Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 34
Ney hielt noch mit seinen halberschöpften Kürassieren und Gardegrenadieren oben auf dem Plateau – ihm gegenüber der gänzlich ermüdete Engländer, beide ohne einen Schuß zu tun, beide darauf wartend, wer von ihnen zuerst Hiebe bekommen würde. Eine Stunde standen sie schon so unbeweglich da, als Napoleon endlich glaubte, die Preußen so weit zurückgeworfen zu haben, daß er Ney die erbetene Infanterie geben konnte.
Er stellte noch sechs Bataillone zur Sicherung seiner Front gegen die Preußen auf und schickte den alten Friant mit vier Bataillonen gegen die Engländer auf das Plateau hinauf!
Kaum hatte er den Befehl gegeben, da bemerkte er eine plötzliche Unruhe in der regungslosen Masse seiner Reiterei da oben. Auf der Brüsseler Chaussee kam Ney herangesprengt, ohne Hut, mit durchlöcherter Uniform, das Gesicht geschwärzt, der blonde Haarschopf wirr um das Haupt flatternd, und schrie, seine Kavallerie wiche, wenn die Infanterie nicht sofort käme –, nahm dann die Bataillone der Garde an sich und zog mit ihnen ab.
Da oben war immer noch der Sieg zum Greifen nahe. Hinter der englischen Front floh alles, was Beine hatte. In Brüssel wußte man bereits, daß Wellington die Schlacht verloren hatte, und Botschaften flogen von dort mit der Kunde von Napoleons Sieg nach allen Richtungen in die Welt hinaus.
Unten im Tal kamen dann aber plötzlich aus der Ecke, wo sich Napoleons Front rechtwinklig zurückbog, die Rufe „_sauve-qui-peut!_“ Und aus den Höfen La Haye und Papelotte flohen die bisher siegreichen Leute der Division Durutte. Alles hing vom Augenblick ab.
Die Schlacht war auf dem Punkt angelangt, wo der Geist der Panik herangesaust kommt und über dem Gewimmel darauf lauert, auf wen von den Kämpfern er sich stürzen soll, und ob er hüben oder drüben den geringeren Widerstand finden wird, wenn er sein Entsetzen losläßt.
Hüben stand noch der kleine große Schlachtenkaiser aufrecht da und schaute ungeduldig nach seinem ungetreuen Grouchy aus, der immer noch nicht kam, um ihm das Schlachtenglück zuzuwenden.
Oben auf dem Plateau stand der zähe Engländer und sah die Reihen der Bärenmützen auf sich zukommen. Ein Wink seiner Hand – die Garden Maitlands warfen sich auf den Boden hin, um dem Ansturm Neys und Friants zu begegnen, erhoben sich, schossen aus nächster Nähe und durchlöcherten die Reihen der alten Garde an hundert Stellen.
Aus mehreren Wunden blutend, ging Friant zurück, holte sich von Napoleon, der sie selbst herangeführt hatte, noch fünf Bataillone von der alten Garde zum Ersatz und zog mit ihnen wieder in den Kampf. Da sah Napoleon die letzten Reste der englischen Reiterei unter Vivian und Vandeleur sich plötzlich wieder ermannen und zur Attacke vorstürzen – er sah auch am Wald von Soignes Preußen kommen, die Reiter Zietens voran.
Preußen überall und immer noch kein Grouchy! Er erbleichte –, es war die Niederlage, die jetzt auf ihn einstürmte.
Zieten ließ seine Reiter los, sie machten mit den Schwadronen Vivians und Vandeleurs gemeinsame Sache und überfluteten in einem Augenblick das ganze Schlachtfeld.
Wo Napoleon hinblickte, war ein Gewimmel von englischen und preußischen Uniformen. Und er hatte keine Kavallerie mehr hier unten, um die feindlichen Reiter zu verjagen, seitdem Ney ihm die letzte genommen hatte. Das Fußvolk allein war gegen sie ohnmächtig.
Seine Gardebataillone bildeten überall Karrees, die hier und dort wie Felsen aus dem brandenden Meere emporragten und sich wohl wehrten, aber die Sturmflut nicht aufhalten konnten.
Oben auf dem Plateau machten dann Milhauds Kürassiere kehrt, um nicht von der Hauptarmee abgeschnitten zu werden, und ritten wieder die Böschung hinunter. Auf dem abschüssigen Boden gerieten sie aber sofort in Unordnung und halfen so nur den Wirrwarr vermehren.
Wellington ging jetzt zur Offensive über.
Keine Möglichkeit für Napoleon, der Auflösung noch irgendwo eine Wehr entgegenzusetzen, und ein Bollwerk zu schaffen, hinter dem sich die aufgelösten Verbände ordnen könnten.
„_Sauve-qui-peut!_“ wurde die Losung – der Kehrreim, in den sich der Siegestaumel der Franzosen jäh auflöste.
Napoleon sah das Nutzlose ein, jetzt, bei beginnender Nacht, wo er weder gesehen noch gehört werden konnte, seine Person dem Trubel entgegenzustellen. Er ließ sich in ein Karree einschließen und ritt, Jérôme an seiner Seite, auf der Chaussee nach Charleroi fort, von den vorbeiflutenden Trümmern seiner stolzen Armee mitgeschwemmt.
Über das Schlachtfeld zogen jetzt von verschiedenen Seiten die Preußen und die Engländer gegen das weithin sichtbare Gehöft Belle-Alliance hinan, fegten den Boden von Feinden rein und nahmen die Verfolgung der fliehenden Franzosen auf.
Die Preußen besorgten das Geschäft allein. Bis Jenappes hielten sie die Jagd durch, nahmen unterwegs Napoleon seine ganze Artillerie und Bagage ab und scheuchten seine Truppen durch Kartätschenschüsse auf, sobald sie sich zur Ruhe setzen wollten.
In Jenappes gönnten sie sich endlich selbst etwas Ruhe.
Blücher, der trotz den Strapazen des vorhergehenden Marsches selbst die Verfolgung leitete, war frisch wie ein Fisch im Wasser und von einem seltenen Übermut.
Als er vom Pferd stieg und in sein Quartier hineingehen wollte, trat ihm ein alter Husar in der schwarzen Uniform, die er so gut kannte, entgegen und legte die Hand an die Mütze.
Wie der Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: „Aha, da habe ich ja meinen Solofänger! Der fehlte mir noch! Der war heute wieder fällig. So war’s nach Kirrweiler, so war’s bei Leipzig! Und heute war’s ja wieder eine Sache gewesen! Also, er ist da!“
Er ließ den Husaren gar nicht erst zu Worte, sondern rief ihm gleich zu: „Keinen Ton! Ich weiß, was du willst, ich weiß mit dir Bescheid! Komm, trinken wir miteinander eine Pulle Sekt für den guten Fang! Und da hast du auch deine zwanzig Mark! Soviel war’s wohl wert, daß du mich damals den Preußen einfingst! – Oder sollte ich schon im Preis gestiegen sein?“
Der alte Husar stand da, ohne zu begreifen, blickte bald Blücher, bald das Geldstück an und schüttelte den Kopf.
„Wo hätte ich? Was hätte ich? Ich hätte Eure Exzellenz gefangen? – – Wie käme ich wohl zu der Ehre? Ich habe einen ganz anderen Fang gemacht!“
Und dabei nahm er aus der Tasche eine Handvoll Brillanten, ließ sie aus der einen Hand in die andere rieseln – hielt dem Marschall ein Etui hin, in dem eine Sammlung der höchsten und seltensten Orden der Welt, auch der preußische Schwarze Adler, glitzerten, und zog unterm Arm noch einen Degen und einen dreieckigen schwarzen Hut hervor, den man in der ganzen Welt wohl kannte.
„Zu dem Hut gehört auch ein grauer Mantel!“ rief Blücher aufgeregt, und riß das Kleidungsstück an sich. „Und in dem Mantel steckte ein ganz besonderer Kerl! – Wo hast du den gelassen?“
„Der steckt wohl immer noch drin in dem nämlichen Mantel, denke ich! Und den habe ich nicht erwischt!“
„Du bringst mir ein Stück vom Fell des Löwen! Bringe mir den Löwen selbst, und du wirst ein Fürst, so wahr ich auch einer geworden bin. Ihm nach – rasch –!“
Damit stülpte er den Hut Napoleons auf den Kopf, nahm den Degen und die Orden an sich und ging hinein.
Draußen blieb der Husar stehen. Er ließ noch ein paarmal die glitzernden Steine aus einer Hand in die andere rieseln, steckte sie in die Tasche, schüttelte den Kopf und kratzte sich bedächtig die Nase.
*
Das war am achtzehnten Juni. Schon am siebenundzwanzigsten konnte Blücher seiner Frau aus Compiègne schreiben: „Hier sitz ich in dem Zimmer, wo maria luise ihre Hochzeitsnacht Celebrierte, man kann nichts Schöneres und angenehmeres sehn als Compiene – –“
Am siebenten Juli rückte Blücher wieder in Paris ein und führte so den Gebrauch ein, auf jeden französischen Einzug in Berlin mindestens zwei deutsche in Paris folgen zu lassen, damit man sich das merke und sich auch danach richte.
Der deutsche Michel stand also wieder in Paris.
Er benahm sich nicht wie der Ochse im Porzellanladen – auch plünderte er nicht und erpreßte nichts. Ja, er getraute sich nicht einmal, die ihm abgenommenen Milliarden zurückzuverlangen – er war wieder gut und edel, zeigte Gemüt, nahm Rücksicht, dachte, man würde es ihm danken, und merkte nicht, daß man ihn auslachte.
Die anderen, die machten es ganz anders, wenn sie an der Reihe waren und siegten. Sie verstanden es, ihren Haß und ihre Rachsucht ins Gemüt des Besiegten hineinzustampfen, daß der Schmerz drin blieb und wucherte und zur Vergeltung trieb.
Es fehlte nicht an wohlmeinenden Mahnern, die Michel beim Ohr nahmen und sagten: „Michel, werde hart, sonst geht’s dir noch einmal ans Leben!“
Blücher brauchte jene Mahner nicht. Er sprach deutsch mit den französischen Unterhändlern und schrieb ihnen auch in dieser verpönten Sprache, zum Entsetzen aller Diplomaten, nicht zum wenigsten der deutschen.
Er verfügte Wegnahme aller geraubten Kunstschätze, verlangte zweimonatige Löhnung und neue Bekleidung für seine Truppen, legte der reichen Stadt Paris eine Kontribution von hundert Millionen auf und befahl sofortige Sprengung der Jenabrücke, ehe die Monarchen nach Paris kommen konnten, um das zu verhindern.
Sie kamen aber schleunigst mit Extrapost an und inhibierten sowohl das wie vieles andere, insbesondere die Auszahlung der hundert Millionen.
Sie kamen aber nicht schnell genug, um zu verhindern, daß Wellington in seinem Gepäck den vor drei Monaten ausgerissenen König Ludwig XVIII. mitbrachte – _Louis dixhuit_ – oder „_biscuit_“, wie er fortan, als zweimal gebackener Monarch, genannt wurde.
Die beiden Kaiser und der König von Preußen hatten sich das französische Cousinat diesmal ganz anders gedacht. Sie waren nicht sehr davon erbaut, auf dem Thron Frankreichs diesen ungeheuren Klumpen lächelndes, gekröntes, suffisantes Fett wieder vorzufinden, der sich ohne weiteres als Hausherr gerierte und ihnen die Rollen wohlerzogener Gäste zuschob.
Sie fanden sich aber bald mit ihren Rollen ab und ließen den ungelenken Mastodonten auf seinem königlichen Rollstuhl sitzen, allwo er denn auch ein beschauliches Dasein führen konnte, sich tagtäglich zwischen dem Bett, der Tafel und dem geheimen Kabinett hin und her schieben ließ und, fern von den Schrecknissen des Krieges, von Werken des Friedens träumen konnte, als welche da sind: trüffiertes Wildbret, pikante Soßen, wohltemperierter Burgunder und mehr desgleichen.
Bedenkt man die Verwüstung und Verarmung der anderen europäischen Länder während der langen Kriegsjahre, so muß zugegeben werden, daß la France, die Urheberin des ganzen Elends, doch mit ihrem neuen „Legitimen“ billig dabei weggekommen war. Denn, wenn er auch im guten Sinne nicht so viel leistete, so tat er sich im bösen noch weniger hervor. Ganz wie das weiße Pflaster, das von der bourbonischen Hausfarbe wohl den Namen hatte.
14 DER GRÖSSTE SIEG
Alt und grau, noch rüstig, aber von Ruhm und Ehren gesättigt, kehrte er zurück zu den heimatlichen Gestaden, um die Stätten wiederzusehen, auf denen er in jugendlichem Übermut herumgetollt war.
Er trieb sich in der Stadt umher, durch die Straßen, über den Markt, in den Kirchen, auf den Friedhöfen, versäumte nicht, den Ratskeller auf seine verborgenen Schätze anzusprechen, und landete schließlich auf dem Wall, von wo aus er über den Hafen auf den Breitling hinausblicken konnte, der im Sonnenschein glitzerte und blinkte. Lange stand er da, in wehmütige Gedanken versunken.
Das Wiedersehen mit der Heimat war so ganz anders, als er es sich während seines langen Lebens vorgestellt hatte.
Damals eine Welt, die für das Aufjauchzen der ersten Lebenslust kaum Raum genug hatte, die zu eng, zu drückend war – eine Fessel, die gesprengt werden mußte –, ein Kerker, aus dem es galt möglichst schnell zu entrinnen. Und jetzt leer, tot und verlassen von allem, was sich damals in ihr drängte –, fremd und doch so vertraut zum Herzen sprechend wie ein altes, lange nicht gehörtes Lied, das auf einmal plötzlich wieder an unsere Ohren dringt.
_Vanitas! Vanitatum vanitas!_
Man kämpft und strebt, ringt um Erfolg und Ehren, kommt weit herum, sieht fremde Gesichter, knüpft neue Freundschaften an, bekommt Familie, schlägt irgendwo, wo’s der Zufall will, Wurzel, wird in neuer Erde bodenständig, glaubt sich dort beheimatet und bleibt ihr im Innersten doch ein Fremder.
Die Wurzeln, die einen noch an die Heimaterde binden, verkümmern oft, zerreißen aber nie. Die Träume und Erinnerungen lassen Vergangenes wieder lebendig erstehen. Man wandelt in ihnen noch auf den Gefilden der längst verflossenen Kindheit, balgt sich mit den alten Gespielen herum, erlebt die ersten Hoffnungen, die ersten Enttäuschungen wieder, und bei jedem weiteren Schritt im Leben kehren die Gedanken wieder zu ihnen zurück. Und über allem anderen, über Siegesrausch und Triumph, leuchtet dann die Frage: „Was werden die alten Gespielen, die Freunde, die Verwandten dazu sagen! Sie werden sich wundern, wie weit ichs im Leben gebracht habe! Ich, von dem sie so wenig hielten und dessen Flucht ins große Leben hinaus nur ihr mitleidiges Mißtrauen in den Erfolg begleitete!“
Endlich hat man den Erfolg errungen. Man hat festen Boden unter die Füße bekommen. Und doch kommt keine rechte Siegesfreude auf, ehe nicht die engere Heimat ihren Segen zum Gelingen gegeben hat.
Man brennt darauf, diesen Triumph zu feiern, kehrt wieder heim, sucht alte Stätten, Wege, Gefilde auf, läßt die Blicke nach gewohnten Zielen schweifen und wird gleich enttäuscht.
Warum kommt nicht dort um die Ecke Freund Fritz gelaufen, munter, lustig und zu jedem Streich bereit?
Wo bleibt heute Nachbars Lene, die sonst immer durchs Gartentor huschte, sogleich bereit, den Zoll der Freundschaft von ihres Vaters Apfelbäumen zu entrichten?
Und der Herr Pastor, der würdig dort die Straße herunterschreitet, das Meßbuch in den fromm gefalteten Händen, die Blicke gesenkt, der Küster mit dem Kruzifix im gleichen Trott hinterher, wie hat er sich verjüngt! Damals Schnee in den reichen Locken, jetzt blondester Flachs!
Dort sperrt ein fremdes Haus den gewohnten Blick über den Fluß, und endlose Speicherbauten machen sich rücksichtslos auf dem Gelände breit, wo die gewaltigsten Ereignisse der frohen Kindheit sich abspielten. In den Grünspan der Kirche sind frische Flicken von blankem Kupfer getrieben – das Glockenspiel von damals knarrte und schnarrte ganz anders, ehe es zum Herunterbimmeln des altgewohnten Chorals mit hinkendem, aber würdevollem Pathos ausholte –, auch der Straße am Elternhause gab die neue Zeit neues Pflaster!
Und dann die zahllosen neuen Gräber auf dem Kirchhof, die die altvertrauten schier verdrängen wollen!
Liegen wohl da alle die, deren freundliches Staunen ob spät, aber doch endlich gewonnener Anerkennung man heranzufordern kam?
Ja –, wozu war denn schließlich alles da?
Wozu der Kampf und Sieg, wenn eben die, die die schönsten Kränze aufrichtiger, selbstloser Freude winden würden, längst die Eitelkeit alles Erdenstrebens mit etwas Besserem vertauschten? Wären sie wenigstens in der Erinnerung geblieben, wie sie waren – jung, lebenslustig, übermütig, unbesiegbar. In der Erinnerung der Kindheit lebte bis jetzt noch alles, was seither im Aufblühen die Seele erfüllte! Und jetzt, nach dem Wiedersehen, verblaßten auch dort die Bilder und schwanden für immer. Die neue Wirklichkeit löschte ihre glühenden Farben aus – eintönige, gleichgültige Leere umfing die Sinne – das treu im Herzen gehütete Heiligtum sank hin, und Bitterkeit, Enttäuschung und unendliche Wehmut lagern über dem Trümmerfeld teurer Erinnerungen.
Darüber dämmerte aber wie ein Hauch der Ewigkeit die Antwort, die die Heimat dann dem spät Wiederkehrenden gab: „Was du suchtest, fandest du: Ehren, Ruhm, Reichtum – für dich, aber nicht für mich! Hofftest du auch von mir Kränze, und spornte dich das zu immer neuem Ringen an – jetzt bist du ja am Ziel – jetzt brauchst du meine Kränze nicht mehr! Jetzt blüht dir nur noch die Erkenntnis, die ich dir als letzte Lehre auf deinem letzten Wege mitgebe: „_Aus dir selbst bist du nichts!_ Was du geleistet hast, wurde dir vom Geber aller Gaben geschenkt! Sei dankbar, demütige dich! Was suchst du noch im Staube nach Ehren! Das Loch in der Erde ist dir sicher, mehr kommt dir nicht zu!“
Das ist hart.
Das bange Vorgefühl dieser Härte war’s wohl auch, das ihn immer wieder davon abgehalten hatte, den Weg zurück zu beschreiten, um nicht eher jene Illusion zu verlieren, die ihm sooft sieghaft über alle Enttäuschungen des Lebens hinweghalf, bis sie nicht mehr gebraucht wurde. – –
Lange stand er noch, die Augen auf die glitzernde Wasserfläche gerichtet, mit den Gedanken spielend, die über ihn gekommen waren – am Grab der Eltern – unter den Bäumen im Garten, wo er sooft als Junge geklettert war – dort unten am Ufer, wo er sich mit all den anderen Rostocker Rüpeln nach Herzenslust gebalgt hatte – mit Hans Jörg und Jochen und Christian Faber, und wie sie alle hießen!
Am Ufer der Warnow war ihr Schlachtfeld gewesen. Die merkwürdigsten Manöver hatten sie dort unten ausgeführt, unsterbliche Heldentaten verrichtet, Siege erfochten, gegen die Hamilkars und Hannibals das reine Nichts waren – sie hatten in Blut gewatet, hatten die Leichen haufenweise übereinandergetürmt! Und nach beendigter Schlacht waren die Gefallenen ohne Ausnahme wieder lebendig geworden und zogen am nächsten schulfreien Nachmittag wieder seelenfroh in den Kampf.
Und der Festungskrieg, der sich dort zwischen den Bretterstapeln abgespielt hatte, der spottete jedes Vergleichs!
Viele brave und werte Genossen waren ihm in den späteren Kämpfen seines Lebens nahegekommen, aber keiner näher als die Gespielen, die ihm halfen, die ganzen ungeheuren Erlebnisse der Kinderphantasie zu gestalten.
Wo die wohl alle geblieben waren?
Ob sie noch lebten – wie sie wohl aussahen, und ob sie sich nicht jetzt dazu bequemen würden, ihn als den Stärkeren anzuerkennen?
Es waren obstinate Racker gewesen, steifnackige Krabaten, ganz wie er selbst. In den Jugendkämpfen mit ihnen, da hatte er wohl eben das feste Zupacken geübt – da hatte sich am Ende der Keim zu den späteren Siegen zuerst entfaltet?
Daher kam es wohl, daß er sooft im wilden Getümmel großer Geschehnisse plötzlich innehielt und sich beim ernsten Nachdenken über die hochwichtige Frage ertappte: was wohl Hans Jörg zu diesem oder jenem gesagt hätte, wäre er jetzt dabeigewesen, und was für ein Gesicht der alte Knabe wohl machen würde, wenn er in der Avis die große Begebenheit fett gedruckt aufgetischt bekäme?
Aber der Hans Jörg war wohl auch so’n dicker, aufgeblasener Spießer geworden und hatte wohl über der Sorge seines Bauches längst alles andere vergessen!
Noch eine Weile blieb Blücher oben. Er konnte sich nicht vom Blick übers Wasser trennen. Es war wohl ein allerletzter Abschied, den er jetzt nahm.
Endlich wandte er sich zum Gehen.
Da kam dort um die Ecke, gerade auf ihn zu, ein altes Männlein, hüstelnd und sich räuspernd, blieb vor ihm stehen, zog ehrerbietigst die Mütze, blickte aus alten, müden, halberloschenen Äuglein neugierig zu ihm auf, verzog sein gefurchtes, braunledernes Gesicht zu einem breiten, vergnüglichen, aber zugleich verlegenen Lächeln, indes die Zunge hinter den zahnlosen Lippen mühselig nach Worten suchte.
Endlich brachte er die Frage heraus, lange und wollüstig an jeder Silbe lutschend:
„Verzeihen,“ sagte er, „wollen Ihro Hochgeboren nicht übel aufnehmen, wenn ich wage, gehorsamst eine Frage zu stellen – aber Sie sind ja woll der Durchlauchtigste Feldmarschall Fürst Blücher selbst _in persona_?“
„Der bin ich!“
„Dachte ich mir auch gleich! Meine Alte las mir nämlich heute früh vom hohen Besuch unserer Stadt aus der Avis vor. Und da dachte ich gleich – da mußt du aber ’raus und nachschauen, ob du ihn nicht auch erwischen kannst. Na, da hätte ich ja Glück gehabt! Nee –“, sagte er dann und besah ihn sich gründlich von allen Seiten, „was für’n hoher und durchlauchtiger Herr aus so’n ollen Rostocker Jungen wern kann! Das ist ja woll ganz und gar nicht mehr möglich! An so’n Mirakel hätte wohl keiner von uns damals geglaubt, als wir uns da unten mang die Bretter ’rumtollten. Aber das sind ja olle Kamellen! An die denkt so’n hoher Herr ja woll nicht mehr!“
„Was?“ rief Blücher, und starrte den Alten mit unverhohlener Neugier an. „Wer ist denn – – ja, ist das nur möglich –? Das ist ja woll –“
„Jaha,“ meckerte der Alte und nickte vergnügt, „der Hans Jörg, der bin ich immer noch –“
„Ja, wahrhaftig! Alter Freund! Das war aber eine rechte Freude! Na, da muß ich aber wirklich sagen! Eben stand ich hier und dachte an die alten Zeiten zurück und wunderte mich, wo ihr wohl alle seid, und was aus euch geworden sein könnte! – Wo sind denn all die anderen, der Krischan Faber und Jochen?“
„Die sind all tot! Den Krischan, den haben die Franzosen totgeschossen.“
„Na, das hätte er denn mit vielen braven Leuten gemeinsam gehabt. Ich war auch oft nahe dran.“
„Na, da hat der Himmel zu unserem Glück Eure Durchlaucht davor bewahrt!“
„Was?! Wie hast du mich genannt? Willst du wohl?!“
„Durchlaucht, sagte ich –“
„Nenne ich dich Durchlaucht? Wie?!“
„Nee, aber ich kann mir doch nicht erlauben –“
„Wenn du der Hans Jörg bist und du erlaubst dir, mich anders als früher zu nennen – nun dann bist du eben nicht der rechte Hans Jörg. Dann fordre ich dich vor die Pistole!“
„Das wäre ja nicht der erste Zweikampf, den wir miteinander ausgefochten haben!“ lachte der Alte. „Erinnerst du dich noch, Gebhard, als wir um die Wette nach der Boje da draußen hinausschwammen – ja, die schwimmt da noch – und ich kam zuerst heran.“
„I wo!“
„Jawoll, das tat ich. Und das paßte dir nun nicht. Da bist du untergetaucht und hast mich am Bein gepackt und zurückgezogen, und ich drehte mich dann um und versetzte dir eine –“
„Zwei hast du dafür gekriegt.“
„Jawoll – zwei – eine Balgerei ging da los, und ich habe dich noch orntlich gedoppt –“
„Das erinnerst du falsch! So war’s nicht – sicher nicht.“
„Ob’s so war? Dadrauf kannst du Gift nehmen, im Schwimmen, da war ich dir über – da frag’ nur all die anderen, die werden’s bezeugen! Und zuerst kam ich doch an die Boje ran – und zuerst war ich am Land –“
„Na – schneid nur nicht auf! – Ich werd’ mir wohl denn schon nichts daraus gemacht haben! Aber, das weiß ich noch bestimmt, im Schwimmen stellte ich meinen Mann, und mach’s heute noch!“
„Na – damals bist du aber unterlegen, Gebhard, und das stimmt. Und dann – erinnerst du noch, als wir die große Schlacht auf dem Teutoburger Wald schlugen und du der Hermann warst und ich der Varus? Weißt du noch, wie wir dir alle deine Leute totschlugen und dich dann mit Stricken banden?“ –
„Das lügst du!“
„Wahrhaftigen Gottes, das lüge ich nicht. Du siegtest sonst immer, und niederträchtig hast du uns dann immer behandelt! Und da haben wir uns schließlich verschworen und deine Germanen mit Zuckerzeug bestochen – meine ganze Sparbüchse ging drauf! Sie waren aber gern damit einverstanden, ihrem Arminius einen Schabernack zu spielen. Das nächste Mal, als der Kampf losging, da starben sie denn auch richtig wie die Fliegen von dem Zuckerzeug, kaum daß wir sie angesehen hatten! Und da dauerte es nicht lange – da hatten wir auch den Arminius bei den Hammelbeinen und schnürten sie ihm feste zusammen, daran erinnere ich mich noch, als wäre es gestern!“
„Das erinnerst du falsch, Hans Jörg, und das steck’ dir hintern Spiegel!“
„Nun, das werde ich wohl wissen, wo ich dich selbst gebunden habe!“
„Das lügst du!“
„Mit ’nem richtigen Schiemannsknoten knüpfte ich dir deine Apostelpferde zusammen. Ich hatte meine Mutter ihre Wäscheleine zu dem Zweck gestibitzt. Ich fühle ja noch die Wichse, die sie mir dafür gab. Und das sollte ich mir nicht richtig erinnern?!“
„Nee – das ist nun und nimmermehr wahr!“
„Daß wir dich banden? Nun, so wahr, wie daß ich hier vor dir stehe!“
„Und wenn du doppelt und zehnfach vor mir ständest, so lügst du doch und lügst doppelt!“
„Ich werde mich wohl von dir einen Lügner schelten lassen!“
„Nun, wenn du einer bist!“
„Selbst bist du einer!“
„Was wagst du!“