Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 6
Blücher lächelte. Aber ein schlauer, hinterlistiger Zug zuckte irgendwo hinter dem Schnauzbart, und seine Augen leuchteten hart auf wie beim Jäger, wenn er das Wild gestellt hat und das Gewehr anlegt.
„Hoheit haben sich wohl bei der Rheinfahrt auch die Entschädigungen angesehen, die wir diesseits des Flusses für Preußen herausholen werden, für das, was uns der faule Friede drüben geraubt hat?“ fragte Blücher dann im Weitergehen.
„Das war mit ein Hauptziel meiner Reise“, antwortete der Prinz. „Und nur um das zu verdecken, mache ich noch einen Abstecher ins Holländische hinein. Ich spiele ja am Hofe die Rolle des ungebetenen Mahners, den man nicht gern in der Nähe wissen möchte, wo große Entschlüsse zu fassen sind! Man hat mich gern ziehen sehen! Ich komme aber wieder. Und nachher sitze ich den königlichen Kabinettsräten, wie immer, feste im Nacken! Und mein Vetter, der König, wird auch keine Ruhe vor mir haben! Es steht aber auch viel auf dem Spiel – es gilt, rasch zuzugreifen!“
„Das meine ich auch! Das Bistum Münster ist wohl das wenigste, was wir verlangen können, und dann –“
„Hannover“, sagte der Prinz und senkte die Stimme. „Die Frucht ist längst reif. Wenn ich nur zu befehlen hätte! Aber es sieht wieder aus, als würde die gute Gelegenheit verpaßt werden, wie schon sooft bei uns.“
„Ein Wort nur,“ rief Blücher, „und ich nehm’s! Ich laure ja nur darauf! Hannover müssen wir haben. Die Engländer können’s nicht halten, und nehmen wir’s nicht, so nehmen’s die Franzosen. Und die können wir nicht ein paar Tagemärsche von Berlin gebrauchen!“
„Nein, das können wir nicht!“ rief der Prinz. „Wenn Sie und ich und noch ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand hätten, dann wäre es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach der Schablone! Was alt und verknöchert ist, sitzt oben und gebietet, nur weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut müssen die Zähne zusammenbeißen und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!“ platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der jungen Frau zu denken. „Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls bin ich doch neidisch! Es war ja scheußlich, wie sie in den acht Jahren der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und Unersetzliches sie in Trümmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten. Aber das hat manche tüchtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika, der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hörten! Glauben Sie aber nicht, _wir_, Blücher, Sie und ich, hätten das Zeug zu gleich Großem, hätten wir nur die Gelegenheit?“
„Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man nicht, sie auszunützen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich schon, Gott weiß wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten und fluche und schmöke meinen Knaster und blicke über den Rhein, ob nicht der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schußweite zu kommen! Statt übers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den Parisern _bon jour_ zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, daß Preußen noch auf der Welt ist! Der hätte dann anderes zu tun gehabt, als über die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige österreichische Lorbeeren zu kaufen! Dafür hätte ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das ist meine feste Überzeugung!“
Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in einem Garten gelegenen Wohnhause des Generals angekommen.
Der hohe Gast wurde durchs Haus geführt, alle Räume wurden ihm gezeigt – auch die Wohnräume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schöne Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot, war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz ließ es sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhängten Bett seine Huldigung darzubringen.
Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, ließ es zu, daß Blücher, bei Vorzeigung seiner Schätze, seine unvermeidliche kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur über den Qualm, den er produzierte, und meinte, es käme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast wäre, um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewölbe Waffen, Rüstungen und andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern!
„Um so eher,“ sagte er, galant der jungen Frau die Hand küssend, „da es mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war.“
„Wie denn?“ fragte die Generalin lächelnd.
„Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schätze. Das Gold verlor seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!– Alles verblaßte, denn aus dem innersten Gewölbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz entgegen: die Göttin Venus selbst, lebendigen Leibes – und er war geblendet.“
„Aber – wie’s scheint – doch nicht stumm!“ lachte Blücher und ließ sich’s gefallen, daß sein Malchen, ihre Verlegenheit durch einen plötzlichen Hustenanfall verbergend, ihm die Pfeife aus dem Munde riß.
„Pfui, du verqualmst uns ja das ganze Haus! Kommen Sie, Hoheit – gehen wir aus diesem Raum hinaus, wo er allein zu gebieten hat! – Ich führe Sie in _mein_ Reich!“
Und sie zog ihn mit. Blücher folgte. Und der Prinz, jetzt schon wie zu Hause, forderte sie, draußen im Salon, auf, gleich den Tanzboden mit ihm zu probieren.
Freudig willigte sie ein und ließ sich von ihm die neueste Tour der Gavotte zeigen, die man jetzt am Hofe der Königin Luise so gern zu tanzen pflegte, damit sie nicht unwissend sei, wenn sie einmal zu Hofe käme!
Die Tour wurde durchgenommen – der Prinz sang die Melodie dazu. Und Blücher, der auch ein gewaltiger Tänzer war, wurde gleich Feuer und Flamme, revanchierte sich sofort mit einem polnischen Tanz, den er beim letzten Feldzug in Polen gelernt hatte, komplimentierte den Prinzen ans Spinett, trällerte ihm selbst die Melodie vor, bis er sie spielen konnte, und tanzte ihm dann mit seiner Frau einen feurigen Krakowiak vor, daß die Dielen dröhnten und die junge Frau nur so durch die Luft schwirrte. Im Tanzen stand er noch seinen Mann.
Als der Prinz aber in voller Begeisterung ein wahres Feuerwerk von Komplimenten über die junge Frau losließ, machte Blücher dem rasch ein Ende, schickte sie fort, um nach den Anordnungen für die Mahlzeit zu sehen, und führte seinen Gast solange durch den Garten.
„Zur Abkühlung!“ wie er nicht ohne einen Nebengeschmack von Ironie sagte.
Statt der schönen Frau mußte der gute Prinz also die Pferde des Generals bewundern, die aber auch erstklassig waren und es gleichfalls verdienten, vor einer Königlichen Hoheit Gnade zu finden. Blücher versäumte es nicht, dabei in den Sattel zu steigen, um ihre Vorzüge recht anschaulich zu machen, aber auch um zu zeigen, wie gut sie, trotz ihrer Wildheit, ihm doch parierten, wenn auch sie, wie er nicht ohne Ironie beifügte, bisweilen mannstolle Sprünge versuchten.
Dann ging’s durch den Garten, an den Fernblick über den Rhein, und zuletzt um das Haus herum, wobei der Prinz sich genau nach allem erkundigte und besonders von dem Efeu entzückt schien, dessen armdicke Stämme sich an der Wand emporschlängelten, um mit dunklem Grün die Fenster zu umrahmen. Er zeigte hinauf nach dem Fenster der jungen Frau – denn wo das war, hatte er gleich heraus – und fragte leicht, den Efeu mit der Hand prüfend umfassend: „Daran klettern Sie wohl manchmal hinauf, Blücher, wenn Sie’s eilig haben?“
„Das wohl nicht, Hoheit“, lachte der General. „Denn ich pflege nicht den Schlüssel zu vergessen, wenn ich abends aus bin. Aber – zu machen wäre es wohl!“
Und gewandt wie ein Jüngling, packte der hohe Fünfziger den Stamm des Efeus und kletterte halbwegs hinauf.
Da kam die junge Frau eben auf die Treppe heraus, um zu sagen, daß alles zum Essen bereit sei, sah die lange Gestalt ihres Herrn und Gebieters zwischen Himmel und Erde schweben und schrie leicht auf.
„Hat keine Gefahr, Malchen,“ rief Blücher herunter, „mach’ man ja kein Geschrei!“
„Ihr Herr Gemahl ist ein liebenswürdiger Hausherr!“ lachte der Prinz. „Er zeigt seinen Gästen den nächsten Weg ins Allerheiligste!“
„Ich zeige höchstens – wie sie herunterkommen, wenn sie den Kletterversuch unternehmen!“ bekam er zur Antwort, und Blücher sauste herunter und zeigte dann lachend seinem Gast den Weg in den Speisesaal.
Man nahm um den runden Tisch am offenen Fenster Platz, durch das man über den Rhein hinausblicken konnte, ließ sich die Gerichte der Frau Gemahlin gut schmecken, begoß sie mit goldigem Rebensaft aus den Kellern des Generals und war bald froh und guter Dinge.
Der General trank seinem hohen Gast zu und vergaß auch nicht, ihm einen Trinkspruch zu widmen, da er ja gern und ausgiebig zu reden pflegte und man das also wohl von ihm erwarten mochte.
„Hoheit gestatten?“ sagte er, seinen Römer ergreifend.
„Ich erhebe mein Glas auf den alten, guten, preußischen Offensivgeist, dessen glanzvollster jugendlicher Vertreter uns die Ehre antut, heute unser Gast zu sein. Selten habe ich jenen Geist des Drauflosgehens mit solcher Lust walten sehen, wie eines schönen Julitages vor sechs Jahren – bei Edesheim war es –, Hoheit wissen noch! Und selten wurde ich trotzdem so enttäuscht wie nach jenem Vorfall!
Meine braven Leute hatten sich den ganzen Tag wacker geschlagen und in den Weinbergen einem an Menschen und Artillerie vielfach überlegenen Feind standgehalten. Sie fingen schon an, müde und marode zu werden, und ich mußte schon zweifeln, ob sie bis zur Dunkelheit noch aushalten würden. Da kam _soutien_! Ein paar frische Bataillone Infanterie, an ihrer Spitze ein junger Offizier, mit dem ich sofort einig wurde, dem Feind gleich auf die Pelle zu rücken. Entschluß und Tat waren bei ihm eins. Kaum gesprochen, war er sofort vom Pferd herunter und stürmte allein voran auf den Feind los, der sich schon Sieger glaubte. Es war eine Augenweide zu sehen. Und meine Roten säumten auch nicht, einzugreifen, den Erfolg auszunützen und alles zusammenzuhauen, was da kreuchte und fleuchte.
Da – kaum daß wir gesiegt hatten – kam der Befehl, zurückzugehen, alles war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der Spitze! Da hatten sich die Österreicher abdrängen lassen, und da half uns kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute möchte ich mit ihm mein Glas darauf leeren, daß der Offensivgeist und die Entschlußfreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr maßgebend werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhängigkeit kommen mögen!“
Sie stießen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, für seine Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebühre der Vertreterin des schönen Geschlechts. Er brachte dann auch _a tempo_ einen Trinkspruch auf sie aus, so glutvoll und stürmisch, daß ihr das Blut in die Schläfen trat, und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm.
„Es ist ja zu verstehen,“ sagte er, ruhig lächelnd, „daß ein junger Mann in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobsprüchen ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge ergehen und den ganzen Wortschatz der Galanterie aufbieten muß, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau _keine_ Worte findet – wo sie uns, durch ihr bloßes Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit zwingt, daß wir verstummen müssen. Wer einmal sein eigenes Kind an der Brust der Mutter sah – wer erblicken durfte, wie es gesättigt, still daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie dankbar anlächelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung –, wer einmal diese Weihe empfinden durfte –“
„Der scheint doch auch Worte dafür zu finden“, sagte der Prinz rasch, dem General ins Wort fallend. Denn er wußte, daß dessen jetzige Ehe kinderlos war, und sah einen Schatten über das Gesicht der jungen Frau huschen.
Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm.
Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt hatte. Er ließ sich aber nichts merken, schenkte die Gläser voll, trank seinem Gast zu, und so allmählich fing man wieder an, alles rosenrot zu sehen, vergaß alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte und freute sich wie ein Kind über jede Kleinigkeit. Und als die Sonne schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen, um sie hinter den Hügeln drüben verschwinden zu sehen, da war’s dem Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwürdigen Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern – er hatte zu tief in die großen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Lächeln hatte es auch ihm schon angetan. Und – als die letzten Strahlen der Sonne die leichten Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da loderte sein leicht entzündbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hörte nicht den verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme zitterte.
Er flüsterte ihr zärtliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her. – Denn die Märchenprinzen waren nicht allzu häufige Gäste, und die gute Erziehung gebietet Höflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also selten anders als mit dankbarer Rührung empfangen.
Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt dargelegte Absicht auch praktisch zu bestätigen, daß er’s schon verstehen würde eine Gelegenheit auszunützen – sobald er sie hätte!
Schließlich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, daß sie das Spiel zu weit hatte gehen lassen.
Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit gerühmten Fertigkeit im Klavierspiel ergötzen zu dürfen.
Der Prinz, dem die Lebenslust schon weit erlesenere Freuden vorgaukelte, sagte leicht seufzend zu, und man ging in den Salon. Er setzte sich ans Spinett und ließ sein Ungestüm über die Saiten dahinbrausen.
Die Spannung legte sich. Die fiebernde Unruhe wich aus den Gemütern. Langsam sanken die Menschenkinder aus den rosenroten Wolken, in denen sie soeben hoch über allem Erdgebundenen geweilt hatten, zurück zur Alltagserde.
Der Prinz merkte es. Die Gelegenheit war nahe daran, ihm aus den Händen zu schlüpfen. Das durfte nicht sein. Er schloß mitten im Stück, sprang auf und setzte sich der Generalin zu Füßen.
„Hier ist der einzige Platz, von dem aus man Ihnen Ritterdienste widmen darf!“ sagte er feurig. „Ihnen zu Füßen, Ihnen zu Ehren, Ihnen zuliebe singen und dichten, um aus Ihrer Hand den Sängerpreis zu empfangen.“
„Hoheit bringen mich in Verlegenheit!“
„Sie waren ebenso grausam, _mich_ in die größte Verlegenheit zu bringen! Denn so befangen war ich noch nie. Meine Hände spielten – mein Herz nicht! – Mein Herz lag hier vor Ihnen im Staube – und hat mir meinen Platz gezeigt! Hier habe ich wieder die Macht über mich gewonnen – hier singt wieder alles in mir. Und wenn Sie befehlen, flechte ich aus meinen Gefühlen für Sie einen Kranz, ziere ihn mit Reimen und biete ihn Ihnen auf den Knien als eine Gabe der Hochachtung dar. Genehmigen Sie’s gnädigst?“
„Sag’ du ruhig ja, Malchen, geniere dich nicht und danke für die Gnade“, fiel ihm Blücher in die Rede. „Dichtung ist Dichtung und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun!“
„Sagen Sie das nicht, General“, antwortete der Prinz. „Die Dichtung führt manchmal die Wirklichkeit herbei – auch wenn sie ihr noch nicht entnommen werden könnte! Seien Sie nur nicht sicher!“
Er lächelte übermütig und trommelte dabei wie suchend einen Rhythmus auf der Erde vor sich hin. „Hören Sie erst, und dann entscheiden Sie! Darf ich anfangen?“ wandte er sich an die junge Frau.
„Ich bitte darum, Hoheit!“
Der Prinz blickte verstohlen lächelnd zu Blücher hin, wandte sich dann an sie.
„Hier in Vulkans Schmiede kann man ja nur von Mars und Venus singen“, sagte er und fing an:
„Mars, von Siegen übersättigt, kehrt in Venus’ Liebesgarten ein, der Göttin aufzuwarten. Auf die Frage: Was berechtigt Ihn, hier einzudringen? gibt er die Antwort: weil er liebt – nach dem blutigen Entsetzen andrer Kämpfe – das Ergötzen!
Liebt zu sehn, wie kleine Füße kunstvoll sich im Tanze winden, Netze knüpfend, die ihn binden, – Fessel, die mit ganzer Süße den Gefangenen bedrückt, wonneschauernd ihn beglückt, läßt in Liebesbanden schmachten ihn, den großen Herrn der Schlachten!
Amorinen, schnell geschäftig, mühn sich um des Gottes Waffen, salben seine Glieder, schaffen Labung, deren er bedürftig, schnell herbei mit vielem Fleiß, bringen ihm den Siegespreis, winden um sein Haupt die Myrten, helfen alles loser gürten.
So gerüstet tritt der Heros an der Göttin Lager, – findet sie in Tränen. Klagend windet sich der zarte Leib, und Eros, sonst ihr Helfer, abseits steht, blind und taub, wie sie auch fleht, ihre Fessel schnell zu brechen, eilt nicht, ihre Schmach zu rächen.
Mars, behende, packt mit schnellen Griffen zu, die Fesseln fallen, sausen durch die weiten Hallen, an den Felsen sie zerschellen.
Ihrem Retter sittig dankt, sich erhebend, Venus, wankt auf ihn zu, reicht, lieblich flötend, ihm die Hände, sanft errötend.
Eros rasch nach seinen Pfeilen greift. Er zielt, und hinterrücklings trifft den Helden er – – –“
„Um Vergebung, Hoheit, wenn ich unterbreche“, fiel ihm Blücher hier plötzlich in die Rede.
„Bitte!“ sagte der Prinz etwas nervös und hörte jäh mit der Improvisation auf. Auch die junge Frau schien nicht besonders erbaut von der Störung zu sein.
Blücher aber fuhr unentwegt fort:
„Ich würde mich schon sehr dafür interessieren, zu hören, welchen wunderbaren Reim Hoheit auf das häßliche Wort ‚hinterrücklings‘ finden würden –“, sagte er.
„Warum häßlich?“ warf der Prinz gestochen ein.
„Weil mir alles zuwider ist, was nicht offener Kampf Auge in Auge ist! Aber davon wollte ich nicht reden! Ich wollte nur, ehe wir – im Gedicht – so weit wie bis zur Untreue kommen, mir erlauben, an einen Umstand zu erinnern –“
„Welchen?“
„Die holde Dame, Venus, hatte doch bekanntlich einen Gatten.“
„Gewiß!“
„Daß er seinen Liebesgarten so schlecht bewachen würde, daß ihm der erste beste Buschklepper ins Gehege fallen konnte, erscheint mir doch sonderbar! Wo mag er wohl bei der Gelegenheit geweilt haben?“
„Was weiß ich? Nehmen wir an, er war damit beschäftigt, dem Kriegsgott Waffen zu schmieden!“
„Sehr wohl. Als alter Schmied seines Glückes hatte er aber sicher gelernt, sich nicht vom Lärm der Schmiede sein Gehör so betäuben zu lassen, daß er nicht merkte, wenn fremde Vögel in seinem Neste Liebeslieder sangen.“
„Ich denke auch nicht. Die Fabel belehrt uns ja darüber. Vulkan wartete, bis er die beiden Verliebten _in flagranti_ ertappen konnte, fesselte sie dann in einem kunstvoll geknüpften Netz und zeigte sie so aller Welt. Ob auf ihre oder seine Kosten gelacht wurde, meldet die Fabel nicht. Ich nehme aber das letztere an.“
„Wenn er es so weit gehen ließ, daß er überhaupt nötig hatte, seine Geschicklichkeit im Knüpfen von Netzen zu zeigen, so verdiente er allenfalls, ausgelacht zu werden“, sagte Blücher ruhig. „Ich hätte diesen Ehrgeiz nicht!“
„Von dir ist doch nicht die Rede“, fiel die junge Frau ein, der es bei dem Rededuell sonderbar zumute wurde.
„Hoffentlich nicht!“ antwortete ihr Mann. „Von mir würde _in dem Sinne_ nicht die Rede sein können. Denn ich ziehe es für gewöhnlich vor, vorzubeugen – _ohne_ mit meiner Geschicklichkeit darin zu prahlen. Ich habe nur den Ehrgeiz, in der Sache selbst obzusiegen und lade nicht ein, darüber zu lachen oder zu schwatzen.“
„Sie sind eben sehr rücksichtsvoll, lieber Blücher“, sagte der Prinz und sprang von seinem Platz zu ihren Füßen auf. „Mir scheint aber, mein Wagen fährt jetzt vor. Es wird Zeit, an den Aufbruch zu denken!“
Die beiden Gatten erhoben sich. Die Tür öffnete sich für den Adjutanten des Prinzen, der sich zur Stelle meldete. Der Prinz küßte galant die Hand der Frau Generalin, nahm Säbel und Mütze von seinem Adjutanten entgegen und wandte sich seinem Gastgeber zu.
„Fahren Sie ein Stück mit, General, so plaudern wir noch ein wenig und stechen bei mir eine Flasche aus?“
„Vielen Dank, Hoheit. Der Dienst ruft. Ich muß noch heute abend die Posten inspizieren!“
„Nun denn, auf Wiedersehen!“
Noch ein Gruß der gnädigen Frau, und er ging, von Blücher bis an den Wagen geleitet.
„Ich bringe Ihrer Frau noch eine Rose für das unterbrochene Gedicht!“ sagte er, indem er sich in den Wagen setzte. „Das wird meine Rache Ihnen gegenüber sein, General! Es muß alles seine Ordnung und seinen gehörigen Abschluß haben!“
Lachend und gnädigst grüßend fuhr er ab.
An einer Biegung des Weges, als sie schon außer Sicht vom Hause des Generals waren, ließ der Prinz halten, sprang aus dem Wagen, befahl dem Adjutanten, weiterzufahren und erklärte, allein durch die Felder nach Hause gehen zu wollen.
Der Wagen fuhr weiter, der Prinz streckte sich hinter einem dichten Gebüsch aus und blickte hinaus in die blaue Sommernacht.
Vom Wege tönte lauter Gesang einer Männerstimme zu ihm herauf und das Geräusch von sich nähernden Schritten.
„Wir haben ihn aufs Haupt geschlagen und täten ihn aus dem Felde jagen, der Schimpf, der wird sich ma–achen. Mit Gottes Hilf’ und unserm Schwert ihm teuer gemacht sein La–achen, ja Lachen.“
Der Sänger war jetzt gerade vor ihm. Der Prinz erhob vorsichtig sein Haupt und blickte auf den Weg hinunter.
Es war Blücher.
Die kurze Pfeife im Mundwinkel blieb er, den Rücken zugekehrt, einen Augenblick stehen und blickte über den Fluß hinaus. Nahm dann die Pfeife in die Hand und setzte den Weg fort, weitersingend.
„Es gab ein blutig Retirad, dabei auch noch gar mancher hat sein jung frisch Leben verloren, den nun sein Mütterlein beweint, die ihn mit Schmerzen geboren, ja geboren.“
„Inspiziere du ruhig deine Posten“, sagte der Prinz halblaut. „Inzwischen bringe ich mein unterbrochenes Gedicht zu Ende!“
Mit einem Sprung war er auf dem Weg, eilte schnell wie der Wind zurück nach dem im Halbdunkel liegenden Hause des Generals, riß eine der schönsten Rosen an sich und schlich um das Haus herum nach der Seite, wo er das Fenster der jungen Frau wußte.
Das Fenster stand offen.
Schnell entschlossen packte er den Stamm des Efeus und enterte hoch, die Rose im Mund.
Eine Manneslänge trennte ihn noch vom Fenster, da hörte er unter sich ein Fluchen und Wettern.
„Da schlage doch der Donner drein! Wer klettert mir da an der Wand. Schockschwerenot, herunter oder –“
Es war Blücher, der, von seltsamer Unruhe ergriffen, seine Inspektion hatte fahren lassen und umgekehrt war.
Der Prinz fand sich sofort in die Situation, hielt sich mit einer Hand in seiner schwebenden Lage fest, nahm mit der anderen die Rose aus dem Mund und winkte.
„Seien Sie still, Blücher, wecken Sie Ihre Frau nicht – ich will ihr nur die versprochene Rose durchs Fenster werfen! Gnädige Frau!“ sagte er entschuldigend zur Generalin, die jetzt am Fenster erschien. „Genehmigen Sie huldvollst diesen duftenden Gruß als angemessenen Abschluß unseres unterbrochenen Gedichtes!“
Noch ein paar Klimmzüge, und er war so weit oben, daß er die Rose überreichen konnte. Die junge Frau nahm sie.
„Hierher die Rose!“ kam es scharf von unten. Die Blume flog gehorsamst Blücher zu Füßen. Fast ebenso schnell war auch der Prinz unten, stand aufrecht vor ihm und blickte ihn herausfordernd an.
„So schnell geht’s abwärts, wenn ich dabei mitwirke!“ sagte Blücher, jetzt vollkommen ruhig. „Darf ich bitten, die Rose!“ Er reichte dem Prinzen die Blume. „Sie hat sich als Wegweiser vortrefflich bewährt!“