Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 35
„Nun, das fehlte auch noch, daß ich das nicht wagen sollte! Es kann noch besser kommen! Nimm dich nur in acht! Das wäre nicht das erstemal, daß ich dich auf den Rücken lege!“
„Nun schweig aber!“
„Schweig selbst!“
„Wenn du jetzt nicht bald still bist –!“
„Denkst wohl, ich fürchte mich vor dir!“
Hochrot im Gesicht standen die beiden Greise mit erhobenen Händen und zornig funkelnden Augen voreinander.
Da besannen sie sich wieder darauf, daß sie nicht mehr die Schulbuben von Anno dazumal waren, sondern alte, gesetzte Männer im Staate, und brachen plötzlich in ein helles Lachen aus. Sie lachten, daß sie sich auf die Knie schlugen.
„Wahrhaftig,“ sagte Blücher, „in einem Augenblick sind wir um sechzig Jahre zurückgekommen und zanken uns hier wie die dummen Jungen, die wir waren, und tragen unsere unerledigten Streitigkeiten von damals aus. Ich erinnere mich auch an den Vorfall, als wäre er gestern geschehen. Es war eine Niedertracht von dir, Hans Jörg, und davon gehe ich nicht ab! Aber erinnerst du noch, wie ich da gebunden lag und ihr mich alle fühlen ließet, wie ich euch meistens unter der Fuchtel hatte – erinnerst du, als ihr um mich tanztet und mich verspottetet, wie ich dann auf einmal frei unter euch stand und deiner Mutter Wäscheleine um eure Ohren sausen ließ, und wie ihr da alle lieft und euch wie die Ratten zwischen die Bretterstapel verkrocht? Weißt du das noch?“
„Nun ja – du hattest eben die Leine durchgebissen – ich hab’s nachher auf meinem Rücken ausbaden müssen!“
„Das hat dir nichts geschadet! Aber wenn ich an _den_ Sieg denke und an den Triumph – nun, Katzbach war schon eine Sache, und Leipzig auch, von Belle-Alliance und Paris nicht zu reden! Aber der Sieg über euch Rostocker Lausbuben im Teutoburger Wald, hier am Ufer der Warnow – wahrhaftig –, _das war doch mein schönster Sieg!_ Und weil er auch der unblutigste war, müssen wir ihn jetzt ordentlich mit Rebenblut begießen! Gekneipt haben wir ja damals noch nicht. Aber den Weg zu mancher guten Pulle Rotspon habe ich wohl nachher gefunden. Und du schon auch! Komm, Hans Jörg, finden wir den Weg einmal im Leben auch zusammen!“
Arm in Arm zogen sie dann ab. Blücher lang und stattlich und Hans Jörg klein und hüstelnd, aber mit fürstlicher Haltung und mit dem Widerschein all der Siege seines großen alten Kampfgenossen in den Augen. So gingen sie zurück in die gute alte Zeit, aus der sie gekommen waren, und blieben da beisammen und ließen die „ernsthaften“ Kämpfe dieser Welt sein, was sie ihnen immer gewesen waren: – Schlacken am Gold ihres Kindergemüts.
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