Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 28

Chapter 283,755 wordsPublic domain

„Und jetzt, was machen wir jetzt! Sechs Wochen lang stehen wir schon am Rhein und dürfen nicht hinüber. Unsere Herren Fürsten stehen da und gucken ins Wasser und finden es tief und finden es breit, und schütteln die Köpfe und machen bedenkliche Gesichter. Der König will nicht, der Kanzler will nicht, das Große Hauptquartier will verhandeln, die Russen wollen heim in ihr Land. Keiner wagt den Sprung! Inzwischen wird Napoleon wieder stark – und wir müssen wieder bluten!“

So schrien und tobten sie erregt durcheinander, und der Tabaksqualm legte sich in immer dichteren Wolken über sie und zog in langen Ringeln unter dem Gewölbe hin, durch die Tür hinaus.

Blücher saß unbeweglich in einer Ecke und ließ sich nichts merken.

Am Ende des Mitteltisches, etwas abseits von den anderen, saß allein und schweigend ein großer, starker Kerl in Infanterieuniform und trank in aller Ruhe mit tiefen Zügen einen Schoppen nach dem anderen. Mit jedem Glas wurde sein Gesicht röter und seine Augen stierer. Er schien sich gewaltig zu giften über all das, was die anderen vorbrachten, und kam immer mehr in Wut.

Schließlich fegte er Glas und Kanne vom Tisch herunter, stand auf, zog die Plempe, schwang sie mit beiden Händen hoch über den Kopf und ließ sie mit voller Wucht auf die Tischscheibe niedersausen.

„Borussia!“ schrie er, daß es im Saal dröhnte und alles verstummte und sich zu ihm umwandte. „Borussia, wach auf! Von allen Seiten umschleichen dich Feinde! Ringsum lauern falsche Freunde darauf, dich zu knebeln!

Denn du bist das Herz Deutschlands, die Wurzel seiner Kraft, die Quelle seines Blutes und der stählerne Ring, der bestimmt ist, all die deutschen Stämme zusammenzuhalten und stark und mächtig zu machen. Hüte dich vor deinen schwachen Stunden, Borussia, laß dir kein Gift in die Ohren träufeln – wehr dich gegen die Falschheit derer, die ihre Dolche mit Friedenspalmen verdecken! Wehr dich, sonst hast du umsonst geblutet, ohne Nutzen den Kampf um die Freiheit geführt. Ohnmacht, Armut, Knechtschaft, Schmach und Demütigung vor Fremden wird dein sicheres Los! Höre nicht auf den Sirenengesang! Laß deine Knappen mit ihren Schwertern auf ihre Schilde schlagen, daß du die Stimme der Verlockung nicht hörst. Du ließest dich schon zu oft täuschen! Du ließest dich zu Boden werfen, wurdest ausgeplündert und zum Frondienst gezwungen! Und nun, wo der Himmel ein Wunder tat und deine Fesseln löste, wo du weiter nichts zu tun brauchst, als die Hand auszustrecken und zu nehmen, was dein ist, da läßt du dich beschwatzen, auf die Segnungen einer fernen Zukunft vertrösten, wo die Gegenwart dir blüht wie noch nie!

Borussia, wach auf! Sieh in der Sonne den Rheinstrom glitzern! Sieh sein heiliges Band alle deutschen Gaue umschlingen! Frei wälzt er seine Wogen dem Meere zu, an beiden Ufern wieder deutsch, wie er’s immer war, wenn du nur wolltest. Laß nur nicht die Welschen an ihn heran! Die bleiben nicht wie du träumend an seinem Ufer stehen! Die werden stets zu neuen Raubzügen hinüberwollen, dir Mark und Blut aussaugen und sorgsam verhüten, daß du jemals wieder zu Kraft und Macht erstarkst! Borussia, wach auf!“

„Die schläft schon nicht, junger Mann!“ sagte Blücher, trat aus seiner Nische ins Licht hinaus, ein Glas in der einen, ein paar Flaschen in der anderen Hand, und setzte sich an das andere Ende des langen Tisches. „Denn das ist kein Schlaf mehr! Da gehört ein ganz anderes Wecken dazu, als Sein bißchen Krähen! Da helfen auch nicht die Posaunen des Jüngsten Gerichts! Bei der dicken Schlafmütze, die die Sicherheitskommissariusse der Madame über die Ohren gezogen haben, könnte der Himmel herabfallen, und sie merkte nichts. Die wacht nicht uff. Wir geben ihr wohl mitunter einen Schubs und bringen sie auf die Beine, daß sie Anlauf nimmt und im Schlafe siegt. Und dann fällt sie um und träumt vom ewigen Frieden! Und der Feind, der Herr Napoleon, der niemals schläft und niemals träumt, er lacht sich ins Fäustchen und geht ihr immer wieder durch die Lappen. An der Saale hätten wir ihn jetzt packen können, an der Unstrut auch! Bei Auerstedt, wo er uns schlug, hätte er zur Wiedervergeltung eins auf die Mütze haben müssen – bei Erfurt, wo wir früher einmal vor ihm kapitulierten, bei Fulda, überall wäre er geliefert gewesen, wenn wir bei der Stange geblieben wären und zugelangt hätten. Am Hörselberge hinter Gotha, wo wir nach Jena so brav vor ihm gelaufen waren, da rächten wir uns aber in echt deutscher Weise – da ließen wir ihn ebensogut vor uns laufen, gerade als seine Vernichtung sicher war. Da spielten wir immer noch auf höheren Befehl Blindekuh und sagten uns: ‚Nee, da läuft er nich, wo er läuft! Er läuft sicher anderswo!‘ Und kletterten über die Vogelsberge und guckten in das Lahntal hinein und wunderten uns baß, daß er uns nicht den Gefallen tat, uns auch da etwas vorzulaufen.

Und nun sitzt er hinterm Rhein und pflegt seine Frostbeulen und salbt seine wunden Füße. Und wir sitzen diesseits und blasen auf der Friedensschalmei und tanzen und vergnügen uns. Nun ja – hübsch sind ihre Mädchen, das muß ich den Rheinländern lassen! Und ihre Weine – – Na, komme Er her zu mir, junger Mann, brechen wir miteinander dieser Pulle den Hals! Da drin ist Sonnenschein – da drin ist Glut und froher Mut, aber keine solche Wut, wie Er sich wohl aus Seinem Surius drüben angetrunken hat! Sieht Er, schöne Redensarten, die kann ich auch machen! Nun will ich Ihm aber auch vormachen, wie man den Mund hält, wo’s gilt, eine Tat für ein Wort zu setzen! Prost! Gieße Er den Rebensaft die Kehle runter! Und keinen Ton dabei – keinen Ton, auf daß Ihm nicht die Galle übertritt. Siebzehn Jahre wollen wir wieder werden, voll guter Laune, Übermut, Tollheit und schwellender Kraft, die singt und jauchzt und sich des Daseins zu freuen weiß. Dann sind wir morgen andere Kerle, und die Welt wird uns neu und frisch und keusch wie eine aufblühende Jungfer, die dem gehört, der sie ohne Federlesens zu nehmen versteht, aber nimmermehr dem Worthelden, der über seinem Gefasel das Zupacken vergißt. Wir _tun_, was _wir_ tun! Wir lassen Schufte und Gauner Schufte und Gauner sein! Wir haben anderes zu tun, als dem Gesindel Galgen zu errichten und Strafpredigten zu halten! Prost!“

Trotz seinem Schweigegebot versäumte er es aber auch nicht, selbst das Wort zu nehmen und eine Rede zu schwingen, sooft nur der Geist über ihn kam.

Der andere hatte ihm eben nur das Wort aus dem Munde genommen und das ausgesprochen, wovon er just im Begriff war, selbst überzusprudeln.

„Solche Leute muß man beizeiten dazu bringen, den Mund zu halten“, dachte er schmunzelnd. „Denn sagen sie zuviel, dann verderben sie einem nur das Spiel!“

*

Am Neujahrstag in aller Frühe hielt Blücher dann hoch zu Roß auf den Hügeln des Rheinufers bei Caub und blickte in den grauen Tag hinein.

Unter ihm schlängelte sich die dunkle Masse seiner braven Armee über die Schiffsbrücke nach der kleinen Insel mitten im Fluß, wo die alte Pfalz liegt, und weiter nach dem jenseitigen Ufer, die Hügel hinauf.

Die Felsen warfen in immer wachsendem Echo das Hurra und das Freudengeschrei hinüber und herüber und kündeten den Landeskindern jenseits des Rheins: jetzt ist die Schmach getilgt, jetzt seid ihr wieder Deutsche, wie ihr es immer wart und immer wieder werdet, was auch kommen mag.

Dem alten Kämpfer schwoll das Herz vor Freude, er jauchzte mit, und durch die Tränen, die ihm aus den Augen quollen, sah er sieben Sonnen, und alle gingen sie ihm heute drüben, im Westen, auf. Drüben lag befreites deutsches Land! Drüben lief der Feind, was das Zeug hielt –, drüben lag Paris! –

Ein Katzensprung nur, und Paris war sein, die Höhle des Löwen ausgehoben, der Quell alles Unheils verstopft, der Feind der Völker von seiner ragenden Höhe gestürzt! Nichts könnte mehr etwas daran ändern!

Drüben liefen ja die Franzosen – – –

Sie liefen – ließen aber drüben im befreiten Lande eine Grenzwache zurück, der weder Pulver noch Blei etwas anhaben konnte: – den Typhus! Und der machte seine Sache so brav, daß allein vom Yorckschen Korps fünftausend Mann ins Gras beißen mußten. Dem Typhus zur Seite wütete ein noch unheimlicherer Feind: der Meuchelmord, der in jedem Bauernhause lauerte, je weiter man ins rein französische Land drang. Denn es war ja ein schwerer und unverzeihlicher Frevel von den Deutschen, den geheiligten französischen Boden mit Krieg zu überziehen! Wozu waren die deutschen Gaue da? War es nicht seit altersher den Völkern zur Gewohnheit geworden und also zum Recht, dort ihren Hader auszutragen und ihre Streitrosse zu tummeln?! Hatten sie nicht den Deutschen dafür gedankt, indem sie ihr Land nicht nur gnädigst ausplünderten, sondern es auch mit den schönsten Ruinen schmückten?!

Kein Mühsal, keine Gefahr, keine Seuchen, gar nichts vermochte aber das Ungestüm der Schlesischen Armee und ihres Führers zu brechen.

Unaufhaltsam drang sie auf ihr Ziel vor, ob die anderen Heere folgten oder nicht.

An Bernadotte brauchte Blücher nicht mehr zu schleppen, da diesem Helden, nach seiner gloriosen Leistung bei Leipzig, das Kommando der Nordarmee genommen worden war.

Und die Hauptarmee mit ihrem ganzen Troß von Monarchen, Fürsten und Diplomaten, kümmerte ihn zunächst wenig.

Die schleppte sich im gewohnten Tempo, fern vom Schuß, bei Basel über den Rhein nach Frankreich hinein, blieb dort auf der Hochebene von Langres staunend stehen, und bewunderte die sonderbare Eigenschaft dieser Wasserscheide, von dort nach drei verschiedenen Meeren gleichzeitig ihr Wasser lassen zu können.

Von all den Flüssen, die dort ihren Anfang nehmen, trug, wie zu billigen, die Seine den Sieg über die anderen davon.

Aber schon ehe die Hauptarmee ihre schwerfällige Masse nach dem Seinetal in Bewegung setzte, fingen die Diplomaten Österreichs, unter Metternichs Führung, wieder an, dem Schwiegersohn ihres Kaisers auf der Friedensschalmei ein Ständchen zu blasen, und boten ihm die alten Grenzen Frankreichs von 1792 an und den ungestörten Besitz seines Thrones für immer und ewig –, was in unserer Laiensprache so viel wie bis zum nächsten Krieg heißt. Denn Napoleon war ja, wie auch der preußische General von Knesebeck hervorhob –, er war ein förmlich anerkannter und recte gesalbter Monarch – er war Herrscher von Gottes Gnaden und hatte also zum mindesten auf die Gnade der Mitmonarchen einen Anspruch.

Napoleon sah das auch ein, ließ sich gnädigst herbei, mit seinen Überwindern zu verhandeln, und schickte zu dem Zwecke seine Friedensboten nach Chatillon.

Da war es wieder Blücher, der den friedfertigen Kampfgenossen in den Arm fiel – aber in einer von ihm selbst am allerwenigsten beabsichtigten Weise, indem er sich an der Marne gründlich – nicht _ein_-, sondern _fünfmal_ von Napoleon schlagen ließ.

Denn der Korse, der da seine schönsten Löwensprünge machte und bald dem einen, bald dem andern von den ihn umstellenden Jägern an die Kehle sprang und tüchtig zauste, der fühlte sich wieder als Herr und Gebieter und Bändiger der ganzen Welt.

Er schlug die einzeln marschierenden Korps der Blücherschen Armee nacheinander bei Montmirail, bei Château Thierry, Vauxchamps und Etoges. Er schlug Wrede und Wittgenstein bei Nangis und den Kronprinzen von Württemberg bei Montereau. Und der Kamm schwoll ihm mächtig.

Er sah, wie die Schar seiner Angreifer anfing langsam wieder nach dem Rhein zurückzufluten.

Bald würde er sie da hinüberwerfen und gänzlich vernichten!

Er hörte schon seine leicht erregten Pariser über die Siegesbotschaften und die vielen Gefangenen jubeln.

Sie würden ihm alles bewilligen, der neuen Gloire jedes Opfer bringen! Also keine Rede von Verhandlungen mehr!

Er würde den Völkern wieder den Frieden diktieren, wie sie es von ihm gewohnt waren! Fort mit den Schreibern und Diplomaten mitsamt ihren schlauen Finten und krummen Wegen! Ein Hieb des Schwertes zur rechten Zeit – das bliebe stets die einfachste und wirksamste Diplomatie!

Napoleon bedankte sich also für die Gnade, die ihm die deutschen Fürsten gewähren wollten, lehnte die Unversehrtheit eines verkleinerten Reiches und den Besitz eines nur auf französischem Boden fußenden Thrones ab, rief seine Unterhändler zurück und stand wieder kampfbereit da, mit zermürbten Armeen, aber im vollen Glanz seines Genies und seines Siegerruhmes, drohend, gewaltig, gefürchtet.

Da war’s wieder Blücher, der sich nicht blenden und verblüffen ließ. An Genie dem Gegner gleich, an urwüchsigem Temperament ihm überlegen, hielt er stand, wo alles weichen wollte, gebot dem Imperator Halt und lenkte die rückwärtsstrebende Bewegung wieder vorwärts.

Und die Saumseligen folgten schweren Herzens und ergaben sich in ihr Schicksal, die Früchte ihrer Siege pflücken zu müssen.

*

„_Sa Majesté l’empereur_“

stand es mit großen Buchstaben mit Kreide auf einer der Türen im Korridor. An der Tür zwei Gardisten in hohen Bärenfellmützen, die Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett geschultert.

Ein Adjutant kam eiligst die Treppe herauf, den Korridor entlang und auf die Tür zu. Die Wachen präsentierten.

Der Adjutant streckte die Hand nach der Klinke aus. Da öffnete sich die Tür, ein paar Ordonnanzen kamen eiligst heraus, die zusammengefalteten Zettel mit den soeben vom Kaiser diktierten Befehlen in der Hand, salutierten und eilten die Treppe hinunter.

Gleich hinter ihnen trat Napoleon aus der Tür heraus, den grauen Mantel noch offen, den dreieckigen schwarzen Hut auf dem Kopf. In seinem Gefolge waren Berthier und Caulaincourt.

Der Adjutant grüßte.

„Sire, es ist höchste Zeit. Die Kosaken sind in der Stadt!“

Napoleon machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ging an das Fenster gegenüber und blickte, die Arme über die Brust verschränkt, über die Stadt und die Gegend hinaus.

Wie oft hatte er nicht über diese Hügel, über diesen Fluß, diese Wälder geblickt, als er noch Zögling der Königlichen Kriegsschule hier zu Brienne war!

Von hier aus hatte seine Meteorenlaufbahn ihren blendenden Anfang genommen – hier war das Tor, durch das er ins bunte Abenteuer seines märchenhaften Daseins hinausgeschritten war.

Jetzt mußte er wieder hier durch – zurück ins ungewisse, mit bitteren Erfahrungen beladen, ohne den unbeugsamen Glauben, ohne das feste Vertrauen auf das Glück, das Berge versetzt. Das Mißlingen war auch bei ihm in den Bereich des Möglichen gerückt, seine Bahn zum Ausgangspunkt zurückgebogen! Mußte er wieder anfangen –, wieder die Schulbank drücken, wie damals, als ihm nichts unmöglich, keine Aufgabe zu schwer erschienen war? Hatte er seine Schulaufgabe fürs Leben schlecht gelernt? Bekam er sie jetzt zur Wiederholung und zum Besserlernen zurück? Wenn er auch noch tausendmal die Kraft zum Umlernen aufbringen würde –, hätte er wohl noch den Mut, die Lust – die Zeit dazu? War’s überhaupt der Mühe wert? War nicht alles eitel – nichtig –, zum Überdruß fade?

Aus der Tiefe knallten Flintenschüsse, scharf, schneidend! Sie kamen näher.

Der Kaiser erhob sein Haupt mit einem Ruck, wie ein altes Kutschpferd, das wieder den Knall der Peitsche hört, knöpfte den grauen Überrock zu und ging mit festen Schritten den Korridor entlang, über dessen Steinfliesen die sinkende Winternachmittagssonne ihren bunten Schein goß, und ging rasch die Treppe hinunter, von seinen Adjutanten und Generalstabsoffizieren und auch von den Wachtposten gefolgt. Gleich darauf rasselten Hufschläge von Pferden übers Pflaster. Die Flintenschüsse kamen näher, Hurrarufe mischten sich hinein, Stimmengewirr und rasche Tritte auf der Treppe wurden laut.

Dann kamen bärtige Gestalten herauf, die Lammfellmütze schief auf dem einen Ohr, Piken in den Händen, die Säbel am Boden schleifend. Voran ein Offizier, neben ihm der Korporal, eine Liste in der Hand.

Der Offizier zeigte auf die Türen im langen Korridor und sprach bei jeder einen Namen aus. Der Korporal schrieb jedesmal den Namen auf die betreffende Tür.

Sie blieben an der Tür stehen, durch die Napoleon gekommen war. Die Sonne war tiefer gesunken. Ihre Strahlen fielen gerade durch das Fenster und warfen ein buntes Farbenspiel über die Aufschrift.

„_Sa Majesté l’empereur!_“ las der Offizier. „Ist gut! Da brauchen wir uns die Zimmer nicht erst anzusehen. Da kommt der Obergeneral hinein!“

Der Korporal ließ sein Kreidestück, das er schon im Anhieb hielt, auf den Türspiegel fallen und schrieb einen Namen hin.

„Feldmarschall Blücher“

stand da in großen Buchstaben unter der alten Aufschrift zu lesen.

Ein Wink des Offiziers, und zwei Kosaken stellten sich jetzt rechts und links von der Tür als Posten auf. Die Sonne draußen war schon halb hinter die Hügel gesunken, ihre letzten Strahlen röteten nur noch ein wenig das weißgetünchte Dach. Es dämmerte schon. Der Offizier befahl, die Kerzen in den Laternen auf den Treppenpfosten und an den Wänden anzuzünden, und ging mit seinen Leuten weiter.

Bald danach hallte das ganze Schloß von lauten Stimmen, schallendem Gelächter, Säbelgerassel und Sporenklirren wider. Die Treppe kam’s herauf, und bald waren sie da: eine Schar von Offizieren, allen voran der Feldmarschall Blücher, und mit ihm seine Adjutanten: von der Goltz, Graf Nostiz, Gneisenau und andere.

Die Wachen salutierten, die Adjutanten öffneten die Tür, alle traten ein.

Im großen Saale stand noch der Tisch gedeckt. Die Speisen waren unberührt. Bei der Eile des Aufbruchs hatte die Bedienung alles stehen- und liegenlassen, wie es war.

„Der Kaiser sorgt gut für seine Gäste!“ rief der Feldmarschall. „Zu Tisch denn! Ich habe einen mordmäßigen Hunger! Die Flaschen drüben auf der Kredenz sehen nicht übel aus. Rasch eingeschenkt! Auf unseren Gastgeber –, auf daß ihm der Deibel bald holt!“

Sie tranken.

Ein Krachen. In der Ecke des Saales barsten die Balken, Schutt und Gips flogen ringsumher. Eine Kanonenkugel hatte eingeschlagen und war durch den Boden weitergegangen.

„Er blieb uns die Antwort nicht schuldig!“ lachte Blücher. „Der Kaiser wußte, wo die Suppenschüssel stand, und war wohlerzogen genug, uns nicht hineinzuspucken! Prost Mahlzeit, meine Herren! Der Wein ist gut! Kümmert euch nicht um den Schutt!“ rief er den Ordonnanzen zu, die sich gleich daranmachten, aufzuräumen. „Das Haus gehört uns nicht. Wir brauchen’s nicht zu reparieren!

Laßt es euch gut schmecken, Kinder! Hoffentlich haben’s unsere Pferde auch nach Wunsch?“

Der Adjutant, Graf Nostiz, gab zur Antwort, für die Pferde wäre bestens gesorgt.

Er hatte auch alles angeordnet, aber in seiner eigenen Weise, indem er sie nicht in die Stallungen, sondern nur um die Ecke des Schlosses führen und dort gesattelt bereithalten ließ. Denn ihm schien es hier noch nicht ganz geheuer und auch nicht sicher, daß Brienne endgültig in der Hand der Deutschen bliebe und nicht noch von den Franzosen durch einen Handstreich wiedergewonnen werden konnte. Zum mindesten fand er es verfrüht, schon jetzt das Hauptquartier hineinzuverlegen, ehe die Truppen das Glacis fest in der Hand hatten. Aber das Ungestüm des Feldmarschalls war nimmer zu bändigen.

Nostiz ging mit dem Grafen Goltz auf die Terrasse hinaus, blickte in die Dämmerung hinein und dankte gleich dem Himmel, daß er so fürsorglich alles angeordnet hatte. Denn kaum war er draußen, so pfiffen ihm schon die Flintenkugeln um die Ohren, und die Scheiben in den Glastüren gingen klingend in Scherben. Kein Zweifel, der Kaiser war nicht gesonnen, Feinde hier mitten unter seinen Jugenderinnerungen hausen zu lassen.

Er ging schon angriffsweise vor, kaum daß man sich in seinem warmen Neste zur Ruhe gesetzt hatte, und war schon im Begriff, das ganze feindliche Hauptquartier mit dem Feldmarschall und allen durch einen kühnen Handstreich aufzuheben und in seine Gewalt zu bringen.

Sie eilten hinein. Es hielt aber schwer, den eigensinnigen alten Blücher dazu zu bringen, das Schloß, in dem er schon anfing sich wohl zu fühlen, gleich wieder zu verlassen.

Erst als die Schießerei immer näher kam, ließ er sich überreden, hinunterzugehen und die Pferde zu besteigen.

Es war aber fast zu spät. Kaum auf der Straße, galoppierten ihnen fliehende Kosaken mit den Rufen „Franzuski!“ entgegen, und hinter ihnen her klabasterten schon flinke kleine Chasseurs mit einer Schnelligkeit, daß die Roßschweife an ihren Helmen wie Schleier hinter ihren Häuptern flatterten.

Mit Not gelang es noch, durch flinkes Einbiegen in eine Nebenstraße über die Felder zu entkommen. Dort aber drehte sich Blücher um, blickte nach der Stadt zurück, wo schon aus allen Fenstern Lichter blinkten, und wo der Lärm des Straßenkampfes immer lauter durch das Dunkel tobte, und sagte: „Bilde dich nur nicht ein, daß du dorten lange ruhig schlafen wirst!“

Als er aber nach einigen Tagen, nachdem er Napoleon geschlagen hatte, wieder nach Brienne kam und ins Schloß hineinzog, um drinnen doch das letzte Wort zu haben, da prangte auf der Tür im Korridor nicht nur über den Worten „Feldmarschall Blücher“, sondern auch unter ihnen die Inschrift: „_Sa Majesté l’empereur_“.

Stracks nahm er aus der Hand seines Quartiermachers, der schon wieder bei der Arbeit war und von Tür zu Tür pilgerte, die Kreide, machte einen Strich quer durch die Rechnung und schrieb eigenhändig darunter:

„_Blücher_“.

„Die Fremdenliste wäre nun in Ordnung“, sagte er schmunzelnd, gab ein Zeichen, die Tür zu öffnen, und befahl auch schleunigst, für Speise und Trank zu sorgen. Denn heute sei man bei sich selbst zu Gast, und man müsse doch für seine Gäste sorgen!

„Nachher können wir darangehen, mit dem Herrn Napoleon um das nächste Hotel zu raufen!“ fügte er hinzu. „Und mir soll’s recht sein, wenn’s sein Palais in Paris ist!“

Für heute ließ er sich’s aber beim Feldmarschall Blücher in Brienne gut schmecken, und wurde dabei von keinen lose herumstrolchenden Kugeln aus kaiserlichen Flinten und Kanonen mehr gestört.

*

„Heute war man im Hauptquartier knieschwach mit Bescheid“, sagte Yorck halblaut, als er durch den Abend von Laon nach seinem Quartier in Chambry ritt. „Dem Feldmarschall schien es heute nicht sosehr wie sonst daran gelegen zu sein, das Tanzbein zu schwingen!“

Er schlug die Schneeflocken vom Rockärmel, hielt sein Pferd an und blickte über die Gegend hinaus.

Der kurze Märztag neigte sich seinem Ende zu. Durch das dünne Schneegestöber sah man noch, wie durch einen Schleier, die kleine Stadt Laon auf ihrem Felsen aus der Ebene ragen, auf dem Rand des höchsten Plateaus eine Reihe von Windmühlen, die sich scharf gegen den Himmel abzeichneten.

Tausende von Lichtern glitzerten überall. Den Fuß des Felsens säumten die Biwakfeuer von Bülows Preußen. Rechts und links davon, durch die Vorstädte, bis weit über die Ebene hinaus, zeigten Feuer an Feuer die weitere Aufstellung von Blüchers Armee an.

Hinter den Sümpfen, der Stadt gegenüber, auf der Senkung des dort verlaufenden niedrigen Plateaus, rückten die Franzosen heran.

Nach dem unentschiedenen Gefecht bei Craonne, am vorhergehenden Tage, war Napoleon selbst mit seinen Garden den weichenden Truppen Wintzingerodes auf der Straße von Soissons hierher gefolgt und hatte sie aus dem Paß bei Etouvelles über den Ardonbach zurückgeworfen.

Östlich von ihm, auf der Straße von Reims, rückte Marmont auf das gleiche Ziel zu.

Blücher hatte hinter dem Felsen von Laon die beiden russischen Korps Sacken und Langeron als Reserve aufgestellt, um je nach der Kampflage rechts oder links hinter der Stadt vorzubrechen.

Nach seiner Vereinigung mit Bülows über Holland heranmarschierten Truppen war er jetzt Napoleon doppelt überlegen. Er hatte auch vollständige Selbständigkeit von der Hauptarmee erlangt und brauchte sich um die langsamen Bewegungen Schwarzenbergs nicht zu kümmern.

Nichts würde ihn daran hindern können, die letzte Scharte auszuwetzen und dem Korsen die heimtückischen Überfälle an der Marne heimzuzahlen! So hatte er sich heute Yorck gegenüber geäußert, aber nicht in seiner gewohnten energischen Weise, sondern mit einem müden, abgespannten Ausdruck in der Stimme, der seinen Worten geradezu widersprach.

Yorck lachte noch hämisch darüber, als er langsam durch das Schneegestöber weiterritt.