Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 5
In die Flanke der Kolonne, die über Kirrweiler vorgedrungen war, ging es mit schwindelnder Fahrt. Hier riß eine Kanonenkugel eine breite Bahn durch die vorstürmende Masse – dort sank mancher Reiter, von einer wohlgezielten Flintenkugel getroffen, aus dem Sattel. Aber die Lücken klafften nur einen Augenblick, dann schlossen sich die Glieder, vorwärts fliegend, und die Roten waren drüben und droschen mit ihren Säbeln auf die Köpfe der „Ohnehosen“, daß es nur so eine Art hatte.
Der Schlesier, der Sachse und der Pole wetteiferten mit den anderen im blutigen Handwerk und hieben und stachen und bekamen manche Schramme ab. Es war ein Gewühl, ein Gedränge, ein Stampfen, ein Wiehern, ein Röcheln der Sterbenden, ein Fluchen und Schreien, ein Schmettern der Trompeten. Lange währte es nicht, da war der Widerstand gebrochen, die Kanonen genommen, die Franzosen in voller Flucht und die Roten hinterher – wie die Apokalyptischen Reiter, Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden säend.
Durch das Dorf Kirrweiler ging es auf Frischlingen zu, wohin alles in voller Auflösung floh. Die wilde Jagd folgte – allen voran Blücher selbst, alles anfeuernd und vorwärts drängend. Mit ihm noch mehrere Züge brauner Husaren, die jetzt ihren roten Kameraden halfen, den Sieg zu vollenden. Dann sauste Blücher mit ein paar Schwadronen noch rasch nach rechts gegen Edenkoben hin, um der darüber hinaus vorgestoßenen französischen Kolonne in die Flanke zu fallen und auch ihr die Kanonen abzunehmen. Es gelang nach heftigem Kampf mit der feindlichen Infanterie. Die Franzosen wurden auch da in das Dorf zurückgeworfen und in den engen Gassen, wo sich alles staute, kurz und klein gehauen. Das Schlachtfeld war weit und breit mit gefallenen und verwundeten Feinden besät.
Blücher triumphierte.
Am Morgen, als ihm das Anrücken der Franzosen gemeldet worden war und jene ihre Tirailleursketten ausschwärmen ließen und mit der Kanonade anfingen, da war sein General und Prinz Hohenlohe zu ihm geritten, hatte ihm geraten, sich lieber vor der Übermacht auf Neustadt zurückzuziehen, ihm aber freie Hand gegeben. Blücher, dem der rechte Flankenschutz der preußischen Armee oblag, dachte nicht einen Augenblick daran, zu retirieren, sondern nahm den Kampf mit der Übermacht auf. Und das Glück war ihm hold. Mit Kavallerie allein gewann er einen glänzenden Sieg über ein ganzes Armeekorps, schlug es entscheidend, nahm ihm Kanonen, Munition, Gefangene und Pferde ab, und verbesserte so nicht nur seine eigene Stellung, sondern auch die der ganzen preußischen Armee.
Die Belohnung blieb nicht aus. Nach kurzer Zeit traf seine Beförderung zum Generalmajor ein. Und zugleich wurde er Chef des Roten Husarenregiments, des früheren Bellingschen, in dessen Reihen sein ganzer Aufstieg erfolgt war, und das von nun an nach ihm benannt werden sollte.
Als frischgebackener General nahm er dann seinem Regiment die Parade ab.
In langer Front standen seine Braven, Schwadron an Schwadron – die Pferde mit den Köpfen wie nach der Schnur aneinandergereiht, in steter Bewegung und ungeduldig auf die Trensen beißend, daß der schneeweiße Schaum im Winde flog.
Prächtig leuchteten die roten Dolmans gegen das helle Vorsommergrün. Und als auf Kommando die Säbel aus den Scheiden flogen, um den Chef zu salutieren, züngelte ein tausendfacher Blitz über das Feld. Es war ein prächtiger Anblick, und wohl dazu angetan, das Herz eines rechten Soldaten zu erfreuen.
Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Jüngling, stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem Sprung über die das Feld umschließende Hecke und hielt jäh an, gerade vor der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Häberlein seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzähligen Binden zu einem dicken weißen Knäuel verunstaltet, durch den sein sonst so rühriges Mundwerk zur Untätigkeit verdammt wurde.
Die dunkelblauen Augen Blüchers blitzten vor Freude, als sie die Reihen seiner kriegserprobten Kämpfer überflogen.
„Guten Morgen, Husaren!“ rief er mit weithin schallendem Baß.
„Guten Morgen, Exzellenz!“ kam es aus den Reihen zurück, daß es nur so donnerte.
„Ich freue mich, euch zu sehen!“ setzte er die Rede fort. „Ihr habt euch immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestät melden zu können, daß ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben Munitionswagen und fünf Fahnen erobert und einen Generalleutnant, hundertsiebenunddreißig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig Mann, elfhundertvierunddreißig Pferde gefangen habt, sowie, daß kein Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier gefallen ist. Seine Majestät haben daraufhin geruht, mir selber zu schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und zum Inhaber des Regiments gemacht, außerdem mich beauftragt, euch seine Allerhöchste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in meiner Person zuteil werden.
Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee achtet man die Roten Husaren, und der Feind fürchtet sie! Ich bin stolz auf euch und freue mich, daß das Regiment von jetzt ab meinen Namen führen soll! Das eine merkt euch aber: ein Blücherscher Husar _stirbt_, aber er _kapituliert nicht_! Seine Parole ist: _immer vorwärts_ und _nimmer zurück_! Sein höchster Stolz: Blut und Leben für König und Vaterland opfern zu dürfen! So wollen wir’s halten, und das geloben wir, indem wir rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster König und Herr, er lebe hoch!“
Donnernd brausten die Hochrufe über das Feld, die Fahnen senkten sich, die Tambours schlugen den Generalmarsch. Der rangälteste Offizier schickte sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glück zu wünschen. – Da löste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften, schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurück, der ihm aus den Augen Blüchers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor den General heran, salutierte mit dem Säbel und sprach ohne das geringste Zittern in seiner Stimme: „Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht ich alleruntertänichst melden, daß ich ooch meine ganz besondere Freide an Dero Erhebung habe!“
„Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen hast!“ antwortete Blücher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten. Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Verstoß gegen die Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudrücken, wenn keine Böswilligkeit vorläge. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit.
„Wieso meinst du, daß du an der Sache nicht unschuldig bist?“ fragte der General nochmals.
„Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden wären!“
„Sieh nur! Sieh nur! Du hast denn wohl beim Könige eine Fürbitte für mich getan?“
„Zu Befehl nein, Exzellenz! Ich hob den Keenig aber daderzu derholfen, aus dem Oberschten Blücher oanen General zu mache!“
„Da soll der Donner dreimal dreinschlagen! Du bist dreist, Bursche!“
„Ich sage nur die Wahrheet: Und die Wahrheet is, daß der Keenig, ohne den Oberschten Blücher zu hoben, ooch nicht hätte aus ihm a General mache kenna!“
„Da hast du recht, mein Sohn! Nun hatte er mich aber –“
„Nun ja, das hatte er! Und das hat er ebens mir zu danke!“
Blücher blickte ihn groß an. Er fing an, zu begreifen.
„Erinnern Dero Exzellenz noch das Gefecht am Kavelpaß? Exzellenz waren dazemal a schwedischer Junker, und ich wie itzt Reiter im Regiment. Den Junker _fing ich_! Ich hoab’s getan! Und aso bekam der Keenig von Preußen den Mann, den er heute zum General machte und wohl noch heeher steigen lassen wird, so Gott will!“
„So Gott will – das war ein gutes Wort!“ sagte Blücher. „Denn daran liegt’s, und so war’s auch am Kavelpaß, denk’ ich! Er wird’s gewollt haben und nicht du!“ Er rieb sich die Nase. „Dein Name?“ fragte er.
„Landeck!“
„Landsmann?“
„Aus Esterreisch’-Schlasien!“
Blücher betrachtete ihn forschend.
„An dein Gesicht kann ich mich nicht erinnern! Es ist ja auch lange her. Und bei der bewußten Gelegenheit wird mir wohl der Schädel von den vielen Hieben gehörig gebrummt haben! Aber das weiß ich, und darauf kann ich schwören: ein Husar war’s sicher, der mich fing! Und wo du ein Husar bist und wo du behauptest, derjenige zu sein, so bist du’s wohl auch gewesen, dem ich mein Glück zu verdanken habe! Nun erkläre mir aber eins, mein Sohn – denn ein wenig dämmert’s mir doch noch von der Begebenheit –, spricht man noch heute – in Schlesien – _so gut Schwäbisch_ wie damals?“
Der Husar blickte ihn an, ohne zu begreifen.
„Der, der mich fing, mein Sohn, der schwäbelte nämlich ganz gehörig, das habe ich mir gemerkt! Nicht nur sein Säbel, auch sein Schwäbisch schlug mir bös um die Ohren!“
Landeck kratzte sich hinter dem Ohr.
„Exzellenz,“ sagte er dann keck, „ob ich dazemal schwabbelte, ich weeß es nicht mehr! Das aber weeß ich: ooch in Schlasien gab’s dazemal Schwabben die Masse – nich bloßich in Preußen. Und es gibbt se halt noch, und aso leechte wird se halt nich los, wer se hoat!“
Blücher lachte.
„Gut geantwortet, mein Sohn“, sagte er. „Sei’s drum! Du bist mir der Richtige! Du wirst heute mittag einen Löffel Suppe bei mir essen! Und nachher wollen wir miteinander auf den schwedischen Junker anstoßen, den du leben ließest! Den preußischen General können wir dann auch leben lassen! Und nun, mein Herr Solofänger, marsch auf deinen Platz! Und daß du mir nicht noch einmal ohne Befehl aus der Reihe heraus reitest! Sonst brummst du bei Wasser und Brot, und wenn du mich zehnmal gefangen hättest!“
Gesagt – – der Schlesier warf sein Pferd herum und saß im nächsten Augenblick wieder wie vorhin, unbeweglich wie eine Statue und salutierte mit den anderen, daß die Sonnenblitze von den Säbeln nur so übers Feld züngelten, als der neue Chef und Inhaber des Regiments, von seiner Suite gefolgt, die Front abritt.
7 VULKANS SCHMIEDE
Es war in Emmerich am Rhein.
Der General Blücher hatte, wie gewöhnlich, seinen Abendspaziergang gemacht, um bei seinem vertrauten Freunde, dem Obersten von Pletz, eine Pfeife zu rauchen.
Sie saßen unter der Linde am Pfarrhofe, wo der Oberst in Quartier war, schmauchten ihren Knaster in aller Ruhe und Gemütlichkeit, labten sich dann und wann aus den großen Römern mit Rheinwein, lauschten bisweilen auf das Jauchzen der spielenden Dorfjugend und spannen dabei gemächlich ihre Unterhaltung weiter.
„Dein Glück war’s“, sagte der Oberst schmunzelnd. „Du fingst schon an alt zu werden.“
„Da schlage der Donner drein!“
„Na, nun bist du ja wieder jung – nun sieht man dir wieder die siebzehn Jahre an, trotz der grauen Schläfen. Aber fast wär’s schief gegangen! Warst schon dicht dran, in die verkehrte Tonne zu springen!“
„Ins verkehrte Ehebett, sag’s nur gerade heraus!“
„Nun ja! Viel hat nicht gefehlt, da wäre es so verrückt gekommen! Weißt du noch, wie du brummtest und fluchtest, als du den Korb von deiner reichen Witwe heimtrugst?“
„Halt’s Maul!“
„Nun – der bist du ja glücklich entgangen! Aber geflucht hast du! Und gescheit hast du gesprochen – zum Kotzen gescheit – rein niederträchtig brav – von deinen armen Kindern, denen mit Gewalt eine Mutter besorgt werden müßte, obwohl sie schon erwachsen waren! ‚Opfern‘ wolltest du dich –“
Der Oberst schlug auf den Tisch; er ereiferte sich immer mehr zum Ergötzen Blüchers.
„Man heiratet doch nicht wegen der Kinder, die man schon _hat_,“ schrie er, „sondern wegen denen, die man erst kriegen will! Man nimmt eine Frau, um selbst von ihr gepäppelt und verhätschelt zu werden, nicht aber damit sie anderer Frauen Kinder bemuttern soll! Man fragt nicht nach dem Geschäft, zum Donnerwetter! Man heiratet entweder gar nicht, oder man heiratet eine, in die man so verliebt ist, daß man es _doch_ tut!“
„Hab’ ich das etwa nicht getan?“ lachte Blücher.
„Das ist es eben!“ rief Pletz zum großen Gaudium seines Gegenübers. „Das ist es gerade! Du hättest verdient, die alte Witwe heimzuführen, und jetzt hast du – ganz unverdienterweise hast du das große Los gezogen!“
„Trink, alter Brummbär! Nörgler du, hundsgemeiner! Auf die Frauen!“ Blücher erhob sein Glas.
„Auf deine Frau!“ antwortete der Oberst, trank aus und machte die Nagelprobe. „Auf dein unverdientes Glück!“
„Glück wird eben nicht verdient!“ sagte Blücher und stellte sein Glas fort. „Man hat’s oder hat’s nicht, je nachdem ob man es zu packen versteht!“
„Nun ja – das konntest du meistens. Aber sonderbar ist es doch, daß du gerade _sie_ – –“
„Nun ja, es _ist_ sonderbar. Und ich kann auch heute noch nicht begreifen, wie so’n junges Ding, das meine Tochter sein könnte – wie sie mich so in ihre Gewalt bekam, wie sie mich im Handumdrehen umkrempeln und zum ordentlichen Menschen machen konnte!“
„Das wollen wir nicht hoffen! Das liegt dir nun gar nicht. Du bist und bleibst schon derselbe Windhund, als den ich dich immer kannte, und daran hat auch sie nichts ändern können. Aber sie gab ihre Jugend her, und das verjüngt. Das ist der einzige wahre Jugendbrunnen für uns alte Leute. Ich verstehe bloß nicht, wie du dazu kamst!“
„Ich auch nicht. Ich war eben zum Mittagessen in ihrem Vaterhause geladen. Und sie saß mir gegenüber am Tisch. Das war alles! Anfangs sah ich sie nicht und blickte kaum hin. Man hatte vorzügliche Speisen und Weine aufgetragen – ich hatte einen Mordshunger und hieb auf die Schüsseln ein, wie sich’s für einen rechten Husaren gehört. Eben war ich dabei, den Flügel eines Kapauns abzunagen, und genoß es so recht von Herzen, da blickte ich so aus Zufall auf und sah gerade in ein Paar große lachende Augen. Ich sah ein Paar Lippen von feinsten geschwungenen Korallen, um die es schelmisch zuckte, die aber verteufelt ernst wurden, als sie sich von meinen Blicken berührt fühlten. Mir wurde es auf einmal, als wäre ich in der Kirche, als wölbe sich ein himmelhoher gotischer Dom hoch über meinem Haupte – als blicke vom Altar die heilige Mutter Gottes liebreich auf mich Sünder nieder. Ich wurde auf einmal so klein, alles, was mich bisher erfüllt hatte, so nichtig! – Wie ein Verbrecher kam ich mir vor, der, von gieriger Lust getrieben, eben im Begriff war, ihren Altar zu berauben! – Vor bösem Gewissen vergingen mir Hunger und Durst – ich dachte an nichts als nur daran: wie ich alles wieder gutmachen sollte! – Ich betete sie an – nein, ich schwärmte, hol’ mich der Teufel, ich glaube, ich hab’s ihr sogar gleich ins Gesicht gesagt und ihr auf der Stelle einen Antrag gemacht! Was ich gesagt habe – wie ich’s sagte, das wußte ich im nächsten Augenblick nicht mehr, und heute noch weniger. Ich sah nur, wie man ihrer Verlegenheit zu Hilfe zu kommen suchte und sie scherzhaft sofort meine Braut nannte. Aber – wer aus dem Scherz schnell Ernst machte – das war ich. Denn ich war verliebt wie des Küsters Kater. Keine vier Wochen dauerte es, dann war sie mein und die Hochzeit gefeiert!“
„So war’s recht! Gleich die Festung stürmen! Nur keine lange Belagerung!“
„Ja, so hab’ ich’s immer gehalten: Immer gleich losschlagen, und nicht erst lange kalkulieren! Wo würden wir hinkommen, wenn wir immer erst auf Befehle warten sollten von Leuten, die sich’s erst zehnmal überlegen und dann noch nichts wagen! Wo alles auf dem Spiel steht – wo’s das Leben gilt, wo’s darauf ankommt, die Sekunde auszunützen, da – hol’ mich der Deibel – wenn ich da nicht zuschlage! Wenn ich aber die zaghaften Kerls sehe, die den Entschluß für das Ganze zu fassen haben, wie die sich erst ängstlich nach allen Seiten nach Sicherung umgucken und darüber das feste Ziel aus dem Auge verlieren, da wird mir bange um den nächsten Krieg. Die, die vierundneunzig alles so brav vertrödelten, sie sind seitdem nicht jünger geworden! – Und was an Jugend heranwuchs, kam meistens nicht auf den rechten Platz. Auch nicht da ganz oben! Unser junger Herr –“
„Der wird noch gehörig Lehrgeld zahlen müssen!“
„Und wir mit ihm. Es war ein Jammer, daß der zweite Friedrich Wilhelm so früh sterben mußte!“
„Na, du hast ihm ja vieles zu verdanken. Aber der war auch kein Draufgänger –“
„Sage man, was man will, unter ihm wurde Preußen immerhin verdoppelt. Wir könnten es auch jetzt gut haben, aber dazu gehört vor allem da oben mehr Wagemut, mehr jugendlicher Leichtsinn! Geradeheraus: dazu gehört ein ganz anderer Kerl!“
„Prinz Louis Ferdinand zum Beispiel?“
„Ja, das ist ein Kerl, der hat das rechte Zeug! Ein Held wie wenige, und Glück hat er auch! Wer so wie er die Kugeln verachtet, vor dem biegen sie auch aus. Wenn der nur auf den rechten Platz käme!“
„Das würde dann schon zu spät sein. Leute wie er verludern leicht, wenn sie daneben geraten und sich immer nur ducken müssen!“
„Sage einmal,“ sagte der Oberst und klopfte seine Pfeife am Stiefelabsatz aus, „ist das nicht deine Frau, die dort unten den Weg heraufkommt und dem jungen Offizier an ihrer Seite so schöne Augen macht?“
Blücher fuhr auf und blickte hin.
„Ja, das ist sie, und – alle Wetter!“ – Er schnallte rasch den Säbelgurt um und stülpte die Mütze auf. „Wenn man den Teufel nennt, kommt er schon gerennt. Auf Wiedersehen, Pletz, ich muß eilen! Wir haben hohen Besuch!“
Damit eilte er den Weg hinunter und den Kommenden entgegen.
Ein schöneres Paar als die mädchenhafte, liebreizende junge Frau und den stattlichen, schlanken, übermütigen jungen Offizier an ihrer Seite konnte man kaum sehen. Lachend und scherzend gingen die zwei ihres Weges und waren in ihre Unterhaltung so vertieft, daß sie Blücher erst bemerkten, als er vor ihnen stand.
„Königliche Hoheit hier in Emmerich?“ fragte Blücher salutierend.
„Wie Sie sehen“, antwortete Prinz Louis Ferdinand, denn er war es. „Ich benutze meine freie Zeit, um den Rhein hinunterzureisen, und habe nicht die gute Gelegenheit versäumen wollen, der Generalin Blücher meine Verehrung zu Füßen zu legen. So habe ich auch das Vergnügen, Sie zu sehen, lieber General!“
„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite!“ antwortete Blücher, gab seiner Frau den Arm und wandte sich wieder zum Prinzen.
„Hoheit reisen doch nicht mutterseelenallein?“
„Leider nicht! Für ein paar Stunden bin ich aber frei. Mein Adjutant ist voraus, um Quartier zu bereiten und für morgen ein Schiff zu besorgen. Er wird mich abends bei Ihnen abholen, solange müssen Sie mich schon behalten.“
„Wenn Hoheit nur vorliebnehmen wollen mit dem, was mein Haus –“
„Machen wir keine Redensarten! Es wird alles gut sein! Übrigens, wenn Sie’s wissen wollen – nur zum Vergnügen reise ich nicht den Rhein entlang. Seitdem wir den dummen Lunéviller Frieden haben und der Kaiser es so schön eingerichtet hat, daß alles drüben, auf der linken Rheinseite, nun Frankreich sein soll, sehe ich mir überall am Fluß die Grenze daraufhin an, wo wir’s am besten anpacken können, wenn wir darangehen, sie wieder nach Westen hin zu verrücken. Denn das kommt früher oder später!“
„Sicher!“ sagte Blücher. „Und hoffentlich recht bald. Denn wir brennen alle darauf.“
„Die drüben im Rheinland auch, nach allem, was ich gesehen habe. Unsere ehemaligen Landsleute sind nicht zufrieden. Sie sind aber zu beneiden.“
„Wieso denn?“
„Statt hundert Herren haben sie jetzt _eine_ Regierung – statt hundert Landesgesetzen _eins_! Leibeigenschaft, Feudallasten, Kirchenzehnten, Zunft- und Bannrechte sind sie los, Handel, Verkehr und Gewerbe sind frei, die Gedanken auch! Kurz: die ganze neue Zeit, der wir uns so ängstlich verschließen, ist ihnen zuteil geworden.“
„Dafür müssen sie die Republik nach Belieben Rekruten ausheben lassen, und zahlen Steuern bis über den Kirchturm. Dafür müssen sie französisch denken und fühlen und sich ihre deutsche Seele verwelschen lassen!“
„Das ist eben gut!“
„Der Teufel auch!“
„Denn je mehr sie leiden müssen, je mehr Haß sie gegen die Gewalthaber aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter nötig. – Aber leider können wir sie nur von draußen bekommen. Von selbst bringen wir nicht die Entschlußkraft auf, das Alte und Überlebte abzustreifen. Sehen Sie bloß auf die Armee hier und drüben. Was hat aus den lumpigen ‚Ohnehosen‘ im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir? Haben _sie_ die größere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und Tapferkeit und Todesverachtung?“
„Nein, zum Kuckuck!“ rief Blücher. „Den möchte ich sehen, der das zu behaupten wagt!“
„Ich auch“, sagte der Prinz. „Und doch sind sie uns voran. Weil sie das Söldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben. Wie sieht’s dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum großen Teil aus der Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben und ihm feindlich gegenüberstehen müssen! Offiziere, die mehr Unternehmer als Diener des Staates sind – die aus ihren Bataillonen und Regimentern große Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur können, wenn ihre Leute beurlaubt sind und sie ihre Löhnung in die eigene Tasche stecken können. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist der Krieg das größte Unglück. Wir können heilfroh sein, wenn wir keinen ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustände mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind. Und dazu können wir, Sie und ich, nichts tun, als immer wieder die Stimme erheben – um _nicht_ gehört zu werden. Die Widerstände sind zu groß. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch zum mindesten ein großes Unglück nötig, um diese Leute und Zustände, die nicht mehr taugen, fortzufegen!“
„Nee, nee!“ rief Blücher eifrig. „Wir brauchen keine Revolution, die alles kaputt macht. Das Gute, was sich bewährt hat, muß bleiben – und viel Gutes steckt in unserer Armee! Das Schlechte muß zum Teufel! Dazu haben wir bloß ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle nötig. – Ein paar Donnerkerls am Kommando, mit klaren Augen und derben Fäusten, die zupacken können. Und dann bloß ein bißchen mehr Entschlußkraft da oben! Das Weitere besorgt schon die preußische Armee. Die nimmt’s noch mit jedem auf. Noch hat sie ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt – weit mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafür, daß wir nicht immer mit Ketten am Fußgelenk marschieren müssen, dann ist auch kein weiterer Grund zur Schwarzseherei. Außer für den Franzmann!“
„Hätte ich die Entscheidung,“ sagte der Prinz, und es blitzte in seinen blauen Augen auf, „dann könnte es schon morgen losgehen. Darüber hatte ich mich übrigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt“, fügte er hinzu, sie galant ins Gespräch hineinziehend.
„Du willst doch nicht auch –?“ drohte ihr Blücher scherzhaft.
„Die Frau Generalin ist ganz für die Kriegspartei gewonnen, lieber Blücher. Da hilft Ihnen kein Sträuben!“
„Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den häuslichen Krieg?“
„Hoffentlich!“ lachte der Prinz. „In mir werden Frau Generalin jedenfalls dabei einen stets kampfbereiten Bundesgenossen haben.“
„Sieh nur, sieh nur! Der Bund wäre denn wohl bereits geschlossen?“ fragte ihr Mann.
„Ja, sieh dich nur vor!“ drohte sie. „Alle Tage schneien einem die Märchenprinzen nicht ins Haus!“
„Nun – ich nehme immer den Kampf auf!“ lachte Blücher. „Fahre du auf, was du in Küche und Keller an Munition hast – ein paar Batterien vom besten Rheinwein lassen wir spielen –, wollen sehen, Königliche Hoheit, wer von uns zuerst ins Gras beißt!“
„Topp!“ sagte der Prinz.
Er küßte leicht ihre Hand und empfing als Gegengabe einen dankbaren Blick.