehlen konnte, daß amtliche Konfusionen mit überflüssigen „Rückfragen“ und anderem verfänglichen Geschreibsel, als Ausfluß höchster Beschränktheit, durch nichts mehr zu beschränken seien! –
Immerhin verdiente der Versuch behördliche Beachtung!
Der Herr Gouverneur zählte also zu den eifrigsten und aufmerksamsten Besuchern der Gallschen Vorlesungen, was in der guten Stiftsstadt sehr bemerkt wurde und zu allerlei Vermutungen und Auslegungen Anlaß gab.
Mit ehrfürchtigem Staunen blickten die guten Münsterianer scheu zu seiner hohen Gestalt hinüber, die, in der ersten Stuhlreihe sitzend, alle überragte, und mindestens ebensosehr die Aufmerksamkeit auf sich zog wie die ketzerischen Ausführungen des gelahrten Herrn Physikus.
Weder das noch die wortlose Entrüstung eines ehrsamen Auditoriums entgingen seiner Aufmerksamkeit.
Mit liebkosender Schärfe musterten seine Blicke die Sammlung erlesener Schädel, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wie um als unfreiwillige Demonstrationsobjekte zu dienen. Seine Augen leuchteten vor diebischer Freude auf, und es zuckte spitzbübisch schlau um die Mundwinkel hinter dem herabhängenden Schnauzbart, wenn er einen besonders leckeren „Ball“ entdeckte.
Am häufigsten schielte er zum Nachbar links hin, dessen kurze stämmige Gestalt den geraden Gegensatz zu ihm selbst ausmachte. Wie Raubvögel umkreisten seine Adlerblicke den gewaltigen Kopf, aus dessen Gesicht, unter buschigen Brauen, eine mächtige Hakennase gebietend hervorsprang.
Schmunzelnd wie ein Gourmet, dem sein Leibgericht aufgetragen wird, saß er mausestill da, stellte aus nächster Nähe seine Untersuchungen an und schien zu ganz merkwürdigen Schlüssen zu kommen. Indessen sein Opfer, in Gedanken versunken, den Vorlesungen kaum zuzuhören schien und noch weniger die Aufmerksamkeit beachtete, deren Gegenstand es war.
Endlich war der Anatomus mit seinen Ausführungen zu Ende, nahm sein Kranium unter den Arm, rollte sein Manuskript zusammen, verneigte sich würdevoll, ging und ließ sein kopfschüttelndes Auditorium sitzen.
Blücher stand auf, und sein Nachbar ebenso, den er jetzt, im Stehen, um Haupteslänge überragte.
„Wissen Sie was, Baron?“ fragte er lächelnd und strich seinen langen Schnurrbart hoch. „Als der Physikus soeben den Totenschädel aufhob, da dachte ich: ‚Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeißt er ihn nach den anderen Köpfen!‘ Die wackelten auch schon bedenklich! Die wären durcheinandergekollert, daß es eine Lust wäre! An seiner Stelle hätte ich den Wurf getan! So ’ne Sammlung Dösköppe war noch nicht da! Sehen Sie sie nur an!“ flüsterte er. „Ausschaun tun sie wie ein Haufen ‚Marterln‘ von allen möglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten Krähen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die Köpfe, daß sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus noch weniger.
Keine Ahnung hat er – keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die Franzosen gut genug sein, ihnen die Würmer aus der Nase und das Geld aus den Taschen zu ziehen – was ich übrigens den Geizhälsen gönne! Aber so’n richtiger preußischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht, Baron, der wird nimmermehr zugeben, daß man den Schädel erst befühlen muß, um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein ‚Bekämpfungsvermögen‘, wie die Ochsen, mit dem Schädel dartun, sondern mit blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn’s not tut. Und was das ‚Eigentumsvermögen‘ betrifft, das er auch vom Schädel ablesen will – –“
„Da“, lachte der Baron, „setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren Sie und weisen es so – negativ nach!“
„Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt bei den Karten und hat mit dem Schädel nichts zu tun!“
„Soweit ich ihn verstanden habe,“ sagte der Baron, „gingen seine Ausführungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein. Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine geistige Fähigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab- oder zunimmt, und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des Schädels nachzuweisen ist.“
„Das ist eben falsch“, sagte Blücher bestimmt. „Die Erhöhungen des Schädels besagen gar nichts – bei den meisten Menschen jedenfalls nicht mehr als: ‚Hier ist beim gewöhnlichen Rindvieh der Platz für die Hörner!‘ – Da können Sie sich auf _mich_, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie sich nur in den Spiegel, Baron!“
Der Baron blickte ihn an.
„Ich möchte doch sehr bitten!“ sagte er scharf.
„Sehen Sie sich nur in den Spiegel!“ lachte Blücher. „Nach den Theorien Galls müßten Sie ein gutmütiger, braver Spießer sein – sanft, fromm und nachgiebig – das Muster eines Familienvaters! Nach _meinen_ dagegen – und ich verstehe etwas von Köppen – ich habe mein Lebtag so ville eingeseift – nach _meinen_ Theorien also, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie der Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberpräsident der Westfälischen Domänenkammer – da würde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster Sorte!“
„Um Gottes willen!“
„Oder zum mindesten ein geheimer Raubmörder!“
„Das auch noch!“
„Gestehen Sie’s nur, Sie haben so etwas auf dem Kerbholz!“
„Nicht einmal im Traum!“
„Sie werden doch unter Ihren reichsritterlichen Ahnen wenigstens einen von der Sorte haben?“
„Kann schon sein!“
„Nun, sehen Sie! Da werden Sie von ihm ebensoviel geerbt haben, wie ich von dem meinigen, und mit mir eines Sinnes sein und eine Schädellehre haben, und die ist nun die nämliche: wenn all die Dickköppe und Strohköppe und Hohlköppe und Dösköppe und Schafsköppe und Quasselköppe, von denen der Schädelgelehrte da nichts wußte, obwohl wir hier im Lande einen Überfluß daran haben – wenn _die_ alle im Staate mitreden sollten, wie Sie es wollen, oder sich gar zu einem Parlament zusammentun dürften, um Geschrei und allerlei Konfusion zu machen – wie drüben in Paris –, das wäre weit schlimmer als eine allgemeine Kopflosigkeit! Da hilft nur _ein_ Mittel dagegen, und das ist nun das nämliche, was die Jakobiner so gut zu handhaben wußten, nämlich: die Guillotine! Aber auf die richtige Art angewandt – an den Jakobinern selbst. Runter mit dem Salat, das hilft! Nachher wird kein unnütz Stroh gedroschen!“
„Der Meinung bin ich nun nicht!“ antwortete der Baron energisch. „Es schadet nicht, daß die Leute ihr Stroh dreschen, wenn sie nur mittun und mitempfinden lernen. Nur wenn sie sich auch verantwortlich fühlen, nur dann wird das eingeschlafene Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Vaterland wieder wachgerüttelt. Und kein Fremder darf dann wagen, an deutsche Gaue Hand legen zu wollen, wie er es jetzt wieder versucht!“
Sie waren inzwischen aus der Akademie herausgekommen und gingen langsam durch die Straßen der alten Stadt nach Hause.
Auf dem Domhof kam ihnen eine goldstrotzende Prozession entgegen mit wehenden Fahnen, Blumen und Weihrauch und der gesamten Geistlichkeit in prachtvollen Gewändern.
„Was nützt uns das Wachrütteln,“ sagte Blücher, „wenn die da die Macht haben, die Geister wieder einzuschläfern?“
Der Freiherr zog seinen Hut, und Blücher salutierte, bis die Prozession vorbei war.
„Haben Sie gesehen, wie bös die Kerle mich anschielten?“ fragte er dann den Baron. „Die giften sich gewaltig, weil ich hier die Freimaurerloge wieder aufgemacht habe. Een ‚prüsken Windbüdel‘ – een ‚lutherschen Dickkopp‘ haben sie mich genannt. Der Windbüdel setzt ihnen aber noch ganz was anderes als die Loge auf die Nase!“
„Da drüben hält eine andere Prozession“, sagte der Freiherr und zeigte auf drei Soldaten, die einen gefangenen Deserteur transportierten und ebenfalls von der Prozession aufgehalten worden waren. Sie blieben noch stehen, um den General zu salutieren.
„Antreten! Melden!“ rief Blücher sogleich, als er sie sah. Und die Leute kamen über die Straße, grüßten ihn nochmals und gaben ihren Rapport ab.
Blücher blickte den Gefangenen unwillig an. Er war ein junger, kräftiger Bursche. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt.
„Schämst du dich nicht, Bursche?“ rief Blücher ihm zu. „Siehst, wie der Franzos überall in der Welt haust und wie er seine langen Finger nach immer mehr deutscher Erde ausstreckt – hast zwei kräftige Arme zum Dreschen und willst dich drücken, willst nicht helfen, deine Heimat von den Schuften zu säubern?! Abführen!“ rief er, und die Leute salutierten und zogen mit ihrem Gefangenen ab.
„Vaterlandsloser Gesell!“ kam es noch verdrießlich aus dem Gehege seiner Zähne hervor.
„Das ist er wohl. Aber nicht durch eigene Schuld!“ sagte Stein energisch. „Und das dürfen Sie ihm darum auch nicht vorwerfen!“
„Das wäre wohl auch!“
„Der, wie die meisten seinesgleichen, hat kein Vaterland! Der hat nur einen Herrn, der von ihm möglichst viel Steuern herauspreßt und ihn womöglich noch zum Kriegsdienst aushebt. Und hat er nicht den einen Herrn, so hat er den andern. _Wer_’s ist, ist ihm gleich – ob Preuße, ob Franzose, was schert das ihn, wenn er ihn nur möglichst wenig bedrückt! Das vaterländische Gefühl ist eben überall bei uns im Aussterben. Ich sagte es ja schon, und auch, wie es zu bessern wäre, wenn nicht zu spät damit angefangen wird!“
„Ein Glück, daß die Fahnenflüchtigen unter _meine_ Gerichtsbarkeit fallen! Denn wenn Sie, Herr Präsident, ihn abzuurteilen hätten –“
„Ich würde in dem Falle versucht sein, Milde walten zu lassen – ich gestehe es! Übrigens werde ich bald hier nichts mehr zu richten haben!“
„Sie sind schon amtsmüde? Nach kaum zwei Jahren?“
„Das nicht! Man hat mich nach Berlin in die Regierung berufen. Ich soll Minister werden.“
„Und Sie? Haben Sie angenommen?“
„Ich habe – _bedingt_ angenommen. Ich möchte mir wohl die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zum Besten meines Vaterlandes tätig zu sein. Aber – ich möchte sie auch gehörig ausnutzen können!“
„Das traue ich Ihnen schon zu. Der König liebt es aber nicht, wenn man ihm Bedingungen stellt!“
„Ist mir gleich!“
„Was hat er denn geantwortet?“
„Er hat – _bedingt_ zugestimmt!“
„Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!“
„Das genügt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich brauche, um etwas leisten zu können, oder ich gebe mich mit dem ganzen Kram nicht ab!“
„Was haben Sie denn verlangt?“
Der Freiherr blieb stehen, faßte Blücher an einem Rockknopf und zwang ihn so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Vorübergehenden zu kümmern, fing er dann an, seine Pläne zu entwickeln, durch die er dem alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preußen von Grund aus umgestalten wollte.
Erst den Beamtenkörper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und einschlägige Fachminister für das ganze Land einsetzen, so dem Reich den fast föderativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen verschmelzen – die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und Justizministerium und dem allein mit der Person des Königs verkehrenden „Kabinettsministerium“ ein Konseil einführen, dessen Mitglieder sämtlich direkt mit dem König verkehren könnten – dann durch Städte- und Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Bürger und der Landbevölkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung geben, das Gewerbe frei machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so daß das Werbesystem abgeschafft würde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang empfände, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen Staates zu regeln haben würde – –“
„Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen“, sagte Blücher. „Ich hatte schon Angst, Sie würden damit den Anfang machen wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel hätten wir sowieso früh genug! Wenn die bei Ihren Reformplänen mitreden sollten – Sie würden sich wundern, was dabei alles herauskäme! – Sie würden Ihr eigenes Kind nicht mehr wiedererkennen und all Ihre schönen Pläne ins Wasser fallen sehen! Am besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertrödelt bloß die Zeit, weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie’s lieber ganz allein! Machen Sie’s mit der königlichen Verordnung – die schafft’s, wenn der richtige Mann sie handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschließen – befehlen, und die Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, _dann erst_ lassen Sie die Leute reden, wenn’s durchaus sein muß! Da ändert an einer rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlköpfen nichts!“
„Das Volk muß,“ sagte der Freiherr energisch, „und das ist das allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab – das Volk muß wissen, daß es in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! – Es muß fühlen, daß es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge – es würde sich nicht im geringsten dafür interessieren. Denn der Staat ist sein Feind – oder er ist ihm zum mindesten gleichgültig! Das Volk empfindet nicht, daß es selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewußtsein zu Dingen, so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht.“
„Verehrter Freund,“ antwortete Blücher, „es kann sein, daß Sie recht haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden – sollen wir da Kinder und unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand setzen lassen? Was sagte ich vorhin – den reinen Verbrecherkopf, den reinen Verbrecherkopf haben Sie!“
Stein lachte. Aber Blücher faßte ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der Lambertikirche.
„Sehen Sie da hinauf“, sagte er. „Da oben baumelten vor etlichen Jahrhunderten – wie viele ist mir Wurst – zwischen Himmel und Erde, in den drei eisernen Käfigen, je ein solcher Neuerer wie Sie! Sie wissen: der Schneidermeister und König vom ‚Neuen Zion‘, Johann von Leiden, Knipperdolling, sein Kanzler und Henker, und Krechting – denn so hieß wohl der Dritte im Bunde! Die hingen da, bis die Vögel des Himmels ihnen das Fleisch von den Knochen gerissen hatten. Und das waren Leute, die auch – in ihrer Weise – das Volk ‚frei‘ machten, das Alte, Bewährte in Trümmer schlugen, mit Feuer und Schwert vertilgten und ‚das Neue Reich‘ auf dem Schutthaufen aufrichteten. Vergessen Sie nicht: wir stehen hier auf dem klassischen Boden solcher Revolutionen, mitten im ehemaligen Reiche der Wiedertäufer.“
„Für blutige Revolutionen,“ sagte der Baron ruhig, „wie damals die der Wiedertäufer und heute die Französische, ist hier bei uns kein dauernder Boden. Die Methode führt bei uns zu weiter nichts, als zu stärkster Gegenwirkung. _Wir_ müssen das anders machen, wenn wir uns verbessern wollen – und das möchte ich eben versuchen.“
„Das tun Sie nur, Baron. Gehen Sie nach Berlin! Ich behielte Sie wohl am liebsten hier, aber da sind Sie uns viel nötiger! Gehen Sie nach Berlin – – seien Sie frech –!“
„Frech nicht, aber entschieden!“ lächelte der Baron.
„Das ist bei mir ein und dieselbe Chose!“ sagte Blücher, nahm ihn beim Arm und zog ihn weiter mit.
„Eins bitte ich nur aber aus“, sagte er dann im Gehen. „Wenn Sie dabei sind, alles neu zu machen – von der Armee lassen Sie die Finger! Die besorgen wir vom Bau besser!“
„Ihr vom Bau hängt zu sehr am Althergebrachten, um Neuerungen die rechte Unbefangenheit entgegenzubringen!“
„Man muß wohl, wie Sie, unabhängiger Reichsritter gewesen sein, keine Armee zu kommandieren und kein Land zu regieren gehabt haben, um beides besser zu verstehen – nicht wahr?“ lachte Blücher.
„Ganz gewiß. Da behält man eben den Kopf frei, hat keine Scheuklappen vor den Augen und ist an nichts gebunden als an sein gesundes, natürliches Urteil!“
„Sehen Sie – das gefällt mir bei Ihnen, Baron! Aber trotzdem mag ich nicht, daß die Zivilisten an der preußischen Armee herummäkeln! Es ist ja viel daran zu bessern, das stimmt. Aber es steckt ein guter Kern darin, der erhalten zu werden verdient –“
„Eben weil der Kern in der preußischen Volkskraft ruht“, sagte der Freiherr. „Aber nur _wir_ Eingeweihte empfinden das. Das Volk müßte sich dessen auch bewußt werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so seine Kraft verdoppelt!“
„Wer würde das nicht wünschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von Grund aus neu aufbauen.“
„Auf _altem_ Grund neu – –“
„Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemäuer, das müssen wir mit hinübernehmen – wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die fingen oft romanisch an – sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an – und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und schlugen so in _einem_ Bau Brücken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine Brücke ist unsere Armee. Werft sie ab – und drüben bleibt der Geist der Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer auszeichnete, und kann nicht zu uns herüber.“
„Der braucht nicht herüberzukommen, denn er ist da, wie er immer in unserem Volke da war. Er wird uns täglich neu geboren!“
„Aber auch täglich wieder totgeschlagen“, erwiderte Blücher ernst. „Und das eben möchte ich vermieden wissen! Solch einen Totschlag am Geist der Ordnung und Tapferkeit wollt ihr Herren vom Zivil eben begehen, wenn ihr die Hände nach dem preußischen Heere ausstreckt! Ihr sollt mir aber die preußische Armee nicht kaputt machen wollen. Ich habe mit in ihren Reihen gekämpft im Siebenjährigen Kriege – ich war mit ihr in Polen, in den Niederlanden, am Rhein Anno dreiundneunzig und vierundneunzig –, ich habe gesehen, was der preußische Soldat kann, wenn die Führung taugt. Ich verstehe etwas von der Sache und weiß, solch eine Waffe wirft man nicht ohne weiteres fort! Schwerenot! Wenn ich einen guten, scharfgeschliffenen Säbel habe, der mir gut in der Hand liegt und mir vertraut ist, den werf’ ich nicht zum alten Eisen und hole mir einen neuen, der mir am Ende weniger zusagt, sondern ich hau’ feste zu! Aufs Dreinhauen kommt’s heute noch an wie immer! Der richtige Kerl muß nur da sein, der die Waffe der Väter zu führen versteht, dann taugt sie auch!“
„Das weiß ich ebensogut wie Sie!“ versetzte der Freiherr ein wenig gereizt.
„Nun, was wollen Sie denn!“ rief Blücher nicht weniger heftig. „Wenn Sie das wissen, da müßten Sie sich auch sagen, daß unsere Waffe nicht verrosten kann! Da müßten Sie doch sehen, daß heute, wie immer, Leute genug dabei sind, sie frisch zu polieren, den Geist und die Bildung beim Offizier zu heben, das Untaugliche hinauszuwerfen und mit dem Schlendrian reinen Tisch zu machen! Und auch, daß uns nichts fehlt als der Befehl zu rascher Tat!“
„Das alles sehe ich wohl!“ sagte der Baron. „Aber auch das viele Überlebte, das leider Gottes die Macht hat, jede Entwicklung zum Besten aufzuhalten. Da hilft nicht allein der Mann, der befehlen kann – denn was nützen mir Befehle, wo der Gehorsam fehlt?! Der Geist, der sich bereitwillig dem Ganzen unterordnet, der fehlt oben wie unten! Erst muß da Wandel geschaffen – erst muß von Grund aus alles neu geordnet werden. Und der Grund kann nur die allgemeine Wehrpflicht sein, die jedem Staatsbürger das Recht, aber auch die Ehrenpflicht gibt, das Land zu verteidigen, und jede Anwerbung von ausländischem Gesindel ausschließt! _Da_ müßten die Leute den Hebel ansetzen, die, wie Sie sagen, auch in der Armee dabei sind, mit dem alten Schlendrian aufzuräumen –“
„Am Ende haben sie’s längst getan!“ rief Blücher und blickte den Freiherrn schalkhaft an. „Passen Sie nur auf, Baron! Sie werden noch von denen überholt!“