Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 3
„Zu Befehl! Es sollte alles vermieden werden, was die Krone Preußen bei der polnischen Bevölkerung verhaßt machen könnte!“
„Sehe Er, so war das! Das hatten wir, die wir wissen, was wir wollen, bei der Besetzung des polnischen Landes ausdrücklich befohlen! Und da muß mir jener Sausewind mit dem Kopf durch die Wand wollen und setzet mir alles in Feuer und Flammen! Er hat überdies noch die Keckheit, ob seines Ungehorsams avancieren zu wollen! Und will noch meinen Rock ausziehen, weil ihm das nicht gelang! Lassen wir ihn nur ruhig weiterbrummen, bis Er ein Einsehen hat! Ihm schadet’s nicht, und der Dienst gewinnt!“
Lölhöffel räusperte sich, salutierte nochmals und wagte eine Entgegnung.
„Es ist meine Pflicht als Inspekteur der pommerschen Kavallerie, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß der Rittmeister von Blücher immerdar ein eifriger und meritierter Offizier war!“
„Davon müßte ich doch wissen!“
„Er hatte im letzten Kriege nicht das Glück, unter den Augen Eurer Majestät zu kämpfen!“
„Das hat mit meinem Wissen nichts zu schaffen! Wir pflegen uns auch so nicht all die jungen Leutnants zu merken, die uns einmal an der Nase vorbeilaufen! Und wissen doch in der Armee Bescheid! – – Halte Hektor zurück, du dummer Esel!“ fuhr er plötzlich den hinter ihm stehenden Lakaien an. „Er überfrißt sich sonst! – – Mußt dir mehr Zeit nehmen, du gutes Tier!“
Er kraute den Liebling und streichelte ihn zärtlich. Seine Augen leuchteten auf einmal freundlich, und er wandte sich bedeutend weniger kratzbürstig dem General zu.
„Immerhin lese Er mir des Rittmeisters von Blücher Konduite vor!“
Lölhöffel suchte unter den Papieren in seinem Portefeuille ein Dokument heraus, hielt es militärisch steif vor sich hin und las mit lauter Stimme vor:
„Trat mit achtzehn Jahren von den Schweden über, erhielt die königliche Bestallung als Kornett im Husarenregiment von Belling, wurde am 4. Januar 1761 Sekondeleutnant, am 11. Juli 61 Premierleutnant, focht 62 in der Armee des Prinzen Heinrich, Königliche Hoheit, Korps Seydlitz, als die Bellingschen die Reichsarmee bis Hof in Bayern zurücktrieben, machte da, bei Auerbach, 500 Gefangene, wurde mit nur 60 Mann bei Libkowitz von 200 Österreichern angegriffen, machte 60 Gefangene, wurde in der Schlacht bei Freiberg verwundet –“
„Ein braver Offizier,“ sagte der König, „ich erinnere das alles jetzt ganz gut! Soll aber ein gar wüster Spieler und Duellant sein und auch hinter den Weiberschürzen her – wie alle von den Bellingschen! Ein Zigeunerregiment ist das immer gewesen und keine Husaren!“
Er stieß mit dem Krückstock hart auf dem Boden auf.
„Gib doch dem Hund zu trinken,“ schrie er dem Lakaien zu, „du siehst ja, daß er erstickt!“
Dem Hund wurde Wasser gegeben, seine Schnauze und Pfoten mit Servietten abgewischt. Schweifwedelnd schlich er an den König heran und leckte ihm die Hände.
„Ein wüster Duellant – ein Raufbruder!“ wiederholte der König. „Er sieht, ich kenne meine Leute!“
„Zu Befehl! Der Säbel saß ihm stets locker in der Scheide“, sagte Lölhöffel trocken und blickte in sein Dokument. „Hier steht noch angeführet, daß der Regimentsadjutant Blücher wegen Herausforderung seines Chefs, des Obristen Belling, strafversetzt werden mußte!“
„Was sagte ich!“ knurrte der König gallig. „Ein aufrührerischer Krabat! An seinen Chef wollte er heran! Und nun möchte er gar an uns selbst sein Mütchen kühlen! Ich werde ihn schon Mores lehren!“
Er erhob den Stock und schlug auf den Tisch. „Keinen Pardon vor ihm! Keinen Pardon! Und den Abschied auch nicht!“
„Wollen Majestät gnädigst verstatten? Hier steht noch von einer öffentlichen Belobigung des gedachten Rittmeisters aus Allerhöchstdero eigenem Munde!“
Lölhöffel zeigte auf sein Dokument.
„Wo hatte ich? Wann hätte ich?“
„Bei einer Revue in Stargard Anno siebenzig!“
„In Stargard? Laß Er sehen!“ Der König blieb stehen und dachte nach. „Recht hat Er – der von Blücher war’s! Der hatte mit einer Handvoll Leute dreihundert konföderierte Polacken angegriffen, vier Rittmeisters und achtzig Mann gefangengenommen! Und Er selbst, Lölhöffel, mußte ihn, auf meinen Befehl, vor der Front loben! So war’s! Sehe Er, unser Gedächtnis pariert Ordres noch besser, als unsere Offiziere es manchmal tun! – Ein braver Mann! Ein tapferer Mann! Können solche Leute immer gut gebrauchen! Der Rittmeister bekommt seinen Abschied nicht!“
„Sein Chef, der General von Lossow, befürwortet die Entlassung!“
„Der von Lossow ist ein Besserwisser und ein Streber. Der soll mir nichts weismachen wollen. Weswegen mag er den Rittmeister nicht leiden?“
Lölhöffel las in seinem Papier nach und blickte dann den König an.
„Zu Befehl! Eben wegen der Verfehlung, die Majestät soeben Höchstselbst an ihm zu rügen geruhte! Weil er entgegen des Allerhöchsten Verbots die Polacken durch sein allzu forsches Zugreifen aufreizte, als er eine seiner Postierungen ermordet vorfand!“
„Mir sind die Einzelheiten der Geschichte entfallen!“ sagte der König. „Wir haben so viel und weit Schlimmeres im Leben erfahren! Erzähle er mir! Wo hatte der Blücher zugegriffen? Wen hatte er –?“
„Einen polnischen Landgeistlichen in der Gegend von Kalisch, den er als Anstifter in Verdacht hatte. – Er ließ ihn aufheben und, da er nicht bekennen wollte, _sans façon_ vor eine frisch aufgeworfene Grube stellen, die Augen verbinden und eine Salve über seinen Kopf abfeuern!“
„Das wird dem hübsch in die Glieder gefahren sein!“
„Vor Schreck ist er fast ums Leben gekommen!“
„Groß wäre der Schaden nicht gewesen! Unrecht ist ihm sicherlich auch nicht geschehen!“
„Zu Befehl! Seine Schuld war mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen! Nur nachweisen ließ sich nichts!“
„Der Rittmeister tat gegen Befehl, dafür gebührte ihm Strafe. Er handelte aber ansonsten brav! Das wollen wir ihm lohnen! Sage Er einmal, Lölhöffel, wieso kommt jener Brausekopf dazu, mir einen despektierlichen Brief zu schreiben?“
„Er fand sich unverdienterweise übergangen! Er glaubte als ältester Stabsrittmeister ein Anrecht auf die erledigte Schwadron des abgehenden Majors von Zülow zu haben, die einem anderen gegeben wurde!“
„Was heißt Anrecht? Die Schwadrons vergebe ich! Ein Anrecht außer Unserer Entschließung gibt’s nicht! Und wider Unsere Entschließung hat niemand aufzubegehren. Der Rittmeister war ungehorsam – dafür wurde er im Avancement mit Recht übergangen! Er schrieb uns einen despektierlichen Brief, dafür sitzet er in Arrest! So er sich aber demütiget, wollen wir ihn begnadigen und ihn befördern. Schreibe Er: der Rittmeister von Blücher wird zum Major befördert! – – – Nein, noch nicht! Erst soll er abbitten! Sonst denkt er, er hätte es uns abgetrotzt!“
Lölhöffel räusperte sich, blickte den König unsicher an und wagte dann doch noch der Gnaden des Königs anheimzustellen, dem Rittmeister, der trotz seines Eigensinnes und seines jähzornig aufbrausenden Temperaments ein verdienter, tapferer Soldat sei, die ersehnte und erflehte Beförderung zum Major zuteil werden zu lassen. Um so eher, da gedachter von Blücher im Begriff sei, zu heiraten und einen Hausstand zu begründen – –
Damit kam er an den Unrechten.
„Heiraten will er?“ schrie der König außer sich und stieß mit seinem Stock mehrfach auf den Boden auf. – „Was erzählt Er mir da für Räubergeschichten, Lölhöffel? Weiß Er nicht, daß es sich vor die Husaren nicht schickt, wenn sie Weibers nehmen? Daß sie dann keinen Schuß Pulvers mehr wert sind?! Weiß Er nicht, daß ich vor alle derartigen Mariagen einen greulichen Abscheu habe? Wie kann Er indizieren, daß wir einen Menschen von solcher Fermete noch befördern? Er ist wohl des Teufels?!“
Der König redete sich immer mehr in die Wut hinein und schrie, daß die Hunde ängstlich wurden, ihm winselnd um die Beine liefen und den General gar auch noch anknurrten, weil er den Zorn ihres Herrn geweckt und ihre Ruhe gestört hatte!
„Ruhe, ihr Biester! Oder wollt ihr etwa auch _mariage_ tun?“ schrie der König und schlug nach seinen Lieblingen, zum maßlosen Staunen der Lakaien. „Ruhe, Mene! _Tu beau_ Alceste! Wo hat Er das Gesuch des Rittmeisters, Lölhöffel? Geb Er den Wisch her!“
Und er riß dem General das Papier aus der Hand, humpelte, so gut es ging, auf seinen alten gichtischen Beinen an ihm vorbei ins Arbeitszimmer hinein, warf das Papier auf die schräge Tischplatte, ergriff einen Federkiel, stieß ihn mit Wucht in die Tinte, daß sie weit herumspritzte, kratzte dann mit zitteriger Hand eiligst ein paar Worte unter das Gesuch und sprach sie, wie immer, beim Schreiben laut vor sich hin.
„Der Rittmeister von Blücher kann sich zum Teufel scheren!“
Er warf den Federkiel fort.
„Mag er sich in des Teufels Namen kopulieren lassen, soviel er will! Aber unter meine Husaren führet er keine Schürzenwirtschaft ein! Basta!“
Dann ließ er den General stehen, eilte mit gehobenem Stock wieder ins Schlafzimmer hinein, wo die Hunde nur mit Mühe von den Lakaien gebändigt werden konnten, und hieb – nicht die Hunde – aber die Diener durch, die so schlecht aufpaßten, daß ihm heute keine Ruhe zum Regieren blieb!
Und Lölhöffel zog mit langem Gesicht ab. Es war ein schnöder Abschied für einen langgedienten, braven Offizier wie Blücher. Aber mit der Despektierlichkeit durfte man dem Alten Fritz nur vorsichtig nahen! Und mit der _mariage_ nimmermehr!
4 IM SCHATTEN
„Hätte ich noch den schwarzen Dolman angehabt,“ sagte der Rittmeister Blücher und hieb Treff-As auf den Tisch, daß er zitterte, „weiß der Deibel, ich hätte mir vielleicht doch noch die Sache überlegt! Denn den hatte ich mir sozusagen mit der Waffe in der Hand erobert und in Ehren getragen! Im roten Dolman hatte ich immer das Gefühl: den ziehst du bald wieder aus! Gemütlich war’s ja nicht, drin zu stecken, nachdem der Alte Fritz die von Gersdorffschen aufgelöst hatte und uns kommandierte, in ihre entehrte Pelle zu schlüpfen! Trotzdem ziehe ich sie mit Wonne wieder an, wenn’s endlich so weit gediehen ist mit der königlichen Gnade! Kinder!“ rief er, schob seinen Stuhl zurück und füllte die Gläser, während der Postmeister die Karten mischte und der Apotheker Gewinn und Verlust der letzten Runde getreulich buchte. „Mit keinem König möchte ich tauschen, so vergnügt bin ich heute!“
„Nun ja,“ schmunzelte der Postmeister, „du hast auch alle Ursache! Reiten, jagen, das Mädchen geküßt, die Karte in fröhlicher Runde gebogen, was willst du mehr?“
„Gewinnen!“ antwortete für ihn der Apotheker, der jetzt mit seiner Rechnung im reinen war. „Gewinnen will er!“
„Gewinnen, verlieren, gleichviel!“ lachte Blücher. „Nur nicht sein Leben lang hinter dem Ofen hocken, oder die Nase über die Schmöker hängen und Kriegsgeschichte oder so ’n Zeug pauken! Kriegsgeschichte, pfui Deibel! Als Soldat mache ich Kriegsgeschichte und schreibe sie in Blut oder beschreibe sie beim Rotspon! Die Tinte lasse ich die Federfuchser saufen!“
„Nun, die Kriegsgeschichte wird dir wohl nicht allzu lästig, seitdem du des Königs Rock auszogst!“ versetzte der Apotheker.
„Wenn ich auch den Rock auszog, mit Leib und Seele blieb ich doch Soldat! Sollst sehen, bald reite ich wieder an der Spitze meiner Schwadron, die mir von Rechts wegen zukommt!“
„Sei froh, solange du’s nicht nötig hast! Genieße dein Leben! Hast ja alles, was der Mensch sich wünschen kann: eine brave, liebe Gattin, prächtige Kinder, giltst als einer unserer besten Landwirte hier in Pommern – was willst du mehr?“
„Red’ keinen Schwefel!“
„Na, höre einmal!“ sagte der Apotheker, „um nichts gab dir wohl der König neuntausendfünfhundertfünfzig Taler Meliorationsgelder für dein Gut?“
„Neuntausendfünfhundertfünfzig, ja! Das war so recht der Alte Fritz! Zehntausend voll hätte er mir ruhig geben können. Aber nein, er mußte noch etwas davon abstreichen, um seinen Sparsinn zu befriedigen! Sonst hätte ihm die ganze Sache keinen Spaß gemacht! Und nun muß ich mich hier am Spieltisch mit euch abrackern, um die Summe wieder abzurunden!“
„Das tust du auch redlich!“ lachte der Apotheker. „Aber nach unten hin scheint’s mir!“
„Verliere ich, so gewinne ich auch – das Geld wie das Majorspatent, und sitze im Sattel, ehe ihr’s ahnt!“ rief Blücher übermütig. „Dieser Haufen Taler auf Pik-Dame gesetzt, daß es so kommt!“
Er nahm eine Handvoll Talerstücke aus einem auf einem Stuhl neben ihm stehenden, mit Geld gefüllten Suppenteller, setzte auf die Karte und verlor.
„Verflucht! Die Dirne ging mir durch die Lappen mit dem Geld! Die Schwarzen waren mir niemals hold! Eine Blonde her! Coeur-Dame gewinnt! Coeur-Dame war mir stets gewogen! Siehst du, was sagte ich? Hab’ Dank, holde Schöne! Her mit dem Geld! Kinder, ich könnte die ganze Welt in Trümmer schlagen, so vergnügt bin ich! Eine Kraft ist in mir! Himmeldonnerwetter! – Ein Schwert in der Faust, einen Gaul unter mir, Feinde genug zum Dreinhauen, was brauche ich mehr?!“
„Glück im Spiel!“
„In der Liebe, du Giftmischer! Ich pfeife auf alles andere!“
„Nun“, sagte der Apotheker und strich wieder den Einsatz ein. „Das hättest du erreicht!“
„Noch einmal zur Attacke auf Fortuna, das Luderchen!“ rief der Rittmeister, „Karten her! Und hier der Rest!“
Er leerte seinen Suppenteller auf den Tisch, nahm neue Karten und verlor noch einmal.
„Blasen wir die Reserve heran!“ sagte er, ohne darum seine gute Laune zu verlieren. „Ich hole Sukkurs!“
Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, öffnete die Ofentür, steckte die Hand hinein, zog sie aber gleich wieder leer heraus und machte ein langes Gesicht. Kniete dann nieder und blickte in den Ofen.
„Da soll mir der Donner dreinschlagen!“ fluchte er. „Drei Suppenteller voll Geld stellte ich drinnen parat, zwei nahm ich heraus, wo zum Kuckuck blieb der dritte?“
„Haben Panje Rittmeister etwas verloren?“ flötete hinter ihm plötzlich die Stimme seiner alten polnischen Wirtschafterin.
Er schnellte empor.
„Hast du etwas gefunden, Sonja?“
„Kann sein!“ schmunzelte die Alte.
„Etwa einen Teller –?“
„Einen Suppenteller – –“
„Mit –?“
„Mit etwas drauf, was hier im Hause nicht lange darauf zu bleiben pflegt! Etwas, was Panje Rittmeister und seine bürgerlichen Freunde meistens zum Spaß zum Fenster hinaus zu werfen pflegen!“
„Zum Spaß?! I, du dummes Luder, das geschieht gewiß nicht zum Spaß! Das werfen wir zum Fenster hinaus, damit es zum Schornstein wieder hereinkommt! Verstehst du?“
„Ach so! Dazu stellen Panje Rittmeister die Suppenteller in den Ofen?“
„Ja! Ging dir jetzt ein Licht auf? Damit das Geld doppelt und dreifach wieder hereinfliegt – dazu schmeißen wir’s zum Fenster hinaus! Denn unterwegs jungt es – verstehst du wohl? Und den Teller stellen wir in den Ofen, damit es nicht in die Asche fällt! Und nun sage mir, mein Täubchen, wo du den Teller mit dem Gelde hingetan hast.“
„Oben ins Schlafzimmer, auf der gnädigen Frau ihr Bett! Nachher, wenn Panje Rittmeister schlafen geht, wird er sich freuen, noch so viel Geld im Hause zu haben!“
„Sofort holst du es wieder herunter!“
„Die gnädige Frau Rittmeister schlafen doch! Sie schliefen schon, als ich das Geld hintat!“
„Hol es rasch her! Und daß du sie mir nicht dabei weckst!“
„Lassen wir das Geld ruhig auf der gnädigen Frau ihrem Bett! Am Ende jungt’s da noch besser!“
„Nee!“ lachte Blücher, „da jungt ganz was anderes!“
„Die heilige Jungfer bewahre!“ rief die Alte erschreckt. „Es ist längst mehr als genug! Die kleine und zarte Person, und schon sechs Kinder! Sechs habe ich schon auf meinen Armen getragen! Panje Rittmeister, nichts für ungut! Die Liebe ist eine schöne Sache! Aber, was zuviel ist, ist zuviel! Und so viel Liebe hetzt den Menschen ins frühe Grab! Sechs Kinder, bedenket doch, Panje, was das für eine Frau heißt! Und dreie deckt schon der grüne Rasen! Da liegen die kleinen Engelchen und rufen nach der Mutter! Und die Mutter will zu ihnen und wird mit jedem Tag immer blasser!“
„Red’ nicht!“ sagte Blücher kurz und drehte seinen Schnurrbart. Es kam etwas Feuchtes in seine Augen.
„Immer blasser wird sie! Und wie sollte sie auch nicht, bei dem tollen Leben hier, wo der Postmeister und der Apotheker ihr Unwesen treiben, und das Spiel und das Pokulieren nimmermehr aufhört! Ich hab’s auch nicht leicht, wenn ich den Kindern Rede und Antwort stehen muß. Sie fragen mich alles mögliche über den Papa – wo er seine Soldaten hat und wieso er keinen bunten Rock wie die andern Offiziere trägt –“
„Himmelkreuzelement! Halt’s Maul!“
„Ja, das ist immer das Ende vom Lied: halt’s Maul! Ich hätte man das Maul halten sollen, vor zehn Jahren, als meine kleine Herrin mir von dem tollen preußischen Offizier vorschwärmte, der ihr den Hof machte! Ich hätte das Maul halten sollen, vor vier Jahren, als Panje Rittmeister das schöne Polen verließ und hierher nach Pommern zog! Ich hätte sagen sollen: nein, ich gehe nicht mit. Dann hätte ich nicht sehen müssen, wie meine kleine Herrin vor Gram elend umkommen muß! Sie, die Enkelin eines großen Herrn, des Starosten von Gnesen, des erlauchten Herrn von Bojanovsky selbst! Das edelste polnische Blut! Einen Grafen hätte sie haben können! Einen Fürsten sogar! Sie hatte es nicht nötig, einen kassierten Offizier zu nehmen, der sich mit niedrigen Bürgersleuten gemein macht!“
Mit dem kassierten Offizier wagte sie sich aber erst dann heraus, als Blücher längst nicht mehr im Zimmer war. Er hatte sie einfach stehenlassen, als sie anfing, ihm ihre gewohnte Litanei vorzuleiern, war die Treppe nach dem oberen Stock hinaufgeeilt, öffnete leise die Tür des Schlafzimmers und schlich auf den Fußspitzen hinein.
Seine Frau schlief. Zu ihren Füßen, auf dem Federbett, stand der Teller mit dem Gelde.
Einen Augenblick stand er noch da und lauschte auf ihren Atem.
„Daß du das Geld bei dir hast, bringt Glück!“ sagte er, nahm den Teller, ohne sie zu wecken, und ging leise, wie er gekommen war, zu seinen Gästen hinunter, setzte den Teller auf die Karte, die soeben ausgeschlagen wurde, und rief:
„Das Ganze! Das Ganze gewagt!“
Und er gewann.
„Noch einmal!“ rief er, schob den Teller nochmals hin und gewann abermals.
„So!“ sagte er. „Nun ist’s genug. Jetzt habe ich die Summe des Alten Fritzen wohl genügend abgerundet! Ich hatte also Glück mit dem Gelde! Das Glück in der Liebe brachte mir auch Glück im Spiel! Das hat wohl denn auch gute Vorbedeutung für mein Gnadengesuch an den König.“
„Du hast wieder –“
„Ich habe dem König für das mir geliehene Geld gedankt und die Gelegenheit benutzt, um Wiedereinstellung als Major zu bitten, und zwar mit Anciennität vom Tage meines Abschieds ab! Einmal hat er’s mir abgeschlagen. Das war vor vier Jahren! Jetzt wird er wohl ein Einsehen haben!“
„Alle Wetter!“ sagte der Postmeister. „Gut, daß du von der Sache sprichst. Vorhin kam eben ein amtliches Schreiben an den Herrn Deputierten des Pommerschen Landschaftsrates von Blücher an. Vom Königlichen Kabinett, scheint’s mir! Ich nahm das Ding mit. Ihr machtet aber gleich einen Lärm, daß ich nicht zu Worte kommen konnte, und dann hab ich’s verschwitzt, als es mit dem Spiel losging! Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Da nimm!“
Er reichte Blücher einen Brief mit dem königlichen Siegel.
Blücher nahm ihn, machte ihn schnell auf, flog den Inhalt durch, wurde plötzlich ernst und nahm sein Glas.
„Auf das Wohl Seiner Königlichen Majestät!“ sagte er kurz. „Er soll leben! Und wir auch – wofern wir nicht für ihn sterben dürfen!“
„Abgelehnt?“ fragte der Postmeister zögernd.
„Abgelehnt!“ sagte Blücher kurz. „Abgelehnt zum zweiten Male! Das bedeutet weiter nichts, als daß ich nochmals bei Seiner Majestät mit meinem Gnadengesuch vorstellig werde, und dann nochmals und dann nochmals, bis ich damit durchdringe und er mich wieder einstellt. Ich lasse nicht locker! Ist er eigensinnig – bin ich es noch zehnmal mehr! Jetzt kommt aber; es wird schwül hier drinnen! Draußen im Garten atmet sich’s leichter! Ich lasse eine Bowle ansetzen, die euch munden wird wie den Kindern Israels das Manna in der Wüste!“
Er setzte den Hut auf, faßte den Postmeister unter den Arm und ging hinaus, von den beiden anderen gefolgt.
5 AUS DEM NEST HERAUS
„Enten waren da, die Masse“, sagte der Rittmeister und zwirbelte seinen Schnurrbart. „Aber sie hatten Glück! Der Nebel wollte nicht weichen, die Sonne machte sich’s bequem! Und der Hund taugte auch nichts! Weiß der Teufel, was ihm in die Nase gefahren war! Der Nebel hatte ihm wohl den Riecher genommen! Denn er stieß direkt mit der Nase auf den Vogel, ehe er ihn gewahr wurde! Der schoß dann wie ein Pfeil davon, und der dumme Köter stand da und glotzte in sein Kielwasser, wie es lustig durch das Schilf rieselte, bis es zu spät wurde und der Vogel untergetaucht war. Keinen einzigen Aufflug brachte er zustande! Keine Möglichkeit, zum Schuß zu kommen!
Da mußte ich selbst den Hund machen! Beim nächsten Vogel, den wir aufstöberten, sprang ich ins Wasser und machte ein alles andere denn weidmannsgerechtes Hallo, um ihn zum Aufflug zu bringen!
Das gelang nun schon nach Wunsch! Aber alles, was ich vom Vogel bekam, war weiter nichts als sein höhnisches Schnattern und das Rauschen seiner Flügel und, wo er aufflog, eine sonderbare Bewegung im Nebel, die im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne Gestalt annahm und zu etwas Menschenähnlichem wurde!“
„Etwas Menschenähnlichem?!“ wiederholte die Frau Rittmeisterin und blickte von ihrer Handarbeit auf.
„Ja, eine menschenähnliche Gestalt, eine Nixe, die mich hold anlächelte und die Arme gegen mich ausstreckte. Deine Züge hatte sie!“
„Geh!“
„Auf Ehre! Sie hatte es! Und ich, nicht faul, gleich hinterher, ohne an den morastigen Boden zu denken! Und plötzlich, ehe ich’s mich versah, gab der Grund unter meinen Füßen nach, und im Nu stand ich bis zum Hals im Sumpf!“
„Das geschah dir recht! Warum jagst du Nixen nach!“
„Deine Züge hatte sie!“
„Wer’s glaubt. Dann hättest du’s sicher nicht so eilig gehabt!“
„So eilig sogar, daß es mir fast das Leben kostete!“
„Dein Leben achtetest du stets gering!“
„In dem Augenblick nicht! Ich gab gehörig Hals! Und zum Glück war der Förster nicht weit!“
„Der Hasse?“
„Ja! Im letzten Augenblick kam er hinzu, reichte mir seinen Flintenlauf, und daran konnte ich mich dann so allmählich aus dem Schlamm herausholen! Es hätte aber schief gehen können!“
„Ja, da siehst du, wohin der Übereifer dich führt! Immer mußt du Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen, und sei’s nur um eine Wildente – oder, meinetwegen, um eine Nixe zu erwischen!“
„So ist’s! Immer aufs Ganze! Nur so erreicht man etwas!“
„Wenn man nicht das Genick dabei bricht!“
„Darum brauchst du nicht zu bangen! Ich komme nicht um! Ich bin fest überzeugt, daß mir gegeben wurde, im Leben etwas Besonderes zu leisten! Das macht fest gegen Schuß und Hieb! Wenn ich auch manchmal etwas abgekriegt habe –, das Leben hat’s noch nicht gekostet! Zum Krüppel wurde ich auch nicht! Und heute, wo ich bis zum Hals versank und mich kaum noch bewegen konnte, auch heute verließ mich die Zuversicht nicht, sondern ich dachte: ‚Habe ich etwas im Leben zu tun, so bleibe ich wohl am Leben!‘ Und ich blieb! Die rettende Hand war gleich zur Stelle! Das gibt mir Zuversicht. Denn so wie auf der heutigen Jagd, so war mein ganzes bisheriges Leben, seitdem ich den Dienst quittierte. Bis zum Hals im Schlamm versunken, ohne Möglichkeit, mich zu bewegen, wenn nicht bald die Hilfe kommt, mich aus dem Sumpf herausbringt, mich wieder als Soldat einstellt und mich mittun und mitleben läßt! Denn so wie jetzt geht’s nicht weiter! So komme ich um! So versumpfe ich ganz und gar!“
„Warst du denn so unglücklich mit mir?“