Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
Part 29
Man war im Hauptquartier sogar mehr als löblich knieschwach geworden! Die „Kraftgenies“ und Draufgänger dort, die sonst mit ihrem Ungestüm die Soldaten abhetzten, hatten auf einmal ihre ganze Schwungkraft verloren!
Blücher, sonst die nie versiegende Hauptquelle aller Energie, war über Nacht zusammengeklappt und ein müder Greis geworden!
War es nur eine vorübergehende Abspannung? Oder bereitete sich eine ernsthafte Erkrankung vor?
Ganz apathisch hatte er heute dagesessen, einen Schirm vor den Augen, und hatte fast teilnahmlos zugehört, wie Müffling und Gneisenau den eingefangenen Hannoveraner Palm examinierten, der im Bureau des französischen Generalstabschefs Berthier irgendeine Vertrauensstellung eingenommen hatte, und heute von den Kosaken aufgegriffen worden war.
Er hatte sich nicht einmal geärgert, ja kein einziges Mal geflucht, als dieser ihm bezeugte, die gestrige Affäre bei Craonne hätte eine vernichtende Niederlage für Napoleon werden können, wenn die Preußen diesem, wie befohlen, bei Corbeny in die linke Flanke und in den Rücken gefallen wären. So aber hatte seine Nachhut unter Wintzingerode die ganze Wucht des Angriffs allein auszuhalten gehabt und hatte sich nutzlos verblutet. Und man konnte den Tanz wieder von vorn anfangen.
Dabei wäre der Sieg so kinderleicht herbeizuführen gewesen! Als sich ein paar Husaren und Kosaken auf dem Wege von Fetieux bloß zeigten, hatten die französischen Train- und Artillerieknechte die Stränge durchgeschnitten, alles stehenlassen, und waren davongeritten. Eine regelrechte Panik war schon im Entstehen. Aber die preußische Kavallerie, die man schon glaubte heransausen zu hören, kam nicht! Und aus der sicheren Niederlage wurde so ein unentschiedenes Nachhutgefecht.
Das alles hatte ihnen der gefangene Kommissar Berthiers klipp und klar auseinandergesetzt. Und Blücher hatte keinen Ton gesagt, kein einziges Donnerwetter über die verfluchte Schweinerei losgelassen! Gneisenaus Gesicht war immer länger geworden!
Sie hatten alle beide plötzlich die Sicherheit eingebüßt! Ihre Kraft schien erlahmt zu sein! –
Sonst schoben sie um des großen Zieles willen jedes Bedenken beiseite und zwangen die Soldaten zu den größten Strapazen. Jetzt aber häuften sie Bedenken über Bedenken und waren ängstlich darauf bedacht, ihre Leute zu schonen!
Yorck hatte laut lachen müssen, als Gneisenau ihm in allem Ernst erklärte, man müsse die Truppen schonen, damit der König bei den Friedensverhandlungen noch eine Armee hätte, um sie in die Wagschale werfen zu können! Daran dachte der gute Gneisenau sonst gewiß nicht!
Er war sonst stets von hochfliegenden strategischen Plänen und genialen Entwürfen so erfüllt, daß eine solche Kleinigkeit wie ein Menschenleben mehr oder weniger ihn nicht im geringsten kümmerte.
Und jetzt auf einmal die diplomatischen Schmerzen!
War er kopfscheu geworden, als er die wohlgenährten, gut gekleideten und tadellos ausgerüsteten Soldaten Bülows sah, die trotzdem auf glänzende Siege in Holland zurückblicken durften – und neben ihnen die verhungerten, abgerissenen, zerlumpten Schlesier Yorcks, die wie die „Grasteufel“ aussahen, und, ungeachtet aller Strapazen, in der letzten Zeit doch nur Niederlagen gehabt hatten?
Sei’s wie es sei, jedenfalls hatte Gneisenau stillschweigend sein Unrecht zugegeben, und das erfüllte Yorcks Seele mit einer stolzen Genugtuung und gab ihr Leichtigkeit und Schwung. Der Widerspruchsgeist, der ihm sonst stets innewohnte, steigerte sich bis zum spitzbübischen Übermut. Er wollte Gneisenau, wollte das ganze Hauptquartier noch mehr ins Unrecht setzen. Jetzt, wo die zauderten und nicht mehr vorwärts wollten, jetzt wollte er. Er, der sie sonst immer zurückhielt, ging ihnen jetzt aus reinem Trotz durch und ließ so das Donnerwetter los, das wegen der Krankheit Blüchers und der schwachen Stunde Gneisenaus im Sturmzentrum selbst zu erlahmen drohte!
Fröhlichen Herzens gab er seinem Pferd die Sporen, kam in sausendem Galopp am Bauernhause in Chambry an, wo er sein Quartier hatte, sprang aus dem Sattel und trat in den Saal hinein.
Um den flammenden Kamin saßen die Offiziere seines Stabes in fröhlicher Runde und lasen mit verteilten Rollen aus Shakespeares Heinrich dem Vierten.
Yorck winkte ihnen zu, sich nicht stören zu lassen, setzte sich auch an den Ofen, starrte zerstreut ins Feuer und lauschte auf das Rasseln der Verse.
„O mein Gemahl, was seid Ihr so allein?“
lispelte mit hoher Fistelstimme ein junger Leutnant die Rolle von Lady Percy hervor. Indes ein dicker Oberst mit tiefem Baß und gewaltiger Inbrunst den Heißsporn Percy mimte und sich gar nicht an sie kehrte.
„Für welchen Fehl war ich seit vierzehn Tagen, Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett? Sag’, süßer Gatte, was beraubt dich so Der Eßlust, Freude und des goldenen Schlafs? – – – – – – – – Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer, Und dich von eh’rnem Kriege murmeln hören, Dein bäumend Roß mit Reiterworten lenken Und rufen ‚Frisch ins Feld!‘ Dann sprachest du Vom Ausfall und vom Rückzug, von Gezelten, Laufgräben, Basilisken und Kanonen. Ein schwer Geschäft hat mein Gemahl in Händen. Und wissen muß ich’s, wenn er mich noch liebt.“
„Fort, du Tändlerin –“, brüllte der Oberst den jungen Leutnant an.
Ich lieb’ dich nicht, Ich frage nicht nach dir. Ist dies ’ne Welt Zum Puppenspielen und Mit-Lippen-fechten? Nein, jetzo muß es blut’ge Nasen geben, Zerbrochene Kronen, die wir doch im Handel Für voll anbringen. Alle Welt, mein Pferd! Was sagst du, Käthchen? Wolltest du mir was?“
„Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht?“ lispelte der Leutnant weiter.
„Nein, sagt mir, ob das Scherz ist oder Ernst?“
Worauf der Oberst jäh aufschnellte und verächtlich lachte:
„Komm, willst mich reiten sehen? Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwören: Ich liebe dich unendlich. Doch höre, Käthchen: Du mußt mich ferner nicht mit Fragen quälen, Wohin ich gehe, noch raten, was ich soll! Wohin ich muß, muß ich: und, kurz zu sein: Heut abend muß ich von dir, liebes Käthchen. Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser Als Heinrich Percys Ehefrau. Standhaft bist du, – jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit Ist keine besser, denn ich glaube sicher: Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weißt! Und soweit, liebes Käthchen, trau ich dir.“
Sie lasen schlecht, mit falschem Pathos, viel Stimmenaufwand und gewaltiger Mimik. Yorck achtete nicht darauf. Ein ungestümer Tatendrang war rein aus Trotz über ihn gekommen, seitdem er sah, wie zaghaft man im Hauptquartier geworden war. Er wollte jetzt die Zügel aufnehmen, die man dort schleifen ließ, die Führung an sich reißen, einen waghalsigen Coup unternehmen und so mit einem Schlag den Krieg zu Ende führen! Wie, das sah er noch nicht klar. Er fühlte nur bestimmt, im voraus, das große Geschehnis nahen und wurde wieder jung und waghalsig wie jener Brausekopf Percy in Shakespeares Stück. Er würde, wie dieser, weder sehen noch hören können, bis jener Gedanke, der ihn ganz erfüllte, in lebende Tat umgesetzt worden war!
Am andern Morgen war dichter Nebel überall. Es wollte nicht Tag werden.
Man war zum Angriff bereit. Da pfiff es plötzlich den wackeren Kämpfern um die Ohren. Flintenkugeln flogen aus nächster Nähe in die Stadt und in das Lager Yorcks. Wie ein Schwarm Hornissen, so summte und brummte es den Yorckschen um die Ohren, ohne daß es möglich war zu entdecken, woher es kam.
„Das sind die Bienen des Kaiserreiches!“ sagte Yorck. „Die kommen herangesummt mit dem Morgengruß vom Kaiser! Die paar Insekten machen aber noch lange keinen Sommer! Wir werden den frechen Kerls von Tirailleurs schon eins auswischen!“
Der Nebel hob sich gegen elf Uhr, und als die Sonne durchbrach und die Gegend erhellte, konnte der Posten oben auf der höchstgelegenen Windmühle melden, daß die Armee Napoleons zu beiden Seiten der Straße von Soissons Aufstellung genommen hatte und zum Angriff vorging. Bald entbrannte auf der ganzen Linie der Kampf. Napoleon konnte aber gegen die Übermacht der Blücherschen Armee nicht an. Es gelang ihm nur, dessen Vorposten aus Etouvelles zu vertreiben und den dortigen Paß über den Ardonbach zu besetzen. Im Laufe des Tages rückte dann östlich von ihm auf der Reimser Straße Marmont heran und suchte gleich um die linke Flanke Yorcks herumzufühlen, mit der deutlichen Absicht, ihm die Rückzugsstraße nach den Niederlanden abzugewinnen. Dem wurde rasch durch Kavallerie begegnet, Yorck zog seine Vorposten aus dem vor seiner Front liegenden Dorfe Athis heraus und ließ es anzünden, um ein verlustreiches Dorfgefecht zu vermeiden.
Von beiden Seiten wurde eifrig kanoniert. Aber der erwartete Sturmangriff der Franzosen unterblieb, und als der kurze Wintertag zu Ende ging, hatte der Feind sich damit begnügt, seinen Aufmarsch zu vollenden und vorteilhafte Angriffsstellungen für den nächsten Tag einzunehmen. Seine Truppen durften sich zur Ruhe begeben. Aber die Ruhe gönnte ihnen Yorck nicht. Er hatte ihre Passivität als ein Zeichen der Schwäche aufgefaßt und sich gleich entschlossen, sie beim Einbruch der Dunkelheit zu überfallen. Er holte die Genehmigung des Oberkommandos ein und traf sofort seine Anordnungen.
„Das Vorrücken geschieht in geschlossenen Kolonnen und lautlos, bis man an den Feind kommt. Es fällt kein Schuß, es wird nur mit dem Bajonett angegriffen“ – so lautete sein Befehl.
Alles setzte sich in Bewegung. Vorwärts ging es über den gefrorenen Boden gegen die Linie der feindlichen Feuer bis auf fünfhundert Schritt Entfernung.
Da brach auf einmal ein Höllenlärm los. Auf allen Trommeln wurde Sturm geschlagen, die Trompeten und Flügelhörner schmetterten und tuteten, und mit schallendem Hurra warfen sich die braven Schlesier auf den Feind, der, vollkommen überrascht, an keinen Widerstand dachte, Hals über Kopf floh und alles im Stich ließ. Er wurde kräftig verfolgt. Und nach ein paar Stunden konnte Yorck dem Hauptquartier melden, daß das ganze Korps Marmonts aufgerieben sei, seine gesamte Artillerie und Munition, Tausende von Toten und Gefangenen verloren und auch das anmarschierende Korps Mortiers mit in die Flucht gerissen hatte.
Napoleons Stellung war dadurch verzweifelt geworden. Er stand vor Etouvelles mit wenig über dreißigtausend Mann, seine beiden Flügel waren erschüttert, er hatte einen nunmehr dreifach überlegenen Feind sich gegenüber und den Engpaß von Etouvelles als einzige Rückzugsstraße. Wenn Blüchers Armee ihren Sieg ausnutzte und rasch weiter vorging, so war er verloren, denn er würde sich dann einer Umzingelung nicht mehr entziehen können.
Demgemäß wurde auch zunächst vom Oberkommando disponiert. Bülow und Wintzingerode sollten Napoleon festhalten, die anderen Korps von der Reimser Straße seine rechte Flanke umgehen, Sacken und Langeron um seine linke Flanke herumgreifen und versuchen, ihm die Straße nach Soissons zu verlegen.
Bei Anbruch des Tages war schon alles auf dem Marsch. Yorck triumphierte schon im voraus. Das Manöver konnte nicht mißlingen. Man hatte endlich den Löwen in der Falle! In ein paar Stunden wäre er umringt und vernichtet und der Krieg zu Ende. Alles drängte begeistert vorwärts, sich der Größe der bevorstehenden Entscheidung bewußt, und bereit, das Letzte herzugeben, um sie herbeiführen zu helfen.
Da fiel das eigene Hauptquartier dem ungestüm Vorwärtsdrängenden jäh in den Arm. Gneisenau sandte überallhin Konterorders und befahl, den so rüstig begonnenen Vormarsch einzustellen und in die alten Stellungen zurückzugehen.
Entgegen aller Vermutung war Napoleon zum Angriff geschritten, in der richtigen Voraussetzung, daß ein Feind, dessen Korps er erst kürzlich einzeln geschlagen hatte, es jetzt nicht wagen würde, sie noch einmal voneinander zu trennen, sondern vor allem bestrebt sein müßte, sie einem Angriff gegenüber jetzt sofort zusammenzufassen.
Er versuchte also, als der größere Menschenkenner, den Gegner zu bluffen, und der Versuch gelang.
Die Rückberufungsbefehle Gneisenaus flogen eiligst nach allen Seiten hinaus. Yorck bat, bei der Stange bleiben zu dürfen, er gab gute Gründe, er drohte, er fluchte, aber nichts half! Er, der sonst immer vom Hauptquartier angetrieben werden mußte, tat jetzt sein Äußerstes, um es zur Tat mitzureißen, aber vergebens.
Gneisenau war unerbittlich. Alles mußte zurück. Der sichere Triumph über den „Feind der Menschheit“ glitt Yorck aus den Händen. Er mußte gehorchen. Aber in sein Quartier zurückgekommen, befahl er seinen Wagen, ließ seine Koffer hineinwerfen, nahm Platz und fuhr ohne weiteres von seiner Armee fort.
Das ließ er sich nicht gefallen – das machte er nicht mehr mit! Da könnte kommandieren, wer wollte – er hatte es jetzt satt!
Zu dem Ärger, von Napoleon gefoppt zu sein, kamen jetzt bei Gneisenau die Schwierigkeiten mit Yorck.
Die Insubordination durfte nicht hingenommen werden. Aber einem Mann wie Yorck konnte man nicht einfach eine Kugel vor den Kopf geben.
Blücher allein vermochte da Wandel zu schaffen. Und Blücher war krank. Er fieberte, er phantasierte und nahm an allem Geschehen keinen Anteil.
So ruhte alle Verantwortung auf Gneisenaus Schultern. Und dieser sonst vor nichts zurückschreckende Mensch hatte eben seine „schwache“ Stunde gehabt.
Daß Blücher einen Sieg nicht bis zum Äußersten ausnützte, das war noch nicht dagewesen! Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Das empfand jetzt die ganze Armee. Er war entweder tot oder todkrank. Das stand fest. In beiden Fällen mußte ein neuer Oberbefehlshaber an seine Stelle treten. Das Kommando wäre dann einem von den russischen Generälen zugefallen, und das durfte auch nicht sein.
Die Krankheit Blüchers wurde also verheimlicht. Gneisenau amtierte in seinem Namen weiter – nicht aber, wie sonst, in seinem Sinn. Der Konflikt mit dem tüchtigsten Korpsführer der Armee war da und mußte aus der Welt geschafft werden! Tot oder lebend mußte Blücher auf der Bühne erscheinen und das besorgen. Aber wie das bewerkstelligen, wo der Alte in Fieberphantasien dalag und auf keine Anrede eine vernünftige Antwort gab?!
Gneisenau ging mit Müffling zu ihm hinein.
In einer Ecke des Krankenzimmers brannte, dicht verhangen, eine Lampe. Der Leibarzt Blüchers, Bieske, saß daneben, sanft eingeschlummert. Im Bett wälzte sich Blücher unruhig hin und her, die Augen mit einem alten grünseidenen Damenhut gegen das kaum merkbare Licht geschützt.
Die Augen schmerzten ihn. Ein zitterndes Flimmern lag über der Netzhaut, im Spiel der Farben wogte alles hin und her, Gestalten tauchten auf, drangen von allen Seiten auf ihn ein, schlossen die Glieder, zogen in endloser, dichtgedrängter Schar an ihm vorüber, ernst, langsam und würdig wie zu einer Trauerparade –, Offiziere in Gala-Uniform mit roten Kragen und hohen Blechmützen, die Gesichter ernst und blaß wie der Tod, die Augen geschlossen, feierliche Ruhe in den Zügen, an der Seite jedes einzelnen eine Frau in Trauer, den verschleierten Kopf schmerzvoll geneigt. So zogen sie ohne Unterbrechung an ihm vorbei, wo er draußen auf einem Felsen am Rhein stand. Aus allen Schluchten, aus allen Wäldern, aus allen Tälern ringsumher strömten sie in immer dichteren Scharen an ihn heran und nach dem Ufer des Rheins hinab, stiegen ins Flußtal hinunter und zogen dort weiter, immer weiter gegen die Abendsonne hin. Die Blechmützen glitzerten und blitzten, von den schwarzen Trauerschleiern der Frauen umwallt. – Wie ein Spiel der Wellen im Abendsonnenschein, so flimmerte es vor den Augen, verwob sich in der Ferne mit dem Widerschein auf dem Wasser und wurde zu einem einzigen Strom, der leuchtend und flammend sich weiter den Weg durch die Felsen fraß.
Die Augen schmerzten vom vielen Glanz! Da erhob sich plötzlich eine dunkle Masse dicht vor ihm. Ein Felsen wuchs aus der Erde, hart, eckig und knorrig – kein Felsen – eine menschliche Gestalt war’s, mit zwei Köpfen, in Wut verzerrt, die miteinander rauften, daß die ganze Gestalt ins Wanken kam. – Yorck war’s!
Blücher frohlockte! Da war er endlich hinter das Geheimnis Isegrims gekommen! Nicht einen –, _zwei_ gleich harte Köpfe hatte der alte Kerl, die sich stets widersprachen! Das war des Rätsels Lösung, deshalb war mit ihm nicht auszukommen!
Da fuhr ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf: Yorck hielt ebenso streng auf Ordnung bei seiner Truppe wie er selbst und duldete keine Troßwagen hinter der Marschkolonne.
„Mein Champagnerwagen!“ rief er plötzlich, setzte sich im Bett auf und hielt krampfhaft den alten grünen Hut über die Augen gepreßt. „Mein Champagnerwagen!“ Denn er hatte fürsorglich eine Fuhre Champagner direkt von der Quelle nach Hause senden lassen, und er gab seitdem seinen Mitarbeitern keine Ruhe, ehe er nicht diesen Schatz glücklich in Sicherheit jenseits der Grenze wußte.
„Mein Champagnerwagen!“ schrie er. „Sorgt nur dafür, daß der Isegrim ihn nicht erwischt. Der bärbeißige alte Kerl hat ja zwei Köpfe! Er hat _zwei Mäuler zum Saufen_! Er trinkt mir meuchlings den ganzen Krempel aus! Her mit Papier und Tinte! Ich muß es ihm schreiben –“
Müffling legte ihm ein Blatt Papier vor, und rasch, kaum leserlich, kritzelte Blücher ein paar Worte darauf, reichte ihm den Papierfetzen hin und sank ins Bett zurück. Eingedenk Ratkaus, wo dieser ihm auch etwas zum Unterschreiben ans Bett gebracht hatte, rief er ihm noch energisch zu: „Aber ich kapituliere nicht, Müffling, ich kapituliere nicht!“
Dann fiel er ins Bett zurück, blieb liegen und blickte bald Gneisenau, bald Müffling eigentümlich an.
„Komm Er her!“ rief er plötzlich. „Näher, nur immer näher, ich will Ihm etwas sagen!“
Müffling beugte sich zu ihm herab, und flüsternd und geheimnisvoll nickend, fing der Alte an:
„Weiß Er was? Ich habe ein Gefühl im Leib, als wäre ich mit einem Elefanten schwanger – es dehnt sich und dehnt sich – manchmal ist’s mir, als wäre mir die Stube schon zu eng – ich möchte nur wissen, wie das kommt – und auch, auf welchem Wege ich so’n Ungetüm wohl auf die Welt bringen werde?“
Das wurde Gneisenau zuviel. Entschlossen trat er an das Bett heran. In kurzem, scharfem Ton, der unbedingt die Aufmerksamkeit des Kranken erzwang, erzählte er von der Desertion Yorcks, die unbedingt die sofortige Dazwischenkunft des Oberkommandierenden erheischte, um peinliches Aufsehen zu vermeiden.
Blücher begriff. Die Wut packte ihn, verscheuchte im Nu die Fiebergespenster und machte seinen Geist sofort ganz klar.
„So’n Hundsmiserabler –, so’n Sauverfluchter! Und dabei hat der Kerl ganz recht! Wir sind im Unrecht! Himmeldonnerwetter, klappe ich einmal einen Augenblick zusammen, gleich geht alles schief! Wir hätten verfolgen sollen, Gneisenau – hätten bei der Stange bleiben müssen, wo wir endlich einmal den Kerl, den Korsen, im Sack hatten! Ja, sage Er einmal, Gneisenau, wo hatte Er das mit dem Hangen und Bangen nur plötzlich her? Das kenne ich sonst nicht bei Ihm? Es wäre schon besser, das Fieber hätte Ihn gepackt, nicht mich! Verflucht, daß ich gerade jetzt das Pech haben mußte, dazuliegen. Das muß ich wiedergutmachen. Her mit Tinte und Papier! – Er ist ein altes Ekel, ein ruppiger Hund, der Isegrim! Aber – wie prachtvoll hat er nicht soeben den Franzosen angebissen! – Nun, wo bleibt das Papier? Der Fetzen da taugt –, her damit!“
Er deutete auf seinen Brief, den er vorhin geschrieben hatte. Müffling reichte ihn ihm.
„Da steht schon etwas drauf!“ sagte Blücher, der alles bereits vergessen hatte. „Lese Er’s mir vor, die Augen schmerzen mir!“
Müffling las.
„Mein lieber, alter Freund!
So etwas tun wir beide einander doch nicht an. Was würde die Geschichte dann von uns sagen?
Ihr alter Blücher.“
„Betrifft den Champagnerwagen Eurer Exzellenz“, fügte Müffling dann aufklärend hinzu.
Blücher blickte ihn an.
„Ob’s Yorck betrifft, ob die Witwe Cliquot, steht jedenfalls nicht drin. Das taugt denn gleich gut für alle beide. Was soll ich mich da noch abquälen! Schicken wir das ab! Das genügt!“
So dachte auch Yorck, als der mit dem Briefe nachgesandte Kurier ihn noch am selben Tage erreichte. Denn ihn reute schon der übereilte Schritt. Er griff begierig nach der dargebotenen Hand, benutzte die ihm gebaute goldene Brücke, kehrte zu seinem Korps zurück, und alles war in bester Ordnung. Bis auf Napoleon, der aus der Umklammerung entschlüpft war, und hinter dem nun das Kesseltreiben weiterging. Blücher aber fiel in tiefen Schlaf und war von Stund ab fieberfrei. Er blieb zwar noch körperlich schwach, aber gewann sonst schnell die alte Energie wieder und trieb mit dem prachtvollen Feuer seines Geistes alles vorwärts aufs Ziel. Sogar seinen alten Körper bezwang er!
Der konnte zwar nicht in den Sattel hinauf, der mußte sich im Wagen mitschleppen lassen. Halb saß Blücher, halb lag er da, in Pelze eingewickelt, die Augen durch den grünen Damenhut geschützt.
So zog er langsam hinter dem von ihm entfesselten Sturm her und wurde von ihm mitgezogen. Und jetzt gab’s keine Hindernisse, keinen Widerstand mehr. Was in den Weg kam, wurde fortgefegt.
Napoleons kecker Versuch, durch einen schnellen Marsch nach dem Rhein die Feinde von seiner Hauptstadt abzuziehen, mißlang.
Die Hauptarmee zauderte wohl wie immer. Schwarzenberg wäre am liebsten zurückgelaufen, als er vom Zug Napoleons hörte, ließ sich aber schließlich doch bestimmen, ihm nur eine Reitertruppe zur Beobachtung nachzuschicken, und folgte dann langsam in Richtung Blücher, vorwärts auf Paris.
*
Am 31. März 1814 hielten der Zar aller Reußen und der König von Preußen an der Spitze ihrer Garden feierlichen Einzug in Paris.
Die Schlesische Armee durfte nicht mittun. Sie hatte die Hauptlast des ganzen Feldzuges getragen, hatte geblutet, gehungert, gefroren, Gewaltmärsche geleistet, Schlachten gewonnen, Festungen erobert, in Schnee und Eis notdürftig auf bloßem Boden biwakiert, von der Katzbach bis zum Montmartre Ungeheures verrichtet. Und jetzt, am Ziel, statt Ehren, Dank und reichen Lohn für alles ertragene Mühsal zu erhalten, mußte sie sich damit begnügen, aus der Ferne einen Blick ins Gelobte Land zu tun. Sie durfte von der Barriere des Montmartres die schöne Seinestadt zu ihren Füßen bewundern, die, von allen Herrlichkeiten und Genüssen der Welt erfüllt, sich dort unten ausbreitete. Sie mußte trockenes Kommisbrot essen und auf den Straßen biwakieren, statt in den Bürgerhäusern einquartiert zu werden.
Und vom König, für den sie geblutet hatten und dessen vornehmste Pflicht es gewesen wäre, aufs beste für sie zu sorgen, von ihm mußten sie hören: ihre Montierung wäre nicht propre genug; sie wäre zu zerrissen und unsauber, um beim feierlichen Einzug in diese glänzende Stadt damit paradieren zu können. Man konnte wohl den Krieg in Lumpen gewinnen, aber nie und nimmer in Lumpen triumphieren. Zum Triumphieren waren die Garden da. Dazu waren sie und ihre Uniformen die ganze Zeit geschont worden. Und, damit sie auch nicht zu spät kämen, um jener Ehre teilhaft zu werden, mußte die Schlesische Armee, die zwei Tage früher ohne Kampf hätte Paris nehmen können, auf Allerhöchsten Befehl einen Umweg um die Stadt machen. Die Folge war, daß die Marschälle Mortier und Marmont noch mit ihren Truppen zur Verteidigung herankommen konnten, und daß noch viel Blut fließen mußte, ehe Paris sich ergab. Auch vom geheiligten Blut der Garden, die sich mit gewohnter Tapferkeit schlugen, als sie endlich mal ran durften.
Blücher machte aus Wut den Einzug nicht mit.
Yorck lehnte auch ab mit der Begründung, er hätte keine Pariser Kleider mit.
Blücher war gesundheitlich wieder obenan. Seine Augen mußten aber immer noch von einem Schirm geschützt werden. Mit dem grünen Damenhut wagte er aber bei all seiner Tapferkeit den Parisern doch nicht zu kommen. Zu Pferd war er noch nicht gewesen. Aber sein Mundwerk war wieder instand, und die Galle funktionierte, wie sie sollte.