Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 33
„Es ist das Schloß Houguemont. Ich habe englische Garden drinnen festgestellt. Werfen Sie sie hinaus. Erstürmen Sie dann die Böschung des Plateaus und schlagen Sie den Rest der englischen Garden, die mit den Holländern und den Braunschweigern dort das Plateau garnieren. Suchen Sie ihnen den Vereinigungspunkt der Chausseen von Nivelles und von Charleroi zu entreißen, und drängen Sie auch den rechten feindlichen Flügel in den Wald. Sie werden den rechten englischen Flügel nicht umgehen können. Wellington hat ihn, in seiner Angst, vom Meer abgeschnitten zu werden, doppelt so stark bedacht wie den linken. – Bis nach Hal haben wir seine Truppen feststellen können. Dort stehen mindestens 15 000 Mann. Dafür hat er hier höchstens 75 000 Mann beisammen, deren wir leicht Herr werden – wenn jeder seine Schuldigkeit tut und heute meine Befehle genau und auf die Minute befolgt.“
Die letzten Worte sprach er mit etwas erhöhter Stimme und einem raschen Seitenblick auf den Marschall Ney, dessen lange Gestalt etwas abseits hin und her tanzte, da er sein Pferd in seiner Ungeduld immer wieder mit den Sporen kitzelte und es so zum steten Pirouettieren brachte.
„Ney ist verdrießlich“, flüsterte Napoleon seinem Bruder zu. „Es reut ihn, vorgestern dem Teufel der Unentschlossenheit Einlaß in seine Seele gewährt zu haben. Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich seine Ausreden hörte. Er hat tatsächlich geglaubt, bei Quatrebras die ganze englische Armee vor sich zu haben, statt, wie ich bestimmt annehmen durfte und ihm auch sagte, nur ein paar tausend Mann, die in zehn Minuten zu erledigen gewesen wären. Dieser dumme Kerl erlaubt sich, noch auf eigene Gefahr hin denken zu wollen, obwohl er weiß, daß ich für ihn und für euch alle zu sehen und zu denken pflege! Er hat mich gar verbessern wollen – – und hat mir so meinen schönen Plan verpfuscht. Hätte er gehorcht, wir stünden jetzt in Brüssel, und Wellington hätte nimmermehr gewagt, sich mir hier in den Weg zu legen. Jetzt hofft Wellington auf den Beistand der Preußen. Den soll er aber nicht haben, wenn mir Grouchy heute ein wenig besser gehorcht als Ney vorgestern! – Auf Ihre Plätze, meine Herren!“ rief er laut den Generälen zu.
D’Erlon, Reille, Lobau und Ney grüßten, warfen ihre Pferde herum und setzten sie in Trab in der Richtung, aus der sie mit dem Kaiser gekommen waren.
„Heute wollen wir vor allem kaltes Blut bewahren, lieber Ney“, rief dieser noch dem Marschall nach, dessen hochrotes Gesicht sich dabei ganz dunkel färbte.
„Der tolle Kerl wird mir heute durch die Lappen gehen, um sein vorgestriges Trödeln wieder gutzumachen“, sagte der Kaiser halb für sich, winkte seinen Leibpagen heran und befahl ihm, den Tisch mit den Karten auf dem kleinen Hügel, der sich etwas abseits von der Chaussee erhob, aufstellen zu lassen. Er blickte dann über die Gegend hinaus, nach rechts in die Verlängerung des Tales hinein, wo sich vier Lieues entfernt die Türme des Städtchens Wawre auf dem blauen Dunst matt abzeichneten und der Lasne-Bach auf dem Grund des Tales sein silbernes Band hinschlängelte.
Von dort mußte Grouchy mit seinen 30 000 Mann kommen. Er müßte auch schon unterwegs sein. – Zwei Kuriere waren ihm schon während der Nacht mit dahingehenden Befehlen gesandt! Man sollte ihm gleich noch einen Boten schicken, wenn sich nicht bald die Spitzen seiner Kolonnen drüben auf der Höhe zeigten, wo die Kapelle von St.-Lambert weiß leuchtete.
Noch einmal umfaßte Napoleon mit einem Blick das ganze farbenprächtige Bild, das jetzt vom frei flutenden Sonnenlicht auf das prächtigste vergoldet wurde. Seine Haltung straffte sich, seine Augen leuchteten.
„Die Erde ist stolz, so viele tapfere Männer zu tragen“, sagte er. „Die ganze Natur lächelt unseren Helden und grüßt sie mit Siegesglanz!“
Er wandte sein Pferd und ritt langsam an dem allein dastehenden weißen Gebäude von Belle-Alliance vorbei, nach dem weiter hinten an der gleichen Chaussee liegenden Pachthof Caillou, wo er sein Hauptquartier hatte.
Dort angekommen, fühlte er plötzlich, wie schon sooft in den letzten Jahren, eine beginnende Ohnmacht im Gehirn.
Es war kein Wunder.
Am gestrigen Tag war er von früh um fünf bis zum späten Abend marschiert, dann seit ein Uhr nachts wieder im Sattel, und hatte die Gegend und die feindlichen Stellungen bei strömendem Regen selbst rekognosziert. Jetzt hatte er alles angeordnet, den Angriffsplan entworfen, die Armee aufgestellt und gegen die Ungeduld seiner Generäle angekämpft, die schon gleich in aller Frühe angreifen wollten, ehe der Boden so weit von den Regengüssen aufgetrocknet war, daß die Artillerie vorwärts konnte. Das spannte seelisch ab. Jetzt war er zu Ende, jetzt mußte sein Gehirn Ruhe haben.
Er rief seinen Bruder Jérôme.
„Es ist zehn Uhr“, sagte er. „Ich will eine Stunde schlafen. Um elf sollst du mich wecken – die anderen wagen es ja nicht. Um elf Uhr, keine Minute später!“
Damit streckte er sich auf seinem Feldbett aus, legte seinen Kopf auf das dünne Kopfkissen und schlief, wie er es jederzeit konnte, sofort ein.
Inzwischen marschierten die Preußen.
Durch unwegsames Gelände strebten sie in großem Bogen wieder zur Chaussee Namur–Brüssel zurück, die sie bei Sombreffe hatten verlassen müssen.
In Wawre rasteten sie, trockneten ihr durchnäßtes Zeug, schafften sich etwas Warmes in den Leib, brachten ihre Waffen in Ordnung, ergänzten ihre Munition und waren guten Mutes trotz der Strapazen und der bei Ligny erlittenen Verluste.
Dort langte bei Blücher ein von Wellington abgesandter Bote an, mit der Bitte, ihm so rasch wie möglich eine Verstärkung von zwei Korps zu senden. Er würde dann die Schlacht von Napoleon annehmen.
„Ich breche mit allem auf, was ich bei mir habe“, antwortete der Feldmarschall, der nach seinem Sturz in der Lignyschlacht sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte.
„So krank ich auch bin,“ schrieb er gleichzeitig dem General Müffling, der im englischen Hauptquartier Preußen vertrat, „so werde ich mich dennoch an die Spitze meiner Truppen stellen, um den rechten Flügel des Feindes sofort anzugreifen, wenn Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt.“
Und im Tagesbefehl an seine Truppen, in dem er den Verlust der letzten Schlacht dem Ausbleiben der Unterstützung durch die Engländer zuschrieb, kündigte er ihnen, aufrecht wie immer an: „Ich werde euch wieder vorwärts gegen den Feind führen. Wir werden ihn wieder schlagen, denn wir müssen’s!“
Er schickte dann seinen guten Doktor Bieske mit seinen Salben und Mixturen zum Teufel, als dieser seine Quetschung wieder einreiben wollte.
„Heute“, sagte er, „mag’s den alten Knochen gleich sein, ob sie balsamiert oder nicht balsamiert in die Ewigkeit gehen!“ Er wankte dann zur Tür seines Hauses hinaus, wo seine pommerschen Regimenter gerade vorüberzogen und ihn jubelnd begrüßten, hielt sich am Türpfosten fest, um nicht dabei zu fallen, ließ sich aufs Pferd heben und war seelenvergnügt, als er die vier sicheren Beine seines Schimmels wieder unter sich fühlte. Er lachte über Grouchy, der ihn in verkehrter Richtung suchte und also nicht fand, ließ die Korps Thielmann und Zieten in Wawre zurück, um diesen Marschall aufzuhalten, und zog selbst an der Spitze der übrigen Truppen nach Mont St.-Jean ab.
Das war keine leichte Aufgabe.
Richtige, feste Chausseen waren nicht vorhanden. Die Feldwege waren alle aufgeweicht und bald so vertreten, daß kein Fortkommen mehr war. Die Soldaten wateten bis über die Knöchel im Schlamm. Die Kanonen und Munitionskarren blieben stecken und konnten trotz den vereinten Anstrengungen von Zugtieren und Soldaten kaum von der Stelle bewegt werden.
„Vorwärts, Kinder“, rief Blücher und ritt hinzu, um die Leute anzufeuern.
„Es geht nicht!“ riefen diese keuchend.
„Es muß gehen! Ich hab’s versprochen. Wollt ihr mich denn wortbrüchig machen?“
Nein, das wollten sie nicht! Das ginge nun auch nicht! Sie legten sich doppelt ins Zeug, kamen aus der Patsche heraus und marschierten fröhlich weiter dem Feind entgegen.
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Pünktlich um elf erhob sich Napoleon von seinem Lager, ohne daß man ihn zu wecken brauchte, und sofort war sein durch den Schlaf gestärkter Geist wieder in voller Tätigkeit.
Er begab sich zu dem kleinen Hügel am Pachthof La Belle-Alliance, von wo aus die ganze Gegend zu überblicken war, setzte sich da in seinen „Regiestuhl“, wie er scherzend sagte, ließ die Karten vor sich ausbreiten, lachte vergnügt und sagte:
„Mein Freund Talma müßte einmal als Volontär bei mir antreten. Ich würde ihm beibringen, wie man Massen bewegt!“
Einige Minuten vertiefte er sich in das Studium der Karte, stand dann auf, winkte einen von den in respektvoller Entfernung stehenden Offizieren heran und zeigte nach rechts.
„Aus dieser Richtung erwarte ich den Marschall Grouchy. Reiten Sie ihm entgegen, sagen Sie ihm, er soll sich beeilen, mit seiner ganzen Macht hierherzukommen! Und verlassen Sie ihn nicht, ehe er nicht in vollem Anmarsch ist!“
Der Offizier salutierte, warf sich auf eins von den am Fuße des Hügels stehenden Pferden und galoppierte davon.
Um halb zwölf gab Napoleon das Zeichen.
Eine Salve aus hundertundzwanzig Feuerschlünden antwortete, spie einen Orkan von Eisen über die englischen Stellungen, erschütterte die Luft und machte den Boden beben.
Nach einer halben Stunde hörte der Höllenlärm auf, ebenso jäh, wie er angefangen hatte, und man konnte jetzt ein lebhaftes Geknatter vom linken Flügel hören, wo General Reille seine Infanterie gegen das Schloß Houguemont führte.
Napoleon achtete besonders eifrig darauf, ob der Gegner sich durch jene Kämpfe verleiten lassen würde, Truppen zur Unterstützung seines rechten Flügels heranzuziehen, und so seinen linken, gegen den der Hauptangriff beabsichtigt war, zu schwächen.
Er wollte eben Ney befehlen, mit dem Zentrum und dem rechten Flügel vorzugehen. Als er aber vorher die Gegend mit dem Fernrohr absuchte, stutzte er plötzlich, reichte Soult das Glas und sagte: „Sehen Sie dorthin, Herr Herzog, nach rechts, neben der Kapelle von St.-Lambert – dort, ja! Ich sah da einen beweglichen Schatten. Was halten Sie davon?“
„Es könnten die Wipfel eines Gehölzes sein“, sagte der Marschall und gab das Fernrohr zurück.
„Es sind Truppen in Marsch!“ sagte Napoleon und reichte sein Fernrohr weiter an die anderen Offiziere, die seine Annahme bestätigten.
Klein wie die Figuren einer Spielzeugschachtel bewegten sich die Truppen auf der fernen Anhöhe, aber so vom blauen Dunst umnebelt, daß weder Bewaffnung noch Uniform zu erkennen waren.
„Es können die Preußen sein!“ meinte ein Offizier, indem er dem Kaiser das Fernrohr zurückgab.
„Es _muß_ Grouchy sein!“ erwiderte Napoleon gereizt. „Man soll sofort Kavallerie zum Rekognoszieren aussenden! Bis die Frage geklärt ist, unterbleibt der Angriff Neys!“
Er brauchte nicht lange auf Bescheid zu warten.
Gleich darauf brachte man einen gefangenen schwarzen Husaren ein, der einen Brief Blüchers an Wellington mithatte und aussagte, daß die Truppen, die man drüben sähe, Preußen wären, von Bülow geführt wurden und dreißigtausend Mann stark heranrückten.
Napoleon gab sofort seine Befehle, und gleich darauf sah man aus der zweiten Linie der französischen Schlachtordnung das Korps des Grafen Lobau rechts abschwenken, um sich vor der Flanke der Armee aufzustellen.
Das waren gleich zehntausend Mann weniger gegen die Engländer und doch lange nicht genug, um die Preußen zu werfen. Aber gleichviel. Es genügte, um sie aufzuhalten, bis Grouchy käme, was ja bald der Fall sein würde.
Ney, der seine Ungeduld kaum noch meistern konnte, bekam endlich den Befehl anzugreifen. Er stürzte sich auf die Pachthöfe La Haye und Papelotte und fing da ein blutiges Gemetzel an.
Gleichzeitig setzten sich die Divisionen d’Erlons in Bewegung. Sie gingen in vier Kolonnen, zu je acht, auf fünf Schritt Abstand hintereinander gestaffelten Bataillonen vor, stiegen in das Tal hinab und waren gleich drüben.
Erst als sie anfingen die Böschung des entgegengesetzten Plateaus zu ersteigen, gewann Napoleon einen rechten Überblick über ihre Aufstellung. Ein Ausruf des Zornes flog über seine Lippen.
„Dieses leichtsinnige Schwein, dieser Ney!“ murmelte er verdrießlich. „Schickt mir die Sturmkolonnen ohne Flankenschutz – in Reih’ und Glied hintereinander vor! Wie, wenn sie jetzt einen Kavallerieangriff bekommen?! Wozu habe ich meine Generäle, wenn ich mich jetzt um jedes Detail noch kümmern muß?“
Indes, kein Fluchen half mehr. Es blieb ihm auch keine Zeit, noch für Änderung zu sorgen. Der taktische Fehler war unabänderlich da.
Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte er den Verlauf des Angriffs. Er sah, wie die Sturmtruppen am Wege von Ohain, der den Abhang in halber Höhe durchschneidet, nach kurzem Kampf die dort eingegrabenen Engländer überwältigten und die Böschung unaufhaltsam weiter erstiegen.
Jetzt waren sie oben – jetzt fingen sie an, sich auf dem Plateau zu entwickeln, trotz dem Kartätschenhagel, mit dem sie vom Feind überschüttet wurden. Einige Minuten nur, und sie würden mit gesammelter Kraft auf die Reihen Wellingtons vorstürmen. Der Durchbruch war in greifbarer Nähe!
„Mögen die Preußen marschieren!“ murmelte Napoleon, „ehe sie herankommen, bin ich mit den Bundesgenossen da oben fertig und gebe ihnen dann den Rest!“
Er schwieg plötzlich und blickte gespannt durchs Fernrohr hinüber – er sah, wie sich aus dem Kornfelde da oben Rotröcke erhoben und aus nächster Nähe auf die überraschten Truppen d’Erlons Feuer gaben, während von links Ponsonbys graue Dragoner in zwei Kolonnen zwischen die Reihen ihrer offenen Flanke hineinstürmten und sie in Verwirrung brachten. Die Vorwärtsbewegung stockte sofort; alles wankte und suchte sich einen Augenblick zu halten, und dann rutschte die ganze Masse von Infanterie und Kavallerie, in bunter Unordnung miteinander vermischt, auf die Sohle des Tales hinunter.
„Da haben wir die Schweinerei! Ich hab’s ja gesagt!“ rief Napoleon, warf sein Fernrohr auf den Tisch, sprang in den Sattel und galoppierte, so schnell er konnte, zu den auf dem rechten Flügel stehenden Kürassieren Milhauds hinüber, schickte ein paar Schwadronen von ihnen zur Unterstützung vor, ritt dann zu den Truppen d’Erlons, half sie wieder ordnen und sprach beruhigend auf sie ein.
Inzwischen marschierten die Preußen und kamen immer näher und näher. Von den Anhöhen bei der Kapelle Saint-Lambert hatten sie schon in der Ferne den Mont St.-Jean von Rauchwolken umkränzt gesehen, aus denen Blitze hervorzuckten. Das ferne Donnern der Geschütze versetzte sie in freudige Aufregung.
Sie stiegen die Böschung nach dem Tal hinunter, so leicht, als ginge es zum Tanz in der Dorfschenke. Und rutschten sie auf dem glitschigen Boden aus, oder sanken in den fließenden Sand des Lasnebachs ein, so war’s nur ein Vergnügen mehr.
Singend plantschten sie weiter vorwärts und freuten sich der Sonne, die jetzt warm herniederstrahlte, die steifen Glieder durchwärmte und das nasse Zeug trocknete. Als aber der Wald von Frichemont leer vor ihnen lag und nicht einmal von einem Pferdeschwanz oder vom Fetzen eines Infanteriemantels besetzt war, da jauchzten sie laut auf. Denn da hätte eine Handvoll entschlossener Leute ihnen das Fortkommen verteufelt sauer machen können.
„Der Kaiser wird von hier aus nur seinen Grouchy erwartet haben“, sagte Blücher schmunzelnd. „Er wird sich wundern, wie der sich verändert hat, wenn er mich sieht!“
Napoleon wunderte sich aber über nichts mehr. Am allerwenigsten über das Versagen seiner Unterführer oder die Nichtausführung seiner Befehle.
Grouchy mit dem ganzen rechten Flügel seiner Armee blieb aus. Die Preußen kamen zu früh an. Er stand vor einem schweren Entschluß.
Die Schlacht abbrechen, hieße sich besiegt erklären. Es wäre ein Retirieren unter steten Kämpfen in der Flanke und im Rücken. Die Siegesfreudigkeit seiner Soldaten wäre hin, die politischen Folgen unübersehbar. Auch ein halber Erfolg käme da einer Niederlage gleich. Einzig ein großer entscheidender Sieg konnte ihm jetzt helfen, wo ganz Europa wieder auf ihn einstürmte.
Also _va banque_! Alles auf eine Karte gesetzt!
Er überblickte noch einmal die Situation.
Oben auf dem Plateau die englische Armee, die sich nicht vom Flecke rührte.
Unten im Hohlweg ihre drei Vorwerke, um die noch erbittert gekämpft wurde.
Links hatte sich dort Reille mit seinen sämtlichen Divisionen in dem Gehölz um Schloß Houguemont derartig festgebissen, daß ein leerer Raum zwischen ihm und den weiter rechts stehenden französischen Truppen entstanden war. Rechts suchten die Engländer die bereits eroberten Pachthöfe La Haye und Papelotte zurückzunehmen. In der Mitte balgte sich Ney noch mit den Verteidigern von Haye Sainte herum, das er haben mußte.
Denn von hier aus wollte Napoleon zum entscheidenden Sturm auf die englischen Stellungen ansetzen. Sobald er die preußische Sturmflut in seiner rechten Flanke eingedämmt haben würde, wollte er mit der Garde und der schweren Kavallerie über sie herfallen, sie vernichten und dann seine ganze Kraft gegen die Preußen wenden.
Er gab den in der zweiten Linie stehenden Kürassieren Milhauds Befehl, die zwischen Neys und Reilles Truppen klaffende Lücke auszufüllen.
Langsam wie auf dem Paradeplatz ritt Milhaud mit seinen acht von Eisen starrenden Regimentern von rechts nach links quer über das Feld und rückte in die erste Linie ein.
Die hinter ihm in der dritten Reihe stehende leichte Gardekavallerie folgte, wie von einem Magneten angezogen, den Bewegungen der „Schweren“. Ihr Führer, Lefebvre-Desnouëttes, wartete nicht erst den Befehl des Kaisers dazu ab. Und Ney, entzückt, die schöne Kavallerie zur Verfügung zu haben, ging gleich mit ihnen durch.
Er sah oben auf dem Plateau sechzig englische Kanonen ohne Bespannung stehen, dachte: „die nehmen wir!“ Und vorwärts – hui – sausten die schweren Reitergeschwader ins Tal hinab, die Böschung hinauf, zwischen die Geschütze hinein, ritt die dahinter stehende Division Alten um und stürzte sich auf die zweite Linie der englischen Infanterie, ohne sich um den Hagelschauer von Geschossen zu kümmern, der gegen ihre Kürasse und Helme prasselte.
Erst als zwischen den englischen Karrees die Gardekavallerie Somersets und die Dragoner Dornbergs vorbrachen, mußten sie weichen. Es kam zu einem erbitterten Nahkampf zwischen den beiden Reitereien, in dem die Franzosen schließlich doch die Oberhand behielten, als die Lanciers Lefebvre-Desnouëttes zur Unterstützung herankamen.
Napoleon war außer sich, seine Kavallerie, die er sich für den Hauptangriff aufgespart hatte, vorzeitig durch Ney verbraucht zu sehen.
„Dieser Mensch“, rief er, „bleibt stets der gleiche! Er bringt mir alles in Gefahr, weil er sich niemals zügeln kann und immer eine Stunde zu früh loslegt!“
Aber einmal begonnen, mußte der Angriff durchgeführt werden, wenn die Kräfte nicht nutzlos vergeudet sein sollten.
Napoleon gab also Kellermann, der links im zweiten Treffen hielt, Befehl, seine Kürassiere zur Unterstützung vorzusenden.
Der gleiche Vorgang wiederholte sich dann wie vorhin, als Milhaud vorrückte. Sobald Kellermanns Kürassiere sich in Bewegung setzten, folgte automatisch die im dritten Treffen hinter ihnen stehende Gardereiterei – zweitausend Grenadiere zu Pferd – und ging gleichzeitig mit ihnen so energisch vor, daß Napoleons Rückberufungsbefehl sie erst erreichte, als es zu spät war und sie schon im Kampf verwickelt waren.
Ney bemächtigte sich ihrer sofort und führte mit unerhörter Wucht eine Attacke mit zwanzig Schwadronen gegen die Engländer, sprengte ihre ersten Linien, konnte aber den zähen Widerstand der englischen Garde und der Braunschweiger doch nicht brechen. Wellington schickte seine letzte Kavallerie, die Cumberlandhusaren, vor. Angesichts des Gemetzels machten diese aber sofort kehrt, nahmen Reißaus und rissen alles – Gepäck, Artilleriepark und Verwundete – in wilder Flucht gen Brüssel mit. Die Schlacht wäre für Wellington verloren gewesen, hätte Ney jetzt Infanterie gehabt, um den letzten Widerstand der englischen Infanterie zu brechen.
Hätte Napoleon mit eigenen Augen den Zustand der in den letzten Zügen liegenden englischen Verteidigung sehen können, er hätte keinen Augenblick gezögert, seine Garde hinzuschicken, um dem Gegner den Gnadenstoß zu geben. Aber er hatte schon alle Hände voll mit den Preußen zu tun und wagte nicht, sich seiner letzten Reserven zu entblößen – er war auch zornig über den Ungehorsam Neys und hatte nicht mehr die überlegene Ruhe, die Situation zu erfassen.
Ein anderer aber hatte sie. Blücher hatte von den gegenüberliegenden Höhen am Lasnetal gesehen, was auf dem Mont St.-Jean vorging. Er lachte vergnügt und hatte nicht übel Lust, Wellington sein Ausbleiben bei Ligny heimzuzahlen.
„Nun, Bruder Wellington,“ sagte er grimmig, „wenn ich dir jetzt käme, wie du mir gestern kamst, das heißt: _gar nicht_, da säßest du jetzt böse in der Klemme! Und das wäre dir ob deines Wortbruches zu gönnen. Ich werde dir aber, obwohl ich ein Mecklenburger bin, zeigen, was ein Preuße ist, nämlich: ein Mann, ein Wort!“
Er schickte also schleunigst Befehl an Zieten, von Wawre heranzurücken, um den englischen linken Flügel zu verstärken. Das Korps Pirch schickte er zur Unterstützung gegen Lobau vor, der eine sehr starke Verteidigungsstellung auf dem waldigen Vorgebirge zwischen dem Hohlweg des Lasnebaches und dem Tal des Smohainbaches eingenommen hatte.
Um drei Uhr kam Bülow hier an und sah vor sich oben auf dem Rand der Anhöhe Lobaus Kanonen –, die Kanoniere mit brennenden Lunten daneben. Er teilte seine Truppen, schickte die Division Losthin rechts am Smohainbach vor, die Division Hiller am Lasnebach gegen das hinter der französischen Front liegende Dorf Planchenois, mit Befehl, es zu nehmen und so die Rückzugsstraße Napoleons zu bedrohen.
In dieser waldigen Schlucht, wo die hinter den Bäumen versteckten Verteidiger ein ununterbrochenes Feuer unterhielten, drangen die Preußen mit unerhörter Wucht vor.
Napoleon warf, was er an Truppen hatte, ihnen entgegen und trieb sie zurück, mußte aber wieder weichen. Er holte Sukkurs, schickte seine junge Garde ins Feuer und säuberte das Terrain von Feinden, aber mußte es, trotz allen Anstrengungen, zu guter Letzt wieder räumen. Immer neue Kolonnen von Feinden wälzten sich aus der Schlucht hervor und zehrten an seinen Truppen, die sichtbar in ihrem Feuer zusammenschmolzen. Es war, als hätte sich die Erde aufgetan, um eine nimmer endenwollende Flut von Preußen über ihn auszuspeien. Von Rauch und Feuer umwirbelt, quoll sie auf ihn zu, alles niederreißend, alles überschwemmend. Und in den Wolken über ihnen sah seine überhitzte Phantasie riesengroß und zornig verzerrt das Antlitz seines unversöhnlichsten Gegners, des alten Blücher, dem Angriff immer neuen Odem einhauchend und seine Preußen unaufhaltsam vorwärts treibend.
Ein Schauer erfaßte ihn zum erstenmal im Leben. Für eine Sekunde verlor sein sonst immer klarer Geist das Gleichgewicht. Dann besann er sich rasch. Er eilte zur alten Garde hin, nahm von deren fünfzehn Bataillonen zwei, setzte ihnen in kurzen Worten auseinander, daß die Entscheidung nahe, und daß sie sie herbeiführen und das Kaiserreich retten sollten. Sie müßten den Feind wieder in den Hohlweg hineinwerfen, aus dem er niemals hätte herauskommen dürfen.
„_Vive l’empereur!_“ schallte es ihm aus den Reihen der Bärenmützen als Antwort entgegen. Dann traten sie mit unerschütterlicher Ruhe zum Angriff an, mit gefälltem Bajonett, ohne einen Schuß zu tun, und warfen die Preußen durch den ganzen Hohlweg bis ans andere Ende zurück.
Diese ihre Bravour gab Napoleon seine Zuversicht wieder. Wenn nur zwei Bataillone seiner alten Garde das gegen ein paar feindliche Divisionen erreichen konnten, dann hatte es keine Not, dann sollte auch Ney welche von ihnen haben!