Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 4

Chapter 43,803 wordsPublic domain

„Wie kannst du nur fragen? Saumäßig wohl war’s mir die ganze Zeit! Ein stolzes Gefühl, als freier Herr auf eigenem Grund und Boden zu schalten und zu walten und zu sehen, wie wir vorwärtskamen und uns wohl dabei standen! Ich trug schon die Nase gehörig hoch bei all der Anerkennung, die mir von allen Seiten zuteil wurde! Das leugne ich gewiß nicht! Aber das ist gewesen, und das soll mich von nichts mehr abhalten dürfen! Alles hat seine Zeit! Das mußte auch erlebt sein, und das habe ich erlebt! Das genügt aber nicht! Das erfüllt mein Leben nicht! So schlafe ich ein, geistig wie leiblich. Und das darf nicht sein! Ich habe den Trieb, mich weit darüber hinaus zu betätigen, und wenn’s mir das Leben kosten sollte! Vorwärtsstürmen aufs Unmögliche los, um es möglich zu machen und auch andere dazu treiben! Das habe ich! Das kann ich! Ob’s der Abenteurer ist, der mir im Blute liegt – ob’s weiter nichts ist als purer Leichtsinn –, jener Trieb muß befriedigt werden, oder ich krepiere!“

Die Frau Rittmeisterin blickte auf.

„Man soll das Leben nur für etwas einsetzen, was des Lebens wert ist!“

„Wer nicht bereit ist, es stets und immerdar für seine Sache einzusetzen, wie gering sie auch anderen scheinen mag, der ist nicht wert, zu leben!“

„Du wirfst es aber hin, wie wenn du Geld auf eine Karte setzest.“

„Und gewinne es zehnfach wieder!“

„Wenn du nicht Pech hast, wie meistens – Pech beim Spiel, Pech auf der Jagd, Pech in der Liebe –“

„Wie kannst du das sagen?“

„Wieso nicht?! Wo du mit einer Frau leben mußtest, die dir weiter keine Empfindungen eingeben konnte als das Gefühl, an ihrer Seite im Sumpf zu versinken!“

„Verdrehe meine Worte nicht! Versteh mich recht: ich fühle mich zurückgesetzt, ausgestoßen, zu nichts nutz! Bloß als Brotverdiener auf der Welt und weiter nichts! Mein Leben geht dahin, und ich leiste nichts! Die Zeit schwindet, und ich stapfe noch immer auf demselben Fleck! Wenn ich sehe, wie weit es meine ehemaligen Kameraden inzwischen gebracht haben – –“

„Da solltest du dem Himmel danken, daß du des Königs Rock beizeiten auszogst! Denn das machte dich zum freien Mann und erhielt deinen Sinn unabhängig! Gott behüte, daß du heute da stehen solltest, wo deine Kameraden jetzt sind. Keinen Schritt könntest du machen ohne Befehl –, keine Bewegung außer der reglementierten! Das kannst du aber jetzt –“

„Das kann ich jetzt erst recht nicht, wo ich die Rücksicht auf die Familie und auf unser täglich Brot über alles andere stellen muß. Ich ziehe jedenfalls das soldatische Reglement dem der Ehe vor! Verzeihe mir, aber es mußte einmal klar und deutlich ausgesprochen werden.“

„Ich glaube,“ sagte die Frau Rittmeisterin, ohne die geringste Bewegung zu verraten, „ich glaube, daß unsere Ehe dir genug Bewegungsfreiheit für deine persönlichen Neigungen ließ. Jedenfalls nahmst du sie dir mehr als reichlich!“

„Das tat ich! Und das hätte ich auch als Offizier getan. Ich war dumm, als ich den Dienst quittierte!“

„Du warst weder dumm noch klug, du warst ein aufrechter Mann. Und niemals habe ich dich mehr geliebt als in dem Augenblick, wo du Manns genug warst, deine Würde zu wahren. Denn Unrecht geschah dir, als ein Fürstensprößling dir vorgezogen wurde, der dir sowohl an Meriten wie an Dienstjahren nachstand. Und du tatest recht, als du dem König daraufhin deinen Degen vor die Füße warfst! Jetzt aber, wo du jahraus, jahrein dem König schreibst und ihn um Wiedereinstellung als Offizier anbettelst, jetzt schäme ich mich deiner! An die zehnmal schriebst du ihm! An die zehnmal gab er dir den Fußtritt, der dir ob solchen kläglichen Gewinsels gebührte!“

„Hör auf!“

„Hörtest du wohl auf mit deinen Bettelbriefen? Schriebst du nicht unter jeden Brief: ‚in allertiefster Devotion ersterbend, Eurer Königlichen Majestät alleruntertänigst gehorsamer Knecht‘? –“

„Phrasen, weiter nichts!“

„Habe ich einen Phrasendrescher zum Mann genommen? Habe ich einem alleruntertänigst gehorsamen Knecht die Hand gegeben, der ‚in allertiefster Devotion erstirbt‘? Oder war’s ein Mann, der aus Ehrgefühl zum Rebellen werden konnte?“

Er nahm sie in seine Arme und küßte sie herzlich.

„Halte dich nicht über Äußerlichkeiten auf. Der althergebrachten, von der Gewohnheit, oder sagen wir: vom Zeremoniell geheiligten Form muß ein jeder genügen, hoch oder niedrig, der sich dem Träger der Krone naht! Das ist weiter nichts als eine Redensart!“

„Mag sein! Aber eine Redensart, die entwürdigt. Ich würde mich schämen, sie zu gebrauchen!“

„Und ich –, ich schreibe sie ihm nochmals und nochmals, bis er nachgibt und mir meinen Willen tut. Wenn ich bloß ans Ziel komme, wenn ich erreiche, tätig sein zu können, was kümmert’s mich, wie ich dazu komme? Jeder Weg ist mir da recht! Und wäre er noch so holperig, ich gehe ihn doch ohne Zögern! Das ist nichts als einfache Pflicht, der Macht gegenüber, die mir anheimgab, eine Aufgabe über das Alltägliche zu suchen! Und daran hindert mich nichts – deine Verachtung nicht, und erst recht nicht dein Schelten! In einem gebe ich dir aber jetzt recht: das Schreiben von Bittgesuchen war dumm! Das werde ich künftig lassen. Es gibt andere und bessere Wege! Wo ich Deputierter der Landschaft bin, kann ich auch so an den König heran. Das nächste Mal, wenn er hier Revue abhält, sorge ich dafür, daß ich die Landschaft vertrete. Da bedarf es keines Audienzgesuches! Und das Weitere wird sich ergeben. Aber von meinem Vorhaben lasse ich nicht ab. Soldat bin ich mit Leib und Seele, und Soldat bleibe ich! Du sollst es schon sehen: eher als du denkst, wirst du als Frau Majorin aufwachen!“

„Gott verhüte es! Dann müßte ich unser schönes Groß-Raddow verlassen und in der Garnisonsstadt leben!“

„Das schon!“

„Das wäre mein Tod! Das kann ich nicht! Ich würde ersticken. Ich würde ohne Licht und Luft zugrunde gehen! Bin ich dir denn kein Opfer wert? Ist dir der Traum, dem du nachjagst, mehr als eine ruhige, gesicherte Wirklichkeit an meiner Seite? Wozu jetzt noch einmal dein altes Leben von vorne anfangen? Vierzehn Jahre warst du schon außer Dienst, und du bist nicht mehr der Jüngste, hast nicht mehr das Ungestüm der Jugend, das vorwärts über alle Hemmnisse hinwegtreibt. Du wirst nur Enttäuschung über Enttäuschung erleben und bitter bereuen, unser Glück um ein Hirngespinst geopfert zu haben. Du hast ja ohnehin Tätigkeit übergenug! Hast ja die Güter – unser schönes Groß-Raddow und Sassenhagen, das du eben angekauft hast! Ein ganzes Leben brauchst du, um die hochzubringen. Wie kannst du nur daran denken, daneben noch als Offizier zu dienen? Entweder die Güter werden vernachlässigt, oder der Dienst wird es!“

„Dann lieber die Güter“, dachte der Rittmeister. „Die kann man ja verkaufen, wenn sie im Wege sein sollten!“

Aber er sagte es nicht laut. Er sah, wie sie mit ganzer Seele daran hing, ihr Leben in der bisherigen Weise weiterleben zu können, dachte an ihre zunehmende Kränklichkeit, fühlte ein menschliches Rühren, wurde großmütig, opferbereit und schwang sich sogar auf, den Verzicht auszusprechen. Das beruhigte sie.

Aber er selbst fühlte, als hätte er seiner ureigensten Natur Gewalt angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennendes, fieberndes Verlangen nach dem großen Abenteuer seines Lebens, das er haben mußte, wenn er nicht elendiglich verkümmern sollte, bemächtigte sich seiner ungestümer denn je und ließ ihm keine Ruhe mehr.

*

In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit ermüdet, von Krankheit zerrüttet und von aller Welt verlassen.

Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze Welt – ein Leben voll treuester Pflichterfüllung und Strenge gegen sich selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schloß seine Augen für immer.

Ein Aufatmen –, ein Gefühl der Erleichterung ging durch das ganze Volk. Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der großen Lebensleistung, deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrückung zitterte noch bei allen nach.

Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des großen Ereignisses. Hier wie dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Größe dessen, der zu Grabe getragen wurde, total verwischte.

Auch Blücher ging es nicht anders. Aber zugleich fühlte er etwas wie ein Rauschen großer Flügel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe überkommen.

„Jetzt ist’s vorbei mit dem schmählichen Beiseitestehenmüssen! Jetzt ist meine Zeit da!“

So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es ein, daß er nicht mehr zu halten sein würde. Der stille Verbündete, den sie in dem alten König gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht gab’s mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglück sprengen wollte, eindämmen konnte! Sie mußte es über sich ergehen lassen, wie es auch kommen würde!

Und Tränen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie beim darauffolgenden Durchzug des neuen Königs durch Stargard ihren Mann, hoch zu Roß, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem königlichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken zurückkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz beim Könige erzählte, sowie von dessen gnädiger Zusage, ihn bei Gelegenheit mit voller Anciennität als Major in sein altes Regiment wiedereinstellen zu wollen – auch dann vermochte sie nur mit Mühe die qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten.

*

Einige Jahre später stand er vor ihr in ihrer kleinen Wohnung im pommerschen Städtchen Rummelsburg, hatte den Feldzug in Holland hinter sich, hatte den Verdienstorden um den Hals und war im Begriff, sich wieder von ihr zu verabschieden, um in den Krieg gegen Österreich zu ziehen.

Er sah ihre bleichen Wangen, ihr abgezehrtes Gesicht, ihren müden Blick, sah mutlose Resignation in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und sein Herz schnürte sich zusammen. Seinem Beruf zuliebe hatte sie auf das Landleben verzichtet. Ihre Güter, an denen sie hing, die aber aus der Entfernung nicht bewirtschaftet werden konnten, waren verkauft. – Groß war das Opfer, das er von ihr verlangt hatte – er sah es ein. Aber er hatte nicht anders handeln können. Und jetzt galt es wieder Abschied nehmen.

„Diesmal wohl für immer“, sagte sie wehmütig lächelnd. „Ich dachte es schon damals, als du in den holländischen Feldzug gingst. Und einmal muß es ja sein! Es ist ja auch besser so. Ich sehe es ein – ich bin dir im Wege und muß fort. Ich beklage mich nicht. Du warst immer gut, immer lieb zu mir. Du kannst wohl aber nicht aus deiner Haut heraus. Dein Beruf muß dir ja über alles gehen, und mir kommt es zu, ihn nach Kräften zu fördern. Ich gehe also hinüber zu den Kindern! Es muß auch nach ihnen geschaut werden! Sie rufen mich schon oft, viel lauter als die Lebendigen. Bleib du denen ein guter Vater. Und hab’ Dank für alles. Es war schön mit dir. Und wenn ich nochmals mein Leben anfangen könnte, ich würde dich wieder nehmen!“

Er schloß sie in seine Arme und küßte sie. Seine Tränen mischten sich mit den ihren.

Dann riß er sich los, eilte hinaus, stieg in den Sattel und zog an der Spitze seines Regiments sang- und klanglos zur Stadt hinaus.

„Wenn i kumm, wenn i kumm, wenn i wiederum kumm – –“ summte er dabei leise das alte Lied.

Als er aber wiederum kam – da war die Hochzeit gewesen. Ein anderer Freier, der nirgends ungehört anzuklopfen pflegt, hatte ihr das Brautbett gerüstet und sein Liebstes in kühler Erde zur letzten Ruhe gebettet.

Die Kinder kamen zu den Großeltern, und nichts war mehr da, was ihn fesselte.

Der junge Adler war aus dem Nest heraus und hob seine Schwingen zum Flug.

6 DER SOLOFÄNGER NUMMER EINS

Der Sachse Häberlein von der Schwadron des Majors von Planitzer nahm im ganzen Regiment der roten Husaren so etwas wie die Stellung eines Orakels ein.

Er konnte lesen wie ein Schriftgelehrter, er schrieb und rechnete wie der geriebenste Kriegskommissar und gehörte auch nicht zu jenen Zaghaften, die ihr Licht unter den Scheffel stellen!

Der Strom seiner Rede war wie ein brausender Wasserfall, seine Gier nach Neuigkeiten hörte nimmer auf – mit allem, was sich auf Erden zutrug oder zutragen konnte, wußte er besser Bescheid als ein Bataillon von Klatschbasen. Wo das Regiment auch biwakierte, spürte er sofort das Platzorakel oder wenigstens eine Zeitung auf und war sofort über die politische Konstellation des Tages unterrichtet. Hätte er die Fäden der hohen Diplomatie in Händen gehabt, Europa hätte anders ausgesehen, und das Königreich Sachsen erst recht.

Nun hatte er leider Gottes nur die Gesamtdiplomatie seiner Schwadron zu führen, und er tat es mit einer Geduld und einem Opfersinn, der nur von seiner unersättlichen Neugier übertroffen werden konnte. Zu dieser Geheimdiplomatie gehörte vor allem die heikle Aufgabe, den des Schreibens Unkundigen – und sie waren in der Mehrzahl – die Briefschaften ihrer Familienangehörigen zu entziffern und sie, gegen ein geringes Entgelt für Tinte und Papier, nach den Wünschen der von solchem Ereignis Betroffenen zu beantworten.

Insbesondere profitierte von diesen seinen unschätzbaren Eigenschaften sein Nebenmann rechts, der Wasserpole Gajewsky, der in jedem Nest, wo die Schwadron durchkam, eine Braut sitzen hatte, die auf das hehre Eheglück polnisches mit ihm wartete und entsprechend vertröstet werden mußte. Ohne Dolmetscher war aber auch er außerstande, diesen Trost zu spenden. Denn er war aus edelstem Schlachtschitzenblut, hatte Ahnen bis ins Blaue hinein und entstammte einem uralten polnischen Hause, das einst, in den Tagen des Glanzes, über Tausende von Seelen geherrscht hatte, jetzt aber kaum noch der eigenen Seele Herr war. Denn dessen Mitglieder, über sotane Künste erhaben, ließen sich nimmermehr herab, sich mit Lesen oder Schreiben oder irgendeiner Art von Buchgelehrsamkeit abzugeben – was ja in besseren Häusern stets zu den dienstlichen Obliegenheiten eines Beichtvaters zu gehören pflegte.

Als Edelmann hatte er ja alle Hände voll zu tun, die Herzen zu brechen; am Spieltische wurde nicht gerechnet; war die Tasche leer – und sie war es meistens –, so hatte er die glänzendsten Revenuen aus den im Monde gelegenen Stammgütern zu erwarten, pumpte darauflos, solange sich gläubige Seelen fanden, leerte den Becher, solange der Wein floß, ließ die Würfel rasseln, küßte die schönen polnischen Weiber und was ihm da noch von anderen Rassen mit unterlief, und balgte sich nach Herzenslust mit den Nebenbuhlern herum.

Heute zwirbelte er melancholisch seinen blonden Schnurrbart und hörte kaum auf das, was der brave Sachse ihm vorschwefelte. Man hatte ihn gewaltsam aus den Armen der Liebe gerissen, die im letzten Kantonnement besonders weich und wohlig gewesen waren – hatte ihn in Marsch gesetzt, mit der gesamten Schwadron hierher in den Hinterhalt gelegt, wo sie in aller Herrgottsfrühe aufmarschieren und immer noch auf Befehl zur Attacke warten mußten.

Noch brannte der letzte Kuß auf seinen Lippen, die nicht einmal Zeit gehabt hatten, mit dem üblichen Schwur ewiger Treue im Augenblick der Trennung zu quittieren.

„Is sich nichts als purer Niddertracht, Panje Blücherr seiniges“, knurrte er verdrießlich. „Ruft sich aus Quarrthier der Hund, ech sich hat der Hahn gegackert!“

„Is ä Sauerei, der kanze Griech!“ pflichtete der Sachse bei.

„Denk ich: Mordio, will sich gebben Monsieur Ohnehos Rendezvous zeitiges cheute! Werrd ich lerrnen ihm fallen Husar polnisches unter Küsse seinige! Hat sich gerufen: pascholl! In die Sattel! Tatarata! Und dann Nitschewo! Ahles nix! Nix Feind! Nix dreinhauen! Nix Küsse! Betrug hundsgemeines!“

„Eja, freilich!“ krähte der Sachse. „Nichts als ä unnütze Lauferei, der kanze Griech! Mir siechen und siechen und siechen! Mir nähmen dem Franzosen Ganohnen, Kefangene, Pakasche, – alles! Mir hauen ihm in die Pfanne! Gaum aber looft er, da loofen mir egal ooch! Aber nich hinterher, nee, zurücke loofen mir und gucken in den Rhein, wie sein Wasser ooch davonlooft, und freien uns dann gechenseitig, – der Vater Rhein und mir! Wie mir aber mit der Medode nach Baris gommen dhun, wees der Gugguk!“

„Bischt ebens a Subalterner!“ fiel ihm sein Nebenmann, der wortkarge Schlesier Landeck, in die Rede. „Host nischts zu wissen! Maul holten, dreinhauen, ist oalles, woas du nötig host!“

„Dreinhauen, jawohl! Aber ’s Maul halten, nee, nu äben nich! Und morgen ooch nich! Duht’s unser Pliecher etwa? Hält der ’s Maul? Reißt er’s nicht uff wie ’n Nilpferd, verdonnert die schockschwerenotverdammten Österreicher, die uns egal immer unsere Fikdorien versauen, daß es eine Schande ist?! Pakasche! Schweinebande, hundsmiserable! Egal räumen sie irgendwo eine Lienje, und mir müssen mit! Gaum hamm mir uns irgendwo recht scheene einkerichtet, da müssen mir wieder raus!“

Der Schlesier tat wieder sein Maul auf.

„Host auf die Österreicher nich zu schimpfe! Bischt aus Sachsen; schimpf auf die Preußen, bei dena du dienscht!“

„Die Preußen, eja, freilich! Die gennen mir ooch was! Da hätten mir ooch die Nase dicke voll von!“

„Is sich blasiert derr Preuß!“ warf der Pole ein und zwirbelte seinen Schnurbart hoch. „Frißt sich zu vill – liebbt sich zu wennig! Wird sich faul und dumm!“

„Und pequem!“ eifert der Sachse. „Guck ä mal bloß die meerschten von den Offiziers an! Ih, du Kieticher, ist das een Fuhrwerken, eh so ’n oller dicker Major in den Sattel gommt! Und sitzt er endlich mal drinne, dann schreits: ‚Mei Güchenwaachen!‘ und das ist nun allemal das erschte. ‚Wo ist mein Güchenwaachen, Ginner? Wo steckt er bloß? Gönnt ihr ihn nicht sähn?‘ Da muß unserm Pliecher so ’ne Arche Noah von einem Güchenwaachen bloß in die Quere gommen! Der versteht’s! ‚Ausspannen! In den Graben werfen! Pferde vor die Ganohnen!‘ Der schafft’s! Mordselement!“

„Ja, der hot’s! Aso a Teiwelskerl is dos!“ stimmte der Schlesier bei.

„Heut fiel er wieder vom Färd!“ flüsterte der Sachse. „Baßt ä mal uff, Ginner, des giebt wieder eene Sache! Wenn der vom Färd fällt und wieder hochgommt, da setzt’s allemal Schläge für den Feind und Fikdoria für uns! So ist’s immer kewäsen, da gönnt ihr Kift druff nähmen, und des stimmt, als wie zwee mal zwee is finfe!“

Der Pole machte runde Augen.

„Fill sich vom Ferrd, der Panje Blüchherr, saggst du?“

„Kopfieper runterkesaust!“

„Habb ich nicht gesehhen!“

„Siehst äben bloß, wo die Weibsbilder fallen!“

Der Pole lächelte martialisch.

„Hatt sich gebrochen Genick seiniges, der Panje Blüchherr?“ fragte er.

„Wo wird er wohl?!“

„Nu, wo werrd ich denn sehhen? Weiß ich doch: hat sich ein Schweineglück, der Panje Obberst!“

„Ein Schweineglück“, wiederholte der Sachse. „Hättest ihn sähn sollen, wie sein Färd rücklings in den Kraben trat! Wie ’ne Stahlfeder schnellte er aus dem Sattel auf den Weech rauf! Wie ’ne Gerze stand er vor der Front ohne eene eenzige Schramme – wo er doch von Rechts wegen mit gaputte Gnochen unterm Färd liegen mußte!“

„Er is gefeit“, sagte der Schlesier kurz und bündig. „Oof ihn beeßt kee Stich, kee Hieb. Die Kugeln biegen vor ihm aus. Und wenn a fällt, fällt a imma hinoof. Fällt a as Oberscht, kommt a as General hoch! Fällt a as General, kommt a as Feldmarschall wieder in den Sattel!“

„Nu äben!“ lachte Häberlein. „Warum nicht ooch? Wenn der Schläsier sein Maul uffdhut, da nimmt er’s allemal dicke voll!“

Der Schlesier sagte nichts. Er saß nur da, wieder wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte geradeaus.

„Unheimliches Kerl!“ dachte der Pole fröstelnd. Denn es war noch früh im Mai und das Gruseln leicht.

Bum, schossen drüben die Franzosen. Bum, Bum!

Ihr Feuer lag links auf Neustadt zu, wo die Hauptmasse der Blücherschen Truppen jetzt herauskam und auch zu kanonieren anfing. Aber eine Kugel fand auch den Weg nach rechts, über den Wald, wo die Planitzer lagen, warf Steine und Sand über die Reiter und dem Sachsen ins Maul, da er’s eben auftat. Er aber geschwind die Bescherung ausgespuckt. Und hinterher brauste seiner Rede Strom mit doppelter Gewalt.

„Nu saacht ä mal bloß: Was hat wohl der Alte mit uns vor? Mir stampfen hier egal uff eenem Fleck und lassen uns mit Dreck schmeißen! Warum nähmen mir nich dem Kroppzeug drüben die Ganohnen wech? Die schiessen ja wie die Schweine! Am Ende treffen die ooch noch! Und dann ade reiten! Een, zwee!“ fing er an, die Schüsse zu zählen. „Des reene Salutschießen! Akrat wie in Billnitz, wo wir mit den Rekruten durchkamen und die Maschestäden ooch da waren! Eja, des war scheen! Der Geenich von Sachsen, der Geenich von Preißen und der Gaiser Leopold ooch noch, Gott hab ihn sälig! Und hinter ihnen her der ganze Schwanz von hohen Herren und Gonfusionsräden! Die machten nu fix een Gollech um den grünen Disch rum, zogen die Schlafmützen feste ieper die Ohren runter und taten damit dicke, wie sie den lieben Gott wieder in Frankreich einsetzen wollten und den Geenich Lurwich ooch! – Und des war nu nichts als wie ’n Schpadziergang, und des hamm sie nun verbrieft und besiegelt und begossen und waren noch lange nicht mit der Beschärung fertig – da hat der Franzos die Frechheit und erklärt uns den Griech und haut seinem Lurwig den Döskopp ab und ist ieper die Krenze, ehe die Gonfusionsräde wach wurden! Nich ä mal ä Griechserklärung hamm sie fertig gebracht – nicht mal im Traum! _Die_ gennen nu die Franzosen wieder alleen rausschmeißen – die Gonfusionsräde! Mir dhuns nimmer mehr, wenn mir so weiter siechen!“

„Is sich ein Schweinewirtschaft hundsmiserables!“ stimmte der Pole bei.

„Mir Roten sind schon parat – daran fehlt’s nicht! Da ist schon unser Oberst hinterher wie der Deibel! Bei den Hufschmieden, in den Gammern, auf den Futterböden – ieperall hat er hineingerochen! Mundierung und Sattelzeug, Pulver und Blei – nach allem hat er gesähn, und daß die Glingen scharf geschliffen sind, war ihm allemal die Hauptsache! Mir sind parat! Aber die anderen! Die Räde und – nun, ich will nichts gesagt haben – _der Geenich ist ja een kuter Mann_ – een seelenkuter Herr! Wo er aber zu schpät Geenich wurde – nachher steht ooch alles andere im Lande zu schpät auf! Beim Gaiser Leopold ooch! Na, nu ist er ja tot, und dakechen ist nichts zu sagen! Aber sein Läben lang dachte der nicht daran, Gaiser zu werden – der steckte dicke drinne im fetten toskanschen Getreidegeschäft und war een kuter Mann! Da stirbt der Bruder, und er muß auf den Thron! Na, nu ist er das Älend ooch los, und sein Sohn kann seine Leute mit Mehlspeis und Backhändl füttern, bis ihnen die Bäuche platzen! Hättest drüben bei den Österreichern bleiben sollen, Schläsier, wo du schon warst!“

„Mei Atzung find’ ich ieberall!“ entgegnete der Schlesier.

„Nun wenn schon – warum suchst du sie denn gerade hier bei den Preißen, bei den Hungerleidern?“

„Was suchen die Sachsen und die Polen dahier? Am Ende wollte ich nur sehen, wie mir der rote Dolman sitzt, wo ich doch dahier im selbichen Rechiment schonn den schwarzen trug!“

„Nun schlag einer lang hin! Wo _mir_ schwarz waren, bist du ooch mit kewäsen?“

Der Schlesier saß da wieder wie in Erz gegossen und antwortete nicht!

Bum! schossen die Franzosen vor Kirrweiler. Bum! sekundierte eine andere Kolonne, die mehr rechts, durch Edenkoben herauszukommen begann. Die Kugeln kamen jetzt von rechts und von links. Die Leute wurden unruhig, die Pferde tanzten hin und her.

„Is sich ein verdammtes Schissen!“ knurrte der Pole. „Wär’ ich Obberst, hätt’ ich gebben längst Siggnall!“

„Ihr Polen habt’s immer eilig mit dem Überlaufen!“ sagte der Sachse anzüglich. „Ihr liebt den Franzmann! Wenn ihr mit ihm Hiebe tauscht, denkt man, es sind Gomplimente!“

Der Pole wollte antworten. Da bliesen endlich die Trompeten zur Attacke, die Roten sausten aus ihrem Hinterhalt heraus und begriffen jetzt, warum ihr Oberst sie so lange hatte warten lassen.