Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 30
Der Einzug war schon seit mehreren Stunden vorüber. Vorher, schon in aller Frühe, hatte der Maire irgendeines Pariser Arrondissements nebst einer Bürgerdeputation bei Blücher vorgesprochen, um ihm ihre ehrerbietigsten Grüße zu Füßen zu legen und ihn zu bitten, die Bürgerhäuser von Einquartierung zu befreien.
Das fand Blücher empörend.
Seinen braven Schlesiern zuzumuten, auf den Straßen zu kampieren, mit Tausenden von reich ausgestatteten Häusern vor Augen! Das ginge doch zu weit.
„Rühle!“ rief er seinen Adlatus herbei. „Er kann ja mit denen parlieren! Sage Er ihnen von mir: der Tyrann hat alle Hauptstädte besucht, geplündert und gestohlen. Wir wollen uns so was nicht zuschulden kommen lassen. Aber unsere Ehre fordert das Vergeltungsrecht, ihm in seinem Neste den Besuch zu erwidern, und da wäre es wohl doch nicht zuviel, wenn wir allesamt mit Speise und Trank ordentlich bewirtet und gut einquartiert werden. Wir lassen unsere Gäste nicht auf der Straße schlafen! Da sollen sie nur die französischen Soldaten fragen, wie sie’s bei uns gehabt haben! Sage Er’s! Nein! Warte! Er ist ein Filou! Ich sag’s ihnen selbst!“
Er stellte sich dann breitbeinig vor der Bürgerdeputation auf, bohrte seine Blicke in sie und fing mit weithin schallender Stimme an: „Messieurs!“ Und dann war er mit seinem Französisch zu Ende.
„So,“ rief er dem Major Rühle zu, nun _sage Er ihnen den Rest_! Aber ohne Firlefanzen!“
Und er guckte dem Major höllisch auf die Lippen, als der seinen Auftrag erledigte, und begleitete jeden Satz, den dieser sprach, mit so drohenden Blicken auf die braven Pariser Bürger, daß sie darob eigentlich hätten in die Erde sinken müssen, was sie aber lieber unterließen.
Am meisten regte sich Blücher an dem Tage über die Monarchen auf.
Nach dem Einzug hatten sie nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu einer Sitzung bei Talleyrand zusammenzufinden, um über das Schicksal Frankreichs, zu dessen Herbeiführung sie selbst so wenig getan hatten, zu beschließen.
Der Zar, der König von Preußen, Nesselrode, Talleyrand und andere traten da zur Beratung an. Aber Blücher, dem in erster Reihe der große Sieg zu verdanken war, wurde nicht gebeten.
Sie beschlossen sofort die Absetzung Napoleons und verwarfen einstimmig die Nachfolge seines Sohnes.
Talleyrand, bis vor wenigen Tagen der getreue Minister und Sachwalter Napoleons, nahm dann das Wort und behauptete dreist: ganz Frankreich sehne sich unaussprechlich nach der Rückkehr der Bourbonen. Man möge den Franzosen ihr geliebtes Königshaus wieder bescheren.
Die Fürsten und ihre Berater staunten. Wo sie durchs Land gekommen waren, hatten sie nirgends eine Begeisterung für das alte Königshaus bemerkt, wohl aber immer noch für den Kaiser.
Sofort hatte Talleyrand ein paar Leute bei der Hand, die Stein und Bein schwuren: das französische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit wünsche nichts sehnlicher, als die Schuhsohlen der Bourbonen zu lecken.
Es waren ein paar Leute von jener Sorte, die bei Umwälzungen stets gleich bei der Hand sind, um sich auf irgendeine bemerkbare Stelle vorzudrängen, indem sie tun, als ob eigentlich _sie_ die siegreiche „Bewegung“ geleitet hätten, und deshalb als Lohn die lukrativsten Posten beanspruchen könnten. Sie sprachen beredt, sie sprachen tiefbewegt, mit dem Brustton des überzeugten und doch so besorgten Patrioten. Und man war viel zu gut erzogen, um das nicht zu goutieren. Dem guten französischen Volk dürfe man einen mit solcher Inbrunst vorgebrachten Herzenswunsch nicht versagen.
Der König von Preußen saß ganz teilnahmlos da.
Zar Alexander blickte ihn von der Seite an und dachte an Tilsit und an seine Begegnung mit Napoleon auf dem Memelfluß, wo sie mit leichtem Herzen über das Schicksal Preußens hinweggegangen waren. Er dachte an sein Versprechen an den König von Preußen. Und dabei fiel ihm ein, daß er auch heute sein Wort verpfändet hatte und also verhindert war, ohne weiteres der Rückkehr der Bourbonen zuzustimmen. Eine lästige Sache! Aber ein Wort ist ein Wort! Und hätte er es Bernadotte nicht gegeben, er hätte ihm Finnland zurückgeben müssen, um seine und Schwedens Teilnahme am Kriege zu gewinnen! Jetzt war ja der Krieg glücklich gewonnen! Aber trotzdem –
Der Zar ließ also lässig ein paar gleichgültige Worte über Bernadotte fallen und fragte die erlauchte Versammlung, ob es sich nicht empfehle, diesen bei den Franzosen angeblich so beliebten Fürsten mit der Regierung Frankreichs zu betrauen.
Gleich hatte Talleyrand wieder einen anderen Kronzeugen bei der Hand, der hoch und heilig beteuerte, in der ganzen Armee wäre Bernadotte als Mensch und Soldat gleich verächtlich. Man wollte keinen Militär an der Spitze des Staates mehr. Wollte man das, so hatte man ja Napoleon, den ersten Soldaten der Welt, und brauchte keine von seinen Kreaturen zu nehmen.
Wozu denn das ganze Blutvergießen, wenn alles beim alten bliebe?!
Das sahen die Monarchen auch gnädigst ein. Und damit die Sache einen Sinn bekäme – denn die Befreiung Deutschlands genügte den Herren nicht – so stimmten sie also bei.
Da Talleyrand in seinem unerschöpflichen Vorzimmer auch einen Buchdrucker bereitgestellt hatte, dem er den von ihm bereits im voraus aufgesetzten Beschluß der Majestäten übergeben konnte, so durfte das französische Volk schon nach einigen Stunden an allen Straßenecken lesen, was es gewollt hatte und wonach es sich so sehr gesehnt hatte, und wußte also Bescheid, wußte, welche Wohltat es den fremden „Befreiern“ verdankte, und wie unaussprechlich glücklich es fortan sein könnte, seinen kriegerischen Tyrannen gegen einen in der einzig richtigen Weise von Gottes Gnaden geborenen einzutauschen. Das heißt – insofern es lesen konnte.
„Darum Räuber und Mörder!“ sagte Blücher gallig, als ihm das klägliche Resultat so vieler Opfer mitgeteilt wurde. „Darum haben also die Besten unter uns ihr Leben lassen müssen – darum haben meine Leute sich blutig geschunden und gehungert und gefroren, damit dieses dicke Schwein von einem Bourbonen, dieser _Louis dixhuit_, auf dem Nachtstuhl seiner Väter soll sitzen können!“
Er lachte grimmig auf, erhob sich und ging hinaus, um seinen Truppen Lebewohl zu sagen.
Denn er machte die Sache nicht mehr mit, er wollte schon heute seinen Abschied nehmen. Weder fragte man ihn um Rat, noch hörte man auf seine Wünsche.
Er hatte hundert Millionen Kontribution von den Parisern allein für Preußen verlangen wollen, um die Armee einzukleiden und ihre rückständige Löhnung auszuzahlen. Aber der König, der es hatte zugeben müssen, daß seinem eigenen armen Volk in den paar Jahren französischer Besetzung _anderthalb Milliarden_ abgepreßt wurden, er wollte nicht so „inhuman“ an den Parisern handeln. Das heißt, er wurde zu dieser Weichherzigkeit von seinem lieben Vetter, dem Zaren, angehalten, der sich plötzlich als eingefleischter Freund und Beschützer alles Französischen entpuppte. Der König vertröstete also seinen Marschall mit baldiger Zahlung der rückständigen Löhnung aus den leeren Kassen in Berlin, was diesen noch mehr in Harnisch brachte.
„Wir werden uns noch auf Befehl besiegt fühlen müssen, nachdem wir einen Siegeslauf sondergleichen gemacht haben!“ rief er. „Wir werden noch draufzahlen müssen, statt für unsere verwüsteten Fluren und versengten Städte, für unsere geleerten Kassen und gestohlenen Kunstwerke Ersatz zu bekommen! Blutegel müßte man den Franzosen ansetzen, um ihnen das geraubte Geld wieder abzusaugen! Aber nein! Die sollen ihr Land ungeschmälert behalten und den ganzen Raub desgleichen! Hol’ sie der Teufel! Na – wenn der König so den ganzen Gewinn verspielt, da fange ich auch wieder mit dem Spiel an! Da wird wieder fröhlich die Karte gebogen! Ich will mal sehen, ob ich den Franzosen nicht wenigstens so einen Teil des vielen Geldes wieder abknöpfe, was er bei uns eingesackt hat! Ich hätte ja gern meine Ruhe! Aber wenn’s nicht anders ist – wenn’s durchaus sein muß, ich arbeite ja gern fürs Vaterland! Ich nehme von heute ab mein Hauptquartier im Palais Royal!“
Vergnügt schmunzelnd, in der Vorfreude dieses neuen unblutigen Feldzuges gegen den Erbfeind, trat er vor die Front und redete die Leute an.
„Kinder!“ sagte er, „jetzt seid _ihr_ die Ohnehosen, aber von der _richtigen_ Sorte – wat een Büx nich ist, aber een Bangbüx ooch nich! Ich hätte gewünscht, daß ihr, dreckig wie ihr nun einmal seid, an der Spitze des Heeres beim heutigen Einzug den Parisern gezeigt hättet, wie ein Sieger eigentlich aussehen soll und was für ein Teufelskerl das ist! Das hätte den Affen wohlgetan! Ihre Leute sind uns oft genug in abgerissenem Anzug gekommen. Sie haben von unseren Bauern Champagner verlangt und sie geprügelt, wenn sie keinen bekamen. Von denen hättet ihr Weißbier fordern und es in der gleichen Münze bezahlen müssen. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Ich habe für euch sorgen wollen, ich habe Kleider, Geld und gute Quartiere verlangt, es ist mir aber nicht gelungen. Ich setze es noch beim König durch, darauf gebe ich euch mein Wort! Ihr sollt wissen, daß euer Vater Blücher an euch denkt, auch wenn er nicht mehr unter euch weilt. Ich lege heute das Kommando über euch nieder. Es war ein langer Spaziergang, den wir miteinander gemacht haben, von der Katzbach bis zum Montmartre, was soviel wie der Berg der Schmerzen heißen soll. Mancher brave Mann unter euch hat unterwegs ins Gras beißen müssen. Aber wir sind gut miteinander ausgekommen. Ich war mit euch stets zufrieden. Und wenn ich’s euch nicht immer recht machte – es war immer gut gemeint und nach bestem Können getan. Aus seiner Haut kann keiner. Ich am allerwenigsten. Und deshalb gehe ich. Denn wenn die Diplomatiker jetzt anfangen zu negoziieren, da ist es für mich Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Wo ich aber meinen Ruhepunkt finden werde, weiß der Kuckuck. Am Ende gibt’s für mich hier keinen in dieser unruhigen Welt! Na – gehabt euch wohl, Kinder! Seid vergnügt und denkt einmal zurück an euren alten Marschall Vorwärts!“
Donnernde Hurrarufe beantworteten den Abschiedsgruß, und Blücher rieb sich verstohlen die Augen, als er vom Gefolge begleitet an den Wagen ging.
„Der König hat mich zum Fürsten machen wollen“, sagte er dabei zu seinen Begleitern. „Das ist nichts als Niedertracht! Das ist die Rache dafür, daß ich sooft auf das Fürstengesindel geschimpft habe, das wir überall mit rumschleppen müssen, und das nur jeder freien Bewegung im Wege ist. Ich habe abgelehnt. Ich habe ihm geantwortet, ich hätte nicht so viel Geld, um fürstlich zu leben. Ob er das wohl begriffen hat?“ wandte er sich zu den Offizieren mit einem schelmischen Augenzwinkern. „Er ist ja ein höllischer Rechenmeister geworden. Immer noch läßt er mich als Feldmarschall mit Generalleutnantsgehalt leben. Er denkt wohl: du kannst dir mit Belohnung und Vergeltung für den alten Kerl Zeit lassen, er geht wohl ab, und da heißt es: das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein Ende! Nun, vorläufig tue ich ihm nicht den Gefallen! Er wird schon blechen müssen!“
Er drückte den Offizieren die Hände, setzte sich neben seinen Adjutanten in den Wagen, drückte seinen grünen Schirm über die Augen, ließ die Soufflette aufschlagen und fuhr so, von keinem erkannt, durch die Abenddämmerung, ohne Eskorte, ohne Musik und hurraschreienden Pöbel in das von ihm eroberte Paris hinein.
13 DAS FELL DES LÖWEN
In eine Fensternische in der Hofburg zu Wien hatte sich der Freiherr vom Stein zurückgezogen und blickte über das Festgewimmel hinaus.
In den festlich erleuchteten Sälen bewegte sich eine in die Tausende gehende glänzende Schar der höchsten Gesellschaft Europas. Was irgendwo Namen oder Geltung hatte, war da. Die Fürsten fast ohne Ausnahme, ihre leitenden Minister ebenso. Die Kaiserstadt Wien hatte ihre schönsten Damen, ihre elegantesten Kavaliere entsandt.
Es wurde getanzt, geflirtet, gelacht, gescherzt; die Ereignisse des Kongresses: die Korsos, Schlittenfahrten, Maskenbälle wurden besprochen und Pläne zu neuen Festlichkeiten entworfen. Über Politik sprach man nicht. Sie war Anlaß zu den Festlichkeiten gewesen, und das genügte.
Man war nämlich hier an der schönen blauen Donau zusammengekommen, um der befreiten Welt einen endgültigen, gerechten, dauerhaften und ewigen Frieden zu bescheren.
Also eine äußerst spaßige Angelegenheit, wie die Ballkavaliere meinten.
Ein halbes Jahr päppelte man schon diesen berühmten Wechselbalg, und da sah man ihn plötzlich zu allseitigem Staunen im Begriff, sich zu einem regelrechten neuen europäischen Krieg auszuwachsen.
„Wie drollig!“ lispelten die holden Schönen, und traten lächelnd zum Walzer an.
Österreich, England, Frankreich und dessen alte Rheinbundgenossen hatten sich zu einer wahren Wegelagerergenossenschaft zusammengefunden, um den Hauptkämpfern im Kriege, Preußen und Rußland, ihren Anteil am Raub aus der napoleonischen Hinterlassenschaft abzujagen. Schon zückte man die Dolche und lauerte auf Gelegenheit.
Inzwischen tanzten die Diplomaten, flirteten mit den schönen Wienerinnen, schlossen zärtliche Allianzen und waren emsig bestrebt, ihre galanten Eroberungen abzurunden. Man wetteiferte miteinander im Aufwand, man arrangierte Bälle, Schlittenpartien und Korsofahrten, man revidierte Menüs und Ballprogramme und zwischendurch auch, als neuestes Gesellschaftsspiel, die Karte Europas, aber hauptsächlich nur, um dabei die neuesten Bonmots der Diplomaten zu belachen.
Die Schicksale der Völker, die man ja auch in die Hand genommen hatte, machten weniger Sorge – weil sie weniger amüsant waren.
Stein machte jenes Gesellschaftsspiel nicht mit.
Sein Einfluß auf dem Kongreß war überdies gering. Er nahm nur teil als Minister der besetzten Gebiete. Insofern hatte er mitzusprechen. Auf die Entschließungen der Großmächte hatte er wenig Einfluß. Sonst wäre er seiner ganzen Veranlagung nach die führende Persönlichkeit des Kongresses geworden, statt daß die Leitung jetzt in die Hände des intriganten, oberflächlichen und selbstsüchtigen Metternich und seines sauberen Kumpans, des Fürsten Talleyrand, überging.
Steins Platz im Schatten auf dem kaiserlichen Hofball entsprach also durchaus seiner Stellung auf dem Kongreß, als nichttanzender Staatsmann.
In den Nebensälen wurde eifrig getanzt. Die Klänge der Musik drangen bis zum entlegenen Platz im Thronsaal, wohin der Freiherr sich zurückgezogen hatte, und übertönten das Stimmengewirr, so daß nur die Gespräche derer, die gerade an seiner Fensternische vorbeikamen oder dort stehenblieben, deutlich zu hören waren. Drüben hielten die Majestäten Cercle – Kaiser Franz, Kaiser Alexander und König Friedrich Wilhelm, jeder für sich. Sie zogen bald diesen, bald jenen von den sehnsüchtig der großen Gnade harrenden Sterblichen „huldvollst“ ins Gespräch, plapperten ihnen ein paar leere Phrasen vor, entließen sie und winkten andere herbei, um sie mit den gleichen Nichtigkeiten zu beglücken.
Aus dem Kreise um die Allerhöchsten Herrschaften löste sich eine schlanke Gestalt in tadelloser Haltung, den feinen, wohlfrisierten Kopf unmerklich nach den Klängen der Musik wiegend. Leise trällernd kam er gerade auf die Nische zu, in der Stein stand, und schien jemand zu suchen.
Es war Metternich, der allgewaltige Gebieter Österreichs.
Stein zog sich etwas zurück.
Metternich blieb, ihm den Rücken zugekehrt, stehen und musterte die hin und her wogenden Massen. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, und gab ein Zeichen.
Ein kleiner, hagerer Mann in unansehnlicher Tracht kam rasch auf ihn zugeeilt. Unter vielen Bücklingen und „ach“ und „oh“ und „Exzellenz“ und „Eure Hoheit“ stellte er sich ihm „gehorsamst zu Diensten“.
Stein kannte ihn wohl.
Eine Persönlichkeit von unheimlichem Zuschnitt, als beratender Expert zum Kongreß hinzugezogen, der Staatsrat Hoffmann aus Berlin – auch „Seelenhoffmann“ genannt.
Es gab im ganzen Deutschen Reiche kein Dorf, keinen Flecken, keine Stadt, kein Land, deren Seelenzahl er nicht wußte.
Galt es auf dem Kongreß ein Ländchen abzutreten oder gar zu annektieren, gleich wurde „Seelenhoffmann“ zu Hilfe gerufen. Er sagte, kaum befragt, sofort die genaue Zahl der Seelen her, die innerhalb der Grenzpfähle jener Gegend nisteten, stellte eine Rechnung auf, bündelte die Seelen zusammen, packte sie kunstgerecht ein und machte sie verkaufsbereit für den Markt. Dann erst konnte der Handel losgehen.
Die Potentaten protzten dann jeder mit seinem Bündel Seelen, spielten damit Versteck und suchten unauffällig zu erraten, wie viele der Gegenspieler unter sich hatte. Man schätzte den gegenseitigen Bestand ein – man tauschte, handelte und war mit größerem oder geringerem Geschick bestrebt, möglichst viele Seelen aus dem Geschäft herauszuschlagen. So war’s, so ist’s, und so wird es immer bleiben, solange Menschen über Menschen herrschen – ob sie’s im Namen einer Monarchie, einer Demokratie oder einer jakobinischen Schreckensherrschaft tun.
„Nun, lieber Staatsrat, haben Sie mir etwas in unserer Angelegenheit mitzuteilen?“ fragte Metternich.
Der Angeredete war gleich parat.
„Gewiß, Exzellenz. Mir scheint der Kasus nicht unlöslich. Wir müßten, mit gutem Willen, schon ohne Krieg um die Frage Sachsen herumkommen können! Wir geben Preußen Sachsen – und geben es ihm auch nicht – die Sache ist sehr einfach!“
Metternich schüttelte den Kopf und grüßte zugleich mit viel Liebenswürdigkeit eine am Arm eines Diplomaten vorbeischwebende Komtesse.
„Wie meinen Sie das?“
„Ich meine, Exzellenz, auf die Zahl der Seelen, die Preußen bekommt, kommt es ihm doch hauptsächlich an. Die Seelen bringen doch Steuern. Sie sind die einzige Grundlage für die Staatseinnahmen. Nur wer sich das vergegenwärtigt, die Seelenzahl zusammenhält und klug vermehrt, bringt die Finanzverwaltung seines Staates auf gesunde Basis. Geben wir Preußen also ein wenig mehr Seelen, als es in Sachsen finden würde. Sie sind da, man braucht sie nur aufzugreifen.
Lassen wir also Sachsen bestehen – machen wir’s kleiner – aber vernichten wir es nicht gänzlich! Wozu auch? Warum den guten König Friedrich August schwerer als die anderen Rheinbundfürsten bestrafen? Er war ja nicht frei – er handelte aus Zwang. Nun ja – was konnte wohl der kleine Sachsenkönig gegen den großen Napoleon? Seien wir gerecht. Lassen wir ihn am Leben.
Wenn wir Preußen links vom Rhein mit einer Million Seelen abfinden – wenn wir ihm in Polen achtmalhunderttausend, item in Westfalen die gleiche Zahl geben, dann ist es fein heraus, und weit besser bedacht, als wenn es bloß das bißchen Sachsen bekäme!“
„Das scheint mir plausibel“, sagte Metternich. „Ich will mir die Sache überlegen. Stellen Sie mir die Rechnung genau zusammen, geben Sie alles zu Papier, bringen Sie mir den Vorschlag morgen früh genau präzisiert in meine Wohnung – ich schlage es dann den Herren morgen vor. Leben Sie wohl, Herr Staatsrat. Wenn das beim Kanzler Hardenberg durchgeht, werden Sie uns erkenntlich finden!“
Der Staatsrat verbeugte sich, ganz überglücklich.
„Ich rede noch mit ihm, ich setze ihm alles haarklein auseinander!“ sagte er. „Da kommt er gerade! Gehorsamster Diener, Exzellenz, allergehorsamster Diener!“
Er eilte auf Hardenberg zu, der eben durch den Saal kam, scharwenzelte um ihn, verkaufte auch da seine Seelen, und ließ nicht locker, bis er den Kanzler beim Wickel hatte.
Inzwischen wurde Metternich von einem ganzen Schwarm Komtessen in die Mitte genommen, die eben aus dem Ballsaal hereinflatterten, um die Majestäten anzustaunen. Er flirtete gleich drauflos, bot dieser jungen Dame Puder an, half jener schnell mehr Rot auf die Wangen legen, hielt ihnen seinen Taschenspiegel hin und half mit vieler Sachkenntnis die vom Tanze erhitzten Gesichter wieder hoffähig machen. Dann bot er der schönsten Dame seinen Arm und führte sie in die Nähe der Allerhöchsten Herrschaften. Er war ein Herz und eine Seele und einer Meinung mit ihr, fand wie sie die Polonäsen abscheulich langweilig und eigentlich nur einen Tanz für Großmütter und alte steifbeinige Exzellenzen!
„Dagegen der Walzer, himmlisch!“ lispelte die Schöne. „Da schwebt man in tollem Wirbel hin, bis sich alles um einen dreht und flimmert. Und schließlich denkt man, man ist ein Stern am Firmament, und ringsherum nichts als Sterne, die sich auch so im Tanze drehen und schweben!“
„Das sind Sie auch, Komtesse – ein Stern, aber Sie allein!“
Sie verschwanden in der Menge, die jetzt aus den Ballsälen hereinflutete.
Steins Gedanken waren schon anderweitig beschäftigt.
Ein leises ungleichmäßiges Stoßen auf dem Parkett, das immer näher kam, nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Er brauchte nur noch die sanfte, harmlose Stimme dazu zu hören, um zu wissen, daß Talleyrand heranhinkte. Stein haßte und verabscheute ihn. Aber er erkannte ohne weiteres an, daß dieser Mensch ohne Gewissen dazu prädestiniert war, die Seele jenes Kongresses von Seelenhändlern zu sein.
Mit seinem Klumpfuß hinkte er, zynisch lächelnd, jeder großen Begebenheit nach und nahm seinen Vorteil wahr. Im Zeitalter des _ancien régime_ als Geistlicher, dem alle Boudoirs und tonangebenden Salons stets offenstanden – während der Revolution als allgegenwärtiges, allwissendes, eifriges, aber nicht allzu exponiertes Mitglied jedes Klubs, der gerade am Ruder war – beim ersten Konsul als allmächtiger Minister, dem deutsche Fürsten und Republiken ihre Schätze zu Füßen legten, damit er ihnen gnädigst verstattete, ihre Ländchen mit den Trümmern des Heiligen Römischen Reiches zu vergrößern.
Minister des Äußeren unter Napoleon, blieb er in der gleichen Eigenschaft bei dessen Nachfolger, und wurde – aber nur als persönlicher Vertreter König Ludwigs – zum Kongreß zugelassen. Das genügte aber, um ihn bald zu dessen einflußreichster Persönlichkeit zu machen.
Die alten Beziehungen fanden sich schnell wieder. Ansichten und Überzeugungen sind ja keine Gewissenssachen. Hatte man gestern eine, so hat man dafür heute eine andere, noch vorteilhaftere. Und schließlich ist ja ein Friedenskongreß dazu da, damit man sich verständigt!
Man fand sich also leicht. Man gewöhnte sich schnell wieder daran, den gewandten Ränkeschmied um seinen Rat zu bitten. Und er konnte wieder nach Herzenslust intrigieren, geheime Fäden knüpfen oder lösen, die Mächtigen der Erde miteinander aussöhnen oder entzweien, je nachdem es der eigene Vorteil heischte. Nebenbei gewann, ohne daß es ihn weiter kümmerte, sein geschlagen am Boden liegendes Frankreich den Rang einer viel und heiß umworbenen Großmacht.
Das Stoßen auf dem Parkett hörte auf. Der Klumpfuß hielt still, die sanfte Stimme Talleyrands drang durch. Er sprach zu dem neben ihm gehenden Abgesandten des entthronten Königs von Sachsen, dem Grafen Schulenburg.
„Es ist nicht leicht, mein lieber Graf“, sagte er im nonchalanten Ton. „Ich habe meine liebe Not mit Ihren Angelegenheiten gehabt! Viel Arbeit, viele Schreibereien, unzählige Konferenzen! – Ich knausere auch mit Geschenken nicht! – Nun, dafür setze ich meinen Willen durch! Wir können nicht dulden, daß ein treuer Freund Frankreichs, wie es Sachsen immer war, so mir nichts, dir nichts von der Karte weggewischt wird! Ihr Souverän war des _Kaisers_ Freund – und wir haben jetzt einen _König_! Gleichviel! Die Person des jeweiligen Monarchen hat wenig zu sagen. _Die Politik bleibt, wie sie war!_ Nun – Sie sehen, _ich bin geblieben_ – ich mache sie doch eben! Also ich werde mein Bestes für Sie tun! Sagen Sie das Ihrem Monarchen! – Selbst kann ich nicht an ihn herantreten – es würde meine Bemühungen für ihn nur kompromittieren, ließe ich etwas merken. So etwas muß behutsam, hintenherum gemacht werden! – _Flüstern_ Sie’s ihm also zu: er kann sich auf mich verlassen! Ich werde es an nichts fehlen lassen, an _gar nichts_! Die Räte aber, die die Akten machen und deren Inhalt auch, sie sind schlecht bezahlt. Sie brauchen Aufbesserung, _nehmen sie auch gern an_! – Mein Gott – man hat Familie, man hat Schulden, man muß sich vorsehen, und nimmt den Segen, wo man ihn findet! Was ist dabei?! Ich werde es auch da an nichts fehlen lassen!“