Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 32
Die Niederlage der Engländer war dann nur eine Frage der Zeit – und die politischen Folgen unabsehbar. Das Schicksal der Welt hing von der strikten Ausführung dieses einen Befehls an Ney ab.
Mit der Uhr in der Hand wartete Napoleon die Zeit ab. Der Zeiger rückte unendlich langsam vorwärts – es wurde eins – es wurde halb zwei – zwei – und immer noch keine Kanonade von drüben!
Was war denn los? Ney, sonst kaum zu zügeln, und jetzt?
Napoleon verfluchte innerlich seine Unklugheit, seinen ganzen linken Flügel in die Hand dieses unzuverlässigen Brausekopfs gegeben zu haben. Er hatte aber keine Wahl gehabt. Die meisten seiner alten Marschälle waren kriegsmüde und unter allerlei Vorwänden auf ihren Gütern geblieben. Sie trauten seinem Glück nicht mehr und zogen es vor, sich noch alle Auswege offenzuhalten. Ein Sieg nur – und er hätte das Vertrauen jener Zaghaften wieder! Dieser Sieg winkte ihm heute so sicher wie einst bei Austerlitz – bei Jena – bei Marengo, und gleich umfassend, gleich vernichtend für den Feind! Könnte er nur selbst überall anwesend sein – selbst jede Einzelheit seines Planes ins Werk setzen!
Er schickte rasch noch einen Kurier nach Quatrebras, mit dem eigenhändigen Befehl an Ney, sofort zum Angriff auf die Engländer zu gehen und gleich einige Regimenter hierherzusenden. „Das Schicksal Frankreichs liegt in Ihrer Hand!“ schrieb Napoleon, zog dann die Uhr, wartete bis halb drei, fluchte laut, weil er noch immer keinen Kanonendonner von Ney hörte, und erteilte endlich den Befehl zum Angriff.
Sogleich warf sich Vandamme mit seiner Division auf die drei Dörfer Saint-Amand, in denen Zieten sich festgesetzt hatte. Es waren drei Festungen, wie sie da unten im Talgrund am Bach lagen, von Obstgärten, Hecken, Zäunen umgeben und untereinander verbunden durch die hohe grüne Kulisse der am Lignybach wachsenden Pappeln und Weiden, die Freund und Feind gleich unsichtbar füreinander machten.
Die Dörfer wurden nach heftig hin und her wogendem Kampf von den Franzosen genommen. Darüber hinaus war aber kein Fortkommen, der Bach blieb für sie ein unüberwindliches Hindernis – die Stellung der Preußen auf den Anhöhen dahinter war durch frontalen Angriff uneinnehmbar.
Blücher hatte zwischen Brye und Saint-Amand 60 000 Mann stehen, die er so allmählich in den Kampf eingreifen ließ, um die Dörfer vom Feind zurückzuerobern. Nach stundenlangen wütenden Kämpfen, die besonders in Ligny äußerst blutig wurden, beschloß Napoleon, einen Keil zwischen die um die Dörfer kämpfenden beiden Korps Blüchers und seine Reserven zu treiben. Er bildete aus sechs Bataillonen seiner Garde eine Sprengkolonne, führte sie selbst von der Biegung des Baches am Dorfe Ligny vorbei und ließ dort durch Sappeure eine Gasse in Kompaniebreite durch die den Bach umsäumenden Bäume legen, um dort zum Durchbruch der preußischen Front vorzustoßen.
Die Gefahr für die Preußen war groß.
Blüchers rechter Flügel hing in der Luft und konnte jeden Augenblick umgangen werden, wenn der französische linke Flügel mit Ney eingreifen würde. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die Schlacht anzunehmen, ohne erst die Ankunft seines vierten Korps abzuwarten. Er vertraute auf Wellingtons bestimmtes Versprechen, um vier Uhr zu ihm zu stoßen, und hatte Napoleon das gleiche Schicksal zugedacht, wie dieser ihm.
Aber weder Wellington noch Ney kamen.
Im vergeblichen Abwarten dieser Unterstützung auf beiden Seiten rieb man sich im Kampf um die Dörfer auf, ohne vom Fleck zu kommen. Tausende von Leichen bedeckten die Dorfstraßen, die Gärten und die umgebenden Felder.
Der Nachmittag ging schon zur Neige. Die Hitze, immer noch drückend, wich plötzlich, als auf einmal mit gewaltigem Krachen das Gewitter über das Schlachtfeld niederging. Plötzliche Dunkelheit ersetzte die frühere strahlende Helle, Blitze züngelten. Der Donner erstickte das Krachen der Geschütze, der Kampf schien zu erlöschen in den den Wolken entströmenden Fluten.
Blücher, der immer noch hoffte, Wellington mit seinen Rotröcken im Rücken Napoleons ankommen zu sehen, trieb seine Divisionen unaufhaltsam vorwärts gegen die von den Franzosen besetzten Dörfer. Er biß sich in sie fest und ließ nicht locker, er würde sie festhalten, solange er noch Kraft hatte, bis der Engländer anlangte, um ihnen den Fangstoß zu geben. Aber der Engländer kam nicht, und seine Leute ermüdeten. Er sprengte dann an die Division Pirch heran, um sie selbst zur Unterstützung heranzuführen. Als die Leute Blücher auf seinem Schimmel herangaloppieren sahen, blieben sie stehen und grüßten den Marschall mit begeisterten Zurufen.
Blücher, dem es an allem anderen mehr gelegen war, als mit Huldigungstratsch auch nur eine Sekunde kostbarer Zeit zu verlieren, hielt jäh seinen Schimmel an, erhob sich in den Steigbügeln, drehte sich zornrot um und schrie ihnen mit Donnerstimme zu: „Leckt mich – – –! Dort steht der Feind! Vorwärts!“ – gab dann seinem Gaul die Sporen und flog allen voran in den Kugelregen hinein, der ihm aus den Dörfern den Willkomm gab.
Das Gewitter wurde immer heftiger, es dunkelte immer mehr. Es wurde schon acht Uhr, und immer noch war keine Entscheidung, immer noch kein Ney in Sicht!
Schließlich wurde Napoleon des Harrens müde und erteilte seiner Garde, die er solange wie möglich geschont hatte, den Befehl zum Angriff.
Durch die offene Gasse zwischen den Bäumen rückten die Bataillone vor, überschritten den Bach und stürmten die Anhöhe auf der anderen Seite hinan, um hinter die 60 000 Mann Blüchers zu kommen, die unten bei den Dörfern kämpften, und sie von dem Korps Thielmanns, das noch oben an der Chaussee stand, und von Bülow, falls der käme, zu trennen.
Das Gewitter wurde immer gewaltiger, Blitz auf Blitz züngelte nieder und beleuchtete die Einbruchsstelle, aus der die Kolonne der Bärenmützen langsam und unwiderstehlich wie eine Naturmacht aus der Tiefe heraufdrängte und alles vor sich hinwegfegte.
Die Gefahr war groß. Blücher warf alles, was er an Kavallerie hatte, den Franzosen entgegen, eilte selbst von dem Kampf um Saint-Amand zurück nach Brye und ordnete den Gegenangriff. Feurig wie ein Jüngling, mit vor Aufregung gerötetem Gesicht, sprengte der Dreiundsiebzigjährige, den Säbel schwingend, in großen Bogensätzen allen voran und feuerte sie durch Zurufe an.
Als käme er aus den Wolken, so wirkte im Aufflackern der Blitze seine rasend vorwärts stürmende Erscheinung auf Freund und Feind.
Ein ohrenbetäubender Krach, ein minutenlanger Blitz, das Pferd Blüchers machte einen Riesensprung, als wollte es mit ihm in den Himmel hineingaloppieren, und dann war es verschwunden. Kein Blitz vermochte es mehr aus dem Dunkel hervorzuzaubern. Aber wo es zuletzt gesehen war, rasselten die Hufschläge der jetzt zur Attacke vorstürmenden Kürassiere Milhauds vorüber – und dann zurück, von den preußischen Reitern verfolgt. Die Preußen fanden ihren Feldmarschall unter seinem Pferd liegend, beschützt von seinem treu an seiner Seite ausharrenden Adjutanten Nostiz. Sie befreiten ihn aus seiner qualvollen Lage, setzten ihn, dessen alte Knochen immer noch unversehrt waren, auf ein anderes Pferd und brachten ihn aus dem Schlachtgetümmel.
Gleichzeitig brachen die Franzosen aus allen Dörfern hervor, die nun nicht länger zu halten waren, nachdem durch den Stoß der Garde die preußische Schlachtlinie durchbrochen worden war. Die Preußen räumten das Kampffeld und zogen sich auf Tilly und Mellery zurück. Die Straße von Namur nach Brüssel, ihre einzige Verbindung mit den Engländern, war ihnen verlorengegangen. Es blieb ihnen nur übrig, entweder auf den Rhein zurückzugehen oder auf einem großen Umweg noch die Vereinigung mit Wellington zu versuchen.
Mitten in der Nacht traf Gneisenau auf Blücher, der, auf Stroh gebettet, in einer Hütte in Mellery lag und von seinem Leibarzt Bieske gesalbt und frottiert wurde.
„So’n Sturz mit dem Pferd war noch nicht da!“ rief ihm der Alte entgegen. „Wenn das nicht Glück bedeutet, dann will ich gehängt werden. Das nächste Mal, Gneisenau, das nächste Mal! Heute haben wir Schmiere gekriegt, das wollen wir ausbessern. Wir müssen uns zurückziehen, daran ist nichts zu ändern, _aber der Rückzug geht vorwärts_, wie immer – vorwärts an den Feind heran!“
Das wäre auch seine Absicht gewesen, sagte Gneisenau, und das hätte er schon angeordnet. Er hätte Bülow bereits andere Marschorders gegeben und die Armee in die Richtung auf Wawre dirigiert, statt zurück nach Namur und Lüttich.
„Wir geben wohl dadurch unsere Verbindungslinie auf,“ setzte Gneisenau lächelnd hinzu, „und das ist ja bei einer geschlagenen Armee nicht gerade üblich! Aber wir kommen mit den Engländern zusammen und führen hoffentlich noch mit ihnen gemeinsam einen vernichtenden Streich gegen den Feind!“
Damit war Blücher einverstanden. Das war ganz nach seinem Sinn. Gneisenau ging. Und als der Doktor auch fort war, rief Blücher seinen Kammerhusaren.
„Ist der Quacksalber nun weg?“ fragte er. Und setzte, als die Frage bejaht wurde, im Flüsterton hinzu: „Der hat mich nun wieder bepflastert und gesalbt, wie’s nicht anders von ihm zu erwarten war! – Das _Innerliche_ wollen wir uns aber selbst verschreiben. Hol’ mir eine Flasche Champagner her. Aber heimlich, daß es keiner sieht!“
Das besorgte der Husar, goß dem Feldmarschall ein Bierglas voll, bekam selbst sein Teil, und so waren sie bald wieder klar zum Gefecht.
*
Die Preußen marschierten.
Auf grundlosen Wegen, bei strömendem Regen arbeiteten sie sich vorwärts, abgehetzt, hungrig, durchnäßt, aber doch frohen Mutes, weil ihr Marsch sie wieder an den Feind heranführte, und weil sie alle danach lechzten, die Scharte auszuwetzen und für die gefallenen Kameraden Rache zu nehmen.
Der verfolgende Sieger machte es sich bequem.
Er nahm ohne weiteres an, die geschlagenen Feinde hätten nichts Eiligeres zu tun, als wieder nach Hause zu laufen, und verfolgte sie also, nachdem er erst weidlich gerastet hatte, in der Richtung auf den Rhein zu. Und so marschierten die Preußen an seiner Nase vorbei, ohne daß er etwas merkte, sammelten ihre Versprengten, ordneten ihre Verbände und langten am nächsten Tage ungefährdet in Wawre an.
Napoleon selbst hätte sie nicht so leichten Kaufes entkommen lassen. Er hatte aber den Führer seines rechten Flügels, den Marschall Grouchy, mit der Verfolgung betraut, und zog selbst mit den Garden und der schweren Reiterei in der Richtung auf Brüssel den Engländern entgegen, die sich langsam vor ihm zurückzogen, um sich ihm schließlich am Wald von Soignes, auf dem Höhenzuge von Mont St.-Jean, in den Weg zu legen.
Am 18. Juni früh sprach General Friant von der alten Garde im Hauptquartier beim Generalstabe vor, dem jetzt nicht Berthier, sondern Marschall Soult als Generalquartiermeister vorstand.
Friant war einer der alten Veteranen, der alle Feldzüge mitgemacht hatte, und genoß das größte Vertrauen Napoleons.
Der Kaiser war noch nicht von seinem Rekognoszierungsritt zurückgekehrt. Die beiden Generäle ritten langsam Seite an Seite die Chaussee entlang dem Kaiser entgegen.
Sie unterhielten sich über die vorgestrige Schlacht und die Aussichten für die heutige und für den Feldzug überhaupt, und waren nicht ohne Bedenken.
„Der Kaiser hat das _Va-banque_-Spielen verlernt!“ sagte der alte Friant, der in den meisten Partien mitgespielt hatte und also Bescheid wissen mußte. „Früher war es anders. Idee, Entschluß, Tat waren zugleich da – waren _ein_ Blitz, der niedersauste, traf und zerschmetterte. Jetzt überlegt der Kaiser, spekuliert, erwägt die Chancen für und wider mit einer gewissen Genießerfreude im Auffinden von Spitzfindigkeiten und versäumt darüber den rechten Moment. Seine Siege sind längst keine Katastrophen mehr für den Feind und für uns nur keine Niederlagen. Die Niederlage ist dafür bei ihm in den Bereich des Möglichen gerückt. Das verstimmt und macht einen unsicher!“
„Das macht das Fett“, sagte der lange, hagere Soult mit seiner hohen Fistelstimme, und strich seine wildflatternden Haarsträhnen aus dem gefurchten Altweibergesicht. „Das Fett macht bequem, phlegmatisch und kurzatmig – das verfettete Herz hüpft nicht mehr in seinem Knochengehäuse wie ein Frosch auf einer grünen Wiese. Es zappelt nur lahm, sinkt müde hin und schläft ein. Daher die plötzliche Schlafsucht beim Kaiser in den letzten Jahren. Sie überkommt ihn ganz plötzlich bei den ungeeignetsten Gelegenheiten und überwältigt ihn unwiderstehlich, als erlösche auf einmal in ihm alles Licht. Mitten im entscheidenden Moment einer Schlacht hört er auf einmal nicht und sieht nicht mehr; alles flimmert ihm vor den Augen und fließt auseinander; er muß sich sofort hinlegen und liegt dann da wie ein Toter, ohne Träume, ohne Bewußtsein. So hat er selbst es mir geschildert. Es ist das Fett – ich wiederhole es. Und meines Erachtens sind wohl auch die verschiedenen galanten Krankheiten nicht spurlos an seinem Geist vorübergegangen.“
„Dem möchte ich nicht beipflichten“, sagte der alte Friant kopfschüttelnd. „Sein Geist weilt in der klaren Höhenluft wie früher, gleich durchdringend, gleich schnell im Erfassen der Lage und im Entwerfen der Pläne. Aber der Körper ist von den jahrelangen, nie aufhörenden Kämpfen müde geworden. Und wie seine leiblichen Glieder allmählich erschlaffen, so auch seine geistigen: seine Unterführer. Die Herren Marschälle funktionieren nicht mehr wie früher. Sonst blitzschnelle Vollstrecker seines Willens, sind sie jetzt unsicher und zaghaft und nur, wenn er persönlich dabei ist und sie antreibt, von dem gleichen Elan wie ehemals. Und der Kaiser, sonst scharf und vernichtend in seiner Kritik auch dem besten Freund gegenüber, ist jetzt sanft und nachsichtig geworden und vermeidet die verletzenden Worte, die ihm sonst so schnell auf die Zunge kamen. Ich habe mich gewundert, wie milde er heute dem Marschall Ney kam, dessen Trödeln vorgestern das Mißlingen seines schönen Einkreisungsplans verschuldet hatte.“
„Ich nicht“, sagte Soult. „Der Kaiser macht eben keine unnützen Worte. Kein Wort kann am Geschehenen etwas ändern. Was vorbei ist, ist vorbei. Als Ney gestern vor ihm stand, da stand er nicht als Vertreter seines gemachten Fehlers da, sondern als Träger einer Hauptaufgabe in der nächsten Schlacht!“
„Die er uns denn auch verpatschen wird“, antwortete Friant brummig. „Das weiß Napoleon auch ebensogut wie wir. Er war keinesfalls von Nachsicht gegen Ney beseelt. Er war nur vorsichtig. Er hat im Vorjahre eben an seinen treuesten Dienern die bittere Erfahrung machen müssen, daß ein Abfall auch bei denen möglich ist. Das brennt sich in die Seele ein. Den Treueid Neys hat er auch einschätzen gelernt, als der gute Fürst von der Moskwa, wenn auch zu seinen Gunsten, den Bourbonen den feierlichen Treuschwur brach. Auch wird er niemals am eisernen Käfig vorbeikommen, in dem Ney versprochen hatte, ihn nach Paris zu bringen. Der steht immer zwischen ihm und dem Marschall. Mir scheint es jedenfalls seitdem immer, als sprächen sie durch das Gitter jenes eisernen Käfigs miteinander, und als wüßten sie alle beide dabei nicht recht, wer von ihnen drinnen und wer draußen ist. Ein gutes Zusammenarbeiten gibt das nicht. Napoleon ärgert sich heimlich, weil er Ney nicht entbehren zu können glaubt. Und Ney ist unzufrieden, weil er schwach war und sich wieder gebrauchen lassen muß. Denn er ist schwach – er ist gänzlich ohne Charakter – er ist dumm, geistlos, hat nichts als sein tapferes Herz und seinen Löwenmut, der alles mitreißt und in Flammen setzt. Wie fest glaubte nicht der Schwachkopf an seine eigenen Worte, als er vor einem Vierteljahr an der Spitze einer Armee auszog, um Napoleon zu fangen. Und kaum erblickte er den grauen Mantel und den schwarzen Dreispitz Napoleons wieder, da schrie er zuerst von allen sein ‚_Vive l’empereur!_‘ und führte den Kaiser im Triumph in die Tuilerien. Und dann war wieder die Reue da mit dem bösen Gewissen über den gebrochenen Treueid an Ludwig, den er niemals hätte schwören dürfen, den er aber, einmal gegeben, hätte unbedingt halten müssen. Er fuhr auf seine Güter, zeigte sich nicht bei Hofe und stellte sich nicht beim Kriegsausbruch, er ebensowenig wie Berthier, Massena, Angereau und all die anderen. Aber – kaum schreibt ihm Napoleon die paar Worte: ‚Beeilen Sie sich, wenn Sie meine erste Schlacht noch mit ansehen wollen‘, da wirft er sich aufs Pferd, galoppiert los, ohne Gepäck und nur von einem Adjutanten gefolgt, reitet die Pferde kaputt, nimmt von Mortier dessen Pferde in Maubeuge und kommt noch früh genug, um das Kommando des ganzen linken Flügels zu bekommen und uns die vorgestrige Schlacht zu verderben. Ich habe nach dem allen nicht viel Vertrauen mehr zu seiner Führung.“
Soult antwortete nicht. Es war ihm peinlich, über einen alten Kriegskameraden zu Gericht zu sitzen. Aber der alte Friant hatte sein Thema noch nicht erschöpft.
„Es ist merkwürdig,“ sagte er noch, „wie die geringfügigsten Umstände in der Kindheit oft für das ganze Leben eines Menschen Bedeutung haben können. Sehen Sie nur Ney an, diesen baumlangen, pausbäckigen, rotwangigen Recken, mit seinem dichten, hellblonden Haarschopf. Er ist reich und mächtig, er ist Herzog und Fürst geworden und hat einen Namen, von dessen Ruhm Europa widerhallt. Und doch sieht man ihm immer noch den früheren Böttchergesellen an – den biederen Deutschen, brav, aufbrausend und rauflustig, der seine Keile wuchtig wie wenige eintreibt – wenn der Meister danebensteht. Sonst nicht! Er ist der typische deutsche Landsknecht, wie er durchs ganze Mittelalter hindurchraste. Denn deutsch sind die Leute aus seiner lothringischen Heimat, und sie werden niemals rechte Franzosen.
Napoleon wiederum, er war das Kind des Schreckens – von seiner Mutter, in der Aufregung der Flucht, zu früh geboren. So eilig hatte er es, auf diese Welt zu kommen, daß die Mutter nicht einmal Zeit fand, das Bett aufzusuchen, sondern ihn auf einem Teppich gebar, der voll von Helden- und Heroenkämpfen des Altertums war. Auf dem Teppich ist er sein Leben lang geblieben! Aus dem Kampfgetümmel kommt er nicht mehr heraus! Die Schreckensherrschaft machte seinen Aufstieg möglich! Schrecken verbreitete er überall, wo er hinkam, Liebe nicht.“
Heftige Rufe: „_Vive l’empereur!_“ wurden laut. Die beiden Reiter hielten an vor dem hochgelegenen Pachthof La Belle-Alliance, von dem sich die Chaussee jäh in das Tal senkt, und konnten von hier aus die in voller Schlachtordnung aufgestellte französische Armee überblicken.
„Hören Sie selbst,“ sagte Soult, „wie die Leute Ihre Worte Lügen strafen!“ und zeigte nach links in die Ferne, wo die schwere Kavallerie Kellermanns hielt. Dort nahmen die Kürassiere eben ihre Helme auf dem Pallasch hoch und schwangen sie über den Köpfen, daß sie in der Sonne blitzten. Die Bewegung pflanzte sich fort, je nachdem die kleine Gruppe Reiter, deren erster Napoleon war, die Reihen durchritt. Die Lanciers nahmen gleichfalls ihre Tschakos auf die Piken und huldigten ebenso begeistert ihrem Kaiser. „_Vive l’empereur!_“ schallte es ununterbrochen und rollte wie ein Donner durch die Gegend.
„Sie entschuldigen, Herr General, ich muß aber schnell hin!“ sagte Soult dann plötzlich, grüßte artig, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon.
Friant hielt sein Pferd, das mitgehen wollte, zurück, blickte über das Feld hinaus, ritt dann langsam zur Garde hinüber, die im letzten Treffen aufgestellt war, und nahm seinen Platz an der Spitze seiner „Bärenmützen“ ein.
Kurz darauf langte Napoleon nach beendigter Truppenbesichtigung am Pachthof an.
An seiner Seite ritt sein Bruder Jérôme. Im Gefolge die Marschälle Soult und Ney und die Generäle Lobau, Reille und d’Erlon.
Der Kaiser schwenkte sein Pferd herum und hielt an.
Wie immer, wenn er irgendwo haltmachte, sprangen vier Mann seiner Leibgarde von den Pferden, stellten sich in weitem Viereck um ihn herum auf und sperrten den Platz ab. Wie eine lebendige Burg schob sich dieses Viereck hin und her, seinen jeweiligen Bewegungen folgend.
„Wie bei einem Fächer laufen die Flankenlinien unserer Aufstellung hier in diesem Punkt zusammen“, sagte Napoleon und blickte prüfend über seine etwas tiefer stehende Armee, die in drei Linien, die eine kürzer als die andere, vor ihm aufmarschiert war.
Er nickte befriedigt, als er dicht vor sich in der dritten kürzesten Linie die feste Mauer seiner alten Garde sah, deren Grenadierbataillone, wie wandernde Festungen seines Kaisertums, ihn durch alle Feldzüge begleitet hatten und ihn auch heute vor jeder Tücke des Zufalls beschützen sollten. Rechts von ihnen wogte ein Wald von Eisenspitzen über den ungeduldig sich bäumenden Pferden der Lanciers von Lefebvre-Desnouëttes, während links die Linien der reitenden Garde, wie nach der Schnur ausgerichtet, ihrer Verwendung harrten.
Napoleon winkte den Grafen Lobau näher und zeigte auf die von ihm befehligte junge Garde, die die Mitte der zweiten Linie zu beiden Seiten der Chaussee hielt.
„Es waren viele blutjunge Gesichter unter Ihren Leuten zu sehen, lieber Graf“, sagte er. „Viele schmächtige Gestalten, die ich Bedenken haben würde, auf entscheidenden Stellen einzusetzen, wenn ich nicht wüßte, daß es Franzosen sind – und vor allem, wenn sie nicht in Ihnen einen Führer hätten, der sie alle, nicht nur körperlich, um einen Kopf überragt!“
Er nickte gnädig dem über die Anerkennung stolz lächelnden Grafen zu und ließ die Blicke fast zärtlich über die eiserne Masse seiner schweren Reiterei schweifen, die, von Milhaud und Kellermann geführt, rechts und links von der jungen Garde ihre Kürasse und Helme in der Sonne blitzen ließ. Denn die Sonne brach jetzt endlich durch die Regenwolken, die sie seit zwei Tagen dem Anblick der Welt entzogen hatten. Dann nahm die erste Linie, die dicht am Rand des Plateaus ihre Massen ausbreitete, seine volle Aufmerksamkeit gefangen.
„General d’Erlon!“ rief er, und der General lenkte grüßend sein Pferd näher. „Ihre Divisionen stehen alle hintereinander. Lassen Sie lieber vier Angriffskolonnen nebeneinander um je eine Division in Kompaniebreite formieren. Ihre Leute waren bei Ligny nicht im Feuer. Heute sollen sie die Hauptarbeit machen. Wenn das Signal zum Angriff gegeben wird und das Artilleriefeuer ausgewirkt hat, dann steigen Sie in das Tal hinunter, werfen den Feind aus den Pachthöfen La Haye und Papelotte, deren Dächer dort unten rechts aus dem Grün herauslugen, stürmen die jenseitige Anhöhe, zerschmettern den linken Flügel der Engländer, werfen ihn auf das Zentrum und entreißen ihm die Chaussee nach Brüssel. Im Walde hinter seiner Aufstellung werden wir ihm dann leicht den Garaus machen. Sie haben gegen sich Schotten und Hannoveraner, wie ich heute festgestellt habe. Auf dem Dorfweg, der sich drüben auf halber Höhe die Böschung entlang wie ein Laufgraben hinzieht, werden Sie auch von den Inselbewohnern etliche im Hinterhalt liegend vorfinden. Es wird nicht geschossen, nur mit dem Bajonett gearbeitet, bis Sie oben sind.
Ich muß auf dem rechten Flügel mehr Artillerie haben! – General Reille!“
Der Gerufene ritt in das Viereck hinein, das d’Erlon nach empfangenem Befehl verließ.
„Sie werden“, sagte Napoleon kurz und bestimmt, „von Ihrer Artillerie die schweren Haubitzen nach dem rechten Flügel hinübersenden. Sie sollen dort, wo die Front sich den Talrand entlang nach vorne biegt, Aufstellung nehmen und von dort den Feind mit flankierender Wirkung beschießen. Sie sehen die Häuser, die links von der Chaussee unten im Tal aus der grünen Oase emporragen?“
„Ich sehe sie.“