Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 31

Chapter 313,626 wordsPublic domain

„Daran dachte mein erhabener Souverän auch“, beeilte sich der Graf dazwischen zu kommen. „Durchlaucht werden Aufwendungen für uns gemacht haben.“

„Ich bitte Sie, lieber Graf!“

„Das darf nicht sein. Der König wünscht wohl und ist auch damit einverstanden, daß an nichts gespart wird. Er bittet Durchlaucht, über seine Kasse zu verfügen. Am liebsten würden wir einen Fonds zur völlig freien Disposition bereitstellen!“

„Ungern trage ich Verantwortung für fremde Gelder!“

„Kein fremdes Geld, und von Verantwortung auch keine Rede! Durchlaucht wollen ganz nach eigenem Ermessen und ohne Rechnung zu legen über den Fonds verfügen, als handle es sich um eigenes Geld. Nur eine einzige Bedingung – –“

„Bedingung?!“

Talleyrand runzelte die Brauen.

„Eine leicht zu erfüllende: – _strengste Diskretion_!“

„Ach so!“

„Die Welt ist boshaft! _Wir_ sind ja über Verleumdungen erhaben – wer dürfte wohl auf den Gedanken kommen, daß _wir_ – – Besser ist es aber, man setzt sich nicht einmal der Möglichkeit aus, ein Spielball böser Zungen zu werden!“

Sie gingen weiter.

Stein verließ seinen Beobachtungsposten und ging langsam um den Saal herum, nach der anderen Seite hin, wo die Monarchen immer noch umschwärmt wurden.

„Gewissenlose Vogelsteller sind das alles“, knurrte er halblaut im Gehen. „Sie legen ihre Schlingen, umstellen ganze Völkerschaften, knebeln sie nach Herzenslust und reden von Befreiung. Es ist ein eigen Ding um jene ‚Freiheit‘. In ihrem Namen wird gelogen, in ihrem Namen wird betrogen – die Weltgeschichte ist voll von Raubzügen und Vergewaltigungen der persönlichen Freiheit, die jener ‚Freiheit‘ zu Ehren begangen wurden. Und immer noch gehen die Völker auf den Leim.

Wo auf der Gasse oder im Tempel von der Freiheit gepredigt wird, überall ist Zulauf von naiven Seelen, die das Gequassel für bar nehmen und glauben: nun wird sie kommen! Mit Leib und Seele nehmen diese Braven sich dann der heiligen Sache an – das heißt, mit dem Leib nur, insofern es nicht gefährlich ist, und mit der Seele nur, insofern man eine hat!

Hat man aber geholfen, jener gepriesenen Göttin Freiheit in den Sattel zu helfen, dann kann es einem just passieren, wenn man die Augen zu ihr erhebt, daß man in ihr nichts als eine neue und noch schwerere Tyrannei erkennt als die, die man um ihrer schönen Augen willen beseitigen half. Soweit wären wir jetzt. Wenn aber die Völker merken, daß sie die Fessel der fremden Tyrannei nur brachen, um von den einheimischen Gewalthabern noch schlimmer geknebelt zu werden – dann –“

Er sprach nicht zu Ende.

Die wohlbekannte verdrießliche Stimme des Königs von Preußen wurde in einer Gruppe vor ihm laut.

Der König mit seinem Hardenberg und seinem Knesebeck und seinem Humboldt hielt sich, wie immer, etwas abseits von den beiden Kaisern. Er blickte gelangweilt um sich und hörte kaum zu, was ihm sein Kanzler im Flüsterton eiligst vortrug.

„Wird abgelehnt“, sagte er dann barsch. „Geben dem Fürsten den Abschied nicht! Ihm schreiben: können den Namen Blücher nicht entbehren!“

„Wird sofort erledigt!“

„Wollen Beruhigungsmittel für ihn finden. Wollen ihm wieder Gelegenheit geben, uns mit seinen Apothekerrechnungen zu kommen! Wird es nötig haben! Soll ja wieder spielen! Ist jetzt nur in Wut, weil beim Kongreß nicht alles nach seiner Pfeife tanzt! Möchte gleich den ganzen Erdball schlucken! Ist kein Politiker! Würde ganzen Kongreß auf den Kopf stellen, wäre er dabei! Gönnten ihm sonst gern das Tanzvergnügen hier! – Wer ist der stattliche General, der eben mit Kaiser Franz spricht?“

„Lord Wellington. Eben hier angelangt, um die Vertretung Englands zu vervollständigen.“

„Nachher vorstellen!“

Stein ließ sie stehen und näherte sich der Gruppe um Kaiser Franz.

„Den König von Sachsen lasse ich nicht fallen“, sagte der Kaiser eben, etwas hitzig werdend und auf seine Worte weniger achtend. „Ich lasse eher schießen! Die deutschen Fürsten sind eines Sinnes mit mir!“

Er senkte die Stimme wieder.

„Hannover, Holland werden Königreiche, wie England wünscht. Hat meine Zustimmung! Preußen muß sich bescheiden!“

Sein Blick fiel auf den Reichsfreiherrn vom Stein, dessen Plan, ein starkes geeintes Deutschland mit dem Herrscher Österreichs als Kaiser zu errichten, er wohl kannte. Er wandte sich an ihn.

„Die deutsche Kaiserkrone lehnen wir ab! Freuen uns, der Qual überhoben zu sein! Haben genug in Italien zu tun!“

Stein verbeugte sich schweigend und ging weiter.

Ihn widerte der ganze Handel an. So ging es nun Monat für Monat hin und her ohne Entscheidung, ohne greifbares Resultat, und nichts geschah, als dieses kleinliche Abwägen kleinlicher Interessen gegeneinander. Die großen Fürsten wollten sich auf Kosten der kleinen vergrößern – die kleinen wollten Wiederherstellung ihrer verlorenen Macht – der eine wollte dies, der andere das, die Reichsritter, die Johanniter, die Reichskammergerichtsbeamten, die Prälaten, die Frankfurter Juden – alle kamen sie mit ihren Wunschzetteln, wollten Restitution, Entschädigungen, Monopole, Rechte für sich und Unrecht für die anderen. Die Flut schwoll an und überschwemmte mit Akten und Gesuchen die armen Schreibersleute, die sie zu registrieren hatten. Und die großen Herren, bei denen die Entscheidung lag, zuckten die Achseln zu dieser Sintflut, lachten, scherzten, tanzten und flirteten.

„Das Schicksal der Völker ist wie immer in den besten Händen!“ murmelte Stein im Gehen. Er dachte mit Bitterkeit an seine kurze Amtszeit als leitender Minister Preußens – dachte, wie kinderleicht es wäre, in diesem Lande Wandel zu schaffen, wäre nicht immer Unverstand und Eigensinn und Eitelkeit an der Spitze – hätte nicht Unvermögen, Gleichgültigkeit und Kraftlosigkeit Entscheidungen zu treffen und ins Werk zu setzen.

Er blickte verächtlich den Zaren an, der sich jetzt als derjenige anhimmeln ließ, dessen Energie und Entschlossenheit allein das große Werk zum glücklichen Ende gebracht hatte, als jeder andere zweifelte und auf dem halben Wege stehenblieb. Kein Mensch wußte, wer die ganze Zeit hinter diesem Schwächling gestanden hatte – keiner dachte daran, daß er, Stein, es war, der ihm den Nacken steifte, als ihm beim Einfall Napoleons in Rußland das Herz tief in die Friedenshosen fiel, und ihn auch nachher dazu brachte, seinen Soldaten und Generälen zum Trotz den Feldzug in Deutschland und in Frankreich zu führen! Willenlose Schwächlinge, der eine wie der andere, aufgeputzte Theaterpuppen alle miteinander! Könnte er nur diese Sintflut von Fürsten, in der alles Lebenstüchtige zu ertrinken drohte, von der Erde vertilgen, er täte es ohne Zaudern!

„Wie schade, daß Napoleon, dieser Bändiger der Fürsten, nicht hier unter uns entstand!“ murmelte er noch. „Er war den Leuten gesund! Wäre er nur nicht, von falschem Glanz geblendet, auch einer von ihnen geworden –, hätte er sich einen kühlen Kopf bewahrt und der Versuchung widerstanden, wer weiß, was noch geworden wäre?!“

So weit kam er in seinen Gedanken, da entstand eine plötzliche Bewegung im ganzen Saal. Alles kam in Unruhe und stob auseinander. Die Säle leerten sich fluchtartig. Die Monarchen drängten alle auf eine Stelle zusammen und sprachen eifrig mit ihren Ministern und Räten. Kaiser Alexander redete aufgeregt auf Kaiser Franz ein, der ihm wiederum Vorwürfe zu machen schien, der König von Preußen kam hinzu, Hardenberg, Metternich, Talleyrand, alles, was dazu gehörte, drängte auf die Gruppe ein und horchte begierig – alle Intrigen, alle kleinen Feindschaften waren vergessen –, die drohende Kriegsgefahr schien wie durch Zauber aus den Gemütern gebannt zu sein.

„Napoleon hat Elba verlassen! Er zieht auf Paris! – Der König Ludwig ist geflohen!“ so rief im ganzen Saal alles durcheinander, ohne an die Etikette zu denken.

„Mein Gott, was machen wir nun?“ klagten ein paar niedliche Komtessen, und blickten verzweifelt zu Metternich hinüber, der, sonst ihr Helfer in der Not, jetzt kein Auge für sie zu haben schien.

„Der Maskenball beim Fürsten de Ligne wird sicher abgesagt werden! Heute habe ich gerade mein Kostüm anprobiert – du weißt, für das _tableau vivant_, in dem ich den Friedensengel darstellen sollte! Die Rolle lag mir ausgezeichnet! Jetzt ist alles umsonst – alles nichts!“

„Dem Fürsten Blücher befehlen, daß er sich sofort auf seinen Posten begeben soll! Ernennen ihn zum Oberbefehlshaber unserer ganzen Armee!“ sagte der König von Preußen im Gehen zu seinem Kanzler und ließ sich noch rasch Lord Wellington vorstellen, der allein im ganzen Saale kühl lächelnd dastand und das Auseinandertanzen des Friedenskongresses beobachtete.

*

Kaum war Blücher in seinem Hauptquartier zu Lüttich angelangt, da wurden ihm die Fensterscheiben eingeworfen.

Draußen schrie man: „Vivat Napoleon! Hoch Friedrich August! Nieder mit Preußen!“ und machte einen Höllenlärm, schwang die Waffen und lief Sturm aufs Haus.

Es waren die guten Sachsen.

Sie waren mit den Beschlüssen des Wiener Kongresses über sich nicht ganz zufrieden. Sie erhoben ihre Stimmen und wollten gar mitreden. Die achtmalhunderttausend verratenen und verkauften sächsischen Seelen muckten dagegen auf, ihre wunderschönen grünweißen Landesfarben in preußisch Schwarzweiß umtauschen zu müssen. Der ganze Handel gefiel ihnen nicht. Sie bedankten sich, und man konnte es ihnen nicht verdenken.

Als man aber Ernst machte, als das preußische Oberkommando anfing, die sächsischen Truppenverbände, die jetzt zur Abwechslung gegen, statt für Napoleon ausgezogen waren, zu zerreißen und die Böcke von den Schafen zu trennen, siehe, da wollten sie alle keine Schafe sein, da bockten sie heidenmäßig auf und machten ein groß Geschrei. Die, „welche noch“, und die, „welche nicht mehr“ sächsisch sein sollten, wurden plötzlich ein Herz und eine Seele, als seien sie nicht mehr Kinder eines Volkes und gar eines deutschen Stammes. So einig waren sie gegen ihre neuen Gewalthaber.

Sie meuterten also förmlich und fühlten sich dazu nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, da ihr König sie noch nicht ihres Treueides entbunden hatte.

Der hatte damit keine Eile.

Er hoffte im geheimen auf den Sieg Napoleons. Im Geiste sah er sich wieder im ungeschmälerten Besitz seiner achtmalhunderttausend grünweißer Seelen und etlicher schwarzweißer dazu.

Er hielt sie also nach Kräften an ihrem Treueid fest wie ein Bündel Heringe an ihrer Strippe. Und Blücher, der mit den Beschlüssen jenes von ihm sooft verfluchten Kongresses nicht das geringste zu tun gehabt hatte, mußte wieder einmal ausfressen, was die Diplomatiker eingebrockt hatten. Ihm wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Er wurde angespuckt und in reinstem Sächsisch gebeten, mit Extrapost zur Hölle zu fahren. Man wollte ihm sogar behilflich sein und zeigte ihm mit den Spitzen der blanken Waffe den nächsten Weg.

Alles andere hatte er erwartet, nur den Empfang nicht.

Er hatte die Sachsen geehrt und bevorzugt. Er hatte sein Hauptquartier in ihre Mitte verlegt. Er hatte dem sächsischen Korps die Bewachung seiner Person anvertraut. Und nun mußte er das erleben!

Daß ein Volk sich nicht wie ein Haufen Vieh verhandeln lassen konnte, am allerwenigsten durch Beschluß fremder Mächte wie England, Frankreich und Rußland – daß es sich dagegen empörte und sich zur Wehr setzte, das war zu verstehen.

Aber Meuterei war Meuterei und angesichts des Feindes durch nichts zu entschuldigen. Kein Heer der Welt, das nicht sich selbst aufgibt, durfte das dulden. Kein Befehlshaber durfte es sich gefallen lassen, und wenn es sein Leben gälte!

Blücher war auch nicht derjenige, der auswich, wenn man ihm mit blanker Waffe unter der Nase herumfuchtelte. Er zog sofort vom Leder, wollte sich dem meuternden Haufen entgegenstellen, und war nur mit Mühe von solch nutzlosem Beginnen abzuhalten.

Seiner Umgebung gelang es, ihn zu überreden, sich für den Augenblick in Sicherheit zu bringen. Aber er hielt ein strenges Gericht. Bei Strafe der Dezimierung mußten die Aufrührer ihre Rädelsführer ausliefern.

Diese wurden erschossen, die meuternden Bataillone aufgelöst, ihre Fahnen wurden verbrannt und das ganze sächsische Armeekorps nach Hause geschickt.

Blüchers Armee bestand fortan aus lauter Preußen, unter den vier Korpsführern Zieten, Bülow, Pirch und Thielmann.

Yorck, dessen widerborstiges Wesen im letzten Feldzug so viel Verdruß verursacht hatte, wurde nicht mitgenommen. Gneisenau aber war wieder Generalquartiermeister.

Die Armee bezog Stellungen von Lüttich über Namur bis Charleroi, wo Zieten kampierte. Wellington mit seinem aus Engländern, Hannoveranern, Hessen und Braunschweigern bestehenden Heer hatte von Nieuport über Brüssel bis zur Schelde weit auseinanderliegende Quartiere bezogen.

Da wollten beide den Aufmarsch der Russen und Österreicher über den Ober- und Mittelrhein abwarten, um dann konzentrisch in Frankreich einzurücken und mit einer Übermacht von sechshunderttausend Mann Napoleon zu erdrücken.

Napoleon tat ihnen aber nicht den Gefallen, darauf zu warten.

Für ihn gab es nur die eine Möglichkeit, die feindlichen Heere einzeln und nacheinander anzugreifen und zu schlagen.

Schnell wie der Blitz tauchte er eines Tages plötzlich bei Maubeuge auf, mit einer Armee von hundertachtundzwanzigtausend Mann und dreihundertvierundvierzig Kanonen, schritt gleich zum Angriff, drängte Zieten von Charleroi bis zum Lignybach zurück, warf sich zwischen die englische und preußische Armee, die zusammen zweihundertzehntausend Mann und fünfhundertvierundzwanzig Kanonen hatten, und bedrohte ihre wichtigste Verbindungslinie, die Chaussee von Brüssel nach Namur.

*

Vor einer Mühle in der Ebene von Fleurus stand ihr Besitzer, ein alter flämischer Windmüller, und blickte betrübt in die Gegend hinein.

Die ganze Nacht, den ganzen gestrigen Tag hatte er auf der Chaussee von Charleroi den Lärm anrückender Truppenmassen gehört. Die Preußen, die zuerst gekommen waren, lagerten noch in und um den Dörfern am Lignybach. Jetzt rückten die Verfolger, die Franzosen, heran. Und die Preußen machten noch keine Miene, weiter auszuweichen!

Der Müller seufzte.

Blieben sie, dann säße er wieder hübsch in der Klemme! Dann würden von hüben und drüben Kanonenkugeln heranfliegen, die neuen Flügel seiner Mühle zerschmettern und, wer weiß, sie am Ende gar in Brand stecken! Und er käme um seinen Besitz! Seine schöne Mühle, die er, im Vertrauen auf einen dauernden Frieden, wieder mit Mühe und Not instand gesetzt hatte, wäre hin, und er konnte betteln gehen!

Er seufzte, ging mit schweren Schritten in die Mühle hinein, stieg die schwankende Leiter bis zum Dach hinauf, öffnete die Luke und trat auf die Plattform hinaus.

Von hier hatte er freien Blick nach allen Seiten und konnte sogar über die hohen Pappeln und Weiden, die die Ufer des Lignybaches umsäumten und unten den Ausblick nach Osten behinderten, hinwegsehen.

Drüben im Osten, wo die scharfen Silhouetten einiger Windmühlen sich gegen den Himmel abzeichneten, kribbelte und krabbelte es wie ein endloser Zug von Ameisen auf der Chaussee von Namur nach Brüssel, die sich am Kamm des Höhenzuges entlang wand. Gen Sombreffe ging es und noch etwas darüber hinaus. Dort schien es sich zu stauen, quoll an, breitete sich aus und begann langsam die hohe Böschung von der Chaussee nach dem Bach zu überfluten. Die Ameisen krochen näher, bekamen blitzende Spitzen, bunte Farben, sie wuchsen, gliederten sich, nahmen Form an, wurden zu Menschen, Pferden, Geschützen, Wagen, und bedeckten bald den ganzen Abhang, mehrere Meilen breit bis zum Bach herunter. Und schließlich stand, wie auf einem fächerartig sich ausbreitenden Amphitheater, die ganze preußische Armee gefechtsbereit da.

Der Müller nahm seine Mütze ab und wischte sich die Schweißtropfen aus der Stirn. Der Tag war heiß, die Sonne brannte. Es würde noch ein Gewitter geben.

Unten prangten die Wiesen wieder in saftigem Grün, nachdem die erste Heuernte geborgen worden war. Die Kornfelder standen reich in goldener Fülle und harrten des Schnitters.

Ein einziger Tag würde genügen, diesen ganzen Reichtum zu vernichten.

In den nächsten Stunden schon würde der Schnitter Tod seine Sense schwingen und Ernte halten. Die Erde würde wieder daliegen, aufgewühlt und mit tausend klaffenden Wunden, von blutigen Trümmern, Leichen und Pferdekadavern bedeckt. Die Feldfrüchte würden zerstampft, alles vernichtet werden!

Wie oft schon hatten seine Augen das gleiche Schauspiel gesehen! Seit seiner ersten Jugend kannte er’s nicht anders, als daß fremdes Kriegsvolk die Fluren seiner Heimat verwüstete. Immer wieder suchten sich die Völker Flanderns blutgetränkte Erde zum Tummelplatz ihres Haders und ihres Streites aus. Jahraus, jahrein brauste der Schlachtenlärm über seine fruchtbaren Gefilde hinweg. Das einst so reiche und mächtige Land verödete, sein Handel, seine Industrie suchte sich anderswo eine gesicherte Heimat, und nur die alten Städte mit ihren Burgen, Hallen, Türmen und weit ins Land hineinragenden Belfrieden zeugten noch von der einstigen Macht und Herrlichkeit ihrer Bewohner.

Der Müller stand noch eine Weile und blickte verträumt auf die dichten Wolken, die sich im Osten allmählich über den Horizont erhoben und anfingen, langsam das Blau zu verdecken. In einigen Stunden würde das Gewitter da sein.

Unten wurden Hufschläge von Pferden laut und verstummten am Eingang.

Gleich darauf knarrte die Leiter im Innern der Mühle unter wuchtigen Tritten. In der Wandluke zur Plattform kam ein scharfgeschnittenes Gesicht zum Vorschein, darüber ein dreieckiger schwarzer Hut, und dann eine grüne Uniform mit weißem Brustlatz über einem starken kurzen Körper. Im nächsten Augenblick stand der Kaiser Napoleon vor dem Müller, der eiligst seine Mütze vom Kopfe riß.

Der Müller kannte ihn wohl – und wem in der ganzen Welt wären wohl die Züge jenes Märchenhelden noch unbekannt gewesen?

Er trat auf den Kaiser zu und verbeugte sich tief. Er wollte die Gelegenheit benützen, ihm ins Gewissen zu reden – wollte hinausschreien, was er auf dem Herzen hatte, wollte ihm von hieraus die reiche Ernte ringsherum zeigen, die jetzt auf ein Wort von ihm der Vernichtung anheimfallen würde, und wollte sagen: „Sehen Sie, Sire, wie schön das alles ist, und wie reich uns der Himmel in diesem Jahre segnet! Das alles hier unten sind Gaben des Himmels! Und Gaben des Himmels tritt man nicht mit Füßen! Denkt doch daran. Schont unser armes, gemartertes Land! Laßt es nicht wieder verwüsten – laßt meine einzige Habe nicht vernichten. Es kostet nur ein Wort! Ein Wort, Sire, von Ihrem Munde gesprochen! Sie haben die Macht! Nützen Sie sie aus! Haben Sie Erbarmen!“

So wollte er sprechen. Als er aber die Blicke zu dem ehernen Gesicht des Schlachtenkaisers erhob, da vergaß er alles, da verlor er den Mut.

Was hätte es auch genützt?!

Die Worte hätten keinen Einlaß in das Bewußtsein jenes Gewaltigen gefunden, der vor ihm stand. Dort drinnen war alles in voller Gärung. Die Vorfreude einer großen Tat durchfieberte seinen Geist und spannte sein ganzes Denken an. Gewaltige Ideen jagten sich, ungeheure Gedankenverbindungen lösten sich dort unter jener Stirn ab, sein ganzes Hören war auf die Zuflüsterungen seiner inneren Stimme gerichtet. Wie wäre es ihm nur möglich gewesen, das Wimmern jenes armseligen Wurmes zu beachten, der sich vor ihm krümmte!

Napoleon streckte die Hand aus, zeigte auf die Höhen im Nordosten, und fragte, ohne auf den Müller zu sehen:

„Das Dorf drüben, von dem der Kirchturm aus der Talsenke hinter der Windmühle aufragt?“

„Brye!“ antwortete der Müller.

„Und drüben im Osten, rechts von Sombreffe, an der Chaussee von Namur?“

„Point de jour!“

„Das Dorf hier unten, wo der Bach im geraden Winkel von uns nach Osten abbiegt, ist Ligny?“

„Ganz richtig!“

„Die drei Dörfer links davon, vor der Biegung des Baches sind also –?“

„Saint-Amand – Saint-Amand la Haye – Le hameau Saint-Amand!“

„Das Dorf am meisten links ist also Wagnelée. Und dahinter, die Straße, die die Chaussee quer schneidet, wäre denn die alte Römerstraße?“

„Das stimmt!“

„Da wären wir also orientiert!“ sagte der Kaiser und fing an, das ganze Amphitheater und den Horizont mit seinem Fernrohr gründlich abzusuchen.

„Mindestens neunzigtausend!“ murmelte er vor sich hin. „Sein viertes Korps wird also noch unterwegs sein. Um so besser!“

Er schob sein Fernrohr zusammen, bückte sich und rief durch die Luke in die Mühle hinein.

„Marschall Soult soll sofort noch einen Kurier nach Quatrebras an Marschall Ney abfertigen, den Befehl von heute früh nachdrücklich wiederholen und sagen, ich griffe um zwei Uhr die Preußen an, er möge sofort alles, was vor ihm steht, wegfegen, Quatrebras und die Straße von Namur nach Brüssel besetzen, dann zwölf- bis fünfzehntausend Mann hierherdetachieren und die Preußen in den Rücken nehmen. Spätestens um zwei Uhr will ich seine Kanonen hören!“

„Zu Befehl!“ antwortete drinnen eine Stimme, und die Leiter im Innern der Mühle fing wieder an zu quietschen und zu knarren unter den Schritten des Fortgehenden. Gleich darauf klapperten unten Hufschläge, die sich rasch entfernten.

„Ist der Bach die ganze Strecke von uns aus so dicht mit Bäumen eingefaßt?“ fragte Napoleon den Müller, der immer noch mit der Mütze in der Hand dastand.

„Hinter Ligny – geradeaus von uns – ist eine baumlose Strecke“, antwortete dieser.

„Es ist gut!“ sagte Napoleon, zufrieden, einen Platz herausgefunden zu haben, von dem aus er die preußische Stellung flankierend beschießen lassen konnte.

Er ging um die Plattform herum und blickte nach Westen über das Feld hinaus, wo seine eigenen Truppen im Anmarsch waren.

Links von der Chaussee Charleroi – Namur stand schon das Korps Vandamme in Stellung vor den drei Dörfern Saint-Amand. Auf der Straße selbst und rechts am Bach, von dessen Biegung ab – also fast in rechtem Winkel zu Vandamme – war das Korps Gerard im Begriff, sich auszubreiten – rechts von ihm die leichte Kavallerie Pajols, Exelmanns Dragoner und Milhauds Kürassiere – hinter der ganzen Aufstellung, als Reserve, die Garde. Im ganzen 64 000 Mann. Aber drei Lieues rückwärts, wo der Weg von Charleroi sich in die Chausseen nach Brüssel und Namur teilt, hatte Napoleon noch den Grafen Lobau mit zehntausend Mann stehen, um im Bedarfsfalle entweder auf der einen oder der anderen Straße zur Unterstützung vorgehen zu können.

Voll stolzer Zuversicht blickte der Kaiser über seine Truppen hinaus – die prächtigsten, die er seit langem geführt hatte. Hätte er die im Vorjahre gehabt, nimmermehr wäre der Feind in Paris eingezogen – die lächerliche Elbaepisode hätte er niemals erlebt, und der Kampf wäre ihm jetzt erspart worden.

Seine Veteranen waren aber in alle Welt zerstreut gewesen, in Spanien, in den deutschen Festungen, in den Spitälern, oder kriegsgefangen. Und er hatte den Endkampf mit unerprobten Rekruten und mit schlechtem oder minderwertigem Material ausfechten müssen, da seine Hauptdepots in Deutschland verlorengegangen waren.

Diese Leute hier waren aber fast alle in zwanzigjährigen Kämpfen gestählt, wetterfeste, gebräunte Kerle mit Nerven aus Stahl und mit unbeugsamem Mut, jeder einzelne zehn andere aufwiegend.

Napoleon zwängte seinen dicken Körper wieder durch die Luke hinein, ohne den Mühlenbesitzer weiter zu beachten. Dieser hatte auch schon den Kaiser vergessen und blickte interessiert nach der Mühle bei Bussy hinüber, wo unter den dunklen Uniformen der Preußen einige rote Röcke aufleuchteten, und viel Gold und Flitter verrieten, daß dort wohl der feindliche Stab, mit Engländern vermischt, seinen Standort hatte.

Die Gewitterwolken waren bis zur halben Höhe des Himmels geklettert. Die Sonne stand im Zenit und sandte eine mörderische Glut herab. Der Wind schlief.

Vier Kuriere hatte Napoleon schon an Ney geschickt mit dem gleichen Befehl, und noch immer hörte er nicht dessen Kanonen.

Die Spannung wuchs ins ungeheure.

Führte Ney pünktlich seinen Befehl aus, so gab’s für die Preußen kein Entrinnen mehr. Sie würden der sicheren Umzingelung und Erdrückung nicht entgehen können und waren für diesen Feldzug aus dem Spiel.