Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Part 27

Chapter 273,486 wordsPublic domain

Ob der Kaiser Alexander ihm das wohl wiedervergelten täte, wenn diese Schlacht fehlginge, was ja schon sein könnte? Ob der’s ihm heimzahlen würde, daß er nach der unglücklichen Schlacht bei Austerlitz gleich einen Separatfrieden mit Napoleon machte und sich verpflichtete, die verbündete russische Armee außer Landes zu schicken? Ob der Zar nun seinerseits _ihn_ im Stich lassen würde? Ganz war dem jungen Menschen doch nicht zu trauen!

Kaiser Franz stand auf und ging zu seinem lieben Vetter Alexander hin. Auch der König von Preußen trat hinzu.

Der König war jetzt mit einer Frage geladen und kaute sich bereits die Worte zurecht.

Er nahm den Arm Alexanders und zog ihn zur Seite.

Er hatte ausgerechnet, daß Napoleon schon am sechzehnten hätte kapitulieren müssen, wenn Bernadotte mit der Nordarmee und die Reservearmee Bennigsens rechtzeitig zur Stelle gewesen wären. Man hätte dann annähernd dreimal hunderttausend Mann beisammen gehabt, gegen die Napoleon keine zweihunderttausend aufstellen konnte. Man hatte also eine erdrückende Übermacht.

Und trotzdem ging’s nicht recht vorwärts. Die Meldungen bestätigten, was man auch von hier aus mit eigenen Augen sehen konnte, daß die Österreicher, die auf dem linken Flügel unter Hessen-Homburg von Markkleeberg gegen Connewitz vorgingen, gegen Poniatowskis Polen nicht recht vorwärts kamen. Und gegen die Hauptmacht Napoleons bei Probstheida, gerade vor ihnen, konnten Preußen und Russen unter Kleist und Barclay de Tolly auch keine nennenswerten Fortschritte aufweisen, trotz allem Aufwand an Pulver und Blei – von ihrem Heldenmut nicht zu reden. Da kommandierte aber auch Napoleon selbst, und unter ihm Angereau, Victor, Lauriston, Murat, also lauter kriegserprobte Leute. Der König war besorgt.

Er blickte trübe in den Pulverqualm hinein, der über der Ebene lag und aus dem immerfort Blitze herausschossen, vom scharfen Aufbellen der Geschütze begleitet.

Die Trompeten schmetterten, das Gewehrfeuer prasselte wie Hagelkörner an die Fensterscheiben, das Rattern der Trommeln, das Wiehern der Pferde, das Schreien der Sterbenden, das Rasseln der Fuhrwerke, alles vereinigte sich zu einem einzigen ohrenbetäubenden Gedröhn, das über der Gegend lag.

Dann und wann zerriß der Wind die Pulverwolke, und marschierende Truppen, vorspringende Schützenschwärme –, galoppierende Reitermassen kamen zum Vorschein und verschwanden wieder in dem Qualm.

Über dem Ganzen der herrlichste Sonnenschein, der das bis gestern herrschende Regenwetter abgelöst hatte.

Gegen mittag wurde bei den Franzosen eine gewisse Nervosität merkbar. Man schien einen Sturm zu planen, um sich Luft zu schaffen.

Eine Vorwärtsbewegung kam aber nicht zustande. Rückwärts ging es auch nicht. Der ganze Ring der französischen Truppen südlich um Leipzig herum, gegen den die Verbündeten anstürmten, stand noch fest und ohne Wanken da, soweit das Auge vom Colmberg aus blicken konnte.

Die Unruhe drüben deutete also darauf, daß bei den Franzosen von den Schlachtfeldern nördlich und östlich von Leipzig irgendwelche Nachrichten eingegangen waren. Ob günstige oder ungünstige, ob’s Ansturm oder Rückzug gäbe, würde sich bald zeigen.

Endlich liefen auch auf dem Monarchenhügel Meldungen ein.

Im Nordosten hatte Langeron mit seinen Russen Ney und Marmont aus Schönefeld an der Parthe auf die Vorstädte von Leipzig zurückgeworfen.

Im Osten griff endlich Bernadotte ein. Seine Preußen unter Bülow hatten Paunsdorf gestürmt und Reynier, der es verteidigte, bis unter die Mauern Leipzigs gejagt.

Dann traf von Bennigsen im Süden die Meldung ein, Holzhausen wäre genommen und Macdonald zurückgetrieben. Dreitausend Sachsen und einige Schwadronen württembergischer Reiterei wären von Napoleon abgefallen.

„Die Nervosität drüben deutet also auf Rückzug!“ sagte Kaiser Alexander. „Er hat genug. Er wird die Schlacht abbauen! Wollen nachhelfen!“

Und dann gab er Befehle. Die Adjutanten flogen in alle Richtungen, es kam bald wieder Bewegung in das Ganze –, mit lautem Hurra wurde von allen Seiten wütend gegen das französische Zentrum Probstheida angestürmt, aber umsonst.

Der Feind wich nicht und wankte nicht.

Es galt für ihn den Rückzug zu sichern. Auf der von Kaiser Franz freigegebenen Straße über Lindenau hatte Napoleon bereits Bertrand nach Weißenfels vorausgesandt, um Brücken über die Saale zu schlagen. Und jetzt, bei beginnender Dämmerung, fingen die französischen Kolonnen schon an, sich über den Ranstädter Seitenweg aus der Stadt hinauszuschieben, und schlüpften so allmählich Regiment für Regiment aus dem feuerspeienden Ring heraus, den die verbündeten Truppen um sie geschlagen hatten.

Napoleon gab also die Schlacht verloren.

Freudestrahlend galoppierte Schwarzenberg mit der Siegesnachricht heran. Und die drei Monarchen sanken bewegt in die Knie und dankten inbrünstig dem Himmel für den Sieg, den ihnen ihre Völker mit ihrem Blut und Aufopferung von Leben und Gesundheit erstritten hatten. Sie schoben somit dem Himmel diese Tat zu und waren alsdann der Pflicht überhoben, ihren Völkern dafür zu danken.

Die Völker hatten einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan. Die konnten dann, nach glücklich beendigter Löwenjagd und Erlegung des Wildes, wieder an die Kette gelegt werden, damit sie kein Unheil anrichteten und nicht am Ende jetzt, nachdem sie Blut geleckt und die Freiheit von fremder Tyrannei erstritten, auch noch der heimischen los und ledig sein wollten.

Drüben hinter Probstheida, an der Tabaksmühle, saß in der Dämmerung müde und zusammengebrochen der gefallene Herr der Welt am Biwakfeuer.

Um ihn herum wankte alles. Sein ganzes Werk – der stolze Bau seines Weltreiches, von keiner inneren Notwendigkeit getragen, von seinem Ehrgeiz nur und durch die Macht seiner gewaltigen Persönlichkeit zusammengekittet, drohte zusammenzustürzen. Stück für Stück bröckelte es bereits ab und würde am Ende ihn selbst unter seinen Trümmern begraben.

Und was bliebe davon übrig?

Der Fluch der Geknechteten, der Ruhm unsterblicher Heldentaten –, Verarmung, Entvölkerung, Hunger und Elend überall, wo er seinen Fuß hingesetzt hatte. Kein Funken Liebe schlug ihm entgegen aus dem ganzen Rund seines Riesenreiches, kein menschliches Gefühl des Dankes, nur kühle Bewunderung und unermeßlicher Haß.

Wer Haß sät, erntet Haß. Rücksichtslos waren seine Schläge auf die Völker niedergesaust, hatten Gutes und Schlechtes miteinander niedergerissen und Neues dafür aufgebaut! Aber auch das nur mit Gewalt! Gewalt war der Anfang, Gewalt das Ende.

Ob er wohl aus dem Chaos sich noch ein Stück des Ganzen retten und dort wieder anfangen könnte, Neues zu schaffen?

Ob er wohl würde anders als bisher walten können? Sich selbst umschaffen?

Er schüttelte den Kopf. Die Lippen zogen sich zu einem spöttischen Lächeln zusammen. Er blieb, der er war. Noch war nicht alles verloren, noch war auf eine Wendung des Glücks zu hoffen! – –

Eine Granate schlug sausend in das Biwakfeuer und überschüttete ihn mit glühenden Kohlen und Asche. Das Feuer erlosch.

Er fuhr auf.

Die Nacht sank. Der Lärm der hinsterbenden Riesenschlacht legte sich allmählich. Ringsumher flammten die Biwakfeuer der verbündeten Gegner auf.

Er befahl seinen Wagen, warf sich in die Ecke und gab Berthier Befehl, den allgemeinen Rückzug anzuordnen. Selbst wollte er noch im Hotel de Prusse in Leipzig ein paar Stunden ausruhen und dann nach Weißenfels vorausfahren, nachdem er sich vom König von Sachsen verabschiedet hätte.

Die Rheinbundtruppen unter Macdonald und die Polen Poniatowskis sollten bleiben, die Stadt verteidigen und den Rückzug der Franzosen sichern. Dazu waren sie gut genug.

Am nächsten Morgen drangen die Verbündeten in Leipzig ein. Zuerst die Königsberger Landwehr durch das Grimmaische Tor. Dann Blücher an der Spitze seiner russischen Regimenter in die Hallesche Vorstadt. Yorcks halb aufgeriebenes Korps, das durch seinen entscheidenden Sieg bei Möckern das Schlachtenglück zugunsten der Alliierten gewandt hatte, durfte, zum großen Leidwesen seiner tapferen Preußen, nicht am Schlußsturm auf die Stadt teilnehmen.

Es war nach Halle vorausgeschickt worden, um dort die Saaleübergänge zu besetzen, eine Maßnahme, in der der alte Isegrim nichts als eine Niedertracht Gneisenaus sah, dessen Annäherungsversuch er schnöde abgewiesen hatte. Er hatte Gneisenaus Glückwünsche zum Siege bei Möckern mit einer schroff abweisenden Bemerkung beantwortet. Worauf Gneisenau sich zu der Äußerung verstieg: „mit Yorck verträgt man sich am besten, wenn man mit ihm verfeindet ist!“ und ließ seinerseits nichts daran fehlen.

Mit dem üblichen Gepränge und Tamtam hielten der Kaiser von Rußland und der König von Preußen ihren Einzug in die eroberte Stadt. Kaiser Franz blieb – wohl aus Familienrücksichten – der Siegesfeier fern. Der besiegte Franzosenkaiser hatte ihm wohl wiederholt die vernichtendsten Niederlagen und die beschämendsten Friedensbedingungen aufgenötigt. Aber – er war halt sei Schwiegersohn geworde! Und – man konnte ja net wisse!

Der Einzug der beiden anderen Monarchen war dafür um so eindrucksvoller.

Überall, wo ihre Kavalkade durchkam, lagen Tote und Verwundete. Pferdekadaver, zerbrochene Lafetten, Pulverkarren und Marketenderwagen sperrten fast die Straßen. Die Glocken läuteten, die Häuser flaggten, aus allen Fenstern ertönte Freudengeschrei und begeistertes Winken. Hurrarufe, Böllerschüsse und der Gesang der einziehenden Regimenter mischten sich mit dem Gestöhn der Sterbenden und den Hilferufen der Verwundeten.

Auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Rathaus war große Parade, Beglückwünschung der Monarchen, Belohnung der nicht gefallenen Helden, Beförderungen, Ordenssegen und Gnadensonne. Ein jeder bekam, was sein Herz begehrte, und alles schwamm in Wonne.

„Die zwei großen und schönen Tage sind verlebt,“ schrieb Blücher an seinen Freund Bonin, „den 18. und 19. Fihl der große Coloß wie die Eiche vorm Stuhrm, er der große Tiran hat sich gerettet, aber seine Truppen sind in unsern henden. Poniatoffsky wurde Blessirt und ist ertrunken, man glaubt Angerau desgleichen, Rennie und Lauriston sind gefangen, der erste ist Blessiert, den 19. wurde zu ende des kampffes Leipzig mit Stuhrm und großer uf Opffrung genomen, man wollte Leipzig in brand schißen ich wider setzte mich die Russischen Batterien und sie durften nur mit kugell Schißen. –

an meiner seitte drank die Russische Infanterie zu erst in die Stadt, an der anderen seitte die braven Pomern, es wahr ein kampff ohne gleichen, 100 Canonen sind in Leipzig genomen, unsere monarchen, daß heist der ostreische, der Russische kaiser und unser könig haben mich uf öffentligen margte gedankt Alexander drückte mich ans HErtz.“

Und an sein Malchen schrieb der zum Generalfeldmarschall Beförderte, „als Frau Feldmarschallin mußt du nun anstendig leben und sey nur nicht geizig und laß dich was abgehen! – – mit die ordens weiß ich mich nun kein Raht mehr ich bin wie ein alt kutsch Perd behangen, aber der gedanke lohnt mich über alles, daß ich derjenige wahr der den übermütigen tihrannen demütigte.“

Alles jubelte, alles feierte in den überschwenglichsten Ausdrücken den Fall des Kolosses, der solange wie ein Alp auf das Leben der Völker gedrückt hatte.

Der Triumph war teuer erkauft, viel zu teuer, wenn man bedenkt, wie viele Tausende von Menschenleben bei größerer Entschlußfreudigkeit und geringerer Unzugänglichkeit der Regierungen hätten gespart werden können.

Leipzig spie wie ein Vulkan Verwundete in alle Richtungen hinaus, wie der amtliche Bericht eines Arztes sagte. Tausende von Verwundeten wurden nach Halle und anderen angrenzenden Städten von den Schlachtfeldern um Leipzig gebracht. In Leipzig selbst lagen mindestens zwanzigtausend von allen Nationen.

In dumpfen Spelunken, wo kaum zu atmen war, in Kirchen und Schulen, wo der Oktoberwind durch die scheibenlosen Fenster kälteschauernd heulte, lagen die Kranken aufgeschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in ihren blutigen Gewändern, ohne Hemden, Bettücher, Decken, Strohsäcke, geschweige denn Bettstellen erhalten zu können.

„Keine Nation ist bevorzugt, alle gleich elend beraten, und dies ist das einzige, worüber sie sich nicht zu beklagen haben“, schreibt derselbe Berichterstatter.

Aufgelaufene, brandige Glieder, gebrochene Arme und Beine, die weder in die richtige Lage gebracht noch geschient und auch nicht amputiert werden konnten aus Mangel an Heilgehilfen und an allen Hilfsmitteln – Kinnbackenkrampf, Starrkrampf, Lähmungen überall – keine Wärter, keine Hilfe, das war der Dank für geopfertes Leben und Gesundheit. Wer nicht aufstehen konnte, mußte im eigenen Unrat faulen.

Im Hofe der Bürgerschule ein Berg aus Kehricht und Leichen, die nackend lagen und von Hunden und Raben angefressen wurden – –

Heldentod nach Heldenleben.

*

Schrum tsim tsim – schrum tsim tsim –

kratzten die Fiedler lustig und beherzt ihren Bässen, Bratschen und Kniegeigen die ersten drei Schläge des Viervierteltakts ab, daß die Wände wankten und die Kronleuchter klirrten. Der Kapellmeister schlug mit Wucht hinterdrein und hielt seine ungestüm vorwärtsstürmenden Musikanten zurück, was er nur konnte, um das richtige altväterlich gezirkelte Zeitmaß herauszubringen.

Tram taram taram taramta ramtam tara rara ramtam tara rara ramtam – – – – –

zwitscherten und näselten Flöten und Klarinetten. Ihre Töne trippelten hübsch brav neben der altbekannten Melodie einher, die die Primgeiger mit flottem Saltarello in duftigen Umrissen über die Saiten warfen.

Mit unbewußter Grazie, schüchtern und zaghaft, wie wenn ein unschuldiges junges Mägdelein die Fußspitzen züchtig unter dem schützenden Saum ihrer Röcke hervorstreckt, um, die Erde kaum berührend, elfenhaft dahinzuschweben – so präzise, gezirkelt und genau bemessen hüpften die Töne prickelnd hervor, kitzelten die Tanzlust bei alt und jung und brachten den ganzen Saal in Bewegung.

Schrum tsim tsim – schrum tsim tsim –

Männlein und Weiblein gaben sich die Hände, drehten sich im Kreis, wiegten sich, neigten sich, chassierten nach links, chassierten nach rechts, figurierten, grüßten, lachten, scherzten, vom Licht der tausend Kerzen überflutet, von unzähligen Spiegeln ins unendliche vervielfacht.

Soweit das Auge sehen konnte, Quadrille an Quadrille, streng nach der Regel in ihren Bahnen beharrend und doch in lebhafter Grazie auf dem glatten Parkett lustig und leicht hin und her gleitend.

Bunte Uniformen und schneeweiße Schultern schoben sich zierlich aneinander vorbei. Es war ein Weben, ein Schweben, ein Trippeln, ein Trappeln, ein Klirren von Sporen, ein Blitzen und Funkeln von Sternen und Geschmeiden, bezauberndes Lächeln auf holden Gesichtern, blendende Perlenzähne hinter purpurnen Lippen, zum Beißen und Küssen gleich verlockend, in tiefgründig träumenden Märchenaugen blitzschnelle Abwehr, wenn verstohlenes Drücken und zärtliches Flüstern in heißem Ansturm zu rauben suchte, was erst nach Sitte und Brauch in langer Belagerung erobert werden wollte.

Auf der Estrade an der Längswand stand der König von Preußen mit seinem getreuen Knesebeck und anderen Bevorzugten und blickte zerstreut in das bunte Getriebe.

Ein Lächeln lag über den sonst so griesgrämigen Zügen, und er lauschte belustigt auf die bissigen Bemerkungen, womit das Gefolge meuchlings die Tanzenden bedachte. Ihm bot sich aber auch ein seltsames Schauspiel dar.

Auf dem Ehrenplatz vor dem Thronsessel bewegten sich vier Paare, um die herum sich in achtunggebietendem Abstand ein Ring von Zuschauern gebildet hatte.

Verliebt wie ein junger Leutnant, charmant und geschmeidig, tanzte da Blücher mit dem schönsten Mädchen im ganzen Saal –, ihm gegenüber auf steifen Beinen, würdevoll und ernst, sein alter Waffenbruder und Widersacher Yorck, der sich mühte, recht liebenswürdig zu erscheinen, und dabei verzweifelte Gesichter schnitt. Rechts und links von ihnen vervollständigten Prinz Wilhelm und der Obrist von Katzeler mit ihren Damen die Quadrille. Und Blücher kommandierte, wie sich’s gehörte.

„_Chassez croisez!_ _Balancez!_ _A gauche! –_ _A droit! – – –_“

kam es mit Donnerstimme unter dem buschigen Schnauzbart hervor, und alles parierte, alles figurierte im ganzen Saal, präzise wie auf dem Paradeplatz, erst im engeren Verband der Quadrillen, und dann, als das Kommando „_Grande chaîne!_“ fiel, zu einer einzigen endlosen Doppelkette vereinigt, die sich in wogender Gegenbewegung um den ganzen Saal ringelte, bis die auseinandergeratenen Pärchen sich wieder zusammengefunden hatten.

„Dem König und Herrn alles Ordensegens spenden wir nun auch einen Stern!“ donnerte wieder die Stimme des Feldmarschalls durch den Saal. „Die Kegel ran! _Etoile!_“

Und in jedes Karree sprang ein junger Offizier hinein, streckte die Hand hoch, die anderen Herren ergriffen sie, und dann ging’s in sausender Fahrt um den so geschaffenen Mittelpunkt herum, daß es den Zuschauern auf der Estrade schwindelig wurde.

„_Changez les dames!_“

In jedem Stern flogen die Damen aus dem Arm ihres Tänzers in den des nächsten und so weiter, bis sie sich wiedergefunden hatten.

„Nun, Exzellenz, warum so steif mit dem Tanzbein?“ rief Blücher Yorck zu, der ihm nicht schnell genug vorwärts kam. „Wir sind nicht an der Katzbach, wir sind am Rhein! Da setzt’s andere Sprünge! In einer Tour bis nach Paris!“

Yorck fing schon an eine Antwort zu brummen. Blücher schnitt sie ihm aber ab durch ein mit Stentorstimme hingedonnertes: „_Grande Polonaise!_“

Tram tararam, tam, tam, tam – tram tararam, tam, tam, tam –

fiel die Musik sofort gehorsamst ein, mit dem gravitätischen Dreivierteltakt der Polacca, und Paar an Paar gereiht, defilierten die Tanzenden mit Anstand und Würde am Thron vorbei und brachten dem gnädig dankenden König ihre Huldigung dar.

Dann wurde Kurs auf die reich besetzten Büfette genommen, um sich dort nach den Anstrengungen des „Feldzuges“ zu laben und wieder gefechtsbereit zu werden.

„Bekommen wir bald Frieden, Exzellenz?“ lispelte die junge Dame Blüchers und nippte an dem ihr von ihm dargebotenen kühlenden Getränk.

„Ebenso gewiß wie ich heute Geburtstag habe!“ antwortete Blücher, der einer jungen Dame gegenüber an alles andere als an Friedensverhandlungen dachte.

„Nun, den feiern wir doch eben!“

„Wir feiern ihn, ja! Aber wir haben heute den vierzehnten Dezember, und ich war so frei, mich erst am sechzehnten auf die Welt befördern zu lassen!“

„Das Glück! Dann können Exzellenz ja übermorgen wieder Geburtstag feiern!“

„Das mache ich mir auch zunutze! Heute hier in Wiesbaden, übermorgen in Frankfurt! Man hat’s eben hier mit mir zu eilig gehabt! Und so ist es auch mit dem Frieden! Die guten Leute können es nicht abwarten. Was übermorgen sein soll, nehmen sie schon heute vorweg! Und – wenn wir das nicht zu verhindern wissen – so bekommt der arme Wechselbalg von einem Frieden sein Wiegenfest, ehe er geboren ist, kommt zu früh auf die Welt, taugt zu nichts Rechtem und ist weder dem Sieger noch dem Besiegten zur Freude! Aber, meine Gnädigste, man spielt schon zum Walzer auf! Der Kampf geht weiter. Verlieren wir nicht die Zeit mit Friedensgesäusel! Da stürmt schon unser mutiger Obrist Katzeler zur Attacke heran! _En garde!_ An die Verteidigung!“ –

„Der Walzer gehört dem Obristen!“ –

„Nun, dann retiriere ich! – Jugend gehört zu Jugend! Aber besiegt erkläre ich mich noch nicht! Küß’ die Hand, meine Gnädigste! – Vorsicht, Katzeler! Zu tief in holde Äuglein geschaut, macht leicht straucheln!“

Er blickte dem davoneilenden Paar nach, machte sich dann an das Büfett heran, tat sich gütlich an den dort aufgedeckten Leckerheiten, aß mit einem wahren Bärenhunger und fluchte dabei über den faulen Frieden, mit dem man ihm nach jedem Sieg um die Ohren schlug und der ihm sogar hier im Tanzsaal die Kampfesfreudigkeit verleidete!

Er fluchte respektlos über den König und seine „feigen“ Ratgeber, die, Majestät versteht sich ausgenommen, alle miteinander an den Galgen müßten! Immer wieder fielen sie ihm in den Arm, gerade wenn er den Gegner vernichtend treffen wollte. Immer wieder verlängerten sie den Krieg durch ihre Dummheit, Ängstlichkeit und ihre übereilten Maßnahmen! Der Friede wäre längst da und weit vorteilhafter, als sie zu träumen wagten, wenn sie ihm nur nicht immer zur Unzeit mit langgestreckten Hälsen nachliefen!

Aus dem Tanzsaal sprudelten die Melodien herüber, mit heiterem Stimmengewirr und dem Lachen der Tanzenden vermischt. Blücher ging auf die Tür zu. Drüben am Thron standen immer noch der König, der Staatskanzler und ihre Speichellecker.

„Hol’ sie der Teufel!“ brummte er halblaut. „Denen werd’ ich wohl was vortanzen?! Der Kuckuck auch. Zum Tanz aufspielen, das schon eher, wenn sie sich nicht sputen und sich endlich aus dem Dusel aufraffen! Das gibt dann aber eine andere Polka!“

Er verfügte sich nach den entlegenen Sälen, wo fern vom Getaumel trinkfeste Männer Bacchus huldigten. Er tat im Vorbeigehen einen Blick in den Spielsaal, ging aber nicht hinein. Er liebte immer noch das Spiel fast ebenso leidenschaftlich wie die schönen Frauen. Seit Anfang des Feldzuges rührte er aber keine Karte mehr an.

Aufregung und Anregung gab ihm der Krieg zur Genüge. Dazu bedurfte er des Spieltisches nicht!

Er begab sich also in den Keller, nahm unbemerkt im Dunkel einer Nische Platz und ließ sich Wein kommen.

Um den langen Tisch, inmitten des Saales, saßen eine ganze Reihe meistens jüngerer Offiziere mit hochroten Gesichtern in eifrigster Unterhaltung. Sie schimpften, daß es Blücher gar warm ums Herz wurde, und verdonnerten die Diplomaten nach Noten.

„Habt ihr den Metternich gesehen?“ rief einer. „Wenn ihr den Fuchs gesehen habt, dann wißt ihr Bescheid. Wir Preußen sollen da immer und immer wieder bluten, nur um den Engländern und den Österreichern die Kastanien aus dem Feuer zu holen! Und nachher werden wir geprellt! Wir haben Napoleon besiegt, haben ihn aufs Haupt geschlagen – und der Herr Metternich hat nichts Eiligeres zu tun, als ihm den Rücken zu steifen! Habt ihr von den Friedensbedingungen gehört, die er jetzt wieder dem Franzmann geboten hat? Friede und Freude, und die Pyrenäen, die Alpen und den Rhein als Grenzen!“

Ein allgemeiner Aufschrei beantwortete die Nachricht.

„Schufte und Gauner sind’s, die das befürworten!“

„Es sind hohe Herren, Fürsten und Generäle darunter!“

„An den Galgen mit ihnen!“

„Aufknüpfen das ganze Gesindel! Schwarzenberg und Metternich voran!“

„Sind das Bundesbrüder!“

„Immer hinken sie nach, immer halten sie zurück und tuscheln hinter unserem Rücken mit den Franzosen!“

„Die Österreicher denken nur an ihren eigenen Vorteil! Und den suchen sie in Italien! Da wollen sie sich bereichern! Deutschland ist ihnen gleichgültig!“

„Ob wir frei werden oder nicht, ist denen Wurst!“

„Das ist ein Irrtum! Die Österreicher würden uns gern an Händen und Füßen gefesselt sehen! Nur kein starkes Preußen, nur kein einiges Deutschland! Deshalb paktieren sie und treiben hinter unserem Rücken Kuhhandel mit den Rheinbundfürsten, diesen Verrätern an der deutschen Sache! Sie befestigen jene Könige von Napoleons Gnaden auf ihren Thrönchen, statt sie zum Teufel zu jagen!“

„Ganz recht, und deshalb sollen wir eben nicht ihres Kaisers Schwiegersohn Napoleon kaputt machen dürfen! Deshalb dürfen wir ihm nicht seinen Länderraub nehmen – deshalb ließen sie ihn bei Leipzig entschlüpfen und hinderten uns an der Verfolgung, wo wir ihm so brav an den Fersen hingen. Keinen Mann hätte er heil nach Frankreich zurückgebracht, hätte man uns bei der Stange gelassen! Und die lassen ihn mit ganzen siebzigtausend Mann nach Mainz hinüber!“

„So ’ne Schweinerei war noch nicht da! Die müßten mit Ruten gestrichen werden, die das verbrochen haben!“